Noch spricht Nietzsche in seinem Erstlingsbuch nicht ganz und gar

seine eigene Sprache, noch hat das Tempo des Stils nicht jede

Schwerfälligkeit und Verschleppung überwunden, noch stört der

Bilderreichtum zuweilen die Klarheit, aber trotzdem brachte dieses

Buch bereits mit großer Bestimmtheit den Abstand einer wahrhaftigen

Kultur von der Zivilisation der Zeit zum Ausdruck. In seiner

ursprünglichen Anlage mochte dieses Werk, das den Pessimismus der

_Stärke_ verherrlicht, die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers,

die Kunst aber unter der Optik des Lebens sieht, nicht unmittelbar

den Charakter einer Kampfschrift tragen. Aber indem Nietzsche

versuchte, es mit Schopenhauer in Einklang zu bringen und von Wagner

eine Erfüllung zu erhoffen, griff es unmittelbar in die zeitlichen

Bewegungen ein und begegnete daher sowohl parteiischer Zustimmung als

parteiischer Ablehnung. Wie Wagner selbst, so begrüßten auch seine

Verehrer es mit Begeisterung. Voran _Hans von Bülow_, der Nietzsche

persönlich aussuchte und einmal die ihm zunächst liegende unterbewußte

Bewertung verriet, indem er irrtümlich seinen Titel als »Wiedergeburt

der Tragödie« zitierte. Eine entgegengesetzte Stellung nahm das

Gelehrtentum ein. Ein Bonner Professor erklärte mit Emphase das Buch

als »baren Unsinn«; wer so etwas schreibe, sei »wissenschaftlich tot«.

Selbst Ritschl befürchtete, es könne die Jugend zu einer unreifen

Verachtung der Wissenschaft verleiten, und _Ulrich von Wilamowitz_

fühlte sich berufen, die traditionelle Beurteilung des Griechentums

in einer Schrift »Zukunftsphilologie« gegen Nietzsche öffentlich

zu verteidigen. Er hatte »von Winckelmann gelernt, das Wesen der

hellenischen Kunst allein im Schönen zu sehen«, und erachtete von

Nietzsche die Götterbilder in Trümmer geschlagen, »um das Götzenbild

Richard Wagners in ihrem Staube anzubeten«.

Rohde, als tapferer Waffengefährte Nietzsches, trat mit einer

Gegenschrift auf den Plan, die auf Overbecks Rat den Titel

»_Afterphilologie_« erhielt. Vorher schon hatte Richard Wagner selbst

in einem »_Sendschreiben_« sich mit polemischer Schärfe gegen die

Angriffe gewendet und seinen jungen Freund aufgefordert, »aus dem

edelsten Quell des deutschen Geistes Aufschluß und Weisung darüber

zu geben, welcher Art die deutsche Bildung sein müsse, wenn sie der

wiedererstandenen Nation zu ihren edelsten Zielen verhelfen soll«.

Der bleibende Wert von Nietzsches Buch liegt vor allem in der

Unterscheidung des Dionysischen und Apollinischen, die zunächst

von Burckhardt und Wagner aufgenommen wurde und heute allgemein

geläufig ist. Eine weitere Bedeutung erhielt es durch die radikale

Gegenüberstellung von Instinkt und Intellekt, von unbewußtem und

bewußtem Sein. Wohl hatte schon Goethe gelehrt: »Alles was das

Genie tut, geschieht _unbewußt_«, und es deutlich ausgesprochen:

»Das Bewußtsein des Dichters ist eine schöne Sache, aber die wahre

Produktionskraft liegt doch am Ende im Bewußtlosen.« Aber erst seitdem

Nietzsche mit größter Schärfe bewiesen hat, daß die Sokratik den

Instinkt zum Kritiker, das Bewußtsein dagegen zum Schöpfer machen

wolle, während doch bei allen produktiven Menschen gerade umgekehrt der

Instinkt die schöpferisch-affirmative Kraft sei: sind wir der Einsicht

nähergekommen, welche entscheidende Bedeutung dem Unbewußten im Leben

des Menschen beizumessen ist, denn auch unsere Erkenntnis wird von

unserem Triebleben bestimmt. »Der entfremdetste Kalkül und die höchste

Geistigkeit der theoretischen Philosophie bleiben immer nur der letzte

blasseste Abdruck einer physiologischen Tatsache.« In allem, was uns

bewußt wird, dürfen wir nur Zeichen eines inneren Geschehens erblicken.

Ende April 1879 fand die Übersiedelung Wagners von Tribschen nach

_Bayreuth_ statt. Mit Wehmut nahm auch Nietzsche von dort Abschied.

»Tribschen hat nun aufgehört zu sein. Wie unter lauter Trümmern gingen

wir herum, die Rührung lag überall in der Luft, in den Wolken ...

ach, es war so trostlos.« Und noch viele Jahre später schrieb er in

Erinnerung an seinen intimen Verkehr mit Wagner: »Ich lasse den Rest

meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen Preis die

Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des Vertrauens, der

Heiterkeit, der sublimen Zufälle ... der tiefen Augenblicke.«

Tribschen hatte aufgehört zu sein; aber Bayreuth stand nicht nur am

Horizont seiner Hoffnungen, sondern bestimmte damals den Standpunkt,

von dem aus er entschlossen blieb, sich der werdenden Kultur tätig zu

opfern. Denn Opferwilligkeit war es, wahrlich nicht Streitsucht, was

ihn antrieb, den aufreibenden Kampf gegen die Ideenlosigkeit der Zeit

aufzunehmen, trotzdem ihm seine sensitive Natur davon abraten mochte.

Daß er sich dessen recht wohl bewußt war, scheint mir ein Ausruf in der

»Geburt der Tragödie« zu bestätigen: »Ach! Es ist der Zauber dieser

Kämpfe, daß, wer sie schaut, sie auch kämpfen muß!«

Der Streiter

Weißt du wie Perseus Medusa erschlug,

Vor deren Anblick das Leben erstarrt?

Einzig im Spiegel des Schildes ersah er

Fest der Gorgone versteinerndes Antlitz.

Also auch kämpfe ich mit der Welt;

Furchtlos im Denkbild erschau' ich ihr Wesen.

Wer eine Sache um der Sache willen verteidigt, erfährt im Verlaufe des

Streites gar oft, daß es dem Gegner gar nicht um diese zu tun ist,

sondern daß ihn irgendwelche persönliche Motive leiten. Richard Wagner

hat sich wiederholt über diese enttäuschende Erfahrung ausgesprochen.

In der Tat waren gegnerische Angriffe aus verletzter Eitelkeit und

anderen unlauteren Motiven weniger gegen seine Kunst als gegen seine

Person gerichtet. Er sah sich dadurch gezwungen, auch seinerseits

persönlich anzugreifen, um nicht gegen Windmühlen zu kämpfen.

Solche Kämpfe wirken auf den Unbeteiligten leicht unerquicklich und

mißverständlich.

Anders bei Nietzsche. Er hat keine persönlichen Feinde gehabt, und

immer blieb es ihm vergönnt, seine Ideen um der Ideen willen zu

verteidigen. Wo er selbst der Angreifende war, da galt der Kampf erst

recht nicht einer Person als solcher, sondern einem Typus. In der

»Geburt der Tragödie« verdichtete sich ihm Sokrates zu einem solchen

Typus des theoretischen Optimisten, und als er sich zu »Bayreuther

Horizontbetrachtungen« in der Gegenwart entschloß, ersah er in David

Friedrich _Strauß_, dem Verfasser des »Bierbankevangeliums« vom »alten

und neuen Glauben«, den Typus des »_Bildungsphilisters_«.

»Kultur ist vor allem Einheit des künstlerischen Stils in allen

Lebensäußerungen eines Volkes.« Der Einsichtige weiß, wie fern wir

einer solchen Kultur sind. Nicht so der Bildungsphilister. Sein

selbstgefälliger Optimismus fühlt sich wohl in dem chaotischen

Durcheinander aller Stile. Er ahnt es gar nicht, daß er Philister ist,

sondern wähnt Musensohn und Kulturmensch zu sein. Kein Wunder! Denn

für jene, die immer nur die Oberfläche der Dinge sehen, bedeutet er ja

den liberalen Vorkämpfer für moderne Ideen. Strauß dringt niemals in

die Tiefe. Warum sollte es daher seinem Bekennermut nicht genügen, für

Reformgedanken einzutreten, die des Erfolges innerhalb der Gebildeten

seiner Zeit gewiß sind? Strauß hat keinen Sinn für elementare

Ursprünglichkeit und organisches Wachstum, wie es sich in der Sprache

eines Volkes offenbart. Warum sollte daher sein Schriftstellertalent es

nicht als ausreichend erachten, wenn es sich in der Schluderei einer

phrasenhaften Schreibweise bei Gleichgesinnten verständlich macht? Als

Strauß bald nach der Veröffentlichung dieser ersten »_Unzeitgemäßen

Betrachtung_« nach schwerem Leiden verstarb, erschrak Nietzsche heftig

über den Gedanken, ihm vielleicht die letzte Lebenszeit erschwert zu

haben; denn seine Kriegspraxis lautete: ich greife nur Sachen an, die

siegreich sind; ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossen

finden würde, wo ich allein stehe; ich greife nie Personen an.

Wohl dachte Nietzsche daran, außer Strauß auch Schriftsteller wie

_Auerbach_ und _Freytag_, Gelehrte wie _Gervinus_ und _Kuno Fischer_,

Kritiker wie _Lübke_ und _Hanslick_ »unzeitgemäß« zu bekämpfen; aber

schon aus den Namen ergibt sich, daß es auch hierbei sich nur um

ihre typische Bedeutung für den Geschmack und die Gesinnung der Zeit

handelte.

Aus den akademischen Vorlesungen wissen wir bereits, wie sehr Nietzsche

jede bloße Belastung des Gedächtnisses, jede ziellose Maulwurfsarbeit

verabscheute. Wohl brauchen wir _Historie_. Aber wir brauchen sie zum

Leben und zur Tat, nicht zur bequemen Abkehr vom Leben und von der

Tat. Der historische Sinn unserer Zeit kann ohne diese Zielsetzung uns

leicht als hypertrophische Tugend zum Verderben gereichen.

Diese Einsicht, nicht etwa irgendeine gelehrte oder literarische

Absicht, bestimmte Nietzsche zu seiner zweiten unzeitgemäßen

Betrachtung: »_Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben_.«

Die Geschichte gehört vor allem dem Tätigen und Mächtigen, der einen

großen Kampf kämpft und seine Vorbilder nur in der Vergangenheit zu

finden vermag. Dieser Tätige sieht die Geschichte _monumentalisch_,

wohl auch mythisch. Noch weist Nietzsche die Möglichkeit ausdrücklich

ab, daß bei dem Würfelspiel der Zukunft und des Zufalls je wieder das

Gleiche herauskomme. Er warnt daher vor der Täuschung durch Analogien.

Aber noch eine andere Gefahr lauert auf dem Wege: _Regiert_ diese

monumentalische Betrachtung, so leidet die Vergangenheit selbst

Schaden. Dann werden nur einzelne Fakta gesehen, nicht die Fülle der

Geschehnisse. Auch verführt sie zu dem verhängnisvollen Irrtum: seht

das Große ist schon da, und der Betrachtende versäumt darüber, die

wirkende Größe in der Gegenwart zu suchen.

Die Geschichte bedarf daher auch der Bewahrenden und Verehrenden, deren

_Pietät_ dem Leben dient. Aber ihre _antiquarische_ Betrachtung nimmt

jedes einzelne ohne Wertunterscheidung zu wichtig, mumisiert oft in

blinder Sammelwut wo sie zu konservieren glaubt. Wie sollte es auch

anders sein, da sie das frische Leben der Gegenwart weder beseelt noch

begeistert. Sie läßt Kenner des Großen, aber keine Könner erstehen;

sie bewahrt, aber sie zeugt nicht; denn sie verehrt nur, was war, und

unterschätzt, was wird.

Besser steht es hierin um die dritte Betrachtungsweise: die

_kritische_. Aber sie verfällt, wie alle Kritik, leicht in den

entgegengesetzten Fehler. Nicht in eine unmäßige Bejahung aber in eine

zu weit gehende Verneinung dessen, was war. Sie zeigt uns den Versuch,

sich gleichsam nachträglich eine Vergangenheit zu geben, aus der man

stammen möchte, im Gegensatz, zu der, aus der man stammt.

Jede dieser Arten der Betrachtung nennt daher Nietzsche heilsam,

sofern sie dem produktiven Leben dienen, aber schädlich, sofern sie

ihm widerstreben. Gegen die Heilsamkeit versündigt sich die Historik

unserer Zeit, gleichviel ob sie sich monumentalisch, antiquarisch oder

kritisch verhält, sobald sie die _Wissenschaftlichkeit_ überbetont

nach dem Grundsatz: ~fiat veritas, pereat vita~. Die Geschichte lehrt

uns dann nicht zu wenig, sondern zu viel. »Man _sollte_ sogar nicht

mehr von einer Sache wissen, als man auch schaffen könnte.« Unsere

Pädagogen mögen es sich daher gesagt sein lassen: Jedes historische

Wissen, das ohne Bedürfnis aufgenommen wird, erweist sich als hemmende

Last. Es ist wohl Wissen um die Bildung, aber es erwächst aus ihm kein

Bildungs-Gefühl, kein Bildungs-Entschluß.

Ein lebendig wachsendes Volk wird also gegenüber jener

Wissenschaftlichkeit instinktiv einen gesunden _unhistorischen_ Sinn

bewahren müssen, sonst vermag es keine starken Persönlichkeiten zu

züchten, noch neue Erlebnisse im Unbewußtsein zu künstlerischen Ideen

ausreifen zu lassen. Die Kunst flieht, wenn ein Volk seine Taten sofort

mit dem historischen Zeltdach überspannt. Wirkt hinter dem historischen

Trieb kein Bautrieb, dann wird der schaffende Instinkt entkräftet; denn

die Geschichte wird nur von starken Persönlichkeiten ertragen, die

Schwachen löscht sie vollends aus.

Solche Entkräftung und Lähmung hat dazu geführt, daß heute

antiquarische Spätlinge greisenhaft passiv mit Spengler vom »Untergang

des Abendlandes« reden, während Nietzsche dem mittelalterlichen

~memento mori~ Goethes ~memento vivere~ entgegensetzt und in

ungebrochener Schaffensfreude fragt: »Was wollen denn ein paar

Jahrtausende besagen, um im Anfang einer solchen Zeit noch von

›Jugend‹, am Schlusse bereits vom ›Alter der Menschheit‹ reden zu

können?« Wollen wir wissen, wie sich Nietzsche zu einem solchen

Fatalismus, der die lebenfördernde Illusion ausschließt, gestellt

hätte, so können wir die Auskunft hierüber den Angriffen entnehmen,

die er gegen den Verfasser der »Philosophie des Unbewußten« richtete.

Ed. von Hartmann spricht von einer Hingabe an den »Weltprozeß«. Ein

Wort, das Nietzsche ganz besonders haßte. Auch Hartmann glaubte wie

Spengler »Geschichte vorausbestimmen« zu können. Er gelangte dabei

zu der Folgerung: die Zeit bedarf nicht mehr der Genies; denn sie

schreitet voran zu einem Stadium der sozialen Entwicklung, die jedem

Arbeiter genügend Muße läßt, »ein komfortables Dasein« zu führen.

Dieser Ausschaltung der Höherentwicklung des Lebens schleuderte

Nietzsche als individualistischer Streiter das Wort entgegen: »Nein,

das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen, sondern nur in ihren

höchsten Exemplaren.« Und darum gilt es die »historische Krankheit«

zu überwinden, gleichviel ob sie uns optimistisch glauben macht, wir

sähen vermöge der sozialen Entwicklung den Höhepunkt unmittelbar vor

uns, oder ob sie fatalistisch uns auf den Untergang verweist. Nicht der

Gelehrte, der nur ein Gewordenes, ein Historisches sieht, sondern der

freie Gebildete, der nach einem Seienden, Ewigen ausschaut, gebraucht

die Geschichte im Dienste des Lebens. Nicht ~cogito ergo sum~, sondern

~_vivo ergo cogito!_~ muß unsere Losung heißen.

Es gibt drei Bilder des Menschen, welche unsere Zeit hintereinander

aufgestellt hat zur Verklärung ihres eigenen Lebens. In der dritten

unzeitgemäßen Betrachtung: »_Schopenhauer als Erzieher_« widmet sich

Nietzsche ihrer Prüfung. Da ist zunächst _der Mensch Rousseaus_, der

gegenüber der zivilisatorischen Verlogenheit in seiner Not die heilige

Natur anruft. Nur die Natur ist gut, nur der natürliche Mensch ist

menschlich. Aus solcher Erkenntnis vermögen furchtbare Entschlüsse

revolutionärer Umgestaltung zu erwachsen.

Da ist ferner _der Mensch Goethes_ (Faust). Dieser könnte als das

höchste und kühnste Abbild vom Menschen Rousseaus gelten, wenn er

zugleich der eigentliche, gleichsam religiöse und dämonische Genius

des Umsturzes wäre, die verneinende Kraft aus Güte. Aber der Mensch

Goethes weicht hierin dem Menschen Rousseaus aus; denn er haßt jedes

Gewaltsame, jeden Sprung -- das heißt aber: jede Tat. Der Goethesche

Mensch ist der beschauliche Mensch im hohen Stile, eine erhaltende und

verträgliche Kraft. Ein wenig mehr Wildheit und seine Tugenden würden

größer sein. Das hat Goethe selbst empfunden. »Sie sind verdrießlich

und bitter, läßt er Jarno zu Wilhelm Meister sagen, das ist schön und

gut, wenn sie nun einmal recht böse werden, so wird es noch besser

werden.«

Man achte auf diesen Gedankengang, um zu begreifen, warum Nietzsche

die _Verböserung_ des Menschen verlangte. »Es ist nötig, daß wir

einmal recht böse werden, damit es besser wird.« Nicht die Auflehnung

des Rousseauschen Menschen gilt Nietzsche als das Ideal, denn in

dieser Auflehnung liegt das Rachegefühl der Massen versteckt; aber

auch nicht die Beschaulichkeit und Verträglichkeit des Goetheschen

Menschen kann das eigentliche Ziel sein, denn hier fehlt die Umsetzung

in die entscheidende Tat; wonach Nietzsche verlangt, das ist jene Art

zu verneinen und zu zerstören, welche gerade der Ausfluß nach etwas

ewig Unzerstörbarem ist. Diese Aufgabe erfüllt der _Schopenhauersche

Mensch_. Dieser ist für sich und sein persönliches Wohl von wundersamer

Gelassenheit, in seinem Erkennen voll starken verzehrenden Feuers; hoch

emporgehoben über griesgrämige und verdrießliche Betrachtung nimmt er

das freiwillige Leiden der Wahrhaftigkeit auf sich, erwirbt er jene

Art zu vernichten, welche der Ausfluß der Sehnsucht ist nach etwas

Ewig-Unzerstörbarem. Er weiß, daß es der Weg des Leidens ist, aber

nicht jenes sinnlosen Leidens des Tierlebens, sondern ein heroischer

Lebenslauf, der zum Menschen hindrängt, aber als zu einem Etwas, _das

hoch über uns steht_. Alles andere ist Fortsetzung der Tierheit,

ist Flucht vor uns selbst. »Denn dein wahres Wesen liegt nicht tief

verborgen in dir, sondern unermeßlich hoch über dir, oder wenigstens

über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst.« Auch über dem größten

Menschen erhebt sich sein eigenes Ideal.

Dieser streitbare Mensch, den unser Philosoph den Schopenhauerschen

Menschen nennt, ist in Wahrheit der _Nietzschesche Mensch_.

Wir sehen von jeder Persönlichkeit zunächst nur die Erscheinung ihres

Spiegelbildes. Lebendig wird diese Erscheinung erst dann, wenn wir ihr

unser eigenes Blut einflößen. Nun wäre gewiß nichts verkehrter, als den

innerlich unbeteiligten Zuschauer des Lebens, den zum Beispiel Kuno

Fischer in Schopenhauer sah, für irgendwie echter zuhalten, als den

aktiven Kämpfer, den Nietzsche erblickte. Nietzsche erschloß sich die

_Idee_ Schopenhauer, Fischer ersah nur die Realität, die gegenüber der

Idee immer an Würde Einbuße erleidet.

Außer der Ehrlichkeit rühmt Nietzsche als eine hervorragende

Eigenschaft an Schopenhauer eine »wirkliche erheiternde Heiterkeit«.

Das ist nur dann mißverständlich, wenn man an den wohlfeilen Optimismus

eines oberflächlichen Heiterlings denkt, der sich blind gegen die

Leiden der Welt verhält. Was dagegen Nietzsche tief auf dem Grunde

sieht, das ist die Heiterkeit des _Siegers_, der, weil er das Tiefste

gedacht, gerade das Lebendigste lieben müsse. Auch diese Deutung

bekundet uns den subjektiven Anteil Nietzsches an seinem Idealbild

Schopenhauers. Nur Nietzsches lebenbejahender Pessimismus konnte dazu

gelangen, mit Goethe auszurufen: »Was ist doch ein Lebendiges für ein

herrliches, köstliches Ding! Wie abgemessen zu seinem Zustande, wie

wahr, wie seiend!« Während Schopenhauer verkündete: »Alles ist schön zu

_sehen_, aber entsetzlich zu _sein_.«

Und doch wäre es verkehrt zu glauben, Nietzsche habe wohl von

Schopenhauer gesprochen, aber dabei bewußt sich selbst gemeint. Jede

Größe beginnt damit, daß man Großes liebt und in seinem eigentlichen

Wesen erkennt. So empfängt man die erste Weihe der Kultur. In diesem

Sinne liebte Nietzsche Schopenhauer und Wagner. Aber die Kultur begnügt

sich nicht mit solchem inneren Erlebnis, sondern sie verlangt -- das

kann nicht oft genug wiederholt werden -- zuletzt und hauptsächlich

die Tat. Also den Kampf gegen alles, was dem hohen Ziele der Kultur,

den wahren Menschen zu finden, widerstrebt, sei es die _Selbstsucht

der Erwerbenden_, die da glauben zwischen Intelligenz und Besitz,

zwischen Reichtum und Kultur bestehe ein notwendiges Band, sei es die

_Selbstsucht des Staates_, der die großen Massentriebe als das Wichtige

und Hauptsächliche in der Geschichte nimmt, sei es die _Selbstsucht

aller derer_, die sich verstellen und hinter der eleganten Form ihre

Barbarei verstecken.

Wir rufen bei so vielen Dingen -- und nicht erst seit heute -- nach

Führern, die uns aus der Irre auf den rechten Weg leiten sollen und

sind ohne Widerstand bereit, ihnen zu folgen, nur nicht -- in Dingen

der Kultur. Daß andere in Wissenschaft und Kunst mehr wissen und

können, gestehen wir ihnen mehr oder minder einsichtig zu, aber daß wir

auch der Erzieher und Führer bedürfen auf dem Wege zu uns selbst, daß

große Denker und Dichter nicht darum denken und dichten, um vor der

»öffentlichen Meinung« wie vor einer Prüfungskommission zu bestehen,

daß sie ihre _Erfolge_ nicht darin suchen, daß wir ihnen gleich den

Schauspielern Beifall spenden, sondern ihnen _folgen_, indem wir uns

nach ihrem Bilde mit wetteifernder Seele wandeln: dagegen ist allezeit

ein passiver Widerstand unseres Behagens wach. Nietzsche hat ihn

als Trägheit charakterisiert mit dem treffenden Wort: _Öffentliche

Meinungen -- private Faulheiten!_

Der Idealist

Das Schrecklichste für den Schüler ist, daß er sich am

Ende doch gegen den Meister wieder herstellen muß. Je

kräftiger das ist, was dieser gibt, in desto größerem

Unmut, ja Verzweiflung ist der Empfangende.

_Goethe._

Goethes Aufforderung, die Sache der Menschheit als die eigene zu

betrachten, ist vielleicht von keinem großen Geiste mit solch

leidenschaftlicher Hingebung befolgt worden, wie von Nietzsche. Wenn

wir Idealismus das Streben nennen, Ideen und Ideale im individuellen

und sozialen Leben zu verwirklichen, so müssen wir vor allem _den_

einen Idealisten nennen, der seine Aufgabe darin sah, das ganze

kulturelle Leben in diesem Sinne von Grund aus neu zu gestalten.

Als geniale Vorbilder dieses Idealismus verehrte Nietzsche sowohl

Schopenhauer als Wagner. Aber während der Vergleich zwischen Idee und

Wirklichkeit Schopenhauer zur pessimistischen Verneinung des Lebens

selbst führte, verwarf Nietzsche nur den flachen Optimismus, der sich

an den Errungenschaften der zeitlich gegebenen Lebensverhältnisse

genügt, nicht aber den Willen zum Leben selbst.

Die Abwendung von Schopenhauer konnte also nicht ausbleiben; aber

sie mußte nicht notgedrungen auch eine Abwendung von Wagner zur

Folge haben; denn als Künstler bejahte auch dieser das Leben. »Die

Schöpfungen der Kunst sind das höchste Lustziel des Willens.« Wohl aber

ergibt sich die Frage: Vertrug sich Nietzsches Verehrung für Wagner mit

seiner Hochschätzung der Antike und der »Gesundheitslehre des Lebens«,

die er der Antike entnahm? Vereinigte Wagners Werk in der Tat das

Dionysische und Apollinische wie die antike Tragödie? Oder stand Wagner

nicht doch auf dem Boden des Christentums, gleichviel ob er sich dessen

bewußt war oder nicht?

Antike und Christentum, Renaissance und Reformation, Bejahung

des Lebens zugunsten seiner Steigerung und Verneinung des Lebens

zugunsten des Seelenheils: das waren für Nietzsche sich ausschließende

Gegensätze, die von dem Bekenner eine unbedingte Entscheidung

verlangten. Wohl kann der Dramatiker seine Künstlerliebe den Vertretern

der beiden Kontraste in gleicher Weise zufließen lassen, wie es bei

Wagner in der Tat der Fall ist, und in dem einen Werk den Sieg des

selbstherrlichen Individuums -- man denke an Walter Stolzing und

Siegfried -- feiern und im anderen Werk im Gegensatz hierzu -- man

denke an Tannhäuser und Parsifal -- die Aufgebung der Persönlichkeit

zugunsten einer metaphysischen Alleinheit darstellen; aber damit wird

die Frage nicht ausgeschieden, wozu er und seine Kunst sich letzten

Endes bekennen. Nietzsche glaubte bei Wagner an die Bejahung des Lebens

im Sinne der Antike. Er vermeinte, seine Kunst könne den Deutschen das

»abgestandene Christentum« völlig verleiden, seine deutsche Mythologie

könne sich als abschwächend erweisen und an Polytheismus gewöhnen.

Aber nicht erst die Einsicht in die christlichen Tendenzen Wagners

führte Nietzsches Abwendung herbei, sondern diese vollzog sich auf

ästhetischem Gebiet. Kunst im Sinne der antiken Tragödie oder modernes

Theater? Das war die entscheidende Frage. Geburt einer apollinischen

Vision aus dem dionysischen Geiste der Musik oder naturalistisch

wirkender Schein der Szene, der sich die Musik unterwirft? Wird der

szenische Vorgang künftig in seinem eigentlichen Wesen nur eine

Verbildlichung der tiefinnerlichen Vorgänge sein, wie wir sie in den

Symphonien Beethovens erleben, oder bestimmen umgekehrt Szene und

Sänger den Charakter der Musik?

Schon als Wagner in der Hinzuziehung des Chorgesanges in der Neunten

Symphonie ein feierliches Bekenntnis über die Grenzen der absoluten

Musik und eine Erlösung zur allgemeinen Kunst sah, nannte Nietzsche

diese Auffassung einen »ungeheueren ästhetischen Aberglauben«;

denn nicht nach dem unverständlich bleibenden _Wort_, sondern nach

dem »angenehmeren und freudevolleren« _Laut_ habe der Symphoniker

begehrt. Diesem Ausspruch kommt symptomatische Bedeutung zu; denn sie

beweist, daß Nietzsche niemals, auch nicht zur Zeit seiner wärmsten

Wagnerverehrung, in einer gleichberechtigten Vereinigung der Künste im

Theater an sich ein Ziel sah, das den hohen Wert der absoluten Musik

überrage.

Während Wagner den Dichter als Erzeuger und die Musik als Gebärerin

bezeichnete und somit Dichtkunst und Musik in seinen Werken als

gleichwertig anerkannt wissen will, sah Nietzsche in dem Umstand,

daß der Text bei Wagner noch bestimmend auf die Musik wirkt, nur

eine Nachwirkung der Operntendenz und nannte die Forderung eines

dramatischen Sängers, der die Musik alteriere, an sich eine Unnatur.

Nietzsche, sein Leben und seine Lehre · 第 3 / 19 段