zu sein glaubte, daß er die lange geliebte Braut heimführte,
kam für das Geschäft eine schwere Krisis. Siemens hatte jene
Broschüre geschrieben, welche die grobe Nachlässigkeit der
preußischen Telegraphenverwaltung bei der Auslegung der ersten
unterirdischen Telegraphenleitungen klarlegte, und die Folge war,
daß der Hauptkunde dem Geschäft die Bestellungen entzog. Während
im Jahre 1852 Werner Siemens in Petersburg durch die Masern ans
Krankenbett gefesselt war, sah es in Berlin recht böse aus.
Friedrich Siemens schrieb damals an Karl: »Halske ist durch den
Hausankauf in große Geldnot geraten und scheint überhaupt ganz
ratlos zu sein, seit Werner fort ist.«
Es wurden lebhafteste Anstrengungen gemacht, um mit dem Ausland,
namentlich mit Frankreich, ins Geschäft zu kommen. Aber Karl, der
sich in Paris lebhaft bemühte, hatte wenig Erfolg, und die Lage
wurde immer schlimmer. Drahtexporte, auf die sich die Firma auf
Anraten Wilhelms eingelassen hatte, brachten sie in gefährliche
finanzielle Situationen. Am 12. Mai 1853 schrieb Werner an
Wilhelm: »Geld! Geld! Am 21., spätestens 22. müssen wir notwendig
1500 Pfund Sterling haben, damit unser Kredit nicht wacklig wird.
Die mußt Du verschaffen und rechtzeitig schicken.« Wilhelm gelang
es wirklich, das Geld zu besorgen, und damit war die Lage im
Augenblick gerettet.
Man befand sich damals in solcher Bedrängnis, daß die Firma
Siemens & Halske, die doch als Telegraphenbauanstalt gegründet
war, während dieser Zeit eifrig danach strebte, einen Auftrag auf
die Herstellung ganz gewöhnlicher Ausrüstungsteile (Fittings) für
die gerade im Bau befindlichen Berliner Wasserwerke zu erhalten.
Werner war gegenüber seinem eigentlichen Fabrikationsgegenstand
so verzagt, daß er sich äußerte: »Bekommen wir die Fittingsarbeit,
so werden wir den Telegraphen wohl nach und nach adieu sagen.
Die Sache ist zu anlockender Natur ...«
Sie bekamen die Aufträge auf die Fittings nicht, aber nun
setzte bald das große Geschäft mit Rußland ein. Der gesamte
Geschäftsgewinn der beiden Jahre 1851 und 1852 hatte, nach
Ehrenberg, nicht mehr als 8678 Taler betragen. Das Ergebnis war
hinter dem von 1850 weit zurückgeblieben.
Es hieße die erfinderische Tätigkeit von Werner Siemens noch
einmal erzählen, wenn wir hier jede Entwicklungsphase der Firma
verfolgen wollten. Langsam schwanden die Schwierigkeiten, und das
Haus wurde zu einer hochangesehenen Telegraphenbauanstalt, die
aus allen Teilen Europas Aufträge erhielt und am Ende stark genug
war, das große Unternehmen der indo-europäischen Telegraphenlinie
in die Hand zu nehmen.
Im Jahre 1858 war ein _Londoner Zweiggeschäft_ unter der
Leitung von Wilhelm Siemens begründet worden, das 1862 bereits
80 Arbeiter beschäftigte. Im folgenden Jahr wurde dann die
_Kabelfabrik in Charlton_ bei Woolwich begründet, deren erstes
Erzeugnis jenes unglückselige Cartagena-Oran-Kabel gewesen
ist. Halske erschrak damals über die Gefährlichkeit des
Seekabelgeschäfts so sehr, daß er die Abtrennung der Londoner
Firma vom Berliner Geschäft verlangte. Sie ging darauf in den
Privatbesitz der drei Brüder Werner, Wilhelm und Karl über, von
denen Wilhelm die Leitung übertragen wurde. Fortab firmierte das
englische Geschäft _Siemens Brothers_. Auch die _Petersburger
Firma_ wurde damals unter der Leitung von Karl selbständig
gemacht, so daß fortab drei getrennte Siemenshäuser bestanden.
[Illustration: Die Fabriken in Siemensstadt
(Nach einem Gemälde von Obronski)]
Der umfangreiche Bau der indo-europäischen Linie veranlaßte
eine weitere Vergrößerung der Firma, die auch die Kriegsjahre
1870/71 gut überstanden hatte. Die Zahl der Arbeiter in der
Berliner Fabrik, die, nach Howe, im Jahre 1867 erst 177 betrug,
wuchs 1869 auf 250 und 1871 auf 412 an. Mehr und mehr mußte
Werner Siemens sich durch das Heranziehen tüchtiger Mitarbeiter
entlasten, um Zeit genug für die Oberleitung der gesamten
Geschäfte zu gewinnen. Sein Jugendfreund _William Meyer_, der ihm
als leitender Ingenieur vortreffliche Dienste geleistet hatte,
starb im Jahre 1866. An seine Stelle wurde _Karl Frischen_
berufen, und auch _Friedrich von Hefner-Alteneck_ trat damals
in die Firma ein. Dieser hat sich, wie uns bekannt ist, um die
Durchbildung der Dynamomaschine und der Bogenlampe die größten
Verdienste erworben; Frischen wurde der Vater der ausgezeichneten
Eisenbahnsicherungsanlagen, die heute als Blocksystem von Siemens
& Halske über die ganze Erde verbreitet sind.
Zwei Jahre später faßte _Halske_ den Entschluß, _aus der Firma
auszutreten_. Die schweren Zeiten, die das Haus durchzumachen
hatte, ließen ihn treu ausharren. Aber seltsamerweise machte
ihm das Geschäft keine Freude mehr, als es sich immer weiter
ausdehnte. »Die Erklärung liegt,« wie Werner Siemens schreibt,
»in der eigenartig angelegten Natur Halskes. Er hatte Freude an
den tadellosen Gestaltungen seiner geschickten Hand sowie an
allem, was er ganz übersah und beherrschte. Unsere gemeinsame
Tätigkeit war für beide Teile durchaus befriedigend. Halske
adoptierte stets freudig meine konstruktiven Pläne und Entwürfe,
die er mit merkwürdigem mechanischem Taktgefühl sofort in
überraschender Klarheit erfaßte und denen er durch sein
Gestaltungstalent oft erst den rechten Wert verlieh. Dabei war
Halske ein klardenkender, vorsichtiger Geschäftsmann, und ihm
allein habe ich die guten geschäftlichen Resultate der ersten
Jahre zu danken.
»Das wurde aber anders, als das Geschäft sich vergrößerte und
nicht mehr von uns beiden allein geleitet werden konnte. Halske
betrachtete es als eine Entweihung des geliebten Geschäftes, daß
Fremde in ihm anordnen und schalten sollten. Schon die Anstellung
eines Buchhalters machte ihm Schmerz. Er konnte es niemals
verwinden, daß das wohlorganisierte Geschäft auch ohne ihn lebte
und arbeitete. Als schließlich die Anlagen und Unternehmungen
der Firma so groß wurden, daß er sie nicht mehr übersehen
konnte, fühlte er sich nicht mehr befriedigt und entschloß sich,
auszuscheiden und seine ganze Tätigkeit der Verwaltung der Stadt
Berlin zu widmen, die ihm persönliche Befriedigung gewährte.«
Da war der Kompagnon Siemens ein ganz anderer Kerl. In einem
Brief an seinen Bruder Karl, in dem er diesem von dem Ausscheiden
Halskes Mitteilung machte, schrieb er: »Ich will und kann noch
nicht zur Ruhe gehen. Ich hasse das faule Rentierleben, will
schaffen und suchen, solange ich kann, sehne mich nicht nach
persönlichen Annehmlichkeiten und Genüssen des Reichtums. Ich
würde körperlich und geistig zugrunde gehen, wenn ich keine
nützliche Tätigkeit, an der ich Anregung und dadurch Beruhigung
finde, mehr entfalten könnte.«
Halske, der 1890 gestorben ist, hat Werner Siemens bis zu seinem
Lebensende als Freund nahegestanden. Sein einziger Sohn trat als
Prokurist bei der Firma ein.
Bei ihrem fünfundzwanzigjährigen Geschäftsjubiläum am 12. Oktober
1872 waren in der Fabrik bereits 543 Arbeiter und 43 Beamte
tätig. Damals nahm Werner Siemens Gelegenheit, seine warmherzigen
sozialen Empfindungen, die ihn sein ganzes Leben hindurch beseelt
haben, auch im eigenen Haus praktisch zu betätigen. Er schuf eine
Einrichtung, die alle Angestellten der Firma nach Maßgabe ihrer
Leistungen am Gewinn beteiligte. Es wurde bestimmt, daß fortab
stets ein ansehnlicher Teil des Jahresgewinns zu _Tantiemen für
Beamte und Prämien für Arbeiter_ (später in Gratifikationen
umgewandelt) sowie zu _Unterstützungen für Arbeiter_ in Notlagen
aus dem Geschäftsgewinn zurückgestellt würden. Ferner wurde
ein Kapital von 60000 Talern zur Begründung einer _Alters- und
Invalidenkasse_ abgezweigt und zugleich die Verpflichtung des
Geschäfts festgelegt, der von den Beteiligten direkt gewählten
Kassenverwaltung jährlich fünf Taler für jeden Arbeiter und zehn
Taler für jeden Beamten zu zahlen, sobald diese ein Jahr lang
ohne Unterbrechung im Geschäft gearbeitet hatten.
Man muß bedenken, daß diese Schöpfungen zu einer Zeit geschahen,
als man sich selbst in Deutschland, dem Ursprungsland der
Arbeiterversicherungen, noch sehr wenig mit dem Schicksal des
kranken und invaliden Arbeiters beschäftigte. Auch auf diesem
Gebiet also ist Werner Siemens als ein Bahnbrecher zu betrachten,
und es spricht nichts so sehr für die Seelengröße dieses Manns
wie die Tatsache, daß gerade er, dem es gelungen war, aus dem
Nichts sich so hoch emporzuarbeiten, warmherzig derer gedachte,
die vom Schicksal nicht so glücklich begabt waren.
Das Haus Siemens Brothers in London hatte seit dem Jahre
1874, das die Auslegung des ersten direkten transatlantischen
Kabels brachte, sehr große Aufträge auf Seekabel zu erledigen.
Bald darauf lenkte die Erfindung des _Telephons_ die Aufmerksamkeit
auf sich, und das Berliner Haus nahm sich ihrer fördernd und
ausgestaltend an. Eine unabsehbare Reihe von Konstruktionen auf dem
Gebiet der Telephonsprechapparate und Fernsprechvermittlungsämter
ist aus der Fabrik hervorgegangen.
Mit der Erfindung der Dynamomaschine setzt alsbald der Ausbau
der _Starkstromtechnik_ ein. Die Firma hat auch hierin auf allen
Gebieten Grundlegendes geleistet. Es gibt keine Anwendungsform
des Starkstroms, für welche die Apparate nicht bei ihr frühzeitig
durchgebildet worden wären. Im Jahre 1883 wurde am Salzufer in
Charlottenburg eine neue Fabrik für größere Maschinen eröffnet.
Aus kleinen Anfängen heraus hat sie sich allmählich zu dem großen
_Charlottenburger Werk_ entwickelt.
Werner Siemens sah seine Schöpfung prächtig gediehen, als er
im Jahre 1889 die Leitung niederlegte und nur noch als stiller
Kommanditist beteiligt blieb. Drei Jahre später ist er in seinem
Charlottenburger Heim einer Lungenentzündung erlegen.
Als er sich von dem Geschäft zurückzog, übergab er die Leitung
des großen Unternehmens seinem Bruder Karl und seinen beiden
ältesten Söhnen _Arnold_ und _Wilhelm_. Karl Siemens starb im
Jahre 1906. Heute stehen die beiden genannten Söhne von Werner
Siemens an der Spitze der Firma, und ein dritter, bedeutend
jüngerer Sohn aus der _zweiten Ehe_, die Werner Siemens im Jahre
1869 mit einer Verwandten, _Antonie Siemens_, geschlossen hatte,
_Karl Friedrich von Siemens_, gehört ebenfalls dem Vorstand an.
Den drei Söhnen gesellten sich drei Töchter, Anna, Käthe und
Hertha, zu.
Im Jahre 1897 wurde die Firma Siemens & Halske mit einem Kapital
von 35 Millionen Mark in eine _Aktiengesellschaft_ umgewandelt.
1903 gliederte man die Nürnberger Fabrik Schuckert & Co. an,
und es wurden auf diese Weise die _Siemens-Schuckert-Werke_ als
Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit einem Kapital von 90
Millionen Mark begründet. Sie haben insbesondere die Aufgabe
übernommen, die Fabrikation und den Vertrieb auf dem Gebiet der
Starkstromtechnik auszuführen, während die Firma Siemens & Halske
sich mehr der Entwicklung des Schwachstroms zugewendet hat.
Mit welchem Gelingen die Nachkommen das hinterlassene Werk ihres
großen Vaters zu fördern und weiterzubilden gewußt haben, geht
aus den Zahlen hervor, die das letzte Geschäftsjahr vor dem
Ausbruch des Weltkriegs charakterisieren. Der gesamte Konzern
beschäftigte damals _82500 Arbeiter und Angestellte_. Das
_gesamte Aktienkapital_ betrug im gleichen Jahr _153 Millionen
Mark_. Die Siemens-&-Halske-Aktiengesellschaft erzielte einen
Geschäftsgewinn von 17-1/2 Millionen, die Siemens-Schuckert-Werke
einen solchen von rund 28 Millionen Mark.
Der älteste Sohn des Meisters, _Arnold von Siemens_, ist jetzt
der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Firma Siemens & Halske.
Er wurde als Vertreter der Familie ins Herrenhaus berufen
und ist mit einer Tochter des großen Hermann von Helmholtz
verheiratet. Der zweite Sohn, Geheimer Regierungsrat Dr.-Ing.
*h. c.* _Wilhelm von Siemens_, Vorsitzender des Aufsichtsrats
der Siemens-Schuckert-Werke, läßt insbesondere die Führung der
Geschäfte im Rahmen der großen Siemensschen Tradition seine
Aufgabe sein. Ihm persönlich ist vielfach der Anstoß zu weiteren
großen Leistungen zu verdanken, die das Haus nach des Meisters
Tod vollbracht hat.
So ist der Siemenssche Schnelltelegraph, der geschwindeste
Fernbote, den wir in der Praxis besitzen, als seine Schöpfung
anzusehen. Die Ausgestaltung der Metallfadenglühlampe wurde durch
seine Anregung von der Firma in besonderer Weise gefördert.
Nachdem in Budapest von der Firma Siemens & Halske die erste
Untergrundbahn auf dem europäischen Festland gebaut worden
war, hat Wilhelm von Siemens mit größter Energie und Ausdauer
die Idee des Baus von _Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin_
betrieben. Im Jahre 1896 wurde denn auch die Werner Siemenssche
Idee der Schaffung von elektrischen Schnellbahnen für Berlin
wieder aufgenommen, und der erste Spatenstich für die Hoch- und
Untergrundbahnlinien getan. Das Schnellbahnnetz von Berlin,
das sich bis jetzt im Betrieb befindet -- 1902 wurde die erste
Linie eröffnet -- ist eine hervorragende Schöpfung der Firma
Siemens & Halske, die besonders auf dem Gebiet des Tunnelbaus mit
Grundwasserabsenkung Bahnbrechendes geleistet hat.
Seit einigen Jahren sind die Hauptfabriken des Konzerns zu
einem imponierenden Ganzen in einem Berliner Außenbezirk
zusammengeschlossen. Er trägt den Namen _Siemensstadt_ und ist
eine Industriestätte von hervorragender Bedeutung. Es befinden
sich dort das gewaltige Wernerwerk, in dem alle erdenklichen
Schwachstromapparate in höchster Vollendung erzeugt werden, das
Blockwerk, das der Herstellung der Eisenbahnsicherungsanlagen
dient, das Dynamowerk, Elektromotorenwerk, Autowerk und das
Kleinbauwerk, das die zierlichen Zubehörteile elektrischer
Anlagen sowie Handapparate in ungeheurer Zahl fertigstellt. In
geringer Entfernung von Siemensstadt, in Gartenfelde, ist das
Kabelwerk angesiedelt. In Berlin-Lichtenberg befindet sich die
Fabrik für Bogenlampenkohlen, welche die Firma Gebrüder Siemens &
Co. führt. Hier wird auch noch der von Werner Siemens erfundene
Alkoholmeßapparat hergestellt. In der Franklinstraße produziert
das Charlottenburger Werk weitere Schaltanlagen und eine große
Anzahl von Starkstrom-Apparatteilen. Dicht daneben liegt das
Glühlampenwerk. Große Fabriken unterhält die Firma ferner in
_Nürnberg_ und _Wien_.
Lebenserinnerungen. Weltruhm
Dreiundsiebzig Jahre war Werner Siemens alt, als er die Zügel der
Regierung in dem von ihm selbst geschaffenen großen industriellen
Reich aus der Hand legte. Aber er tat es auch dann noch nicht, um
fortab der Ruhe zu pflegen, sondern dieser nimmermüde Geist hatte
sich noch ein neues bedeutendes Ziel gesteckt.
Das _Werk_, das er vollbracht, stand deutlich erkennbar vor aller
Augen. Nun wollte er auch das _Leben_ darstellen, aus dem dieses
Werk hervorsprießen konnte, emporwachsen mußte. Er ging an die
Niederschrift seiner »Lebenserinnerungen«, die er bis kurze Zeit
vor seinem Tod fortsetzte. Mit diesem Buch hat Werner Siemens
sich und der deutschen Technik ein bleibendes Denkmal errichtet.
Während wir sonst die einzelnen Teile seines wissenschaftlichen
und technischen Schaffens nur nebeneinander aufgestellt, wie in
einem Lager nach bloß praktischen Gesichtspunkten aufgereiht
sehen würden, erblicken wir sie nun in künstlerischer Anordnung
zu einem Museum vereint, sinnvoll zu einem übersichtlichen Ganzen
verbunden. Wir vermögen zu erkennen, wie ein Gedanke dem andern
die Hand reicht, wie die jüngere Schöpfung sich auf die ältere
stützt, »wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem anderen
wirkt und lebt«. Ein Lebenswerk steht geschlossen, als etwas
Vollkommenes vor uns.
In dem Buch eines solchen Autors ist der Stil etwas Äußerliches.
Werner Siemens hat bei der Abfassung seiner Lebensgeschichte
sicherlich keine schriftstellerischen Wirkungen beabsichtigt.
Gerade darum aber ist es doppelt bemerkenswert, daß dieser Mann
die Klarheit seiner Gedanken in ebenso klare Rede umzugießen
wußte. Nicht in den »Lebenserinnerungen« allein, auch in
seinen Schriften wissenschaftlichen und technischen Inhalts,
von denen wir zwei starke Bände besitzen, sind die Prägung des
Ausdrucks, die Kraft der Darstellung, die Anmut der Schilderungen
bewunderungswürdig. Gerade hierin sollte der Meister ein Vorbild
für das nachgeborene Technikergeschlecht sein. Aus seinen
schriftstellerischen Leistungen kann eine bedeutsame Lehre
entnommen werden.
Noch heute, wo die Technik das Leben der Menschen so innig
durchdrungen hat, wo ein jeder innerhalb ihrer Erzeugnisse und
mit ihnen lebt, stehen die allermeisten der Technik kühl, fast
abweisend gegenüber. Während jeder sich in der Unterhaltung die
äußerste Mühe gibt, fehlende Kenntnisse in der Literatur, der
Musik, den bildenden Künsten sorgsam zu verdecken, gehört es
fast zum guten Ton, von technischen Dingen nichts zu wissen. Man
gibt zwar hier und da einer kalten Bewunderung Ausdruck, sieht
in den technischen Schöpfungen aber doch kaum mehr als nützliche
Gegenstände, Werkzeuge, die nur für die Hände da sind, aber dem
Geist nichts zu bieten vermögen.
Der innere Gehalt der Technik, ihre großen gedanklichen Werte
sind unbekannt. Man ahnt nicht, daß das Große auch hier nicht
durch handwerksmäßiges Betreiben, sondern nur als Folge tief
eindringender Geistesprozesse entstehen kann. Es entgeht den
meisten, daß die Technik eine philosophische und künstlerische
Angelegenheit zugleich ist.
Den Grund hierfür muß man in der mangelhaften Form suchen, mit
der das technische Schaffen den Fernstehenden erläutert und
vorgetragen wird. Kaum einer außerhalb der Fachkreise befaßt
sich gern mit der Lektüre technischer Schriften, weil er von
vornherein weiß, daß er hieraus doch keinen Gewinn davontragen
wird. Der schreibende Ingenieur erzählt ihm in seinen Aufsätzen
von einem einzelnen, das nur als Glied eines Ganzen zu verstehen
ist, aber von diesem Ganzen ist niemals die Rede. Dazu soll der
bloß interessierte, nicht fachmännische Leser Vorkenntnisse
mitbringen, die ihm notwendigerweise mangeln müssen. Der
schreibende Ingenieur kennt nicht das seit Jahrhunderten bewährte
Einführungsmittel der Literatur, die Exposition. Er geht *medias
in res*, aber nicht wie Homer, indem er den Leser sofort auf
einen schönen Aussichtspunkt geleitet, von dem er ihn dann,
rückwärts schauend, den Weg erkennen läßt, der dorthin führte,
sondern er stellt die Wißbegierigen sogleich auf einen kahlen
Gipfel, von dem aus nach allen Seiten unüberschreitbare Abgründe
tief hinunterfallen, der keine Verbindung mit der übrigen
Welt hat. Dem Leser ist unverständlich, wie er plötzlich dort
hinausgekommen ist, und er begreift nichts.
Technische Dinge lassen sich nicht so darstellen, daß die
Lektüre Verständnis und Genuß zu gewähren vermag, heißt dann die
allgemeine Meinung. Sie ist so falsch wie möglich. Alles was
ist, kann durch schildernde Kraft deutlich gemacht werden. Und
diese romantische Welt der Technik, die voll ist von Wundern,
durchströmt von heißem Leben, von glühendem Schaffen, die
fortwährend Riesen von ungeheurem Wuchs gebiert, Zwerge mit
märchenhaft feiner Durchbildung ihrer Glieder schafft, sie sollte
nicht Gegenstand von Schilderungen sein können, die ihre Leser
zu bannen vermögen?! Man glaubt das nur, weil die Techniker ihre
Aufsätze, die sich an die Laienwelt wenden, nur allzuoft aus
einem Stoff herstellen, der im Maschinenbau ja häufig mit ganz
gutem Erfolg angewendet wird, aber für das Schrifttum doch nicht
geeignet ist: aus Leder.
Man lese, wie Werner Siemens seine Kabellegungen, seine
elektrischen Studien auf der Cheopspyramide, selbst die
Geschichte des Telegraphen darstellt, und man wird einsehen, daß
in der Welt der Technik großartige Stoffe in genügender Zahl zu
finden sind.
Freilich muß man wohl das Organ besitzen, um die tiefe seelische
Erregung nachempfinden zu können, von denen ein Mann wie Siemens
gleich den geistigen Größen aller Zeiten bewegt wurde, wenn er
eine neue Wahrheit gefunden hatte. Das überströmende Gefühl, das
den Archimedes, nachdem er das hydrostatische Gesetz entdeckt
hatte, mit dem Ruf Heureka! durch die Straßen laufen ließ,
kannte auch er. Denn er schreibt: »Wenn ein dem Geist bisher
nur dunkel vorschwebendes Naturgesetz plötzlich klar aus dem es
verhüllenden Nebel hervortritt, wenn der Schlüssel zu einer lange
vergeblich gesuchten mechanischen Kombination gefunden ist, wenn
das fehlende Glied einer Gedankenkette sich glücklich einfügt, so
gewährt dies dem Erfinder das erhebende Gefühl eines errungenen
geistigen Sieges, welches ihn allein schon für alle Mühen des
Kampfes reichlich entschädigt und ihn für den Augenblick auf eine
höhere Stufe des Daseins erhebt.« Er empfand also vollkommen als
Künstler, der er auch in allen seinen Schöpfungen gewesen ist.
In welch einer quellenden Fülle aber stehen diese vor uns!
Wie eng ist der Raum der fünf Jahrzehnte, die er schaffend
durchlebte, gegenüber dem geleisteten Werk! Niemals wird der
gewöhnliche Sterbliche begreifen können, wie das Genie sein Leben
lebt, wie es Zeit findet zu ergründenden Gedanken, während es
handfeste Taten vollbringt; wie es Muße gewinnt, die bestehende
Welt in sich aufzunehmen, während es die neue schafft, die von
seinem Auftreten an datiert; welche Methoden ihm helfen, die Zeit
so zu überwinden wie der elektrische Funke den Raum.
Werner Siemens starb von allen äußeren Ehren bekränzt. Die
Universität Berlin hatte ihn bei ihrem fünfzigjährigen Jubiläum
zum Ehrendoktor ernannt, die Akademie ihn zu ihrem Mitglied
berufen. Kaiser Wilhelm I. zeichnete ihn durch den Orden
*Pour le Mérite* aus, Kaiser Friedrich verlieh ihm bei seiner
Thronbesteigung den erblichen Adel. Niemals sind Auszeichnungen
einem Würdigeren zuteil geworden. Denn sein Leben gehörte nicht
ihm selbst, es war ganz seiner Kunst, wie wir sein Schaffen ruhig
nennen wollen, dem Vaterland, der ganzen Menschheit gewidmet. Er
gab allen Bewohnern der Erde das unübertrefflich weit reichende
Werkzeug der elektrischen Gedanken- und Arbeitsübertragung in die
Hand, er legte das Fundament für den ragenden Bau der deutschen
Elektrotechnik, er half den Erfindern, bedachte mit warmem Herzen
seine Werkleute und richtete der reinen Wissenschaft Tempel ein.
Aber ihm selbst war das, was er geschaffen, noch nicht genug. Am
Ende seiner Selbstbiographie erklärt er, daß sein Leben schön
gewesen sei, weil es erfolgreiche Mühe und nützliche Arbeit war.
Und nichts ist ihm im Alter schmerzlicher, als von seinen Lieben
scheiden zu müssen und der Gedanke, nicht mehr weiter an der
Entwicklung des naturwissenschaftlichen Zeitalters arbeiten zu
können.
Uns scheint er den Raum seines Daseins voll ausgefüllt zu haben.
Sein Name steht als ein Felsen fest gefügt im brandenden Meer der
Kulturgeschichte. Niemals wird er untergehen. Mit Ehrfurcht nennt
man den Namen Werner Siemens in fünf Erdteilen. Die Größe seines
Werks erscheint erhabener mit jedem Fortschritt, den die immer
bedeutsamer werdende Elektrotechnik macht. Unser Vaterland ist
stolz darauf, daß Werner Siemens ein deutscher Mann gewesen!
Quellenverzeichnis
_Werner von Siemens_: »Lebenserinnerungen«. Verlag von Julius
Springer, Berlin, 1901. -- »Wissenschaftliche und technische
Arbeiten«. Zwei Bände. Verlag von Julius Springer, Berlin,
1889 und 1901. -- »Zur Militärfrage«. Ein Vorschlag. Verlag
von Julius Springer, Berlin, 1862.
Antrittsreden der Herren _Siemens_ und _Virchow_ und
Antwort des Herrn _Du Bois-Reymond_, Sekretärs der
Physikalisch-Mathematischen Klasse. Gelesen in der
öffentlichen Sitzung der Kgl. Akademie der Wissenschaften zu
Berlin am 2. Juli 1874.
_William Pole_: »Wilhelm Siemens«. Verlag von Julius Springer,
Berlin, 1890.
_Richard Ehrenberg_: »Die Unternehmungen der Brüder Siemens«.
Erster Band. Verlag von Gustav Fischer, Jena, 1906.