nun dazu, eine richtige Spekulation zu beginnen. Er hatte gehört,
daß ein Herr _Elkington_ in London gleichfalls ein Verfahren
der galvanischen Vergoldung und Versilberung gefunden habe,
bei dem er Cyanverbindungen verwendete. Siemens hielt seine
unterschwefligsauren Salze für besser wirkend und hoffte darum,
in England, dem damaligen Paradies der Technik, dem für alles
Neue empfänglichen und zur Aufnahme jeder guten Idee am ehesten
bereiten Land, goldene Berge verdienen zu können. Er selbst
konnte nicht hinübergehen, da er ja als Offizier an seinen
Garnisonort gebannt war. Aber sein Bruder Wilhelm war sehr gern
zu der Reise bereit.
Der junge Mann hatte inzwischen einige Zeit in Göttingen bei
seiner Schwester Mathilde Himly zugebracht, wo er mit Hilfe
seines Schwagers seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse hatte
vertiefen können. Darauf war er nach Magdeburg zurückgekehrt und
dort als Eleve in die Gräflich Stollbergsche Maschinenbauanstalt
eingetreten. Dem lebhaften Geist Wilhelms behagte der Aufenthalt
gar nicht, und gern ergriff er die Gelegenheit, ins Weite
hinauszuziehen. Diese erste Fahrt Wilhelms nach England ist ein
richtiger kleiner Roman, dessen günstigen Ausgang der recht
klägliche Anfang keinesfalls erwarten ließ.
Im Februar 1843 trat der junge, kaum zwanzigjährige Wilhelm
seine Reise an. Er begab sich zunächst nach Hamburg, wo er sich
die Mittel für die Überfahrt nach England mit viel Mühe dadurch
verschaffte, daß er an einen Fenstersprossenfabrikanten ein
galvanisches Verkupferungsverfahren verkaufte und schließlich
auch noch alle Chemikalien, die er bei sich hatte und nicht in
England einführen wollte, zu Geld machte. Die Gesamtsumme des
Erlöses war so gering, daß er im Augenblick der Abfahrt an
Werner schrieb, er dürfe in England im ganzen nicht mehr als
sechs Louisdor verzehren, wenn er noch imstande sein solle, mit
Ehren nach Haus zurückzukehren.
Nach seiner Landung in London nahm er in einer bescheidenen
Herberge Quartier. Er hatte vom Leben in England gar keine
Kenntnis, beherrschte auch die Sprache des Landes recht
mangelhaft. Nur einen einzigen Empfehlungsbrief brachte er mit,
aber trotz dieser bescheidenen Ausrüstung warf er sich doch kühn
in den Strudel des Lebens der Riesenstadt. Über seine Erlebnisse
hat Wilhelm später einmal in einem Vortrag, den er im Jahre 1881
im Rathaus von Birmingham hielt, selbst in interessanter Weise
berichtet:
»Ich hoffte irgendein Bureau ausfindig zu machen, wo man
Erfindungen einer Prüfung unterwerfen und eventuell je nach
Verdienst vergüten würde; doch niemand konnte mir einen
derartigen Platz angeben. So spazierte ich denn Finsbury Pavement
entlang und sah auf einmal über einer Tür »So und So« -- der Name
ist mir entfallen -- »*Undertaker*« (das bedeutet Unternehmer
von Leichenbegängnissen) in großen Buchstaben geschrieben. Halt,
dacht' ich, das muß wohl der lange gesuchte Ort sein; denn auf
alle Fälle wird doch ein Mann, der sich »*Undertaker*« nennt,
sich auch nicht weigern, einen Einblick in meine Erfindung zu
tun und mir am Ende dann auch die gewünschte Anerkennung oder
besser noch meinen Lohn dafür besorgen können. Beim Eintritt ins
Haus überzeugte ich mich jedoch sehr bald, daß ich entschieden zu
früh gekommen war, um dort bedient zu werden, und als ich mich
dann dem Inhaber des Etablissements gegenüber befand, deckte ich
meinen Rückzug mit einigen abgebrochenen Entschuldigungen, die
dem Herrn »*Undertaker*« jedenfalls sehr leer vorgekommen sein
müssen.
»Hierdurch keineswegs entmutigt, setzte ich meine Forschungsreise
fort und fand endlich meinen Weg zum Patentoffice der Herren
Poole & Carpmael, die mich nicht nur freundlich empfingen,
sondern mir auch ein Empfehlungsschreiben an Herrn Elkington
mitgaben. So ausgerüstet, fuhr ich nach Birmingham, um hier mein
Glück zu versuchen.«
Von Birmingham aus trat Wilhelm nun an Elkington heran und
glaubte einen großen Trumpf in der Hand zu haben, als er diesem
sein vermeintlich besseres Verfahren anbot. Er war gar nicht
bescheiden, sondern forderte dafür gleich 3000 Pfund Sterling
(60000 Mark). Es ist nicht weiter verwunderlich, daß Elkington
auf dieses Angebot des etwas stürmischen jungen Manns nicht
einging. Er ließ jedoch Wilhelm zu sich kommen, und dieser erfuhr
nun zu seiner nicht geringen Bestürzung, daß Werners Erfindung in
einem der Elkingtonschen Patente schon erwähnt, also nicht mehr
neu und demgemäß auch kein Handelsobjekt war.
Aber Wilhelm gewann Elkingtons Vertrauen, und dieser erlaubte
ihm, in seiner Fabrik zu experimentieren. Hierbei glückte es
Wilhelm Siemens, eine bedeutende Verbesserung des Elkingtonschen
Verfahrens zu erfinden. Der offenbar sehr vornehm denkende
Engländer ermöglichte Wilhelm darauf, ein Patent auf seine
Erfindung zu nehmen und zahlte ihm schließlich dafür die Summe
von 1600 Pfund Sterling, von der jedoch 110 Pfund Sterling für
Patentkosten abgingen.
Wilhelm konnte also mit einer Summe von annähernd 30000 Mark
nach Deutschland zurückkehren, wodurch er der Gegenstand
staunender Bewunderung für die ganze Familie ward. Die Schwester
Mathilde Himly schrieb damals in einem Brief an Werner: »Von
unserem lieben Goldfisch erhielt ich vor wenigen Tagen die erste
Nachricht, seit er Dich gesehen. Deine Freude über Wilhelms
Erscheinen als Croesus! wird wohl so ziemlich so gewesen sein
als die meine; bis dahin hatte mich noch nie eine Freude so
außer Fassung gebracht. Ach! Werner -- warum mußten dies die
theuern seligen Eltern nicht erleben! -- Werdet Ihr das Geld denn
brüderlich theilen? Ich bin überzeugt, daß Wilhelm noch mehr so
glücklich spekulieren wird, und so nimm es nur gern an ...«
Damit traten nun die Geldsorgen für einige Zeit in den
Hintergrund. Aber ein solcher Erfolg hätte bei einem schwächeren
Charakter, als er Werner Siemens zu eigen war, leicht dauernd auf
eine schiefe Bahn führen können. So trieb er ihn nur für einige
Zeit auf das trügerische Meer der »Erfindungsspekulationen«
hinaus, wie er selbst die Bestrebungen jener Zeit später etwas
verächtlich genannt hat. Eine Erfindung folgte jetzt rasch der
anderen. Wissenschaftliche Bestrebungen wurden zurückgestellt,
zumal das aus England gebrachte Geld bei den zahlreichen
Verpflichtungen der Brüder nicht lange reichte, und die
Bedrängnisse bald wieder begannen.
Werner dehnte zunächst seine elektrolytischen Versuche weiter
aus und gelangte dazu, gute _Nickelniederschläge_ herzustellen.
Das schien etwas sehr Aussichtsreiches zu sein, da die teuren,
für den Druck verwendeten gravierten Kupferplatten durch den
Nickelüberzug, der die Feinheit der Striche nicht beeinträchtigte,
sehr viel haltbarer wurden. Bald jedoch wurde der galvanische
Eisenniederschlag erfunden, dem man gegenüber dem Nickelüberzug
den Vorzug gab, und die Erfindung konnte nichts mehr einbringen.
Gleichzeitig arbeitete Werner zusammen mit seinem Bruder Wilhelm
einen Apparat aus, der imstande sein sollte, den Gang von
Dampfmaschinen, die damals noch an vielen Stellen bei ihrer
Arbeit durch Wind- und Wassermotoren unterstützt wurden, genau zu
regeln. Es sollte dies unter Anwendung des Differentialverfahrens
geschehen, und so entstand der _Differenzregulator_.
Dann bemühte sich Werner Siemens, den damals gerade bekannt
gewordenen _Zinkdruck_ für die Rotationspresse brauchbar zu
machen, und erfand ferner das _anastatische Druckverfahren_,
das durch Anwendung von Chemikalien gestattet, ältere Drucke zu
vervielfältigen. Auch einer Tretfliegemaschine wandte er sein
Interesse zu, derselbe Mann, der später behauptet hat, daß man
niemals Flugmaschinen würde bauen können, wenn man nicht imstande
wäre, Antriebsmaschinen zu erschaffen, die im Verhältnis so
leicht und kräftig sind wie die Bewegungsmuskeln der fliegenden
Tiere.
Zur Ausbeutung dieser Erfindungen ging Wilhelm Anfang des Jahres
1844 zum zweitenmal nach England, das von da ab seine zweite
Heimat wurde. Auch Werner folgte ihm für kurze Zeit dorthin, aber
beide mußten bald einsehen, daß ihre hochgespannten Hoffnungen
auf Verwertung der Erfindungen aussichtslos waren. Wilhelm
hatte für die Abtretung der Rechte auf den Differenzregulator
nicht weniger als 720000 Mark gefordert, für das anastatische
Druckverfahren gar eine Million Mark. Nach mehr als einjährigem
Aufenthalt in England sah er jedoch all seine Hoffnungen so weit
vernichtet, daß er nach Hause schreiben mußte: »Ich bitte nur
noch um die notwendigsten Mittel, um meine dringendsten Schulden
abzahlen zu können, da ich seit einiger Zeit nicht einmal mehr
imstande gewesen bin, meine Hauswirte zu befriedigen.«
Werner lernte bei seiner Rückkehr aus England während eines
Aufenthalts in Paris sogar den Hunger kennen. Aus Berlin schreibt
er dann an Wilhelm: »Die jetzige Zeit ist der einlaufenden
Buchhändler-, Schneider- und sonstigen Rechnungen wegen besonders
verdrießlich. Dazu kommt Miete, Schulgeld und weiß der Henker
was sonst noch für Lumpereien.« Als es ganz schlimm stand, wurde
schließlich durch eine Geldsendung Wilhelms der »dem Verwelken
nahe Subsistenzbaum bedeutend erfrischt«.
Theorie und Technik
Es ist heute nicht mehr genau zu verfolgen, wie Werner Siemens
sich und seine Geschwister durch diese Periode der drückendsten
Sorgen glücklich hindurchgebracht hat. Aber es steht fest, daß
der Kummer ihn nicht zu Boden warf, sondern seine Kräfte nur
verstärkte, wie die Kraft einer stählernen Feder gesteigert
wird, je mehr man sie zusammenpreßt. Eine moralische Stimme in
Siemens begann plötzlich deutlich zu sprechen. Er erkannte,
daß das Jagen nach Erfindungen, zu dem er sich durch die
Leichtigkeit des ersten Erfolgs hatte hinreißen lassen, sowohl
ihm wie seinem Bruder zum Verderben gereichen würde. Er sagte
sich daher von allen Erfindungen los und gab sich ganz ernsten
wissenschaftlichen Studien hin.
Von nun ab beginnt der Werner Siemens, wie wir ihn kennen und
wie er uns teuer geworden ist, zu wachsen. Er fühlte deutlich,
daß seine Vorbildung noch immer unvollkommen sei und seine
Leistungen dadurch zurückgehalten würden. Da er nun Vorlesungen
an der Berliner Universität hörte, kam er bald in den anregenden
Kreis der später so bedeutend gewordenen jungen Naturforscher Du
Bois-Reymond, Brücke, Helmholtz, und durch diesen Verkehr wurde
sein ernstes Streben nach wissenschaftlicher Durchbildung seines
Geistes mächtig gefördert.
Unter den naturwissenschaftlichen Fragen, die ihn damals sofort
lebhaft beschäftigten, stand das Problem der _Heißluftmaschine_,
die soeben von Stirling erfunden worden war, voran. Es schien
eine Zeitlang, als sollte sie der Antriebsmotor der Zukunft
werden, und die erste literarische Arbeit, die Werner Siemens
verfaßte, führte den Titel: »_Über die Anwendung der erhitzten
Luft als Triebkraft_.« Die Abhandlung erschien im Sommer 1845 in
Dinglers »Polytechnischem Journal«. Die abgeklärten Betrachtungen
darin sind auffallend, und die strenge Wissenschaftlichkeit
darin verblüfft um so mehr, wenn man weiß, daß Werner noch im
Anfang des Jahrs in flammendem Enthusiasmus über die Leistungen
der Stirlingschen Maschine an Wilhelm geschrieben hatte:
»Ein Perpetuum mobile ist jetzt kein Unsinn mehr.« Bis zur
Niederschrift seiner Betrachtungen ist er von dieser Ansicht,
die ein schwerer Irrtum war, vollständig zurückgekommen, und
der Aufsatz steht bereits vollständig auf dem Boden des großen
Perpetuum mobile-feindlichen Satzes von der Erhaltung der Kraft,
der gerade in jener Zeit von Julius Robert Mayer zum erstenmal
ausgesprochen worden, Siemens aber noch nicht bekannt war.
Wenn die Stirlingsche Maschine auch später keine große Bedeutung
erlangt hat, so ist sie, abgesehen von der Gelegenheit, die sie
Werner Siemens für seine erste wissenschaftliche Betätigung
gegeben hat, auch noch dadurch wichtig geworden, daß sie dessen
Brüder Wilhelm und Friedrich Siemens zu ihren Arbeiten über die
Wärmeausnutzung anregte und so zur Aufstellung des bedeutenden
Regenerativprinzips beitrug.
In »Poggendorfs Annalen« erschien im gleichen Jahr die zweite
wissenschaftliche Abhandlung aus Werner Siemens' Feder, und deren
Thema fiel bereits in das Gebiet der Elektrizität. Den jungen
Physiker beschäftigte schon seit längerer Zeit das Problem der
_Messung von Geschoßgeschwindigkeiten_. Er sah bald ein, daß die
Feststellung äußerst geringer Zeitunterschiede auf dem bisher
immer wieder versuchten elektro-magnetischen Weg nicht gelingen
könne. Hierbei mußten Massen bewegt werden, und diese brauchten
zur Überwindung ihrer natürlichen Trägheit zu lange Zeit. Er
ließ darum durch die fliegende Kugel, die an zwei Stellen ihres
Wegs Drähte berührte, nicht magnetisierende Ströme schließen,
sondern Funkenentladungen hervorrufen, die Marken in einen rasch
rotierenden blanken Stahlzylinder brannten. Die Funken besitzen
keine Schwere und tun ihre Arbeit darum ohne Verzögerung. Was
er in dem Aufsatz »_Über die Anwendung des elektrischen Funkens
zur Geschwindigkeitsmessung_« darlegte, wird mit entsprechenden
Abänderungen noch heute zur Messung von Geschoßgeschwindigkeiten,
insbesondere in Geschützrohren, benutzt.
Seine Bemühungen um die Feststellung der Geschoßgeschwindigkeiten
brachte Siemens auch mit dem Uhrmacher _Leonhardt_ in Berührung,
der für die Artillerieprüfungskommission auf gleichem Gebiet
tätig war. Zur selben Zeit machte Leonhardt für den Generalstab
der Armee Versuche, die Klarheit darüber schaffen sollten, ob
der rascher arbeitende elektrische Telegraph wohl imstande
sein könnte, den optischen zu ersetzen. Leonhardt bemühte
sich, für diesen Zweck den unzuverlässigen _Zeigertelegraphen
von Wheatstone_ zu verbessern. Siemens stand ihm hierbei mit
plötzlich aufflammendem Interesse eifrig bei. Es gelang ihm zu
seiner eigenen Überraschung sehr schnell, den charakteristischen
Fehler des Wheatstone-Apparats herauszufinden und diesen durch
eine Neukonstruktion zu verbessern.
Sogleich fühlte er deutlich, daß der Telegraph eine große Zukunft
haben, und daß er selbst vermutlich befähigt sein würde, an dem
Ausbau dieser Zukunft mit Erfolg und Vorteil mitzuarbeiten. Und
so sehen wir ihn jetzt den ersten Schritt auf dem Weg tun, der
ihn zum Gipfel führen sollte.
Aber schon tritt von neuem der *Deus ex machina* auf und faßt
ihn hindernd am Knöchel. Der Gipfelweg verschwindet noch einmal
hinter Wolken.
Wenn man erfahren hat, an wie vielen wissenschaftlichen und
technischen Dingen Werner Siemens in jener Zeit eifrig und
schaffend arbeitete, so denkt man sicher nicht mehr daran, daß er
zu jener Zeit noch Offizier war und für alle diese Dinge nur die
Zeit übrig hatte, die ihm der Dienst in der Artilleriewerkstatt
ließ. Nur eisernster Fleiß vermochte ihm die Kraft zu geben,
immer weiter an seinem geistigen Aufstieg zu arbeiten. War der
Dienst also längst eine höchst unangenehm empfundene Hemmung,
so schien es nun gar einen Augenblick, als ob das Räderwerk der
militärischen Zucht die ganze Zukunft des jungen Siemens zwischen
seinen Zähnen zermalmen wollte.
Er wurde plötzlich in einen politisch-religiösen Konflikt
verwickelt.
Man brachte in jenen bewegten Zeiten den Rundreisen des
Predigers Johannes _Ronge_, eines früheren katholischen Kaplans,
lebhaftestes Interesse entgegen. Ronge hatte einen scharfen
Artikel gegen die von einer wahren Völkerwanderung besuchte
Ausstellung des heiligen Rocks in Trier geschrieben und war zur
Strafe dafür exkommuniziert worden. Er strebte nun, Deutschland
durchziehend, die Gründung einer neuen deutsch-katholischen
Kirche an. Auch in Berlin trat er auf, und seine Versammlungen
wurden von vielen jungen Offizieren und Beamten besucht, die
damals sämtlich liberal dachten.
Werner Siemens hatte sich nicht allzusehr um diese Bewegung
gekümmert, da seine naturwissenschaftlich-technischen Bemühungen
ihn weit davon hinwegtrugen. Aber er sollte durch eine zunächst
ganz äußerliche Berührung doch recht eng damit verknüpft werden.
Über diesen Vorgang berichtet er in den »Lebenserinnerungen«:
»Gerade als dieser Rongekultus auf seinem Höhepunkte angelangt
war, machte ich mit sämtlichen Offizieren der Artilleriewerkstatt
-- neun an der Zahl -- nach Schluß der Arbeit eine Promenade im
Tiergarten. »Unter den Zelten« fanden wir viele Leute versammelt,
die lebhaften Reden zuhörten, in denen alle Gesinnungsgenossen
aufgefordert wurden, für Johannes Ronge und gegen die Dunkelmänner
Stellung zu nehmen. Die Reden waren gut und wirkten vielleicht
gerade deswegen so überzeugend und hinreißend, weil man in
Preußen bis dahin an öffentliche Reden nicht gewöhnt war.
[Illustration: Die erste Dynamomaschine]
[Illustration: Moderne Riesen-Dynamo der Siemens-Schuckert-Werke]
»Als mir daher beim Fortgehen ein Bogen zur Unterschrift
vorgelegt wurde, der mit teilweise bekannten Namen schon
beinahe bedeckt war, nahm ich keinen Anstand, auch den meinigen
hinzuzufügen. Meinem Beispiel folgten die übrigen zum Teil viel
älteren Offiziere ohne Ausnahme. Es dachte sich eigentlich keiner
dabei etwas Schlimmes. Jeder hielt es nur für anständig, seine
Überzeugung auch seinerseits offen auszusprechen.
»Aber groß war mein Schreck, als ich am anderen Morgen beim
Kaffee einen Blick in die Vossische Zeitung warf und als
Leitartikel einen »Protest gegen Reaktion und Muckertum« und
an der Spitze der Unterschriften meinen Namen und nach ihm die
meiner Kameraden fand.«
Die Offiziere erfuhren bald, daß sie zur Strafe aus der
Artilleriewerkstatt zu ihren Truppenteilen zurückversetzt
werden sollten. Für Siemens drohte also die Gefahr, wieder nach
Wittenberg zu kommen, wo natürlich weitere Bestrebungen auf dem
Gebiet der Telegraphie unmöglich gewesen wären.
Dagegen empörte sich alles in ihm, und er war schon stark genug,
nicht bloß gegen das Schicksal zu wüten, sondern es zu meistern.
Er faßte einen Entschluß, der bei jedem anderen als bei einem
Menschen von genialer Kraft abenteuerlich zu nennen wäre.
Etwas Besonderes mußte geschehen, um sein weiteres Verbleiben in
Berlin zu ermöglichen, das sah er klar. Er mußte eine bedeutende
Erfindung machen, und zwar sofort, auf der Stelle! Es war gar
keine Zeit zu verlieren.
Doch eine solche Eingebung greift man nicht aus der Luft.
Siemens ließ darum alle ihm in letzter Zeit bekannt gewordenen
Erfindungen an seinem Auge vorüberziehen, um zu sehen, ob darunter
nicht eine wäre, die er in auffallender Weise fördern könnte.
In einer schlaflosen Nacht fiel ihm da die _Schießbaumwolle_ ein,
die vor kurzem von Professor Schönbein in Basel erfunden worden
war. Man setzte damals in artilleristischen Kreisen große Hoffnung
in diesen Stoff, der bei weitem kräftiger explodierte als das
bisher verwendete Schwarzpulver. Störend war nur, daß sich die
Schießbaumwolle sehr schnell zersetzte und daher praktisch nicht
verwendbar war.
Siemens beschloß in seiner Not, die Schießbaumwolle haltbar zu
machen, und ging sogleich mit loderndem Eifer an die Versuche.
Von seinem alten Lehrer in der Chemie, Erdmann, erwirkte er
sich die Erlaubnis, in dessen Laboratorium in der Königlichen
Tierarzneischule experimentieren zu dürfen. Dort versuchte er
und versuchte immer von neuem, Baumwolle mit Salpetersäure zu
tränken. Er nahm immer stärker konzentrierte Lösungen, aber die
größere Luftbeständigkeit wollte sich nicht einstellen.
Schließlich hatte er schon so viel Salpetersäure verbraucht,
daß der Vorrat zu Ende zu gehen drohte. Da begann er ihn durch
Mischung mit Schwefelsäure zu »strecken«. Und siehe da! Plötzlich
hatte er, als er die Baumwolle mit dieser Mischung tränkte, ein
vorzügliches Produkt vor sich, das sich nicht zersetzte und ganz
ausgezeichnet explodierte. Ja, die Explosionsfähigkeit war sogar
noch besser, als Siemens selbst es vermutete, wie er bald zu
seinem Schrecken erfahren sollte.
Bis in die Nacht hinein hatte er in seiner Freude über das
Gelingen der Versuche eine stattliche Menge der neuen guten
Schießbaumwolle hergestellt und sie in den Ofen des Laboratoriums
zum Trocknen gelegt. »Als ich nach kurzem Schlaf am frühen
Morgen wieder nach dem Laboratorium ging,« so erzählt er, »fand
ich den Professor trauernd unter Trümmern in der Mitte des
Zimmers stehen. Beim Heizen des Trockenofens hatte sich die
Schießbaumwolle entzündet und den Ofen zerstört. Ein Blick machte
mir dies und zugleich das vollständige Gelingen meiner Versuche
klar. Der Professor, mit dem ich in meiner Freude im Zimmer
herumzutanzen suchte, schien mich anfangs für geistig gestört zu
halten. Es kostete mir Mühe, ihn zu beruhigen und zur schnellen
Wiederaufnahme der Versuche zu bewegen. Um elf Uhr morgens hatte
ich schon ein ansehnliches Quantum Schießwolle gut verpackt
und sandte es mit einem dienstlichen Schreiben direkt an den
Kriegsminister.«
Im Ministerium erkannte man sofort die Wichtigkeit der neuen
Zusammensetzung und ließ Schießversuche damit anstellen. Und
wenn das Präparat auch in späteren Zeiten die Hoffnungen nicht
erfüllte, die man damals darauf setzte, so war ihm doch der
Erfolg beschieden, Siemens vor der Strafversetzung zu bewahren.
Da man ihn in der Pulverfabrik zu Spandau für den weiteren Ausbau
der Erfindung dringend brauchte, so war von der Verbannung nach
Wittenberg keine Rede mehr, und von den Kameraden, die jenes
Ronge-Manifest unterzeichnet hatten, blieb er als einziger in
Berlin zurück. Kühne Selbsthilfe hatte ihn vor dem Verderben
bewahrt.
Die Vervollkommnung des Telegraphen wurde darauf weiter eifrig
betrieben, obwohl Siemens sich davon eine geschwinde Rettung
aus der immer noch andauernden finanziellen Trübsal nicht
versprechen konnte. Bald hatte er auf diesem Gebiet Erfindungen
von großer und bleibender Bedeutung gemacht, so unter anderem die
erste brauchbare Leitungsisolation hergestellt, wovon wir noch
ausführlich hören werden; schon erwog er, ob es nicht günstig
für ihn wäre, den Abschied vom Militär zu nehmen, um sich ganz
der Telegraphentechnik zu widmen; schon gründete er eine kleine
Werkstatt zur Ausführung der von ihm erfundenen Apparate, da
wird er noch einmal von politischen Ereignissen aus seiner Bahn
gerissen.
Revolution und Krieg
Das Jahr 1848 hatte seine drohenden Wolken heraufgeschickt. Ohne
darauf vorbereitet zu sein, hörte Siemens plötzlich in sein
Laboratorium den Donner der Revolution hineinrollen. Er fühlte
bald, daß jetzt keine Zeit wäre, technische Neuerungen für den
Staat zu schaffen, aber er stellte sich nicht entmutigt beiseite,
um besseres Wetter abzuwarten, er verließ nicht mit einer
sentimentalen Träne im Auge den wieder einmal morsch gewordenen
Bau seiner Zukunft, sondern er gab sofort darauf acht, was er der
Gegenwart Brauchbares leisten könnte.
In Berlin spielten sich die großen Ereignisse der Märztage ab.
Siemens, der innerlich an der Bewegung teilnahm, mußte doch
persönlich allen Kundgebungen fernbleiben, weil er des Königs
Rock trug. Andererseits schloß ihn die Trennung von seinem
Truppenteil, die eine Folge seiner Abkommandierung war, von jeder
militärischen Aktion aus.
Bald darauf brach die Empörung der Schleswig-Holsteiner gegen die
dänische Herrschaft aus. Die Stadt _Kiel_ befreite sich zuerst,
und bald waren die Dänen aus Schleswig vertrieben. Sie rüsteten
sich zur Wiedereroberung und drohten, besonders Kiel durch ein
Bombardement zu strafen.
Siemens' Schwager Himly war als Professor der Chemie schon seit
längerer Zeit in Kiel ansässig, und die Schwester Mathilde
schrieb nach Berlin angstvolle Briefe, denn sie sah schon ihr am
Hafen gelegenes Haus von dänischen Kanonen zerstört. Die Einfahrt
in die Föhrde war für die feindlichen Schiffe leicht, da die
kleine Festung _Friedrichsort_, die den Hafeneingang sperrte,
sich noch in dänischen Händen befand.