Kleinverkehr in den Straßen, sondern die elektrische Lokomotive
hat sich jetzt bereits auch die Fernbahnen erobert. In allen
Ländern, auch in Preußen, sind ausgedehnte Versuche mit
elektrischer Zugförderung auf großen Fernbahnstrecken gemacht
worden, und man kann heute schon sagen, daß der elektrische
Betrieb ökonomisch und technisch dem Dampfbetrieb auch auf
großen Linien überlegen ist. Länder, die reich an Wasserkräften
sind, wie Schweden und die Schweiz, bauen in größerem Maßstab
ihr Bahnsystem für elektrischen Antrieb um, weil sie auf diese
Weise die billig zur Verfügung stehende Naturkraft des fallenden
Wassers ausnutzen können.
[Illustration: Elektrische Hochbahn durch die Friedrichstraße
nach dem Vorschlag von Werner Siemens aus dem Jahre 1880
(Aufnahme nach einem Modell)]
[Illustration: Die heutige Berliner Schnellbahn; Hochbahnstrecke
am Halleschen Tor]
Im Jahre 1906 wurde durch einen epochalen Versuch gezeigt, daß mit
elektrischem Antrieb Fahrgeschwindigkeiten erreicht werden können,
welche die Dampflokomotive nicht zu leisten vermag. Damals taten sich
die führenden elektrischen Firmen Deutschlands, Siemens & Halske und
die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft, zu _Schnellfahrversuchen_
zusammen, für welche die Verwaltung der preußischen Staatsbahnen die
Strecke Marienfelde-Zossen zur Verfügung gestellt hatte. Es wurden
hier Geschwindigkeiten von über _200 Kilometern in der Stunde_
erreicht und damit bewiesen, daß der Elektromotor fähig ist, Züge
mit einer so außerordentlichen Schnelligkeit über die Strecke zu
befördern. Das Ergebnis dieses Versuchs ist bis heute noch nicht
praktisch ausgenutzt worden, aber es schlummern in ihm große
Zukunftsmöglichkeiten.
Sobald das Verkehrsbedürfnis es erfordern wird, dürften
besondere, mit nur sehr schwachen Krümmungen versehene
Strecken erbaut werden, und auf ihnen wird ein Zugverkehr mit
dem Doppelten der heute üblichen Schnellzugsgeschwindigkeit
stattfinden können. Die großen Verkehrszentren werden dann
einander außerordentlich viel näher rücken.
Elektrisches Licht
Der Erfinder der Dynamomaschine hat selbstverständlich neben dem
Ausbau der elektrischen Bahn auch einem anderen Nutzungsbereich
der Elektrizität seine besondere Aufmerksamkeit zugewendet, der
zu jener Zeit schon bis zu einem gewissen Grad angebaut war.
Es wurde bei der Darstellung der Vorgeschichte der Dynamomaschine
bereits erwähnt, daß mit Hilfe von magnet-elektrischen Maschinen
elektrische Beleuchtungsanlagen für Leuchttürme geschaffen
worden sind. Die außerordentliche Helligkeit des elektrischen
Lichtbogens, die bis zum heutigen Tag unübertroffen ist, zog eben
schon früh die Aufmerksamkeit der technischen Welt auf sich. Die
elektrischen Leuchtturmfeuer leisteten auch recht gute Dienste,
da die in jener Zeit vorhandenen Hilfsmittel gerade die hier
gewünschte Konzentration einer großen Energiemenge zur Erzeugung
eines einzigen Lichtpunkts sehr begünstigten.
Aber es war damals noch nicht daran zu denken, daß das
elektrische Licht den normalen Beleuchtungseinrichtungen,
dem Petroleumbrenner etwa oder dem Gaslicht, Konkurrenz
machen könnte, denn ihm fehlte eine wichtige Eigenschaft: die
»Teilbarkeit«. Man konnte von einer Maschine aus immer nur
eine einzige Leuchtquelle betreiben. Werner Siemens war es
vorbehalten, auch hier einen neuen Weg zu eröffnen und damit die
moderne Ära der elektrischen Beleuchtung einzuleiten.
Die Leuchtkraft des elektrischen Lichts wurde zum erstenmal im
Jahre 1808 von Humphrey _Davy_ einem staunenden Auditorium mit
blendender Klarheit gezeigt. Zwar hatte man schon früher die
leuchtenden Funken überspringen gesehen, aber die Dauer dieser
Lichterscheinung war stets außerordentlich kurz gewesen. Davy
erzeugte nun mit Hilfe einer riesenhaften Voltaschen Säule, wie
man sie bis dahin noch nicht aufgebaut hatte, einen dauernden
Lichtbogen, indem er zwei Kohlenstäbe, die in die Leitung
eingeschaltet waren und sich berührten, ein wenig voneinander
entfernte.
Als man dann später zur Erzeugung kräftiger Ströme nicht mehr auf
Voltasäulen und galvanische Batterien angewiesen war, sondern
die magnet-elektrischen Maschinen zur Verfügung hatte, benutzte
man den Lichtbogen für die Erzeugung eines Lichts von unerhörter
Intensität.
So lagen die Dinge noch, als Werner Siemens die Dynamomaschine
erfand. Die ersten elektrischen Lampen, die durch diese Maschinen
gespeist wurden, gehörten gleichfalls zu der unteilbaren Gattung.
Man hatte jedoch den dringenden Wunsch, diese glänzende
Erscheinung, die sich für Leuchttürme und Scheinwerfer vorzüglich
eignete, in ihrer Intensität dadurch zu mindern, daß man in den
Maschinenstrom mehrere Lampen zugleich schaltete.
Die erste Möglichkeit hierfür bot die Erfindung eines Russen, die
Jablochkoff-Kerze, mit der im Jahre 1876 die Avenue de l'Opéra
in Paris zum erstenmal beleuchtet wurde. Man vermochte vier bis
fünf Jablochkoff-Kerzen in denselben Stromkreis zu schalten und
hatte damit schon einen recht achtbaren Schritt vorwärts getan.
Die Lampen bestanden aus zwei parallel nebeneinander liegenden
Kohlenstiften, die durch eine Gipsschicht getrennt waren. Vor
der Benutzung waren die Kohlenstifte durch ein quer darüber
gelegtes Stückchen Graphit verbunden. Beim Einschalten des Stroms
verbrannte der Graphit in kurzer Zeit, und nun entzündete sich
von selbst der Lichtbogen zwischen den Kohlenspitzen. Erlosch
aber einmal eine der Lampen, was bei der Ungleichmäßigkeit
der Kohlen nicht gar zu selten vorkam, so konnte dieselbe
Kerze nur durch höchst umständliche Manipulationen wieder
entzündet werden. Und zugleich verursachte das Verlöschen der
einen Lampe das Ausgehen aller anderen, die sich in demselben
Stromkreis befanden. Zur weiteren Verbreitung, zur allgemeinen
Straßenbeleuchtung etwa oder zur Erhellung von Fabrikhöfen, war
das elektrische Licht also auch in diesem Zustand noch nicht
geeignet.
In dem für die Elektrotechnik so wichtigen Jahr 1879, das die
elektrische Bahn brachte, wurde die damals neu entstandene
Kaiser-Galerie in Berlin, die bekannte Passage zwischen
der Straße Unter den Linden und der Friedrichstraße, zum
erstenmal durch eine neue Bogenlampenart erleuchtet. Von diesen
Lichtspendern konnte man so viel in dieselbe Leitung schalten,
wie die von der Maschine gelieferte Energie zu speisen vermochte;
sie entzündeten sich, falls die Lichtbogen aus irgendeinem Grund
einmal momentan zum Erlöschen gebracht wurden, sofort selbsttätig
von neuem, und das Erlöschen blieb immer nur auf die eine gerade
in Unordnung geratene Lampe beschränkt, keine andere wurde
dadurch in Mitleidenschaft gezogen.
In der Kaiser-Galerie brannten damals zum erstenmal die
_Differential-Bogenlampen_, deren Grundidee Werner Siemens
ersonnen hatte. Die Konstruktion war dann von Hefner-Alteneck,
der bereits als Erfinder des Trommelankers erwähnt wurde,
ausgeführt und in hervorragender Weise durchgebildet worden. Bei
diesen Lampen wurde durch die Anbringung einer Selbstregulierung
mittels Haupt- und Nebenstroms erreicht, daß die Kohlenenden bei
eingeschaltetem Strom immer einen solchen Abstand voneinander
einnehmen mußten, daß der Lichtbogen sich stets in richtiger
Weise bilden konnte. Die Bogenlampen mit Differentialregulierung
sind jahrzehntelang der Grundpfeiler der elektrischen Beleuchtung
gewesen. Erst als die Glühlampen in der Form, wie wir sie
von Edisons Hand empfingen, eine viel weitere Teilung des
elektrischen Lichts ermöglichten, hat die elektrische Beleuchtung
einen zweiten erfolgreichen Weg zu wandeln begonnen.
Parerga
Mit der Darstellung der Meisterleistungen, der Errichtung des
Grundbaus für die Land- und Unterseetelegraphie, der Erfindung
der Dynamomaschine, der Einrichtung der ersten elektrischen
Bahnen und der ersten modernen elektrischen Beleuchtung, ist
der Rahmen, der das Bild des Schaffens von Werner Siemens
umschließt, noch nicht ausgefüllt. Dieser universelle Geist
durchschweifte alle Höhen und Tiefen der Technik; er unterwarf
das Kleine wie das Große einer scharfen Musterung, und allerorten
bot sich ihm Gelegenheit, fördernd einzugreifen. Die Blumen,
die an dem von Werner Siemens durch Jahrzehnte abgeschrittenen
Ideenpfad bescheiden zur Seite stehen, würden genügen, um den
Erfindungsgarten vieler anderer prächtig zu schmücken.
Es genügt, die kleineren, aber oft gleichfalls sehr
bedeutungsvollen Erfindungen, die er gemacht hat, nur kurz
aufzuzählen, um den quellenden Gedankenreichtum anzudeuten,
den die Natur in den Geist dieses Manns eingesenkt hatte. Man
glaubt einen übersprudelnden Wildbach vor sich zu sehen, nimmt
aber bei genauem Studium wahr, daß hier ein wohlgeregelter
Wasserlauf fließt, daß keine dieser Erfindungen plötzlich und
wurzellos hervorgebrochen ist, sondern daß jede von ihnen
nur der körperliche Ausdruck, das letzte Glied einer langen,
wissenschaftlichen Überlegungsreihe oder der Weiterausbau einer
schon früher als aussichtsreich erkannten Ideenkette ist.
So führte die erste elektrische Bahn Siemens dazu, den _ersten
elektrisch angetriebenen Fahrstuhl_ zu ersinnen. Ist diese
Vorrichtung doch nichts anderes, als eine aus der Wagerechten ins
Senkrechte gewendete Bahn.
Dieser erste elektrische Fahrstuhl diente dazu, die staunenden
Besucher in der Industrieausstellung zu Mannheim im Jahre
1880 auf einen Aussichtsturm zu befördern. Bis dahin hatte
man nur hydraulisch betriebene Aufzüge gekannt. Die Anwendung
des Elektromotors für diesen Zweck bedeutete eine sehr große
Vereinfachung der Anlage. Dieser Fahrstuhl ist als die erste
elektrisch betriebene Hebemaschine überhaupt zu betrachten,
wodurch er an den Anfang einer außerordentlich wichtigen
Entwicklungsreihe tritt. Die elektrischen Krane leisten ja heute
allerorten in weitestem Maß unersetzliche Dienste.
Die Konstruktion dieses ersten Siemensschen Fahrstuhls weicht
sehr weit von den heute üblichen Bauarten ab; wir verwenden
heute fast ausschließlich Seile, die sich auf eine Trommel
wickeln, zum Heben der Fahrkammer. Der Mannheimer Aufzug war
nach dem Kletterprinzip gebaut. Man hatte in dem Schacht eine
senkrecht hinaufführende Zahnstange errichtet, die man auch als
eine eiserne Leiter mit geringem Sprossenabstand ansehen kann.
Von beiden Seiten griffen in die Leitersprossen kleine, vom
Elektromotor angetriebene Zahnräder ein, und sobald diese gedreht
wurden, kletterte der Aufzug gewissermaßen an der Leiter empor.
Der Antriebsmotor war an der Fahrkammer selbst angebracht, er
machte also deren Bewegungen mit. Um ein Abstürzen zu verhüten,
geschah die Übertragung der Kraft vom Motor zu den Zahnrädern mit
Hilfe einer Schnecke, die ja ein selbstsperrendes Getriebe ist.
Wenn die Schnecke beim Ausbleiben des Stroms stehen blieb, konnte
der Fahrstuhl nicht hinunterrutschen, weil die Zahnräder dann
keine Bewegung zu machen vermochten.
Bald machte Werner Siemens auch den Vorschlag, den Elektromotor,
der immer noch sekundäre Dynamomaschine hieß, für die Landwirtschaft
dienstbar zu machen. Er konstruierte den ersten _elektrischen
Pflug_. Mit den damaligen, durch Dampfkraft angetriebenen Pflügen
war man nur imstande, vollkommen ebene Felder abzupflügen und
konnte nur gerade, parallel zueinander stehende Furchen ziehen.
Für die Anwendung der Maschinenpflüge war also Bedingung, daß die
Felder flach und rechteckig geschnitten waren. Werner Siemens
setzte nun seinen Motor auf den Pflug selbst und gewann auf
diese Weise volle Bewegungsfreiheit, da die Verbindung mit der
stromgebenden Maschine durch eine biegsame Leitung stattfinden
konnte, die jeder wie immer gearteten Bewegung zu folgen vermochte.
Eine hübsche Anwendung der Elektrizität als Bewegungskraft
brachte der _elektrische Hammer_. Es wurde die Fähigkeit einer
stromdurchflossenen Spule ausgenutzt, einen Eisenstab bei
Schließung des Stroms kräftig in sich hineinzuziehen. Durch
Anwendung von Wechselstrom und Einbau zweier Spulen, die
abwechselnd auf einen magnetisierten Stab einwirkten, wurde eine
rasch hin und her gehende Bewegung erzielt. Die kräftigen Schläge
wurden bald dazu benutzt, um Gesteinsbohrmaschinen zu bauen. Sie
hatten durch eine vom Erfinder angegebene weitere Anordnung die
Fähigkeit, den Stößel von selbst, entsprechend der wachsenden
Vertiefung des Lochs, vorrücken zu lassen, so daß er immer gegen
das Gestein schlug.
Sehr interessant ist die Anordnung, die Siemens angegeben hat,
um eine _Fernsteuerung von Schiffen_ zu bewirken. Man kannte
damals die selbstlaufenden Torpedos, die wir heute so reichlich
benutzen, noch nicht. Um ein Torpedo an ein feindliches Schiff
heranzubringen, wurde es vielmehr mit langen Spieren an einem
Boot befestigt, das eine Antriebsmaschine besaß. Es war nun
natürlich nicht gerade angenehm, dieses Boot mit seiner
gefährlichen Beigabe an das feindliche Schiff heranzufahren.
Siemens brachte darum auf dem »Torpedoboot« -- das Wort hatte
damals eine andere Bedeutung als heute -- eine elektromagnetische
Einrichtung an, mit deren Hilfe man das Steuer von fernher
bewegen konnte, so daß nun eine Bemannung nicht mehr nötig war.
Ein Querbalken, der an der Pinne des Steuerruders befestigt
war, konnte mit Hilfe von zwei Magneten, die auf seine Enden
einwirkten, bewegt werden. Je nachdem man den einen oder den
anderen Magnet einschaltete, fand ein Umlegen des Ruders statt.
Durch eine abrollende isolierte Doppelleitung mußte das Boot
natürlich mit seinem Mutterschiff in Verbindung bleiben, auf dem
die nötigen Schaltungen und damit die Beeinflussungen der beiden
Steuermagnete vorgenommen wurden.
Indem er diese Konstruktion weiter bildete, kam Siemens dann
zu einer Einrichtung, die es ermöglichte, daß ein _unbemanntes
Schiff sich selbst stets so steuerte_, daß es genau in einer
einmal vorgeschriebenen Richtung fuhr. Als Steuermann wurde
hierbei eine Magnetnadel benutzt, die ja immer unbeirrt in
derselben Richtung, nämlich nach dem magnetischen Nordpol, zeigt.
Durch eine Einstellvorrichtung wurde bewirkt, daß das Steuer nur
dann in Ruhe blieb, wenn das Schiff in einer Richtung fuhr, die
einen ganz bestimmten Winkel zu der magnetischen Nordsüdrichtung
bildete. Wich das Schiff von dieser Richtung ab, so bekam
entweder der eine oder der andere der Magnete, die den Querbalken
des Steuerruders beherrschten, Strom, bis die festgelegte
Fahrtrichtung wieder eingehalten wurde. Es kam also hier derselbe
Gedanke in Anwendung, den wir heute bei unseren selbstlaufenden
Torpedos benutzen, nur daß bei diesen der unbeirrbare Steuermann
nicht eine Magnetnadel, sondern ein sehr schnell rotierender
Kreisel ist, dessen Achse sich gleichfalls nicht aus der einmal
angenommenen Richtung bringen läßt.
Eine von Siemens weiter ersonnene Einrichtung gab Gelegenheit,
den _Stand des Wassers_ in Sammeltürmen oder anderen Behältern
_von fernher_, insbesondere also in der Pumpstation, zu erkennen.
Durch das im Behälter auf und nieder gehende Wasser wurde ein
Schwimmer bewegt. Dieser betätigte einen Mechanismus, der von
Zeit zu Zeit, wenn der Stand des Wasserspiegels sich um eine
bestimmte Größe verändert hatte, einen Strom durch die Leitung
nach dem Maschinenhaus schickte. Dadurch wurde ein elektrischer
Zeiger bald vorwärts, bald rückwärts über eine Skala bewegt,
so daß man auf dieser die Höhe des Wasserstands stets ablesen
konnte. Wasserstandsfernmelder sind später von diesem Ursprung
her in zahlreichen Arten konstruiert worden, und sie bilden heute
unentbehrliche Bestandteile jeder großen Wasseranlage.
Man kann Elektrizität nicht nur durch Reibung, durch Magnetismus
und durch Induktion, sondern noch auf eine vierte Weise, nämlich
durch Wärme, erzeugen. Lötet man zwei Stäbe aus verschiedenen
Metallen, etwa Neusilber und Eisen, mit beiden Enden zusammen
und erwärmt die eine Lötstelle, so fließt durch den metallenen
Kreis ein Strom. Siemens baute eine riesige _Thermosäule_ aus
2500 einseitig verlöteten Neusilber-Eisen-Elementen auf, deren
Lötstellen in einem Rohr untergebracht waren. Die anderen
nicht zusammengelöteten Enden waren durch Drähte verbunden,
und diese führten alle zu einer gemeinschaftlichen Leitung, in
die ein passendes Instrument eingeschaltet war. Erwärmte man
die Lötstellen durch Leuchtgas, so wurde durch die entstehende
Thermo-Elektrizität schon nach einer Minute eine Glocke zum Tönen
gebracht. Es war dies die erste Thermosäule, die so kräftig
wirkte, daß durch sie eine merkbare elektromotorische Kraft
erzeugt wurde.
Willougby Smith hatte entdeckt, daß das _Selen_ seine elektrische
Leitfähigkeit mit wechselnder Belichtung ändert. Siemens brachte
das Selen durch Umschmelzen in sehr hoher Temperatur in eine
Form, die gestattete, mit Hilfe der sich bei Belichtung ändernden
Leitfähigkeit die Stärke von Lichtquellen zu messen. Bis dahin
besaß man in der Photometrie nur die Möglichkeit, die Stärke
einer Lichtquelle dadurch zu bestimmen, daß man sie mit einer
anderen verglich. Das Siemenssche Selen-Photometer gestattete die
direkte Feststellung der Lichtstärke durch Widerstandsmessung,
was sehr viel genauere Resultate lieferte. Man war dadurch auch
in der Lage, die Leuchtstärke verschiedenfarbiger Lichtquellen
miteinander zu vergleichen.
Die durch _schlagende Wetter_ in Bergwerken auch damals schon
nicht allzu selten hervorgerufenen Katastrophen hatten Siemens'
warmherziges Empfinden auf sich gelenkt. Er begnügte sich
jedoch nicht mit dem bloßen Mitleid für die armen Bergarbeiter,
sondern sann über ein Mittel nach, solche Unglücksfälle zu
verhindern. Er fand, daß Platinmoor erwärmt wurde, sobald
eine gewisse Menge Grubengas in seiner Nähe vorhanden war. Es
findet dann eine langsame, nicht sichtbare Verbrennung des
Grubengases statt. Diese Tatsache benutzte er, um die Lötstellen
von Thermo-Elementen erwärmen zu lassen. Hatte sich in einer
Grube eine gewisse Menge des gefährlichen Gases angesammelt,
das bei Entzündung die Ursache der schlagenden Wetter ist,
dann begannen die an den Lötstellen mit Platinmoor belegten
Thermoelemente Strom durch die Leitung zu schicken, die nach oben
führte, und die Zeiger feiner Instrumente, die an bestimmten
Beobachtungsstellen über Tag aufgestellt waren, begannen
auszuschlagen oder auch akustische Zeichen auszulösen. Die
Hoffnungen, die man auf diese Einrichtung damals setzte, haben
sich allerdings nicht in vollem Maß erfüllt. Noch heute besitzen
wir kein unbedingt zuverlässiges Anzeigemittel für Grubengas.
Die Firma Siemens & Halske hat im Jahre 1866 die _erste
Rohrpostanlage in Berlin_ gebaut. Sie führte vom
Haupttelegraphenamt zur Börse und diente der raschen Beförderung
von Telegrammen innerhalb der Stadt. Werner Siemens selbst schuf
die wissenschaftliche Grundlage für die Einrichtung, indem er die
Bewegungsgesetze der Gase in Röhren studierte.
In Rußland war schon damals eine hohe Abgabe auf die Erzeugung
von Spiritus gelegt. Um brauchbare Unterlagen für diese
Besteuerung zu erhalten, wünschte man einen Apparat, der genau
die Menge des durch ein Rohr strömenden Spiritus anzeigte und
ferner auch die Menge des absoluten Alkohols angäbe, der darin
enthalten war. Der von Siemens erfundene _Alkoholmeßapparat_
macht die gewünschten Angaben ebenso genau, wie sie sonst nur
durch die besten, sehr komplizierten Meßverfahren erzielt werden
können. Eine sich drehende Trommel stellt die durchströmende
Flüssigkeitsmenge fest, und ein in der Flüssigkeit liegender
Schwimmer, der sich entsprechend dem spezifischen Gewicht hebt
und senkt, korrigiert die Anzeige gemäß der Menge des darin
enthaltenen absoluten Alkohols.
Ein Apparat von ähnlicher Feinfühligkeit ist der
_Elektrizitätszähler_. Die Konstruktion mit Zählantrieb durch
einen Motor, dessen Bewegung durch eine Kupferscheibe und
Magnetbeeinflussung geregelt wird, verdanken wir gleichfalls
Werner Siemens. Strommesser dieser Art werden heute fast
ausschließlich verwendet.
Die lange Zeit, welche in Parlamentssitzungen für die Abstimmungen
gebraucht wird, verdroß den technischen Sinn von Werner Siemens.
Im Jahre 1870 reichte er beim Präsidium des Preußischen
Abgeordnetenhauses einen Vorschlag für einen _elektrischen
Abstimmungsapparat_ ein, der ermöglichen sollte, das Resultat
der Abstimmungen in kürzester Zeit festzustellen. An jedem
der Abgeordnetensitze sollte eine kleine Schaltvorrichtung
angebracht werden, deren Hebel auf »Ja« oder »Nein« zu stellen
war und bei Abwesenheit eines Abgeordneten oder bei Stimmenthaltung
auch eine dritte Stellung einnehmen konnte. Sollte eine
Abstimmung vor sich gehen, so war es nun nicht mehr notwendig,
die Stimmzettel in einem langwierigen Vorgang einzusammeln,
sondern jeder Abgeordnete legte seinen Hebel in die gewünschte
Stellung, und ein Diener konnte durch rasches Drehen einer
Kurbel die sämtlichen Ja und Nein in kaum einer Minute auf
einem abrollenden Papierstreifen erscheinen lassen. Durch
Nummernaufdruck auf dem Streifen war es auch möglich, zu
erkennen, wie jeder einzelne Abgeordnete gestimmt hatte. Der
Streifen konnte leicht vervielfältigt und so verschiedenen an
der Abstimmung interessierten Personen übergeben werden. Es war
auch eine Einrichtung hinzugefügt, die durch Niederlegen von
Fallklappen jeden Abgeordneten auf seinem Platz erkennen lassen
sollte, ob seine Abstimmung richtig registriert war. Damit die
Schalter an den Plätzen nicht von Unbefugten benutzt werden
könnten, war jeder von ihnen nur mit Hilfe eines bestimmten
Schlüssels zu bewegen, der sich im Besitz des Platzinhabers
befand. Zu einer Einführung dieses technisch sehr hübschen
Apparats ist es nicht gekommen.
Schon in jener Zeit empfand man es als schwere Belästigung,
daß in den Schornsteinen von Kesselfeuerungsanlagen sehr
viele Rußteilchen durch den austretenden Rauch mitgerissen
wurden. Siemens konstruierte, um dies zu verhindern, den
_Spiraldeflektor_. Er setzte in das Rauchrohr eine Spirale aus
Blech ein, durch welche die Rauchgase hindurchziehen mußten.
Infolge der dadurch eintretenden zentrifugalen Bewegung wurden
die schweren Rußteile tangential zur Seite geschleudert; sie
fielen in einen Sammelbehälter hinunter, und nur die gereinigten
Rauchgase konnten aus dem Schornstein austreten. Man benutzt
diese Einrichtung noch heute zur Gewinnung des technisch viel
verwendeten Rußes.
Für die Reinigung der Luft sowie zur Sterilisierung von
Trinkwasser und zum Bleichen von Leinengarnen sowie Tuchen
benutzen wir heute vielfach das Ozon. Es ist dies ein Gas, in
dem nicht, wie in der Luft, zwei Sauerstoffatome, sondern drei
miteinander verbunden sind. Dieses dritte Atom trennt sich jedoch
sehr leicht von den anderen, und dadurch vermag das Ozon eine
sehr starke oxydierende Wirkung auszuüben. Siemens erfand bereits
im Jahre 1857 eine _Ozonröhre_, welche die Erzeugung dieses
nützlichen Gases in vorzüglicher Weise gestattete. In etwas
veränderter Form wird sie noch jetzt verwendet.
Siemens hat sich überhaupt schon frühzeitig mit elektrochemischen
Studien beschäftigt. Er sah die große Bedeutung, die diese
Anwendung des elektrischen Stroms einst haben würde, deutlich
voraus. »Gerade auf diesem Gebiet,« so schrieb er, »wird der
elektrische Strom voraussichtlich künftig die größten Erfolge
aufzuweisen haben und auf ihm der Menschheit die größten Dienste
leisten können.«