Aber solche Lebensweisheit, verbunden mit der Energie, sie in die

Tat umzusetzen, erwirbt sich nur, wer sich die Zeit nimmt, über sich

und das Leben nachzudenken. Beamte, Kaufleute, Gelehrte sind meist

nur als Gattungswesen tätig, nicht als ganz bestimmte einzelne und

einzige Menschen; als solche sind sie faul. Auch gilt es nicht nur die

Selbsterkenntnis zu pflegen, sondern auch zielbewußt den Willen nach

der Entfaltung des eigenen Selbst zu richten. Höher noch als das Wort:

»Erkenne dich selbst!« muß uns die Mahnung stehen: »Wolle dich selbst!«

Durch die Muße, die sie uns gewährt, gewinnt selbst eine Krankheit

Wert; denn sie fördert das Nachdenken über uns selbst und bestimmt

uns so, unsere Anschauungen zweckmäßig zu gestalten. Man muß feste

ruhige Linien am Horizonte seines Lebens haben, gleichsam Gebirgs-

und Waldlinien, sonst hat man kein Glück und gibt kein Glück. Aber

selbst gegen das Glück wehrt sich gar oft unsere Lebensverkennung.

Wir schätzen in unserer Eitelkeit die Auszeichnung, welche im

Unglück liegt, so hoch, daß man gewöhnlich protestiert, wenn uns

jemand glücklich nennt, als ob es ein Zeichen von Flachheit,

Anspruchslosigkeit, Gewöhnlichkeit sei, sich glücklich zu fühlen.

Zur bewußten Prüfung unserer Lebensführung gibt uns Nietzsche in seinen

Aphorismen in dieser Weise eine Fülle von Hinweisen, die uns lehren,

wie wir uns von unseren seelischen Hemmungen zu befreien vermögen, um

jenen Kosmopolitismus des Geistes anzustreben, welcher ohne Anmaßung

sagen darf: nichts Geistiges ist mir mehr fremd.

Wir suchen dabei vergeblich nach einer Anpreisung der Kunst; denn die

leidenschaftliche Hinwendung zu ihr auf Kosten anderer Faktoren der

Kultur ließ den Pendelschlag seiner Schätzung nach der Krisis von

Bayreuth in entgegengesetzter Richtung zur kritischen Abwendung von

der Kunst gelangen. Doch dürfen wir hierin keinen widerspruchsvollen

Umschlag seiner wesenhaften Anschauung sehen, wie es bei

oberflächlicher Betrachtung so oft geschieht. Sein Blick war und blieb

auf die Kultur gerichtet. Der nunmehr erworbene höhere Standpunkt ließ

ihn nach einer als Heilmittel gegen die Gefahren der Kunst dienenden

Ergänzung ausschauen. Er fand sie in einem _Kultus der Kultur_, welche

auch dem Stofflichen, Unvollkommenen, ja dem Bösen und Furchtbaren

eine verständnisvolle Würdigung und das Zugeständnis, daß dies alles

nötig sei, zu schenken weiß. Die Melodie kann des Grundbasses nicht

entbehren, lehrt uns Nietzsche als Musiker und Denker.

Behalten wir die Tendenz solcher Ausbalancierung im Auge, so sehen wir

der vertikal aufsteigenden Strenge im Ideale des Schopenhauerschen

Menschen nunmehr eine horizontal sich ausbreitende Duldsamkeit,

etwa im Sinne Goethes, zugesellt. Die subjektive Bewegtheit

gefühlsmäßiger Intuition vor der Bayreuther Krisis wird durch die

objektive Geruhsamkeit der historischen Kritik ausgeglichen, die

Glut instinktiven Erfassens am Eise intellektueller Prüfung gekühlt.

Nietzsche will durchaus nicht verlästern, was er ehemals verehrte,

sondern nur die Relativität solcher Wertungen durch historische

Beleuchtung feststellen. »Man muß Religion und Kunst wie Mutter und

Amme geliebt haben -- sonst kann man nicht weise werden.«

Zuweilen, wenn er trotzdem zu einseitiger Beurteilung gelangt, fordert

er den Leser selbst zur Ergänzung auf. So fügt er der Behauptung,

das Fortbestehen der Kunst sei für uns nur von Nachteil, denn ohne

die Kunst würden die Menschen mehr Muße haben, über ihre Arbeit

nachzudenken und über Freuden, die sie erweisen könnten, die Worte

hinzu: »Es gibt gewiß manchen kraft- und sinnvollen Leser, der hier

einen guten Einwand zu machen versteht.« Goethe hätte ihm vielleicht

geantwortet, was er Karoline _Herder_ auf eine ähnliche Bemerkung

geschrieben hat: »Warum soll man nicht alles verehren, was das Gemüt

erhebt und uns durchs mühselige Leben hindurchhilft! Wenn ihr das Salz

wegwerft, womit soll man salzen?« Und gewiß hätte Nietzsche auch die

Antwort gelten lassen, daß wir vermittels der Kunst nicht etwa nur von

uns weg, sondern im Gegenteil zu uns hin und über uns hinaus streben.

»Menschliches-Allzumenschliches« enthält neben seiner Fülle

unvergänglicher Weisheitssprüche ohne Zweifel noch viele unreife

Früchte, wie sich bei einem Buche, das erst den Übergang von einem

unkritischen Enthusiasmus anbahnt, von selbst versteht. Noch erscheint

uns Nietzsche hier vorherrschend als Suchender. »Das Pathos, daß man

die Wahrheit _habe_, gilt jetzt sehr wenig im Verhältnis zu jenem

freilich milderen und klangloseren Pathos des Wahrheit-Suchens, welches

nicht müde wird, umzulernen und neu zu prüfen.« Daß Nietzsche sich

selbst bewußt war, daß alle erfahrungsmäßige Erforschung nur eine

Ergänzung und Berichtigung seiner früheren Anschauungen bedeuten könne,

bekunden uns die in seinem Nachlaß vorgefundenen Worte, welche er einer

Vorrede einzuverleiben gedachte: »Nötig, den ganzen Positivismus in

mich aufzunehmen und nun doch noch Träger des _Idealismus_ zu sein.«

Der freie Geist

Man tut das Wahrste, wenn man unter den jedes Mal

vorhandenen Zielen das höchste verfolgt.

_Burckhardt._

Man darf nicht alle Einfälle, die Nietzsche außerhalb systematischer

Zusammenhänge veröffentlichte, im eigentlichen Sinne Aphorismen

nennen. Nur die in einer ganz bestimmten ziselierten Kunstform sich

darbietenden Gedanken, die ihre selbstherrliche Abrundung oder

Zuspitzung gefunden haben, sind als solche zu bezeichnen. Der erste

Teil von »Menschliches-Allzumenschliches«, in welchem hauptsächlich

Einfälle, die Nietzsche ursprünglich unter dem Titel »Die Pflugschar«

sammelte, eine fast systematisch zu nennende Zusammenstellung fanden,

enthält viel weniger eigentliche Aphorismen als der zweite Teil, der

zwei ursprünglich selbständige Sammlungen »_Vermischte Meinungen und

Sprüche_« und »_Der Wanderer und sein Schatten_« umfaßt. Im ersten

Teil begegnen wir einer Anordnung nach Hauptstücken, in die sich die

einzelnen Ausführungen zwanglos einfügen, während die Aphorismen des

zweiten Teils, obwohl sie vielfach parallel jener Einteilung des

ersten zusammengestellt wurden, sich viel selbständiger geben und den

Charakter von Sentenzen und Maximen tragen.

Sie zeigen uns Nietzsche vor allem als feinsinnigen Erforscher der

menschlichen Triebe und Gefühle. Vielleicht hat die Psychologie seinen

Anregungen weit mehr zu danken, als sie sich dessen bewußt ist. Erst

durch Nietzsches Erkenntnis, wie sehr alles _relativ_ gewertet sein

will, wurde jene Atmosphäre geschaffen, in der sie sich zu ihrer

heutigen Entwicklung zu entfalten vermochte. Der Psychoanalytiker

begegnete bei Nietzsche bereits Aussprüchen, die ihm heute als Dogmen

gelten. So wenn Nietzsche in dem Aphorismus: »_Aus dem Traume deuten_«

sagt: »Was man mitunter im Wachen nicht genau weiß und fühlt -- ob man

gegen eine Person ein gutes oder schlechtes Gewissen habe -- darüber

belehrt völlig unzweideutig der Traum.«

Zur Prüfung des Tatsächlichen, wie sie die zweite Periode seines

Schaffens aufweist, wurde Nietzsche jedenfalls in hohem Grade durch

F. A. _Langes_ »Geschichte des Materialismus« angeregt. Ihm verdankte

er vielerlei. Voran die tiefere Einsicht in Kants Entdeckung unserer

Anschauungsformen. Schon als Student faßte er, was ihm Lange hierüber

sagte, in einem Briefe an von Gersdorff in drei Sätze zusammen. Die

Sinnenwelt ist das Produkt unserer Organisation. Aber dies gilt auch

von unseren Organen selbst. Unsere wirkliche Organisation bleibt uns

daher ebenso unbekannt wie die wirklichen Außendinge; denn wir haben

stets nur das Produkt von beiden vor uns.

Diese Erkenntnis mußte mit der Zeit dazu führen, Schopenhauers

Ansicht, das Selbstbewußtsein übermittle uns einen metaphysischen

Aufschluß, zu verwerfen und Nietzsche auf die positivistische

Prüfung der Organisation verweisen. Die Aufgabe, die er sich im

»Menschlichen-Allzumenschlichen« stellte, ist daher so zu kennzeichnen:

Es gilt, um zum Ursprung und der Entwicklung der Begriffe zu gelangen,

die physischen und psychischen Voraussetzungen unserer Organisation zu

prüfen, und zwar nur im Hinblick auf ihre Tatsächlichkeit, die Frage

nach ihrem individuellen und sozialen Wert aber außer acht zu lassen.

Die Nennung F. A. Langes bietet uns Veranlassung, die umstrittene Frage

zu prüfen: hatte Nietzsche _Stirner_ gelesen, also dessen Hauptwerk

»Der Einzige und sein Eigentum« gekannt? Erwähnt hat er Stirner weder

in seinen Werken noch in seinen Briefen. Auch liegt kein gültiges

Zeugnis vor, daß er je in Gesprächen seinen Namen nannte. Dagegen

ermittelte Overbeck die Tatsache, daß er seinen Schüler _Baumgartner_

auf Stirner aufmerksam gemacht hat. Nietzsche wußte also doch von

Stirner. Wahrscheinlich wohl durch Lange. Aus dessen Buch erfuhr er,

daß Stirner »am rücksichtslosesten und konsequentesten den _Egoismus_

gepredigt hat«, und weiterhin, daß Stirner nicht nur jede sittliche

Idee verwarf, sondern alles, was sich als äußere Gewalt, als Glaube

oder als bloßer Begriff über das Individuum und seine Willkür stellt.

Das also wußte Nietzsche. Aber dieses _Wissen_ um Stirners Existenz und

seine Verherrlichung des Egoismus beweist noch nicht, daß Nietzsche

auch das Werk Stirners selbst in Händen gehabt hat. Wir müssen also

schon nach inneren Beweisgründen ausschauen. Vielleicht daß sie die

Frage entscheiden.

Stirner und Nietzsche sind die bedeutendsten bewußten Förderer

geistiger Unabhängigkeit. Es besteht zwischen ihnen eine typische

Geistesverwandtschaft. Sie allein haben die äußersten Konsequenzen

ihrer Ideen über die Selbstherrlichkeit des Individuums gezogen. Es

ergeben sich daher viele Berührungspunkte. Trotzdem ist nirgends ein

Ausspruch Nietzsches zu finden, der auf eine Vaterschaft Stirners

verwiese. Aber nicht nur die geistigen Übereinstimmungen, sondern

auch die Gegensätzlichkeiten sind augenfällig. Stirner läßt durchaus

nur den Einzelnen als Wirklichkeit gelten. Kein Mensch ist einem

anderen gleich. Jeder ist _einzig_. Jedem steht von Natur das Recht

zu, die Welt als sein Eigentum anzusehen und mit ihr und allen anderen

Menschen gemäß seiner Natur und seinem Ermessen zu verfahren. Mag

jeder sich dagegen wehren, so gut er es eben vermag. Nietzsche geht

von einer ganz anderen Überzeugung aus. Der Mensch ist von Ursprung an

sozial veranlagt. Erst durch die Kultur entwickelt er sich zu einer

selbstherrlichen Persönlichkeit. Für Nietzsche gilt somit das, was

Stirner als natürliche Voraussetzung annimmt, nicht als Voraussetzung,

sondern als kulturelles Ziel. Das ergibt einen großen Unterschied.

Stirner verwirft den Staat mit radikaler, aber durchaus einseitiger

Konsequenz für jeden Menschen, ohne die Frage nach der Fähigkeit

zur Selbstbeherrschung und Selbstbestimmung zu stellen. Wie anders

Nietzsche. Dieser weist gerade dem Staate die Aufgabe zu, das _Tier_

im Menschen zu bändigen, damit der _Mensch_ im Menschen sich zu

entfalten vermag. Nietzsche ist es um Rangunterscheidungen zu tun,

bestimmt durch den Persönlichkeitswert des Einzelnen und den typischen

Wert der Klassen; Stirner dagegen anerkennt keinerlei Rangordnung.

Stirner gelangte auf seinem Wege zu einer hochgesinnten Verherrlichung

der _Anarchie_. Nietzsche gelangte zu einer ebenso hochgesinnten

Verherrlichung des Herren- und Herrschertums, das berufen ist, die

Zügellosigkeit ungebändigter Naturen niederzuhalten.

In ihren Negationen begegnen sie sich zuweilen. So wenn Stirner

schreibt: »Nenne die Menschen nicht Sünder: du, der du die Menschen

zu lieben wähnst, du gerade wirfst sie in den Kot der Sünde ... Ich

aber sage dir, du hast niemals einen Sünder gesehen, du hast ihn nur

... geträumt.« So dachte auch Nietzsche. Aber bei dem Vergleich ihrer

positiven Forderungen ergibt sich nicht nur keinerlei Übereinstimmung,

sondern eine entschiedene Gegensätzlichkeit. In keinem Falle aber

lassen sich Belege dafür finden, Nietzsche müsse Stirner gelesen haben.

Vielleicht gelingt es uns aber, einen Indizienbeweis für die

gegenteilige Behauptung zu führen. Immer hat Nietzsche sich die

Größten als würdige Feinde erkoren. Nicht Hinz oder Kunz hat er als

Bildungsphilister gebrandmarkt, sondern David Friedrich Strauß; nicht

irgendeinen beliebigen Universitätsprofessor hat er angegriffen, um

den Rationalismus zu treffen, sondern Sokrates, und als es ihm darauf

ankam, sein Hellenentum gegen das Christentum auf dem Gebiete der Kunst

ins Feld zu führen, da hat er mit blutendem Herzen sich Wagner zum

Gegner umgewertet.

Und dieses typische Verlangen Nietzsches nach einem würdigen Gegner

sollte in diesem einen Falle sich in das Gegenteil verkehrt haben? Als

Nietzsche den Pessimismus und Anarchismus als verwandte Ohnmachts-

und Verzweiflungslehren bekämpfte, als er wörtlich sagte: man darf

zwischen Christ und Anarchist eine vollkommene Gleichung aufstellen:

ihr Zweck, ihr Instinkt geht nur auf Zerstörung, da soll er nicht dem

charakteristischen Repräsentanten des Anarchismus den Kampf angesagt

haben, trotz Bekanntschaft mit seinem Werke? Das widerspräche jeder

psychologischen Voraussetzung. Nein, Nietzsche hat wohl von Stirner

gewußt, aber niemals sein Buch gelesen.

-- Nietzsche wollte »Menschliches-Allzumenschliches« ursprünglich

anonym veröffentlichen, um eine sachliche Diskussion zu ermöglichen und

das Zartgefühl seiner Freunde zu schonen, vor diesen selbst aber seine

Urheberschaft bekennen. Die offene Redlichkeit, mit der er sich selbst

analysierte, gab ihm das Vertrauen ein, daß auch seine Freunde sich

groß genug erweisen würden, die gleiche Freimütigkeit über sich ergehen

zu lassen. So bezieht sich, nach Bernoulli, der folgende Ausspruch auf

Overbeck. »Die meisten Denker schreiben schlecht, weil sie nicht nur

ihre Gedanken, sondern auch _das Denken_ der Gedanken mitteilen.«

Besonders reich ist das Buch an solchen Analysen Wagners. Nietzsches

Abreise aus Bayreuth -- wir wissen es bereits -- bedeutete für ihn

noch keine Abwendung von der Person Wagners. Auch Wagner hielt

sich nach den Festspielen in Sorrent auf und es fanden etwa sechs

Zusammenkünfte statt. Bei der letzten soll Wagner dem Freund seinen

Plan des«Parsifal« entwickelt haben; zum Schrecken Nietzsches, der ihn

seither auf dem Wege zum »deutschen Heidentum« glaubte. Jedenfalls

hat auch diese Unterredung nicht zu einem offenen Bruch geführt, denn

Wagner schickte später seine Dichtung des »Parsifal« an Nietzsche

mit der Widmung: »Meinem teueren Freunde Friedrich Nietzsche. Richard

Wagner, Oberkirchenrat.« Der humoristische Zusatz läßt wahrlich nicht

an ein persönliches Zerwürfnis glauben! Auch Nietzsche begleitete seine

Übermittlung von »Menschliches-Allzumenschliches« an Wagner mit einer

freundschaftlichen Widmung in Versen.

Und doch führte diese Zusendung zur Klärung und -- Scheidung. Die

Zusendungen erfolgten nicht gleichzeitig. Nur in Nietzsches späterer

Erinnerung haben sie sich »gekreuzt«. Dieser Gedächtnisfehler wird

bedeutsam, wenn wir ihn im Sinne der Psychoanalyse betrachten. Er

verrät uns, wie sich Nietzsches Unterbewußtsein zu der Entscheidung

stellte: sie war für beide Teile notwendig geworden, weder durch ein

willkürliches Verschulden von der einen noch von der anderen Seite; sie

erfolgte »gleichzeitig«, als ihre neuen Werke sich »kreuzten«, wie die

Degen zweier Duellanten sich kreuzen.

Die Trennung war nicht beabsichtigt worden, aber es gehörte wirklich

die volle Naivität und ideale Gesinnung eines Genies dazu, um Nietzsche

glauben zu lassen, Wagner werde seine Aphorismen günstig aufnehmen.

Auch die Freimütigkeit hat ihre Grenzen, wo es sich um den Bestand des

eigenen Lebenswerkes handelt. Wagner wußte sich mitten im Kampf für

die Erhaltung seines gefährdeten großen Unternehmens. Wie sollte er

da Kundgebungen eines Freundes, die es in seinem Werte so entschieden

bekämpften, gelten lassen? Er antwortete nicht unmittelbar. Aber in

einem Aufsatze der Bayreuther Blätter »_Publikum und Popularität_« kam

seine Ablehnung deutlich und scharf zum Ausdruck, obwohl er es vermied,

einen Namen zu nennen. Auch in einem weiteren Aufsatz »_Wollen wir

hoffen?_« streifte er ein ihm mißliebiges Urteil Nietzsches über Luther.

Nietzsches Schwester versuchte in einem nach Wahnfried gerichteten

Brief vergeblich eine Verständigung anzubahnen. Frau Wagner

antwortete ihr, daß man Nietzsches neues Werk nur als _krankhaft_

entschuldigen könne, aber in keiner Weise als wertvoll anerkenne. So

war jeder persönliche Verkehr unmöglich geworden. Nur ein wehmütig

freundschaftliches Gedenken bestand noch als Unterströmung fort; denn

wie Schönes und Großes hatte man gemeinsam gewollt, welches Glück voll

seliger Hoffnungen in Tribschen gemeinsam erlebt!

Wagner betrübte es, daß er fernerhin »so gänzlich davon ausgeschlossen

sein solle, an Nietzsches Leben und Nöten teilzunehmen«, und so

ersuchte er Overbeck herzlich um Nachrichten über den gemeinsamen

Freund. Er schrieb: »Hatte ich auch stets ein Gefühl davon, daß

Nietzsche bei seiner Vereinigung mit mir von einem geistigen

Lebenskrampfe beherrscht wurde, und mußte es mich nur wunderbar

bedünken, daß dieser Krampf in ihm so seelenvoll leuchtendes und

wärmendes Feuer erzeugen konnte, wie es sich aus ihm zum Staunen aller

kundtat, und habe ich an der letzten Entscheidung seines inneren

Lebensprozesses mit wahrhaftem Entsetzen zu ersehen, wie stark und

endlich unerträglich jener Krampf ihn bedrücken mußte: so muß ich

endlich wohl auch ersehen, daß mit einem so gewaltsamen psychischen

Vorgange nach sittlichen Annahmen gar nicht zu rechten ist und

erschüttertes Schweigen einzig übrigbleibt.«

Nietzsche seinerseits ließ sich immer wieder von Malwida von Meysenbug

über Wagner berichten und schrieb an Freiherrn von Seydlitz, daß es ihm

sehr lieb und erwünscht sei, daß einer seiner Freunde Wagnern Gutes und

Freundliches erweise, wozu er selbst nicht mehr imstande sei. »Seine

und meine Bestrebungen laufen auseinander. Dies tut mir wehe genug --

aber im Dienste der Wahrheit muß man zu jedem Opfer bereit sein.«

Ein um jene Zeit geplantes Buch »_Der neue Umblick_« sollte die Worte

enthalten: »Über Wagner wie über Schopenhauer kann man unbefangen

reden, auch bei ihren Lebzeiten -- ihre Größe wird, was man auch

gezwungen ist, in die andere Wagschale zu legen, immer siegreich

bleiben. Um so mehr ist gegen ihre Gefährlichkeit in der Wirkung zu

warnen.«

Die Trennung von Wagner traf Nietzsche um so schmerzlicher,

als auch die meisten seiner übrigen Freunde sich ablehnend zu

»Menschliches-Allzumenschliches« verhielten. Außer Burckhardt, der es

wiederholt »das souveräne Buch« genannt hat, haben nur ~Dr.~ Rée und

_Peter Gast_ es voll gewürdigt. Rohde und manche andere erfreuten sich

an Einzelheiten, aber die Zahl durchaus mißverstehender Briefe war groß.

Trotzdem Nietzsches Gesundheitszustand sich fortgesetzt verschlimmerte,

nahm er doch im Winter 1877 seine Kollegien in Basel wieder auf und

mutete sich damit mehr zu, als seine körperliche Widerstandskraft zu

ertragen vermochte. Nach Ostern 1879 verschlimmerte sich sein Befinden

so sehr, daß seine Schwester durch Overbeck nach Basel gerufen wurde.

Er legte nunmehr seine Professur endgültig nieder und begab sich

zunächst nach _Bremgarten_ bei Bern und dann nach _St. Moritz_ im

Engadin. Er hatte, von Todesahnungen erfüllt, in Briefen Abschied von

seinen Freunden genommen. Bald aber konnte er schreiben: »Das Engadin

hat mich dem Leben wiedergegeben.«

Nietzsche hat »Menschliches-Allzumenschliches«, das über seine

weiteren Lebenswege entschied, nicht umsonst »ein Buch für freie

Geister« genannt. Er hatte sich mit ihm unabhängig gemacht von aller

unkritischen Verehrung und sich zum freien Geiste durchgerungen. Wie

ein Auftakt zu der nun erkannten Aufgabe klingen seine Worte: »Ich will

den Menschen die Ruhe wiedergeben, ohne welche keine Kultur werden und

bestehen kann. Ebenso die Schlichtheit. _Ruhe, Einfachheit und Größe!_«

Der Skeptiker

Gebildete widersprechen anderen.

Weise widersprechen sich.

_Oskar Wilde._

Wer vor zwanzig oder dreißig Jahren oder noch früher zu Nietzsche

kam, war gegenüber dem heutigen Leser in wesentlichen Punkten im

Vorteil. Vorausgesetzt daß er an der Kulturbewegung seiner Zeit

ernsten Anteil nahm. Wie war es doch? Man besinne sich. Sahen wir

nicht in Schopenhauer und Wagner Genien, die unserer Sehnsucht nach

Kunst und Kultur ein Ziel wiesen? So war es. Und Nietzsche, während

seiner ersten Schaffensperiode, war ihr berufener Fürsprecher. Und

dann, als Wagner und Schopenhauer uns in Sinn und Blut übergegangen

waren, als wir ihre Macht im Guten und Schlimmen an uns erfuhren, als

wir vom Pessimismus Schopenhauers uns bedrückt fühlten, als wir in

der Übermacht Wagners eine Gefahr witterten für die selbstherrliche

Entwicklung der apollinischen Künste, als wir das Bedürfnis fühlten

gegen den uns erschlaffenden Quietismus des Einen, gegen die

berauschende Nervenwirkung des Anderen ein Gegengewicht zu finden: da

war es wiederum Nietzsche, der uns zum Befreier aus einem unkritischen

Enthusiasmus wurde. Auch wir bedurften, gleich ihm, einer Überwindung.

Und so erlebten wir Nietzsche mit der Seele. Dort, wo der heutige Leser

nur Bestätigungen findet oder mit dem Philosophen auch in sich etwas zu

überwinden glaubt, dessen ausschließende Heftigkeit für ihn gar nicht

besteht.

Das war das eine. Eine freudige Bundesgenossenschaft! Aber noch einen

anderen Vorteil hatten wir voraus. Gefühle und radikale Gedanken,

die heute jedem ernsten Menschen schon irgendwie vertraut sind,

waren uns damals durchaus neu und fremdartig. So ergab sich eine

leidenschaftliche innere Abwehr. Ganz im Sinne jeder typischen

Sehnsucht nach Empfängnis. Wir verlangten unbewußt von Nietzsche

überzeugt zu werden, aber wir hatten ebenso unbewußt das Bedürfnis, ihm

Widerstand zu leisten. Der Empfangende -- das ist das Geheimnis aller

Liebe -- will nicht wehrlos Fremdes in sich aufnehmen, sondern er will

besiegt und erobert werden. So etwa standen wir zu dem _Immoralismus_

Nietzsches. Indem wir uns zur Wehr setzten, fanden wir erst den

bewußten Weg zu unseren Gründen, aber auch, so wenig wir dessen Wort

haben wollten, zur Sehnsucht nach ihrer Überwindung. So wurde uns

Nietzsche wahrhaft zum Erlebnis und Ereignis.

Dem heutigen Leser ist, wie gesagt, diese Erfahrung erschwert. Gerade

weil ihm Nietzsche bereits aus der Ferne vertrauter ist. Und doch muß

auch er, um nicht durch temperamentlose, rein historische Bewertung

der fruchtbaren Empfänglichkeit verlustig zu gehen, einen ähnlichen

Weg einschlagen. Er muß sich seiner Einzelheit gemäß ihm widersetzen;

dann erst, im Unterliegen wird seine Sehnsucht nach einer neuen Lehre

wahrhaft befriedigt. Der Biograph kann dem Leser diesen Widerstand, den

dessen eigene Natur zu leisten hat, nicht abnehmen, sondern nur den

kritischen Willen zeitweilig wachrufen. _So etwa will Nietzsche gelesen

sein._ Er hat es selbst oft in Worten und ohne Worte ausgesprochen.

Denn vieles wird erst wahr, wenn man dem Lehrenden widerspricht,

also durch ergänzende Gegenüberstellung die Relativität der Wahrheit

aufdeckt.

Nietzsche, sein Leben und seine Lehre · 第 5 / 19 段