Deutschland schienen sich dann aber unter der Regentschaft und
auch in den ersten Jahren, als der neue König die Krone trug,
nicht zu erfüllen. Es kam der _Verfassungskonflikt_, in dem die
Regierung mit dem Abgeordnetenhaus so hart um die Bewilligung
der Mittel für die Heeresreorganisation kämpfte. Siemens war
schon dem Nationalverein beigetreten, der sich unter der Führung
Bennigsens gebildet hatte und auf das lebhafteste dafür eintrat,
daß Preußen die führende Rolle in Deutschland übernähme. Als
im Jahre 1862 Neuwahlen für das aufgelöste Abgeordnetenhaus
stattfanden, erkor der _Wahlkreis Lennep-Solingen_ Werner
Siemens zu seinem _Vertreter im Parlament_. Er hatte sich selbst
nicht als Kandidat gemeldet, fühlte sich aber doch nunmehr
verpflichtet, die Wahl anzunehmen. Er hat dem preußischen
Parlament in seiner geschichtlich bedeutungsvollsten Periode fünf
Jahre lang angehört. Den Konflikt, den er damals antraf, stellt
er in seinen »Lebenserinnerungen« so dar:
»Der Kern der Frage bestand in der nach dem Regierungsplane
faktisch eintretenden Verdoppelung der preußischen Armee mit
entsprechender Vergrößerung des Militärbudgets. Die Stimmung
des Landes ging dahin, daß diese Vergrößerung der Militärlast
nicht ertragen werden könnte, ohne zu gänzlicher Verarmung des
Volkes zu führen. In der Tat war der Wohlstand Preußens schon
damals hinter dem der anderen deutschen Staaten ansehnlich
zurückgeblieben, da die Last der deutschen Wehrkraft auch nach
den Befreiungskriegen hauptsächlich auf seinen Schultern geruht
hatte. Sollte diese Last im Sinne der Reorganisation noch in
so hohem Maße vergrößert werden, ohne daß eine entsprechende
Teilnahme der übrigen Staaten erzwungen wurde, so mußte das Land
in seinem Wohlstande mehr und mehr zurückgehen und hätte die Last
schließlich doch nicht mehr zu tragen vermocht.
»Man wußte zwar, daß König Wilhelm schon als Prinz von Preußen
und als Prinzregent von der Notwendigkeit überzeugt war, den
Staat Friedrichs des Großen wieder zu der seiner geschichtlichen
Stellung angemessenen Höhe an der Spitze Deutschlands zu erheben,
und man zweifelte nicht an dem Ernste der darauf gerichteten
Bestrebungen des persönlich geliebten und hochgeachteten
Monarchen, aber man zweifelte an der Durchführbarkeit seines
Planes.
»Der Glaube an den historischen Beruf des preußischen Staates zur
Vereinigung Deutschlands und an Preußens Glücksstern war zu tief
gesunken. Auch die eifrigsten Schwärmer für Deutschlands Einheit
und künftige Größe, ja selbst spezifisch preußische Patrioten
hielten es deshalb mit ihrer Pflicht nicht für vereinbar,
Preußen diese neue, fast unerschwinglich scheinende Militärlast
aufzubürden. Die Volksvertretung verwarf, zum großen Teil
allerdings mit schwerem Herzen, den Reorganisationsentwurf der
Regierung, und bei wiederholten Auflösungen bestätigte das Volk
durch die Neuwahlen dieses Votum.«
Es wurde Siemens besonders schwer, gleichfalls gegen die
Militärvorlage zu stimmen, da er sich im innersten Herzen den
alten Glauben an den Beruf des preußischen Staats bewahrt hatte.
Er hatte den Wunsch, einen Vermittlungsversuch zu machen,
und schrieb damals eine _anonyme Broschüre_ unter dem Titel
»_Zur Militärfrage_«, die im Verlag von Julius Springer-Berlin
erschien. Es wurden darin Vorschläge gemacht, eine Verdoppelung
der Armee für den Kriegsfall zu erreichen, ohne daß dem Land eine
so hohe Kostenlast aufgebürdet würde, wie die Regierung dies
wünschte.
Bismarck und Roon führten bekanntlich damals die Neuordnung des
Heers gegen den Willen des Parlaments durch. Und als der Krieg
mit Österreich im Jahre 1866 ausbrach, hatten sie die Waffen in
der Hand, mit deren Hilfe Preußen durch glorreiche Kriegstaten
sich nun endlich doch an die Spitze der deutschen Staaten zu
stellen vermochte.
Dann tat König Wilhelm in weiser Mäßigung den welthistorischen
Schritt, für die ohne gesetzliche Grundlage im Interesse der
Heeresschlagfertigkeit gemachten Ausgaben _Indemnität_ vom
Landtag zu erbitten.
Die Führer der oppositionellen Fortschrittspartei sahen
zunächst nicht deutlich genug ein, daß es nun auch an ihnen
sei, Nachgiebigkeit zu üben und die Ausgaben nachträglich zu
bewilligen. Der gediegene Charakter von Werner Siemens aber und
seine große Lebensklugheit ließen ihn deutlich erkennen, daß es
nach einem so bedeutenden Erfolg der Regierungspolitik für das
Wohl des Staats nicht zweckmäßig wäre, in unfruchtbarem Groll
zu verharren. Mit großer Lebhaftigkeit schilderte er in den
Parteiversammlungen die Gefahren, die mit einer Verweigerung der
Indemnität verknüpft wären. Auch objektive Beurteiler gestehen
zu, was er in seinen »Lebenserinnerungen« behauptet, nämlich, daß
es seiner Einwirkung zu einem großen Teil zuzuschreiben ist, wenn
wirklich der Bruch zwischen Parlament und Regierung durch Annahme
der Indemnitätserklärung abgewendet und damit der innere Friede
in Preußen wiederhergestellt, der Weg zu weiterer Größe und zur
wirklichen Einigung Deutschlands freigemacht wurde.
Als er dieses wichtige Ergebnis erreicht hatte, trat Siemens, der
seine politische Tätigkeit immer nur als vorübergehend empfunden
hatte, sogleich von der parlamentarischen Bühne ab. Er legte
sein Mandat nieder, um sich wieder ganz seiner industriellen
Beschäftigung zuzuwenden. Aber er tat es doch nicht ohne
Überwindung, denn am 6. Oktober 1866 schrieb er an seinen Bruder
Karl: »Eben ist meine Mandatsniederlegung abgegangen! Auch ein
Opfer, welches ich dem Geschäft bringe!«
Während seiner Abgeordnetenzeit hatte Siemens auch Gelegenheit,
eine wichtige Tat für die Besserung der industriellen Verhältnisse
in Deutschland zu vollbringen. Er war Spezialreferent der
Abteilung »Metalle und Metallwaren« für die Vorbereitung
des deutsch-französischen Handelsvertrags. In kluger Erkenntnis
des großen Schadens, den die deutsche Industrie durch den
mangelnden Stolz ihrer führenden Männer dauernd erlitt,
setzte er damals durch, daß in den Handelsvertrag ein Artikel
aufgenommen wurde, der verbot, deutsche Fabrikate fortab mit
Firmen- und Fabrikzeichen der Fabrikanten eines anderen Lands zu
versehen. Er war der Meinung, daß die deutsche Industrie geradezu
selbstmörderisch handle, wenn sie die gute von ihr erzeugte
Ware als fremdes Produkt und nur das Minderwertige als eigenes
Fabrikat bezeichne. Selbst in den Städten Solingen und Remscheid,
die damals schon in der Stahlfabrikation Ausgezeichnetes
leisteten, bestand in jenen Zeiten noch die verderbliche Übung,
die besten Waren, die man hervorbrachte, als englische in die
Welt hinauszusenden. Die Industriellen glaubten auch, darauf
keinesfalls verzichten zu können, und sie sandten eine Deputation
an Siemens, die ihn dringend bat, die Einführung eines Verbots
fremder Fabrikzeichen nicht weiter zu betreiben. Er lehnte
jedoch ab, obgleich man ihm deutlich machte, daß man ihn dann
kaum wiederwählen würde. Daran lag ihm aber weniger, als an der
Förderung von Deutschlands Industrie. Und wirklich haben seit
jener Zeit unsere Fabriken ihren wertvollen Erzeugnissen den Ruf
auf dem Weltmarkt verschaffen können, auf den sie längst schon
Anspruch hatten und heute gewiß erst recht haben.
Es wäre jedoch nicht gelungen, dies zu erreichen, wenn von Werner
Siemens nicht die Anregung zu einer weiteren gesetzgeberischen
Tat auf industriellem Gebiet ausgegangen wäre. Die Schaffung des
deutschen _Patentgesetzes_, das auf ihn als seinen gedanklichen
Urheber zurückgeht, kann man wohl als Siemens größte Tat im
Rahmen seiner öffentlichen Wirksamkeit bezeichnen.
Im Jahre 1863 war man auf dem Weg, die ganze Patentgesetzgebung
in Preußen aufzuheben, da sie sich in der damals bestehenden
Form als ein schweres Hindernis für die Industrie erwiesen
hatte. Das Patent bedeutete in jener Zeit nicht einen Schutz
des Erfinders gegen Nachahmung, sondern es war ein Privilegium,
das ihm in Anerkennung seines Verdienstes verliehen wurde.
Die Erfindung wurde streng geheim gehalten und nur ihre
Benennung veröffentlicht, damit ein jeder sich hüten sollte,
etwas Ähnliches zu schaffen. Da man nun nie genau wußte,
worum es sich in einem Patent handelte, so war eine Fülle
verdrießlicher Konflikte die Folge, und die Allgemeinheit
hatte gar keinen Nutzen von den Patenten. Die kurze Dauer von
fünf Jahren gestattete auch nicht eine genügende Ausnutzung, da
die Entwicklung technischer Dinge größtenteils einen längeren
Zeitraum beansprucht.
Der preußische Handelsminister fragte in dem genannten Jahr bei
sämtlichen Handelskammern an, ob es nicht an der Zeit wäre, das
Patentwesen zu beseitigen. Auch an das Ältestenkollegium der
Berliner Kaufmannschaft kam eine solche Anfrage, und das Mitglied
des Kollegiums Werner Siemens erstattete den Bericht. Er trat
dem Standpunkt des Handelsministers durchaus entgegen, indem er
zeigte, daß ein Patentgesetz von größtem Nutzen für die Industrie
sein könne, wenn es nur die richtigen Bestimmungen enthielte.
Siemens ging davon aus, daß man dem Erfinder unbedingt ein
Vorrecht auf sein Geisteserzeugnis einräumen müsse. Nur dann sei
zu erwarten, daß er seine Erfindung gründlich ausbaue und so
im Lauf der Jahre der Allgemeinheit etwas besonders Wertvolles
überliefere. Nur wenn dem Erfinder ein Besitztitel auf seine
Erfindung zustehe, könne er Kapitalisten gewinnen, die ihm die
Ausführung der nötigen Versuche ermöglichen, denn der Geldgeber
könne ja einen gesicherten Anteil am künftigen Gewinn erhoffen.
Siemens wies darauf hin, daß es James Watt nur infolge seines
durch vierzehn Jahre laufenden Patents gelungen sei, den reichen
Bolton als Teilnehmer zu gewinnen und so die Dampfmaschine zu
entwickeln.
Wenn aber der Staat dem Erfinder das nützliche Geschenk des Schutzes
für lange Zeit mache, so müsse dieser zur Entgeltung verpflichtet
sein, den Inhalt der Erfindung öffentlich darzulegen. »Das Patent
ist,« so hieß es in dem Bericht für das Ältestenkollegium,
»nach dieser Anschauungsweise ein wirklicher Kontrakt zwischen
Staat und Erfinder: jener, als Vertreter der Interessen
der Gesamtheit, gewährt diesem auf eine Zahl von Jahren,
welche nur so groß zu bemessen ist, als es die Erreichung
des Zweckes erfordert, das alleinige Dispositionsrecht über
dessen Erfindung; dieser übernimmt dagegen die Verpflichtung,
die in ihr liegenden neuen Gedanken sofort und vollständig
durch Veröffentlichung zum Gemeingut zu machen. Es ist Sache
der Gesetzgebung, dafür zu sorgen, daß die Gesamtheit aus
diesem Kontrakt den möglichst großen Nutzen zieht.«
Dieser Bericht von Werner Siemens wurde einstimmig als
Gutachten des Ältestenkollegiums angenommen, und viele andere
Handelskammern in Preußen schlossen sich seiner Meinung an. Von
einer Abschaffung der Patente wurde infolgedessen abgesehen.
Aber damit war nur etwas Negatives verhindert, Positives jedoch
nicht erreicht. Die damalige Form des Patentwesens war praktisch
einer gänzlichen Schutzlosigkeit der Erfindungen gleich und
hatte nach Siemens' Meinung sogar eine Unsolidität der deutschen
Industrie zur Folge, die deren Ansehen im Ausland beeinträchtigen
mußte. »Es hat sich,« so schrieb Siemens in einer späteren
Denkschrift, »bei uns in technischen Dingen nach und nach eine
von der anderer Länder ganz verschiedene Rechtsanschauung,
eine andere Moral herausgebildet. Während es in England und
Frankreich, selbst in Amerika, für unehrenhaft, mindestens
für unschicklich gilt, fremde Erfindungen ohne Zustimmung des
Erfinders zu benutzen, selbst wenn sein Rechtsschutz zweifelhaft
oder ein solcher nicht vorhanden ist, gilt dies in Deutschland
nicht nur für anständig, sondern in vielen Fällen sogar für
verdienstlich.
»Als charakteristische Beispiele dieser Richtung brauche ich
nur anzuführen, daß in Preußen selbst technische Staatsbehörden
keinen Anstand nehmen, neue Betriebsapparate oder Einrichtungen,
die von Gewerbetreibenden auf deren Veranlassung mit Mühe und
Kosten ausgearbeitet sind, anderen Gewerbetreibenden als Modelle
zur Nachahmung zu übergeben oder sie zur Submission zu bringen
und die Ausführung dem Mindestfordernden zu überweisen. Sie sind
dazu sogar oft durch ihre Instruktion verpflichtet.
»In gleicher Richtung empfehlen Gewerbetreibende bei uns häufig
offen ihre Fabrikate damit, daß sie grundsätzlich nur die
bewährtesten und neuesten Konstruktionen bekannter angesehener
Firmen nachahmen und daher billiger liefern könnten wie diese,
da sie keine Erfindungs- und Versuchskosten zu tragen hätten!
In anderen Ländern würde dies für ehrenwidrig gehalten werden;
hier nehmen selbst Staatsbehörden keinen Anstand, von solchen
vorteilhaft scheinenden Anerbietungen bestens Gebrauch zu machen!«
Um in diesen Zuständen, die uns heute ganz mittelalterlich
erscheinen, grundlegende Besserung zu schaffen, forderte Siemens
zur Bildung eines _Patentschutz-Vereins_ auf, der dann auch
unter seinem Vorsitz ins Leben trat. Seine Tätigkeit erwirkte
im Jahre 1877 endlich den Erlaß eines Patentgesetzes für das
Deutsche Reich, dessen Grundgedanken sich vollständig auf die
Siemensschen Ausführungen von 1863 stützten. Danach werden
Patente auf die Dauer von fünfzehn Jahren mit jährlich steigenden
Abgaben erteilt. Es finden eine Voruntersuchung über die Neuheit
der Erfindung und die öffentliche Auslegung der Beschreibung
statt, um Gelegenheit zum Einspruch gegen die Patentierung zu
geben. Eine vollständige Publikation des erteilten Patents
hat stattzufinden, auf gerichtlichem Weg kann jederzeit die
Nichtigkeitserklärung eines erteilten Patents erfochten werden.
[Illustration: Der erste Scheinwerfer, der Strom von einer
Dynamomaschine erhielt]
[Illustration: Moderner Riesenscheinwerfer der Siemens-Schuckert-Werke
mit Fernsteuerung]
In Deutschland ist im Jahre 1891 ein neues abgeändertes
Patentgesetz erlassen worden, aber auch hierin finden wir Werner
Siemens' Ideen vollkommen enthalten. Sie haben also seit fast
vier Jahrzehnten die deutsche Industrie bei ihrem außerordentlichen
Aufschwung begleitet, und es ist kein Zweifel, daß sie hierbei
zugleich Stütze und Förderungsmittel in hohem Maß gewesen
sind. Die Mängel auch der heutigen Patentgesetzgebung sind
gewiß nicht zu verkennen. Aber die Vorzüge ihrer Grundgedanken
gegenüber dem, was vorher bestand, sind so bedeutend, daß die
deutsche Industrie Werner Siemens auch für deren Aufstellung
zu besonderer Dankbarkeit verpflichtet ist.
Der lebhafte und uneigennützige Wunsch, die Stellung der
Industrie seines Vaterlands auf dem Weltmarkt zu stärken, ihr
Ansehen zu heben, führte Werner Siemens zu einer weiteren
bedeutsamen Tat. »Die naturwissenschaftliche Forschung,« so
sagte er, »bildet immer den sicheren Boden des technischen
Fortschritts, und die Industrie eines Landes wird niemals
eine internationale, leitende Stellung erwerben und sich
erhalten können, wenn dasselbe nicht gleichzeitig an der Spitze
des naturwissenschaftlichen Fortschritts steht.« In diesem
Zusammenhang vermißte er in Deutschland die Existenz von
Instituten, die ausschließlich der physikalischen Forschung
gewidmet seien.
»Der Staat hat,« so führte er weiter aus, »seine ganze Kraft mit
unzweifelhaftem Erfolge der Förderung des wissenschaftlichen
Unterrichts zugewandt. Seine Unterrichtsanstalten erzeugen eine
große Zahl hochgebildeter Naturforscher, deren Lebensberuf
fast immer wieder der Unterricht ist. Die wissenschaftliche
Forschung selbst ist nirgends Lebensberuf in der staatlichen
Organisation, sie ist nur eine geduldete Privattätigkeit der
Gelehrten neben ihrem Berufe, der Lehrtätigkeit. Einzelne
Versuchsstationen, die durch spezielle dringende Bedürfnisse
hervorgerufen sind, und auch die Akademien, die zwar der
wissenschaftlichen Forschung gewidmet, aber nur nebenamtlich
besetzt und nicht mit den erforderlichen Einrichtungen zur
Ausführung von Experimentaluntersuchungen versehen sind, ändern
hierin nichts Wesentliches. Die Berufsgelehrten der Akademien
sind fast durchgängig neben dem ihnen obliegenden Unterricht noch
mit gelehrten Geschäften derartig überbürdet, daß sie -- nach dem
Ausspruch eines unserer ersten Naturforscher -- aufhören müssen,
Gelehrte zu sein!«
Der Mangel an Gelegenheit zu ruhiger wissenschaftlicher Arbeit
müsse dazu führen, die deutsche Technik in die zweite Linie
zu drängen. Als ein recht schlagendes Beispiel für diese
Rückständigkeit in Deutschland führte Siemens die Tatsache an,
daß die elektrischen Maßeinheiten in England hätten festgestellt
werden müssen, obgleich sie von dem deutschen Gelehrten Wilhelm
Weber theoretisch begründet worden waren. Privatlaboratorien
reicher Engländer hätten die Arbeit geleistet, bei uns sei eine
solche Gelegenheit nicht vorhanden.
Und auch hier wieder läßt er es als Mann der Tat nicht bei dem
Bedauern bewenden, sondern er handelt in großzügigster Weise,
als es sich zeigt, daß die Instanzen des Reichs nicht so leicht
dazu zu bewegen sein würden, ein ausschließlich der Forschung
gewidmetes Institut zu schaffen. Er bietet dem Reich eine _halbe
Million in Grundwert oder Kapital_ an mit der Bedingung, daß der
Reichsfiskus die Kosten der auf dem Grundstück zu errichtenden
Bauten trage und ihre Erhaltung übernehme. Regierung und
Reichstag nahmen das hochherzige Geschenk an, und so entstand
die _Physikalisch-Technische Reichsanstalt_ auf dem damals still
und erschütterungsfrei daliegenden Gelände an der Marchstraße
in Charlottenburg. Sie ist ein stolzes Denkmal der Siemensschen
Zuneigung für die Wissenschaft geworden, die seine »erste Liebe«
war und seine letzte geblieben ist.
Der erste Präsident der neugeschaffenen Reichsanstalt wurde
der größte Physiker der damaligen Zeit, einer der allergrößten
überhaupt, die je gelebt haben, _Hermann von Helmholtz_. Die
Geschichte des fördernden Einflusses, den die Reichsanstalt
unter Helmholtz und den nachfolgenden Präsidenten Kohlrausch
und Warburg auf die deutsche Industrie geübt hat, muß noch
geschrieben werden. Sie ist die kräftigste wissenschaftliche
Tragsäule für den stolzen Bau der deutschen Technik geworden.
Durch die Anregung des Staatssekretärs im Reichspostamt *Dr.* von
Stephan und Werner Siemens' bildete sich der _Elektrotechnische
Verein_, in dessen Namen, wie wir bereits gehört haben, das
Wort Elektrotechnik zum erstenmal auftrat. Eine der wichtigsten
Anregungen, die von dem Verein ausgegangen sind, war das Ersuchen
an die deutschen Regierungen, an den Technischen Hochschulen
_eigene Professuren der Elektrotechnik_ zu errichten. Erst
als diesem Wunsch Folge geleistet worden war, begann die
Elektrotechnik als Spezialfach zu bestehen. Die Resolution, durch
welche diese Angelegenheit in Fluß gebracht wurde, war von Werner
Siemens im Verein eingebracht worden.
Siemens & Halske
Es bleibt uns noch übrig, in großen Zügen die Entwicklung
der industriellen Firma zu verfolgen, die von Werner Siemens
begründet worden ist. Die Schaffung dieses Hauses ist ein sehr
beträchtlicher Teil seines Lebenswerks. Das ungewöhnliche
Wachstum der Firma, ihre Ausdehnung zu einem Weltgeschäft und
die Tatsache, daß sie schon zu Lebzeiten des Gründers zu den
angesehensten industriellen Häusern der Erde zählte, sprechen
dafür, daß Werner Siemens auch in seiner dritten Eigenschaft,
nämlich als Kaufmann, genial begabt war. Er verstand es mit
großer Klugheit, seine wissenschaftlichen und technischen
Schöpfungen in dem Geschäftshaus zu verankern, und er hat der
Firma dadurch die Möglichkeit zu so kraftvoller Entwicklung
gegeben, daß sie sehr viel dazu beizutragen vermochte, den Namen
des industriellen Deutschland auf der ganzen Erde zu hohem
Ansehen zu bringen.
Wir wissen bereits aus früheren Abschnitten, daß Werner Siemens
in seinem dreißigsten Lebensjahr, als bei ihm der Entschluß
feststand, sich ganz der Entwicklung des Telegraphenwesens zu
widmen, in Berlin eine Werkstatt begründete. Überhaupt wird im
folgenden manches schon früher Gesagte wiederholt werden müssen,
da bei dem innigen Zusammenhang von Schöpfer und Schöpfung sonst
eine fortlaufende Darstellung in diesem Abschnitt nicht zu
erzielen wäre.
Siemens war damals noch Artillerieoffizier. Der Vetter Georg
Siemens lieh ihm die zur Einrichtung der Werkstatt erforderlichen
6000 Taler; sie sind die einzige Summe geblieben, welche die
Firma jemals von Außenstehenden nötig hatte. Der Gedanke, der
zur Schaffung einer eigenen kleinen Fabrik trieb, war der Wille
Werner Siemens', seine Erfindungen mechanisch in vollkommenster
Weise und mit der größten Genauigkeit bauen zu lassen. Darum
verbündete er sich mit dem Mechaniker _Johann Georg Halske_, der,
wie er wußte, besonders vorzügliche Präzisionsarbeit zu leisten
vermochte.
Man kann sagen, daß dieser Grundsatz, stets beste und saubere
Arbeit zu leisten, während all der Jahrzehnte, die bis zum
heutigen Tag vergangen sind, bei der Firma Siemens & Halske auf
das sorgsamste innegehalten worden ist. Das Haus war dadurch
lange in den Stand gesetzt, ohne Konkurrenz in der Elektrotechnik
zu arbeiten, und niemand kann verkennen, daß alle Firmen,
die sich später in Deutschland auf elektrotechnischem Gebiet
zu bedeutender Größe entwickelt haben, in dieser Beziehung
bei Siemens & Halske in die Schule gegangen sind. Deutsche
elektrische Maschinen kennt man auf der ganzen Welt als im
höchsten Grad zuverlässige Apparate, und diese Fabrikationsweise
hat sich aus dem Vorbild heraus entwickelt, das von Werner
Siemens seinem industriellen Schaffen zugrunde gelegt wurde.
Siemens schreibt im Sommer 1847 an seinen Bruder Wilhelm in
London: »Ich habe mit dem Mechaniker Halske, der sich schon von
seinem Kompagnon (Böttcher) getrennt hat, definitiv die Anlage
einer Fabrik beschlossen, und hoffentlich wird sie in sechs
Wochen schon in vollem Gange sein ... Halske, den ich völlig
gleich mit mir gestellt habe in der Fabrik, bekommt die Leitung
in der Fabrik, ich die Anlagen der Fabrik, Kontraktabschlüsse
usw. Wir wollen vorläufig nur Telegraphen, Läutewerke für
Eisenbahnen und Drahtisolierungen mittels Guttapercha machen
... Nach langem Suchen ist endlich ein passendes Quartier für
unsere Werkstatt gefunden und gemietet, mit den Fenstern nach dem
Anhaltischen Bahnhof hinaus. (Es war ein Haus in der Schöneberger
Straße, in der die Firma bis zum heutigen Tag eine Niederlassung
unterhält) ... Ich wohne parterre, die Werkstatt eine Treppe,
Halske zwei Treppen hoch, in Summa für 300 Taler. Bald nach dem
1. Oktober wird die Arbeit beginnen.«
Am 12. Oktober 1847 war die Werkstatt in der Tat eingerichtet.
Dieses Datum ist als Geburtstag der heutigen Weltfirma Siemens &
Halske anzusehen.
Die Arbeit wurde mit drei Drehbänken begonnen. Am 20.
Dezember war die Werkstatt mit zehn Arbeitern »ganz besetzt«.
Kaum hatte man jedoch eine intensivere Tätigkeit begonnen,
insbesondere um die Apparate für den damals von der preußischen
Telegraphenverwaltung veranstalteten Wettbewerb herzustellen, da
kamen die Revolution und der Krieg mit Dänemark, der, wie wir
wissen, Werner Siemens lange von Berlin fernhielt. Er hatte es
der Sorgsamkeit seines Geschäftsgenossen zu verdanken, daß die
Firma durch jene ungünstige Zeit hindurchkam. Dann aber wurde
die unterirdische Telegraphenlinie nach Frankfurt gebaut, und im
Anschluß daran gab es weitere Aufträge.
Im Sommer 1849 nahm Werner Siemens seinen Abschied vom Militär.
Damals, als gerade die ersten russischen Aufträge eingelaufen
waren, hatte sich die Zahl der Arbeiter in der Fabrik bereits auf
32 gehoben.
Das Geschäft entwickelte sich weiter ganz gut, da die Aufträge
infolge der Verbesserungen, die Werner Siemens fortwährend an
den Apparaten anbrachte, sich mehrten: Schon gegen Ende des
Jahres 1851 mußte ein neues Gelände erworben werden, auf dem
eine erweiterte Fabrik errichtet werden sollte. Es wurde das
Grundstück _Markgrafenstraße 94_ angekauft, von dem aus das Haus
sich später über viele Teile von Groß-Berlin verbreitet hat.