»Eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart von der

weittragendsten merkantilen und politischen Bedeutung ist die

sichere und schnelle telegraphische Verbindung Europas mit

Indien. Betrachten wir Indien mit seiner ungeheuren Bevölkerung

und seiner steigenden Produktion -- für sich allein schon

eines der wichtigsten Handelsgebiete der Erde -- zugleich als

Durchgangspunkt des europäischen Verkehrs nach China, Japan,

Australien und ganz Polynesien, eines Verkehrs, der unübersehbare

Dimensionen annehmen wird: so leuchtet die Notwendigkeit einer

für alle Eventualitäten gesicherten telegraphischen Verbindung

hervor, besonders seitdem die große Aufgabe der atlantischen

Telegraphenverbindung mit Amerika so glänzend und mit so überaus

günstigem finanziellen Erfolge gelöst worden ist.

»Der Verkehr Europas mit Indien und seinen Hinterländern ist an

sich für Europa von größerer Bedeutung, als der mit Amerika. Dies

gilt in noch höherem Maße vom Telegraphenverkehr. Der Nutzen, den

dieser dem korrespondierenden Publikum darbietet, ist der Zeit

proportional, welche durch eine telegraphische Mitteilung einer

brieflichen gegenüber erspart wird. Da nun ein Brief von London

nach Neuyork durchschnittlich nur etwa 11 Tage, nach Kalkutta

aber 30 Tage braucht, so ergibt sich der verhältnismäßig weit

größere Nutzen einer telegraphischen Depesche nach Kalkutta

im Vergleich zu der nach Neuyork aus dieser weit größeren

Zeitersparnis.

»Seit die telegraphische Verbindung mit Amerika in so gutem

Betriebe ist, daß, gespornt von den brillanten ökonomischen

Resultaten derselben, bereits Konkurrenzlinien in Aussicht

genommen werden, durch welche die bisher übermäßig hohen Gebühren

wahrscheinlich eine bedeutende Herabsetzung erfahren werden,

seitdem wird die Bedeutung der direkten indo-europäischen

Telegraphie noch wesentlich dadurch erhöht, daß sie künftig auch

den bedeutenden Depeschenverkehr Amerikas mit dem östlichen Asien

und Australien vermitteln wird. Ist die Depeschenbeförderung

zuverlässig, schnell und nicht unverhältnismäßig kostspielig, so

wird sie sich sowohl der Handels-, als auch der persönlichen und

politischen Mitteilungen in noch weit höherem Maße bemächtigen,

als es bei anderen kürzeren und daher weniger Zeit ersparenden

Linien der Fall ist.

»Es wird dann kaum ein irgend bedeutenderes Handelsgeschäft ohne

telegraphische Verständigung mehr zustande kommen können, da der

telegraphische Korrespondent dem brieflichen schon bei einem

einfachen Angebot und Akzept um Monate voraus ist. Eine sichere

indo-europäische Telegraphie wird aber nicht nur dem bereits

bestehenden Verkehr großen Nutzen bringen, sondern auch sehr viel

zur schnelleren Entwicklung desselben beitragen.«

Werner Siemens besprach diesen Plan mit seinen Brüdern Wilhelm

und Karl, und sie beschlossen, jeder in seinem Gebiet die

Vorverhandlungen zu beginnen. Wilhelm arbeitete für das

Unternehmen in England, Werner verhandelte mit der preußischen

Regierung, Karl suchte Rußland für den Plan zu gewinnen. Drei

Jahre lang dauerten die Erörterungen. Dann erklärten sich alle

beteiligten Regierungen bereit, die Konzession zu erteilen.

Technisch wurde die Anlage einer solchen, fast 10000 Kilometer

langen durchgehenden Linie nur dadurch möglich, daß Werner

Siemens wiederum neue, besonders empfindliche Übertragungs-

und Empfangsapparate schuf. Sie gestatten das Übergehen

der Telegramme von einem Leitungsteil zum andern ohne das

Dazwischentreten von Menschen.

Im Jahre 1868 wurde die *Indo European Telegraph Company* mit

einem Kapital von 9 Millionen Mark gegründet. Mit Stolz sagt

Werner, es sei ein ehrendes Zeichen für das Ansehen gewesen,

welches die Siemensschen Firmen schon damals genossen, daß

das erforderliche beträchtliche Kapital ohne Vermittlung von

Bankhäusern, nur auf die direkte Aufforderung hin, in London und

Berlin gezeichnet wurde.

Der Bau der Linie war am 10. Dezember 1869 beendet. Die Strecke

besteht bis zum heutigen Tag unverändert fort. Ihr Arbeiten ist

natürlich mit dem Beginn des Weltkriegs unterbrochen worden. Der

Weg, den sie durchzieht, ist folgender:

Von London läuft eine Landlinie bis an die englische Küste nach

Lowestoft. Von dort führt ein Kabel durch die Nordsee nach

Norderney und setzt sich nach Emden fort. Hier schließt die

riesige Landlinie an. Sie läuft über Berlin bis Thorn, wo das

russische Gebiet erreicht wird. Von dort geht es über Warschau

nach Odessa, dann zur Krim und darauf über Tiflis und Täbris nach

der persischen Hauptstadt Teheran. Bis dorthin hatte die indische

Regierung im Anschluß an das Kabel Karatschi-Buschir ihren

Telegraphen vorgestreckt.

Bis die Linie in praktische Benutzung genommen werden konnte,

gab es noch mancherlei Verdruß, weil es schwer hielt, den

Überwachungsdienst in den verschiedenen Ländern richtig zu

organisieren. Erst am 12. April 1870 konnte die von Werner

Siemens gewünschte Generalprobe stattfinden. Auf seine Einladung

versammelte sich, wie Ehrenberg berichtet, in der Londoner

Station der indo-europäischen Linie eine Anzahl hervorragender

Interessenten. Darauf wurde Teheran angerufen. Zu Werners nicht

geringem Verdruß gelang die Verständigung mit der persischen

Hauptstadt zunächst nicht. Dann aber ging alles gut.

»Major Smith, Chef der englischen Telegraphenverwaltung in

Teheran, fragte: »Was ist dort die Zeit?« London antwortete: »11

Uhr 50, und dort?« -- »3 Uhr 27 nachmittags.« General Sir William

Baker, Mitglied des *Council of India*, depeschierte um 12 Uhr 45

nach Kalkutta: »Sir William Baker an Oberst Robinson, Kalkutta;

bin entzückt über die Leistungen der indo-europäischen Linie.«

Antwort kam schon um 1 Uhr 50: »Kalkutta, 7 Uhr 7 nachmittags.

Betriebsdirektor an Sir William Baker, London. Dank für Ihre

Botschaft, die in 28 Minuten hier angelangt ist.«

Damit war der größte Erfolg erzielt, den der Überlandtelegraph

bisher erreicht hatte; über eine Entfernung hinweg, die ungefähr

einem Siebentel des Erdumfangs entspricht, hatte man in kürzester

Zeit Nachrichten getauscht. Es war ein neuer großer Sieg des

Siemensschen Hauses.

Die Erfindung der Dynamomaschine

Wir gelangen nunmehr zur Darstellung jener Erfindung, die den

Höhepunkt in dem Schaffen von Werner Siemens bedeutet.

Die menschliche Kultur könnte das, was sie heute ist, nicht sein

ohne die Einwirkung und Mitwirkung des elektrischen Starkstroms.

Die Möglichkeiten, die uns die Ausnutzung der Naturkraft

Elektrizität in dieser Form erschlossen hat, sind so zahlreich

und so innig mit dem gesamten Dasein und Treiben der heutigen

Menschheit verwebt, daß das zwanzigste Jahrhundert ohne sie nicht

denkbar wäre.

Starkstrom-Elektrizität treibt gewaltige Maschinen an; sie

gestattet -- und das ist ihre ureigenste grandiose Eigenschaft --

Energie, die an einem geeigneten Punkt erzeugt wird, weithin zu

leiten und überallhin zu verteilen; das elektrische Kraftzentrum

liefert nach Belieben vier Formen der Energie: Kraft, Licht,

Wärme und chemische Zerspaltungs- oder Verbindungsenergie.

Elektrische Bahnen sind das bequemste und vorteilhafteste

Beförderungsmittel geworden. Der Elektromotor hebt die schwersten

Lasten. Die Elektrometallurgie scheidet Metalle aus dem Erz,

die elektrochemische Industrie bereitet das Aluminium, sie

entnimmt Stickstoffverbindungen aus der Luft. Millionen und

aber Millionen Menschen sind bei der Fabrikation elektrischer

Maschinen und aller derjenigen Einrichtungen beschäftigt, die

durch sie erst möglich geworden sind. Fast die ganze zivilisierte

Menschheit genießt heute die Segnungen, die von den elektrischen

Leitungsdrähten ausgehen. Nicht lange mehr, und kein Ort in einem

Kulturstaat wird ohne öffentlich nutzbare Elektrizitätsquelle

sein.

Daß wir diese unvergleichliche Kraft zu unserer Verfügung haben,

verdanken wir Werner Siemens. Er hat die Maschine erfunden,

durch die allein es bis zum heutigen Tag möglich ist, nutzbare

elektrische Ströme im großen zu erzeugen.

Sowenig wie in irgendeinem anderen Bezirk entspringt im Reich

der Technik ein großer Gedanke plötzlich und unvermittelt dem

Gehirn eines Menschen, wie Athene fertig gepanzert dem Haupt

des Zeus entstieg. Generationen sind gewöhnlich nötig, um

das Feld zu düngen, aus dem dann endlich die Wunderblume des

abschließenden genialen Gedankens erblüht. Es ist erstaunlich,

daß der ganze Werdegang der Dynamomaschine vom ersten Aufblitzen

des theoretischen Gedankens, der zur Grundlage ward, bis zu ihrer

Fertigstellung kaum mehr als drei Jahrzehnte gebraucht hat.

Wir haben schon in dem kurzen Bericht über die Entwicklung der

Telegraphie von der Entdeckung Aragos gehört, daß elektrische

Ströme Eisen, das sie in darumgelegten Windungen umfließen,

magnetisch machen. Es währte mehrere Jahre, bis der geniale

Entdecker der elektrischen Induktion, Michael Faraday, auf den

Gedanken kam, daß diese Wechselwirkung zwischen Elektrizität und

Magnetismus auch umkehrbar sei. Durch bloße Überlegung erkannte

Faraday, daß, wenn Elektrizität Magnetismus zu erzeugen vermöge,

Magnetismus auch imstande sein müsse, Elektrizität hervorzurufen.

Im Jahre 1831 vermochte er diese Behauptung durch ein Experiment

zu beweisen. Er schrieb darüber:

»Es erschien mir sehr sonderbar, daß, während jeder elektrische

Strom von einer magnetischen Wirkung rechtwinklig zum Strom von

entsprechender Intensität begleitet war, nicht auch in guten,

in den Bereich dieser Wirkung gebrachten Elektrizitätsleitern

irgendein Strom oder etwas einem solchen Strom an Kraft

Äquivalentes durch sie induziert werden sollte.

»Diese Erwägungen und die daraus erwachsende Hoffnung,

Elektrizität aus gewöhnlichem Magnetismus zu gewinnen,

regten mich zu verschiedenen Zeiten an, die Induktionswirkung

elektrischer Ströme durch Experimente genauer zu untersuchen. Vor

kurzem habe ich denn auch positive Resultate erreicht, und meine

Hoffnungen sind in Erfüllung gegangen.«

Faraday fand, daß ein Magnetstab, den man in eine Drahtspule

hineinstößt, in dieser einen Strom erzeugt, und daß dasselbe

geschieht, wenn man den Magnet wieder herauszieht. Während der

Magnetstab in der Spule ruht, entsteht jedoch kein Strom. Man

vermag ebenso eine Stromerzeugung zu bewirken, wenn man einen

weichen Eisenkern, der fest in der Spule steckt, abwechselnd

magnetisiert und wieder entmagnetisiert.

Zunächst waren die Wirkungen, die Faraday auf diese Weise

erhielt, nur gering. Bei der ersten Vorführung seiner Entdeckung

vor der *Royal Institution* sagte er: »Der Funke ist so gering,

daß Sie ihn kaum bemerken können, aber andere Funken werden

folgen, welche diese Kraft für höchst wichtige Zwecke verwendbar

machen.« Er selbst verfolgte als reiner Wissenschaftler die

praktische Verwendung seiner Entdeckung nicht weiter. »Mir war

es mehr darum zu tun,« sagte er später, »neue Tatsachen und

weitere Beziehungen, die auf der magneto-elektrischen Induktion

beruhen, ausfindig zu machen, als die Kraft der bereits erzielten

Ströme zu vermehren, da ich der festen Überzeugung war, daß diese

ohnedies im Laufe der Zeit zu ihrer vollen Entwicklung gebracht

werden würden.«

Und wirklich wurden sehr bald von anderen Maschinen gebaut,

welche die magnet-elektrische Induktion ausnutzten. Der Franzose

_Pixii_ und der Italiener _Dal Negro_ konstruierten schon im

Jahre 1832 Maschinen, bei denen die Magnetinduktion dadurch

hervorgerufen wurde, daß Induktionsspulen den Polen von Magneten

durch Drehung fortwährend genähert und wieder von ihnen entfernt

wurden. 1853 gelang es _Nollet_, eine sehr große Maschine

dieser Art zu bauen. Nachdem sie durch _Holmes_ verbessert und

ausgestaltet worden war, geschah es am 8. Dezember 1850 zum

erstenmal, daß Strom für elektrisches Licht durch Maschinenkraft

erzeugt wurde. Es brannte in dem Leuchtturm auf South-Foreland.

Die so gebauten Maschinen erlangten bald eine gewisse Bedeutung.

Der ihnen zugrunde liegende Gedanke war, die von dauernden

Stahlmagneten erzeugten Kraftfelder zur Induzierung von Strömen

in Spulen zu benutzen, die durch die Magnetfelder hindurchgedreht

wurden. Den drehbaren Teil, auf dem die Spulen saßen, nannte man

Anker.

Um eine möglichste Steigerung der induzierten elektrischen

Kraft hervorzurufen, kam es darauf an, den Anker so zu bauen,

daß möglichst viele Spulenwindungen sich zu gleicher Zeit im

Bereich des magnetischen Felds befanden. 1856 erfand Werner

Siemens eine in dieser Hinsicht sehr wichtige Neuerung. Er

baute damals einen Anker, der die Form eines Zylinders mit zwei

parallelen Einschnitten in der Längsrichtung hatte. Nach der

Form, die der Querschnitt dieses Ankers besitzt ([Symbol:

Doppel-T-Anker]), nannte er ihn Doppel-T-Anker. Es sind hier

die Spulenwindungen parallel zur Achse des Zylinders in den

Einschnitten aufgewickelt.

Da man den dringenden Wunsch hatte, recht starke und dauernde

elektrische Ströme zu erhalten, so wurden immer umfangreichere

magnet-elektrische Maschinen gebaut. Man nahm jedoch bald wahr,

daß deren Leistungsfähigkeit durchaus nicht im Verhältnis

zu ihrer Größe wuchs. Es wurde im Gegenteil die Kraft der

induzierenden Stahlmagnete durch den im Anker entstehenden

induzierten und entgegengesetzten Magnetismus immer mehr

geschwächt.

Daraus erwuchs der Gedanke, an Stelle der Stahlmagnete

Elektromagnete zur Erzeugung der Induktion zu benutzen. Man

versuchte dies zuerst in der Weise, daß man die Elektromagnete

durch Batterieströme erregte. Aber auch hier arbeitete die

Maschine sich selbst bis zu einem gewissen Grad entgegen. _Wilde_

in Birmingham benutzte dann an Stelle der Batterie zur Erregung

der Elektromagnete eine kleine magnet-elektrische Maschine, die

mit Siemensschem Doppel-T-Anker ausgerüstet war. Hierdurch konnte

man schon recht kräftige Ströme erzeugen, aber eine genügende

Steigerung war auch hier nicht möglich. Die richtige Anordnung

brachte erst das _dynamo-elektrische Prinzip_, das von Werner

Siemens im Jahre 1866 gefunden wurde.

Siemens faßte den großartigen Gedanken, daß man für die

Erregung der Magnete, die dann im Anker der Maschine den

Strom hervorrufen, doch nicht notwendigerweise von außen her

gelieferten elektrischen Strom verwenden müsse. In jedem einmal

magnetisierten Eisen, also auch in den Erregern, bleibt immer

etwas Magnetismus zurück. Dieser genügt, um im Anker, wenn man

ihn dreht, elektrischen Strom hervorzurufen. Führt man nun diesen

schwachen elektrischen Strom um die Wicklungen der erregenden

Magnete herum, so muß deren Magnetismus verstärkt werden, wodurch

nun wieder die Stromentwicklung im Anker gesteigert wird. Das

wirkt von neuem auf die Erregermagnete, von da wiederum auf

den Anker, und so muß sich immer weiter eine Steigerung der

Maschinenleistung ergeben, bis die für ihre Bauart höchstmögliche

Leistung erreicht ist.

Das Ergebnis war, als Siemens das Prinzip praktisch ausprobte,

in der Tat so, wie er es erwartet hatte. Er nannte den so

entstandenen wunderbaren Apparat dynamo-elektrische Maschine, von

dem griechischen Wort Dynamis = Arbeit, weil hier die Arbeit,

die dazu verwendet wurde, um den Anker zu drehen, sich direkt

in elektrischen Strom umsetzte. In trefflicher Weise ist die

Anordnung in der Maschine so getroffen, daß der Magnetismus

immer den Strom und der Strom den Magnetismus verstärken muß.

Technische Konstruktionen sind, wie Graetz sagt, immer genial und

hervorragend leistungsfähig, wenn sie es verstehen, Anordnungen

zu treffen, durch welche sich Ursache und Wirkung gegenseitig

verstärken. Das ist bei dieser Maschine in besonderem Maß der

Fall.

Werner Siemens erwähnt seine große Erfindung, nach Pole, zum

erstenmal in einem Brief, den er am 4. Dezember 1866 an seinen

Bruder Wilhelm schrieb:

»... Ich habe eine neue Idee gehabt, die aller Wahrscheinlichkeit

nach reussieren und bedeutende Resultate geben wird.

»Wie Du wohl weißt, hat Wilde ein Patent in England

genommen, welches in der Kombination eines Magnetinduktors

meiner Konstruktion mit einem zweiten, welcher einen großen

Elektromagnet anstatt der Stahlmagnete hat, besteht. Der

Magnetinduktor magnetisiert den Elektromagnet zu einem höheren

Magnetismus, wie er durch Stahlmagnete zu erreichen ist. Der

zweite Induktor wird daher viel kräftigere Ströme geben, als wenn

er Stahlmagnete hätte. Die Wirkung soll kolossal sein, wie in

»Dinglers Journal« mitgeteilt.

»Nun kann man aber offenbar den Magnetinduktor mit Stahlmagneten

ganz entbehren. Nimmt man eine elektromagnetische Maschine,

welche so konstruiert ist, daß der feststehende Magnet ein

Elektromagnet mit konstanter Polrichtung ist, während der Strom

des beweglichen Magnetes gewechselt wird; schaltet man ferner

eine kleine Batterie ein, welche den Apparat also bewegen würde,

und dreht nun die Maschine in der entgegengesetzten Richtung,

so muß der Strom sich steigern. Es kann darauf die Batterie

ausgeschlossen und entfernt werden, ohne die Wirkung aufzuheben.«

Der welthistorische Augenblick, in dem eine elektrische Maschine

mit Fremderregung zum erstenmal so geschaltet wurde, daß ihr

eigener Strom um die Erregermagnete lief, ist uns durch einen

Augenzeugen geschildert worden. Siemens, der ungeduldig auf die

Feststellung harrte, ob sein Gedanke auch durch den praktischen

Versuch bestätigt werden würde, hat damals die ausschlaggebende

Umschaltung selbst vorgenommen. Der Werkmeister Karl Müller, der

ihm dabei behilflich war, lebt heute noch in Schöneberg, und er

hat in einer Unterredung, die Heintzenberg mit ihm anläßlich

des 50jährigen Jubiläums der Dynamomaschine hatte, die Vorgänge,

die ihm noch nach einem halben Jahrhundert sehr gut erinnerlich

waren, geschildert. Heintzenberg hat diese Darstellung Müllers

in der »Täglichen Rundschau« wiedergegeben. Müllers Erzählung

lautete demnach ungefähr so:

Eines Tages war »der Alte« zu ihm in die Werkstatt

hinuntergestürmt und hatte ihm in seiner lebhaften Art den

Auftrag gegeben, nach einer Handskizze so schnell wie möglich

eine Maschine zusammenbauen zu lassen, bei der die Erregung nicht

durch Stahlmagnete, sondern durch Elektromagnete hervorgerufen

werden sollte. Die Eisenkerne für die Elektromagnete, die

Polschuhe und die Wicklung mußten neu hergestellt werden. Müller

ging eifrig an die Arbeit. Es konnte jedoch dem Prinzipal nicht

schnell genug gehen. Schon nach wenigen Tagen gab er in heftiger

Weise seiner Enttäuschung darüber Ausdruck, daß die Maschine

immer noch nicht fertig sei.

Endlich war es nun so weit.

»Die Maschine stand bereit in der Werkstatt; ob sie allerdings

den Anforderungen des gestrengen Herrn genügen würde ...? Es

war eine tolle Hetzjagd gewesen, und manches hätte in ruhigerer

Arbeit sorgfältiger gemacht werden können. Müller hatte auch

mehrfach versucht, den Anker der Maschine zu drehen und dabei

gefunden, daß dies verdammt schwer ging. Auch die Anker seiner

gewöhnlichen Induktoren setzten der Drehung einen gewissen

Widerstand entgegen, aber doch nicht in dem Maße. Er hatte die

Maschine wieder auseinandernehmen und die Lager nachsehen lassen,

aber niemand hatte einen Fehler finden können; so sah Müller mit

etwas gemischten Gefühlen dem Augenblick entgegen, in dem Werner

Siemens kommen würde, um die neue Maschine zu prüfen.

»Ein Gehilfe bat um eine Auskunft, und als sie zusammen in die

Werkstatt traten, sah Müller, daß Werner Siemens bereits an der

Versuchsmaschine stand. Die Stirnfurche, von der man nie recht

wußte, ob sie ein Zeichen von schlechtem Wetter oder nur die

Folge von angestrengtem Nachdenken war, schien heute noch tiefer

als sonst. Manchmal war ihm recht ungemütlich in der Nähe dieses

Feuergeistes, wenn er sich auch immer wieder sagte, daß dieses

aufbrausende Wesen nie lange andauerte, und wenn er auch ahnte,

daß es nur ein Schild war, hinter dem der Alte gegen seine eigene

große Gutmütigkeit Deckung suchte.

»Werner Siemens hatte kaum bemerkt, daß Müller mit ehrerbietigem

Gruß zu ihm getreten war. Die Hände fest in den Taschen

verankert, stand er vor der Maschine und ließ seinen scharfen

Blick von einem Teil zum anderen gleiten. Dann versuchte er zu

drehen.

»Na, nun geht das Donnerwetter los, dachte Müller; aber nichts

dergleichen geschah. Im Gegenteil, die Stirnfalte war zweifellos

etwas geglättet. Nun sollte Müller die Drahtverbindung zwischen

der Batterie und dem Elektromagneten lösen. Das ging dem Alten

aber zu langsam, und schon hatte er Müller den Schraubenschlüssel

aus der Hand genommen, warf die abgeschalteten Drähte beiseite

wie etwas sehr Überflüssiges und verband nun die freien Enden der

Magnetwicklung irgendwie mit den Schleiffedern am Kommutator. Das

alles ging so schnell, daß Müller kaum die geänderte Schaltung

zu erkennen vermochte. Nachdem in den Ankerstromkreis noch ein

Galvanoskop eingeschaltet war, mußte Müller drehen.«

Das Galvanoskop erhielt sofort so viel Strom, daß es für

immer dahin war. Müller dachte, der Prinzipal würde über die

Vernichtung des kostbaren Instruments verdrießlich sein. Aber

Werner Siemens klopfte im Gegenteil dem verdutzten Werkführer

auf die Schulter und sprach zu ihm wie zu einem Freund, was

er früher nie getan hatte. »Er sprach und sprach, und seine

Augen leuchteten noch mehr als sonst.« Was er eigentlich sagte,

verstand Müller nicht recht vor lauter Verwunderung über das

veränderte Wesen des Prinzipals.

Wir verstehen diese Erregung Werner Siemens' heute sehr gut.

Es war eben der Augenblick gewesen, in dem die Richtigkeit des

dynamo-elektrischen Prinzips praktisch erwiesen wurde. Das

Galvanoskop war das erste Opfer des dynamo-elektrisch erzeugten

Stroms geworden. Aber es sollte nicht umsonst gestorben sein.

In einer schönen Zeitverkettung fällt das 50jährige Jubiläum der

Dynamomaschine genau in die Zeit, in welcher der Geburtstag des

Meisters sich zum hundertsten Mal jährt.

Kurz vor Weihnachten des Jahres 1866 führte Werner Siemens

seine neue Erfindung den Professoren Dove, Magnus und Du

Bois-Reymond sowie mehreren anderen ersten Physikern Berlins

vor. Professor Magnus erbot sich sogleich, der Berliner Akademie

der Wissenschaften eine Beschreibung der Erfindung vorzulegen.

Dies konnte jedoch wegen der Weihnachtsferien erst am 17. Januar

1867 geschehen. In der Arbeit, die Professor Magnus damals der

Akademie übergab, schrieb Werner Siemens am Schluß: »Der Technik

sind gegenwärtig die Mittel gegeben, elektrische Ströme von

unbegrenzter Stärke auf billige und bequeme Weise überall da zu

erzeugen, wo Arbeitskraft disponibel ist. Diese Tatsache wird auf

mehreren Gebieten derselben von wesentlicher Bedeutung sein.« Das

ist denn auch in großartigster Weise eingetroffen.

In England wurde die Erfindung dadurch bekanntgemacht, daß

Wilhelm Siemens am 14. Februar 1867 einen Vortrag darüber in der

*Royal Society* unter dem Titel Ȇber die Umsetzung dynamischer

in elektrische Kraft ohne Hilfe von permanentem Magnetismus«

hielt. Er sagte darin:

»Seit Faradays großer Entdeckung der Magneto-Elektrizität im

Jahre 1830 haben die Elektriker für den Zweck der Erzeugung

ihrer kraftvollsten Effekte ihre Zuflucht zu mechanischer Kraft

genommen, jedoch die Kraft der magneto-elektrischen Maschine

scheint in gleichem Maße von der verausgabten Kraft einerseits

und von dem permanenten Magnetismus andererseits abhängig zu sein.

»Mein Bruder, *Dr.* Werner Siemens in Berlin, hat mich aber

vor kurzem auf ein von ihm angestelltes Experiment aufmerksam

gemacht, wodurch nachgewiesen wird, daß der permanente Magnetismus

zur Umsetzung von mechanischer in elektrische Kraft nicht

erforderlich ist, und das durch dieses Experiment erzielte

Resultat ist höchst bemerkenswert, weil dasselbe nicht nur diese,

bis dahin unbekannte Tatsache feststellt, sondern vor allem auch,

weil es uns ein einfaches Mittel an die Hand gibt, um höchst

kraftvolle elektrische Nutzeffekte hervorzubringen.«

Er gab hierauf eine Beschreibung des Apparats. Und dann geschah

in der Versammlung etwas, das in der Geschichte der Erfindungen

ewig denkwürdig bleiben wird.

Werner von Siemens, der Begründer der modernen Elektrotechnik · 第 8 / 14 段