Nietzsche spielte schon in jungen Jahren mit dem Gedanken, d

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_An

alle Freunde der

UB_

»In diesen Zeiten ist die UB mehr noch als früher zum Helfer vieler

geworden, die nach gutem Lesestoff dürsten«, schrieb die »Zeitschrift

für Deutschkunde«. Der Verlag Reclam will angesichts dieser Tatsache

seinerseits alles versuchen, um allen zu helfen, für die Bücher zum

unentbehrlichen Lebensgefährten geworden sind und sie immer mehr zu

einer großen Gemeinde der Reclamfreunde zusammenzuschließen. Er hat zu

diesem Zwecke

_Scheckbücher_

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des Bestellers herausgegeben, die neben anderen Vorteilen eine

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[Illustration: Aus dem ~Corpus Imaginum~ der Photographischen

Gesellschaft, Charlottenburg.

Friedrich Nietzsche

Nach einem Bildnis von John Philipp]

Nietzsche

Sein Leben und seine Lehre

von

Karl Heckel

Mit einem Bildnis Nietzsches

Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig

Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranzkrone: euch, meinen

Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich

heilig; ihr höheren Menschen, _lernt_ mir -- lachen!

Also sprach Zarathustra.

Übersetzungsrecht vorbehalten

~Copyright 1922 by Philipp Reclam jun., Leipzig~

_Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig_

Vorrede

Meine persönliche Berührung mit Nietzsche erfolgte in jungen

Jahren im Dezember 1871. Damals leitete Richard Wagner in meiner

Vaterstadt Mannheim ein Konzert, das als erstes für die »Bayreuther

Bühnenfestspiele« durch den von meinem Vater kurz zuvor begründeten

»Wagner-Verein« veranstaltet wurde. Gemeinsam mit Frau Cosima Wagner

traf Nietzsche aus Basel schon einige Tage vor dem Konzert in Mannheim

ein, um nicht nur dem Konzert, sondern auch den Proben, sowie der

Uraufführung des »Siegfried-Idylls«, die vor einem Kreise geladener

Gäste stattfand, beizuwohnen. Er befand sich des öfteren in Begleitung

Wagners, wenn dieser meinen Vater Emil Heckel besuchte, und ich erfuhr

von tiefgründigen Gesprächen, die zwischen Wagner, Frau Cosima und

Nietzsche in jenen Tagen stattfanden. Sie betrafen hauptsächlich die

Griechen und Schopenhauer, sowie die Kulturverhältnisse in Deutschland

und weckten mein Interesse für den Wagner so treu ergebenen Basler

Professor, der auch an den Bestrebungen des Wagner-Vereins warmen

Anteil nahm.

Als sich nach Wagners Abreise die Nachricht verbreitete, er sei

in Tribschen bei Luzern lebensgefährlich am Typhus erkrankt,

telegraphierte Nietzsche an meinen Vater: »Gerücht ganz unbegründet;

beste Nachrichten aus Tribschen. Herzliche Neujahrswünsche dem

Wagnerverein. Professor Nietzsche.«

Und wieder vernahm ich von Nietzsche, als er im Mai des nächsten

Jahres mit meinem Vater bei der Grundsteinlegung des Festspielhauses

in Bayreuth zusammentraf. Nach derselben fuhren Nietzsche, sein

Freund von Gersdorff und mein Vater gemeinsam mit Wagner nach der

Stadt zurück. Wagner saß ernst und schweigend und sah, wie Nietzsche

es so treffend bezeichnete, »mit einem Blick lange in sich hinein«.

In seiner unzeitgemäßen Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth«, der

ersten Schrift, die ich von Nietzsche kennen lernte, knüpft er an diese

Rückfahrt vom Festspielhügel tiefsinnige Betrachtungen an, die er

mit den Worten abschließt: »Was aber Wagner an jenen Tagen innerlich

erschaute -- wie er wurde, was er ist und sein wird -- das können wir,

seine Nächsten, bis zu einem Grade nachschauen: und erst von diesem

Wagnerischen Blick aus werden wir seine große Tat selber verstehen

können -- um mit diesem Verständnis ihre Fruchtbarkeit zu verbürgen.«

Auch in späteren Jahren gedachte Nietzsche noch mit Wärme der Tage

der Grundsteinlegung und »der kleinen zugehörigen Gesellschaft, die

sie feierte und der man nicht erst Finger für zarte Dinge zu wünschen

hatte«.

Auch in der Folge sollte ich Weiteres über Nietzsche erfahren und

mittelbar miterleben. Als mein Vater Wagner den Vorschlag machte,

Einzeichnungslisten für Patronatscheine zu den Festspielen in den

deutschen Buchhandlungen aufzulegen und gleichzeitig einen Aufruf zu

erlassen, bat ihn dieser, wegen Abfassung des Manifestes Nietzsche zu

Rate zu ziehen, er habe hierfür »ganz besonderes Zutrauen zu ihm --

gerade zu ihm«. Nietzsche entsprach der nun erfolgenden Aufforderung

und verfaßte seinen zielbewußten »Mahnruf an die Deutschen«. Vorher

schrieb er nach Mannheim:

Geehrtester Herr Heckel,

das was Sie von mir verlangen, wird besorgt. Ihr Entwurf für

die Buchhändler scheint mir vortrefflich, wie überhaupt der

ganze Plan wieder für seinen Urheber spricht. Lassen Sie

mir den Entwurf zu näherer Prüfung noch ein paar Tage[1],

vielleicht kann ich dann den meinigen mitschicken. Ich komme,

falls meine Gesundheit irgendwie es zuläßt, am 30. d. M.

nach Bayreuth. Von meinem Entwurfe will ich hier eine Anzahl

gedruckte Abzüge machen lassen: er ist dann besser zu übersehen

und nötigenfalls zu revidieren.

Treulichst Ihr Nietzsche.

Basel, 19. Oktober 1873.

[1] Nein: ich schicke ihn gleich und habe ihn bereits

durchgesehen.

Wagner billigte die Fassung des »Mahnrufs« durchaus; aber die

Delegierten der Wagner-Vereine waren der Ansicht, daß derselbe

wohl allen Freunden aus dem Herzen gesprochen sei, aber Gegner und

Gleichgültige nicht bekehren werde.

In einem Briefe an Freiherrn von Gersdorff schrieb Nietzsche hierüber:

»Also ich war von Mittwochabend bis Montagmorgen auf der Reise,

hinwärts allein, rückwärts mit Heckel zusammen. In Bayreuth war etwa

ein Dutzend Menschen zusammengekommen, lauter Delegierte der Vereine

und ich der einzige Patron an sich. -- Nach der Besichtigung in Dreck,

Nebel und Dunkelheit war die Hauptsitzung im Rathaussaal, in der mein

»Mahnruf« von seiten der Delegierten artig aber bestimmt abgelehnt

wurde; ich selbst protestierte gegen eine Umarbeitung und empfahl Prof.

Stern für die schnelle Anfertigung eines neuen Fabrikats. Dagegen wurde

Heckels vortrefflicher Vorschlag, bei sämtlichen deutschen Buchhändlern

Sammelstätten zu errichten, approbiert.«

-- In der Verehrung Wagners aufgewachsen, vertiefte ich mich nach

dem Besuch der ersten Bayreuther Bühnenfestspiele in das Studium

Schopenhauers, veröffentlichte später philosophische Deutungen

des »Parsifal«, unterschied jedoch schon damals zwei Richtungen

in Wagners Schaffen: die lebensfreudige des Siegfried und die

entsagungswillige des Parsifal. Ich beurteilte die Werke Wagners unter

diesem Gesichtspunkte als sich ergänzende Gegensätze. Und nun, als

ich Nietzsches Werke aus der Zeit nach der Abkehr von Bayreuth kennen

lernte, da sah ich auch in Wagner und Nietzsche selbst Kontrapunkte

der kulturellen Entwicklung. Diese Erkenntnis veranlaßte mich zu

einer Zeit, da man einerseits bei Nietzsche nur eine willkürliche

Abtrünnigkeit von Wagner, anderseits bei Wagner nur einen Abfall von

seiner seitherigen Lebensanschauung sah, zu einer Betrachtung aus der

Vogelperspektive, die bestrebt war, beiden gerecht zu werden. Und so

unternahm ich in einem Aufsatz »_Wagner und Nietzsche_«, der 1897 in

der »Neuen Deutschen Rundschau« erschien, erstmals den Versuch, die

Scheidung der beiden Freunde als notwendig aus ihrer innersten Natur

und Entwicklung darzustellen und auf die Polarität ihrer Bestrebungen

zu verweisen.

Daß diese Auffassung Nietzsches eigener Anschauung entspricht, bezeugt

uns sein Aphorismus »Sternenfreundschaft«, worin er im Hinblick auf

Wagner schrieb: »Es gibt wahrscheinlich eine ungeheuere Kurve und

Sternenbahn, in der unsere so verschiedenen Straßen und Ziele als

kleine Wegstrecken einbegriffen sein mögen -- erheben wir uns zu diesem

Gedanken.«

Mit großer Spannung sah ich der Aufnahme entgegen, die meine

Ausführungen sowohl in Wahnfried als im Nietzsche-Archiv finden

würden. Aber noch sah man in Bayreuth nur den Abfall Nietzsches

von Wagner, nicht seinen eigenen Aufstieg, und so schrieb mir Frau

Wagner: Ziele habe Nietzsche nicht gehabt, sondern eine schwere

Krankheit, die ihn von Bayreuth trennte; da könne man kaum selbst nur

von Meinungsverschiedenheiten sprechen. In vollem Gegensatz hierzu

stand die Beurteilung, die mein Aufsatz in Weimar fand. Frau ~Dr.~

Förster schrieb an meinen Vater: »Soeben lege ich den Artikel Ihres

Herrn Sohnes in der »Neuen Deutschen Rundschau« aus der Hand, und ich

kann wohl sagen, daß ich _zum erstenmal_ an einem über meinen Bruder

geschriebenen Artikel aufrichtig Freude gehabt habe.«

Gern entsprach ich dem Wunsche von Frau ~Dr.~ Förster, sie im

Nietzsche-Archiv zu besuchen. Ich hielt daselbst vor einem geladenen

Publikum einen Vortrag über Nietzsches Verhältnis zu Wagner und blieb

seitdem andauernd in Beziehung zu dem Hause auf dem Silberblick in

Weimar, woselbst Nietzsche im Jahre 1900 verstorben war. Gar manche

aufklärende Mitteilung wurde mir durch Frau ~Dr.~ Förster zuteil, wofür

ich an dieser Stelle meinen Dank ausspreche.

Aber auch noch einer anderen Frau darf ich dankbar hier gedenken: der

Verfasserin der »Memoiren einer Idealistin« _Malwida von Meysenbug_,

der gemeinsamen Freundin Wagners und Nietzsches. Während eines

über mehrere Jahre sich erstreckenden Briefwechsels gab sie mir

freundwilligst manche belangreiche Auskunft über Nietzsche.

Die hauptsächlichen Mitteilungen über sein Leben gründen sich vor

allem auf Nietzsches Briefe, auf die von der Schwester verfaßten

Biographien und auf Erinnerungen, welche von Personen, die mit ihm in

Verkehr standen, veröffentlicht wurden. Sie erfuhren Ergänzungen durch

persönliche Mitteilungen, die ich meinem Vater, Peter Gast, Freiherrn

von Seydlitz, ~Dr.~ M. G. Conrad und anderen verdanke.

Mein Aufsatz »Wagner und Nietzsche« in der »Neuen Deutschen Rundschau«

bildet gewissermaßen den Ausgangspunkt für das vorliegende Buch.

Indem dasselbe durch Betonung der Polarität zwischen Nietzsche und

Wagner, Nietzsche und Schopenhauer, Nietzsche und Sokrates, sowie

in Nietzsches Verhältnis zum Christentum, die Grundlinien seiner

Weltanschauung scharf und deutlich hervorhebt, hofft es der mächtigen

Einseitigkeit seines Radikalismus gerecht zu werden und der Gefahr

jedes verwischenden Kompromisses zu entgehen, der so manche Schrift der

Nietzsche-Literatur unterlag.

Dieses Ziel galt es unter gleichzeitiger Betrachtung seines Lebens und

seiner Lehre zu erstreben. Ich sagte mir, je kürzer und knapper es

mir gelingt, frei von jedem gelehrten Beiwerk die Grundlinien seines

Lebens und Schaffens zu zeichnen und alle anzuführenden Einzelheiten

organisch mit ihnen zu verbinden, desto leichter wird es dem Leser, in

die Gedankenwelt Nietzsches einzudringen und ihn mit mir zu -- erleben.

Dann erst, wenn sich uns, was er lehrte und lebte, dachte, dichtete

und sah, zu einem Vollbilde der schaffenden Persönlichkeit verdichtet,

dürfen wir zu erkennen hoffen, inwiefern mit Nietzsche, diesem

Meilensteinmenschen, eine neue Epoche der Kulturgeschichte anhebt, in

der nicht die Verächter des Lebens, sondern die Verklärer des Lebens

aus schwerbelasteter Gegenwart uns die Wege in das Heil der Zukunft

weisen.

Schöngeising bei München, Ostern 1922.

Karl Heckel.

Einleitung

Was für eine Philosophie man wählt, hängt davon ab, was

für ein Mensch man ist.

_Fichte._

Zwischen dem Wesen eines Menschen und den Begebenheiten seines

Lebens besteht ein tiefer Zusammenhang. Äußere Mächte beeinflussen

die organische Entwicklung innerer Kräfte. Umgekehrt entscheidet das

Wesen eines Menschen, was an Begebnissen zu Erlebnissen wird und

schicksalhafte Bedeutung erlangt. Diese Wechselwirkung von außen nach

innen und von innen nach außen bestimmt ebensowohl sein Handeln wie

sein Erkennen, sein Leben wie seine Weltanschauung.

Lebensbeschreibungen von Künstlern und Denkern wollen daher nicht

nur einer geschichtlichen Darstellung in der Folge der Zeit genügen,

sondern Einsichten in Wesen und Wirken erschließen. Sie enthüllen uns

nicht nur die Anlässe, die zu bestimmten Problemen führten, sondern

auch aus dem Wesen die Voraussetzungen, welche die Gestaltung des

Lebens bedingten.

Bei Nietzsche, dem Dichter, Denker und Seher, kommt der Erforschung

dieser Zusammenhänge eine ganz besondere Bedeutung zu, weil das

Leben selbst das Problem seiner geistigen Tätigkeit bildet. Wie

_Schopenhauer_ hat er eine radikale Entscheidung darüber angestrebt, ob

das Leben zu bejahen oder zu verneinen sei. Aber während Schopenhauer

aus der Erkenntnis der Tragik des Lebens auf die Notwendigkeit einer

verneinenden Wertung schloß, hat Nietzsche die Folgerung gezogen:

das Leben wird wertvoll durch eine bejahende Wertung. Wir bedürfen

keiner Tröstung auf ein Jenseits, das uns für die Leiden des Diesseits

entschädigt, sondern der Wert des Lebens hängt davon ab, wie wir

seinen Gehalt bestimmen. Darum Nietzsches Mahnung: »Freunde bleibt

der Erde treu!« Das Leben will sich, als Organismus betrachtet,

im Gegensatz zum Mechanismus der Wirklichkeit, fortgesetzt selbst

übertreffen, jedenfalls sich fortgesetzt wandeln. Dieses Werden und

Wandeln verlangt von uns andauernd neue Wertungen. Und darum wird

der Rang, der dem einzelnen Menschen zukommt, von dem Grad seiner

Fähigkeiten entschieden, dem Leben Gehalt zu geben. Wer den Wert des

Lebens als an sich vorhanden hinnimmt, wird sich zu ihm vor allem

als Genießender verhalten; wer sich berufen fühlt, ihm diesen Wert

erst zu verleihen, als Schaffender. »Trachte ich denn nach Glücke?

Ich trachte nach meinem Werke.« Und: »Schaffen -- das ist die große

Erlösung vom Leiden und des Lebens Leichtwerden.« Dem ersteren gilt

Tugend als Befolgung autoritativ gegebener Vorschriften, dem zweiten im

Sinne der Antike als Tüchtigkeit. Dort die Forderung: Betätigung des

Altruismus, hier die Forderung: Läuterung des Egoismus. Jenes das Ideal

der massenhaften Schwachen, dieses das Ideal der einzelnen Starken.

Dort Herdenmoral, hier Herrenmoral. Dort Herabsetzung der natürlichen

Willenskräfte, wie sie das Christentum anstrebt, hier ihre energische

Beherrschung, wie sie _Goethe_ fordert mit den Worten: »Des Mannes

Vorzug besteht nicht in gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft«. Dort

als Folgeerscheinung: Sozialismus hier: Individualismus.

Wohl bedingen und fördern Gesamtheit und Individuen einander; aber die

Frage steht offen, wem es zukommt, das Ziel zu bestimmen. Liegt dies

im größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl, oder darin, daß der

Typus Mensch seine größtmögliche Erhöhung erfährt? Wer Wesen und Zweck

des Daseins nur im Genuß sieht, den ihm das Glück beut, muß verlangen,

daß auch der große Einzelne letzten Endes keine andere Aufgabe kennt,

als der Wohlfahrt der Gesamtheit in ihrem Sinne zu dienen; wer dagegen

Wesen und Zweck des Lebens in Wachstum und Steigerung sieht, die sich

der Entfaltung eines schöpferischen Willens verdanken, wird Nietzsches

Worte verstehen: »Das Ziel der Menschheit liegt in ihren höchsten

Exemplaren«.

Der Schaffende im Sinne Nietzsches muß die Unterordnung des Schwachen

unter den Starken, des Kleinen unter den Großen verlangen. Aber er darf

es nur, wenn er sich selbst in den Dienst des Ideals stellt, das in der

Richtung des Aufstiegs zu einem höheren Leben leuchtet. Nicht jeder

ist zu diesem Aufstieg, der eigene Wege und selbstherrliche Betätigung

fordert, berufen; aber jeder kann mittelbar diesem Zwecke dienen, indem

er die Bedingungen erfüllt, welche die Entstehung und Entwicklung

solcher höheren Menschen fördern. Während der ersten Periode im

Schaffen Nietzsches stand in der Perspektive seiner Lehre: das Genie;

während der zweiten Periode: der Wissende und während der dritten

Periode: der Übermensch, als schöpferischer Gesetzgeber einer solchen

Wertlehre.

Was vermögen wir zu tun, daß der Typus des Menschen im Hinblick auf das

Ideal des Übermenschen eine Steigerung erfährt? Die Antwort lautet:

wir vermögen eine Kulturgemeinschaft zu schaffen, als deren Blüte

der höhere Mensch gedeiht. Das Genie war alle Zeit gezwungen, sich

im Gegensatz zu der herrschenden Kultur oder Unkultur zu entwickeln;

der Weise stellte sich abseits derselben; der Übermensch aber ist als

harmonischer Vollmensch gedacht, der aus Kulturverhältnissen erwächst,

in die er sich einzuwurzeln vermag. Erhöhung des Typus bedeutet

zunächst Erhöhung des Niveau. Wem »Gleichheit« als Parole gilt, wird

eine Ausgleichung der Höhenunterschiede anstreben zum Nachteil der

Großen; wer die Ungleichheit als gegeben anerkennt, wird im Niederen

die Schichten erkennen und ehren, aus denen das Hohe emporsteigt,

und sehnsüchtig nach diesem aufschauen. Alle Zukunft wurzelt in der

Niederung des Volkes. Aus ihm steigen die Kräfte auf, die sich

dereinst zur Blüte entfalten. Diese Einsicht lehrt uns die organische

Zusammengehörigkeit von Wurzel und Blüte. Solche Erkenntnis adelt das

Verhältnis von Hoch und Nieder.

-- _Kant_ hat die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens bestimmt. Wir

erkennen nur Erscheinungen. Aber wir folgern aus der Erscheinung, »daß

ihr etwas entsprechen müsse, was an sich selbst nicht Erscheinung ist«,

sondern das »Ding an sich«. Das Ding an sich bedeutet das unabhängig

von unserer Wahrnehmung Vorhandene, also das eigentlich Seiende.

Schopenhauer folgerte: Es ist das Innerste, der Kern jedes Einzelnen

und ebenso des Ganzen. Für die äußere Wahrnehmung ist es nicht

erkennbar, aber die innere Wahrnehmung, das »Selbstbewußtsein«, kann es

zwar nicht nackt enthüllen, aber es doch zum großen Teil entschleiern.

Gegenstand des Selbstbewußtseins ist allzeit nur das eigene Wollen.

Dieses ist uns unmittelbar gegeben, wenigstens als blinder zielloser

Drang. Diesen Drang, als etwas, das nicht weiter definierbar sei,

nannte Schopenhauer »Wille zum Leben«.

Lange Zeit begnügte sich auch Nietzsche mit dieser Definition. Dann

aber gelangte er zu der Überzeugung: das Wesen alles Geschehens ist

nicht Wille zum Leben (Schopenhauer), sondern Wille zur Steigerung

des Lebens; nicht Kampf ums Dasein (Darwin), sondern Kampf um ein

höheres stärkeres Dasein; nicht Trieb zur Selbsterhaltung (Spinoza),

sondern Trieb zum Selbstzuwachs. Auch das Prinzip Wille und Streit des

Empedokles steigerte sich für ihn zum Wettkampf um Sieg und Übermacht.

»Wo ich Lebendiges fand, da fand ich _Willen zur Macht_ und noch im

Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.«

Wohl ist der Wille zur Macht allen Menschen gemeinsam; aber nach

welcher Art von Macht man verlangt und zu welchem Zwecke, erweist

sich als rangbestimmend. Auch den höheren Menschen läßt die erlangte

Männlichkeit das größte Maß von Macht über die Dinge anstreben und

zwar aus innerster Fülle und Notwendigkeit. Dieser Trieb ist bei

Nietzsche nicht mehr blind gedacht, wie bei Schopenhauer, sondern

alles Tun soll Sinn bekommen. Er ist nicht zügellos gedacht, denn der

Befehlende soll seine Kräfte in der Gewalt haben. Aber er ist auch

nicht nachgiebig gedacht, denn der Schaffende der neuen Werte darf

humanitären Anwandlungen nicht unterliegen. Die Herrscher-Tugend, die

Züchter-Tugend ist die, welche auch über ihr Mitleiden Herr wird, um

des fernen Zieles willen. In der Perspektive dieser Anschauung steht:

der Übermensch als Herr der Erde, und die Forderung: Aufhebung alles

dessen, was der natürlichen Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten

entgegenstrebt, und endlich Ablösung des Zufalls durch Zusammenfassung

aller Kräfte zu diesem neuen Zweck.

Damit ist die Wegrichtung zur Höherzüchtung der Menschheit gewiesen,

die den eigentlichen Sinn der Lehre Nietzsches vom aufsteigenden

Leben bestimmt. Er hat der Deszendenzlehre Darwins ebenbürtig eine

Aszendenzlehre gegenübergestellt.

Wie seine Worte Herrenmoral, Übermensch, Immoralismus usw., so wurde

auch Wille zur Macht im Sinne einer Aufweckung niederer Triebe und

brutaler Vergewaltigung auf sozialem Boden mißdeutet. Das darf uns

nicht wundern; denn das Schicksal des Genies ist es allezeit gewesen,

unverstanden zu bleiben, nicht nur gleich einem Menschen, der in

einem fremden Lande seine eigene Sprache spricht, sondern das Genie

steht auch mit seinen vorausschauenden Überzeugungen außerhalb seiner

Zeit. Dem Nachlebenden mag es erstaunlich erscheinen, daß selbst von

jenen, die sich zu ihm als Freunde bekannten, Nietzsches Lehre nicht

in ihrer vollen Bedeutung erkannt wurde; aber wir haben kein Recht,

sie dieserhalb zu schmähen. Wie Jahre vergehen, ehe das Licht eines

neuerstandenen fernen Sternes zu uns gelangt, so bedarf auch das Werk

eines Genies Jahre und Jahrzehnte, ehe seine Strahlen das geistige

Auge treffen. Unsere historisch gebildete Generation setzt heute

vielfach ihren Stolz darein, allem Neuen liberal zuzujubeln, um nicht

rückständig zu erscheinen; aber sie irrt sich: sie vermag damit das

»Moderne« zu erhaschen, das im Vordergrund der Zeiten lebt, nicht aber

ungeahnte Werte zu erschauen.

Indem wir zur Betrachtung von Nietzsches Leben übergehen, zeigt sich,

daß nicht nur das Unverständnis für seine Worte und seine Lehre ihn

jenseits seiner Zeit stellte, sondern es öffnet sich auch der Abgrund,

der allezeit breit und tief klafft zwischen Menschen, die der Idee

leben, und jenen, denen der Intellekt nur ein Werkzeug bedeutet, sich

in der Wirklichkeit zu behaupten.

Frau Elisabeth Förster, Nietzsches verdienstvolle Biographin, hat mit

schwesterlicher Liebe und Verehrung Eigenschaften Nietzsches betont,

die auch bei dem Fernstehenden Sympathien für seine Persönlichkeit

wachrufen; anderseits wurde versucht, die Lehre Nietzsches in die

historische Entwicklung der Philosophie einzuordnen, um so, auf die

eine und die andere Weise, die Abstände zu überbrücken, die ihn von

unserer Zeit trennen. Als Aufgabe dieses Buches aber möchte ich im

Gegenteil bezeichnen, den Gegensatz radikal darzulegen, der Nietzsche

und seine Lehre trennt von der Gegenwart und ihrem immer noch

selbstgefälligen Optimismus im Hinblick auf die erreichte Zivilisation

und Kultur. Wohl ergibt sich dabei auch für uns eine Synthese; aber

nicht diejenige mit Weltanschauungen der Vergangenheit oder mit

Lebensprinzipien der Gegenwart, sondern mit den Erwartungen der

Zukunft.

Der Sohn

Im Leben beharrt kein Abgeschlossenes, sondern ein

Unendliches ist in Bewegung.

_Goethe._

Das Lot unserer Erkenntnis und die Staffel unserer Berechnungen reicht

nicht hinab bis zu den Urphänomenen der Natur. Wir können nicht

folgern: diese Eigenschaften hat die Mutter, jene der Vater, also wird

der Sohn so und so sein. Denn in jedem Individuum verkörpert sich ein

eigener schöpferischer Wille, dessen Spontanität wir nicht zu ergründen

vermögen. Es geht daher nicht an, einen Menschen nur als die Resultante

seiner Vorfahren anzusehen. Wohl aber können wir die Eigenschaften

derselben als Voraussetzungen und Beschränkungen betrachten, innerhalb

derer die Natur ihr Werk schafft. In diesem Sinne bleibt es immer für

die Darstellung eines Lebens von Interesse, Anlagen und Entwicklungen

der Vorfahren nachzuforschen. Freilich dürfen wir uns nicht verhehlen,

daß es meist nur die offenkundigen Einkleidungen der Psyche sind, deren

Bild wir erhaschen, nicht aber das verborgene unbewußte Seelenleben,

durch dessen Analyse erst tiefgründigere Schlüsse möglich würden.

Nietzsche spielte schon in jungen Jahren mit dem Gedanken, daß sein

Urgroßvater von einem polnischen Grafen _Niecki_ (Niëtzky) abstamme,

der 1715 nach Deutschland flüchtete. Gültige Beweise für diese Herkunft

waren nicht zu erlangen. Immerhin lassen Physiognomie und bestimmte

Charaktereigenschaften Nietzsches einen slawischen Einschlag als

wahrscheinlich erscheinen.

Die verbriefte Familiengeschichte Nietzsches setzt ein mit seinem

Urgroßvater Gotthelf Engelbert Nietzsche, Akzisinspektor in Bibra.

Gesundheit und Frohmütigkeit, Schönheit auch noch im hohen Alter werden

ihm nachgerühmt. Er wurde 92 Jahre alt.

Sein Sohn ~Dr.~ Friedr. Aug. Ludwig Nietzsche (1756--1826) war Pfarrer

in Wollmirstädt in Thüringen und später Pastor und Superintendent in

Eilenberg. Gründliche Bekanntschaft mit den Sprachen des Altertums

befähigten ihn zur Abfassung als trefflich gerühmter Schriften, die von

frommem Sinn zeugten. Jede Freude habe ihn beseelt und jeder Schmerz

habe ihm den Wert seines Amtes vermehrt. Auch bei ihm wurde die Würde

seines Wesens und seiner Erscheinung betont.

Er war zweimal verheiratet. Seine zweite Frau (Nietzsches Großmutter)

Erdmute Krüger, geb. Krause (1778--1859) stammte aus einer

Pastorenfamilie, deren Glieder heitere tätige Menschen waren. Sie

selbst wird als eine hübsche tüchtige Frau geschildert, erfüllt von dem

Willen, Freude zu bereiten. Ihre wundervollste Harmonie von Denken,

Sprechen und Handeln konnte sich nicht mit äußerlicher und rigoroser

Frömmigkeit befreunden. »Ich weiß nicht, was die Menschen jetzt wollen,

früher freuten wir uns über unserer und anderer Leute Tugenden,

aber jetzt freut man sich über seine und anderer Leute Sünden. Je

sündhafter, desto besser.«

Von Nietzsches Vater Karl Ludwig Nietzsche (1813 bis 1849) wissen wir,

daß er seine Examina vorzüglich bestand und als Pfarrer in Röcken (bei

Lützen) durch seine begeisterte Tätigkeit die Herzen seiner Gemeinde

gewann. Er wird als edle, poetische, auch in der Musik ungewöhnlich

begabte Persönlichkeit beschrieben. Nietzsche selbst schilderte ihn als

»zart, liebenswürdig und morbid, wie ein zum Vorübergehen bestimmtes

Wesen, eher eine gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst«.

Als Hauptzüge der meisten Glieder der Familie Nietzsche wird ein

lebhafter fröhlicher Geist, strenger Wahrheitssinn, die Liebe

zu würdigen, höflichen Formen, aber auch ein Zug zu einsamer

Unabhängigkeit bezeichnet.

Die Mutter, Franziska (1826--1897), entstammte der Familie _Öhler_. Sie

besaß offenbar praktischen Sinn, der sich der Welt gern anpaßte. Sie

befürchtete frühzeitig, daß ihrem Sohne aus seinem idealen Sinne und

aus seinem Verlangen nach Unabhängigkeit Schwierigkeiten erwüchsen.

Vermöge ihrer Gottesfürchtigkeit war ihr auch später das Verständnis

für seine atheistische Gesinnung verschlossen. Aber Mutter wie Sohn

verstanden es, sich die Achtung vor der Gesinnung des anderen zu

bewahren.

Die Fürsorge der Schwester für den erkrankten Nietzsche ist allgemein

bekannt. Nicht so die mütterliche Betätigung der Mutter. Aus ihren

Briefen an Nietzsches getreuen Freund Franz _Overbeck_ ersehen

wir, mit welch liebevoller und aufopfernder Hingebung sie für den

Erkrankten sorgte, dessen schwierige Pflege sie während der ersten

Zeit seiner Umnachtung übernahm. Ihre Briefe legen Zeugnis ab von

scharfer Beobachtungsgabe und beweisen in ihrem sprachlichen Ausdruck

einen gesunden natürlichen Verstand. Sie eine »bedeutende Natur« zu

nennen, und sie mit Goethes Mutter zu vergleichen, liegt jedoch keine

Berechtigung vor; dafür war sie nicht eigenartig und selbstherrlich

genug, aber ihre natürliche Begabung darf nicht unterschätzt werden.

Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken

geboren; seine Schwester Elisabeth zwei Jahre später; ein drittes Kind,

Joseph, starb bereits in seinem zweiten Jahre.

Wir wissen von vielen bildenden Künstlern, daß sie aus

Handwerkerfamilien stammten, und gelangten dabei zu der Folgerung, daß

sich die handwerkliche Übung mit der Zeit zu freier künstlerischer

Betätigung steigerte. Ähnlich mag es sich auch bei Denkern verhalten.

»Wo das Bedürfnis, die Not, die Menschen lange gezwungen hat, sich

mitzuteilen, sich gegenseitig rasch und fein zu verstehen, da ist

endlich ein Überschuß an Kraft und Mitteilung da, gleichsam ein

Vermögen, das sich allmählich aufgehäuft hat und nun eines Erben

wartet, der es verschwenderisch ausgibt.« Das trifft auch bei Nietzsche

zu. Aus dem Umstande, daß seine Vorfahren Theologen und Gelehrte voll

Haltung und Würde waren, mag man immerhin Voraussetzungen für seinen

philosophischen Beruf ableiten. Aber Nekrologe und Familientraditionen

beschränken sich fast nur auf die belichteten Außenseiten. Entwickelte

sich bereits bei Nietzsches Vorfahren unter der Schale ein Widerspruch

gegen die Strenggläubigkeit, ein Gegensatz zur konventionellen

Moral und der Drang, den Kampf mit der herrschenden Weltanschauung

aufzunehmen? Das sind Fragen, die zu stellen nahe liegt. Aber eine

Antwort mit genügenden Belegen bleibt uns versagt.

Günstiger verhält es sich mit dem Wissen um die Einflüsse der Erziehung

und der Verhältnisse, in denen Nietzsche aufwuchs. Von Schopenhauers

Eltern ist uns bekannt, daß sie in Unfrieden lebten und dem Sohne keine

freudenvolle Jugend bereiteten. Wohl nicht mit Unrecht hat man seine

Verbitterung auf diesen Umstand zurückgeführt. Ein ganz anderes Bild

bietet sich uns bei einem Blick in das Elternhaus Nietzsches, so daß

die schwesterliche Darstellung jener Zeit fast wie eine Idylle anmutet.

Nietzsche war als Philosoph, so gut wie Schopenhauer, alle Zeit

_Pessimist_. Ihn einen Optimisten zu nennen, ist nur bei einer

durchaus mißbräuchlichen Anwendung des Wortes möglich. Denn jeder

wesenhafte Ausdruck des Schmerzes über die Disharmonie der gewünschten

und der wirklichen Welt bedeutet Pessimismus. Der Gegensatz zwischen

dem Pessimismus Schopenhauers und Nietzsches liegt weniger in der

Erkenntnis als im Temperament. Dort die Folgerung: das Leben ist

allezeit mit Unlust gepaart, also gilt es den Willen zum Leben zu

verneinen; hier die gleiche Erkenntnis, aber die Folgerung: also gilt

es auch aus dem Leiden Kräfte zu gewinnen und auf Grund der »Idealität

des Unglücks« sich zu läutern und den Wert des Lebens zu steigern.

Nietzsche war von Kindheit an gesund und kräftig. Er zeigte frühzeitig

Leidenschaftlichkeit, aber auch die Fähigkeit der Selbstbeherrschung.

Seine Eltern behandelten ihn nicht mit ungestümer Strenge; so blieb er

vor jenem Trotz bewahrt, in den jede Eigenart bei Fehlern der Erziehung

verfällt.

Nach dem frühen Tode des Vaters übersiedelte die Mutter mit den beiden

Kindern nach _Naumburg_. Fritz besuchte die Bürgerschule. Er wirkte auf

die andern Kinder fremdartig. Sie nannten ihn »den kleinen Pastor«.

Nach einem Jahre kam er in eine Privatschule, zusammen mit den beiden

Freunden Wilhelm _Pinder_ und Gustav _Krug_, und dann in das Gymnasium.

Wilhelm Pinder, mit dem er als Knabe ein Theaterstück »Die Götter im

Olymp« schrieb, nennt als Grundzug seines Charakters eine gewisse

Melancholie die sich in seinem ganzen Wesen äußerte. »Von frühester

Kindheit an liebte er die Einsamkeit und hing da seinen Gedanken nach.«

In der Stimme und der Wahl der Ausdrücke habe ein eigentümliches Etwas

gelegen, das ihn von seinen Altersgenossen unterschied. Den Freunden

gegenüber zeigte er viel Initiative bei Erfindung und Leitung der

Spiele und wirkte erzieherisch auf sie ein. Neben seinen dichterischen

Produkten versuchte er sich in musikalischen Kompositionen und übte,

auch sich selbst gegenüber, eine souveräne Kritik.

Mit achtzehn Jahren kam er in die Landesschule _Pforta_ bei Naumburg,

wo er in Paul _Deussen_ und Freiherrn _von Gersdorff_ Freunde fand,

von denen der letztere sich hauptsächlich an seinen Improvisationen

erfreute. Auf nüchterne Naturen wirkte er als Sonderling, wie ich

aus dem Urteil eines früheren Schulgenossen entnehmen konnte, dem

ich einmal zufällig in der Schweiz begegnete. Zur Zeit seiner

Konfirmation stand er dem Christentum noch durchaus gläubig gegenüber.

Erst in seinem zweiundzwanzigsten Jahre wurde er sich eines »freien

Standpunktes« bewußt. Beim Verlassen von Schulpforta schrieb Nietzsche

ein Gedicht »Dem unbekannten Gotte«, das mit den charakteristischen

Worten schließt:

Ich will dich kennen, Unbekannter,

du tief in meine Seele Greifender,

mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,

du Unfaßbarer, mir Verwandter!

Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

Der Student

Alle heftige Unleidlichkeit der Unvollkommenheit ist

Schwäche.

_Novalis._

Die Schuljahre zeigten uns bei Nietzsche das typische Bild eines

phantasiebegabten Knaben, der in produktiven Arbeiten und ihrer

Aufnahme durch wenige sinnverwandte Freunde seine Befriedigung

findet, im übrigen aber sich weltfremd verhält. Mit dem Übergang

zur Universität in _Bonn_ regt sich jedoch das Verlangen, diese

Weltfremdheit zu überwinden und die Wirkungskreise weiter zu ziehen.

Er wird Mitglied der Burschenschaft »Franconia«, nimmt lustigen Sinnes

an den Äußerlichkeiten des Studentenlebens teil, um in den Strom der

Gemeinsamkeit unterzutauchen; erfreut sich auch, besonders durch seine

musikalische Betätigung, die damals unter dem Gestirn _Schumanns_

stand, einer Beliebtheit unter seinen Kommilitonen.

Nietzsches vielseitige Anlagen erschwerten ihm die Berufswahl. Er

entscheidet sich für die Philologie, läßt sich aber der Mutter zuliebe

auch in der theologischen Fakultät einschreiben, um jedoch bald dieses

Zugeständnis zurückzuziehen. Sehr bezeichnend für seine späteren

Wege, schreibt er schon damals der Schwester: »Suchen wir bei unserem

Forschen Ruhe, Frieden, Glück? Nein, nur die Wahrheit, und wäre sie

höchst abschreckend und häßlich.«

Er fand in einer Wissenschaft, die kühle Besonnenheit, logische Kälte,

gleichförmige Arbeit erheischt, »ohne mit ihren Resultaten gleich ans

Herz zu greifen«, ein Gegengewicht für die wechselvollen und unruhigen

Neigungen seines Wesens, aber auch die Philologie bedeutete ihm schon

damals nicht sein eigentliches Ziel.

Ein für Nietzsche charakteristisches Begebnis erfahren wir aus den

Erinnerungen Deussens. Nietzsche war nach Köln gefahren und ließ

sich durch einen Dienstmann die Sehenswürdigkeiten zeigen. Dieser

führte ihn am Schluß der Wanderung in ein öffentliches Haus. Hierüber

berichtete Nietzsche an Deussen: »Ich sah mich plötzlich umgeben von

einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter und Gaze, welche mich

erwartungsvoll ansahen. Sprachlos stand ich eine Weile. Dann ging ich

instinktmäßig auf ein Klavier als auf das einzige seelenhafte Wesen in

der Gesellschaft los und schlug einige Akkorde an. Die lösten meine

Erstarrung und ich gewann das Freie.«

Daß eine also geartete Natur sich nicht lange in der Rolle »eines

flotten Studenten« gefallen konnte, wird uns nicht überraschen. Als

seine Kritik am studentischen Treiben einsetzt und der Hauch der Poesie

verfliegt, fühlt er sich einsam in der »Franconia« und erklärt seinen

Austritt.

Da sein bewunderter Lehrer Friedrich _Ritschl_ in Bonn einen Ruf

nach _Leipzig_ annimmt, siedelt auch er dahin über, zugleich von der

Hoffnung getragen, sich dort ausgiebiger der Musik widmen zu können.

Ein Zufall läßt seinen Blick auf Schopenhauers Hauptwerk »Die Welt

als Wille und Vorstellung« fallen. Nur wessen eigene Jugend in die

Zeit fällt, in der Schopenhauer wie eine entscheidende Offenbarung

begrüßt wurde, kann sich vorstellen, wie mächtig diese Philosophie

gerade auf den Lebensernst eines Nietzsche wirken mußte. Aber während

andere vieler Jahre bedurften, um sich wieder dem »Weltschmerz« zu

entwinden, der sich als depressiver Druck der Gemüter bemächtigte,

findet Nietzsche sehr bald in Schopenhauer eine Kraft, die wie Musik

erhebe und zu jener zwar wehmütigen, aber glücklichen Stimmung führe,

in der man die irdischen Hüllen von sich abfallen sehe. Er beschreibt

den unvergleichlichen Aufschwung, den er bei der Betrachtung eines

heftigen Gewitters empfand: »Was war mir der Mensch und sein unruhiges

Wollen! Was war das ewige: du sollst, du sollst nicht. Wie anders der

Blitz, der Sturm, der Hagel: freie Mächte ohne Ethik! Wie glücklich,

wie kräftig sind sie, reiner Wille, ohne Trübungen durch den Intellekt!«

Das ist bereits nicht mehr der Pessimismus Schopenhauers, sondern im

Kern der Pessimismus Nietzsches, der Schmerz und Leiden bejaht um der

Erhebung willen, elementare Mächte bewundert um des Aufschwungs willen,

der es ermöglicht, auf Intellekt und Ethik aus der Höhe hinabzusehen.

Mit gleichgesinnten Freunden gründete er einen philologischen Verein.

Einen dort gehaltenen Vortrag: »Die letzte Redaktion der Theognidea«

übergibt er seinem Lehrer Ritschl, der von nun ab ihm seine besondere

Aufmerksamkeit widmet. Auch Ausführungen über die Quellen des Laertius

finden dessen volle Bewunderung. Diese und andere Arbeiten gelangten im

»Rheinischen Museum« zum Abdruck.

Aus der Leipziger Zeit haben wir Nietzsches schwärmerische Begeisterung

für die berühmte Schauspielerin Hedwig _Raabe_ zu erwähnen, vor allem

aber auf seine Freundschaft mit Erwin _Rohde_ zu verweisen. Rohde

hatte als Student vermöge seiner nervösen Veranlagung wenig Vertrauen

zu seinen eigenen Kräften, aber durch Nietzsches Freundschaft wurde

diese Leipziger Zeit für ihn »die segensreichste Periode seines ganzen

Daseins, die stärkste Stütze seines moralischen Lebens«. Schüchtern

hatte er in das Land reinster Freundschaft sehnsüchtig geblickt, »wie

ein armes Kind in reiche Gärten« und war Nietzsche aus tiefstem Herzen

dankbar, daß er es ihm erschloß. Aber auch dieser fühlte sich glücklich

»im steten Umgang mit einem Freunde, der nicht nur Studienkamerad ist

oder etwa durch gemeinsame Erlebnisse mit mir verbunden war, sondern

dessen Lebensernst wirklich denselben Grad zeigt wie mein eigener Sinn,

dessen Wertschätzung der Dinge und der Menschen ungefähr denselben

Gesetzen wie die meinige folgt, dessen ganzes Wesen schließlich auf

mich eine kräftigende und stählende Wirkung hat«.

Im Herbst 1867 wird Nietzsche bei der reitenden Artillerie in

Naumburg Einjährig-Freiwilliger. Es fällt ihm nicht leicht, sich dem

geisttötenden Zwang des Militärdienstes einzuordnen. »Mitunter raune

ich unter dem Bauch des Pferdes versteckt: Schopenhauer hilf!« Eine

Verletzung, die er sich beim Sprung auf sein Pferd zuzog, nimmt ernsten

Charakter an und führt ihn nach fünfmonatiger Dienstzeit wieder seinen

Büchern und Schriften zu. Sein Plan ist, sich nunmehr die Doktorwürde

zu erwerben und zugleich die Habilitation als Privatdozent ins Auge

zu fassen, aber zuvor noch mit Freund Rohde ein Jahr in _Paris_ zu

verleben.

Nietzsche war mehr beflissen, zu lernen, wie man Lehrer ist, als

zu lernen, »was man sonst auf Universitäten lernt«. Zur Erlangung

der Kenntnisse vertraute er dem Trieb, nach eigenem System das

Wissenswürdige zusammenzuholen. Die unverhoffte Muße während der

zweiten Hälfte der Militärzeit begünstigte dieses unabhängige Arbeiten,

das schon in Schulpforta eingesetzt hatte. Seiner philosophischen

Veranlagung und diesem Trieb zur Selbständigkeit verdankte es

Nietzsche, daß er nicht wie so viele Philologen zu nahe vor seiner

Aufgabe stand, sondern den archimedischen Punkt außerhalb der Vorgänge

gewann, um von dort aus zu bewundern und zu lieben. Philosophie war

sein Zweck, Philologie nur das Mittel; das Allgemeinmenschliche

zu erkennen, schon während seiner Studienzeit sein Ziel. Weil er

sich seinen Aufgaben gegenüber produktiv verhielt und aus eigenem

Lebensquell schöpfte, gelangte er zu Ergebnissen, die nicht nur seine

Lehrer überraschten.

Als in _Basel_ eine Professur für klassische Philologie neu zu

besetzen war, fragte Prof. Wilhelm _Vischer_, der Nietzsches Aufsätze

im »Rheinischen Museum« gelesen hatte, bei Ritschl in Leipzig an,

ob er Nietzsche für dieses Amt geeignet halte. Ritschl antwortete,

daß Nietzsche nicht habilitiert sei, ja noch nicht einmal promoviert

habe, der Schwerpunkt seines Studiums sei bisher in der griechischen

Literaturgeschichte mit besonderer Betonung der Philosophie gelegen;

aber bei seiner Begabung werde er sich gewiß auch auf anderem

Gebiet mit bestem Erfolg einarbeiten; denn »er wird eben alles

können, was er will«. Dieses Urteil führte zur Berufung des erst

Vierundzwanzigjährigen an die Universität in Basel. Man verlieh ihm

die Doktorwürde auf Grund seiner bereits veröffentlichten Arbeiten und

erließ ihm auch die mündliche Prüfung.

Nietzsche wurde sich der Gefahren bewußt, die diese Berufung für seine

persönliche Entwicklung in sich bergen konnte. »Philister zu sein,

Herdenmensch -- davor behüte mich Zeus und alle Musen!« schrieb er

an von Gersdorff. Er weiß, daß er hierzu keine Veranlagung hat; aber

wird er nicht als »Fachmensch« der Gefahr näher gerückt? Wird die

allstündliche Konzentration des Denkens auf bestimmte Wissensgebiete

und Probleme nicht doch die freie Empfänglichkeit etwas abstumpfen

und den philosophischen Sinn in der Wurzel angreifen? Man darf nicht

vergessen, daß Nietzsche durch Schopenhauer gelernt hatte, die Würde

der Universitätsprofessoren in kritischer Beleuchtung zu sehen, um zu

begreifen, daß er solche Fragen an sich stellte. Aber er sagt sich: »zu

tief wurzelt schon der philosophische Ernst, zu deutlich sind mir die

wahren und wesentlichen Probleme des Lebens und Denkens von dem großen

Mystagogen Schopenhauer gezeigt worden, um jemals einen schmählichen

Abfall von der ›Idee‹ befürchten zu müssen«.

Er will mehr sein als ein Zuchtmeister tüchtiger Philologen: »die

Lehrergeneration der Gegenwart, die Sorgfalt für die nachwachsende

Brut, alles dies schwebt mir vor der Seele«. Klingt hier nicht bereits

das Thema »Erziehung der Erzieher« und das geheimnisvolle Motiv der

»Fernstenliebe« an? Nicht die frühzeitige Berufung, eine so große

Seltenheit sie sein mochte, war das Erstaunlichste, sondern die starke

Überzeugung von seinem wahren Berufe, die ihn so weit über die Würde

seines Amtes erhob.

Der Lehrer

Übrigens ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt,

ohne meine Tätigkeit zu vermehren, oder unmittelbar zu

beleben.

_Goethe._

Als Nietzsche sein Amt in Basel antrat, war er entschlossen, sowohl

seine künstlerische wie seine ethische Anschauung nicht hinter der

Wissenschaft zurücktreten zu lassen, wohl aber eine harmonische

Vereinigung anzustreben. Er begann seine Antrittsrede (am 28. Mai

1869) über »_Homer und die klassische Philologie_« mit der Erklärung,

daß die Philologie sowohl auf künstlerischem als auf ethischem Boden

imperativistische Elemente in sich birgt und zu allen Zeiten ihrem

Ursprung nach auch Pädagogik gewesen sei, und ging dazu über den

Optimismus und die Selbstgefälligkeit des modernen Menschen zu geißeln.

Es war eine Kriegserklärung gegen den Geist der Zeit, nicht aber gegen

den Wert des Lebens. »Das Leben ist wert gelebt zu werden, sagt die

Kunst, das Leben ist wert erkannt zu werden, sagt die Wissenschaft.«

Man halte diesem Satz den Ausspruch Schopenhauers entgegen: »Der Wert

des Lebens besteht gerade darin, daß es uns lehrt, es nicht zu wollen«,

um die Gegensätzlichkeit zu erkennen.

Nach der Antrittsrede soll Jakob _Burckhardt_ geäußert haben, Nietzsche

sei ebensosehr Künstler wie Gelehrter. Auch sonst wird der Antrittsrede

ein günstiger Eindruck nachgerühmt. Daß dieser jedoch allgemein gewesen

sei, bleibt zu bezweifeln, ebenso daß in der Folge alle Zuhörer

Nietzsches Anschauungen willig beistimmten. Sagte doch ein Schüler

seines Nachfolgers diesem zum Ruhme: Niemals hat er, wie es vor ihm

Nietzsche getan haben soll, uns Güter vorgespiegelt, die uns damals nur

Phantome sein konnten, und niemals über Philosophen extemporiert.

Nietzsche war sich seiner Gegensätzlichkeit zu den Erwartungen

seiner Schüler und seiner Kollegen voll bewußt. Um so freudiger

begrüßte er in Burckhardt einen Gesinnungsgenossen und war glücklich,

seine Zuneigung gewonnen zu haben. Er wohnte dessen Kolleg Ȇber

Studium der Geschichte« und später auch demjenigen über »Griechische

Kulturgeschichte« bei.

»Der Geist ist die Kraft, jedes Zeitliche ideal aufzufassen. _Er_ ist

idealer Art, die Dinge an sich sind es nicht.«

»Es reicht nicht, daß das Schöne als Durchgangspunkt und Erziehung zum

Wahren dargestellt wird; denn die Kunst ist in hohem Grade, um ihrer

selbst willen vorhanden.«

»Unser Leben ist ein Geschäft, das damalige (im Mittelalter) war ein

Dasein; das Gesamtvolk existierte kaum, das Volks_tümliche_ aber

blühte.«

Solche Sätze Burckhardts waren Nietzsche gewiß aus der Seele gesprochen

und manche der folgenden mögen anregend auf seine Überzeugungen

eingewirkt haben.

Ȇberhaupt dringt der moderne Geist auf eine Deutung des ganzen

Lebensrätsels unabhängig vom Christentum.«

»Das Entscheidende, Reifende und allseitig Erziehende ist viel eher der

_Machtsinn_, der als unwiderstehlicher Drang das große Individuum an

den Tag treibt.«

»Das Böse auf Erden ist allerdings ein Teil der großen

weltgeschichtlichen Ökonomie: es ist die Gewalt, das Recht des

Stärkeren über den Schwächeren.«

»Die Zendreligion kann nur eine einmalige und plötzliche, von einem

großen, sehr großen Individuum getragen, gewesen sein, weshalb denn an

_Zarduschs_ Persönlichkeit nicht zu zweifeln ist.«

Letztere Stelle scheint mir die Vermutung zu gestatten, daß sie

vielleicht Nietzsche unterbewußt beeinflußte, als er den Helden seiner

Dichtung _Zarathustra_ nannte. Im persönlichen Verkehr mag nicht nur

Burckhardt vielfach anregend auf Nietzsche gewirkt haben, sondern auch

von ihm, wie wir später sehen werden, manches erhalten haben. Aber um

ihr Freundschaftsverhältnis richtig zu verstehen, muß man den großen

Altersunterschied von sechsundzwanzig Jahren und Burckhardts weit

umfassenderes Wissen bedenken. Nietzsche war der Aufschauende. Neben

seinem Mitteilungsdrang und seiner jugendlichen Begeisterung mußte

Burckhardt als zurückhaltend und »unfanatisch« erscheinen. Rohde hat an

ihm die Stärke der Hoffnung und die Fähigkeit zu einer lebenwährenden

Illusion vermißt, und Nietzsche von seiner Zurückhaltung aus

Desperation gesprochen. Sie unterhielten sich gern über Schopenhauer;

aber die Stellung zum Pessimismus war doch nicht die gleiche. Obwohl

Burckhardt, im Hinblick auf die Griechen, das Wort vom Pessimismus der

Erkenntnis und dem Optimismus des Temperaments geprägt hat, lag ihm

doch jede leidenschaftliche Lebensbejahung fern. Weit mehr neigte er

dazu, die Lösung des Widerspruches im _Diogenes-Problem_ zu suchen,

wie ich jene Anschauung nennen möchte, die, bei Geringschätzung der

Welt, das Glück eigener Zufriedenheit in unabhängiger Gesinnung und

beschaulicher Betrachtung bei souveräner Zurückgezogenheit sucht. Es

ist bezeichnend, daß er Diogenes den »rechten heiteren Pessimisten«

nannte.

Nietzsche, sein Leben und seine Lehre · 第 1 / 19 段