Zeit sehr wichtig gewordenen elektrochemischen Industriezweig
hin. Er sagte damals voraus, daß wir »mit Hilfe mechanisch
erzeugter Elektrizität imstande sein werden, gewerbsmäßig
_Stickstoffverbindungen aus der Luft_ herstellen zu können«. Wir
wissen, daß diese Möglichkeit unsere Landwirtschaft während des
Weltkriegs gerettet hat, als es nach Abschneidung der Zufuhr von
natürlichem Salpeter aus Chile nur auf elektrischem Weg möglich
war, die nötigen Düngemittel herzustellen. Mit seinem Freund, dem
großen Chemiker A. v. Hofmann, hat Siemens auch selbst eingehende
Versuche zur elektrischen Bindung des Stickstoffs aus der Luft
gemacht.
Rechnet man zu den in diesem Abschnitt aufgezählten Erfindungen
noch die anderen hinzu, die von Werner Siemens früher gemacht
wurden, die galvanoplastische Herstellung von Gold- und
Silberüberzügen, den Differenzregulator, den Zinkdruck, den
anastatischen Druck, die haltbare Schießbaumwolle, die Messung
von Geschoßgeschwindigkeiten mittels des elektrischen Funkens,
so steht man einer erstaunlichen Fülle von fruchtbaren Gedanken
gegenüber. Der Meister, welcher der Elektrotechnik ihre
gewaltigsten Hilfsmittel schuf, hat sie auch in einer großen
Anzahl von Nebengebieten auf das kräftigste gefördert. Er hat
sich ferner erfolgreich um die Förderung anderer Zweige der
Technik bemüht und steht so als ein Riese technischen Schaffens
vor unseren Augen.
Wissenschaft
Wenn die wissenschaftlichen Arbeiten von Werner Siemens hier
in einem besonderen Abschnitt behandelt werden, so geschieht
die Trennung nur aus einem äußerlichen Grund, nämlich um das
Überblicken seines so umfangreichen Lebenswerks zu erleichtern.
Denn wie wir nun schon aus vielen Beispielen wissen, sind der
Techniker und der Wissenschaftler in Werner Siemens nicht
voneinander zu sondern. Entsprang doch fast eine jede seiner
Erfindungen einer wissenschaftlichen Überlegung. Das ist es ja
eben gewesen, was seinen Meisterleistungen die mächtige und
nachhaltige Wirkungsmöglichkeit schaffte, ihnen den breiten Boden
gab, auf dem sie zu so imponierender Höhe emporwachsen konnten.
Sehr häufig hat man bei der Lektüre Siemensscher Schriften oder
Reden das deutliche Gefühl, daß nur ein unwiderstehlicher Drang
ihn dazu trieb, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse praktisch
auszubeuten, daß er dies fast gegen seinen Willen getan hat.
Immer von neuem klagt er, seine Berufstätigkeit habe ihm so wenig
Zeit gelassen, eine rein wissenschaftliche Tätigkeit auszuüben.
Den Wissensschatz nennt er einmal den einzig wahrhaften Schatz,
den die Menschheit besitzt.
Und wiederum erkennt er selbst ganz genau, daß er seine
Lebensarbeit als schaffender Techniker und nicht als
abstrakter Gelehrter zu leisten habe. Als man ihn im Jahre
1874 als ordentliches Mitglied in die Preußische Akademie der
Wissenschaften berief, sagte er in seiner Antrittsrede: »Ich bin
nicht anmaßend genug, zu glauben, daß die rein wissenschaftlichen
Leistungen, welche ich aufzuweisen habe, allein entscheidend
hierfür (nämlich für die Berufung) gewesen sind.« Sein Freund
Du Bois-Reymond, der ihm antwortete, stellte dann den Doppelcharakter
von Werner Siemens, der ihn Wissenschaftler und Techniker
zugleich sein ließ, vorzüglich in einem Satz zusammen, indem
er sagte: »Daß du auf solcher Höhe als ein Fürst der Technik
die Fäden unzähliger Kombinationen in der Hand haltend,
hundert Pläne im Kopf wälzend, im Innersten der deutsche Gelehrte
in des Wortes edelstem Sinne bliebst, als der du geboren bist,
zu dem du nicht einmal erzogen wurdest; daß in jedem Augenblick,
wo die Last der Geschäfte es dir erlaubte, du mit Liebe zum
Phänomen, mit Treue zum Experiment, mit Unbefangenheit zur
Theorie, genug, mit echter Begeisterung zur reinen Wissenschaft
zurückkehrtest: das stempelte dich, von deinem Scharfsinn, deiner
Erfindsamkeit, deiner Beobachtungsgabe zu schweigen, in unseren
Augen zum Akademiker.«
In seiner Antrittsrede bei der Akademie gab Werner Siemens
dann selbst eine kleine Übersicht über die wissenschaftlichen
Leistungen, von denen er meinte, daß sie die Ursache zu
seiner für einen praktisch schaffenden Techniker so besonders
ehrenvollen Berufung gewesen seien. Er erwähnte die Methode der
Messung großer Geschwindigkeiten durch den elektrischen Funken,
die Auffindung der elektrostatischen Ladung telegraphischer
Leitungen und ihre Gesetze, die Aufstellung von Methoden und
Formeln für die Untersuchung unterirdischer und unterseeischer
Leitungen sowie für die Bestimmung des Orts vorhandener
Isolationsfehler, seine Experimentaluntersuchungen über die
elektrostatische Induktion und die Verzögerung des elektrischen
Stroms durch diese, die Aufstellung und Darstellung eines
reproduzierbaren Grundmaßes für den elektrischen Leitungswiderstand,
den Nachweis der Erwärmung des Dielektrikums des Kondensators
durch plötzliche Entladung, die Auffindung und Begründung der
dynamo-elektrischen Maschine. Er glaubte ferner anführen zu
können, daß manche seiner technischen Leistungen nicht ohne
wissenschaftlichen Wert gewesen seien, und nannte von diesen
den Differenzregulator, die Herstellung isolierter Leitungen
durch Umpressung mit Guttapercha, die Gegen-Doppel-Induktions-
und automatischen Apparate für Telegraphie, die Ozonröhre und
Meßinstrumente verschiedener Art.
Die meisten dieser Schöpfungen sind uns aus den vorhergehenden
Ausführungen bereits bekannt. Aber einige der wissenschaftlichen
Meisterleistungen von Werner Siemens haben wir hier doch noch
näher zu besprechen.
Eine hervorragende Tat war die Schöpfung sorgfältiger
_Meßinstrumente_. Wir entsinnen uns, daß Werner Siemens sich mit
dem Mechaniker Halske insbesondere aus dem Grund verbündete, weil
dieser ungewöhnlich feine Präzisionsarbeit zu leisten vermochte.
Nach den von Siemens aufgestellten theoretischen Grundlagen hat
Halske Galvanometer und Bussolen von einer solchen Feinheit
entstehen lassen, wie sie bis dahin noch nicht bekannt waren.
Die Instrumente sind auf der ganzen Erde für die elektrischen
Messungen grundlegend geworden. Die Physiker in allen Ländern
benutzen noch heute zu den genauesten Messungen Instrumente, die
in ihrem Bau sich ganz genau an die ersten von Siemens & Halske
geschaffenen anlehnen.
Im Jahre 1876 beschäftigte sich Werner Siemens in nachhaltiger
Weise damit, die _Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Elektrizität_
festzustellen, über die man bis dahin nur sehr wenig verläßliche
Zahlen besaß. Er stellte den Versuch so an, daß er den Zeitunterschied
zwischen den Entladungen zweier Leydener Flaschen maß, von denen die
eine durch Verbindung der Belegungen mittels eines kurzen Drahts,
die andere durch eine sehr lange Leitung geschlossen werden konnte.
Jede der beiden Entladungen rief einen Funken hervor, der wiederum,
wie bei der Messung der Geschoßgeschwindigkeit, eine Marke in einen
schnell rotierenden Stahlzylinder schlug. Für die praktische
Anstellung des Versuchs wurde ein eiserner Telegraphendraht von
23372 Kilometern Länge benutzt, der zwischen Köpenick und Erkner
an der damaligen Niederschlesisch-Märkischen Bahn entlang lief.
Siemens fand die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Elektrizität
zu 240000 Kilometern in der Sekunde. Nachdem Kirchhoff später
gelehrt hatte, daß für eine widerstandsfreie Leitung eine um
etwa ein Drittel höhere Geschwindigkeit angenommen werden
müsse, ergab sich aus dieser Messung ziemlich genau, daß die
Elektrizitätsgeschwindigkeit der des Lichts gleich ist, nämlich
rund 300000 Kilometer in der Sekunde beträgt. Heute, wo wir die
nahe Verwandtschaft zwischen Licht- und Elektrizitätsschwingungen
kennen, wissen wir, daß diese Zahl richtig sein muß.
Grundlegend für das gesamte Meßwesen in der Elektrotechnik ist
die von Werner Siemens geschaffene _Einheit für den Widerstand_
geworden. Sowohl in der wissenschaftlichen Physik wie auch in der
Technik ist die Feststellung des Widerstands von Stromleitern
sehr häufig erforderlich. Wenn man aber ein Maß angeben soll, so
braucht man eine genau festgelegte, jedem zugängliche Einheit,
auf die man es beziehen kann. Die Wichtigkeit des Gegenstands
war Ursache, daß schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
Versuche gemacht wurden, eine Einheit des Widerstands zu
schaffen. Jacobi wollte hierfür einen Kupferdraht von bestimmter
Länge und bestimmtem Querschnitt einführen. Aber es zeigte
sich, daß der Widerstand eines solchen Drahts sich mit der Zeit
ändert. Durch das Kopieren und immer wieder neue Kopieren des
Originaldrahts entstanden ferner immer größere Ungenauigkeiten.
Die Grundeinheit muß aber selbstverständlich stets ganz genau und
verhältnismäßig leicht hergestellt werden können. Der Jacobische
Widerstands-Etalon war daher nicht brauchbar.
In dem von Wilhelm _Weber_ entwickelten absoluten
elektromagnetischen Maßsystem war zwar schon eine absolute
Einheit für den Widerstand enthalten. Aber ihre Herstellung
konnte, namentlich wegen der sehr geringen Größe dieser Einheit,
stets nur mit großen Schwierigkeiten geschehen.
Siemens erkannte, daß ein _Quecksilberstab_ sich am besten zur
Herstellung der Widerstandseinheit eigne. Die Notwendigkeit,
eine wirklich praktisch brauchbare Grundlage für diese Einheit
zu schaffen, wurde ihm besonders deutlich, als er jene von
uns schon erwähnte Fehlerbestimmung beim Kabel im Roten
Meer durch Widerstandsmessung machte. Er schlug vor, eine
Quecksilbersäule von einem Quadratmillimeter Querschnitt und
einem Meter Länge bei einer Temperatur von 0 Grad als Einheit
des Widerstands anzunehmen. Eine solche Quecksilbereinheit
läßt sich in jedem Laboratorium mit großer Leichtigkeit
herstellen; das Quecksilber kann immer wieder erneuert
werden und ist darum keinen Veränderungen unterworfen. In
der Tat wurde diese _Siemens-Einheit_ als Grundlage für
die elektrische Meßtechnik angenommen und hat über zwei
Jahrzehnte als maßgebende Größe geherrscht. Der Internationale
Elektrizitätskongreß in Paris beschloß dann freilich im Jahre
1881, die absoluten elektromagnetischen Einheiten, das sogenannte
Zentimeter-Gramm-Sekunden-System, einzuführen. Werner Siemens hat
es lebhaft bedauert, daß damit die Siemens-Einheit verschwand,
aber er erlebte die Genugtuung, daß die neugeschaffene Einheit
für den Widerstand, das »Ohm«, durch sein Verhältnis zur
Siemens-Einheit definiert wurde. Ein »Ohm« ist nämlich = 1,06 S.E.
Inmitten seiner ausgedehnten Beschäftigung mit den
wissenschaftlichen Grundlagen der Elektrotechnik und im Drang
der immer weiter sich ausdehnenden Geschäfte fand Werner Siemens
doch noch Zeit, mit deutscher Gelehrtengründlichkeit solche
Probleme zu bearbeiten, die von seiner Lebensarbeit ziemlich weit
ablagen. Wenn ihm auf seinen Reisen eine Erscheinung begegnete,
die ihm nicht ohne weiteres verständlich war, so trieb ihn sein
»Kausalitätsbedürfnis« unwiderstehlich dazu, sie zu erklären und
durch Stellung auf einen wissenschaftlichen Boden dem eigenen
Verständnis näherzuführen. Solche Beobachtungen und Erklärungen
führten ihn nicht selten dazu, sehr ausführliche Arbeiten darüber
abzufassen, die so gründlich angelegt waren, daß er sie der
Akademie der Wissenschaften in Berlin vorlegen konnte.
Als Siemens sich zur Auslegung des Kabels durch das Rote Meer
nach dem Süden begab, durchreiste er auch Ägypten. In Kairo mußte
er einige Tage Aufenthalt nehmen, da das Kabelschiff »Agamemnon«
nicht zur rechten Zeit eintraf, das, weil der Suezkanal damals
noch nicht eröffnet war, den Weg um das Kap der Guten Hoffnung
machen mußte. Er benutzte die Muße zu einem Ausflug nach der
Cheopspyramide.
Schon während des Eselritts dorthin erhob sich ein
außergewöhnlich kalter Wüstenwind, der von einer eigentümlichen
roten Färbung des Horizonts begleitet war. Nachdem sie an ihrem
Ziel angekommen waren, wurden Siemens und seine Reisegefährten
in der üblichen Weise von Beduinen über die hohen Steinstufen
auf die Spitze der Pyramide hinaufbefördert. Als sie droben
anlangten, war der Wind zu sturmartiger Stärke angewachsen,
so daß sie sich auf der abgeplatteten Spitze kaum aufrecht
halten konnten. Der Wüstenstaub hüllte die Spitze der Pyramide
allmählich ganz ein.
Man vernahm dabei ein merkwürdig zischendes Geräusch, das, wie
sich der sorgfältig beobachtende Werner Siemens alsbald sagte,
nicht durch den Wind verursacht sein konnte. Als er einen Finger
über seinen Kopf emporhob, entstand ein scharfer, singender Ton,
wodurch ihm klar wurde, daß es sich nur um eine elektrische
Erscheinung handeln konnte. Die Araber, die auf den nächsten
Stufen kauerten, kannten die Erscheinung gleichfalls, denn sie
hielten auch die ausgestreckten Finger mit dem Ruf »Chamsin!«
(das ist der Name des Winds) in die Höhe.
Sofort begann nun Werner Siemens auf der Pyramide mit der
elektrischen Erscheinung zu experimentieren. Er hat über diese
sehr interessanten Versuche in »Poggendorfs Annalen« unter
dem Titel »_Beschreibung ungewöhnlich starker elektrischer
Erscheinungen auf der Cheopspyramide bei Kairo während des Wehens
des Chamsins_« nähere Mitteilungen gemacht.
»Als ich eine gefüllte Weinflasche, deren Kopf mit Stanniol
beklebt war, emporhielt,« schreibt er dort, »hörte ich denselben
singenden Ton wie bei der Aufhebung des Fingers. Währenddessen
sprangen von der Etikette fortwährend kleine Funken zu meiner
Hand über, und als ich darauf den Kopf der Flasche mit der
anderen Hand berührte, erhielt ich eine heftige elektrische
Erschütterung, während ein glänzender Funke vom metallenen Kopf
der Flasche in meine Hand übersprang. Es ist klar, daß die
durch den feuchten Kork mit der Metallbelegung des Kopfes der
Flasche in leitender Verbindung stehende Flüssigkeit im Innern
derselben die innere Belegung einer Leydener Flasche bildete,
während Etikette und Hand die abgeleitete äußere vertraten. Auch
eine entkorkte Flasche lud sich auf gleiche Weise, namentlich
dann, wenn die Öffnung gegen den Wind geneigt wurde, wie *Dr.*
Esselbach durch einen heftigen Schlag erkannte, den er empfand,
als er dieselbe an den Mund setzte.«
Siemens baute darauf eine leistungsfähigere Leydener Flasche,
indem er eine gefüllte Weinflasche mit metallisch belegtem
Kopf in ein angefeuchtetes Papier aus dem Proviantkorb hüllte.
Als er diese hoch über den Kopf hielt, konnte er daraus laut
klatschende Funken von etwa einem Zentimeter Schlagweite ziehen.
Bald hatte er auch Gelegenheit, diese Leydener Flasche als
Verteidigungswaffe gebrauchen zu können.
»Die Araber hatten,« so erzählt er, »die aus unseren Weinflaschen
hervorbrechenden Blitze gleich mit offenbarem Mißtrauen
betrachtet. Sie hielten dann eine kurze Beratung, und auf ein
gegebenes Signal wurde ein jeder meiner Begleiter von den drei
Mann, die ihn hinaufbefördert hatten, gepackt, um gewaltsam
wieder hinabtransportiert zu werden. Ich stand gerade auf dem
höchsten Punkt der Pyramide, einem großen Steinwürfel, der in
der Mitte der Abplattung lag, als der Scheich der Arabertribus
sich mir näherte und mir durch unseren Dolmetscher sagen ließ,
die Tribus hätte beschlossen, wir sollten sofort die Pyramide
verlassen. Als Grund gab er auf Befragen an, wir trieben offenbar
Zauberei, und das könnte ihrer Erwerbsquelle, der Pyramide,
Schaden bringen.
»Als ich mich weigerte, ihm Folge zu leisten, griff er nach
meiner linken Hand, während ich die rechte mit der gut armierten
Flasche -- in offenbar beschwörender Stellung -- hoch über den
Kopf hielt. Diesen Moment hatte ich abgewartet und senkte nun
den Flaschenkopf langsam seiner Nase zu. Als ich sie berührte,
empfand ich selbst eine heftige Erschütterung, aus der zu
schließen der Scheich einen gewaltigen Schlag erhalten haben
mußte. Er fiel lautlos zu Boden, und es vergingen mehrere,
mich schon angstvoll machende Sekunden, bis er sich plötzlich
laut schreiend erhob und brüllend in Riesensprüngen die
Pyramidenstufen hinabsprang. Als die Araber dies sahen und den
fortwährenden Ruf »Zauberei!« des Scheichs hörten, verließen sie
sämtlich ihre Opfer und stürzten ihm nach. In wenigen Minuten war
die Schlacht entschieden und wir unbedingte Herren der Pyramide.
Jedenfalls ist Napoleon der »Sieg am Fuße der Pyramiden« nicht so
leicht geworden wie mir der meinige auf der Spitze!«
Nun hatten die Reisenden volle Freiheit, ihre Experimente
fortsetzen zu können. Als Siemens sich durch einen improvisierten
Isolierschemel aus aufgestellten Weinflaschen von der Steinmasse
der Pyramide isolierte, hörte das sausende Geräusch beim
Emporheben des ausgestreckten Fingers nach kurzer Zeit auf.
Er konnte jetzt zu seinen Gefährten durch Näherung der Hand
Funken überschlagen lassen. Siemens hat in seiner Arbeit die
interessante Erscheinung dadurch erklärt, daß, wie er annimmt,
die Staubteilchen durch Reibung auf dem Boden elektrisch werden,
daß dann später, wenn sie durch den Wind hoch emporgetrieben
worden sind, ihre in der Staubwolke konzentrierte Gesamtheit eine
elektrische Spannung gegen die Erde hat. Die Pyramide, die als
leitend zu betrachten ist, bildet eine gewaltige Spitze, von der
aus die Erdelektrizität zur Wolke besonders stark ausströmt.
Als Werner Siemens den Kaukasus besuchte, erkrankte er an
Wechselfieber. Während andere Menschen sich in einem solchen
Zustand nur mit ihrem körperlichen Befinden zu beschäftigen
pflegen, beobachtete er sorgfältig alle wissenschaftlichen
Begleitumstände. Er kam schon damals, lange bevor Koch seine
berühmte Theorie aufgestellt hatte, zu der Überzeugung, daß das
klimatische Fieber seine Ursache in _mikroskopischen Organismen_
haben müsse, die sich im Körper aufhalten. Die Periodizität
des Wechselfiebers erklärt er durch die Zeit, welche die junge
Brut jedesmal braucht, um zu ihrer, dem menschlichen Körper
schädlichen Aktionsfähigkeit heranzuwachsen. Das ist später
zu Siemens' großer Freude von der medizinischen Wissenschaft
bestätigt worden.
Beim Auslegen der Kabel wurde er dazu geführt, einen Apparat für
genaue _Messung der Meerestemperaturen_ anzugeben, der gestattet,
auf dem Schiff die Temperatur der Tiefe stets sofort abzulesen.
Im Jahre 1878 sah Siemens zum erstenmal den Vesuv, der sich
gerade damals in lebhafter Tätigkeit befand. Er beobachtete die
Erscheinungen, die sich seinem Auge darboten, so genau, als wenn
er sich in seinem Leben mit nichts anderem beschäftigt hätte
als mit dem Vulkanismus. »Der Vesuv trug,« so schrieb er in
den Monatsberichten der Berliner Akademie der Wissenschaften,
»während meiner Anwesenheit in Neapel im Mai d. J. (1878) eine
Dampfkrone, welche sich hin und wieder bei windstillem Wetter
etwa bis auf ein Drittel seiner Höhe über dem Meeresspiegel
erhob. Während der Nacht erschien die Dampfkrone schwach
leuchtend. Auffallend war mir hierbei, daß dieselbe, mit einem
guten Fernrohre betrachtet, aus schnell aufeinander folgenden
Dampfringen zu bestehen schien. Der Lichtschein war nicht
konstant. Seine Helligkeit war sehr veränderlich, und hin und
wieder schien er intermittierend zu sein.«
Siemens bestieg den Berg bis zum alten Kraterrand und
setzte seine Forschungen fort. »Auf der höchsten Spitze des
Aschenkegels, welcher sich in der Mitte des großen Kraters etwa
bis zur halben Höhe seines Randes erhob, sah man eine hell
glühende Öffnung, aus welcher in ziemlich regelmäßiger Folge alle
zwei bis drei Sekunden heftige Explosionen hervorbrachen. Die
Stärke dieser Explosionen ließ sich ungefähr daraus ermessen,
daß durch dieselben glühende Steine und Schlackenstücke in
Menge bis bedeutend über meinen Standpunkt auf dem Rande des
alten Kraters emporgeschleudert wurden und nach ihrem fast
senkrecht erfolgenden Niederfalle auf der Oberfläche des inneren
Aschenkegels niederrollten. Die hellglühende Öffnung des tätigen
Kraters bildete ein unregelmäßiges Viereck, dessen mittlere
Seitenlänge ich auf 5 bis 6 Meter schätzte. Jede Explosion
riß die umgebende Luft mit sich fort und bildete dadurch über
dem Berggipfel einen in sich von innen nach außen rotierenden
und sich beim Aufsteigen erweiternden Dampfring. Sie war von
einem dumpfen Knalle begleitet, welcher den ganzen Berggipfel
merklich erschütterte. Eine eigentliche Flammenerscheinung war
nicht zu beobachten. Da jedoch heller Sonnenschein herrschte, so
hatte die ausgestoßene Dampfmasse in der Nähe der Krateröffnung
die gelbliche Färbung, welche schwach leuchtende Flammen im
Sonnenschein anzunehmen pflegen.«
Diese Beobachtungen gaben ihm Anlaß, ausführliche Betrachtungen
über die _Gestaltung des Erdinnern_ und die darin tätigen Kräfte
anzustellen. Wir besitzen eine sehr ausführliche Arbeit von ihm
hierüber, in der er sich mit den damaligen widerstreitenden
geologischen Ansichten auseinandersetzt.
Diesen stets nach Aufklärung ringenden Geist hat das große
Haus, in dem er mit der gesamten Menschheit wohnte, weiter
lebhaft beschäftigt. Er hat versucht, sehr viele Phänomene,
die sich auf der Erde und in deren Luftmeer abspielen, zu
erklären. So schrieb er »_Über die Zulässigkeit der Annahme
eines elektrischen Sonnenpotentials und dessen Bedeutung zur
Erklärung terrestrischer Phänomene_«. Hierin legt er dar, daß das
elektrische Potential der Sonne auf die Erde so einwirken müsse,
daß auf der Erdoberfläche Elektrizität gebunden wird. Diese wird
bei der Rotation der Erde ständig um diese herumgeführt und
bewirkt als kreisender Strom deren Magnetisierung.
Weitere Arbeiten geologischer Natur führen die Titel: »Über
die Erhaltung der Kraft im Luftmeer der Erde«, »Zur Frage der
Ursachen atmosphärischer Ströme« und »Über das allgemeine
Windsystem der Erde«.
In einem Aufsatz »_Über das Leuchten der Flamme_« hat Siemens
Versuche beschrieben, die er in einem der großen Glasöfen seines
Bruders Friedrich in Dresden über das Leuchten gasförmiger
Körper angestellt hat. Er kommt zu dem überaus modern anmutenden
Ergebnis, daß das Flammenlicht ebenso elektrisches Licht sei wie
das der Geißlerschen Röhre.
Öffentliche Wirksamkeit
Mit der Hoffnung im Herzen, daß der Staat Friedrichs des Großen
Deutschland zur Einigkeit und Größe emporführen würde, überschritt
Werner Siemens einstens die mecklenburgisch-preußische Grenze. Um
so schwerer lastete auf ihm die Reaktionszeit, die nach der
Freiheitsbewegung von 1848 einsetzte. Länger als ein Jahrzehnt
hielt ihn seine angestrengte technisch-wissenschaftlich-industrielle
Tätigkeit von der Politik fern, zumal damals keiner zu hoffen
wagte, daß die Verhältnisse sich alsbald bessern würden.
Dann aber, als nach der Erkrankung Friedrich Wilhelms IV. Prinz
Wilhelm von Preußen die Regentschaft übernahm, begann, wie in den
Herzen so vieler, auch in Werner Siemens die Ahnung zu sprießen,
daß Preußen sich vielleicht doch noch auf die Verpflichtung
besinnen könnte, welche die Weltgeschichte ihm zweifellos für
die Herbeiführung der Einigung Deutschlands zugedacht hatte.
Am 3. September 1860 wohnte er mit seinem Bruder Wilhelm
einer großen Versammlung in Koburg bei, die zur Förderung der
Einheitsbestrebungen einberufen worden war. Beide Brüder trugen
damals das schwarz-rot-goldene Band mit deutlicher Absicht zur
Schau.