»Die trübe Stimmung (der Neujahrsnacht) wurde durch die neue

Bahn, die ich mir zum 30. Geburtstage geschenkt habe, gemildert.

Ich habe mich im alten Jahre aller sanguinischen Hoffnungen,

aller der vielen sich teils durchkreuzenden Pläne entledigt

und will, mit Deinem Rate übereinstimmend, alle meine Kräfte

dem einen Ziele, der galvanischen Telegraphie und was daran

hängt und dazu nutzt, widmen! Ich will suchen, mich mit aller

Anstrengung aus der verzweifelten Lage, in der ich mich befinde,

herauszuarbeiten und wünsche mir selbst Ausdauer und Gesundheit

dazu ...

»Ich kündige Dir hierdurch unsere Kompanieschaft und entsage

allen Ansprüchen auf die aus einer durch Dich vielleicht

herbeigeführten glücklichen Wendung unserer bisherigen gemeinsamen

Angelegenheiten entspringenden Einnahmen. Wir können darum doch

treue Brüder bleiben, können uns gegenseitig raten und helfen.«

Ist es nicht, als wenn hier die Macht, die das Schicksal der

Menschheit lenkt, ihrem Werkzeug zugeflüstert habe: das gelobte

Land liegt hier vor dir!

Denn in Wirklichkeit war ja noch gar nichts geschehen, was zu

großen Hoffnungen berechtigte. Nun erst setzt sich Siemens mit

einer kleinen Werkstatt in Verbindung, die von den Mechanikern

Böttcher und _Halske_ geleitet wurde. Er zeigt einen von ihm

erdachten Telegraphenapparat, und der vorzügliche Gang begeistert

Halske so sehr, daß er sofort beschließt, den Apparat mechanisch

exakt auszuführen.

Siemens hatte lange gesucht, bis er in der damaligen noch so

untechnischen Welt jemand fand, auf dessen Arbeit er sich

verlassen konnte. Er wußte ganz genau, daß von der Sorgfalt der

mechanischen Abarbeitung alles künftige Gelingen beim Ausbau der

Telegraphenapparatur abhing. Und das ist ein Grundsatz, den er

später auf die Großfabrikation übertragen hat, und der lebhaft

mithalf, die von ihm begründete Firma groß und bedeutend zu

machen.

Die überraschend sicher laufenden Apparate erregten das Interesse

des Generalstabs, in dessen Händen damals die gesamte Telegraphie

lag. Der Telegraphendirektor Oberst Etzel erwirkte, als schon

wieder eine Rückversetzung nach Wittenberg drohte, Siemens'

Kommandierung zur Militärtelegraphie.

Hierbei nahm Werner Siemens wahr, daß die Hauptschwierigkeit beim

Bau der gewünschten unterirdischen Leitungen die mangelhafte

Isolation war. Jacobi hatte versucht, die Leitungen mit

Kautschuk oder Harzen zu umkleiden und sie durch Glasröhren

hindurchzuziehen. Aber die Feuchtigkeit des Bodens drang in die

Nähte des Kautschuks und in die Verbindungsstellen zwischen den

Glasröhren ein. Nur eine zusammenhängende isolierende Masse

konnte hier helfen. Es gelang Siemens, sie aufzufinden.

Kurz vor jener Periode hatte José d'Almeida der Asiatischen

Gesellschaft in London ein Stück _Guttapercha_ vorgelegt. Dieser

Stoff wird aus dem Saft eines Baums gewonnen, der nur auf der

Halbinsel Malakka, den Inseln Sumatra und Borneo sowie einigen

kleinen benachbarten Inselgruppen wächst. Man schenkte der

Guttapercha jedoch keinerlei Interesse, bis der Arzt Montgomery

einige daraus gefertigte Gegenstände, wie Rohre und Flaschen, aus

Hinterindien nach England mitbrachte. Da wurde Wilhelm Siemens

darauf aufmerksam und schickte seinem Bruder Werner ein Stück

Guttapercha als Kuriosität zu.

Dieser beobachtete, daß die Masse in erwärmtem Zustand

plastisch wurde und sehr gute isolierende Eigenschaften besaß.

Er überzog einige Drahtproben mit erwärmter Guttapercha und

fand, daß die Drähte vorzüglich isoliert waren. Sogleich legte

er der Telegraphenkommission die Guttaperchaleitungen vor,

und man veranstaltete eine Probeverlegung auf dem Gelände der

Anhaltischen Bahn. Es zeigte sich jedoch bald, daß die Naht, die

in der Umhüllung vorhanden war, weil man die erwärmte Guttapercha

um den Draht herumgewalzt hatte, sich leicht löste, wodurch

die Isolierung unbrauchbar wurde. Da erfand Werner Siemens die

_Guttapercha-Schraubenpresse_, die gestattete, den Stoff unter

Anwendung hohen Drucks nahtlos um den Kupferdraht zu fügen. Das

ist das große Ereignis, von dem ab die Menschheit in den Besitz

ausgezeichnet isolierter Drähte gelangte.

Sofort wurde Werner Siemens beauftragt, eine längere

unterirdische Leitung zu legen, und zwar von Berlin bis

Großbeeren. Sie bewährte sich ausgezeichnet. Und nun erschien

Siemens das Aufblühen des Telegraphen unmittelbar bevorzustehen.

Obgleich er noch immer Offizier war, veranlaßte er den Mechaniker

J. G. Halske, aus der Firma, der er bisher angehörte, auszutreten

und mit ihm zusammen eine Werkstatt zu begründen. Am 12. Oktober

1847 wurde diese in einem Hinterhaus der Schöneberger Straße

eröffnet, in dem auch Halske und Siemens selbst Wohnung nahmen.

Ein Vetter, der Justizrat Georg Siemens, der spätere Direktor

der Deutschen Bank und Vater des Bagdadbahn-Unternehmens, hatte

hierzu 6000 Taler hergegeben. Diese Anleihe ist die einzige

geblieben, die für das Geschäft gemacht wurde. Ohne weitere

Inanspruchnahme fremden Kapitals erwuchs hieraus die Weltfirma

Siemens & Halske. Wir werden im Verlauf der nun folgenden

Darstellung die Entwicklung dieser Firma nicht genauer verfolgen,

da sie in einem späteren besonderen Abschnitt zusammenhängend

dargestellt werden soll.

Vorläufig konnte der Leutnant Siemens nur als stiller Teilnehmer

an dem Geschäft mitarbeiten, aber er war doch die tragende Kraft

des Unternehmens. Als ihm kurze Zeit später die Stellung als

Leiter der preußischen Staatstelegraphen angeboten wurde, lehnte

er jugendkräftig diese bequeme Versorgung ab, um die Hände zu

weiteren selbständigen Arbeiten frei zu haben.

Aber schon in dieser Periode geringer Entwicklung dachte er

daran, welchen Nutzen der Telegraph der Allgemeinheit bringen

könnte. Er kämpfte in der Kommission des Generalstabs dafür, daß

die Benutzung der Telegraphenlinien auch dem Publikum gestattet

würde, was bis dahin nicht der Fall war. Es gelang jedoch erst

später, diesen Gedanken durchzusetzen, der das öffentliche Wohl

so lebhaft fördern sollte.

Während sich nun alles in bester Entwicklung befand, brach

der Sturm von 1848 los, dessen Einwirkung auf Werner Siemens

wir bereits geschildert haben, ebenso wie seine Teilnahme

an dem Kampf gegen Dänemark. Dabei haben wir gesehen, wie

vortrefflich er die eben neu hergestellten Leitungen mit

Guttapercha-Isolierung für die Minen zur Verteidigung des Hafens

zu verwenden wußte.

Als der Festungseroberer und Batteriekommandant heimkehrte, fand er

eine recht lebhaft veränderte Situation vor. Die Telegraphenverwaltung

war dem Militär entzogen und dem Handelsministerium unterstellt

worden. Zum Leiter dieser Abteilung war ein Regierungsassessor

_Nottebohm_ ernannt worden, den Siemens von einem Verwaltungsposten

in der Telegraphenkommission her kannte und nicht sonderlich

schätzte. Halske hatte inzwischen dafür gesorgt, daß die kleine

Fabrik weiterarbeitete, und so konnte sie sich gleich an der

Ausführung eines großen Unternehmens beteiligen, zu dessen Leitung

Werner Siemens berufen wurde.

Man wollte möglichst schnell eine _unterirdische Leitung von

Berlin nach Frankfurt a. M._ verlegt haben, wo die Deutsche

Nationalversammlung, das berühmte Parlament der Paulskirche,

tagte. Mit der Lieferung der Apparate wurde Halske beauftragt.

Die isolierten Drähte wurden von der Berliner Gummifabrik

Fonrobert & Pruckner bezogen, an die Siemens das Recht zur

Herstellung der Guttapercha-Isolierung mit der von ihm erfundenen

Presse übertragen hatte.

Siemens war also, wie Ehrenberg schreibt, an dem Bau der

Linie nach Frankfurt in dreifacher Weise beteiligt: als

Staatsangestellter, als stiller Teilhaber von Halske und als

vertragsmäßig beteiligter Interessent bei der Firma, welche

die Leitungen lieferte. Es war ein verwickeltes und offenbar

auf die Dauer nicht mögliches Verhältnis. Dabei wurde an dem

Unternehmen nicht viel verdient. Werner meinte: »Wenn 5000

Taler übrigbleiben, können wir zufrieden sein!« Doch wurden es

schließlich bei weitem nicht so viel.

Selbstverständlich mußte die Leitung unterirdisch geführt werden,

da man in Deutschland, wie damals überall, die Furcht hegte, daß

oberirdisch geführte Drähte von Mutwilligen zerstört oder von

diebischen Leuten, die der Wert der Drähte lockte, herabgerissen

werden könnten. Siemens empfahl, sich bei den in die Erde

einzusenkenden Kabeln mit der bloßen Isolation nicht zu begnügen,

sondern sie noch mit einem Eisenbandmantel zu umkleiden, damit

sie Beschädigungen genügenden Widerstand entgegensetzen könnten.

Doch in Rücksicht auf die erforderliche Schnelligkeit und

wegen der zu hohen Kosten wurde dieser Ermahnung kein Gewicht

beigelegt, was sich später bitter rächen sollte. Man umhüllte

die Drähte nur mit Hilfe der Siemensschen Guttaperchapresse und

legte sie dann in einen nur anderthalb Fuß tiefen Graben am

Eisenbahndamm entlang.

Das Unglück wollte es ferner, daß die Guttapercha knapp zu

werden begann, da plötzlich infolge der von Siemens ausgehenden

Anregung, sie zur Isolierung von Drähten zu verwenden, eine

sehr lebhafte Nachfrage nach diesem Stoff eingetreten war. So

sah man sich gezwungen, um den weiteren Fortschritt der Arbeit

nicht aufzuhalten, die Guttapercha zu vulkanisieren, das heißt

mit Schwefel zu mischen, was sich in der Folge als ein weiterer

Fehlgriff erwies. Das Endstück von Eisenach bis Frankfurt mußte

dann schließlich doch noch oberirdisch geführt werden, da hier

die Eisenbahn, deren Erstreckung man sonst folgte, noch nicht

fertiggestellt war.

Auch an der Luftleitung traten ungeahnte Schwierigkeiten auf.

Es zeigte sich nämlich, daß der nur ganz einfach an hölzernen

Pfosten befestigte Draht mit der Erde in leitende Verbindung

kam, sobald die Pfosten durch Regen benetzt wurden. Zur Abhilfe

erfand Werner Siemens den _glockenförmigen Isolator_, wie wir ihn

heute zu Millionen in allen Ländern der Erde als Leitungsträger

antreffen. Dieser Isolator bietet den großen Vorteil, daß der

tief ins Innere hineingezogene Mantel der Glocke auch bei starkem

Regen trocken bleibt, so daß sich eine zusammenhängende Regenhaut

von dem über die Spitze der Glocke laufenden Draht bis zum

Pfosten nicht bilden kann.

Es gelang wirklich, die ganze Linie so rasch fertigzustellen,

daß mit ihrer Hilfe die am 28. März 1849 in Frankfurt erfolgte

Wahl König Friedrich Wilhelms IV. zum Deutschen Kaiser noch in

derselben Stunde in Berlin bekannt wurde.

Diese Telegraphenlinie war die erste von größerer Ausdehnung, die

in Europa entstand.

Die Leistung, die Werner Siemens hier vollbrachte, ist um so

bemerkenswerter, als sich in den unterirdisch verlegten Leitungen

physikalische Phänomene zeigten, die niemand vorher bekannt

waren, und die das Telegraphieren zunächst fast unmöglich

machten. Auch ihre Beobachtung und Erklärung sollte von

grundlegendem Wert für die weitere Entwicklung der Telegraphie

werden.

Nach den Grundsätzen, die Siemens sein ganzes Leben hindurch

bewahrt hat, richtete er schon bei der Verlegung dieser

ersten größeren Linie eine äußerst sorgfältige Kontrolle der

Leitungsfähigkeit ein. Halske hatte zu diesem Zweck Galvanometer

angefertigt, deren Empfindlichkeit weit über all das hinausging,

was man bisher besessen hatte. Als hiermit Leitungsstücke geprüft

wurden, zeigte sich, daß der Stromdurchgang nicht in der Weise

stattfand, wie man es erwarten durfte und bisher bei allen

Leitungen beobachtet hatte. Es trat eine Verzögerung des Stroms

beim Durchlaufen der Leitung ein. Wenn die Batterie am Anfang

der Leitung eingeschaltet wurde, zeigte sich ihre Wirkung nicht

sogleich am anderen Ende, sondern diese trat verzögert, dann auch

noch schwach auf und wuchs erst allmählich zu voller Höhe an.

Werner deutete diese höchst seltsame Erscheinung alsbald richtig

als _elektrostatische Ladung der Kabel_.

Ein Kabel stellt nämlich, richtig betrachtet, nichts anderes

dar als eine Leydener Flasche. Der Leitungsdraht selbst ist die

innere Belegung, die Isolation die trennende Zwischenschicht (das

Diëlektrikum, das bei der Flasche durch das Glasgefäß gebildet

wird), und die Erde oder das vom Draht durchzogene Wasser stellen

die äußere Belegung dar. Eine Leydener Flasche hat nun die

Eigenschaft, sich, wenn sie an Spannung gelegt wird, aufzuladen.

Sie nimmt ein Quantum elektrischer Energie in sich selbst auf

und hält es fest. Bei den Kabeln, die Siemens auch demzufolge

Flaschendrähte genannt hat, ist nun die Aufnahmefähigkeit

infolge ihrer großen Ausdehnung sehr groß, und so wird die

elektrostatische Aufladung als Verzögerung des Stromdurchgangs

bemerkbar.

Durch diese Verzögerung ist es unmöglich, schnell nacheinander

Stromstöße durch sehr lange Kabel zu schicken. Hätte Siemens

nicht schon im Jahre 1849 die auftretenden Ladungserscheinungen

entdeckt, so wäre man bei der ersten Benutzung der durch

die Meere verlegten Kabel wahrscheinlich in die allergrößte

Verlegenheit geraten. Denn durch diese ist bis zum heutigen Tag

kein telegraphischer Verkehr nach gewöhnlicher Methode möglich.

Nur mit ganz schwachen Strömen und mit Hilfe höchst empfindlicher

Einrichtungen kann über ein langes Kabel verkehrt werden.

Bei der Frankfurter Linie wurde es ferner notwendig, für die

oberirdisch geführte Leitung _Blitzableiter_ zu erfinden, wie sie

heute an allen oberirdisch laufenden Telegraphenlinien auf der

ganzen Erde gebraucht werden, und klar deutete Siemens die in

einer gewissen Periode auftretenden, sonst ganz unerklärlichen

Störungen in der Leitung als magnetische Einflüsse, die von

den damals gerade sehr lebhaft auftretenden Nordlichtern

hervorgerufen wurden. Vorher hatte man noch niemals den

Zusammenhang zwischen solchen elektrischen Vorgängen in der

Atmosphäre und Störungen in den Leitungen erkannt.

Der glänzende Erfolg, den die Frankfurter Telegraphenlinie hatte,

führte dazu, daß Siemens sogleich einen weiteren großen Auftrag

erhielt, nämlich den, eine Leitung von Berlin nach Köln und dann

weiter an die belgische Grenze bis Verviers zu verlegen. Auch

hier wurde er aller Schwierigkeiten rasch Herr, und als der

Anschluß an die inzwischen gebaute belgische Telegraphenlinie in

Verviers erreicht war, erhielt er eine Einladung nach Brüssel,

um dort vor dem König Leopold und der ganzen königlichen Familie

einen Vortrag über elektrische Telegraphie zu halten.

Die so entstandene Linie Köln-Brüssel zerstörte schonungslos das

blühende Geschäft eines Manns, der bis dahin eine Taubenpost

zwischen den beiden Orten unterhalten hatte. Der Mann hieß

_Reuter_. Als er und seine Frau sich bei Siemens darüber

beklagten, daß ihre Existenz nun vernichtet sei, erzählte

dieser ihnen, daß ein Herr Wolff soeben in Berlin mit Hilfe

seines Vetters, des schon erwähnten Justizrats Siemens, ein

Depeschenvermittlungsbureau begründet habe. Sie sollten doch

nach London gehen und dort ein gleiches Bureau eröffnen. Das

Ehepaar folgte diesem Rat, und das Unternehmen hatte den denkbar

größten Erfolg. Wem früher in Deutschland das Reutersche

Telegraphenbureau nicht bekannt gewesen ist, der hat es während

des Weltkriegs sicher zur Genüge kennen gelernt.

Der Bau der Linie von Köln zur belgischen Grenze machte es auch

notwendig, ein Telegraphenkabel durch den Rhein zu legen. Bei

dem regen Schiffsverkehr auf diesem Strom schien eine einfache

Umwehrung der Leitung mit eisernen Drähten nicht genügend, da

die Gefahr vorlag, daß schleppende Anker großer Schiffe sie

zerreißen könnten. Siemens ließ daher für den Rhein eine biegsame

Eisenröhre herstellen, die aus einzelnen Gliedern bestand; durch

das Innere der Röhre wurde die isolierte Leitung hindurchgezogen.

Vor die Röhrenkette wurde eine schwere Ankerkette gespannt, die

schleppende Anker aufhalten sollte. Es war die erste größere

Flußüberquerung durch den Telegraphen, die hier hergestellt

wurde, und sie hat sich so vorzüglich bewährt, daß sie noch

vollkommen brauchbar war, als sie nach vielen Jahren aufgenommen

wurde, nachdem man eine neue Leitung über die inzwischen

errichtete feste Eisenbahnbrücke gelegt hatte. An der Schutzkette

fand man eine Menge abgerissener Schiffsanker hängen; die

Sicherung hatte also vollständig ihre Schuldigkeit getan.

Da Aufträge zur Einrichtung von telegraphischen Leitungen an

Siemens jetzt in immer größerer Zahl herantraten, so mußte er

sich nunmehr dazu entschließen, seinen Abschied vom Militär zu

nehmen. Er erhielt ihn als Premierleutnant »mit der Erlaubnis,

die Uniform als Armeeoffizier mit den vorschriftsmäßigen

Abzeichen für Verabschiedete zu tragen«. Die Genehmigung des

Abschiedsgesuchs enthielt eine tadelnde Bemerkung, weil Siemens

sich eines Formfehlers schuldig gemacht hatte. Da er sich trotz

mancherlei Krankheitsanfällen, denen er damals unterworfen war,

kräftig genug fühlte, ganz auf eigenen Füßen zu stehen, so

verzichtete er auf die ihm nach zwölfjährigem Offiziersdienst

zustehende Pension. Dem schaffensstarken Mann, der wohl dunkel

fühlte, daß er am Anfang einer großen Laufbahn stand, paßte es

nicht, ein vorschriftsmäßiges Invaliditätsattest einzureichen.

»Mit leeren Händen, wie ich in den Dienst gegangen bin,« so

schreibt er damals in einem Brief, »habe ich ihn auch wieder

verlassen und bin zufrieden damit.« Aus dieser Äußerung geht

auch hervor, daß das Geschäft bis dahin geldlich nicht sehr

erfolgreich gewesen war, und so ist es auch noch längere Zeit

hindurch geblieben.

Siemens war sich jetzt auch schon der Bedeutung dessen, was

er auf dem Gebiet der Telegraphie bisher geleistet hatte, so

weit bewußt, daß er eine zusammenfassende Abhandlung darüber

verfaßte. Er legte sie im April 1850 unter dem Titel »*Mémoire

sur la télégraphie électrique*« der Pariser Akademie der

Wissenschaften vor, deren Votum ja damals eine überragende

Bedeutung besaß. Es waren sehr bedeutende Männer, die handelnd

in der Sitzung auftraten, in welcher das Siemenssche Memoire

vorgelegt wurde. _Regnault_ erstattete den Bericht; _Du

Bois-Reymond_ und der Autor selbst waren als Gäste zugegen. Als

Opponent trat _Leverrier_, der große Errechner des Neptuns,

auf, während _Arago_ als *Sécrétaire perpétuel* den Vorsitz

führte. Die Arbeit wurde für würdig erachtet, in die »*Savants

étrangers*« aufgenommen zu werden.

Im Vaterland aber gab es gerade zu dieser Zeit schwere

Mißhelligkeiten, die eine Zeitlang drohten, das junge, von

Siemens ins Leben gerufene Unternehmen zu vernichten.

Nachdem nämlich die von ihm gelegten unterirdischen Leitungen

eine Weile die besten Dienste getan hatten, begannen sie

plötzlich zu versagen. Überall zeigten sich Leitungsstörungen.

Siemens erkannte den Grund sofort, ja er sah nur die Voraussage

erfüllt, die er gleich zu Beginn der Leitungslegung gemacht hatte.

Er war damals, wie wir wissen, wider seinen Willen von der

Telegraphenverwaltung hart bedrängt worden, so schnell wie

möglich die Verbindungen herzustellen. Schützende Umhüllungen

über der Guttapercha anzubringen, hatte man ihm trotz seines

dringenden Vorschlags wegen der zu hohen Kosten verwehrt. Die

Leitungen waren auch nur in geringe Tiefen unter dem Boden

eingesenkt und noch dazu mit einer isolierenden Masse umgeben,

die durch Schwefelbeimischung verschlechtert war. Nun waren an

vielen Orten die Leitungen von Eisenbahnarbeitern beschädigt

worden, und man hatte die Fehlerstellen nur unsachgemäß

ausgebessert, da kein geschultes Personal hierfür zur Verfügung

gestellt wurde. Nagetiere hatten vielfach die Drähte angefressen.

Kurz, es begann ein sicherer Verfall der gesamten Anlagen.

Die Telegraphenverwaltung mit Herrn Nottebohm an der Spitze

schob die ganze Schuld auf den technischen Leiter. Da setzte

sich Werner Siemens zur Wehr und schrieb eine umfassende

Broschüre mit dem Titel: »_Kurze Darstellung der an den

preußischen Telegraphenlinien mit unterirdischen Leitungen

gemachten Erfahrungen_«. Er wies darin nach, daß die Störungen

notwendigerweise eintreten mußten, weil man seinerzeit seine

Wünsche und Ermahnungen nicht beachtet hatte. Damit wurde

indirekt ausgedrückt, daß die Verwaltung schwere Fehler gemacht

hatte, und die Folge war, daß der Telegraphenbauanstalt von

Siemens & Halske für viele Jahre alle Staatsaufträge entzogen

wurden. Das hätte zu einer Katastrophe für das junge Unternehmen

führen müssen, wenn nicht die damals noch nicht verstaatlichten

Eisenbahnen größere Bestellungen auf Telegraphenleitungen und

elektrische Läutewerke gemacht hätten. Außerdem aber wurde

Siemens nun auch mehr gezwungen, sich um Aufträge aus dem Ausland

zu bemühen, und das legte den Grund für die künftige Ausbreitung

des Geschäfts über die ganze Erde.

Ein besonders interessanter und wichtiger Auftrag kam jedoch

gerade in dieser Zeit, nämlich im Jahre 1851, aus nächster Nähe,

aus Berlin. Hier wollte man den inzwischen schon bewährten

Telegraphen für eine große Sicherheitsanlage nutzbar machen.

Siemens & Halske bauten damals die erste _Feuermeldeanlage für

Berlin_, die zugleich mit einem Polizeitelegraphen verbunden war.

Die Aufgabe war mit ihren mannigfachen technischen Ansprüchen

interessant, und sie wurde vorzüglich gelöst. Es waren 45

Stationen einzurichten und 6 Meilen Leitung zu verlegen. Zum

erstenmal wurden hierbei die Drähte in nahtlose Bleimäntel

eingeschlossen, was heute ja bei Kabeln allgemein üblich ist.

Freilich geschieht die Herstellung des Bleimantels in jetziger

Zeit nach einer anderen Methode. Für die ganze Anlage erhielt die

Firma die Summe von 34000 Talern.

Im gleichen Jahr wurde die erste in London veranstaltete

Ausstellung beschickt. Siemens & Halske wurden durch die

»*Council medal*« belohnt, eine Auszeichnung, die außer ihnen nur

noch zehn Aussteller aus dem Gebiet des Deutschen Zollvereins

erhielten.

Doch was Siemens so gern wollte, nämlich seinen Fabrikaten

Eingang in England zu verschaffen, gelang trotzdem nicht.

Er vermochte gegen die *Electric Telegraph Company* nicht

aufzukommen.

Aber aus Rußland kamen bald sehr wertvolle Aufträge. Dieses Land

hat Siemens Gelegenheit zu einer technisch und wissenschaftlich

gleich bedeutenden Betätigung gegeben. Andererseits verdankte

damals Rußland dem Deutschen die Ausrüstung mit einem so

vorzüglichen Telegraphensystem, wie es von keiner anderen Stelle

her zu erlangen gewesen wäre.

Bevor Werner Siemens zum erstenmal russischen Boden betrat,

warb er auf der Reise dorthin in Königsberg um die Hand seiner

Kusine _Mathilde Drumann_, die er vor Jahren in Berlin kennen

gelernt hatte, als ihre Mutter dort plötzlich auf der Durchreise

verschieden war, und die er seither im Herzen behalten hatte. Am

1. Oktober 1852 fand die Hochzeit statt. Doch schon nach wenigen

Jahren wurde die sehr glückliche Ehe durch das Dahinscheiden der

jungen Gattin zerstört.

Bauten in Rußland

Schon seit dem Jahre 1848 hatte die russische Regierung mit

Siemens & Halske über den Ankauf von Telegraphenapparaten

verhandelt. Drei Jahre später erwarb die Regierung 75 Apparate

für die erste in Rußland gebaute Telegraphenlinie von Petersburg

nach Moskau. Nun begab sich Werner Siemens nach Petersburg, um

weitere Verhandlungen zu führen.

Die Reise dorthin entbehrte durchaus jeglicher Bequemlichkeit.

In den »Lebenserinnerungen« heißt es: »Es gab damals noch keine

andere Reiseform in Rußland als die Extrapost. Diese war auf den

Hauptstraßen recht gut organisiert, natürlich den Verhältnissen

entsprechend. Durchschnittlich alle zwanzig bis dreißig Werst

-- eine Werst ist etwas mehr als ein Kilometer -- waren auf den

Poststraßen feste Häuser mit Stallungen gebaut, in denen man

Unterkunft und Pferde fand, wenn solche disponibel waren und

man einen Regierungsbefehl an die Posthalter hatte, durch den

sie angewiesen wurden, dem Reisenden gegen Zahlung der Taxe

Postpferde für eine bestimmte Reise zu geben.

Werner von Siemens, der Begründer der modernen Elektrotechnik · 第 4 / 14 段