»War man im Besitz einer solchen Order -- Podoroschna genannt

-- so erhielt man, falls man keine eigene Equipage hatte,

einen kleinen vierräderigen Bauernwagen ohne Federn, Überdeck

oder sonstigen Luxus, bespannt mit drei, gewöhnlich nicht

schlechten Pferden, von denen das mittlere in eine Gabeldeichsel

eingeschirrt, und die beiden äußeren mit einer Wendung nach außen

angespannt waren ...

»Eine solche Postreise will erst gelernt sein. Man muß ganz

frei und stark vorgebeugt auf seinem Koffer sitzen, damit das

eigene Rückgrat die Feder bilde, die das Gehirn vor den heftigen

Stößen der Räder auf den meist nicht allzu guten Straßen schützt.

Versäumt man diese Vorsicht, so bekommt man unfehlbar bald

heftige Kopfschmerzen. Man gewöhnt sich jedoch ziemlich schnell

an diese Reiseform, die auch ihre Reize hat, lernt es sogar bald,

ganz fest in der wiegenden Stellung zu schlafen, und begegnet

dabei instinktiv allen Unbilden der Straße durch zweckmäßige

Gegenbewegungen.

»Wenn zwei Reisende eine solche »Telega« benutzen, pflegen sie

sich durch einen Gurt zusammenzuschnüren, damit ihre Schwankungen

so reguliert werden, daß sie nicht mit den Köpfen aneinander

stoßen. Ich habe übrigens gefunden, daß das Telegenreisen ganz

gut bekommt, wenn man es nicht übertreibt. Freilich Kurieren, die

wochenlang ohne Unterbrechung Tag und Nacht auf der Telega sitzen

müssen, sollen diese Reisen oft den Tod gebracht haben.«

Kaum in Petersburg angekommen, erkrankte Siemens schwer an den

Masern, denen eine heftige Nierenentzündung folgte; diese hielt

ihn für längere Zeit ans Bett gefesselt. Geschäftlich aber hatte

er Glück, denn es gelang, den Auftrag für eine unterirdische

Telegraphenlinie von Petersburg nach Oranienbaum zu erhalten,

an die sich ein Kabel durch den Finnischen Meerbusen nach

Kronstadt anschließen sollte. Der Bau wurde bis zum Herbst des

Jahres 1853 zur größten Zufriedenheit des damals unter der

Regierung des Kaisers Nikolaus I. allmächtigen Ministers der

Wege und Kommunikationen, des Grafen _Kleinmichel_, vollendet.

Das Kronstadter Kabel nennt Siemens selbst die erste submarine

Telegraphenlinie auf der Erde, die brauchbar geblieben ist. In

Wirklichkeit aber war schon zwei Jahre vorher von Crampton ein

Kabel durch den englischen Kanal gelegt worden, das gleichfalls

mit Eisendrähten armiert gewesen ist und recht gut gehalten

hat. Jedenfalls aber tritt hier der künftige geistige Schöpfer

der Unterseetelegraphie zum erstenmal mit der großen Aufgabe in

Berührung, die er ganz selbständig löst.

[Illustration: Die erste elektrische Eisenbahn auf der Berliner

Gewerbeausstellung 1879]

[Illustration: Elektrischer Vollbahnzug (Schwedische Eisenbahn

Kiruna-Riksgränsen)]

Im Jahre 1853 wurde der Firma Siemens & Halske gleich eine

weitere Telegraphenlinie in Auftrag gegeben, die von Warschau zur

preußischen Grenze führen sollte. Als Werner Siemens sich bei

dieser Gelegenheit zum zweitenmal nach Rußland begab, lernte er

die dort herrschenden politischen Zustände gründlich kennen.

Schon in Berlin hatte er zu seiner Verwunderung Mühe, das Visum

seines Passes von der russischen Gesandtschaft zu erhalten.

Als er an der russischen Grenzstation anlangte, wurde sein

Gepäck nach Abfertigung aller übrigen Reisenden mit einer

höchst verletzenden Sorgfalt durchsucht, und er überhaupt wie

ein Verdächtiger behandelt. Als Siemens daraufhin sein Gepäck

zurückverlangte, um nach Haus umzukehren, weil ihm eine solche

Behandlung nicht paßte, erklärte man ihm, daß dies nicht

anginge; er müsse vielmehr nach Warschau weiterreisen. Er war

also russischer Staatsgefangener. Erst auf seine Beschwerde von

Warschau aus durfte er nach Petersburg fahren, und dort erfuhr

er vom Grafen Kleinmichel, daß aus Kopenhagen eine Meldung

eingelaufen sei, die ihn als einen politisch verdächtigen

Menschen kennzeichnete. Siemens meint, daß diese Kopenhagener

Anzeige wohl der Dank der Dänen für die Minenlegung im Kieler

Hafen und den Bau der Eckernförder Batterie gewesen sei.

In späterer Zeit wurde er noch einmal von der brutalen russischen

Gewalt in ähnlicher Weise angepackt. Als er in Petersburg mit

dem allmächtigen Minister den Bau einer besonders wichtigen

Linie besprochen hatte, wollte ihn dieser einfach nicht mehr

fortlassen, bis die Linie beendet wäre. Man hatte also die

Absicht, ihn für absehbare Zeit einfach in der russischen

Hauptstadt zu internieren. Zum Glück kam damals der Prinz von

Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., zum Besuch an den

Zarenhof. Werner Siemens suchte um eine Audienz nach und wurde

von dem Prinzen sehr freundlich empfangen. Dieser sagte, daß ihm

die Pfosten der neuerbauten Telegraphenlinie von der Grenze bis

Petersburg das Geleit gegeben und ihm die freudige Gewißheit

verschafft hätten, daß er mit der Heimat in ständiger Verbindung

sei. Der Erfolg der Audienz war, daß nun der Paß für die

Rückreise sofort ausgestellt wurde.

Schon die Linie Warschau-Preußische Grenze machte es notwendig,

ein besonderes Petersburger Bureau einzurichten. An seine Spitze

wurde Karl Siemens gestellt, der vorher bereits für die Firma in

Paris tätig gewesen war und sich dort vorzüglich bewährt hatte.

Als der damals erst vierundzwanzigjährige Karl in Petersburg

ankam, war Graf Kleinmichel über diesen neuen Leiter des

wichtigen Telegraphenbaus sehr enttäuscht. Um die Fähigkeiten des

jungen Manns zu prüfen, stellte er ihm sofort eine Aufgabe.

Karl Siemens sollte ausfindig machen, wie man die

Telegraphenlinie von Oranienbaum her in das Turmzimmer des

Kaiserlichen Winterpalais einführen könnte, ohne an dem

prächtigen Gebäude störende Arbeiten vorzunehmen. An dieser

Stelle war bisher die Endstation des optischen Telegraphen

gewesen. Die russischen Offiziere hatten keinen anderen Rat für

die Emporführung der nun erforderlichen Drahtleitung zu geben

gewußt als den, daß man große Rinnen in das Mauerwerk schlagen

sollte.

Karl betrachtete den turmartig ausgebauten Erker, und es fiel

ihm sofort auf, daß in einer der Turmecken keine Wasserrinne

niederführte. Er erklärte dem Grafen Kleinmichel, daß man in

dieser leeren Ecke nur ein ebensolches Regenrohr anzubringen

brauche, wie es in den anderen Ecken niederlaufe, um dann in

diesem die isolierte Telegraphenleitung unsichtbar hinaufzuführen.

Das imponierte dem Grafen sehr. Er schimpfte auf seine Offiziere,

die keine Lösung gewußt hätten, und sagte: »Nun muß so ein junger,

bartloser Mensch kommen, und sieht auf den ersten Blick, wie

leicht die Sache zu machen ist.« Fortab hatte Karl das Vertrauen

des Ministers im höchsten Grad gewonnen und ward sein Vertrauter.

Kleinmichel tat bald nichts mehr ohne den »Prußky Ingener

Siemens«.

Ein großes politisches Ereignis brachte neue umfangreiche

Aufträge. Im Jahre 1854 brach der Krimkrieg aus, in dem Rußland

gegen die Türkei und deren Verbündete, England, Frankreich und

das Königreich Sardinien, kämpfen mußte. Nun hatte das Zarenreich

den dringenden Wunsch, den Willen der Zentralverwaltung rasch

überallhin übermitteln zu können, und wollte möglichst schnell

weitere Telegraphenlinien ausgebaut haben. Zunächst sollte

Gatschina und damit Petersburg mit Warschau verbunden werden.

Werner Siemens stellte einen sorgfältig durchdachten Plan für

die Leitungslegung auf, und zur nicht geringen Verwunderung

der Russen, die an gut organisierte Arbeit nicht gewöhnt

waren, wurde die 1100 Werst lange Strecke in sechs Wochen

fertiggestellt. Als man dem Grafen Kleinmichel die Meldung

von der Vollendung der Linie zur versprochenen Zeit brachte,

wollte er die Nachricht nicht glauben. Er begab sich sofort

selbst zu der Station im Telegraphenturm des Winterpalais und

ließ sich mit dem Stationschef in Warschau verbinden. Erst als

dieser augenblicklich Antwort gab, glaubte der Minister an die

Fertigstellung der Leitung und erstattete dem Zaren darüber

Bericht. Auf dieser Linie gelangte zum erstenmal das von

Werner erfundene automatische Schnelltelegraphensystem mit dem

Dreitastenlocher zur Anwendung.

Die glückliche Vollendung dieser Linie brachte weitere große

Bestellungen, die infolge der durch den Krieg geschaffenen Lage

nur mit unsäglichen Schwierigkeiten ausgeführt werden konnten. Am

fatalsten war ein Auftrag, der die Legung einer Telegraphenlinie

bis in die bereits belagerte Festung Sebastopol verlangte.

Um Mitternacht wurde Werner Siemens von einem Gehilfen des

Grafen Kleinmichel aufgesucht, der ihm eröffnete, der Kaiser

habe den Bau einer telegraphischen Verbindung mit Sebastopol

befohlen, und der Minister wünsche Angabe der Kosten und des

Vollendungstermins bis zum nächsten Morgen um sieben Uhr. Als

Siemens nach durcharbeiteter Nacht zur angegebenen Zeit bei

dem Grafen Kleinmichel erschien, wurde ihm mitgeteilt, daß

dieser bereits eine Stunde vorher dem Kaiser Bericht erstattet

und ihm mitgeteilt habe, die Festung würde in sechs Wochen

an das Telegraphennetz angeschlossen sein. Alle Hinweise

darauf, daß es fast unmöglich sei, in dieser schwierigen

Situation die Materialien rechtzeitig heranzuschaffen, halfen

nichts. Es hieß einfach: »Der Kaiser will es!« Und dieses in

Rußland so vielbewährte Zauberwort half auch hier. Die Linie

wurde, wenn auch mit einiger Verzögerung, noch so rechtzeitig

fertiggestellt, daß der bald zu erwartende Fall von Sebastopol

auf telegraphischem Weg von der Festung nach Petersburg gemeldet

werden konnte.

Es war kein Wunder, daß die so ausgezeichnet arbeitende deutsche

Firma immer weitere Aufträge zum Ausbau des Telegraphennetzes

in dem riesigen russischen Reich erhielt. Da die oberirdisch

geführten Leitungen vielfach beschädigt wurden oder von selbst

brachen, so war eine sorgfältige Kontrolle zur Aufrechterhaltung

eines regelmäßigen Dienstes notwendig. Graf Kleinmichel übertrug

die Überwachung der Leitungen zunächst den Verwaltungen der

Chausseen, an deren Rand die Leitungen hinliefen. Aber die

damit beauftragten gänzlich sachunkundigen Leute, die wohl auch

nach echt russischer Art der Neuerung nicht sehr freundlich

gegenüberstanden, machten ihre Arbeit herzlich schlecht.

Schließlich mußten Siemens & Halske auch diese Überwachung oder

Remonte, wie man den Dienst damals nannte, übernehmen.

Es gelang hierdurch, einen schönen Gewinn zu erzielen, da

Werner Siemens sofort ein auf wissenschaftlicher Grundlage

beruhendes elektrisches Überwachungssystem erdachte, das eine

ständige Begehung der Strecken unnötig machte und daher sehr

viel Personal ersparte. Es wurden an den Linien Wachtbuden

errichtet, die immer 50 Werst voneinander entfernt waren. Der

darin aufgestellte Wächter hatte darauf zu achten, ob das in die

Leitung eingeschaltete Galvanoskop längere Zeit stillstand. War

dies der Fall, so mußte er seine Kontrollstelle mit Hilfe einer

einfachen Vorrichtung an die Erde schalten und die Nummer seiner

Bude telegraphieren. Aus den Nummern, die sie so zugesprochen

erhielt, konnte die nächste Telegraphenstation genau erkennen,

zwischen welchen Wachtbuden der Fehler lag. Ein mit den

Wiederherstellungsarbeiten betrauter Mechaniker mußte dann sofort

Extrapost nehmen und zur Fehlerstelle fahren. Der Leitungsschaden

konnte auf diese Weise stets in kürzester Zeit beseitigt werden.

Die großen Telegraphenbauten, welche die Firma in Rußland

ausgeführt hatte, und die Remonteverwaltung verschafften ihr

bald eine ganz besondere Stellung im Reich. Siemens & Halske

erhielten den Titel »Kontrahenten für den Bau und die Remonte der

Kaiserlich russischen Telegraphenlinien«.

Da den Russen auch damals schon diejenigen Leute am meisten

imponierten, die Uniformen trugen, so ließ Werner Siemens von

einem tüchtigen Künstler Dienstkleidungen für seine Leute

entwerfen; es waren hechtgraue Röcke mit blauen Vorstößen sowie

breite russische Mützen. Graf Kleinmichel wollte zunächst das

geheiligte Tragen der Uniformen den Telegraphenbeamten nicht

bewilligen, aber als er die in einer Mappe vereinigten schönen

Bilder sah, gab er nach und erwirkte vom Kaiser die Genehmigung

zum Anlegen der Dienstkleidung.

Allmählich war nun die Werdezeit der telegraphischen Technik

überwunden. Sowohl die ferner in Rußland wie auch in Preußen

und anderen Ländern herzustellenden Linien boten meist kein

besonderes technisch-wissenschaftliches Interesse mehr. Sie

konnten nach den von Werner Siemens in jahrelanger Geistesarbeit

geschaffenen Grundsätzen schematisch ausgeführt werden. Sein

Interesse daran minderte sich also -- abgesehen von dem

geschäftlichen Nutzen, den die Bauten abwarfen -- sehr erheblich.

1857 schreibt er: »Das Telegraphengeschäft ist sehr langweilig

geworden und kommt mir vor wie ein Leierkasten, den ich zu drehen

verpflichtet bin.« Siemens sah sich nun nach einer anderen großen

Aufgabe um, und er fand sie im Ausbau der Telegraphie durch die

Meere.

Unterseekabel

Obgleich die ersten Seekabel ohne die direkte Mitwirkung von

Werner Siemens verlegt worden sind, und obwohl auch das gewaltige

Werk der ersten telegraphischen Verbindung Europas mit Amerika

ohne seine Teilnahme vor sich ging, ist er dennoch anerkanntermaßen

als Begründer auch der unterseeischen Telegraphie anzusehen. Neben

ihm hat sich Wilhelm Siemens dabei die größten Verdienste erworben.

Ohne die von Werner angegebene Isolierung mit Guttapercha hätte

ja von einer Drahtführung durch das Wasser überhaupt nicht die

Rede sein können. Seinen Überlegungen und Beobachtungen entsprang

die richtige Form für die Herstellung der Kabel. Dann aber hat er

auch die einzige sichere Methode der Kabelauslegung vom fahrenden

Schiff her angegeben. Was vorher an Kabelführungen durch das

Meer gelang -- und es war nur äußerst wenig von bleibendem Wert

-- war Zufallserfolgen zu verdanken. Die wissenschaftliche

Kabellegungstheorie von Werner Siemens erst brachte die

notwendige Sicherheit auch in diese Technik.

Die bereits besprochene Beobachtung der Ladungserscheinungen

in langen Kabeln hatte rechtzeitig die elektrische Methode

aufgeklärt, die man zum Geben von telegraphischen Zeichen

durch solche Leitungen anwenden mußte. Die Apparatur für die

Kabeltelegraphie ist in Rücksicht darauf von Werner Siemens

grundlegend ausgestaltet worden.

Die Geschichte der Kabellegungen ist so reich an höchst

dramatischen Vorgängen wie der Werdegang keiner anderen Technik.

Niemals wohl hat die Menschheit für die Erringung eines

technischen Fortschritts so viel Lehrgeld bezahlen müssen wie

hier. Daß die Summe nicht allzu hoch ward, daß sie nicht zu der

schließlichen Einstellung der Versuche führte, ist das Verdienst

der wissenschaftlichen Forschungen und praktischen Arbeiten

von Werner Siemens. Auch ihm begegneten hierbei manche harten

Erlebnisse, die er jedoch alle glücklich überstand, obgleich

dabei selbst sein Leben mehr als einmal aufs schwerste bedroht

war.

Im Jahre 1840 bereits legte der bedeutende englische Physiker

Wheatstone dem Parlament den Plan für die Verlegung eines

Meerkabels zwischen Dover und Calais vor. Er eilte jedoch mit

dieser Absicht etwas allzu heißblütig den Zeitumständen voraus,

denn damals kannte man noch keinen Stoff, der den Draht genügend

sicher hätte isolieren können. Erst nachdem Werner Siemens

jene berühmte Minenleitung im Kieler Hafen gelegt hatte, ging

der englische Ingenieur _Brett_ im Jahre 1850 wirklich daran,

die Meerenge zwischen England und Frankreich durch ein mit

Guttapercha isoliertes Kabel zu überbrücken. Er erachtete es

nicht für nötig, über der Isolierung noch eine besondere feste

Schutzhülle anzubringen, sondern ließ die bloße Leitung, mit

Bleistücken beschwert, auf den Meeresboden nieder. Schon am Tag

nach der Legung wurde der Draht durch einen Fischer zerstört. Ein

zweites Kabel wurde im Jahre darauf von _Crampton_ ausgelegt.

Als es seine Güte durch eine gewisse Haltbarkeit bewiesen hatte,

folgte alsbald der Bau unterseeischer Telegraphenlinien von

England nach Irland und ebenso nach Belgien und Holland.

Es setzte darauf in England ein wahrer Kabeltaumel ein, und man

begann auch größere Meere zu überbrücken, indem man dachte,

daß das, was in den Küstengewässern gelungen war, auch weiter

draußen anwendbar sein müsse. Wissenschaftliche Kenntnisse waren

eben damals in der Industrie noch wenig verbreitet. Der Firma

_Newall_ & Co., die in Gateshead-on-Tyne eine Kabelfabrik besaß,

gelang es auch wirklich, im Jahre 1854 ein Kabel durch das

Schwarze Meer von Varna an der Balkanküste nach Balaclava auf

der Krim zu legen. Die Leitung hielt aber nur ein Jahr lang,

nämlich gerade bis zur Eroberung von Sebastopol. Es stellten sich

hierbei auch schon Schwierigkeiten bei der Benutzung der damals

in England noch gebräuchlichen Nadeltelegraphen heraus, weil die

elektrostatische Kabelladung ihren hindernden Einfluß auf die

Stromsendungen ausübte. Obwohl Werner Siemens seine Beobachtungen

dieser Erscheinungen schon vier Jahre vorher publiziert hatte,

waren sie in England doch noch nicht bekannt geworden. Nun

wandte man sich an ihn und bestellte bei seiner Firma geeignete

Telegraphenapparate. Da Siemens & Halske, wie wir wissen, auch

in russischem Auftrag eine Linie nach Sebastopol gebaut hatten,

so entstand jetzt der eigentümliche Zustand, daß in beiden

feindlichen Lagern Apparate gleichen Fabrikats arbeiteten.

Brett, der schon im Kanal nicht sonderlich günstig gearbeitet

hatte, machte im folgenden Jahr den Versuch, ein Kabel quer

durch das Mittelländische Meer _von Cagliari nach Bona_ in

Algier zu verlegen. Aber ihm war das Glück nicht hold. Als er in

tiefes Wasser kam, rollte das Kabel, weil die Trommel auf dem

Schiff nicht genügend scharf gebremst werden konnte, ab und ging

verloren. Ein gleiches geschah bei dem zweiten Versuch Bretts im

Jahre 1856. Er gab daher weitere Versuche auf, und die Legung des

Kabels wurde der Firma Newall & Co. anvertraut.

Inzwischen hatte Wilhelm Siemens dafür gesorgt, daß die

Leistungen Werners auf dem Gebiet der Telegraphie in England

bekannt wurden. Mittels des Kabels durch das Schwarze Meer hatte

Newall ja schon eine Verbindung mit dem Berliner Haus angeknüpft,

und nun ersuchte er, gewitzigt durch die Mißerfolge Bretts,

Werner Siemens, die elektrische Prüfung des Mittelmeerkabels

bei der Legung zu übernehmen. Denn dieser hatte inzwischen den

Grundsatz aufgestellt, daß das Kabel in jedem Augenblick der

Legung sorgfältigst daraufhin kontrolliert werden müsse, ob es

auch fehlerfrei sei.

Im September 1857 ging Werner Siemens mit einem Gehilfen und den

notwendigen elektrischen Apparaten an Bord einer sardinischen

Korvette, die alle an der Kabellegung Beteiligten nach Bona

brachte. Obgleich Siemens nicht die Absicht hatte, sich um

den mechanischen Teil der Kabellegung zu kümmern, konnte

er doch nicht umhin, an den Unterhaltungen über die beste

hierfür anzuwendende Methode teilzunehmen und schließlich

auseinanderzusetzen, daß ein Mißerfolg bei dieser Legung sicher

sei, wenn man dabei beharre, die im seichten Wasser gebräuchliche

Methode auch bei größeren Meerestiefen zu benutzen. Er stellte

schon damals seine Kabellegungstheorie auf, die in der Hauptsache

darin bestand, daß das Kabel an Bord des legenden Schiffs durch

Bremsvorrichtungen mit einer Kraft zurückgehalten werden müsse,

die dem Gewicht eines senkrecht zum Meeresboden hinabreichenden

Kabelstücks im Wasser entspricht. Er hat diese improvisierte

Darlegung dann später zu einer geschlossenen wissenschaftlichen

Theorie ausgebaut, die er im Jahre 1874 der Akademie der

Wissenschaften in Berlin vorlegte. Sie ist, wie schon bemerkt,

für alle Zeiten grundlegend geworden.

Werner Siemens wurde nun ersucht, außer der elektrischen

Überwachung auch die mechanische Auslegung des Kabels leitend zu

übernehmen, und trotz der nur provisorisch nach seinen Angaben

zusammengestellten Einrichtungen hierfür gelang es ihm in der

Tat, das Kabel glücklich von einem Landungspunkt zum anderen

hinüberzubringen, noch dazu ohne »*slack*«, das heißt, ohne

mehr Kabel zu gebrauchen, als der überschrittenen Bodenlänge

entsprach. Es war dies das erste Kabel, das über größere Tiefen

glücklich gelegt wurde.

Durch die Arbeit, die Werner Siemens während der Legung leistete,

fühlte er sich außerordentlich angegriffen. Er hatte sich keinen

Augenblick der Ruhe und Erholung gegönnt und sich nur durch

häufigen Genuß von starkem schwarzen Kaffee aufrecht zu erhalten

vermocht. Nach Beendigung der Expedition gebrauchte er mehrere

Tage zur Wiedererlangung seiner Kräfte.

Der Sieg der Deutschen war damit vollkommen. Und als noch in

demselben Jahr Newall & Co. mit der Legung von Kabeln _zwischen

Cagliari und Malta_ sowie _Korfu_ beauftragt wurden, waren es

wiederum Ingenieure von Siemens & Halske, welche die elektrischen

Prüfungen bei der Verlegung ausführten. Es konnte nicht lange

dauern, bis unter diesen Umständen das Verhältnis mit der

englischen Firma recht unangenehm zu werden begann. Die Engländer

versuchten Siemens' Verdienste zu verkleinern, und dieser ging

daher bald daran, ein eigenes Haus in England zu begründen. Denn

dieses Land mußte, wie er wohl einsah, noch für lange Zeit das

Hauptausgangsgebiet für Kabelverlegungen bleiben. Am 1. Oktober

1858 wurde die Firma _Siemens, Halske & Co._ in London gegründet,

und an ihre Spitze trat der vielbewährte und in England bereits

hochangesehene Bruder Wilhelm.

Schon im Jahre 1858 hatte die neue Firma Gelegenheit, sich

lebhaft zu betätigen. Damals erhielten Newall & Co. den Auftrag,

ein _Kabel durch das Rote Meer von Suez nach Aden_ und dann

weiter durch den Indischen Ozean bis nach Karatschi in Indien zu

legen. Das Haus Siemens übernahm nun selbständig die elektrische

Überwachung der Kabellegung sowie die Lieferung und Aufstellung

der Apparate. Dieses Kabel hatte eine besondere Bedeutung aus

dem Grund, weil es die außerordentliche Länge von 3500 Seemeilen

hatte, während die Mittelmeerkabel nur höchstens 700 Seemeilen

lang gewesen waren. Werner Siemens arbeitete daher eine neue

Theorie aus, die er innerhalb eines Aufsatzes »_Apparate für den

Betrieb langer Unterseelinien_« veröffentlichte, und die ihn zu

besonderen Konstruktionen veranlaßte; diese sind unter dem Namen

»_Rotes-Meer-System_« bekannt geworden. Siemens brachte hier zum

erstenmal den Kondensator bei der Kabeltelegraphie in Anwendung,

der für die transatlantische Nachrichtengebung von größter

Bedeutung geworden ist.

Die Auslegung des Kabels gelang wiederum gut. Aber weil es

schon in der Fabrik nicht mit vollster Sorgfalt hergestellt

worden war, und da auch die hohe Temperatur des Roten Meers

die Guttapercha erweichte, wurde nach der Ankunft in Aden ein

Fehler festgestellt, der das Telegraphieren unmöglich machte.

Die Engländer waren sehr unglücklich darüber und glaubten schon,

das ganze Kabel wieder aufnehmen zu müssen, da man ja, wie sie

meinten, nicht wissen könne, an welcher Stelle sich der Fehler

befände.

Werner von Siemens, der Begründer der modernen Elektrotechnik · 第 5 / 14 段