Unmittelbar nachdem Wilhelm Siemens seinen Vortrag beendet hatte,

stellte Professor _Wheatstone_ der *Royal Society* einen Apparat

vor, der gleichfalls auf Grund des dynamo-elektrischen Prinzips

gebaut war. Die Erfindung war also von ihm fast gleichzeitig

gemacht worden. Ja es stellte sich heraus, daß bereits im

Dezember 1866, also gerade in den Tagen, in welchen Werner

Siemens seine Maschine vollendete, ein Ingenieur namens _Varley_

ein englisches Patent auf den gleichen Apparat nachgesucht

und hierbei dem Patentamt eine provisorische Beschreibung in

versiegeltem Umschlag eingereicht hatte.

Es war also, wie man das bei großen Gedanken nicht selten

beobachten kann, die Zeit der Reife für diese Erfindung gekommen

gewesen. Nun _mußte_ sie der Menschheit in den Schoß fallen. Das

Verdienst von Werner Siemens wird hierdurch nicht im geringsten

gemindert. Jeder, der sich nicht durch nationalistische

Beweggründe in seiner Meinung beirren läßt, muß zugeben, daß dem

deutschen Meister das Recht der Priorität zusteht. Selbst der

Engländer Tyndall erklärte am 17. Januar 1879 in einem Vortrag

über das elektrische Licht, den er vor der *Royal Institution*

hielt:

»Eine Abhandlung über denselben Gegenstand von *Dr.* Werner Siemens

wurde am 17. Januar 1867 vor der Akademie der Wissenschaften in

Berlin verlesen. In einem Brief an die Zeitschrift »*Engineering*«,

Nr. 622, Seite 45, behauptet Mr. Robert Sabine, daß Professor

Wheatstones Maschine in den Monaten Juli und August 1866 von Herrn

Stroh gebaut worden sei. Ich bezweifle Herrn Sabines Aussage

keineswegs; es ist jedoch im allerhöchsten Grade gefährlich,

von dem alten Grundsatz, den Faraday stets in aller Strenge

befolgt hat, abzuweichen, daß das Datum der Geburt einer Erfindung

mit dem Datum der Veröffentlichung identisch sei.«

Werner Siemens selbst nahm die Priorität durchaus für sich in

Anspruch mit dem Hinweis darauf, daß das Prinzip zum erstenmal

in den gedruckten Verhandlungen der Berliner Akademie der

Wissenschaften veröffentlicht worden sei. Auch ist der Name,

den er dem Apparat gegeben hat, dynamo-elektrische Maschine,

allgemein üblich geworden, und er wird noch heute in der Praxis

in der abgekürzten Form Dynamomaschine überall gebraucht.

Werner Siemens durfte sich um so mehr auf diese erste

Veröffentlichung als die ausschlaggebende Tatsache stützen, als

ihm selbst während seiner langen Erfindertätigkeit oft genug die

Vaterschaft an einer Erfindung nur aus dem Grund nicht zuerkannt

wurde, weil er im Drang der Geschäfte die Veröffentlichung

unterlassen hatte und ein anderer ihm damit zuvorgekommen war.

Auch in diesen Fällen, wo es für ihn ungünstig war, hielt er

den Grundsatz, daß die erste Veröffentlichung die Priorität

begründe, für einzig richtig. Er schreibt darüber einmal in den

»Lebenserinnerungen«:

»Es erscheint zuerst zwar hart und ungerecht, daß jemand durch

frühere Publikation die Ehre einer Entdeckung oder Erfindung

sich aneignen kann, die ein anderer, der schon lange mit Liebe

und gutem Erfolge an ihr gearbeitet hat, erst nach vollkommener

Durcharbeitung publizieren wollte. Andererseits muß man jedoch

zugeben, daß irgendeine bestimmte Regel über die Prioritäten

festgesetzt werden muß, da für die Wissenschaft und die Welt

_nicht die Personen, sondern die Sache selbst_ und deren

Bekanntmachung in Betracht kommt.«

Es ist kein Zweifel, daß der Gedanke, den Werner Siemens im

dynamo-elektrischen Prinzip ausgesprochen hat, uns heute

außerordentlich naheliegend erscheint. Aber gerade die großen

Vereinfachungen pflegen stets zuletzt gefunden zu werden, und

eben sie bewirken durch ihre unvergleichliche Klarheit, daß

die Konstruktion dann selbstverständlich erscheint. Durch die

Schaffung der Dynamomaschine erst gelang es, die Elektrizität

aus dem Anfangsstadium herauszuheben, in dem sie nur Gedanken

übermittelte, gewissermaßen nur den Kommandeur spielte. Von

jetzt ab konnte sie auch Kraft übertragen und selbst dienstbar

schaffend dem Menschen zur Hand gehen.

Die erste Anwendung, die Werner Siemens von der neu erfundenen

Maschine machte, war die Konstruktion eines Zündapparats für

Sprengkapseln. Verbesserte Vorrichtungen dieser Art werden

noch heute zu tausenden in Bergwerken und bei der Armee

angewendet. Am 10. Juli 1868 wurde dann zum erstenmal auf

dem Artillerieschießplatz bei Berlin das elektrische Licht

eines Scheinwerfers durch einen Strom erzeugt, der von einer

Dynamomaschine herrührte. Alsdann mehrten sich die Anwendungen

außerordentlich rasch.

Auch der große und für die Jetztzeit so überaus wichtige Gedanke

der Übertragung von Kraft, die durch die Dynamomaschine erzeugt

wird, über weite Strecken wurde nicht sehr viel später gefaßt.

Es ist Wilhelm Siemens, der ihn im Jahre 1877 wohl zum erstenmal

ausgesprochen hat. Er war damals zum Präsidenten des *Iron and

Steel Institute* gewählt worden und wies in seiner Antrittsrede

darauf hin, daß für eine gewisse spätere Zeit eine Abnahme der

Kohle drohe, und daß man rechtzeitig dafür Sorge tragen müsse,

sie durch Wasserkräfte zu ersetzen. Er machte dabei insbesondere

auf die Niagarafälle als eine riesenhafte natürliche Kraftquelle

aufmerksam und sagte:

»Die Wassermasse, die stündlich über diesen Fall hinwegstürzt,

ist auf 100 Millionen Tonnen geschätzt worden, und die senkrechte

Tiefe kann man auf 150 Fuß veranschlagen, die Stromschnellen

noch nicht gerechnet, die einen ferneren Höhenabfall von 150

Fuß repräsentieren, was einen Gesamtabfall von 300 Fuß zwischen

See und See ausmacht. Die Kraft, die der Hauptfall allein

darstellt, beträgt 16800000 Pferdekräfte, eine Kraftmenge, die,

wenn sie durch Dampf erzeugt werden sollte, die Verausgabung von

nicht weniger als jährlich 266000000 Tonnen Kohlen benötigen

würde, wenn man den Kohlenverbrauch auf stündlich vier Pfund

pro Pferdekraft berechnet. Mit anderen Worten, die gesamte

Kohlenmenge, die auf der ganzen Welt zutage gefördert wird, würde

kaum genügen zur Erzeugung der Kraftmenge, die bei diesem einen

großen Wasserfalle beständig nutzlos vergeudet wird.

»Es würde in der Tat nicht schwierig sein, einen großen Teil

der auf diese Weise verloren gehenden Kraft mit Hilfe von

Turbinen und Wasserrädern nutzbar zu machen, die an den Ufern

des Flusses unterhalb der Fälle errichtet und durch Gräben längs

der Uferränder gespeist würden. Dagegen würde es unmöglich sein,

die Kraft an Ort und Stelle auszunützen, da der Bezirk keinen

Reichtum an Mineralien oder anderen Naturprodukten besitzt,

welche die Errichtung vorteilhaft erscheinen ließen ...

»Im Lauf der Zeit dürften sich wohl wirksame Mittel finden

lassen, um Kraft auf große Entfernungen zu übertragen; doch

kann ich nicht umhin, schon jetzt auf ein Mittel aufmerksam zu

machen, das meines Erachtens wohl der Beachtung würdig ist,

nämlich auf den elektrischen Leiter. Man nehme an, Wasserkraft

werde verwendet, um eine dynamo-elektrische Maschine in Bewegung

zu setzen, so würde ein sehr starker elektrischer Strom erzeugt

werden, der durch einen metallischen Leiter von größeren

Dimensionen auf eine bedeutende Entfernung fortgeleitet und dann

wiederum benutzt werden könnte, um elektromagnetische Maschinen

zu treiben und die Kohlenspitzen elektrischer Lampen zum Glühen

zu bringen oder die Scheidung von Metallen aus ihren Verbindungen

zu bewirken. Ein Kupferleiter von 3 Zoll Durchmesser würde

imstande sein, 1000 Pferdekräfte auf eine Entfernung von etwa 50

Kilometern zu übertragen, und diese Kraftmenge würde genügen, um

Leuchtkraft von einer Viertelmillion Normalkerzen zu liefern,

womit eine mittelgroße Stadt erleuchtet werden könnte.«

Pole schreibt in seiner Schilderung des Lebens von Wilhelm

Siemens, daß diese Äußerung die Zuhörer in höchstem Grad

überrascht habe, und daß diese Zukunftshoffnungen nur mit

einem Lächeln des Unglaubens aufgenommen worden seien. Wir

wissen heute, in wie großartiger Weise die Erfindung von Werner

Siemens die Hoffnungen seines Bruders auch auf dem Gebiet der

Kraftübertragung erfüllt hat.

Die erste Dynamomaschine, die Werner Siemens baute, war noch

mit seinem Doppel-T-Anker ausgerüstet. Antonio _Pacinotti_

hatte aber schon 1860 für die magnet-elektrische Maschine

den Ringanker erfunden, der eine gründlichere Ausnutzung der

Induktion gestattete. Er ist unter dem Namen Grammescher Ring

weit verbreitet gewesen, weil der Belgier Zenobius _Gramme_ es

war, der die Pacinottische Erfindung in die Praxis übertrug.

Ein weiterer wichtiger Schritt in der Ausbildung der

Dynamomaschine geschah, als der Leiter des Konstruktionsbureaus

der Firma Siemens & Halske, Friedrich _von Hefner-Alteneck_,

den Trommelanker konstruierte, der gewissermaßen die Vorteile

des Doppel-T-Induktors und des Pacinottischen Rings vereinigte.

Bei dem Trommelanker sind die Wicklungen über den Mantel eines

Zylinders so gezogen, daß die erregende Einwirkung der Polmagnete

fast vollständig ausgenutzt werden kann.

Mit diesem »Wunderknäuel«, wie man Hefner-Altenecks Erfindung

bei ihrem ersten Auftreten nannte, hatte die Dynamomaschine

die Form bekommen, in der sie noch heute benutzt wird. Die

Abmessungen aber, wie sie in unseren Tagen bei den gewaltigen

Turbogeneratoren erreicht worden sind, hat wohl auch Werner

Siemens noch in seinen letzten Lebensjahren kaum geahnt.

Elektrische Bahnen

Die Übertragungsfähigkeit der elektrischen Energie, der Wilhelm

Siemens bald nach Erfindung der Dynamomaschine eine so große

Zukunft vorausgesagt hatte, sollte wirklich bald in besonderer

Weise ausgenutzt werden.

Die Dynamomaschine hat den außerordentlichen Vorzug, daß sie

umkehrbar ist. Im Anker wird Strom erzeugt, wenn man ihn

gewaltsam innerhalb des Felds der feststehenden Polmagnete dreht.

Führt man aber dem Anker von außen her Strom zu, so setzt er sich

mit bedeutender Kraft in Bewegung und ist imstande, Maschinen zu

drehen. Man sprach im Beginn von »sekundären Dynamomaschinen«,

denen man Strom zuführte; heute nennen wir diese Maschinen

_Elektromotoren_. Setzt man einen solchen Elektromotor auf ein

Fahrgestell, so vermag er, sobald man ihm Strom zuführt, die

Räder des Fahrgestells in Bewegung zu setzen und kann auf diese

Weise Wagen befördern.

Die erste Anregung zur Herstellung elektrischer Bahnen wurde

indirekt durch den im vorigen Abschnitt erwähnten Vortrag von

Wilhelm Siemens gegeben.

Der Baumeister Westphal in Kottbus hatte von dem Vorschlag

Wilhelm Siemens' gehört, die Kraft der Niagarafälle zu übertragen.

Er war nicht so skeptisch wie die Engländer und fragte darum bei

Werner Siemens in Berlin an, ob es nicht möglich wäre, die Energie

verbrennender Braunkohle aus seinem Wohnbezirk nach Berlin zu

übertragen. Hiermit wurde ein Gedanke ausgesprochen, der ja heute

eine sehr bedeutende praktische Nutzanwendung gefunden hat. Aber

damals waren noch keine Möglichkeiten vorhanden, eine ökonomische

Fernleitung elektrischer Energie über so weite Strecken

herzustellen, da man die Vorzüge der Hochspannung noch nicht

kannte und sie technisch auch nicht hätte beherrschen können.

Aber aus den Verhandlungen mit Werner Siemens entstand schließlich

die Idee, die elektrische Kraftübertragung wenigstens dazu zu

benutzen, um die Kohle mittels elektrischer Kraft auf Schienen

über das Grubengebiet des Herrn Westphal selbst zu transportieren.

Werner Siemens ging gleich daran, eine kleine, schmalspurige

elektrische Bahn zu konstruieren. Sie ist niemals in einer

Kohlengrube gefahren, aber sie wurde doch die erste elektrische

Bahn der Welt, die in Betrieb gesetzt wurde.

Schon im Jahre 1834 hatte Jacobi in Petersburg versucht, ein

Boot mittels einer magnet-elektrischen Maschine anzutreiben.

Der Strom wurde einer Batterie entnommen. Aber das Zink, das

hierbei elektrolytisch verbraucht wurde, war ein viel zu teures

Brennmaterial. 1835 konstruierten dann die Ingenieure Strathing

und Becker in Gröningen eine magnet-elektrische Lokomotive.

Auch diese Versuche führten zu keinem Ergebnis. 1841 erließ der

Deutsche Bund ein Preisausschreiben für die Konstruktion einer

elektrischen Lokomotive. Ein Erfolg konnte hier ebenfalls nicht

erzielt werden, weil die geeignete Antriebsmaschine noch fehlte.

Erst die Dynamo schuf auch hier eine fördernde Möglichkeit.

Im Jahre 1879 fand in Berlin eine Gewerbeausstellung statt.

Werner Siemens, der möglichst schnell das hochinteressante

Zusammenarbeiten einer primären mit einer sekundären Dynamomaschine

zeigen wollte, benutzte die Anlage, die er eigentlich für

die Braunkohlengrube in Kottbus gebaut hatte, dazu, um auf

dem Ausstellungsgelände eine elektrische Bahn einzurichten.

Es wurde ein in sich geschlossenes ovales Gleis von 600 Metern

Länge hergerichtet. Darauf verkehrte ein Zug, der aus drei

offenen Wagen bestand; auf jedem von ihnen fanden acht Personen

Platz. Zum Antrieb wurde eine kleine vierrädrige elektrische

Lokomotive benutzt, die nur aus dem Fahrgestell und dem darauf

liegenden Elektromotor bestand. Auf dessen Rücken befand sich

der gleichfalls offene Führersitz.

Die Bahn fuhr mit einer Stundengeschwindigkeit von 24 Kilometern.

Der Strom wurde mittels Schleiffedern von einer mittleren Schiene

abgenommen. Die Fahrschienen dienten als Rückleitung.

Der kleine elektrische Zug lief ganz vorzüglich. Aber selbst in

Fachkreisen erkannte man die Wichtigkeit dieses Versuchs nicht.

Die Zeitschrift »Der Techniker« schrieb im Jahre 1880 am Schluß

ihrer Schilderung der Siemensschen elektrischen Bahn: »Als

ausgeführtes Beispiel der Umwandlung von mechanischer Kraft in

elektrische und zurück in mechanische Kraft war die elektrische

Eisenbahn interessant, wenn wir auch sonst vorderhand noch

keinen weittragenden Nutzen ersehen.« Und dieses Urteil wurde

ausgesprochen, obgleich die Bahn in der Zeit vom 31. Mai bis zum

30. September 1879 86398 Fahrgäste befördert hatte.

Werner Siemens dachte jedoch mit seinem weit vorausschauenden

Geist ganz anders über die Zukunft dieser seiner Schöpfung. Er

wollte sie sofort auf das gründlichste in einer umfangreichen

Anlage ausnutzen. Schon im Jahre 1880 reichte er den Entwurf für

eine große _Hochbahnlinie in Berlin_ ein.

In Ney York waren damals gerade die ersten Hochbahnen in Betrieb

genommen worden, weil es dort nicht mehr möglich war, den

gesamten Verkehr durch Bahnen in Straßenhöhe zu bewältigen. Die

Züge wurden auf den Viadukten von Dampflokomotiven gezogen.

Werner Siemens sah klar ein, daß der elektrische Antrieb

innerhalb einer Stadt große Vorteile bieten mußte, weil die

Belästigung der Straßenanwohner durch den Rauch und der Passanten

durch herabtropfendes Wasser sowie das puffende Geräusch des

ausgestoßenen Dampfs hier fortfallen mußten. In einem Vortrag,

den er am 27. Januar 1880 im Elektrotechnischen Verein zu Berlin

hielt, sagte er:

»Meinerseits halte ich es für eine Großstadt für eine absolute

Notwendigkeit, außer den Straßenflächen für die Wagen und

Fußgänger noch eine zweite Kommunikationsetage für den schnellen

Verkehr zu haben. Sie sehen, wie mit dem steigenden Verkehr sich

unsere belebteren Straßen schon jetzt täglich mehr verstopfen;

es ist oft kaum mehr durchzukommen, und kein Konstabler kann das

ändern. Wie soll das werden nach 10, 20, 50 Jahren!

»Die Statistik über die Zunahme des Verkehrs berechtigt uns,

mit der vollsten Bestimmtheit zu sagen, daß die Straßenfläche

demselben schon in der nächsten Zeit nicht mehr genügen kann.

Eine Abhilfe muß gefunden werden, wenn das auf wachsenden Verkehr

sich gründende großstädtische Leben nicht verkümmern und die

weitere Entwicklung der Reichshauptstadt nicht vollständig

gehemmt werden soll.

»Es muß also notwendig für Berlin ein neues Kommunikationsnetz

für schnellen Personen- und Güterverkehr geschaffen werden,

welches den Straßenverkehr nicht hindert und durch ihn nicht

gehindert wird ...

»Berlin ist die Geburtsstätte der dynamo-elektrischen Maschine

und der elektrischen Eisenbahn -- es sollte daher auch der Welt

mit der Anlage eines Systems elektrischer Hochbahnen vorangehen,

dem es sich auf die Dauer doch nicht wird entziehen können! Ich

bitte Sie, meine Herren, zur Realisierung dieses Vorschlages

mitzuwirken!«

Er empfahl nun, die Stadtbahn, die damals gerade gebaut

wurde, durch ein Netz von nordsüdlich gerichteten, elektrisch

betriebenen Radiallinien auf eisernen Viadukten zu ergänzen.

Die erste und Hauptlinie sollte durch die _Friedrichstraße_

hindurchgeführt werden. Hier sollten an den Bordschwellen auf

beiden Seiten der Straße eiserne Säulen errichtet werden, die

eine schmale Fahrbahn, nicht breiter als das Gleis selbst,

tragen sollten. Siemens drückte sich sehr optimistisch über

die Geringfügigkeit des Geräuschs aus, das die fahrenden Züge

entwickeln würden, und befürchtete auch keine besondere

Verunstaltung der Straßen.

Aber das Projekt scheiterte an dem Widerspruch der Hausbesitzer.

Der Kaiser legte gleichfalls sein Veto ein, insbesondere,

weil die Hochbahnkreuzung die Straße Unter den Linden, diese

historische *Via triumphalis*, für immer verunstaltet hätte.

Der Plan blieb unausgeführt, und erst im Jahre 1896 begann man in

Berlin mit dem Bau von Schnellbahnen. Es war die Firma Siemens

& Halske, die damals die erste Hochbahnlinie im Osten der Stadt

anlegte. 1902 wurde sie eröffnet, und daran schloß sich der

bekannte rasche Ausbau des Berliner Schnellbahnnetzes über und

unter der Erde.

Dem damaligen Stand der Technik entsprechend, war Werner Siemens

der Meinung gewesen, daß in dem höchst ungeeigneten Boden von

Berlin Untergrundbahnen niemals würden angelegt werden können.

»Sehen wir auf Berlin,« sagte er, »so müssen wir sagen, unsere

Urväter, die Fischer, die in den Dörfern Berlin und Kölln lebten,

haben insofern eine schlechte Wahl getroffen, als sie sich

an einem Platz niedergelassen haben, wo der Grundwasserstand

sehr hoch liegt. Ein paar Fuß unter der Erde stoßen wir auf

Grundwasser. An einem solchen Orte sollte eigentlich keine

große Stadt angelegt werden; man sollte eine solche immer

in einer solchen Höhe anlegen, daß ein gutes unterirdisches

Kommunikationsnetz sich schaffen ließe. Könnten wir das, so wäre

alle Not vorüber, und Berlin könnte sich unbehindert weiter

entwickeln. Das ist uns aber abgeschnitten; kein Baumeister wird

so kühn sein und im Grundwasser ein Eisenbahnnetz ausführen

wollen durch Bauten wie der Themsetunnel; das würde unermeßliche

Kosten machen und doch nicht vollständig durchführbar sein.« Hier

hat sich der große Mann über die Zukunftsmöglichkeiten getäuscht.

Damals machte Werner Siemens gleich noch einen zweiten Vorschlag

für die Anwendung des Elektromotors im Bahnbetrieb. Auch für

diesen ist erst die heutige Zeit reif geworden. Er wollte

schmale, niedrige Tunnel neben den Eisenbahnlinien herrichten,

in denen die Post auf kleinen elektrisch angetriebenen Wägelchen

ihre Sendungen unabhängig von der Bahn befördern sollte. Die

Post würde dadurch vom Zugverkehr unabhängig geworden sein,

und es wäre ein häufigerer Austausch von Briefen zwischen

den verschiedenen Orten möglich geworden. Heute besteht in

der Tat der bereits ziemlich greifbar gewordene Plan, solche

Posttunnel für elektrischen Betrieb unter dem Berliner Pflaster

einzurichten. Vermutlich werden die ersten Linien in nicht allzu

ferner Zeit gebaut werden.

Die Möglichkeit, die erste elektrische Bahn für praktischen

Betrieb innerhalb Berlins zu erbauen, war Werner Siemens also

genommen. Er stand deshalb jedoch nicht davon ab, einen Versuch

mit der neuen Einrichtung, wenn auch in kleinerem Maßstab, zu

machen.

Am 12. Mai 1881 wurde die erste elektrische Bahn auf der Erde

eröffnet, die dem öffentlichen Verkehr diente. Die Linie führte

von der Hauptkadettenanstalt in Lichterfelde nach dem Bahnhof der

Anhaltischen Bahn in diesem Ort. Auch diesmal fehlte es nicht an

ironischem Spott kurzsichtiger Leute. Eine Zeitschrift schrieb,

der einzige Zweck dieser merkwürdigen Bahnanlage sei, die

künftigen preußischen Feldmarschälle durch den märkischen Sand zu

fahren. Daß sie die Urzelle einer unabsehbaren Entwicklung sein

würde, sah der überlegen denkende Verfasser nicht.

Die Linie war auf einem eigenen Bahnkörper geführt. Zur Hin- und

Rückleitung des Stroms diente je eine der Fahrschienen. Sie waren

ohne weitere Isolierung auf hölzernen Querschwellen verlegt,

obgleich die Spannung des Stroms 180 Volt betrug. Der Motor

war bei dieser Bahn bereits unter dem Wagenkasten aufgehängt,

die Kraft wurde von der Motorwelle durch Spiralschnüre auf

beide Radachsen übertragen. An den Wochentagen wurde die

Linie nicht sehr stark in Anspruch genommen, aber am Sonntag

hatte sie einen sehr lebhaften Verkehr, weil die Berliner

neugierig hinausströmten, um auch einmal eine Fahrt auf diesem

abenteuerlichen Verkehrsmittel, in diesem »Wagen ohne Pferde« zu

machen.

In demselben Jahr noch wurde ein bedeutender Fortschritt auf dem

Gebiet der elektrischen Bahnen getan. Siemens erbaute eine solche

Bahn auch auf der Weltausstellung in Paris, und hier kam zum

erstenmal die _oberirdische Stromzuführung_ in Anwendung.

Durch diese Anordnung erst wurde es möglich, die elektrisch

angetriebenen Bahnen auch über öffentliche Straßen zu führen.

Denn nun bestand nicht mehr die Gefahr, daß Menschen oder Tiere

dadurch verletzt werden könnten, daß sie bei gleichzeitiger

Berührung von zwei stromführenden Schienen in die Spannung

gerieten. Jene erste »Oberleitung« hatte eine recht schwerfällige

Form. Sie bestand nämlich aus einem unten aufgeschlitzten Rohr,

in das ein Kontaktstück eingelegt war. Dieses wurde vom Wagen

nachgezogen.

Als im nächsten Jahr Groß-Berlin durch Siemens & Halske seine

erste elektrische Straßenbahn erhielt -- es war dies die

Linie Charlottenburg-Spandauer Berg -- war die oberirdische

Leitungsführung wieder geändert. Man hatte hier zur Seite

der eingleisigen Bahn an Telegraphenstangen zwei starke

Kupferdrahtseile nebeneinander aufgehängt. Auf diesen Seilen lief

ein kleiner vierrädriger Wagen; von diesem führte eine biegsame

Doppelleitung zum Dach des Wagens hinunter, der an diesen

Leitungen zugleich den Kontaktwagen hinter sich herzog.

Beide Oberleitungsarten wirkten sehr unschön. Sie verunstalteten

die Straßen erheblich und sind die Ursache gewesen, daß die

Weiterentwicklung der elektrischen Bahnen trotz einzelner

weiterer Versuche in Europa sehr bald ins Stocken geriet.

Amerika nahm sich dieses Verkehrsmittels jedoch sehr energisch

an, und hier wurde zum erstenmal die Stromabnahme durch einen

schräg gestellten Arm mit Kontaktrolle eingeführt. Erst viele

Jahre später begann man, unter der Führung Emil Rathenaus, die

elektrischen Bahnen in ihrem Ursprungsland weiter auszubauen,

obgleich Werner Siemens schon im Jahre 1887 den Gleitbügel

erfunden hatte.

Von ihm wurde auch die erste Grubenbahn in dem Bergwerk

Zauckerode erbaut, und seine Firma führte im Jahre 1889 die erste

Straßenbahn mit unterirdischer Stromzuführung in Budapest aus.

Welche Bedeutung die elektrischen Bahnen, deren Urheber Werner

Siemens ist, heute erlangt haben, ist bekannt. Der Nutzen

der Straßenbahnen beschränkt sich aber nicht darauf, daß sie

eine schnellere Beförderung als die Pferdebahnen ermöglichen,

sondern sie üben auch auf den Ausbau der Weltstädte, ihre

Wohnungsverhältnisse, die Gesundheit ihrer Einwohner einen

außerordentlich fördernden und bessernden Einfluß aus. Niemals

hätten die Weltstädte ihre Straßen über ein so weites Gebiet

erstrecken können, wenn nicht die bequeme und schnelle Beförderung

nach dem Mittelpunkt durch die elektrischen Bahnen möglich

gewesen wäre. Das billige und schnelle Verkehrsmittel gestattet

auch den Minderbemittelten ein Wohnen in luftigen Außenbezirken,

weitab von ihrem Arbeitsort. Die volkshygienisch so wichtige

Gartenstadtbewegung hängt eng mit dem Ausbau der elektrischen

Bahnen zusammen.

Werner von Siemens, der Begründer der modernen Elektrotechnik · 第 9 / 14 段