rex_«. Da diese und die weiterhin genannten Vorträge seinen Werken nur
als »_Philologica_« angereiht wurden, sind sie wenig bekannt, enthalten
aber viele philosophische Gedanken, die über die philologische Aufgabe
hinausragen. Entschieden wird betont, daß das Altertum nicht danach
fragte, ob Schuld und Leiden in genauen Proportionen standen, und im
Unglück keine Strafe sah. Nietzsche verteidigt die Unbewußtheit gegen
die sokratischen Prinzipien, die alles auf den Verstand begründen
wollen. In seinen Vorlesungen über »_das Studium der klassischen
Philologie_« (Sommer 1871) verurteilte er das bloße Erkennenwollen.
»Vor allem nötig: Freude am Vorhandenen. Diese weiter zu tragen ist
des Lehrers Aufgabe.« Denn als idealer Lehrer gilt ihm nur, wer sich
als Mittler fühlt zwischen den großen Genien und den neuen werdenden
Genien, zwischen der großen Vergangenheit und der Zukunft.
Seit _Spenglers_ »Untergang des Abendlands« ist unser Augenmerk
darauf gerichtet, daß Geschichte formgewordenes Seelentum ist, daß
es also nicht genügt, den gegenständlichen Zusammenhang von Ursache
und Wirkung zu verfolgen, sondern daß durch Analogien morphologische
Verwandtschaften aufgedeckt werden müssen. Auch Nietzsche lehrte
betreffs der Antike: »Wir sind nicht aus demselben Element erwachsen,
das hier erklärt werden soll. Wir müssen also mittels Analogien uns
zu nähern suchen. Insofern ist unser _Verstehen_ des Altertums ein
fortgesetztes, vielleicht unbewußtes Parallisieren.«
In seine späteren Vorlesungen (_Geschichte der griechischen Literatur_,
_Rhetorik_ usw.) sind in den vorausgegangenen Niederschriften seltener
philosophische Gedanken skizziert, immerhin begegnen wir manchem,
was den Schatz seiner charakteristischen Aussprüche bereichert. Zum
Beispiel:
»Die Griechen verkehrten mit ihren Göttern wie eine niedere Kaste mit
einer höheren, mächtigeren, edleren, mit der man sich aber von gleicher
Abstammung weiß.«
Unter den Freunden, die Nietzsche in Basel fand, haben wir nach
Burckhardt vor allen Franz _Overbeck_ zu nennen. Sein Großvater war
aus Deutschland nach England, dessen Sohn nach Rußland übersiedelt und
erst der Enkel, Sohn einer Französin, nach Deutschland zurückgekehrt.
Er schlug die Theologenlaufbahn ein und entwickelte sich zu einem
kosmopolitisch veranlagten hervorragenden Kirchenhistoriker. Er besaß
keine schöpferische Phantasie, aber aus seinen Briefen an _Treitschke_
ergibt sich eine gesunde Abneigung gegen alles Philiströse, die
Einsicht, daß das Christentum die Herrschaft über die modernen Völker
eingebüßt habe, warme Teilnahme an den Einigungsbestrebungen in
Deutschland, jedoch auch die Überzeugung, daß die Kultur über der
Politik zu stehen habe und menschliche Ideale höher als politische zu
werten sind. Overbeck folgte 1870 einem Rufe nach Basel und wurde dort
Nietzsches Hausgenosse. Es entwickelte sich ein täglicher, andauernd
schattenloser Verkehr. Die innere Gemeinsamkeit ergibt sich aus
Overbecks Worten: »Wir sind zwei Gelehrtennaturen, die über sich hinaus
wollen, nur so vermag ich mir unsere innige Freundschaft zu erklären
bei so enormer Ungleichmäßigkeit unserer Begabung und ebenso großem
Unterschiede unseres Temperaments.«
Overbeck war sich der geistigen Überlegenheit Nietzsches ohne Neid
bewußt. Dessen wahre Größe hat er niemals voll erkannt, aber er
hatte ein feinfühliges Verständnis für die Schwere der Aufgabe, die
Nietzsche durch seine geniale Veranlagung gestellt war, und gewann
ihn lieb. Overbecks gelassene und bedächtige Natur wurde von seinem
Freunde wohltätig beruhigend empfunden. In der öfteren Hingabe
an eine gemeinsame übermütige Ausgelassenheit mochten beide eine
zeitweilige Befreiung vom Drucke einer ihnen fremden Umwelt finden.
Wir wollen _uns_, aber nichts für uns, lautet der Sinn eines tapferen
Bekenntnisses Overbecks. Er sah die Kulturverhältnisse im neuen
Deutschen Reich nicht »rosig« an, wie Treitschke, sondern empfand einen
fast ebenso heftigen Widerwillen gegen »die geleckte Barbarei« wie
Nietzsche. Wo es galt, seinen Radikalismus zu bekennen, da hat dieser
persönlich-liebenswürdige Mensch und Forscher es ernst und freimütig
getan und Nietzsches Hoffnung gestärkt, daß, was sie in »unheimlicher
Vereinzelung« wollten, einmal Tat werde.
Bereits ein Jahr nach seiner Berufung wurde Nietzsche in
Basel ordentlicher Professor. Als der Krieg ausbrach, ging er
als Krankenpfleger nach Frankreich, erkrankte aber bei einem
Verwundetentransport an Ruhr und Diphtheritis und nahm, noch ehe seine
Genesung sich genügend vollzogen hatte, seine Lehrtätigkeit in Basel
wieder auf.
Wenn wir uns Rechenschaft darüber geben, in welcher Einsicht sich
Burckhardt, Nietzsche und Overbeck ihrer Übereinstimmung besonders
bewußt waren, so gelangen wir zu dem Problem der _Bildung_.
Wie Schöpfung ursprünglich nur die Erschaffung, noch nicht das
Erschaffene bedeutete, so Bildung die Schaffung oder Entstehung eines
Gebildes. Aber auch wenn wir das Wort vom Hervorgebrachten gebrauchen,
können wir zwischen einer Bildung der _Kultur_ und einer solchen der
_Zivilisation_ unterscheiden. Dort Wachstum, Gestaltung und Belebung;
hier Anerzogenheit, Abschleifung und Belehrung. Kulturelle Bildung
erwirbt, wer die Einsichten früherer Zeiten als geistige Nahrung zu
einem Bestandteil seiner eigenen Natur macht; Bildung im Sinne der
Zivilisation, wer diese Einsichten nur reflektiert. Das Programm
unserer Schulen ist nur auf die letztere gerichtet. Sie erschließt
dem Einzelnen damit Wege zum Erwerb, fördert so zivilisatorisch die
Gesellschaft und mittelbar die Macht des Staates. Sie ist bestrebt, die
Bildung möglichst zu verallgemeinern. Aber dieser Drang zur Erweiterung
nötigt den Einzelnen zur Spezialisierung. Die natürliche Folge
davon ist eine _Verminderung_ des Wissens; denn die Spezialisierung
verbraucht vampyrartig ihre Geschöpfe, wie uns die Enge des Horizontes
bei Fachgelehrten beweist. Die unselige Wirkung der Verflachung der
Bildung durch übertriebene Verbreitung sehen wir im Chaos unserer
literarisch-künstlerischen Öffentlichkeit. Sie hat dazu geführt, daß
der Journalist, der Diener des Augenblicks, an die Stelle des großen
Genius, des Erlösers vom Augenblick, getreten ist.
Schon in den niederen Klassen unserer Schulen werden Aufsätze verlangt,
in denen mit knabenhafter Überlegenheit Kritik an unseren Klassikern
geübt wird. Jeden betrachtet man ohne weiteres als ein literaturfähiges
Wesen, das über die ernstesten Dinge und Personen eigene Meinungen
haben soll, während eine rechte Erziehung den lächerlichen Anspruch
auf eine frühreife Selbständigkeit des Urteils zu unterdrücken hätte,
um den jungen Menschen an einen strengen Gehorsam unter dem Zepter des
Genius zu gewöhnen. Ist doch unter vielen Tausenden kaum einer berufen,
sich schriftstellerisch zu betätigen. Man glaubt freie Persönlichkeiten
zu erziehen, aber indem man die allernächste praktische Zucht in
Wort und Schrift nicht als heilige Pflicht nimmt, gelangt man nicht
einmal zur Beherrschung der Muttersprache; und doch beginnt erst
mit der richtigen Gangart der Sprache die Bildung. Wir sind von
jener Bildungshöhe heruntergesunken, die das deutsche Wesen dank den
Bemühungen seiner großen Dichter und Denker erreicht hatte, weil wir
nicht an der aristokratischen Natur des Geistes festhielten.
Auch beim Hinblick auf die Universität und die »akademische Freiheit«
ergibt sich das gleiche Bild einer Pseudokultur unserer »Jetztzeit«.
»Nie haßte man so stark jede Sklaverei, auch freilich die Sklaverei der
Erziehung und Bildung.«
Wir haben hiermit den wesentlichen Inhalt der fünf Vorträge
wiedergegeben, die Nietzsche 1872 über die »_Zukunft unserer
Bildungsanstalten_« hielt. Es gilt diese Gedanken radikal zu erfassen
und sich des Gegensatzes bewußt zu werden zu allem, was uns als
moderne Ideen einen kulturellen Aufstieg vortäuscht. Die Grundlage
unserer Bildung vermag fruchtbaren Boden nur in einem nachhaltigen
philosophischen Erstaunen zu finden über ernste Probleme, die das Leben
uns stellt. Führt sie nur zu historischer Ausdeutung und philologischer
Abwägung, so ergibt sich nur ein Wissen um das Wissen und an Stelle der
Begeisterung das ~nil admirari~, nicht aber die Ansätze, durch die wir
zum Gebilde werden. Eine wahre Bildungsinstitution dagegen muß wurzeln
in einer innerlichen Erneuerung und Erregung der sittlichen Kräfte.
In welcher Weise ist also wahre Bildung zu lehren und zu fördern?
Das Beispiel hierfür bieten uns Nietzsches Vorträge über »_Die
Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen_«. Wer an großen
Menschen überhaupt seine Freude hat, der hat auch seine Freude an ihren
philosophischen Systemen, jedoch nur insofern als er daraus das Bild
der Persönlichkeit gewinnt. Also keine Vollständigkeit anstreben; denn
was nützt uns die bloße Aufzählung aller möglichen, längst widerlegten
Systeme, sondern Auswahl und Beschränkung. Nur wenn die Persönlichkeit
selbst wieder zu uns spricht, hören wir die Polyphonie der griechischen
Natur wieder erklingen.
_Thales_ und _Heraklit_ erstehen durch Nietzsche vor uns als
schöpferische Meister voll genialischem Vorgefühl der zukünftigen
Fruchtbarkeit ihrer Ideen. Wohl mochte mancher seiner Schüler auch
bei Nietzsche, zum Beispiel bei den Ausführungen über _Anaximander_
zunächst nur eine Darlegung des Systems heraushören, aber wie
lebendig tritt auch hier in der Folge die Persönlichkeit ans Licht.
Den Hauptton legte Nietzsche auf das Wirken von Heraklit und seine
Lehre der _Polarität_, d. h. des Auseinandertretens der Kraft in zwei
qualitativ verschiedene, entgegengesetzte und zur Wiedervereinigung
strebende Tätigkeiten. Durch Heraklit wird die Schuld in den Kern
der Dinge verlegt und so die Welt des Werdens und der Individuen
von ihr entlastet, obwohl sie verurteilt bleiben, ihre Folgen zu
tragen. Das Leben bedeutet, in diesem Sinne gesehen, nicht mehr
die Strafe des Gewordenen, sondern die Rechtfertigung des Werdens.
Wer nicht auseinander- sondern zusammenschaut, für den läuft alles
Widerstrebende in eine Harmonie zusammen. Solche Erkenntnis verlangt
nach keinem ethischen Imperativ: »Du sollst!«, sondern für Heraklit
war die Welt das unschuldige Spiel des Äon. Er verkündet uns
nicht an der Strickleiter der Logik erkletterte, sondern intuitiv
erfaßte Wahrheiten. »Das Werden ist kein moralisches, sondern ein
künstlerisches Phänomen.« Man versteht, warum ihn Nietzsche zu seinen
Ahnen zählte.
Vom Griechentum schlug Nietzsche Brücken zur jüngsten Vergangenheit,
indem er Kant und besonders Schopenhauer zitierte. Aber der Besitz
wahrer Bildung zeigt sich vor allem darin, daß wir in der eigenen
Gegenwart das Große erkennen. »Man hat mit Recht gesagt, daß ein Volk
nicht sowohl durch seine großen Männer charakterisiert werde, als durch
die Art, wie es dieselben erkenne und ehre.« Er wäre nicht Nietzsche
gewesen, wenn ihn nicht der Drang erfüllt hätte, auch hierin sich
in den Dienst der Kultur zu stellen. Solche Entscheidungen erfolgen
nicht willkürlich, noch zufällig. Wir dürfen heute sagen, es gehörte
zu Nietzsches Schicksal, zur Entfaltung seines Wesens, zur Bewährung
seiner Grundsätze, daß er damals dem Manne begegnete, von dem er
jubelnd einem Freunde verkünden durfte: »Ich habe einen Menschen
gefunden, der wie kein anderer das Bild dessen, was Schopenhauer ›das
Genie‹ nennt, mir offenbart und der ganz durchdrungen ist von jener
wundersam innigen Philosophie. Dies ist kein anderer als _Richard
Wagner_ ... In ihm herrscht eine so unbedingte Idealität, eine solche
tiefe und rührende Menschlichkeit, ein solch erhabener Lebensernst, daß
ich mich in seiner Nähe wie in der Nähe des Göttlichen fühle.«
Der Jünger
Die verehrende Kraft in uns ist so wesentlich wie das
zu verehrende Objekt.
_Burckhardt._
Die Lebensgeschichte Richard _Wagners_ wurde vor allem dadurch zu
einer Leidensgeschichte, daß Wagners Streben darauf gerichtet war, das
Theater in den Dienst der Kultur zu stellen. Es handelte sich dabei
nicht um eine Reformation des Theaters, sondern um eine Regeneration
unserer gesamten Kulturverhältnisse im Sinne des Griechentums. Frau
Wagner hat mir einmal geschrieben: »Das Wort Reformation der Kunst
war in Wahnfried ganz besonders mißliebig. Was wäre da zu reformieren
gewesen? hieß es öfter, etwa die Oper?«
Als Wagner 1862 die Dichtung zum »Ring des Nibelungen« veröffentlichte,
sah er zwei Wege vor sich, um zur Vollendung und stilgemäßen Aufführung
des Werkes zu gelangen. Entweder eine Vereinigung kunstliebender
Männer, oder die Unterstützung durch einen Fürsten. Dieser Fürst fand
sich in dem jungen Bayernkönig. _Ludwig der Zweite_ berief Richard
Wagner zur Verwirklichung seiner Pläne nach München und ebenso dessen
Freund _Hans von Bülow_, der mit _Liszts_ Tochter, _Cosima_, vermählt
war. Der König verkündete: »Von dem Ernste der Kunst muß alles erfüllt
werden!« Aber reaktionärer, ultramontaner und philiströser Widerstand
erwies sich als übermächtig. Wagner sah seine Pläne scheitern und war
gezwungen, München zu verlassen. Er zog sich körperlich und seelisch
tief erschüttert nach _Tribschen_ bei Luzern zurück, ohne Aussicht auf
eine Errettung. Aber sie sollte ihm dennoch werden durch die Liebe
Frau Cosimas. Hans von Bülow hat einmal den Ausspruch getan: »Der
Produzierende geht vor dem Reproduzierenden.« Dieses Wort sollte an
ihm mit furchtbarer Tragik zur Wahrheit werden. Seine Gattin trennte
sich von ihm, um in opferwilliger Hingebung an das Genie Wagners
dieses der Welt zu erhalten. Sie schuf Wagner ein Heim in Tribschen,
alles Unfreundliche und Störende der Welt fernhaltend, in beglückender
Einsamkeit.
Dort suchte ihn Nietzsche im Frühjahr 1869 auf. Er hatte sich längst
für seine Werke, vor allem »Tristan und Isolde« begeistert und für
die unverwüstliche Energie, mit der Wagner den Glauben an sich
»unter dem Hallo der ganzen ›gebildeten‹ Welt aufrecht erhielt«.
Bei einer früheren Begegnung in Leipzig hatte er Wagner mit ganz
unbeschreiblicher Wärme von Schopenhauer sprechen hören, aber erst der
Besuch in Tribschen erlangte eine entscheidende Bedeutung. Die Besuche
wiederholten sich, und Briefe flogen hin und her. Nietzsche schrieb
an Rohde, der stets von allem Kenntnis erhielt, was ihn tief bewegte:
»Was ich dort lerne und schaue, höre und verstehe, ist unbeschreiblich.
Schopenhauer und Goethe, Äschylus und Pindar leben noch, glaub'
es mir.« Aber auch Nietzsches Arbeiten brachten Wagner und seine
geistvolle Frau warmes und eindringendes Verständnis entgegen. Wie ein
Bote aus einer besseren und reineren Welt, kam er nach Wagners Wort zu
ihnen. Man richtete zwei Zimmer für ihn ein. Wagner erklärte: »Ich habe
jetzt niemand, mit dem ich es ernst nehmen könnte als mit Ihnen -- die
Einzige ausgenommen,« und Frau Wagner konnte ihm mitteilen, daß durch
ihn trübgemutete Stimmungen überwunden wurden, weil er heiter anregend
auf Wagners schöpferische Tätigkeit wirke. Er nahm innigen Anteil an
allen Freuden und Leiden in Tribschen und dachte mehrmals daran, seine
Professur aufzugeben, um sich unmittelbar in den Dienst des Genius zu
stellen. Aber Wagner war der Überzeugung, daß er auch als Philosoph ihm
helfe, die große »Renaissance« der Kultur zustande zu bringen.
Im Jahre 1871 ging Wagner auf den Gedanken zurück, die stilgemäße
Aufführung des »Ring des Nibelungen« durch eine Vereinigung von
Kunstfreunden zu ermöglichen. Auf seine öffentliche Einladung zur
Anmeldung antwortete zunächst allerdings nur mein Vater und leitete
durch die Gründung der Wagner-Vereine eine Bewegung ein, die zwar
nicht die erhoffte finanzielle Hilfe ausreichend bot, aber doch
dem Unternehmen einen volkstümlichen Boden schuf. Raoul _Richters_
Vermutung, die Gründung der Vereine sei auf eine Anregung Nietzsches
zurückzuführen, trifft zwar nicht zu, aber Nietzsche begrüßte die
Bewegung mit Sympathie. Er wurde nicht nur Mitglied des Mannheimer
Wagner-Vereins, sondern beabsichtigte auch in der Schweiz einen solchen
zu gründen, schrieb seinen bereits erwähnten »Mahnruf«, veranlaßte
Wagner, in einer öffentlichen Mitteilung an die Vereine eine besondere
Warnung einzufügen, durch Übereifer der geschäftlichen Propaganda
nicht die Idealität des Unternehmens zu verdunkeln, und warb unter
seinen Freunden für Bayreuth, wobei er seine Schwester, Rohde und von
Gersdorff auch persönlich mit Wagner bekannt machte. Besonders von
Gersdorff wurde ein begeisterter Verehrer. Er war, nach Overbecks
Zeugnis, der schöne Typus eines echten Edelmanns, voll Haltung und
Würde bei einfachen Manieren; ein grundgütiger Mensch, auf den man sich
verlassen konnte. Nietzsches größte Tat zugunsten Wagners und seiner
Ziele war, daß er ein bereits längere Zeit vorbereitetes Griechenbuch
»_Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik_« ausklingen ließ
in eine Hoffnung auf deren Wiedergeburt und Wagner damit in Verbindung
brachte.
Dem Werke liegt die Heraklitische Erkenntnis von der Polarität
zugrunde. Wie die Generation von der Zweiheit der Geschlechter, von
fortwährendem Kampfe und nur periodisch eintretender Versöhnung
abhängt, so die Fortentwicklung der Kunst von der Duplizität des
_Dionysischen_ und des _Apollinischen_. Wie im Baume die wurzelnährende
Wärme der Erde und das blütenentfaltende Licht der Sonne sich
vereinigt, so im vollendeten Kunstwerk jene zwei polaren Mächte.
Wenn wir an die Frühlingsfeste ursprünglicher Menschen und Völker
denken, bei denen im _Rausch_ geschlechtlicher Erregung alles
Subjektive in Selbstvergessenheit schwindet und der Bund zwischen
Mensch und Mensch sich erneuert, als gelte es zur _Ureinheit_
zurückzukehren, so gewinnen wir eine Vorstellung vom Zauber des
Dionysischen. Wenn wir an die Gestaltungsgabe der dichterisch
wirksamen Phantasie im _Traume_ denken, als maßvolle Begrenzung
und Befreiung von den wilderen Regungen, so gewinnen wir eine
Vorstellung der weisheitsvollen Ruhe des Apollinischen. Dort mystische
Selbstentäußerung bis zu dem Gefühl des Einsseins als Genius der
Gattung, hier _Vision_ des eigenen individuellen Zustandes, dessen
Einheit mit dem innersten Grund der Welt sich in einem gleichnisartigen
Traumbilde offenbart.
Das Dionysische kommt vor allem in der Musik, das Apollinische in der
Kunst des Bildners, aber auch des Dichters zum Ausdruck. Bei wilden
Völkern wurden jene Frühlingsfeste in ihrer Mischung von Wollust und
Grausamkeit durch den Überschwang geschlechtlicher Zuchtlosigkeit
gekennzeichnet, bei den dionysischen Orgien der Griechen erhielten
sie die Bedeutung von Welterlösungsfesten und Verklärungstagen, dank
der Gegenwirkung des apollinischen Schönheitstriebes. Grausenhafte
Wollust des Seins und verklärende Freude des Scheins, Expressionismus
des Gattungwesens und Impressionismus der Einzelerscheinung vermählten
sich. Aus ihrem Bunde ist die Tragödie der Griechen erstanden.
Wir begegnen also in der »griechischen Heiterkeit« durchaus nicht einem
Optimismus wie in der Selbstgefälligkeit der modernen Zivilisation,
sondern diese Heiterkeit war das notwendige Gegenspiel einer tief
tragischen Erkenntnis. Lustvolle Illusionen wurden Sieger über eine
schreckliche Tiefe der Weltbetrachtung. »Hier erinnert nichts an
Askese, Geistigkeit und Pflicht: hier redet nur ein üppiges, ja
triumphierendes Dasein zu uns, in dem alles Vorhandene vergöttlicht
ist, gleichviel ob es _gut_ oder _böse_ ist.«
In dieser Deutung des Griechentums durch Nietzsche erkennen wir sowohl
die Wurzeln seines Illusionismus, der den Menschen selbst den Wert des
Lebens bestimmen läßt, als seinen Amoralismus, der das Dasein nicht
ethisch, sondern als künstlerisches Phänomen einschätzt.
Wie ist die griechische Tragödie entstanden? Nietzsche antwortet: _aus
dem tragischen Chor_. Um dies zu verstehen, müssen wir auf den Ursprung
des Wortes und seine Erweiterung zurückblicken. Aus der eigentlichen
Bedeutung des Chores als eines _umgrenzten Tanzplatzes_ entwickelte
sich zunächst die übertragene Anwendung auf den Reigentanz der, mit
Gesang verbunden, zu Ehren einer Gottheit bei festlichen Anlässen
aufgeführt wurde, um dann ganz von diesem Gesang gebraucht zu werden.
Erinnern wir uns an das Bekenntnis _Schillers_: »Die Empfindung ist bei
mir anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser bildet sich
erst später. Eine gewisse _musikalische_ Gemütsstimmung geht vorher,
und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee.« Ähnlich haben
wir uns bei den Dionysosfesten der Griechen die musikalische Stimmung
zu vergegenwärtigen, als eine bis zur Selbstvergessenheit führende
Gemeinsamkeit stärkster Gefühle, die ihren Ausdruck zunächst in Tänzen
und Gesängen fand und so lange eine Steigerung und Vertiefung erfuhr,
bis diese Musik den ergriffenen Dionysosjüngern gleichsam _sichtbar_
wurde. Erst wenn wir den Ursprung der Tragödie im dionysischen Chor
sehen, wird uns die _Orchestra_ vor der Szene verständlich; denn Szene
und Aktion wurden ursprünglich nur als Vision gedacht. Ähnlich erklärte
sich Wagner das Verhältnis von Musik und Aktion; nur daß es jetzt nicht
mehr der Chor, sondern das _Orchester_ ist, das die schöpferische
Aufgabe der Musik zu erfüllen hat. »Sie tönt, und was sie tönt, möget
ihr dort auf der Bühne erschauen.«
Die griechische Tragödie mußte untergehen, als der Geist der Musik
aus ihr verschwand. Der Geist der Musik wurde vernichtet durch
die optimistische Dialektik. Diese antidionysische Tendenz fand
ihren unerhört großartigen Ausdruck in _Sokrates_. Er ist daher
für Nietzsche der Typus des theoretischen Menschen, der nicht mehr
in der Unbewußtheit des _künstlerischen_ Schaffens, sondern in der
Bewußtheit des _wissenschaftlichen_ Erkennens das Heil sucht. Sobald
die Wissenschaft die Grenzen ihrer Möglichkeiten erkennt, muß sie
instinktiv in Kunst umschlagen. Denn die Kunst allein vermag die
Pforten ins Metaphysische zu erschließen. Nur ein theoretischer
Optimismus, wie ihn Sokrates verkörpert, kann in seiner Überhebung an
die Ergründlichkeit der Natur der Dinge durch das Wissen glauben.
Kant und Schopenhauer haben uns gelehrt, die Grenzen der Wissenschaft
zu erkennen, und die deutsche Musik, wie wir sie vornehmlich in
ihrem mächtigen Sonnenlaufe von Bach zu Beethoven, von Beethoven zu
Wagner zu verstehen haben, verbürgt uns das allmähliche Erwachen
des dionysischen Geistes. Wir müssen uns zugestehen, daß seit dem
edelsten Bildungskampfe Goethes, Schillers und Winckelmanns wir immer
mehr aufgehört haben, auf einer gleichen Bahn zur Bildung und zu den
Griechen zu kommen; aber noch bleibt uns die Hoffnung, daß aus dem
Geiste der Musik eine Wiedergeburt des hellenischen Altertums erfolge.
Die Zeit des sokratischen Menschen ist vorüber, ruft Nietzsche jetzt,
wagt es nur, tragische Menschen zu sein; denn ihr sollt erlöst werden!
Zu Neujahr 1872 sandte Nietzsche sein Buch an Wagner, in der Hoffnung,
später manches besser machen zu können. »Später nenne ich hier die
Zeit der Erfüllung, die Bayreuther Kulturperiode.« Wagner antwortete
begeistert: »Schöneres als Ihr Buch habe ich noch nichts gelesen!
Alles ist herrlich!« und versicherte ihm: »Tief und weit blicke ich
mit Ihnen, und unabsehbar weite Gebiete hoffnungsvollster Tätigkeit
eröffnen sich vor mir -- vor mir -- mit Ihnen zur Seite.«