Theatralische in voller Deutlichkeit vorstellen, können wir das wahre
Bild seiner Anschauung gewinnen. Dann aber lautet das Problem für uns
nicht mehr, wie konnte Nietzsche zum Gegner Bayreuths werden, sondern:
wie war es möglich, daß er nicht von Anfang an sich seines Gegensatzes
bewußt wurde? Die Erklärung hierfür ergibt sich aus fünf Umständen:
Nietzsche wußte sich eins mit Wagner in der Verehrung Schopenhauers.
Er fand bei Wagner die gleiche Geringschätzung für das, was die
Gebildeten in Deutschland irrtümlich Kultur nannten und was Wagner als
»Kriegszivilisation« bezeichnete.
Er begeisterte sich für »Tristan und Isolde«, als er dieses Werk, das
dem Theatralischen am fernsten steht, zunächst aus dem Klavierauszug
kennen lernte und dann in München unter Bülows Leitung hörte.
Sein persönlicher Verkehr mit Wagner ließ vor ihm das Bild des Genius
erstehen, in dessen Dienst sich zu stellen nach Schopenhauer als
vornehmste Aufgabe dessen gilt, der die kulturelle Entwicklung seines
Volkes fördern will.
Und endlich: er gab sich dem Glauben hin, in Bayreuth werde eine neue
Kunstform als endgültiger Sieg über alle Theatralik erstehen.
Hier ergibt sich für uns die Frage: Wie dachte sich Nietzsche diese
Kunstform? Wir wissen bereits, daß er die antike Tragödie als eine aus
dem Geiste der Musik erstandene Vision einschätzte. Musik und Mimus
erschienen ihm als das Wesentliche. Da auch Wagner den allergrößten
Wert auf das Ansich-Verständliche der Handlung, also auf den Mimus,
legte, kam Nietzsche zu dem Schluß, Wagner strebe _unbewußt_ eine
Kunstform an, in der das Urübel der Oper überwunden sei, nämlich: »_die
allergrößte Symphonie_«, deren Hauptinstrumente einen Gesang singen,
der durch die Handlung versinnlicht werden kann.
Deckte sich diese Voraussetzung in der Tat mit dem, was Wagner durch
Vereinigung aller Künste als seine Aufgabe erkannt hatte, widersprach
diese Unterordnung des Wortes nicht grundsätzlich seinem Ziel? Wir
dürfen es uns versagen, von uns aus diese Frage zu beantworten, denn
Nietzsche selbst wurde sich der Gegensätzlichkeit seiner Anschauung zu
der Wagners mit wachsender Deutlichkeit bewußt. So ergaben sich für ihn
nur zwei Möglichkeiten. Entweder er bekehrte sich zu dem Ziel Wagners,
oder er gestand sich ein: hier scheiden sich unsere Wege.
Daß seiner Natur nur diese letztere Entscheidung offen stand, wird
uns klar, wenn wir beachten, mit welchem Eifer er »den widerwärtigen
Anblick des Sängers« betonte, sich gegen »die Falschheit« des Begriffes
dramatische Musik auflehnte, und welche symptomatische Bedeutung er dem
Widerstand beimaß, dem Wagners Streben begegnete, und darin nicht mehr
Unverständnis, sondern instinktive Abneigung sah.
Einsicht und Wunsch lagen längst miteinander im Streite, ehe er sich
dessen bewußt wurde. Sein Sehnen und tiefinnerliches Seelenbedürfnis
waren darauf gerichtet, in hingebender, wohl aber die Selbständigkeit
des Urteils bewahrender Freundschaft gemeinsam mit Wagner den Kampf für
eine Regeneration des deutschen Wesens zu führen.
Reichere Lebenserfahrung ließ Wagner viel früher als Nietzsche
die Gefahren ahnen, die ihrer Freundschaft aus den unterbewußten
Gegensätzlichkeiten ihrer Anschauungen drohten. Immer wieder ergaben
sich gelegentliche Mißhelligkeiten, die in den Biographien Nietzsches
meist nur als unbegründete Mißverständnisse beurteilt werden. Frau
Förster erklärt sie aus einem Hang zum Mißtrauen bei Wagner, aber
wenn wir in die Tiefe blicken, ergibt sich uns eine dumpfe Empfindung
Wagners für Nietzsches Gegensätzlichkeit zu seiner eigenen Natur und
wohl auch zu seinem hohen Ziele.
Wohl ließ auch Nietzsche das Theater als einzige Basis zu einer
künstlerischen Regeneration der Massen gelten; aber als das Bayreuther
Unternehmen während der nächsten Jahre zu scheitern drohte, da drängte
ihn seine leidenschaftliche Wahrheitsliebe dazu, wenigstens sich
selbst Rechenschaft darüber zu geben, warum es also sei. Aus seinem
Nachlaß wissen wir, daß er sich damals, im Jahre 1874, also zwei Jahre
vor den ersten Bühnenfestspielen, zugestand, was alles ihn an Wagner
fremd anmutete. Er sah in Wagner einen »versetzten Schauspieler«,
der den Menschen nur als den wirksamsten und wirklichsten nachahmen
will: im höchsten Affekt, und gelangt in diesen niedergeschriebenen
Selbstgesprächen, ungemein charakteristisch für seine antitheatralische
Natur, zu dem Ausruf: »Das Berauschende, das Sinnliche, Ekstatische,
das Plötzliche, das Bewegtsein um jeden Preis -- schreckliche
Tendenzen!« Schon sieht er auch in Wagners Theatralik, die tapfer gegen
eine kunstwidrige Zeit ankämpft: »Gift gegen Gift«.
Man muß sich diese widerstreitenden Gefühle und Gedanken
veranschaulichen, um zu begreifen, wie schwer es Nietzsche fiel,
seine vierte unzeitgemäße Betrachtung zu vollenden: »_Richard Wagner
in Bayreuth_«. Wagners Lebenslauf war ihm aus dessen in wenigen
Exemplaren für seine Freunde gedruckter Selbstbiographie bekannt, er
lernte dort einen heftigen Willen in jäher Strömung kennen und meinte,
»mit einem engen Geiste verbunden, hätte ein solcher Wille bei seinem
schrankenlosen tyrannischen Begehren zum Verhängnis werden können«;
aber er kannte, dank der Werke und seinem persönlichen Verkehr, auch
»die schöpferische schuldlose, lichtere Sphäre« im Wesen Wagners und
vergegenwärtigte sich den Widerstreit und die erschütternden tragischen
Konflikte, die aus Wagners Doppelnatur folgten, um die Ausdauer
zu bewundern, mit der er seinem höheren Selbst Treue hielt, das
Gesamttaten seines vielstimmigen Wesens verlangte.
Aber immer wieder kommt dabei der Widerspruch seiner eigenen Natur
gegen jede Hingebung an den Affekt zum Vorschein und läßt uns die
innere Abkehr von Bayreuth auf das stärkste miterleben. Sie bedeutet
zugleich Nietzsches Abkehr von seiner seitherigen hohen Einschätzung
_der Kunst_ überhaupt. Er fragt sich, welche Aufgabe ist der modernen
Kunst zugewiesen, und antwortet: Stumpfsinn oder Rausch! So oder so
verlangt die moderne Seele wenigstens für Augenblicke das Gewissen zum
Nichtwissen zu bringen. Die Kunst soll ihm nicht etwa zur Unschuld
zurückverhelfen, sondern nur über das Gefühl der Schuld hinweghelfen.
Wer die unentweihte Heiligkeit der Kunst, wie die Griechen sie besaßen,
wiederherstellen wollte, der müßte sich selber erst von der modernen
Seele befreit haben. Wie verräterisch über seine aus der Tiefe
aufsteigenden Widersprüche klingen die Worte: »Indem der Betrachtende
scheinbar der aus- und überströmenden Natur Wagners unterliegt, hat
er an ihrer Kraft selber Anteil genommen und ist so gleichsam durch
ihn gegen ihn mächtig geworden; und jeder, der sich genau prüft, weiß,
daß selbst zum Betrachten eine geheimnisvolle Gegnerschaft, die des
Entgegenschauens gehört.«
Noch lehnt er nicht den dithyrambischen Dramatiker ab, noch erachtet
er sich hierzu nicht berechtigt, denn zunächst gilt es, Bayreuth zur
Tat werden zu lassen, aber schon drängt sich ihm die Frage auf: wieso
vermag die Kunst zu einer Gefahr zu werden? Er antwortet: Wenn der
Genießende die Kunst so ernst nimmt, wie es nur der Schaffende darf
und vermag, liegt die Versuchung nahe, das Leben selbst zu leicht zu
nehmen. Die Überschätzung der Kunst steigert die Sehnsucht nach der
Höhe, aber sie lähmt die Sehnsucht aus der Höhe nach der Tiefe, das
liebende Verlangen zur Erde (»Freunde bleibt der Erde treu!«) und zum
Glück der Gemeinsamkeit. Wohl wehrte sich Wagner mit Energie gegen
jede Art von Kunst, die sich nur als Luxus gibt, und strebte die
Sprache des einzigen bisherigen Künstlers zu sprechen, »des dichtenden
Volkes«; wohl gelang es ihm in »Tristan und Isolde« das eigentliche
~Opus metaphysicum~ aller Kunst zu schaffen, in den »Meistersingern«
die wahre deutsche Heiterkeit aufsprießen zu lassen, die der Gegenwart
fehlt, aber Werk um Werk wurde von der Zeit nur als Mittel zur
Befriedigung ihrer Scheinbedürfnisse genommen; wohl schienen ernsthafte
Freunde eine unterirdische Bewegung vieler Gemüter anzukündigen und
damit vielleicht den Keim einer in ferner Zukunft vollendeten wahrhaft
menschlichen Gesellschaft.
Wird diese Bewegung sich wirklich als mächtig genug erweisen, die Kunst
in den Dienst eines neu zu gestaltenden Lebens zu stellen? Davon, wie
sich diese Frage beantworten wird, hängt für Nietzsche nicht nur die
Bedeutung Bayreuths, sondern auch der Kunst als solcher für unsere
Zeit ab. Jedes Kunstwerk widerspricht sich selbst, wenn es sich nicht
in seinem wahren Sinne zu verstehen geben kann. »Damit ein Ereignis
Größe habe, muß zweierlei zusammenkommen: der große Sinn derer, die
es vollbringen, und der große Sinn derer, die es erleben.« Bleibt
dieser Zusammenklang aus, so ist auch das Werk verurteilt, denn »an
sich hat kein Ereignis Größe«. Erst indem es seinen gewollten Zweck
erreicht, wird es Erfüllung. Nur wenn in Bayreuth der aus dem Geiste
der Musik heraus miterlebende Zuhörer, nicht aber der sentimentalische
Zuhörer, der als moralisches Wesen dem Affekt gehorcht, über den Erfolg
entscheidet, nur dann erfüllt es seinen Zweck. Denn jedes Theater als
solches bedeutet als ein für die Massen Zurechtgebogenes ein Unterhalb
der Kunst. Das Theater darf nicht Herr über die Künste werden!
Also glaubend und zweifelnd, hoffend und fürchtend, fühlte sich
Nietzsche verpflichtet, für Bayreuth mit warmherziger Beredsamkeit,
mit tiefgründiger Begeisterung werbend und fördernd einzutreten und
seinem Bedenken, ob vom Theater aus die Kunst zu regenerieren sei,
ein »fünfjähriges pythagoreisches Schweigen« aufzuerlegen. Erst mußte
das Werk zur Tat werden, mußte es von der Bühne herab in voller
Lebendigkeit zeigen, ob es nicht doch die berufene Zuhörerschaft fände
und sich als Morgenweihe des Kampfes um die Kultur zu bewähren vermöge.
Krankheit verhinderte Nietzsche, 1875 Wagners Einladung zu folgen und
den Studien und ersten Proben beizuwohnen. So kam er erst 1876 zu den
ersten Bühnenfestspielen nach Bayreuth -- und fand sich auf das tiefste
enttäuscht! Nein, das war nicht das von ihm in höchster Idealität
erhoffte Fest, dem nur Berufene, unzeitgemäße Menschen, ideale
Zuschauer beiwohnten, sondern Wagner hatte, durch die finanziellen
Nöte gezwungen, die Pforten des Hauses auch den Neugierigen und
Schlechtgesinnten öffnen müssen. Diese gaben in Nietzsches Augen
dem Fest das Gepräge. Auch zu Wagners Leidwesen. »Das ursprünglich
projektierte Unternehmen ist also eigentlich vollkommen gescheitert,«
schrieb er schmerzerfüllt schon vor den Festspielen an meinen Vater
im Hinblick auf die Notwendigkeit, außer den Patronen auch Neugierige
zuzulassen. Wagner vermochte einen Trost darin zu finden, daß es ihm
trotz aller Mißgunst der Verhältnisse gelungen war, das große Beispiel
einer stilgemäßen Aufführung seines Werkes zu ermöglichen (»O Freund
Heckel, es war doch gut!«) Nietzsche aber sah nur das Scheitern
seiner aufs höchste gespannten kulturellen Hoffnungen. Nun bedeutete
auch das Werk selbst nicht mehr für ihn »die allergrößte Symphonie«,
sondern die »große Oper«. Wagner vermochte sich immerhin der Wirkung
auf die wahrhaft Berufenen erfreuen, Nietzsche sah nur die Heftigkeit
der Nervenwirkung auf die Unberufenen. Der berauschende Einfluß der
Musik, den er schon vorher als verhängnisvoll befürchtete, entsprach in
keiner Weise der Mäßigung der Alten, welche ihm als der menschlichen
Natur gemäß galt. Er schauderte vor dem Naturalismus der Gebärde, des
Gesanges im Vergleich zum Orchester. Gewiß, Wagners Werk blieb das
höchste, was die moderne Kunst zu bieten vermochte, aber es bedeutete
nicht ein allgemeines Bad der Seelen. »Dort erwacht der neue Genius,
dort entfaltet sich ein Reich der Güte!« hatte Nietzsche als Idealist
in glühender Begeisterung verkündigt, und nun sah er seine Erwartungen
enttäuscht, seine schönsten Hoffnungen vernichtet, vorzeitig reiste er
von Bayreuth ab ... »sein Auge war mit Tränen erfüllt«.
Der Positivist
Die innere Tendenz, unmittelbar eine völlige Harmonie
zwischen dem spekulativen und dem tätigen Leben
herzustellen, muß schließlich als das glückliche
Vorrecht des positiven Geistes betrachtet werden.
_Comte._
Wo wir liebend verehren, erscheint es unserem Gefühl als Frevel,
nüchtern erkennen zu wollen. Das ist gut so. Denn zur Liebe gehört die
Scham und Achtung vor der Atmosphäre, welche die verehrte Person oder
Sache umgibt. Was dem Enthusiasten als Wahrheit erscheint, gilt dem
Zyniker als Illusion. Aber vielleicht nur darum, weil ihm das Organ zu
wesenhafter Einfühlung, das die Liebe besitzt, mangelt. Wir können und
dürfen nicht immer so werten, wie wir ohne Ehrfurcht erkennen; denn
solche Erkenntnis erweist sich unter Umständen als lebensfeindlich. Der
Duft einer Blume läßt sich nur zerstören, indem wir die Blume selbst
vernichten. Den Wert der Illusion für das Leben mit gutem Gewissen zu
verteidigen, bleibt also eine Aufgabe für jeden, der das Leben als
solches schätzt.
Wie aber nun, wenn unsere höchste Liebe und Verehrung der Erkenntnis
selbst gilt? Müssen wir dann nicht aus Liebe jedem anderen Gefühl
verehrender Illusion zu Leibe rücken, also doch die Atmosphäre
durchbrechen? Wir müssen es sowohl in der Erforschung des Nicht-Ichs
als auch gegenüber uns selbst. Ein Zwang voll verhängnisvoller Tragik:
»Selbstkenner -- Selbsthenker«. Bei Nietzsche hat sich diese Tragik in
erschütternder Weise vertieft; denn seine Liebe gilt nicht nur der Idee
der Erkenntnis, sondern gleichzeitig der Illusion des Lebens.
Nur wer das Problem, das dieser Zwiespalt darbietet, in seiner Tiefe
fühlt und denkt, begreift, welche Anforderung es an Nietzsche stellte.
Der unreinlich denkende Mensch hilft sich durch Kompromisse; der
reinlich scheidende muß seine Meinungen wechseln, wie man abgetragene
Kleidungsstücke wechselt. Aber gerade dieser Wechsel von Überzeugungen
aus Überzeugung, diese Untreue aus Treue bleibt den meisten Menschen
versagt. Nur wo dieser höchste Heroismus einer radikalen Entscheidung
vorhanden ist, erblickt Nietzsche Seinesgleichen. Das ist der tiefe
Sinn seines Wortes: »Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt.«
Glaube daher niemand, Nietzsche, den Menschen und Denker, zu kennen,
dem sich nicht in voller Bedeutung dieser Heroismus erschließt, der
Nietzsche zu einer tragischen Erscheinung von seltener Größe machte.
Nach _Protagoras_ ist der Mensch das Maß aller Dinge. Die Wahrheit ist
etwas Relatives. Das heißt: sie ist nur gültig im Verhältnis und im
Vergleich zu etwas. Es gibt keine absolute, von solchen Vergleichen
unabhängige Wahrheit. Die einzige Möglichkeit, die blind schauende
Liebe und die sehend geblendete Erkenntnis zu einer Einheit zu
verbinden, bot sich Nietzsche durch die Einsicht in die _Relativität_
aller menschlichen Wertungen. _Radikaler Relativismus_, so paradox
diese Bezeichnung klingen mag, wurde sein Ziel. Sein Ziel, aber nicht
etwa die gegebene Voraussetzung. Und darum erforderte es Kämpfe, die
sich in seinem Wesen erschütternd abspielten und in seinen Werken mit
wuchtiger Leidenschaft zum Ausdruck gelangten.
Er hat, solange die idealistische Verehrung in ihm die Übermacht
hatte, Schopenhauer und Wagner im ganzen bejaht und im einzelnen
verneint, und er hat, als der positivistische Erkenntnistrieb die
Übermacht erlangte, Schopenhauer und Wagner im ganzen verneint, aber im
einzelnen bejaht. Darin lag keinerlei friedsam vermittelnde Willkür,
sondern eine kriegerisch entscheidende Notwendigkeit, um seinem
relativistisch wertenden Selbst den Sieg zu bereiten. Man verwechsle
jedoch Relativismus nicht mit Objektivität. Diese will die Stimme des
Subjekts ausschalten, jener will beide Stimmen harmonisch vereinigen.
Man macht es sich zu leicht, wenn man nur zwei polar verschiedene
Perioden, jene der Verehrung und jene der Erkenntnis, bei Nietzsche
unterscheidet und nicht da wie dort das vorherrschende Streben nach
dem Indifferenzpunkt der beiden Pole erkennt, also das Verlangen nach
einem Bogen über den Gegensätzen, im Auge behält. Sein Verhältnis
zu Schopenhauer und Wagner bietet die auffälligsten, aber nicht die
einzigen Beispiele freundlich-feindlich abwägender Urteile.
Im Jahre 1870 erhielt Nietzsche von seiner Schwester die Werke von
_La Bruyère_ und _Vauvenargues_ und von Frau Wagner die Werke von
_Montaigne_ zum Geschenk. Die Wirkung der französischen Moralisten
auf ihn war eine außerordentliche. Nicht nur daß er bei ihnen den
Aphorismus schätzen lernte, sondern er fühlte sich bei den Genannten
unter Einschluß von _Fontenelle_ und _Chamfort_ dem Altertum näher
als bei irgendwelcher Gruppe anderer Völker. Sie bedeuteten ihm ein
wichtiges Glied der großen und fortdauernden Kette der Renaissance.
Nietzsche schätzte ihre Helligkeit und zierliche Bestimmtheit, sowie
den französischen Witz des Ausdrucks. Sie haben ohne Zweifel den
kristallhellen Stil seiner Aphorismen günstig beeinflußt.
Bereits in seiner dritten Unzeitgemäßen Betrachtung schrieb
Nietzsche: »Ich weiß nur noch einen Schriftsteller, den ich betreff
der Ehrlichkeit Schopenhauer gleich, ja noch höher stelle: das ist
Montaigne. Daß ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist
wahrlich die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt worden.« Montaigne
war Relativist, so gut wie Goethe. Als Relativist bewährt sich auch
Nietzsche in seiner Beurteilung der französischen Moralisten. Bei aller
Achtung vor ihrer feinsinnigen Behandlung subtiler Probleme, tritt
doch seine Gegensätzlichkeit, besonders in der Frage des Pessimismus,
zutage. Bei La Bruyère empfand er widerstrebend eine aus der
untergeordneten gesellschaftlichen Stellung entspringende Gedrücktheit,
bei Fontenelle bezweifelte er, ob dem Autor nicht selbst seine
unsterblichen Totengespräche als Parodien eines unbedenklichen Witzes
galten, bei Chamfort beklagte er, daß der Instinkt der Rachsucht, als
mütterliches Erbe, sich stärker erwies als seine Weisheit und ihn in
der Revolutionszeit das Gewand des Pöbels anziehen ließ, als _seine_
Art von härener Kutte, und bei dem vornehmsten aller Menschenverächter,
bei La Rochefoucauld, schätzte er wohl die klare Erkenntnis der
Triebfedern der menschlichen Seele, verwarf aber ihre »christlich
verdüsterte Beurteilung«.
Diese Aussprüche sind zum Teil im Buch für freie Geister
»_Menschlich-Allzumenschliches_« enthalten, dessen Betrachtung
dieses Kapitel gewidmet ist. Sie zeigen uns Nietzsche als den feinen
Psychologen, der sich jeder absoluten Wertung gegenüber skeptisch
verhält und stets fragt, wahr -- inwiefern? frei -- wozu? gut -- für
wen und was?
Das Buch ist in der Hauptsache in _Sorrent_ entstanden. Dort verlebte
Nietzsche bald nach den Bayreuther Festspielen mehrere Monate gemeinsam
mit Malwida _von Meysenbug_, der Verfasserin der »Memoiren einer
Idealistin«, mit ~Dr.~ _Paul Rée_, dem Autor der »Psychologischen
Beobachtungen«, und dem jungen Dichter Albert _Brenner_. Er hatte sich
aus Rücksicht auf seine Gesundheit, die fortgesetzt durch heftige
Migräneanfälle beeinträchtigt wurde, von der Baseler Universität ein
Jahr Urlaub gewähren lassen. Ein in Bayreuth neu gewonnener Freund,
Freiherr _von Seydlitz_, kam ebenfalls nach Sorrent. Ferner besuchte
ihn dort ~Dr.~ Michael Georg _Conrad_, der bei seiner Witterung für
unabhängige Geister auch Nietzsche frühzeitig entdeckte.
Im »Menschlichen-Allzumenschlichen« vollzieht sich die Abkehr
Nietzsches vom Genie zum _Weisen_, von der monarchischen Kunst zur
republikanischen Wissenschaft, von der idealistischen Metaphysik zum
realistischen Positivismus. Der _Positivismus_ beschränkt sich, wie
schon sein Name besagt, auf das, was erfahrungsmäßig als »positiv«
gegeben ist. Er läßt keinen Raum für religiöse und metaphysische
Hintergründe. Er hat vor allem in Frankreich durch Comte und in England
durch Mill und Spencer seine philosophische Bedeutung erlangt.
Mit unerbittlicher Strenge prüfte Nietzsche als Positivist sich selbst
und alles, woran sein Herz hing. Aber nicht die Freude an der Forschung
allein befriedigte ihn, sondern es verlangte ihn nach »Vogel-Freiheit«,
»Vogel-Umblick«, »Vogel-Übermut«.
Er sagt Schopenhauers Willen zur Moral und Wagners Romantik die
Gefolgschaft auf und sucht sich hoch über alle Unbedingtheit zu erheben
und sich von aller ausschließenden Verehrung zu befreien. Als das
»Wegstoßen des Angenehmsten, oft des Verehrtesten« interpretierte er
später dieses Vorgehen.
Die Vorstellung der Entwicklung auf den Spuren _Darwins_ gewinnt
nunmehr Macht über Nietzsche. Er fordert ganz im Sinne der
Naturwissenschaft historisches Philosophieren. Dieses soll
grundsätzlich von aller Metaphysik absehen und uns lehren: was jetzt
uns Menschen Leben und Erfahrung heißt, ist allmählich geworden und
noch vollständig im Werden begriffen. Es hat sich bisher unbewußt
entwickelt und seine Förderung vor allem bei der Religion und
der Kunst gesucht. Nun aber, indem Nietzsche die Bedeutung der
Wissenschaft für die Kultur betont, stellt er uns vor eine wichtige
Entscheidung. Er sagt: die Menschen können und sollen nunmehr mit
_Bewußtsein_ beschließen, sich zu einer neuen Kultur fortzuentwickeln.
Um das zu vermögen, müssen sie volle Klarheit gewinnen, was der
kulturellen Steigerung des Lebens schadet, was ihr nützt. Die
ungeheuere Aufgabe der großen Geister der Gegenwart und Zukunft
liegt darin, die Bedingungen der Kultur zu erkennen. Die Philosophie
soll also die Religion ablösen. Vermag sie das? Nietzsche sagt:
sie kann es, indem sie deren berechtigte Bedürfnisse erfüllt und
deren irrtümliche beseitigt, wie christliche Seelennot, Seufzen
über innere Verderbtheit, Sorge um das ewige Heil. Die Kunst vermag
dabei nur den Übergang zu vermitteln, indem sie das mit Empfindungen
überladene Gemüt erleichtert. Worte wie Pessimismus und Optimismus
verlieren vor diesem Forum ihre Berechtigung, denn sie entstammen
einer theologischen Auffassung der Welt. Sowohl der schimpfenden
wie der verherrlichenden Weltbetrachtung müssen wir uns enthalten;
dafür aber bewußt forschen und fachlich prüfen wie der Chemiker. Die
psychologische Beobachtung wird von Nietzsche nunmehr als Notwendigkeit
erkannt, denn die größten philosophischen Irrtümer sind nur darum
entstanden, weil die psychologische Analyse bisher fehlte. Es gilt das
Menschliche-Allzumenschliche bloßzulegen, um so zu dem Ursprung unserer
Gesinnungen und Handlungen zu gelangen.
Solche Prüfungen befähigen uns nicht nur, das Schädliche zu meiden,
sondern sie führen auch zu positiven Ergebnissen, die geeignet
erscheinen, uns aufzurichten. Wir gelangen auf diesem Wege zu einer
souveränen Beurteilung des Lebens. So wenn uns Nietzsche lehrt: die
Bosheit hat nicht den Schmerz des andern an sich zum Ziele, sondern
die beiden Gesichtspunkte Notwehr und Selbsterhaltung genügen, um uns
zu erklären, daß auch der Mensch, der uns als boshaft erscheint, im
Grunde nur für sich Lust will oder Unlust abzuwehren strebt. Sagen wir
uns, daß alles mit Notwendigkeit geschieht, so führt uns die Folgerung
der Unverantwortlichkeit des Menschen dazu, über die Begriffe der
Schuld und Sündhaftigkeit umzulernen. Bei solchem Umlernen gelangen
wir zu der Einsicht: böse Handlungen lassen sich mit gleichem Recht
als vergröberte gute bezeichnen, wie wir uns gute als sublimierte
böse erklären müssen. Aber auch wo der Einblick in die Untergründe
fehlt, sind wir nicht zur Resignation verurteilt; denn bei einem Übel,
dessen Ursache wir nicht zu heben vermögen, bleibt unserem Lebensmut
immer noch die Möglichkeit, es in ein Gut umzudenken, dessen Nutzen
vielleicht erst später ersichtlich wird.