Bis zu seinem elften Lebensjahr unterrichtete Großmutter

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Werner von Siemens

Werner von Siemens

der Begründer der modernen Elektrotechnik

Von

_Artur Fürst_

Mit 13 Abbildungen

Deutsche Verlags-Anstalt

Stuttgart und Berlin 1916

Alle Rechte vorbehalten

*Copyright 1916

by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart*

Druck der Deutschen Verlags-Anstalt

in Stuttgart

Papier von der Papierfabrik Salach

in Salach, Württemberg

Inhalt

Seite

Die Persönlichkeit 7

Voreltern und Elternhaus 15

Die Anfänge 21

Erste Erfindungen 29

Theorie und Technik 37

Revolution und Krieg 44

Telegraphen-Apparate 49

Das Leitungsnetz 58

Bauten in Rußland 71

Unterseekabel 79

Die Überwindung des Ozeans 94

Intermezzo 103

Die indo-europäische Telegraphenlinie 109

Die Erfindung der Dynamomaschine 114

Elektrische Bahnen 129

Elektrisches Licht 138

Parerga 141

Wissenschaft 150

Öffentliche Wirksamkeit 161

Siemens & Halske 172

Lebenserinnerungen. Weltruhm 183

Quellenverzeichnis 188

Vieles Gewaltige lebt, und nichts

Ist gewaltiger als der Mensch

(»Antigone« des Sophokles)

[Illustration: Werner Siemens als Seconde-Lieutenant]

[Illustration: Werner Siemens

Geboren 13. Dezember 1816, gestorben 6. Dezember 1892]

Die Persönlichkeit

Vor dem stolz ragenden Gebäude der Technischen Hochschule in

Charlottenburg ist ein Bronzestandbild aufgerichtet, das Werner

Siemens in schlichter Gestalt zeigt. Gewiß konnte der Bildhauer,

der heutigen Kunstrichtung entsprechend, nichts Besseres tun,

als dem heranreifenden Ingenieurgeschlecht das große Vorbild im

Gewand des Bürgers vor Augen führen. Aber die Phantasie, die

keine bildnerischen Schwierigkeiten kennt, darf sich Werner

Siemens anders vorstellen.

Wir Jüngeren, die mit ihm nicht mehr in persönliche Berührung

gekommen sind, sehen ihn gern in zeusähnlicher Gestalt mit einer

modern geformten Ägis in der Hand. Ist er es doch gewesen, der

so recht eigentlich dem furchtbaren Schildschütterer die Blitze

aus der Hand genommen. Sein Schaffen erst hat dem Menschen die

Kraft und die Fähigkeit gegeben, den elektrischen Funken sicher

einzufangen, ihn zu meistern und weithin zucken zu lassen. Was

vor ihm war, erscheint uns heute als dilettantisches Spiel mit

der Elektrizität, durch sein Wirken erst wurde die weltfüllende

Kraft wirklich in den Dienst des Menschen gezwungen, der Blitz

aus den Wolken den Sterblichen als Werkzeug beigesellt.

Den Grundbau der modernen Elektrotechnik haben wir aus Werner

Siemens' Händen empfangen. Es ist ein Ganzes, das die Menschheit

ihm verdankt, nicht blendende Teile, die erst von anderen einem

Ganzen angefügt werden mußten. Zwar war auch Werner Siemens ein

großer Erfinder, aber ihn kennzeichnet nicht eine Fülle genialer

»Einfälle«; sondern ein langsames, stetiges Weiterführen dessen,

was er als noch nicht vollkommen erkannt hatte, ließ ihn ein

Lebenswerk von seltener Geschlossenheit aufrichten. Niemals

findet man bei ihm, von einer kurzen Jugendperiode abgesehen,

ein Herumirren der Gedanken auf krausen Wegen; den Zufallserfolg

hat er stets verschmäht. Wie auf einem Gleis ward sein Streben

und Forschen stets zwangläufig geführt, und diese ihm von

seiner Natur gewiesene feste Bahn, auf der er in stets gleicher

Richtung, aber zu den höchsten Zielen vorwärts eilen mußte, hieß

_Wissenschaft_.

Er schöpfte bei seiner Arbeit stets aus der Tiefe

wissenschaftlicher Erkenntnis, und dieses stark gegründete

Fundament des Siemensschen Schaffens bringt es mit sich, daß in

der Reihe der erlauchten Namen, die in die Ehrentafel der Technik

eingegraben sind, der seinige eine besondere Stellung einnimmt.

Man nennt Montgolfier den Erfinder des Luftballons, Franklin

den Erfinder des Blitzableiters, Philipp Reis den Erfinder des

Telephons, aber Werner Siemens lebt nicht fort als der Urheber

einer bestimmten Erfindung, sondern man bezeichnet ihn als

den Mann, der das elektrische Zeitalter, _unser_ Zeitalter,

heraufgeführt hat.

Auch von anderen Namen aus dem Reich der Technik strahlt ein

blendendes Licht, aber die meisten gleichen doch punktförmigen

Lichtquellen, bei deren Beobachtung man deutlich wahrnimmt, daß

all die weit hinausgesandten Strahlen an einer einzigen Stelle

entstehen. Siemens' Schaffen jedoch ist wie die Sonne, die aus

leicht verhangenem Himmel niederstrahlt; auch sie verbreitet ein

sehr starkes Licht, das aber weit verstreut ist, von überall

her, aus sämtlichen Richtungen zu kommen scheint und ein

ungeheures Gebiet erhellt. Warm, wohltuend und ganz gleichmäßig

ist dieses Licht; nur wenn man ganz scharf beobachtet, sieht

man einen besonders kräftig erhellten Abschnitt. Hier ist

der Ort am Firmament des Siemensschen Schaffens, von wo die

Leuchtkraft seiner größten Tat, der Schöpfung der Dynamomaschine,

niederstrahlt.

Daß die Wirksamkeit dieses Manns, die ihre Kraft aus der Tiefe

der Wissenschaft heraufholte, zugleich so sehr sich in die Breite

entwickeln, dem praktischen Leben von so bedeutendem Nutzen sein

konnte, verdanken wir einer seltenen Mischung verschiedener

Fähigkeiten in der Person von Werner Siemens.

Aus drei Farben stellt die heutige Drucktechnik jede mögliche

Tönung her; aus drei Eigenschaften vermochte Siemens so viele

und so mannigfaltige Leistungen herauszuentwickeln, daß sein

Lebenswerk fast unübersehbar geworden ist.

In ihm vereinigten sich der Mann der Wissenschaft, der Techniker

und der Kaufmann zu einem schillernden und doch einheitlichen

Ganzen. Für den Apparat, den der Techniker als unzureichend

und verbesserungsbedürftig erkannt hatte, entwickelte der

Wissenschaftler die theoretische Grundlage, schuf er das

Fundament, auf dem weitergebaut werden konnte; wurde im

wissenschaftlichen Laboratorium eine neue Erkenntnis geboren,

dann war der Ingenieur imstande, das Geisteserzeugnis mit einem

Körper zu umschließen, der Knochen, Blut und Muskeln besaß, so

daß es lebendig zu wirken vermochte. Der Kaufmann aber kannte

die Wege, um den Gegenstand so auf den Markt zu bringen, daß er

Käufer fand und Geld einbrachte, das nun wieder die Möglichkeit

zu weiteren wissenschaftlichen Forschungen schuf. Auf diese Weise

entstand ein Kreislauf, der zu immer Größerem führen mußte. Er

stellte die vorausgenommene Anwendung des von Siemens später

gefundenen dynamo-elektrischen Prinzips auf sein eigenes Leben

dar, dieses Prinzips, nach dem der Induktor durch die Leitung

die Polmagnete verstärkt und diese dann wieder rückwirkend den

Induktor zu höheren Leistungen befähigen.

»Naturwissenschaftliche Forschung war meine erste, meine

Jugendliebe ... daneben habe ich freilich immer den Drang gefühlt,

die naturwissenschaftlichen Errungenschaften dem praktischen Leben

nutzbar zu machen,« so hat er von sich gesagt. »Dabei kann ich mir

selbst das Zeugnis geben, daß es nicht Gewinnsucht war, die mich

bewog, meine Arbeitskraft und mein Interesse in so ausgedehntem Maß

technischen Unternehmungen zuzuwenden. In der Regel war es zunächst

das wissenschaftlich-technische Interesse, das mich einer Aufgabe

zuführte. Indessen will ich auch die mächtige Einwirkung nicht

unterschätzen, welche der Erfolg und das ihm entspringende

Bewußtsein, Nützliches zu schaffen und zugleich Tausenden von

fleißigen Arbeitern dadurch ihr Brot zu geben, auf den Menschen

ausübt.«

Diese mächtige Einwirkung trieb hier nun nicht zu Spekulationen,

sondern eben zur wissenschaftlichen Forschung zurück in dem

unbewußten Drang, der das echte Genie stets auf den richtigen Weg

lenkt.

Die Dreigestalt von Siemens' Persönlichkeit hat auch äußerlich zu

eigenartigen Konstellationen geführt. Der praktisch schaffende

Ingenieur wurde als ordentliches Mitglied in die preußische Akademie

der Wissenschaften berufen, die doch, wie Du Bois-Reymond damals

betonte, die Wissenschaft um ihrer selbst willen betreibt, und eben

derselbe Mann hatte als *Dr. phil. honoris causa* einmal

Gelegenheit, den Titel Kommerzienrat, den man ihm antrug, als nicht

ganz zusagend abzulehnen.

Als Werner Siemens nach Berlin kam, um seine Laufbahn zu

beginnen, war die erste Eisenbahn in Deutschland noch nicht

eröffnet; eine Technik in unserem heutigen Sinn gab es überhaupt

nicht. Faraday hatte gerade erst seine Untersuchungen über

die Magnetinduktion bekannt gegeben, die in der Folge die

theoretische Grundlage für den Bau sämtlicher elektrischer

Maschinen geworden sind; an eine Elektrotechnik war also

überhaupt noch nicht zu denken. Das Wort Elektrotechnik selbst

ist erst viel später bei der unter Siemens' Mitwirkung erfolgten

Begründung des Elektrotechnischen Vereins geschaffen worden.

Der junge Mann selbst kam vom Land, aus den engen Verhältnissen

einer ärmlichen, kinderreichen Familie. Er war ohne Mittel und

ohne besondere Schulbildung. Er hatte auch nicht das Glück,

nun gleich systematische Studien beginnen zu können, sondern

sah sich gezwungen, die Laufbahn eines Artillerieoffiziers

einzuschlagen. Viele, viele Jahre lang konnte er an nichts

anderes denken als nur daran, wie er sich die Mittel zu seinem

kargen Lebensunterhalt verschaffte.

Und doch! Das Wunderbare geschah, das Unbegreifliche trat auch

hier wieder ein, dem wir immer begegnen, wenn die geheimnisvoll

über uns gebietende Macht jemanden dazu ausersehen hat, ihr

Werkzeug bei der Fortentwicklung des Menschengeschlechts zu

werden.

Das in den freien Luftraum geworfene und am Wachstum behinderte

Samenkorn keimte dennoch, ward groß und stark, schöpfte seine

Kraft aus unbekannten Regionen, in die nur die Wurzeln des Genies

den Eingang finden, entfaltete sich als ein Baum, der köstliche

Früchte trug und seine breitästige Krone auf kerngesundem,

knorrigem Stamm weit ausbreitete.

Als Werner Siemens die Augen schloß, da war mit seiner

Hilfe, durch seine Forschungen und Erfindungen das Reich des

elektrischen Schwachstroms prachtvoll errichtet und gefestigt.

Die Elektrizität war als Übermittlungswerkzeug des menschlichen

Gedankens unentbehrlich geworden, sie schloß Erdteile zusammen

und überbrückte die Weltmeere. Schon damals waren die Drähte

die Harfensaiten, auf denen das brausende Lied der menschlichen

Kultur gespielt wurde. Die Starkstromtechnik hatte den festen

Unterbau erhalten, auf dem sie sich bald zu ihrer heutigen

umfassenden Bedeutung entwickeln sollte. Siemens selbst, der

mit der Dynamomaschine der Menschheit das Mittel zu ungeahnter

Beherrschung und Dienstbarmachung der Naturkräfte in die Hand

gegeben hatte, konnte auch hier noch die erste Entwicklungsstufe

selbst leiten und geistig begleiten, bis mit seinem zunehmenden

Alter ein anderer Führer wurde: Emil Rathenau.

Der Sohn des armen Landwirts hinterließ ein Vermögen, das

eine sehr stattliche Zahl von Millionen umfaßte. Die von

ihm begründete und geleitete Industriefirma war eine der

angesehensten und bedeutendsten in Deutschland geworden; er

hat ihren Namen für immer mit der Geschichte der Technik

verbunden. Was an Ehrungen einem Gelehrten, einem Erfinder, einem

Industriellen zuteil werden kann, ist ihm in reichster Fülle

zugeflossen.

Er verdiente diese Auszeichnungen um so mehr, als er neben

seinen großen Taten auf ureigenstem Gebiet dem Gedeihen des

Staats zeitlebens eine lebhafte und tatkräftige Aufmerksamkeit

zugewendet hat. In die preußische Politik hat er ratend und

rettend eingegriffen. Ein starkes soziales Pflichtgefühl trieb

ihn schon zu einer Zeit, als man diesen Einrichtungen in

industriellen Kreisen noch recht bedenklich gegenüberstand,

dazu, für die Angestellten und Arbeiter seiner Firma eine

Invaliditätskasse und Altersversorgungseinrichtung zu schaffen.

Er fand nicht Ruhe, bis es ihm gelungen war, der erfinderischen

Tätigkeit in Deutschland einen gesunden Boden zu schaffen. Werner

Siemens ist als der Vater unserer Patentgesetzgebung anzusehen.

Durch die Errichtung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt,

deren Gründung er geistig vorbereitete und durch reiche

finanzielle Beihilfe ermöglichte, ließ er das erste Institut in

Deutschland entstehen, das ausschließlich der wissenschaftlichen

Forschung gewidmet ist.

Sein universeller Geist trieb ihn auch unablässig, über

naturwissenschaftliche Fragen nachzusinnen, die abseits der

Technik lagen. Wenn man seine Arbeiten über solche Themen

durchblättert und zugleich die Fülle der wissenschaftlichen

Aufsätze wahrnimmt, die er über technische Probleme geschrieben

hat, so wird man mit Staunen erfüllt über die geistige Kapazität

dieses Manns, der schließlich zu wissenschaftlicher Tätigkeit

doch nur in den kargen Mußestunden Zeit hatte, die ihm seine

weitest ausgebreitete industrielle Wirksamkeit ließ.

Man sollte meinen, daß in dem Leben eines solchen Manns kein Raum

zu dem geblieben wäre, was man im landläufigen Sinn »Erlebnis«

nennt. Doch da sehen wir wieder, wie das Genie den Fassungsraum

des Jahrs und der Stunde zu weiten vermag, so daß sie für ihn

ein Mehrfaches der Sekundenzahl zu enthalten scheinen, die der

gewöhnliche Mensch abzählt. Werner Siemens' Erdenwallen ist

erfüllt von romantischen Begebenheiten, von Abenteuern könnte man

sagen, wie sie in solcher Zahl nur wenigen begegnen.

Fortwährend erlebt er Außerordentliches. Das Plötzliche, das

seinen Erfindungsideen fremd ist, tritt im Gang seines Lebens

fortwährend auf. Unerwartete Ereignisse werfen ihn häufig in

andere Richtung, als er gerade einzuschlagen beabsichtigt.

Dreimal verursacht er schwere Explosionen, er erobert eine

Festung, kämpft mit Beduinen auf der Spitze einer Pyramide, wird

durch einen Schiffbruch auf eine unbewohnte Insel gebannt, eine

lose gewordene Kabeltrommel droht sein Schiff zu zerschmettern,

das Meer strömt mit furchtbarem Wüten in seltsamer Weise gegen

ihn an. Und -- was das erstaunlichste ist -- in all diesem

Getümmel oft schwerer Gefahren bleibt er jeden Augenblick

der ruhige, sorgsam beobachtende Mann der Wissenschaft. Ein

Ausbruch des Vesuv läßt in ihm Gedanken über die Beschaffenheit

des Erdinnern erwachsen, er treibt Navigation während des

Schiffbruchs und Meeresforschung inmitten der Wasserhose.

Auch der Kreis der Familie, aus dem er hervorging, zeigt uns

ein ungewöhnliches Bild. Unter den zahlreichen Kindern, die

Werner Siemens' Eltern hinterließen, ist er nicht das einzige

gewesen, das als schaffender Mensch Bedeutung erlangte.

Zeitlebens war er auf seinem Höhenpfad aufs engste mit drei

Brüdern verbunden, von denen jeder in seinem Gebiet Großes

geschaffen hat. Wilhelm, Friedrich und Karl Siemens umgeben als

ein leuchtendes Dreigestirn die Zentralsonne Werner. In ihren

jungen Jahren waren sie alle seine Helfer, und auch später

haben sie häufig in seinem Interessenkreis gearbeitet. Aber die

wissenschaftlich-technischen Schöpfungen Wilhelms und Friedrichs,

die außerordentliche organisatorische Begabung Karls würden auch

ohne den großen Bruder es jedem von den Dreien ermöglicht haben,

den Namen Siemens bekannt und bedeutsam zu machen.

Die Mitwelt hat die vier Männer mit gleichem Namen gewissermaßen

individuell angesiedelt, um sie leichter unterscheiden zu

können. Werner war natürlich der »Berliner Siemens«, _Wilhelm_

(William), der während des größten Teils seines Lebens in England

wirkte und dort als hochberühmter und verehrter Mann starb, der

Schöpfer des nach ihm benannten, auf der ganzen Erde angewendeten

Stahlbereitungsverfahrens, hieß der »Londoner Siemens«.

_Friedrich_, der Erfinder des Regenerativofens und verdiente

Förderer der Glasindustrie, wurde der »Dresdener Siemens«

genannt. _Karl_ endlich, der lange Zeit in Petersburg und im

Kaukasus gewirkt hat, war als der »Russische Siemens« bekannt.

Nachzuforschen, wie die gemeinsame Quelle gestaltet war, aus

der diese vier prächtigen Ströme entsprangen, ist gewiß eine

lohnende Aufgabe. Ihr wollen wir uns zunächst zuwenden, um dann

zu beobachten, wie der größte und mächtigste von ihnen in seinem

Lauf sich um sperrende Krümmungen windet, über Hindernisse

brausend hinwegschießt, Arme aussendet, die sich später wieder

mit dem Hauptlauf vereinigen, wie aus dem schmalen Wasser

allmählich ein breiter Strom wird, der endlich ruhig und gelassen

ins unendliche Meer des Weltruhms und der Unsterblichkeit

ausmündet.

Voreltern und Elternhaus

Die Ahnenreihe der Siemens schließt sich zu einer Familie von

bestem Bürgeradel zusammen. Der Stammbaum läßt sich bis zum

Jahre 1523 zurückverfolgen. Da wird in der Bürgerrolle der Stadt

_Goslar_ ein Petrowin Siemens als Mitglied der Krämergilde und

Hauseigentümer genannt. Seine Nachkommen sind Ratsherren und

Stadthauptleute in Goslar. Noch heute steht dort ein altes

schönes Haus mit geschnitztem Gebälk und Butzenscheiben, das

einer der Siemensschen Ahnen errichtet hat; in ihm werden jetzt

noch in gewissen Abständen Zusammenkünfte der Siemens abgehalten.

Es bestand in der Familie von jeher ein in Bürgerkreisen seltenes

Zusammengehörigkeitsgefühl, das bis zum heutigen Tag sorgsam

gepflegt wird.

Werner Siemens erwähnt in seinen »Lebenserinnerungen« eine alte,

höchst romantische Familienlegende, die er als geschichtlich

nicht erwiesen bezeichnet. Indessen ist durch die Forschungen

von Stephan Kekulé von Stradonitz festgestellt worden, daß die

Erzählung wirklich einen Urahnen des Hauses betrifft und zwar

eine Stammutter des Geschlechts. Der Historiograph hat darüber in

den »Grenzboten« berichtet:

»Von 1618 bis 1648 wütete in Deutschland der Dreißigjährige

Krieg: ein Menschenalter von Blut, Mord und Brand, gänzlicher

Vernichtung der beweglichen, Zerstörung der unbeweglichen Habe,

eine Zeit geistigen und materiellen Verderbens der Nation.

»Vor den Kriegsgreueln war _Anna Maria Crevet_, die am 4. März

1611 zu Lippstadt geborene bildschöne, schwarzlockige Tochter

eines Barbiers mit Namen Gerhard Crevet und seiner ehrsamen

Hausfrau Anna Gallenkamm, zu ihrem Vetter Jobs Bruckmann, einem

vornehmen Kaufmann, nach Magdeburg geflohen, um in dessen Haus

eine sichere Zufluchtsstätte zu finden.

»Im Frühjahr des Jahres 1631 kam es zur Belagerung der Stadt, am

10. Mai alten, 20. Mai neuen Stils zu jener furchtbaren Plünderung,

die alles, was bisher im großen Krieg an Scheußlichkeiten verübt

worden war, in den Schatten stellte.

»Im Heer der Belagerer diente damals ein Soldat mit Namen Hans

Volkmar, geboren am 24. November 1607 zu Hollenstedt an der

Leine in der heutigen Provinz Hannover. Einer der eifrigsten bei

der Plünderung, drang er mit einer Anzahl Spießgesellen in das

Bruckmannsche Haus. Dieses wurde von unten bis oben durchsucht,

und so gelangten die Plünderer auch auf den Heuboden, wo ein

großer Heuhaufen ihre Aufmerksamkeit anzog, weil erfahrungsgemäß

die Einwohner der Häuser derartige Verstecke zu benutzen

pflegten, um Wertvolles darin zu bergen.

»Eifrig stocherte Hans Volkmar mit seinem Mordgewehr im

Heuhaufen. Da! Ein dumpfer Schrei, Geraschel. Er wühlt weiter.

Da stürzt sich aus dem Heuhaufen ihm zu Füßen, seine Knie

umklammernd, ein schönes junges Weib, notdürftig gekleidet, zum

Tod erschrocken, aus einer frischen Wunde an der Lende blutend,

und fleht mit heißem Ringen ums Leben. Einen Augenblick steht er

erstarrt, dann stürzt er sich auf sie, reißt sie hoch, wehrt mit

wildem Ruf die Gefährten zurück und eilt mit seiner süßen Beute

ins Lager, alle Schätze vergessend.

»Vier Tage nachher, am 14. Mai alten, 24. Mai neuen Stils, wurde

das Paar durch einen Feldprediger im Lager getraut.

»Hans Volkmar diente noch eine Zeitlang als Soldat, später ließ

er sich in der alten Kaiserstadt Goslar am Harz nieder. Dort

erwarb er 1650 das Bürgerrecht, wurde 1652 Achtsmann, 1660

Stadthauptmann und ist am 28. Mai 1678 im 71. Lebensjahr,

nachdem er mit seiner bei der Belagerung Magdeburgs gewonnenen

Ehefrau 47 Jahre im glücklichsten Ehestand gelebt hatte,

gestorben. Seine Witwe überlebte ihn noch lange. Sie starb

erst im Jahre 1696 im 85. Jahr ihres Lebens, nachdem sie von

11 Kindern Mutter, von 31 Enkeln Großmutter, von 30 Urenkeln

Urgroßmutter geworden war.«

Die älteste Tochter dieser Anna Maria Crevet-Volkmar, namens

_Anna_, die am 1. August 1636 geboren wurde, heiratete einen

_Hans Siemens_, Stadthauptmann und Achtsmann zu Goslar. Sie

brachte in das Geschlecht der Siemens eine Eigentümlichkeit

hinein, die es bis heute bewahrt hat, nämlich den Kinderreichtum.

Kommen doch in einzelnen Fällen 13, 14 und 15 Kinder eines

Ehepaars vor. Das Geschlecht ist noch heute sehr ausgebreitet.

An einem Familientag waren nicht weniger als 63 Vertreter des

Geschlechts versammelt. Augenblicklich zählt die Familie 38

Mitglieder.

Vom Anfang des achtzehnten Jahrhunderts ab bis auf den Vater der

vier berühmten Brüder sind die Ahnen der Siemens meist Landwirte

gewesen. Aber das Interesse für mechanisch-technische Dinge und

die Erfinderbegabung treten doch mit jenen nicht zum erstenmal in

diesem Geschlecht auf.

Schon ein Großonkel der Brüder beschäftigte sich in seinen

Mußestunden viel mit optischen Instrumenten und fertigte gern

Mikroskope und Fernrohre als Geschenke für seine Verwandten an.

Der Onkel Ernst Franz Siemens, der 1780 in Lutter am Barenberg

geboren wurde, hat das Sieden und Zerkleinern der Kartoffel

bei hoher Temperatur und die Anwendung des Wasserdampfs zur

Destillation in die Brennerei eingeführt. Sein Sohn Karl Georg

errichtete in Braunschweig die erste große Zuckerfabrik mit

Dampfeinrichtung und war Professor der technischen Werkstatt an

der Hochschule zu Hohenheim. Ein anderer Sohn, Adolf Siemens,

der Offizier bei der Hannoverschen Artillerie war, erfand eine

Verbesserung der Schrapnelleinrichtung und einen elektrischen

Apparat zum Entfernungsmessen für Geschütze. So ist es also

nicht etwas Neues, sondern nur eine freilich rasche und

großartige Weiterentwicklung, wenn Werner Siemens den Ruhm des

Familiennamens über die ganze Erde trug.

Er wurde am 13. Dezember 1816 als der Sohn des Landwirts

_Christian Ferdinand Siemens_ und seiner Gattin _Eleonore_, der

Tochter des Amtsrats Deichmann in Poggenhagen, zu _Lenthe_ bei

Hannover geboren. Die Eltern hatten 14 Kinder, nämlich 11 Söhne

und 3 Töchter. Das älteste Kind war Ludwig, von dem wir nichts

näheres wissen, da er verschollen und ohne Kinder gestorben ist.

_Mathilde_, die geliebte Schwester von Werner, war das zweite

Kind. Dann folgte ein Sohn Werner, der kurz nach der Geburt

gestorben ist. Unser großer Ernst Werner Siemens war das vierte

Kind seiner Eltern, Wilhelm das achte, Friedrich das neunte und

Karl das zehnte.

Das Obergut Lenthe, auf dem die Eltern lebten, liegt an einem

bewaldeten Bergrücken, der vom Deistergebirge abfällt. Es gehörte

zu der damaligen Königlich Großbritannischen Provinz Hannover,

deren staatliche Organisation noch fast mittelalterlich war. Der

Vater wagte es einstmals, ein Rudel der Hirsche einzusperren,

die in großer Zahl die Saaten auf schlimmste Weise verwüsteten,

aber von niemand angegriffen werden durften. Sofort wurde

vom Oberhofjägeramt in Hannover eine Untersuchung gegen ihn

eingeleitet, und der Vater hatte es nur einem Glückszufall

zu verdanken, daß er mit einer schweren Geldstrafe davonkam.

Dieses Erlebnis gab ihm Anlaß, ein Land mit freieren Zuständen

aufzusuchen, und er pachtete die Domäne Menzendorf im Fürstentum

Ratzeburg, das zu -- Mecklenburg gehörte. Dort hat Werner

glückliche Jugendjahre verlebt. Die ökonomischen Verhältnisse im

Elternhaus waren freilich recht trübselig; die Domäne warf nur

einen geringen Gewinn ab, viel zu wenig, um eine so zahlreiche

Familie zu ernähren.

Bis zu seinem elften Lebensjahr unterrichtete Großmutter

Deichmann -- geborene von Scheiter, wie sie nie ihrer Unterschrift

beizufügen vergaß -- ihren Enkelsohn, und auch der Vater erteilte

einige Unterrichtsstunden. Dann wurde die einfache Bürgerschule

des eine Stunde weit entfernten Städtchens Schöneberg bezogen.

Die wissenschaftlichen Resultate dort waren, wie Werner Siemens

selbst feststellt, recht mäßig.

Im Jahre 1828 berief der Vater für seine Kinder einen Hauslehrer,

den Kandidaten der Theologie _Sponholz_, der Ausgezeichnetes

geleistet haben muß, da Werner seiner noch in hohem Alter mit

lebhafter Dankbarkeit gedachte. Leider machte Sponholz nach

einigen Jahren seinem Leben durch Selbstmord ein Ende, und nun

kam ein trockener Pedant als Lehrer ins Haus, der vieles verdarb,

was die Kinder vorher schon in sich aufgenommen hatten.

Als auch dieser Mann im Siemensschen Haus gestorben war, wurde

Werner endlich einem systematischen Unterricht zugeführt, indem

man ihn auf die Katharinenschule, ein Gymnasium zu Lübeck,

sandte. Bei der Prüfung erwies er sich als reif für die Aufnahme

in Obertertia. Es hat ihm viel Verdruß bereitet, daß auf diesem

Gymnasium ein fast ausschließlicher Wert auf das Erlernen

der alten Sprachen gelegt wurde. Für diese hatte er gar kein

Interesse, da es bei den grammatischen Regeln »nichts zu denken

und nichts zu erkennen gab«. Fast gar nicht gepflegt wurde die

Mathematik, für die der junge Werner eine starke Begeisterung

fühlte, und in der er auch schon viel wußte, obgleich seine

beiden Hauslehrer gar nichts davon verstanden hatten. Nur aus

einem inneren Drang heraus hatte er sich so lebhaft mit dieser

Wissenschaft beschäftigt, daß er auf dem Gymnasium in dieser

Disziplin sogleich eine höhere Klasse besuchen durfte. Schon in

der Sekunda ließ er das Studium des Griechischen vollständig

fallen und nahm statt dessen Privatstunden in Mathematik und

Feldmessen, um sich für das Baufach vorzubereiten, das einzige

technische Fach, das es damals gab.

Sein glühender Wunsch war, an der Bauakademie in Berlin studieren

zu dürfen. Aber die sehr geringen Mittel des Vaters erlaubten

ihm das nicht. Sein Lehrer im Feldmessen, der Leutnant im

Lübecker Kontingent Freiherr von Bülzinglöwen, der früher bei

der preußischen Artillerie gedient hatte, empfahl ihm, beim

preußischen Ingenieurkorps einzutreten, wo er mit Aufwendung

geringer Summen dasselbe lernen könnte wie auf der Bauakademie.

Das schien Werner hoffnungsreich zu sein, und um Ostern 1834, in

seinem siebzehnten Lebensjahr, nahm er Abschied vom Elternhaus,

um nach der preußischen Hauptstadt überzusiedeln.

Wir wissen nicht, mit welchen Gefühlen die Eltern, damals wohl

schon kränklich und von schweren Sorgen niedergedrückt, ihren

Sohn haben fortziehen lassen. Sie mögen ihn als einen Jüngling

betrachtet haben, der mit etwas exzentrischen Ideen aus der Art

schlug, da er durchaus nicht in dem hergebrachten Kreis der

Landwirte bleiben wollte. Niemand konnte gewiß ahnen, daß die

als Kuriosität betrachtete Vorliebe für die Mathematik so hohe

Bedeutung für das ganze Geschlecht gewinnen sollte.

Die Anfänge

Wir Heutigen haben Mühe, uns die Zeitumstände vorzustellen,

unter denen der junge Werner nach Berlin ging. Ging im wahren

Sinn des Worts, denn er mußte über die Chaussee wandern, da es

eine regelmäßige Verbindung von Mecklenburg nach Berlin nicht

gab, und er auch gar nicht imstande gewesen wäre, die Fahrkosten

aufzubringen.

Für die Mecklenburger zog er ins Ausland, in das fremde, immer

mit einem gewissen Schrecken betrachtete preußische Gebiet

hinein. Die Bauern von Menzendorf, die den Knaben liebgewonnen

hatten, sandten sogar eine Abordnung an den Vater, um ihn

zu bitten, »so einen gauden Jungen« doch nicht nach Preußen

gehen zu lassen, wo er notwendigerweise verhungern müsse. Sie

dachten, daß das ganze Land aus demselben unfruchtbaren Sand

bestünde wie der preußisch-mecklenburgische Grenzrand. Irgendein

deutsches Zusammengehörigkeitsgefühl war noch nicht vorhanden;

nur der Vater ahnte schon mit ziemlicher Klarheit, daß der Staat

Friedrichs des Großen Deutschland einstmals zur Größe emporführen

würde.

So trug also der künftige Offiziersaspirant sein gewiß nicht

allzu schweres Ränzel über die staubige Landstraße einer

Zukunft entgegen, deren Größe ihm durch keine Fata Morgana

angezeigt wurde. Der erste Mensch, der sich ihm auf dem neuen

Lebensweg beigesellte, war ein junger Knopfmacher. Der zog

auch nach Berlin, und mit ihm nahm Werner Siemens in der

Knopfmacherherberge sein erstes Quartier.

Das sollte ihm bald sehr übelgenommen werden. Er hatte eine

Empfehlung an einen entfernten Verwandten, den Leutnant von Huet

bei der reitenden Gardeartillerie, bei sich; diesen suchte er

auf und versetzte ihn in größten Schrecken durch die Mitteilung,

daß er in der standesunwürdigen Knopfmacherherberge übernachtet

habe. Der Leutnant ließ sofort das Ränzel abholen, den jungen

Mann in einem besseren Hotel in der Neuen Friedrichstraße

unterbringen und sandte ihn zum General von Rauch, den damaligen

Chef des Ingenieurkorps.

Der junge Werner trug nun dem General seinen Wunsch vor, als

Avantageur sich das Recht auf Einberufung zur Artillerie- und

Ingenieurschule zu erdienen. Aber auch hier sollte er keinen

Erfolg haben. Der General riet dringend ab, da so viel Vormänner

vorhanden wären, daß der Eintritt in die Schule vielleicht erst

in vier bis fünf Jahren stattfinden könnte. Er empfahl jedoch,

zur Artillerie zu gehen, wo die Aussichten besser seien und eine

gleiche Schulbildung erworben werden könnte. Der junge Siemens

sah ein, daß dieser Weg wohl der beste sein würde, und mit guter

Empfehlung versehen, fuhr er nach Magdeburg zum Kommandeur der

dritten Artilleriebrigade, dem Obersten von Scharnhorst, einem

Sohn des großen Organisators der preußischen Armee.

Hier stehen wir nun an der Wurzel des wissenschaftlichen

Werdegangs von Werner Siemens, der also ebenso im soldatischen

Bezirk seinen Anfang nahm wie die Entwicklung eines anderen

Großen, dessen Lebenslauf er später kreuzen sollte, Hermann

Helmholtz'.

Der Oberst von Scharnhorst machte auch noch einige

Schwierigkeiten. Die Zulassung zur Artillerielaufbahn sollte von

dem Ausfall eines Examens abhängig gemacht werden. Und auch die

Erlaubnis zur Teilnahme an der Prüfung konnte nicht ohne weiteres

erteilt werden, denn Siemens war ja als Mecklenburger für Preußen

ein Ausländer und mußte zuvor vom mecklenburgischen Militärdienst

freigekauft werden. Das ging keinesfalls geschwind. Erst als er

sich schon zum Examen begeben wollte und mit großen Sorgen den

Freikaufbrief vermißte, kam der Vater selbst auf einem leichten

Wagen nach Magdeburg gefahren und übergab seinem Sohn das

Dokument, das er der langsamen Beförderung durch die Post nicht

hatte anvertrauen wollen.

Siemens hatte sich, obwohl er ausgezeichnete Kenntnisse in der

Mathematik besaß, auf das Examen mühselig vorbereiten müssen, da

hierbei auch in Geschichte, Geographie und Französisch geprüft

wurde; diese Fächer hatte er auf dem Lübecker Gymnasium nur sehr

oberflächlich getrieben. Große Kenntnisse hatte er denn darin

auch nicht erreicht, am wenigsten in der Erdkunde, aber im Examen

half ihm einer jener zahlreichen Zufälle, denen unser großer

Mann im Leben so häufig als fördernden oder hemmenden Elementen

begegnen sollte.

Die kleine Episode hat uns Werner Siemens selbst in seinen

»Lebenserinnerungen« erzählt, einem der schönsten Volksbücher,

die wir besitzen; jeder Jüngling sollte es lesen, der sich zu

Ausdauer und großen Taten kräftigen will, und jeder Mann, der

Erbauung sucht in der Darstellung eines Lebens, das voll ist

von Suchen und Finden, von jauchzendem Hoffen und unverzagtem

Bescheiden, von Fehlschlägen und prachtvollem Gelingen.

Das dramatische Erlebnis bei der Prüfung trug sich so zu:

»Examinator war ein Hauptmann Meinicke, der den Ruf eines sehr

gelehrten und dabei originellen Mannes hatte. Er galt für einen

großen Kenner des Tokaierweins, wie ich später erfuhr, und das

mochte ihn wohl veranlassen, nach der Lage von Tokai zu forschen.

Niemand wußte sie, worüber er sehr zornig wurde. Mir als letztem

der Reihe fiel zum Glück ein, daß es Tokaierwein gab, der einst

meiner kranken Mutter verordnet war, und daß der auch Ungarwein

benannt wurde. Auf meine Antwort: »In Ungarn, Herr Hauptmann!«

erhellte sich sein Gesicht, und mit dem Ausruf: »Aber, meine

Herren, Sie werden doch den Tokaierwein kennen!« gab er mir die

beste Zensur in der Geographie.«

So zählte Siemens schließlich zu den vier Glücklichen, die das

Examen am besten bestanden. Gewissermaßen haben wir es also dem

feurigen Erzeugnis der ungarischen Weinberge zu verdanken, daß

er seine Laufbahn in einigermaßen brauchbarer Weise beginnen

konnte. Wer weiß, wohin seine Entwicklung geführt hätte, wenn der

prüfende Lehrer dem Tokaierwein nicht ergeben gewesen wäre.

Es fehlte aber immer noch eine Planke auf der Brücke, die

zur Zukunft führen sollte. Der »Ausländer« mußte erst eine

ausdrückliche königliche Genehmigung für den Eintritt ins

preußische Heer haben. Sie wurde ihm schließlich erteilt und

ward das Eingangstor zu dem Bezirk, den er mit seinem Ruhm

erfüllen sollte. »Ich betrachte,« so schrieb Siemens später, »die

Kabinettsorder Friedrich Wilhelms III., die mir den Eintritt in

die preußische Armee gestattete, als die Eröffnung der einzigen

für mich damals geeigneten Bahn, auf der meine Tatkraft sich

entfalten konnte.«

Nun ward der junge Artillerist auf dem Domplatz zu Magdeburg

gedrillt. Und schon nach sechs Monaten erhielt er die Beförderung

zum Bombardier; das war ein Dienstgrad, der ungefähr unserem

heutigen Obergefreiten entspricht. Bei den Schießübungen wurde er

zum erstenmal seiner besonderen technischen Begabung gewahr, denn

es schien ihm hier alles selbstverständlich, was die anderen nur

schwer begriffen.

Im Herbst des Jahres 1835 erhielt Siemens endlich das ersehnte

Kommando zur Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin. Die

drei Jahre, die er hier zubrachte, zählt er selbst zu den

glücklichsten seines Lebens. Ein wiederum günstiger Zufall

wollte es, daß er hier drei sehr bedeutende Naturwissenschaftler

als Lehrer vorfand, den Mathematiker und Physiker _Ohm_, der

das für die Elektrizitätslehre grundlegende Ohmsche Gesetz

aufstellte, den Physiker _Magnus_ und den Chemiker _Erdmann_.

Nur durch eisernen Fleiß gelang es Siemens, das Fähnrich-, das

Armeeoffizier- und endlich das Artillerieexamen zu bestehen;

mit großer Not und ohne Auszeichnung kam er durch diese Klippen

hindurch, da ihm eben die feste wissenschaftliche Grundlage

fehlte. Soweit er irgend Zeit hatte, beschäftigte er sich darum

mit seinen Lieblingswissenschaften Mathematik, Physik und Chemie,

und diesen Disziplinen hat er sein ganzes Leben hindurch eine

treue Zuneigung bewahrt.

Nun war er Sekondeleutnant und kehrte im Sommer 1838 aus Berlin

wieder zu seinem Truppenteil nach Magdeburg zurück.

Es begann eine Zeit schwerer Sorgen und Kümmernisse. Während

eines vierwöchigen Urlaubs besuchte er mit seinem Freund William

_Meyer_ das Heimatdorf, und die Wiedersehensfreude mit der

vielköpfigen Familie war groß und rührend. Die preußischen

Offiziersuniformen imponierten den braven Dörflern lebhaft, und

sie begannen einzusehen, daß es in Preußen doch wohl noch andere

Menschen geben müsse als Hungerleider. Damals feierte auch die

älteste Schwester Mathilde ihre Hochzeit mit dem Professor Karl

_Himly_ aus Göttingen.

Der Bruder Wilhelm sollte nach der Absicht der Eltern Kaufmann

werden. Aber Werner erkannte klar, daß dieses für Wilhelm keine

geeignete Laufbahn wäre. Mit großherzigem Entschluß nahm er ihn

gelegentlich seines Besuchs in Lenthe aus dem Lübecker Gymnasium

und ließ ihn, nachdem die Genehmigung der widerstrebenden

Eltern erlangt war, mit nach Magdeburg übersiedeln, wo er seine

Erziehung mit treuer Sorge überwachte. Er erteilte dem Bruder

selbst an jedem Morgen von fünf bis sieben Uhr mathematischen

Unterricht und veranlaßte ihn auch, sich mit der englischen

Sprache zu beschäftigen. Beides ist für Wilhelm in der Folge von

grundlegender Bedeutung geworden. Um sein eigenes Verdienst zu

verdecken, schrieb Werner Siemens später, »daß der dem Bruder

erteilte mathematische Unterricht für ihn selbst sehr nützlich

gewesen sei, da er dazu beigetragen habe, ihn allen Verlockungen

des Offizierslebens siegreich widerstehen zu lassen.«

Zu systematischer wissenschaftlicher Weiterbildung war jetzt

wenig Zeit. Aber Werner Siemens begann doch schon ein wenig

technisch zu experimentieren. Und das wäre ihm beinahe schlecht

bekommen. Der erste Versuch brachte gleich ein jähes, nicht

gerade angenehmes Erlebnis. Er hat es in den »Lebenserinnerungen«

dargestellt:

»Ich hatte gehört, daß mein Vetter, der hannöversche

Artillerieoffizier A. Siemens, erfolgreiche Versuche mit

Friktionsschlagröhren angestellt hatte, die anstatt der damals

noch ausschließlich gebrauchten brennenden Lunte zum Entzünden

der Kanonenladung benutzt werden sollten. Mir leuchtete die

Wichtigkeit dieser Erfindung ein, und ich entschloß mich, selbst

Versuche nach dieser Richtung zu machen. Da die versuchten

Zündmittel nicht sicher genug wirkten, so rührte ich in

Ermangelung besserer Gerätschaften in einem Pomadennapf mit sehr

dickem Boden einen wässerigen Brei von Phosphor und chlorsaurem

Kali zusammen und stellte den Napf, da ich zum Exerzieren

fortgehen mußte, gut zugedeckt in eine kühle Fensterecke.

»Als ich zurückkam und mich mit einiger Besorgnis nach meinem

gefährlichen Präparat umsah, fand ich es zu meiner Befriedigung

noch in derselben Ecke stehen. Als ich es aber vorsichtig

hervorholte und das in der Masse stehende Schwefelholz, welches

zum Zusammenrühren gedient hatte, nur berührte, entstand eine

gewaltige Explosion, die mir den Tschako vom Kopf schleuderte

und sämtliche Fensterscheiben samt den Rahmen zertrümmerte. Der

ganze obere Teil des Porzellannapfes war als feines Pulver im

Zimmer umhergeschleudert, während sein dicker Boden tief in das

Fensterbrett eingedrückt war.

»Als Ursache dieser ganz unerwarteten Explosion stellte sich

heraus, daß mein Bursche beim Reinmachen des Zimmers das Gefäß

in die Ofenröhre gesetzt und dort einige Stunden hatte trocknen

lassen, bevor er es wieder an denselben Platz zurücktrug.

Wunderbarerweise war ich nicht sichtlich verwundet, nur hatte der

gewaltige Luftdruck die Haut meiner linken Hand so gequetscht,

daß Zeigefinger und Daumen von einer großen Blutblase bedeckt

waren. Leider war mir aber das rechte Trommelfell zerrissen, was

ich sogleich daran erkannte, daß ich die Luft durch beide Ohren

ausblasen konnte; das linke Trommelfell war mir schon im Jahre

vorher bei einer Schießübung geplatzt. Ich war infolgedessen

zunächst ganz taub und hatte noch keinen Laut gehört, als

plötzlich die Tür meines Zimmers sich öffnete, und ich sah,

daß das ganze Vorzimmer mit entsetzten Menschen angefüllt war.

Es hatte sich nämlich sofort das Gerücht verbreitet, einer der

beiden im Quartier wohnenden Offiziere hätte sich erschossen.

»Ich habe infolge dieses Unfalls lange an Schwerhörigkeit

gelitten und leide auch heute noch hin und wieder daran, wenn

sich die verschlossenen Risse in den Trommelfellen gelegentlich

wieder öffnen.«

Es gelang also vorläufig noch nicht, eine wichtige Erfindung zu

machen, und das war um so betrüblicher, als die finanzielle Lage

der Brüder allmählich immer bedenklicher wurde.

Am 8. Juli 1839 starb die heißgeliebte Mutter, und ein halbes

Jahr später, am 16. Januar 1840, schied auch der Vater aus

dem Leben, zermürbt vom vergeblichen Ringen um den Erwerb des

Lebensunterhalts für seine Familie und niedergebeugt von schwerer

Sorge, da die Landwirtschaft damals Erkleckliches nicht abwerfen

wollte. Es ist ein tragisches Geschick, daß die Eltern dahingehen

mußten, bevor noch ein Ahnungsschimmer von dem künftigen Aufstieg

ihres Sohns ein wenig lichte Freude in ihr trübes Dasein hatte

bringen können.

Auf den ältesten der dem Haus nahegebliebenen Söhne fiel nun

als schwere Last die Sorge um die sämtlichen Kinder. Die Domäne

Menzendorf wurde den Brüdern Hans und Ferdinand übertragen, die

jüngste Schwester Sophie nahm ein Onkel Deichmann in Lübeck an

Kindesstatt an, und die jüngsten Brüder Walter und Otto blieben

zunächst noch bei der Großmutter in Menzendorf.

Später hat Werner Siemens noch einige der Brüder zu sich

genommen, und immer schwerer drängte sich ihm die Notwendigkeit

auf, Geldmittel zum Unterhalt für sich und die Geschwister

herbeizuschaffen. Er fühlte, daß dies mit Hilfe von Erfindungen

wohl am leichtesten der Fall sein würde.

Mehr Muße hierzu als in Magdeburg fand er in der kleinen

Garnisonstadt Wittenberg, wohin er im Jahre 1840 kommandiert

wurde.

Kurze Zeit vorher hatte _Jacobi_ in Dorpat die _Galvanoplastik_

erfunden, und gerade als Siemens in dem allzu kleinstädtischen

Leben von Wittenberg nach anregender Betätigung suchte, kamen

die ersten Nachrichten von dieser so wichtigen Erfindung nach

Deutschland. Siemens versuchte sofort, die Methode nachzumachen,

und es gelang ihm auch, mit Hilfe des galvanischen Stroms aus

einer Lösung von Kupfervitriol Kupferniederschläge auf anderen

Metallen zu erhalten. Sein lebhafter Geist führte ihn sofort

weiter. Er dachte, daß es doch möglich sein müsse, ebenso wie man

Niederschläge aus Kupfer erhielt, auf gleiche Weise auch solche

von Gold oder Silber zu erzielen. Daß Gegenstände aus unedlen

Metallen, die mit Gold oder Silber überzogen wären, einen sehr

viel höheren Wert bekommen müßten, war ohne weiteres einleuchtend.

Einem an sich fatalen Erlebnis, wieder einem plötzlichen Blitz

aus der Schicksalswolke, durfte er es verdanken, daß er seine

Erfindungsabsicht in voller Ruhe ausarbeiten konnte.

Erste Erfindungen

Siemens hatte an einem der zahlreichen Duelle, wie sie unter den

Offizieren der kleinen Garnison häufig vorkamen, als Sekundant

teilgenommen, und der Zufall wollte es, daß das Vorkommnis

zur Anzeige gelangte. Die Strafen, die das Gesetz damals den

Duellteilnehmern androhte, waren äußerst streng. Die Duellanten

wurden demzufolge zu zehn, Siemens zu fünf Jahren Festungshaft

verurteilt.

Als er sich nach der Zitadelle von Magdeburg begab, um dort seine

Strafe anzutreten, versorgte er sich beim Vorübergehen in einer

Chemikalienhandlung mit den Mitteln, um seine elektrolytischen

Versuche fortsetzen zu können. Er richtete sich in der Zelle

ein kleines Laboratorium ein und experimentierte mit Gold in

unterschwefligsaurem Natron. Diese Flüssigkeit benutzte er zur

Anstellung eines ersten galvanoplastischen Vergoldungsversuchs.

Er gelang über alles Erwarten gut.

»Ich glaube,« so schreibt er darüber, »es war eine der größten

Freuden meines Lebens, als ein neusilberner Teelöffel, den ich,

mit dem Zinkpol eines Daniellschen Elementes verbunden, in einen

mit unterschwefligsaurer Goldlösung gefüllten Becher tauchte,

während der Kupferpol mit einem Louisdor als Anode verbunden

war, sich schon in wenigen Minuten in einen goldenen Löffel vom

schönsten, reinsten Goldglanze verwandelte.«

Die goldenen Löffel, die der Leutnant Siemens durch Zauberkraft

aus unechten zu erzeugen vermochte, erregten ein solches

Aufsehen, daß die Kunde davon über die festen Mauern der

Zitadelle hinaus bis in die Stadt drang. Ein Magdeburger Juwelier

erschien in der Zelle und kaufte dem jungen Erfinder das Recht

zur Anwendung seines Verfahrens für 40 Louisdor ab. So gelangte

auf galvanoplastischem Weg auch Gold in Siemens' Portemonnaie,

und er hatte nun die Mittel, seine Versuche fortzusetzen. Im

Jahre 1842 nahm er sein erstes Patent, das damals nicht länger

als fünf Jahre lief, »auf ein Verfahren, Gold behufs der

Vergoldung auf nassem Wege mittels des galvanischen Stromes

aufzulösen«.

Nun gerade, wo es notwendig war, weiter an dem Verfahren zu

arbeiten, erschien unerwartet der wachthabende Offizier in

der Zelle und überreichte Siemens zu seinem nicht geringen

Schrecken, wie er bekennt, die königliche -- Begnadigung.

Das war ein schwerer Schlag für ihn, denn die Zelle war

vollgestopft mit allen erdenklichen chemischen Stoffen und

elektrischen Einrichtungen, und es erschien dem jungen Erfinder

ganz unmöglich, diese rasch und glücklich nach dem noch ganz

unbekannten Ort zu schaffen, wohin man ihn jetzt versetzen würde.

Er tat darum einen nicht ganz gewöhnlichen Schritt.

Er schrieb nämlich an den Festungskommandanten ein Gesuch,

in dem er bat, noch einige Zeit in seiner Gefangenenzelle

verbleiben zu dürfen, in der er mehr edles Metall zu finden

hoffen durfte als in der goldenen Freiheit. Man nahm ihm aber

eine solche Undankbarkeit gegen eine königliche Gnade sehr übel

und bestand darauf, daß er sich sofort empfehle. Gerade um die

Mitternachtsstunde wurde er mit sanfter Gewalt aus der Zitadelle

entfernt und befand sich nun inmitten seiner Habseligkeiten

hilflos auf der Straße. So kann auch die Gnadensonne einmal wie

ein Schadenfeuer wirken.

Aber so ganz verlassen, wie er geglaubt hatte, war er doch

nicht. Die vorgesetzte Behörde war offenbar auf seine chemischen

Talente aufmerksam gemacht worden, und man sandte ihn nicht nach

Wittenberg zurück, sondern kommandierte ihn nach Spandau zur

Lustfeuerwerkerei-Abteilung. Hier konnte er seine chemische Kunst

lebhaft betätigen, und er machte in dem neuen Wirkungsbereich

so rasche Fortschritte, daß ihm ein Feuerwerk, welches er am

Geburtstag der Kaiserin von Rußland im Park des Prinzen Carl in

Glienicke bei Potsdam abbrannte, wegen der Pracht der Farben viel

Ehre und Anerkennung eintrug.

Aber das war doch ein totes Gleis, und zu seiner größten

Freude erhielt er bald das längst gewünschte Kommando zur

Artilleriewerkstatt in Berlin. Hier war der Ort, wo er seine

naturwissenschaftlichen und technischen Kenntnisse, die, wie

er wohl wußte, an manchen Stellen noch recht mangelhaft waren,

weiter vervollständigen konnte.

Aber noch immer sollte er nicht zu einer systematischen

Ausgestaltung seines Wissens gelangen. »Das verdammte Geld,« so

schrieb er damals, »ist doch der Knüppel, den man stets am Halse

trägt.« Er meinte mit diesem Knüppel das Geld, das man nicht

besitzt.

Die Verpflichtung, für die jüngeren Geschwister zu sorgen,

drückte immer schwerer, je weiter diese heranwuchsen. Hans und

Ferdinand hatten zwar noch immer die Domänenpachtung, aber das

aus der Bewirtschaftung gewonnene Geld reichte bei weitem nicht

zu der Erziehung der Kinder aus. Der Zwang, Geld verdienen zu

müssen, war darum die Peitsche, die Werner vorläufig immer noch

von der Wissenschaft forttrieb. Mit Hilfe von Erfindungen dachte

er auch jetzt noch, Fortunas Rockzipfel leichter ergreifen zu

können.

Vor allem suchte er nun sein Patent auf galvanoplastische

Vergoldung und Versilberung richtig zu verwerten. Er trat mit der

Neusilberfabrik von J. Henniger in Berlin in Verbindung, die sein

Verfahren in größerem Maßstab anwenden wollte und ihn am Gewinn

beteiligte. Damit entstand die erste galvanoplastische Anstalt in

Deutschland.

Der Gewinn, der in Werner Siemens' Tasche floß, war aber gering,

und bald trieb die weitere Not ihn dazu, alle Ansprüche aus dem

Vertrag für 800 Taler an die Firma Henniger zu verkaufen. Kaum

war dies geschehen, so vergrößerte Henniger seine Fabrikation,

die bis dahin nur schwächlich betrieben worden war, ganz

bedeutend und zog weiter ansehnliche Gewinne aus dem Verfahren.

Werner von Siemens, der Begründer der modernen Elektrotechnik · 第 1 / 14 段