Auftraggeberin für das Kabel war die »*Direct United States Telegraph

Company*«, die sich im Jahre 1873 mit einem Kapital von 26 Millionen

Mark bildete und Wilhelm Siemens zu ihrem *Consulting Director*

machte. Die Leitung sollte in Ballinskellig-Bai in Irland beginnen

und in Torbay auf Neuengland enden. Von dort aus sollte die Linie

gleichfalls durch ein Unterseekabel nach Ray Beach in New Hampshire

weitergeführt werden, wo der Anschluß an die amerikanischen

Landleitungen erreicht wurde.

Wilhelm Siemens konstruierte für diese Kabellegung ein

besonderes Schiff, den auf der ganzen Erde berühmt gewordenen

Dampfer »_Faraday_«, der so viele und so vortrefflich gelungene

Kabellegungen ausführen sollte und mit seinem Erscheinen

die glückliche Periode der drahtlichen Ozeanüberquerungen

einleitete. Wenngleich Wilhelm die Frage der transatlantischen

Kabeltelegraphie nach allen Richtungen hin studiert hatte, so

ist es doch recht erstaunlich, daß es ihm als einem Mann, der

sich niemals mit Schiffbau näher beschäftigt hatte, gelang,

ein so vorzügliches und noch nach langer Zeit unübertroffenes

Spezialschiff zu konstruieren.

Der »Faraday« wurde auf der Werft von Mitchell & Co. in Walker

bei Newcastle-on-Tyne erbaut. Er hatte einen Inhalt von 5000

Registertonnen und war 360 Fuß lang. In seinem Innern barg er

drei riesige Trommeln, auf denen ein Kabel von 3500 Kilometern

Länge aufgerollt werden konnte. Es war auch eine Einrichtung

getroffen, die gestattete, das Kabel im Schiff stets unter Wasser

zu halten, da man die Erfahrung gemacht hatte, daß es sich im

Trockenen selbst erhitzte, wodurch die Isolierung schmelzen

konnte. Der Dampfer war mit zwei Schrauben ausgerüstet, deren

Wellen schräg zueinander standen, was ihm eine vorzügliche

Manövrierfähigkeit verlieh. Nach dem Urteil aller Zeitgenossen

war das Schiff wie kein anderes geeignet, bei Kabellegungen und

auch bei Hebungen vortreffliche Dienste zu leisten.

Am 16. Mai 1874 ging der »Faraday« zum erstenmal in See. Diesmal

hatte er jedoch nur die Küstenkabel für die englische und auch

für die amerikanische Seite an Bord.

Anfang Juni begann er seine Tätigkeit auf der amerikanischen

Seite, wo er bald durch starken Nebel aufgehalten wurde.

Am 2. Juli brachten die »*Times*« folgende sensationelle Depesche

des Reuterschen Telegraphenbureaus: »Der Dampfer »Faraday« ist

in der Nähe von Halifax mit einem Eisberg zusammengestoßen und

vollständig gescheitert.«

Die Unglücksbotschaft gelangte natürlich auch sofort nach

Deutschland, und sie traf Werner Siemens in einem höchst

ungeeigneten Augenblick.

Es war in dem Jahr, als er zum ordentlichen Mitglied der Akademie

der Wissenschaften in Berlin ernannt worden war, und an jenem Tag

hatte er in einer Festsitzung der Akademie seine Antrittsrede zu

halten. Gerade als er zu diesem Zweck von Hause fortgehen wollte,

erhielt er die Nachricht von dem Untergang des »Faraday«.

»Es erforderte,« so schreibt er darüber, »nicht geringe

Selbstbeherrschung von meiner Seite, niedergedrückt von dieser

schrecklichen Kunde, doch meinen nicht verschiebbaren Vortrag

zu halten! Nur wenige intime Freunde haben mir die gewaltige

Erregung angesehen.«

Glücklicherweise stellte sich bald heraus, daß die Nachricht von

den Gegnern der Siemens fälschlich aufgebracht worden war, um

diese zu schädigen. Der »Faraday« kehrte wohlbehalten zurück und

konnte am 1. September von neuem in See gehen, um die Hauptlegung

auszuführen.

Sie geschah unter Leitung von Karl Siemens, der sich zu diesem

Zweck an Bord befand. Aber auch Werner wollte persönlich diesen

wichtigen Vorgang überwachen. Deshalb hielt er sich während der

Legung in Ballinskellig-Bai auf, wo in der Landungsstation die

Instrumente zur ständigen Beobachtung des Kabels während der

Auslegung aufgestellt waren. Man konnte an ihnen genau den

Isolationszustand der gesamten Leitung, soweit sie ins Meer

hinabgelassen war, erkennen.

»Es war ziemlich günstiges Wetter,« so schreibt Werner

Siemens über die aufregende Zeit seiner Beobachtungen zu

Ballinskellig-Bai in den »Lebenserinnerungen«, »und alles ging

zunächst gut vonstatten. Der schwierige steile Abfall der

irischen Küste zu großer Meerestiefe war glücklich überwunden

und den elektrischen Prüfungen zufolge der Zustand des Kabels

untadelhaft.

»Da trat plötzlich ein kleiner Isolationsfehler ein, so klein,

daß nur außerordentlich empfindliche Instrumente, wie wir

sie anwendeten, ihn konstatieren konnten. Nach bisheriger

Kabellegungspraxis würde man diesen Fehler unberücksichtigt

gelassen haben, da er ohne jeden Einfluß auf die telegraphische

Zeichenbildung war. Doch wir wollten eine ganz fehlerfreie

Kabelverbindung herstellen und beschlossen daher, das Kabel bis

zu dem Fehler, der noch dicht hinter dem Schiffe liegen mußte,

wieder aufzunehmen.

»Dies ging auch zunächst trotz der großen Meerestiefe von

18000 Fuß ganz gut vonstatten, wie uns vom Schiffe fortlaufend

telegraphiert wurde. Plötzlich flog aber die Skala unseres

Galvanometers aus dem Gesichtsfelde -- das Kabel war gebrochen!

Gebrochen in einer Tiefe, aus der das Ende wieder aufzufischen

ganz unmöglich erschien.

»Es war ein harter Schlag, der unser persönliches Ansehen wie

unseren geschäftlichen Kredit schwer bedrohte. Die Nachricht

durchlief noch in derselben Stunde ganz England und wurde mit

sehr verschiedenen Empfindungen aufgenommen. Niemand glaubte an

die Möglichkeit, aus so großer Tiefe ein abgerissenes Kabelende

wieder aufzufischen, und auch Bruder Wilhelm riet telegraphisch,

das verlegte Kabel aufzugeben und die Legung von neuem zu

beginnen.

»Ich war überzeugt, daß Karl, ohne den Versuch der Auffischung

gemacht zu haben, nicht zurückkehren würde, und beobachtete

ruhig die steten Schwankungen der Skala des Galvanometers, um

Anzeichen zu finden, die auf Bewegung des Kabelendes durch den

Suchanker hindeuteten. Solche Anzeichen traten auch häufig ein,

ohne weitere Folgen zu haben, und es vergingen zwei bange Tage,

ohne irgendwelche Nachricht von dem Schiffe.

»Auf einmal heftige Spiegelschwankung! Das Ende des Kupferdrahtes

mußte metallisch berührt sein. Dann mehrere Stunden lang

schwaches, regelmäßiges Zucken des Spiegelbildes der Skala,

woraus ich auf stoßweises Heben des Kabelendes durch die

Ankerwinde schloß. Doch stundenlange, darauffolgende Ruhe ließ

die Hoffnung wieder sinken. Da wiederum starke Spiegelschwankung

durch Schiffsstrom, die mit nicht enden wollendem Jubel des

Stationspersonals begrüßt wurde.

»Das Unglaubliche war gelungen. Man hatte aus einer Tiefe, die

die Höhe des Montblanc über dem Meeresspiegel übertraf, in einer

einzigen Operation das Kabel gefunden und, was noch viel mehr

sagen will, ungebrochen zutage gebracht. Es mußten viele günstige

Verhältnisse zusammentreffen, um dies möglich zu machen. Guter,

sandiger Meeresgrund, gutes Wetter, zweckmäßige Einrichtungen für

das Suchen und Heben des Kabels und ein gutes, leicht lenkbares

Schiff mit einem tüchtigen Kapitän fanden sich hier glücklich

zusammen und machten mit Hilfe von viel Glück und Selbstvertrauen

das unmöglich Erscheinende möglich.

»Bruder Karl bekannte mir aber später, daß er während des

ununterbrochenen Niederlassens des Suchankers, der _sieben

Stunden_ brauchte, um den Meeresgrund zu erreichen, was ihm erst

eine klare Anschauung von der Größe der bekannten Meerestiefe

gegeben habe, doch die Hoffnung auf guten Erfolg schon verloren

hatte und dann selbst von diesem überrascht wurde.«

Nachdem der Fehler beseitigt war, wurde die Legung zu Ende

geführt. Es hatten sich jedoch einige weitere Fehlerstellen

gezeigt, und diese wollte man ausbessern, bevor das Kabel in den

Betrieb kam. Diese Fehlersuche machte viel Mühe und kostete viel

Kabel, so daß der »Faraday« noch zweimal nach England fahren und

wieder auslaufen mußte. Das Ergebnis war jedoch schließlich ein

so vorzügliches Kabel, wie es vorher von niemanden gebaut und

verlegt worden war.

»Der Grundsatz,« so schreibt William _Pole_, der englische

Biograph von Wilhelm Siemens, »alle, auch die unbedeutendsten

Fehler zu beseitigen, ist bei diesem Kabel auf das gewissenhafteste

befolgt worden, obgleich die Vollendung der Legung des Kabels

dadurch bedeutend verzögert wurde. Seitdem das Kabel aber im

Besitz der Auftraggeber ist, hat es sich als eins der besten

von allen Kabeln, welche überhaupt je verlegt worden sind,

erwiesen, und seine Sprechfähigkeit ist der anderer Kabel, in

welchen unscheinbare Fehler unberücksichtigt geblieben sind,

ganz bedeutend überlegen.« Auch die Prüfung durch Sir William

Thomson, die höchste Autorität auf diesem Gebiet in England,

ergab, daß die Leitung durchaus fehlerfrei war und eine sehr hohe

Leitungsfähigkeit besaß.

Durch diese vorzügliche Leistung stand die Fabrik von Siemens

Brothers nunmehr an der Spitze der Kabelfabriken. Im Jahre

1881 bestellte der amerikanische Eisenbahnkönig _Gould_ ein

Doppelkabel nach Amerika durch einfaches Kabeltelegramm.

Nach einiger Zeit schon hatte der Dampfer »Faraday« sechs

transatlantische Kabel aus der Siemensschen Fabrik verlegt, und

damit war auch dieser Zweig der Technik in seine Reifejahre

eingetreten.

Intermezzo

Es muß hier noch eine durch das Haus Siemens Brothers in London

ausgeführte Kabellegung geschildert werden, weil sie zu ihrer

Zeit auf der ganzen Erde sehr großes Aufsehen erregt hat.

Das Interesse, das sie erweckte, ist nicht durch besondere

technische Vorgänge hervorgerufen worden, sondern durch äußere

Begleitumstände, die glücklicherweise für Kabellegungen nicht

charakteristisch sind.

In demselben Jahr, in welchem die glückliche Auslegung des

ersten direkten atlantischen Kabels durch den Dampfer »Faraday«

gelang, war die Fabrik in Charlton auch mit der Herstellung eines

Kabels beschäftigt, das die *Brazil and River Plate Telegraph

Company* bei ihr bestellt hatte. Es sollte zur _Herstellung

einer Telegraphenlinie zwischen Rio de Janeiro und der Küste

von Uruguay_ dienen. Hierfür mußten 2260 Kilometer Kabel

ausgelegt werden. Obgleich es sich hierbei durchaus nicht um die

Durchquerung gefährlicher Gewässer handelte, auch um gar keine in

irgendeiner anderen technischen Beziehung besonders beschwerliche

Aufgabe, griff doch das Verhängnis besonders hart in den Gang der

Dinge ein. Zwei gute, große Schiffe gingen bei der Kabellegung

verloren, und 58 Menschen kamen dabei ums Leben.

Als das Kabel fertiggestellt war, wurde es auf den Dampfer

»Gomos« geladen, der nach Brasilien abging. Er legte ein ziemlich

bedeutendes Stück der Kabelstrecke glücklich aus, aber in der

Nacht zum 25. Mai 1875 geriet er in der Nähe von Rio Grande

do Sul auf eine Sandbank, von der er nicht mehr freizukommen

vermochte. Das Schiff wurde gänzlich wrack und mußte verlassen

werden. Über 400 Kilometer Kabel gingen mit ihm verloren.

In Charlton wurde darauf ein Ersatzkabel hergestellt und für

dessen Überführung nach Südamerika der Dampfer »La Plata«

gechartert, der, mit dem Ersatzkabel und Hilfsmaterialien an

Bord und mit den besten Wünschen versehen, am 26. November 1874

Gravesend verließ. Das Schiff war ein eiserner Schraubendampfer

von fast 1000 Registertonnen Gehalt. Es war vorzüglich ausgerüstet,

stand unter dem Kommando eines bewährten Seemanns, des Kapitäns

Dudden, und hatte 75 Personen an Bord, darunter den Ingenieur

Ricketts, der bei der Auslegung des Kabels die Oberleitung

innehaben sollte. Niemand konnte ahnen, daß auch dieses zweite

Kabel in ganz anderer Weise den Grund des Meers erreichen sollte,

als beabsichtigt war.

Als der »La Plata« sich der Bai von Biskaya näherte, geriet er

in einen heftigen Sturm. Das Schiff wurde sehr stark hin und

her geworfen und zwei seiner Boote gingen über Bord. Am Morgen

wurde dem Kapitän aus dem Maschinenraum mitgeteilt, daß Wasser in

diesen eindringe. Er ließ darauf, um das Schiff zu erleichtern,

einen Teil des Kabels über Bord laufen. Aber um 10 Uhr war das

Wasser im Maschinenraum doch bereits so hoch gestiegen, daß die

Feuer erloschen. Die Maschine blieb stehen, und damit war das

Schiff verloren. Man ließ die Boote hinunter, und jeder versuchte

einen Platz darin zu gewinnen.

Es waren nur noch drei Boote vorhanden. Zwei von diesen

scheiterten alsbald in dem hohen Seegang. Eines aber mit 15

Personen wurde nach schweren Erlebnissen von dem Dampfer »Gare

Loch« gesichtet, der die Schiffbrüchigen rettete und an Bord

nahm. Einer der Überlebenden hat den Untergang des Schiffs

geschildert. Wir geben diesen Bericht wie auch den später

folgenden auszugsweise nach Pole wieder:

[Illustration: Die erste elektrische Straßenbahn in

Berlin-Charlottenburg]

[Illustration: Ein moderner Berliner Straßenbahnwagen]

»Ich sah das Schiff untergehen; es war 25 Minuten vor 1 Uhr.

Einige Minuten hindurch sank das Schiff nur ganz allmählich, dann

verschwand es plötzlich, mit dem Stern nach unten gerichtet.

Es war ein entsetzlicher Anblick. Das Deck des Dampfers zersprang

kurz vor seinem Untergang, und er war überhaupt in einem

schrecklichen Zustand. Der Kapitän aber war noch immer auf seinem

Posten; er stand da, allem Anschein nach ruhig und gefaßt, und

ich glaube, er hat uns sogar noch ein Lebewohl zugewinkt in dem

Augenblick, als er mit dem Schiff versank. Dann noch ein Mark

und Bein erschütternder Schrei von den an Bord zurückgebliebenen

Mannschaften -- solch ein Schrei, wie ich ihn hoffentlich nie

wieder hören werde. Wir fischten noch zwei Jungen und einen Mann

auf, konnten jedoch sonst niemand mehr retten ...

»Wir erlebten eine schreckliche Nacht. Ich war während der ganzen

Zeit auf meinen Knien damit beschäftigt, Wasser aus dem Boot zu

schöpfen, wobei ich so fürchterlich ausstand, daß ich wünschte,

ich wäre ertrunken. Einige andere von meinen Unglücksgenossen

wurden von Fieber und Durst noch schlimmer geplagt. Oft hörte

ich den einen oder anderen von ihnen ausrufen: »O mein Gott, was

würde ich jetzt nicht für einen Trunk Wassers geben!« Seewasser

war genug da; aber davon trank man nur, wenn die Verzweiflung

dazu trieb, und der Durst wurde dadurch nur um so qualvoller.«

Die Schiffbrüchigen langten am 2. Dezember 1874 wieder in

London an und brachten erst die Nachricht von dem Untergang des

Dampfers »La Plata« dorthin. Die Brüder Siemens gaben sofort auf

telegraphischem Weg Anordnung, daß Schiffe an die Unglücksstelle

fahren sollten, um vielleicht noch Überlebende zu retten. Das

hatte jedoch keinen Erfolg. Indessen gelang es einem fremden

Schiff, noch zwei Überlebende aufzufinden und zu bergen. Diese

beiden hatten eine Leidensgeschichte durchgemacht, wie sie in der

Geschichte der Schiffahrt nicht allzuoft vorkommt.

»Sie befanden sich in einem der verloren gegangenen Boote und

wurden von der Sturzsee über Bord geschwemmt. Gerade in dem

Augenblick, als sie wieder auf der Oberfläche erschienen,

versank das Schiff plötzlich in die Tiefe, wodurch sie abermals

mit nach unten gezogen wurden. Als sie zum zweitenmal nach

oben kamen, erblickten sie ganz in ihrer Nähe ein auf dem

Wasser umherschwimmendes beschädigtes Luftrettungsfloß, von

dem sie Besitz zu ergreifen sich bemühten. Dieses Floß war aus

Gummi gefertigt und bestand aus mehreren mit Luft angefüllten

Abteilungen, die durch ein einen Sitz bildendes Segeltuch

verbunden waren. Auf diesem Sitz befanden sie sich wie in einem

Wassertrog; das Wasser spielte bis an ihre Hüften, so daß ihr

unterer Körperteil allmählich von der Kälte erstarrte. Ihre

einzige Hoffnung, einem langsamen Tode zu entrinnen, bestand

darin, daß sie vielleicht von einem der vorübersegelnden Schiffe

bemerkt würden, eine Hoffnung, die nur sehr wenig Aussicht auf

Erfüllung hatte, da ein Schiff, das nicht ganz dicht an ihnen

vorbeifuhr, sie nur mit Hilfe eines Fernrohrs hätte erblicken

können, wenn sie sich gerade auf dem Kamm einer Welle befanden.

Dabei wusch die See beständig über sie hin, und wenn sie nicht

beide Männer von sehr kräftiger und gesunder Körperkonstitution

gewesen wären, so würden sie wohl kaum diese drei Tage bis zu

ihrer endlichen Erlösung überlebt haben.«

Häufig sahen sie in der Tat Schiffe in ihrer Nähe vorüberfahren,

von denen kein einziges ihre Notschreie hörte, und sie versanken

allmählich in einen Zustand, in dem sie zwischen Wachen und

Schlafen dahindämmerten.

»Am Mittwoch gegen 4 Uhr morgens sah der eine der

Schiffbrüchigen, der eben munter war, trotz der Dunkelheit in

der Ferne ein Schiff gerade auf das Floß zusteuern und weckte

sofort seinen Leidensgefährten. Das Fahrzeug näherte sich ihnen

sehr rasch bis auf eine Entfernung von etwa 100 Yards. Mit der

ganzen noch übrigen Kraft ihrer Lungen schrien beide wiederum

um Hilfe, und nach einigen Sekunden banger Erwartung kündigte

ihnen ein helles Licht an, daß sie gehört worden seien. Zwei

Stunden lang leuchtete das Licht wie ein Rettungsstrahl vor

ihren Augen, verschwand jedoch kurz vor der Morgendämmerung, und

als der Tag anbrach, war nirgendwo mehr ein Schiff zu sehen. Ihre

Hoffnung war fast der Verzweiflung gewichen, als sie plötzlich

etwa zwei Stunden, nachdem es vollständig hell geworden war, das

heiß ersehnte Schiff gerade auf sich zusteuern sahen. Es war der

holländische Schoner »Wilhelm Blenkelszoon«. Der Eigentümer,

Kapitän J. van Dorp, hatte unmittelbar, nachdem er den Notschrei

vernommen, sein Schiff aufgebracht und bis zum Morgen vor Anker

gelegt. Inzwischen war das Luftfloß leewärts getrieben. Als der

Holländer bei Tagesanbruch nirgends mehr etwas sehen konnte,

folgerte er aus der Strom- und Windrichtung genau den Ort, wohin

ein schwimmender Schiffstrümmer oder ein Boot getrieben sein

könnten, und wandte sofort nach jener Richtung.«

Die Rettung bot jedoch noch besondere Schwierigkeiten, da das

Schiff wegen der hochgehenden See nicht unmittelbar an die

Seite des Floßes gebracht werden konnte. Ebensowenig konnte

man ein Boot hinunterlassen. Die Schiffbrüchigen wurden

also aufgefordert, die kurze Strecke zu durchschwimmen. Dem

Hochbootsmann Lamont gelang dies glücklich. Nun sollte auch sein

Genosse Hooper den Versuch wagen.

»Dieser war noch mehr erschöpft als Lamont; aber in dem Gedanken,

daß es am Ende nicht schlimmer sei, auf dem Wege vom Floß nach

dem Schiff zu ertrinken, als allein auf dem Floß hilflos auf dem

Meere umherzutreiben und schließlich elendiglich umzukommen,

wagte er den verzweifelten Versuch und schwamm für sein Leben auf

den Schoner zu. Als er jedoch bis an dessen Seite herangekommen

war, waren seine Hände so erstarrt, daß er selbst das ihm

zugeworfene Seil nicht einmal mehr ergreifen konnte, und so

erfaßte er es daher mit den Zähnen. Der kleine Schoner lag tief

im Wasser, einige von seiner Bemannung lehnten sich sofort über,

und es gelang ihnen, Hooper bei den Händen zu ergreifen und ihn

sodann an Bord zu ziehen.

»Die armen Leute waren nicht mehr imstande zu stehen und fast

tot vor Nässe, Kälte und Hunger; denn es war damals beinahe

Mittwoch mittag, und seit dem vorhergegangenen Samstagabend

hatten sie keine Nahrung mehr zu sich genommen. Doch die

Menschenfreundlichkeit und sorgsame Pflege des Kapitäns van Dorp

und seiner braven Mannschaft, die nicht hoch genug gepriesen

werden kann, brachte sie allmählich wieder zu sich.

»Ihre Namen waren mit unter denen veröffentlicht worden, die mit

dem Dampfer »La Plata« zugrunde gegangen waren; es muß daher für

ihre Familien, als sie plötzlich wieder erschienen, gewesen sein,

als ob sie von den Toten auferstanden wären.«

Damit waren also 17 Personen gerettet, 58, darunter auch der

Leiter der Expedition, Ricketts, hatten ihren Tod gefunden.

Die Feinde des Hauses Siemens benutzten die Gelegenheit, um

eine lebhafte Agitation gegen die Brüder einzuleiten. Es wurde

behauptet, der Dampfer »La Plata« sei mit schwerer Überlastung

in See gegangen. Das Handelsministerium ließ die Angelegenheit

auf das genaueste untersuchen, worauf sich die vollkommene

Grundlosigkeit aller Beschuldigungen herausstellte, ja Wilhelm

Siemens konnte bei seiner Vernehmung glaubwürdig nachweisen,

daß er das Schiff mit weit mehr Rettungseinrichtungen versehen

hatte, als gesetzlich nötig gewesen war. Durch öffentliche

Sammlung wurde zum Besten der Witwen und Waisen der zugrunde

gegangenen Mannschaft ein Fonds aufgebracht, zu dem die Brüder

Siemens 10000 Mark beisteuerten; ferner sorgten sie reichlich für

die Familien der Angestellten ihres eigenen Hauses, die bei der

»La-Plata«-Katastrophe ertrunken waren.

Das brasilianische Unglückskabel wurde endlich im Anfang

des Jahres 1875 durch ein drittes ausgesandtes Schiff, den

»Ambassador«, ausgelegt.

Die indo-europäische Telegraphenlinie

Kurz bevor die Brüder Werner und Wilhelm Siemens sich zur

Auslegung ihres ersten transatlantischen Kabels besonders eng

zusammengetan hatten, war von ihnen bereits ein anderes großes

Werk gemeinschaftlich vollbracht worden. Sie hatten, gleichfalls

unter tätiger Mitwirkung von Karl Siemens, eine Landlinie

zustande gebracht, welche bei weitem die größte ihrer Zeit war,

und die, noch heute fortbestehend, als ein Denkmal Siemensscher

Tatkraft anzusehen ist.

Das englische Mutterland suchte, sobald dies technisch möglich

war, eine telegraphische Verbindung mit seiner größten und

wichtigsten Kolonie, mit Indien, herzustellen. Der erste Versuch,

Indien zu erreichen, wurde über Ägypten gemacht. Wir haben

Werner Siemens auch hierbei schon am Werk gesehen, denn jenes

Kabel durch das Rote Meer, nach dessen Auslegung er Schiffbruch

erlitt, war ein Teil der englisch-indischen Verbindungslinie. Es

fand seine Fortsetzung durch ein zweites Kabel, das von Aden bis

nach Karatschi an der Mündung des Indus verlegt wurde, von wo

aus Landtelegraphenlinien sich über ganz Indien erstreckten. Wie

wir wissen, hörte das Kabel im Roten Meer schon im Jahre 1861 zu

arbeiten auf, und ähnlich ging es manchen anderen Teilstrecken,

weil die Leitungen in der Fabrik noch nicht nach den Siemensschen

Methoden hergestellt worden waren.

Nun suchte man, da die Wichtigkeit der Verbindung immer

deutlicher wurde, Indien über Land zu erreichen. Nur von England

zum Kontinent und durch den Persischen Golf von Buschir bis nach

Karatschi sollte wieder das Kabel benutzt werden. Schon jetzt

wurden die Brüder Siemens von den Regierungen, durch deren Länder

diese Telegraphenlinie hindurchging, als Berater herangezogen.

Aber man kam hier zu keinem befriedigendem Ergebnis. Hatte man

doch keine geschlossene Linie von England bis Indien, sondern

es mußten in den verschiedenen Ländern Umtelegraphierungen

stattfinden. Dadurch, daß die in englischer Sprache abgefaßten

Telegramme in Deutschland, in Rußland und in Persien aufgenommen

und von den oft des Englischen nicht kundigen Beamten weiter

telegraphiert werden mußten, entstanden sehr böse Störungen.

Häufig kamen die Telegramme derartig verstümmelt an, daß sie

nicht mehr zu entziffern waren, und ihr Weg dauerte manchmal

mehrere Wochen.

Werner Siemens faßte darauf den Plan, eine eigene durchgehende

Linie von England nach Indien zu schaffen, die ausschließlich

diesem Verkehr dienen und ein direktes Abgeben der Telegramme von

London bis Karatschi und Kalkutta ermöglichen sollte. Er schrieb

im Jahre 1867:

Werner von Siemens, der Begründer der modernen Elektrotechnik · 第 7 / 14 段