Gedanken von größter Tragweite aus. Er wollte den Verwandten
zu Hilfe eilen und überlegte sich, wie man wohl imstande sein
könne, die Dänen von der Einfahrt in den Hafen zurückzuhalten.
Als das einzig mögliche Mittel erschien ihm die Versenkung von
großen Pulvermengen in das Wasser des Hafens so, daß sie beim
Darüberfahren eines feindlichen Schiffs auf elektrischem Weg zur
Explosion gebracht werden konnten. Die Idee der _Unterseemine mit
elektrischer Zündung_ tauchte hier zum erstenmal auf, und der
Gedanke konnte auch nur aus dem Grund gefaßt werden, weil Werner
Siemens die einzig brauchbare Isolierung von Leitungsdrähten
gegen Seewasser geschaffen hatte.
Er bemühte sich sofort, einen Urlaub zur Fahrt nach Kiel zu
erhalten. Die provisorische Regierung in den Herzogtümern,
die von dem Plan Kenntnis erlangt hatte, sandte sogar einen
besonderen Boten nach Berlin, der die Erlaubnis für Siemens
erwirken sollte. Diese konnte jedoch nicht erteilt werden, da ja
Preußen und Dänemark sich noch im Friedenszustand befanden. Jeder
fühlte aber, daß der Ausbruch des Kriegs nur eine Frage von Tagen
war. Die Wartezeit benutzte Siemens, um große Säcke aus starker,
mit Kautschuk gedichteter Leinwand anzufertigen, von denen jeder
fünf Zentner Pulver faßte; ferner bereitete er die isolierten
Leitungen sowie die galvanischen Zündbatterien vor.
Endlich teilte ihm der Departementschef im Kriegsministerium,
General von Reyher, in dessen Vorzimmer er täglich auf die
Entscheidung wartete, mit, daß der Krieg gegen Dänemark
beschlossen wäre, und daß er als erste feindliche Handlung
Siemens den gewünschten Urlaub gewähre. Dieser brach sofort
nach Kiel auf. Dort brachte sein Erscheinen in preußischer
Uniform den Einwohnern die erwünschte Kunde von der ersehnten
Kriegserklärung, und der Leutnant Siemens wurde darum mit
begeistertem Jubel empfangen.
Sein Schwager Himly hatte indessen in Kiel schon alle Anstalten
getroffen, damit die Minen schnell ausgelegt werden könnten,
denn man erwartete täglich das Eintreffen der dänischen Flotte.
»Es war,« wie Siemens erzählt, »eine Schiffsladung von Rendsburg
bereits eingetroffen, und eine Anzahl großer Stückfässer stand
gut gedichtet und verpicht bereit, um einstweilen statt der
noch nicht vollendeten Kautschuksäcke benutzt zu werden. Diese
Fässer wurden schleunigst mit Pulver gefüllt, mit Zündern
versehen und in der für große Schiffe ziemlich engen Fahrstraße
vor der Badeanstalt derart verankert, daß sie etwa 20 Fuß unter
dem Wasserspiegel schwebten. Die Zündleitungen wurden nach
zwei gedeckten Punkten am Ufer geführt, und der Stromlauf so
geschaltet, daß eine Mine explodieren mußte, wenn an beiden
Punkten gleichzeitig die Kontakte für ihre Leitung geschlossen
waren.
»Für jede Mine wurden an den beiden Beobachtungsstellen
Richtstäbe aufgestellt und die Instruktion erteilt, daß der
Kontakt geschlossen werden müsse, wenn ein feindliches Schiff
sich in der Richtlinie der betreffenden Stäbe befinde, und so
lange geschlossen bleiben müsse, bis sich das Schiff wieder
vollständig aus der Richtlinie entfernt habe. Waren die
Kontakte beider Richtlinien in irgendeinem Moment gleichzeitig
geschlossen, so mußte das Schiff sich gerade über der Mine
befinden. Durch Versuche mit kleinen Minen und Booten wurde
konstatiert, daß diese Zündeinrichtung vollkommen sicher
funktionierte.«
Sie ist für spätere derartige Einrichtungen vorbildlich geworden.
Doch mit seinen Minen glaubte Siemens den Hafen immer noch nicht
genug geschützt. Er berechnete, daß die Dänen, ohne in den Hafen
einzufahren, von Friedrichsort her Kiel bombardieren könnten.
Daher hielt er es für notwendig, die Eingangsfestung den Feinden
aus der Hand zu nehmen.
Er hielt eine flammende Rede an die Kieler Bürgerwehr, und es
gelang ihm auch wirklich, sie als Eroberungsheer zu konstituieren.
An der Spitze eines Expeditionskorps von 200 Mann zog er aus, und
nach kurzer Zeit hatten sie wirklich die Festung Friedrichsort
erobert. Sie war nur von wenigen Invaliden besetzt gewesen.
»Ein Widerstand irgendwelcher Art machte sich _leider_ nicht
bemerklich,« so schreibt Siemens darüber.
Auch als Festungskommandant entfaltete er eine seltene Tatkraft.
Friedrichsort wurde gleichfalls durch Minen gesichert, von
denen eine infolge einer Unvorsichtigkeit explodierte und die
ganze Gewalt solcher Anlagen offenbarte. Die Dänen, die von
diesen Veranstaltungen hörten, bekamen einen derartigen Respekt
davor, daß sie wirklich während des ganzen Kriegs nicht ein
einziges Mal versucht haben, in den Kieler Hafen einzufahren.
Daher konnten die berühmten Elektrominen im inneren Hafen zwar
niemals zur Anwendung kommen, es ist aber kein Zweifel, daß sie
im Bedarfsfall ihre ganze Schuldigkeit getan hätten; denn als
man die Pulversäcke nach Verlauf von zwei Jahren wieder aus
dem Wasser herausnahm, erwies sich der Inhalt noch immer als
vollkommen staubtrocken.
Durch ein Schreiben aus dem preußischen Hauptquartier ward
Siemens wegen der unter seinem Kommando erfolgten Besitznahme
der Seebatterie Friedrichsort feierlich belobt, und als er
später mit dem berühmten Führer des Feldheers, dem General
_Wrangel_, in einer glänzenden Versammlung von Prinzen und
höheren Offizieren zusammentraf, da mußte sich, dem Beispiel
des Höchstkommandierenden folgend, die ganze Tafel zu Ehren des
kühnen Festungseroberers erheben.
Er hat dann später auch noch die Verteidigung von Eckernförde
geleitet. Die von ihm dort angelegten Batterien taten sich
später noch rühmlichst dadurch hervor, daß sie das dänische
Linienschiff »Christian VIII.« in Brand schossen und die Fregatte
»Gefion« kampfunfähig machten. Er selbst aber hatte zu wirklichen
Kriegstaten keine Gelegenheit mehr und war daher sehr froh, als
die bald beginnenden Friedensverhandlungen ihm gestatteten, nach
Berlin zurückzukehren.
Damit schließen Werner Siemens' Werdejahre ab. Es beginnt
nunmehr die Zeit der Reife, der großen Schöpfungen, die die
Kulturentwicklung der Menschheit bleibend beeinflußt haben. Lange
Zeit war es ausschließlich die elektrische Gedankenübermittlung,
die Telegraphie, die ihn beschäftigte.
Um die Tragweite der Siemensschen Taten auf dem Gebiet der
Telegraphie voll würdigen zu können, ist es notwendig, zu wissen,
was bis zu seinem Auftreten auf diesem Gebiet geleistet worden
war. Es sei darum hier eine kurze Geschichte der Telegraphie
eingeschaltet, wobei wir in der glücklichen Lage sind, einer
Darstellung des Meisters selbst folgen zu können, die er einst in
einem gemeinverständlichen Vortrag gegeben hat. Dieser ist uns
in einer von Virchow und Holtzendorff herausgegebenen Sammlung
erhalten geblieben.
Telegraphen-Apparate
Der heutigen Zeit, die hunderttausend Pferdekräfte in Form
elektrischer Energie durch dünne Drähte weithin sendet, die sich
des Telephons als etwas Selbstverständlichem bedient, erscheint
der Telegraph nicht mehr als die höchst geheimnisvolle, ungeahnte
Möglichkeiten erschließende Einrichtung, die er für unsere
Vorfahren im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts war.
Erfüllte der Telegraph doch zum erstenmal einen Wunsch der
Menschheit, der seit Jahrhunderten in Märchen- und Sagengestalten
immer wieder seinen Ausdruck gefunden hatte: mit der Geschwindigkeit
des Blitzes an verschiedenen Orten zugleich wirken, den
widerstehenden Raum mühelos überwinden zu können. Hier ward das
Wunder vollbracht. Man dachte zunächst an gar keine andere
Nutzungsmöglichkeit der eben entdeckten Elektrizität, als daran,
ihre Fähigkeit der fast unendlich raschen Ausbreitung zur
geschwinden Übermittlung des Gedankens von Ort zu Ort auszunutzen.
Die Bemühungen hierum setzten mit raschem Zugreifen ein.
Im Jahre 1780 sah _Galvani_ den Froschschenkel, den er, auf einen
kupfernen Haken gespießt, am eisernen Treppengeländer aufgehängt
hatte, in geheimnisvoller Weise zucken. 1794 klärte Alessandro
_Volta_ die Ursache dieser Muskelkontraktion auf. Er stellte
fest, daß nicht eine geheimnisvolle Kraft im Froschschenkel
selbst, sondern durchfließende Elektrizität die Ursache gewesen
sei. Mit Hilfe der Voltaschen Säule gelang es zum erstenmal,
dauernde galvanische Ströme zu erzeugen.
Man erfuhr bald, daß solch ein Strom beim Durchgang durch
gesäuertes Wasser imstande sei, dieses in seine chemischen
Bestandteile, Sauerstoff und Wasserstoff, zu zerlegen. Und
schon im Jahre 1808 machte der Münchener Arzt *Dr.* _Sömmering_
den Vorschlag, diese Eigenschaft des elektrischen Stroms zur
Herstellung einer telegraphischen Verbindung entfernter Orte zu
benutzen.
Sömmering brachte in einem Glasgefäß 26 Goldspitzen an, von denen
jede mit einem Buchstaben des Alphabets bezeichnet war. Die Spitzen
standen durch 26 Leitungen mit ebensovielen Tasten am Gebeort in
Verbindung. In einen 27. Draht, der die Flüssigkeit im Gefäß
leitend mit der Gebestation verband, war eine galvanische Batterie
eingeschaltet. Sobald am Gebeort eine Taste niedergedrückt wurde,
begann eine Entwicklung von Gasbläschen an der betreffenden
Goldspitze der Empfangsstelle, so daß der Beobachter am Empfangsort
erkennen konnte, welche Taste in der Ferne niedergedrückt worden
war. Auf diese Weise vermochte man also, wenn auch langsam, Worte
zu übermitteln.
Sömmering stellte diesen ersten elektrischen Telegraphen der
Münchener Akademie vor. Aber wegen der vielen Leitungen, die
notwendig waren, und infolge der Schwierigkeit, diese genügend
zu isolieren, konnte die Anordnung keine praktische Verwendung
finden.
Professor _Schweigger_ in Erlangen schlug darum vor, statt
der 26 Goldspitzen nur 2 zu nehmen. Durch eine Vorrichtung,
die ein Umpolen der stromgebenden Batterie gestattete, wollte
er die Entwicklung von Wasserstoff willkürlich bald an der
einen, bald an der anderen Spitze stattfinden lassen. Man sieht
nämlich an der Wasserstoffspitze eine bedeutend größere Zahl von
Gasbläschen aufsteigen als an der anderen, wo Sauerstoff erzeugt
wird. War nun ein Alphabet vereinbart, das jeden Buchstaben
durch eine bestimmte Reihenfolge der ihren Ort wechselnden
Wasserstoffentwicklung darstellte, so konnte man mit Hilfe von
zwei Drähten dasselbe erreichen wie Sömmering mit seiner großen
Zahl von Leitungen. Doch auch der Schweiggersche Telegraph hat
keine praktische Verwendung gefunden, da mit den damaligen
Hilfsmitteln eine deutliche Abgabe der Gasbläschenzeichen nicht
möglich war.
Erst als _Oersted_ in Kopenhagen im Jahre 1820 die epochale
Entdeckung gemacht hatte, daß ein elektrischer Strom, der in
der Nähe einer frei schwebenden Magnetnadel parallel mit dieser
vorbeigeführt wird, die Nadel abzulenken vermag, und daß diese
Ablenkung von der Richtung des elektrischen Stroms abhängt, tat
die Telegraphie einen weiteren wichtigen Schritt.
_Ampère_ in Paris schlug sofort vor, diese Eigenschaft des
elektrischen Stroms zur Übermittlung von Nachrichten zu
verwenden. Er wollte so viel Nadeln aufhängen, wie das Alphabet
Buchstaben besitzt, und eine jede Nadel durch einen darunter
fortgeführten Draht von fernher ablenkbar machen. Hierzu hätte
man wiederum 27 Drähte nötig gehabt. Ein solcher Ampèrescher
Apparat ist nie gebaut worden.
_Fechner_ gab aber hierzu eine ebensolche Vereinfachung an, wie
sie Schweigger für den Sömmeringschen Apparat empfohlen hatte,
indem er nur _eine_ Nadel mit willkürlich wechselnder Ablenkung
nach beiden Richtungen anordnete. Die Wirkung der Ströme wurde
dadurch verstärkt, daß man den Draht in vielen Windungen um die
Nadel herumführte. Nadeltelegraphen, die auf diesem Fechnerschen
Grundgedanken beruhen, sind später, als die Technik weiter
vorgeschritten war, häufig angewendet worden und, wenn auch in
abgeänderter Form, bei Beobachtungsinstrumenten noch heute im
Gebrauch.
Nicht lange darauf wurden durch _Arago_ und namentlich durch die
genialen Forschungen Michael _Faradays_ der Elektromagnetismus
und die Magnetinduktion entdeckt. _Gauß_ und _Weber_ in Göttingen
benutzten die Tatsache, daß die Verschiebung einer Drahtrolle
in einem magnetischen Feld Stromstöße hervorruft, dazu, einen
Nadelempfänger zu beeinflussen. Dieser erste Telegraph, bei dem
kein Batteriestrom verwendet wurde, ist besonders bedeutungsvoll
dadurch geworden, daß er zum erstenmal zu einer wirklichen
telegraphischen Verbindung über eine gewisse Entfernung gedient
hat. In dem Zeitabschnitt von 1833 bis 1844 verband ein
Gauß-Weberscher Telegraph das Observatorium in Göttingen mit der
dortigen Sternwarte. Im letztgenannten Jahr schlug ein Blitz in
die über die Stadt Göttingen geführte Leitung und zerstörte sie
vollständig.
_Steinheil_ in München baute im Jahre 1837 die zweite in Gebrauch
genommene Telegraphenanlage zwischen dem Akademiegebäude in
der bayerischen Hauptstadt und der Sternwarte im benachbarten
Bogenhausen. Ihm gelang es schon, die Nadelschwankungen auf
einen vorbeigleitenden Papierstreifen durch feine Farblinien
aufzeichnen zu lassen, und ihm gebührt darum das Verdienst,
den ersten Schreibtelegraphen hergestellt zu haben. Er war es
auch, der die Entdeckung machte, daß man mit einem einzigen
Leitungsdraht auskommen und die Erde als Rückleitung benutzen
könne, wenn man sowohl am Gebe- wie am Empfangsort je eine
mit der Leitung verbundene Metallplatte in offenes Wasser
oder in feuchtes Erdreich einsenkt. _Schilling von Cannstadt_
erweiterte den Steinheilschen Telegraphen durch die Zufügung
eines Glockenwerks, das durch die erste Ablenkung der Magnetnadel
ausgelöst wurde.
Bis dahin waren es ausschließlich Deutsche gewesen, die an der
Entwicklung des Telegraphen gearbeitet hatten. Nun ging die
Führung eine Zeitlang an die Engländer und Amerikaner über.
_Wheatstone_ und _Morse_ waren es, die durch ihre Apparate eine
neue große Periode der elektrischen Nachrichtenübermittlung
herbeiführten. Aber sofort war es von neuem einem Deutschen
beschieden, hier bahnbrechend einzugreifen, und dieser Deutsche
hieß Werner Siemens.
Bis zu seinem Auftreten konnte von einem richtigen
telegraphischen Verkehr nicht die Rede sein. Zehn Jahre später
war das große Welttelegraphennetz bereits in lebhaftem Ausbau und
ist auf den Bahnen, die Siemens ihm vorgeschrieben hat, bis zum
heutigen Tag weitergeführt worden.
Als Siemens den Wheatstoneschen Zeigertelegraphen kennen lernte,
gelang ihm, wie wir wissen, sofort eine Verbesserung dieser
unzuverlässigen Maschine. Wheatstone hatte die Buchstaben des
Alphabets im Kreis auf einem Zifferblatt angeordnet. Darüber
war eine drehbare Nadel angebracht. An dem Empfangsort befand
sich ein gleicher Buchstabenkreis, über den man eine Kurbel
hinwegbewegen konnte. Durch das Drehen der Kurbel von einem
Buchstaben zum anderen wurde immer ein Stromstoß in die Leitung
gesandt, und damit die Nadel um einen Buchstaben weiterbewegt.
Kurbel und Nadel sollten auf diese Weise stets den gleichen Stand
haben, so daß in einfachster Weise hätte telegraphiert werden
können. Die Übereinstimmung war jedoch äußerst mangelhaft, und
erst Siemens vermochte hier Sicherheit zu erwirken. Er formte den
Apparat dann noch weiter um, indem er an die Stelle der gebenden
Kurbel Tasten mit Buchstabenbenennung setzte.
Die gesamte Bemühung um die Nadeltelegraphie war jedoch sofort
zu Ende, als der _Morse-Apparat_ erschien. Hier wurde der
vortreffliche Gedanke verwendet, durch einen Magnet einen Anker
anziehen zu lassen und dadurch ein Aufschreiben von Zeichen
auf einem an der Ankerspitze vorbeirollenden Papierstreifen
zu bewirken. Sobald man am Gebeort durch Niederdrücken einer
Taste einen Stromschluß hervorruft, wird drüben der Anker
angezogen, und dessen Spitze schreibt bei längerem Niederdrücken
der Taste auf den Papierstreifen einen Strich, bei kürzerem
Niederhalten einen Punkt. Aus Punkten und Strichen setzte
Morse in ausgezeichneter Weise ein Alphabet zusammen, das wir
noch heute in der Draht- und sogar in der Funkentelegraphie
verwenden. Der Apparat wurde zum Grundpfeiler der elektrischen
Nachrichtenübermittlung.
Aber doch nur, nachdem er durch Siemens' Hand die brauchbare
Gestalt erhalten, und nachdem seiner Wirkungsfähigkeit durch
denselben Mann freie Bahn eröffnet worden war.
So wie der Morse-Apparat nach Europa kam, als Uhrmacherarbeit,
war er keinesfalls zu verwenden. An ihm betätigte Siemens
zum erstenmal seinen fabrikatorisch-technischen Grundsatz,
dem er das ganze Leben hindurch treu geblieben ist, nämlich,
sorgfältige und dauerhafte Arbeit zu leisten. So gab er dem Morse
haltbare Laufwerke mit Selbstregulierung der Geschwindigkeit,
zuverlässig wirkende Magnetsysteme und sichere Kontakte. Er
bildete ihn allmählich zu dem Apparat durch, der heute noch als
Normal-Morseschreiber bei den Eisenbahnen und Postanstalten
Deutschlands in großer Zahl verwendet wird.
Schon überraschend frühzeitig dachte Siemens daran, den
telegraphischen Verkehr dadurch zu beschleunigen und zugleich
die Depeschen klarer lesbar zu machen, daß er Apparate für
_automatische Sendung_ konstruierte. Er ließ Typen, die mit
den Morsezeichen versehen waren, zusammensetzen und sie unter
einer Vorrichtung rasch hindurchtreiben, die nun Punkte und
Striche geschwind durch die Leitung schickte. Später verbesserte
er durch die Konstruktion einer _Dreitastenstanzmaschine_ den
selbsttätigen Lochstreifensender, der die Grundlage für die
feinste Blüte der automatischen Zeichengebung, den Siemens &
Halskeschen Schnelltelegraphen, geworden ist; mit diesem kann man
heute bis zu 2000 Zeichen in der Minute durch den Draht senden.
Ein wenig an Zauberei gemahnt immer das Verfahren, das uns
ermöglicht, durch _einen_ Draht zu gleicher Zeit zwei Telegramme nach
beiden Richtungen zu senden. Von jeder der beiden Leitungsendstellen
aus wird im gleichen Augenblick etwas anders telegraphiert; die
Ströme durchdringen sich sozusagen gegenseitig in der Leitung, aber
sie stören einander dennoch nicht. Ganz deutlich und klar kommt
jedes der beiden zur gleichen Zeit durch den Draht laufenden
Telegramme am Empfangsort an. Werner Siemens ist es gewesen, der
diese _Gegensprechmethode_, wie sie noch heute genannt wird,
erfunden hat. Die Möglichkeit dazu wird durch eine sehr fein
erdachte Schaltungsmethode an beiden Endpunkten der Leitung gegeben.
Zur selben Zeit wie Siemens erfand auch der Telegrapheninspektor
Carl _Frischen_ in Hannover das Gegensprechen; dieser hat später
als Ingenieur der Firma Siemens & Halske dort eine bedeutende
Stellung eingenommen und ist der Vater des Blocksystems, der
wichtigsten Sicherungsanlage für Eisenbahnen, geworden.
Als sich bei der immer größer werdenden Ausdehnung der
Telegraphenleitungen die Notwendigkeit zeigte, die niedrig
gespannten Batterieströme in höher gespannte Gleichströme
umzuwandeln, konstruierte Werner Siemens eine _Tellermaschine_,
welche die damals technisch nicht einfache Aufgabe glänzend
löste. Diese Tellermaschine ist als Vorläuferin der Dynamomaschine
anzusehen, und zugleich ist in ihr zum erstenmal das Prinzip des
_Transformators_ verwendet, das für die heutige Starkstromtechnik
eine so überragende Bedeutung gewonnen hat.
Allen wohl sind die großen Läutewerke bekannt, die an jeder
Eisenbahnwärterbude stehen. Sie dienen dazu, dem Wärter durch
das Ertönen der Glocke erkennen zu lassen, daß alsbald ein Zug
herankommen wird. Die Signale werden mittels des elektrischen
Stroms von dem nächsten Bahnhof her gegeben. Im Anfang mußte man
so kräftige Ströme hierfür verwenden, daß sie imstande waren, die
schweren Glockenklöppel selbst durch Magnetanziehung in Tätigkeit
zu setzen. Siemens führte hier durch einen Gedanken, der fortab
auch an vielen anderen Stellen verwendet worden ist, eine sehr
bedeutende Erleichterung der Zeichengebung ein. Er brachte in
den Gehäusen der Glocken Uhrwerke an, durch die, sobald die
Sperrung ausgelöst ist, die Klöppel bewegt, und so die Glocken
zum Tönen gebracht werden. Der elektrische Strom braucht jetzt im
Augenblick der Zeichengebung nur noch die _Sperrung auszulösen_,
kann also sehr viel schwächer sein.
Die Beschäftigung mit den Eisenbahnläutewerken regte Werner
Siemens auch dazu an, darüber nachzudenken, ob die sehr
unbequemen galvanischen Batterien, die sehr viel Wartung
beanspruchten und auf den an der freien Strecke gelegenen
Zwischenpunkten niemals sachgemäß gepflegt wurden, nicht durch
andere Stromgeber ersetzt werden könnten. Es gab damals schon
die Magnetinduktionsmaschine, bei der durch Drehen eines Ankers
zwischen den Polen von Stahlmagneten Elektrizität erzeugt wurde.
Siemens war jedoch nicht der Mann, diese Maschine, als sie ihm
für seine Zwecke geeignet schien, einfach in der hergebrachten
Form zu übernehmen. Er erfand vielmehr sofort eine Verbesserung,
die wohl zum erstenmal seinen Namen in der ganzen technischen
Welt bekannt gemacht hat.
Es entstand für diese Eisenbahnläutewerke der _Doppel-T-Anker_,
in England *Siemens armature* genannt. Dieser verbesserte den
Wirkungsgrad der Induktoren ganz außerordentlich, und wir
werden seine Bedeutung auch für die Dynamomaschine später noch
kennen lernen. Heute noch ist der Doppel-T-Anker bei allen
Magnetinduktoren, die für Telephonruf und für Signalzwecke
verwendet werden, in sämtlichen Ländern der Erde in unzähligen
Exemplaren im Gebrauch.
Aber trotz dieser fruchtbaren erfinderischen Tätigkeit liegt die
epochale Leistung Werner Siemens' für die Telegraphie doch auf
einem Gebiet, das mit deren Apparatur selbst nichts zu tun hat,
sondern nur das anscheinend nebensächliche, aber schließlich doch
wichtigste Zwischenglied betrifft: die Leitung.
»Der Gelehrte,« so schreibt er einmal, »konnte leicht Methoden
und Kombinationen ersinnen, welche telegraphische Mitteilungen
möglich machten, und welche sich auch, im Zimmer versucht,
trefflich bewährten. In Wirklichkeit trat aber ein neues
schlimmes Element hinzu, welches seine Pläne durchkreuzte -- die
isolierte Leitung zwischen den telegraphisch zu verbindenden
Orten.« Seltsamerweise bevorzugte man in jenen Zeiten die
unterirdischen Telegraphenleitungen vor den durch die Luft
geführten. Um so mehr war eine gründliche Isolierung der Drähte
notwendig, und eine solche war nicht vorhanden. Gerade das trieb
Siemens dazu, der Telegraphie seine Lebensarbeit zu widmen.
Das Leitungsnetz
Schon gleich nachdem ihm die Verbesserung des Wheatstoneschen
Zeigertelegraphen gelungen, war es, wie wir schon gehört haben,
Werner Siemens ganz klar geworden, daß er hier seinen Lebensweg
gefunden habe. Endgültig warf er alle »Erfindungsspekulationen«
hinter sich und begann eine Arbeit, die erst in der Zukunft
Früchte bringen konnte, obgleich die materiellen Sorgen ihn
schwer bedrängten.
Am 13. Dezember 1846 schreibt er an seinen Bruder Wilhelm:
»Ich bin jetzt ziemlich entschlossen, mir eine feste Laufbahn
durch die Telegraphie zu bilden, sei es in oder außer dem
Militär. Die Telegraphie wird eine eigene wichtige Branche
der wissenschaftlichen Technik werden, und ich fühle mich
einigermaßen berufen, organisierend in ihr aufzutreten, da sie,
meiner Überzeugung nach, noch in ihrer ersten Kindheit liegt
... Man muß doch endlich einmal suchen, irgendwo festen Fuß zu
fassen. Meyer schenkte mir gestern eine Tasse mit der Aufschrift:
»Schier dreißig Jahre bist du alt!« -- Die Wahrheit dieses
Ausspruchs macht bedenklich und spornt zur Eile an. Wenn nur das
verdammte Geld einen nicht im Drecke festhielte!«
Und dann kommt es wie eine Offenbarung über ihn, daß er richtig
gehandelt habe und niemals mehr werde zurückzuweichen brauchen.
In einem Brief vom 3. Januar 1847 an Wilhelm, der ihm inzwischen
geantwortet und ihn in seinem Vorhaben bestärkt hatte, heißt es: