und untersuchte das Kabel nach einer schon früher von ihm
erdachten Methode. Damit vermochte er die Fehlerlage ziemlich
genau zu bestimmen. Er behauptete, daß die schadhafte Stelle ganz
in der Nähe von Aden, noch in der Meerenge von Bab-el-Mandeb
liegen müsse. Die Engländer lachten zwar über diesen »*scientific
humbug*«, aber als man das Kabel an der angegebenen Stelle
aufgefischt und geschnitten hatte, ergab sich, daß der Rest
fehlerfrei war. Die Genauigkeit der Messung war dadurch möglich
geworden, daß Werner Siemens zum erstenmal an die Stelle der
unsicheren Strommessung die weit genauere Widerstandsmessung
gesetzt hatte. Wir werden seinen Bemühungen um die allgemeine
Einführung dieser Widerstandsmessung noch bei der Zusammenfassung
seiner wissenschaftlichen Meisterarbeiten begegnen.
Leider aber blieb dieser so schnell behobene Fehler nicht der
einzige in dem Kabel durch das Rote Meer. Nachdem es kurze Zeit
im Gebrauch gewesen, trat immer deutlicher das Vorhandensein
vieler schlecht isolierter Stellen hervor. Sie konnten zum
größten Teil nicht mehr ausgebessert werden, weil das Kabel
durch Korallenbildung auf dem Meeresboden festgehalten wurde. Es
ging schließlich gänzlich zugrunde, und Siemens weist in seinen
Schriften darauf hin, daß mangelnde Sorgfalt bei der Fabrikation
und schlechte Auswahl der Lage der Grund für den Untergang dieses
sowie fast sämtlicher bis zu jener Zeit gelegten Kabel gewesen
sind.
Erst nachdem vom Jahre 1859 ab die englische Regierung der
Firma Siemens, Halske & Co. die Kontrolle der Kabel schon bei
der Anfertigung und alle weiteren Prüfungen übertragen hatte,
hörten die schweren Verluste auf. Seit jener Zeit setzte sich
der von Werner Siemens aufgestellte Grundsatz durch, daß
nicht die Billigkeit, sondern die Güte bei der Fabrikation
von Unterseekabeln ausschlaggebend sein müsse. Im Juli 1860
hielt Wilhelm Siemens vor der *British Association* einen
Vortrag mit dem Titel »Umriß der Prinzipien und des praktischen
Verfahrens bei der Prüfung submariner Telegraphenlinien auf ihren
Leitungszustand«. Damit wurden die Siemensschen Erfahrungen
Allgemeinbesitz, und seit jener Zeit sind keine fehlerhaften
Kabel mehr verlegt worden.
Die Kabellegung im Roten Meer sollte für die Beteiligten noch ein
seltsames Nachspiel haben. Die Mitglieder der Expedition gingen
nach Erledigung der Geschäfte an Bord des Dampfers »Alma« von der
*Peninsular and Oriental Company*. Sie trafen auf dem Schiff eine
höchst elegante Gesellschaft an, von der die neu hinzugekommenen
Reisenden wegen ihrer stark abgenutzten Kleidung ziemlich über
die Achsel angesehen wurden. Aber bald sollte ein unerwartetes
Ereignis alle scheinbaren Standesunterschiede gründlichst
verwischen. Wir lesen darüber in den »Lebenserinnerungen«:
»Wir hatten erst einige Stunden geschlafen, als wir auf eine
rauhe Weise aus unseren Träumen geweckt wurden. Ein heftiger Stoß
machte das ganze Schiff erzittern, ihm folgten zwei andere noch
heftigere, und als wir entsetzt aufgesprungen waren, fühlten
wir auch schon, wie das Schiff sich zur Seite neigte. Ich hatte
glücklicherweise meine Stiefel nicht ausgezogen, nur Hut und
Brille abgelegt. Als ich mich nach diesen umsah, bemerkte ich
meinen Hut bereits auf dem Wege zum niedersinkenden Schiffsbord
und folgte ihm unfreiwillig in gleicher Richtung.
»Von allen Seiten erscholl ein wilder, angsterfüllter,
ohrenzerreißender Aufschrei, dann ein allgemeines Gepolter,
da alles auf Deck Befindliche den Weg in die Tiefe antrat.
Instinktiv strebte jeder dem höheren Schiffsbord zu, die meisten
vermochten ihn zu erreichen. Mir ging es schlechter, da ich beim
Suchen nach Hut und Brille Zeit verlor. Schon strömte das Wasser
über die Bordkante und mahnte mich, an die eigene Rettung zu
denken. Das Deck war in wenigen Sekunden in eine so schräge Lage
gekommen, daß es nicht mehr möglich war, auf ihm emporzuklimmen.
Doch die Not macht riesenstark! Ich stellte Tische und Stühle
so übereinander, daß ich ein im hellen Mondschein sichtbares
Schiffstau, das vom hochliegenden Bord herunterhing, erreichen
und an ihm emporklimmen konnte.
»Dort oben fand ich fast die ganze Schiffsgesellschaft schon
versammelt und mit bewunderungswürdiger Ruhe die Entwicklung des
Dramas erwartend ... Das Schiff lag bald ganz auf der Seite, und
die große Frage, an der jetzt Leben und Tod alles Lebendigen auf
ihm hing, war die, ob es eine Ruhelage finden oder kentern und
uns sämtlich in die Tiefe schleudern würde.«
Auch hier, in dieser höchsten Notlage, verzichtete Werner Siemens
nicht darauf, in aller Ruhe eine wissenschaftliche Methode
anzuwenden.
»Ich errichtete mir,« so schreibt er weiter, »eine kleine
Beobachtungsstation, mit deren Hilfe ich die weitere Neigung
des Schiffes an der Stellung eines besonders glänzenden Sternes
verfolgen konnte, und proklamierte von Minute zu Minute das
Resultat meiner Beobachtungen. Alles lauschte mit Spannung diesen
Mitteilungen. Der Ruf »Stillstand!« wurde mit kurzem, freudigem
Gemurmel begrüßt, der Ruf »Weitergesunken!« mit vereinzelten
Schmerzenslauten beantwortet. Endlich war kein weiteres Sinken
mehr zu beobachten, und die lähmende Todesfurcht machte
energischen Rettungsbestrebungen Platz.«
Es gelang schließlich, bei ruhiger See die ganze
Schiffsgesellschaft in Booten auf einen Korallenfelsen der
Harnischinselgruppe zu schaffen. Da die meisten keine Schuhe
anhatten, und der Felsen mit scharfen Korallenspitzen übersät
war, so war es Siemens' erste Sorge, hier Ersatz zu schaffen.
Er fuhr noch einmal nach dem Wrack zurück und holte eine
Linoleummatte. Unter Verwendung seines ebenfalls geretteten
Taschenmessers eröffnete er nun am Ufer eine Sandalenwerkstatt
und brachte so freudigst begrüßte Hilfe.
Fünf Tage lang mußten nun die 500 Geretteten auf dem etwa einen
Hektar großen Koralleneiland zubringen. Die Sonne brannte mit
furchtbarer Glut hernieder, und das Wasser fing an zu mangeln.
Dazu kam, daß die Schiffsbesatzung zu meutern begann. Die
Offiziere hatten wegen der schlechten Führung des Fahrzeugs alle
Autorität verloren; es mußte deshalb aus den jüngeren Passagieren
eine Wachmannschaft gebildet werden. Nachdem alle schwere Qualen
ausgestanden hatten, kam endlich ein englisches Kriegsschiff in
Sicht, das die Schiffbrüchigen zunächst mit dem heiß begehrten
Trinkwasser versorgte und dann zur Weiterbeförderung aufnahm. --
--
Die Brüder Siemens wollten fortab in noch stärkerem Maß in dem
Kabelgeschäft unabhängig sein. Insbesondere auf das Betreiben
von Wilhelm wurde darum im Jahre 1863 eine eigene _Kabelfabrik
in Charlton_ bei Woolwich gegründet. Der erste Auftrag für diese
kam von der französischen Regierung, die ein Kabel für eine neue
Verbindung mit ihrer wichtigsten Kolonie, Algier, bestellte. Der
Anfangspunkt in Europa sollte _Cartagena_ in Spanien sein, bis
wohin eine Landlinie lief, und drüben sollte es in _Oran_ landen.
Obgleich die Strecke recht kurz war, und obwohl die Brüder
Siemens ihre ganze Kunst auf dieses Kabel verwendeten, sollte die
Legung aus äußeren Gründen doch die unglücklichste von allen
werden, die sie je ausgeführt haben.
Werner Siemens mußte, um an der Verlegung teilnehmen zu können,
ganz Europa durchqueren, denn er befand sich zu jener Zeit in
Moskau. In fünf Tagen fuhr er über Petersburg, Berlin und Paris
nach Madrid. Dort traf er neben den anderen Teilnehmern an der
Expedition seinen Bruder Wilhelm mit seiner jungen Gattin Anne,
die gleichfalls mit zu Schiff ging.
In den »Lebenserinnerungen« sagt Werner Siemens, daß, vom
Standpunkt des vorgeschrittenen Alters betrachtet, jene
Kabellegung ein großer Leichtsinn gewesen sei, da Schiff und
Legungsmethode durchaus unzweckmäßig waren. Als Entschuldigung
dafür, daß das Unternehmen trotzdem versucht wurde, könne nur
angeführt werden, daß sie damals unter allen Umständen ein
eigenes Kabel legen wollten. Wilhelm hatte unglücklicherweise
darauf gedrungen, daß ein neuer, von ihm erdachter Mechanismus
für die Kabellegung angewendet würde, eine Trommel mit stehender
Achse, deren Konstruktion zwar sehr geistreich ersonnen war, sich
jedoch nicht bewähren sollte.
Als man das Kabel von Oran aus zu legen begann, zeigte sich, daß
es trotz der ausgezeichneten Fabrikationsmethode, mit der man
es hergestellt hatte, doch mechanisch nicht völlig zuverlässig
geblieben war, da es sich seitdem stark verändert hatte. Man
hatte damals eben noch nicht genügend Erfahrungen. Die Festigkeit
des Kabels hatte gelitten. Doch da das Wetter ruhig und schön
war, wollte man trotzdem den Versuch machen. Aber nachdem die
Uferstrecke gelegt war, riß das Kabel plötzlich und sank in
die Tiefe, von wo es wegen des am Meeresboden befindlichen
Steingerölls nicht mehr aufgefischt werden konnte.
Man war jedoch nicht allzu traurig darüber, da man einen
ausreichenden Überschuß an Kabel auf dem Schiff hatte, und
es wurde nur beschlossen, an Stelle von Cartagena den näher
liegenden Ort Almeria als Landungspunkt in Spanien zu benutzen.
Um die Situation dort aufzuklären, mußte man vorerst hinüberfahren.
Dies geschah, und die Schiffsgesellschaft, die von den Ortsbewohnern
sehr freundlich aufgenommen und durch ein Fest in den Räumen des
Theaters geehrt wurde, verlebte in der spanischen Stadt einen sehr
angenehmen Tag.
Aber als man am nächsten Morgen wieder abgefahren war, änderte
sich das bisher so günstige Wetter plötzlich, nachdem die offene
See erreicht war. Es blies ein lebhafter Südwest, und eine
tiefgehende Wolke streckte einen seltsamen Rüssel bis zum Meer
hinab, wo das Wasser unter dem Rüssel mächtig aufschäumte.
Bald kam man mit dem schlechten Schiff, das ein englischer
Küstenfahrer und für das offene Meer wenig geeignet war, in
den Teil der See, den die Wasserhose kräftig aufgewühlt hatte.
Das Schiff begann hier mächtig zu schwanken, und plötzlich
hörte man dumpfe, kurze Schläge aus dem Innern herauftönen. Die
Kabeltrommel hatte sich gelöst.
Entsetzt stürzte Werner Siemens in die Kajüte zu seinem Bruder
Wilhelm, der schwer mit der Seekrankheit kämpfte. Nur dieser
kannte die Konstruktion der Trommel genügend und vermochte
allein, das Ungetüm wieder zu fesseln, das die Schiffswände im
nächsten Augenblick zu zerschmettern drohte. Das gelang denn auch
mit großer Mühe. Mit einem Gefühl der Befreiung suchten alle, als
es dunkel wurde, ihr Lager auf. Aber bald sollten sie durch ein
neues schreckliches Begebnis geweckt werden.
»Ich hatte,« so schildert Werner Siemens den Vorgang, »noch nicht
lange geschlafen, als mich lautes Kommando und Schreckensrufe
auf Deck jäh erweckten; unmittelbar darauf legte sich das Schiff
in einer Weise auf die Seite, wie ich es sonst nie erlebt habe
und auch heute noch kaum für möglich halten kann. Die Menschen
wurden aus ihren Betten geworfen und rollten auf dem ganz schräg
stehenden Fußboden der großen Kajüte in die gegenüberliegenden
Kabinen. Ihnen folgte alles, was beweglich auf dem Schiff war,
und gleichzeitig erlosch alles Licht, da die Hängelampen gegen
die Kajütendecke geschleudert und zertrümmert wurden. Dann
erfolgte nach kurzer Angstpause eine Rückschwankung und noch
einige weitere von nahezu gleicher Stärke.
»Es gelang mir, gleich nach den ersten Stößen, das Deck zu
gewinnen. Ich erkannte im Halbdunkel den Kapitän, der auf meinen
Zuruf nur nach dem Hinterdeck zeigte mit dem Rufe: »*Voilà la
terre!*« In der Tat schien eine hohe, in der Dunkelheit schwach
leuchtende Felswand hinter dem Schiff zu stehen. Der Kapitän
hatte, als er sie gesehen, das Schiff ganz plötzlich gewendet,
und dadurch waren die gewaltigen Schwankungen hervorgerufen. Er
meinte, wir müßten abgetrieben sein und befänden uns dicht vor
den Felsen des Cap des Lions.
»Plötzlich rief eine Stimme im Dunkeln: »*La terre avance!*«, und
wirklich stand die hohe, unheimlich leuchtende Wand jetzt dicht
hinter dem Schiff und rückte mit einem eigentümlichen, brausenden
Geräusch heran.
»Dann kam ein Moment so schrecklich und überwältigend, daß er
nicht zu schildern ist.
»Es ergossen sich über das Schiff gewaltige Fluten, die von
allen Seiten heranzustürmen schienen, mit einer Kraft, der ich
nur durch krampfhaftes Festhalten an dem eisernen Geländer des
oberen Decks widerstehen konnte. Dabei fühlte ich, wie das ganze
Schiff durch heftige, kurze Wellenschläge gewaltsam hin und
her geworfen wurde. Ob man sich über oder unter Wasser befand,
war kaum zu unterscheiden. Es schien Schaum zu sein, den man
mühsam atmete. Wie lange dieser Zustand dauerte, darüber konnte
sich später niemand Rechenschaft geben. Auch die in der Kajüte
Gebliebenen hatten mit den heftigen Stößen zu kämpfen, die sie
hin und her warfen, und waren zu Tode erschreckt durch das
prasselnde Geräusch der auf Deck niederfallenden Wassermassen.
Die Zeitangaben schwankten zwischen zwei und fünf Minuten.
»Dann war ebenso plötzlich, wie es begonnen hatte, alles vorüber,
aber die leuchtende Wand stand jetzt vor dem Schiffe und
entfernte sich langsam von ihm.
»Als nach kurzer Zeit die ganze Schiffsgesellschaft sich mit
neugestärktem Lebensmute auf dem Schiffsdeck zusammenfand und
die überstandenen Schrecken und Wunder besprach, meinten die
französischen Offiziere, das unglaublichste Wunder sei doch
gewesen, daß unsere Dame gar nicht geschrien habe. Die echt
englische, mit steigender Gefahr wachsende Ruhe meiner Schwägerin
schien den lebhaften Franzosen ganz unbegreiflich.«
Die Wasserhose war mit ihrer ganzen Gewalt über das Schiff
hinweggegangen, und die Passagiere hatten nur einem Wunder
die Rettung zu verdanken. Doch das Phänomen gewährte ihnen,
nachdem es sie erschreckt, auch eine Erquickung dadurch, daß es
das lebhaftest bewegte Meer in herrlichstem Glanz aufleuchten
ließ. Werner Siemens erzählt, das Meeresleuchten sei so lebhaft
gewesen, daß man dabei selbst kleine Schrift deutlich habe lesen
können.
Einige Stunden später landete man in Oran, und trotz der
durchgemachten Aufregung mußte doch daran gedacht werden, das
Kabel nach Almeria auszulegen. Es wurde auf eine andere Trommel
gewickelt, und bei wiederum sehr schönem Wetter fuhr man ab.
Alles ging sehr gut, und schon hatte man den Küstenstrich bei
Cartagena dicht vor Augen. Da sahen die Beobachter des Kabels
plötzlich, wie dieses ganz sanft auseinanderging und in der Tiefe
verschwand.
Das bedeutete einen Verlust von 150000 Mark. In einem an seinen
Bruder Karl gerichteten Brief schrieb Werner bald darauf:
»Wie die Untersuchung ergab, war der Hanf an der Bruchstelle
gebräunt, was uns einen Augenblick an Bosheit glauben ließ. Doch
es scheint eine Schwächung durch Eisenrost gewesen zu sein. Du
hast keine Idee, wie ein solcher Ruck einem durch die Glieder
fährt! -- Bei dem großen Sturme hatte Anne sich mit bewundertem
Mute in ihr Schicksal ergeben; als aber das Kabel riß, war ihre
Selbstbeherrschung nicht ausreichend; das wirkte stärker wie die
Todesfurcht! Wir sind doch sonderbare Geschöpfe!«
Noch schwerer als der finanzielle Verlust traf ihn das technische
Fiasko. »Die Arbeit von Monaten, alle Mühe und Gefahr, die nicht
wir allein, sondern auch alle unsere Begleiter des Kabels wegen
erlitten hatten, waren in einem Augenblick, einiger verstockter
Hanffäden wegen unwiederbringlich verloren. Dazu das unangenehme
Gefühl, Gegenstand des Mitleids der ganzen Schiffsgesellschaft zu
sein. Es war eine harte Strafe für unsere Waghalsigkeit.«
Noch in demselben Jahr wurde, um die Scharte möglichst schnell
auszuwetzen, wiederum eine Legung mit einem neu angefertigten
und verstärkten Kabel vorgenommen. Diesmal ging alles glücklich
vonstatten, und Werner Siemens erhielt von Wilhelm, der wiederum
die Legung leitete, aus Cartagena die ersehnte Mitteilung, daß
bereits Telegramme zwischen Oran und Paris gewechselt worden
seien. Nach wenigen Stunden folgte dann aber die betrübliche
Nachricht, daß das Kabel an der spanischen Küste gebrochen sei.
Ein Aufnehmen wurde versucht, blieb aber vergeblich, und so war
auch das zweite Kabel verloren. Es hatte sich über zwei Felsen
gelagert, die hoch über dem Meeresboden standen. So freischwebend
bildete es eine »Kettenlinie«, deren Spannung so groß war, daß
das Kabel unter dem Zug der eigenen Schwere riß. Zum Glück war
die Firma Siemens, Halske & Co. durch die Tatsache, daß zwischen
Paris und Oran wirklich Telegramme gewechselt worden waren,
von der Verpflichtung entbunden, noch eine dritte Legung zu
unternehmen.
Die sehr schweren Verluste, die durch diese unglückliche
Unternehmung verursacht waren, führten zu einer Krisis im
Geschäft. Halske trat damals aus dem Unternehmen aus, und
das Londoner Haus wurde unter der Firma _Siemens Brothers_
selbständig gemacht. Diese Periode ist als die Lehrzeit der
Siemens auf dem Gebiet der Kabeltelegraphie aufzufassen, denn
die Erfahrungen, die sie hierbei machten, befähigten sie zu den
großen und grundlegenden Erfolgen, die sie fortab davontrugen.
Die Überwindung des Ozeans
Die Brüder Werner und Wilhelm Siemens haben bei der Herstellung
der telegraphischen Verbindung zwischen der Alten und der Neuen
Welt Leistungen von grundlegender Bedeutung vollbracht, obgleich
sie auch hier nicht die ersten waren, die den Versuch wagten.
Der Pionier ist vielmehr der amerikanische Kaufmann Cyrus W.
_Field_ gewesen. Er erkannte die Größe der Aufgabe und hat ihrer
Lösung seine Lebensarbeit gewidmet.
Zunächst suchte er die amerikanische und die englische Regierung
dazu zu bewegen, das Geld für eine transatlantische Kabellegung
herzugeben. Aber die Verhandlungen führten zu keinem Erfolg.
Da gründete Field im Jahre 1854 eine Aktiengesellschaft unter
dem Namen *Atlantic Telegraph Company* mit einem Kapital von 7
Millionen Mark. Drei Jahre nach der Errichtung der Gesellschaft
war das 4025 Kilometer lange Kabel fertiggestellt, und es konnte
mit der Auslegung an der schmalsten Stelle des Atlantischen
Ozeans, zwischen Valentia auf Irland und St. Johns an der
Ostküste der kanadischen Insel Neufundland, begonnen werden.
Das Kabel war, nach Biedenkapp, folgendermaßen gebaut: der
eigentliche Leitungsdraht bestand aus sieben zu einer Litze
zusammengedrehten Kupferdrähten; um diese waren drei Lagen
Guttapercha gepreßt, dann kam eine Lage geteerten Hanfs,
und außen waren 18 schützende Eisendrähte schraubenförmig
herumgewunden. Für die Auslegung wurde das Kabel auf zwei
Schiffen, »Agamemnon« und »Niagara«, den größten Fahrzeugen der
englischen und amerikanischen Marine, untergebracht. Man begann
mit der Auslegung an der irischen Küste. Schon hatte man 450
Kilometer glücklich gelegt, da kam man an eine Stelle, wo der
Meeresboden ziemlich plötzlich bis zu einer Tiefe von 3600 Metern
abfiel. Das Kabel lief nun so schnell vom Schiff, daß die Trommel
nicht folgen konnte, es riß daher und ging verloren.
Zwei Jahre später wurde wieder ein Legungsversuch mit einem
neuen Kabel unter Mitwirkung derselben Schiffe gemacht. Diesmal
fuhren die Fahrzeuge bis zur Mitte des Ozeans, dort wurden die
Kabelenden miteinander verspleißt, »Niagara« ging darauf nach
Neufundland, »Agamemnon« nach Irland ab. Es ereigneten sich bei
den Fahrten mancherlei aufregende Zwischenfälle. So war es einmal
notwendig, eine schadhafte Stelle mit äußerster Geschwindigkeit
auszubessern, während das Kabelstück schon abrollte. Dann wurde
die moderne Seeschlange von einem Riesenwalfisch angegriffen, der
sie beinahe zur Strecke gebracht hätte. Aber schließlich kam das
große Werk doch zu glücklichem Ende.
Am 4. August 1858 fuhr der »Agamemnon«, während die Geschütze
donnerten, in Valentia ein, am nächsten Tag erhielt man die
Nachricht, daß auch »Niagara« glücklich den Trinitybusen, den
diesmal gewählten Endpunkt auf Neufundland, erreicht hätte. Die
Kabelenden konnten auf beiden Seiten ans Ufer gezogen und mit
den bereits vorbereiteten Landlinien verbunden werden. Der große
englische Elektriker William _Thomson_, der spätere Lord Kelvin,
war der wissenschaftliche Leiter des großen Versuchs. »Freut
Euch,« rief er damals aus, »Europa und Amerika sind nicht mehr
durch das große Wasser getrennt, wir haben sie einander bis auf
wenige Minuten näher gebracht.« Die Königin Viktoria und der
Präsident der Vereinigten Staaten tauschten Glückwunschtelegramme
als erste transatlantische Depeschen aus. Field wurde in England
begeistert gefeiert.
Doch die Freude dauerte nicht lange. Schon am 1. September
gingen keine Zeichen mehr durch das Kabel, und es konnte niemals
wieder ausgebessert werden. Da während der kurzen Gebrauchszeit
des Kabels im ganzen 4359 Worte durch dieses telegraphiert
worden waren, so hatte, wie man in Anbetracht der Kabelkosten
ausrechnete, jedes Wort 1800 Mark gekostet.
Der Verlust auch dieses Kabels war zwar sehr schmerzlich, aber
die gewechselten Telegramme hatten immerhin deutlich gezeigt,
von welch außerordentlichem Wert eine solche Verbindung zwischen
den beiden Weltteilen ist. Man bemühte sich nun, die Ursache des
zweimaligen Mißlingens zu ergründen. Die englische Regierung
setzte ein besonderes Komitee ein, das ausfindig machen sollte,
wie die Methoden bei der Herstellung und Verlegung von Kabeln zu
vervollständigen seien. Schließlich kam man dazu, die Grundsätze,
die ein Deutscher, nämlich Werner Siemens, aufgestellt hatte, als
maßgeblich anzunehmen. Was Siemens selbst durch die Verlegung
der Mittelmeerkabel gelernt, und was er auf Grund seiner
theoretischen Ergründungen theoretisch gelehrt hatte, wurde
vorbildlich auch für die Überbrückung des Ozeans. So wirkte er
auf diesem Gebiet schon geistig, während er persönlich an dem
Werk noch nicht beteiligt war.
Gestützt auf die wissenschaftlich nunmehr besser geklärte
Situation, an deren Aufstellung auch William Thomson ein
lebhaftes Verdienst hatte, vermochte der unermüdliche Field
nochmals ein Kapital von 12 Millionen Mark für ein Ozeankabel
aufzubringen. Es wurde eine besondere Gesellschaft, »*The
Telegraph Construction and Maintenance Company*«, gebildet,
welche die Herstellung und Verlegung des Kabels ausführen sollte.
Unter Teilnahme der ganzen Welt wurde der riesenhafte
Leitungsdraht auf dem »Imperator« der damaligen Zeit, dem größten
Schiff, das man hatte, dem »_Great Eastern_«, untergebracht.
Es war dies ein Dampfer von 200 Metern Länge, dessen vier
tausendpferdige Maschinen Schaufelräder und eine Schraube
antrieben. Das große Schiff konnte bei dieser Fahrt nicht allein
auslaufen, da die kolossalen Eisenmassen, welche die Umwehrung
des Kabels darstellten, seinen Kompaß unzuverlässig machten. Es
mußte daher von zwei anderen Schiffen begleitet werden, die ihm
die Richtung zeigten. Als fast 2400 Kilometer ausgelegt waren,
riß das Kabel von neuem und versank in unergründliche Tiefe.
Es ist sehr erstaunlich, daß es trotz all dieser Mißerfolge Field
dennoch wieder gelang, Kapital aufzubringen, um einen vierten
Legungsversuch zu unternehmen. Schon im nächsten Jahr ging der
»Great Eastern« wieder in See, und diesmal glückte es wirklich,
innerhalb zehn Tagen die Kabellegung zu Ende zu führen. Am 5.
August 1866 wurde die Leitung in Neufundland ans Ufer gebracht,
und am 2. September gelang es noch dazu, das im vorigen Jahr
verlorene Kabel aufzufischen und gleichfalls bis Neufundland
zu verlängern. Auf diese Weise hatte man nun gleich zwei
transatlantische Telegraphenleitungen, und fortab sind die beiden
Weltteile in ununterbrochenem elektrischen Verkehr miteinander
geblieben.
Aber bisher hatte man den Atlantischen Ozean nur an einer
verhältnismäßig schmalen Stelle überquert. Es fehlte noch
die direkte Verbindung zwischen England und den Vereinigten
Staaten, da die Kabel auf der amerikanischen Seite bisher alle
in Neufundland, also auf kanadischem Gebiet, gelandet waren,
von wo die Linien über Land nach dem Gebiet der Vereinigten
Staaten geführt wurden. Die Legung und Herstellung eines solchen
direkten Kabels stellte wegen seiner sehr viel größeren Länge
eine neue schwierige Aufgabe dar. Das Unternehmen wurde darum der
Fabrik übertragen, die den nun auch in England schon lebhaftest
bewährten Namen Siemens trug. Das erste der ganz großen
transatlantischen Kabel ist also in der Fabrik zu Charlton bei
Woolwich hergestellt worden. Ihm wurde alle Sorgfalt zugewendet,
die möglich war, und die ganzen Erfahrungen der Brüder Werner und
Wilhelm halfen mit, ein vorzügliches Fabrikat herzustellen. Der
Erfolg ist denn auch dementsprechend gewesen.