VIII.

Nach Wochen einer grausam verlorenen Einsamkeit konnte Severin sein

Verlangen, Mylada wieder zu sehn, nicht mehr bezähmen. Die blutleeren

Gespinste, die seine Phantasie ihm vorgaukelte und die er im Schatten der

Nächte verfolgte, führten ihn immer wieder zu der Stelle hin, wo das Licht

der Weinstube wie ein großes und blendendes Rad auf die Gasse fiel. Nathans

Mahnung fand keinen Widerhall mehr in seiner Seele. Geduckt vor Scham und

von Sehnsucht verwüstet, fand er sich eines Abends wieder in der »Spinne«

ein.

Er brachte es nicht mehr über sich, den letzten und bittersten Stachel

seines Leidens länger zu entbehren. Mylada sah über ihn hinweg, wie über

einen fremden und unbekannten Gast. Aber an ihrer Stimme, die sich lüstern

bog, an ihren Augen mit der goldenen Arglist in den Pupillen, entfachte er

das Gedächtnis an ihre Leidenschaft und ihre böse und verderbliche Liebe.

Er rief jene Stunde in seine Erinnerung zurück, wo sie als Nonne verkleidet

zu ihm gekommen war. Er schauerte und seufzte unter ihren Küssen und hielt

entzückt den Spuk in seinen Armen, der ihn einmal im Sommer unter den

Akazien verwirrt hatte.

Nun saß er mit aufgestützten Armen unter den anderen. Zwischen den

vorgehaltenen Fingern hindurch sah er Mylada mit den Männern scherzen und

fand die Linien ihres Leibes unter dem Gewand. Der Buchhändler Lazarus

schaukelte sie auf den Knien. Sein Kahlkopf drängte sich an ihre Brüste,

und Severin sah die Furchen seiner Schädelknochen unter der gespannten

Haut. Der Abend kam ihm in den Sinn, wo er mit dem Feldstein bewaffnet

durch die Stadt gelaufen war, um einen Menschen zu töten. Mylada spielte

mit dem Barte, der ungepflegt und schütter von den schlaffen Kiefern des

Alten hing, und in ihren hellen Augen ging die Wolke auf, die er darin

kannte. Ein widerwärtiges Gefühl rutschte ihm wie eine schleimige Faust

durch die Kehle. Er trank sein Glas leer und ging auf die Gasse.

* * * * *

Draußen breitete sich der tiefe und unausschöpfliche Nachthimmel des

Winters über die Stadt. Es war nirgends ein Stern zu sehn und der

abziehende Herbst schleifte eine klebrige, naßkalte Schleppe von Dünsten

hinter sich her und fegte damit das Pflaster. Bei der Maschine eines

fahrenden Teekochers blakte ein winziges Lämpchen; zwei Dirnen mit

Federhüten und hellgelben Sommermänteln nahmen dort eine hastige Mahlzeit

ein und unterhielten sich lachend. Severin trat hinzu und kaufte ein paar

Zigaretten. Eines der Mädchen sprach ihn an und bettelte um ein

Zwanzighellerstück. Er griff in die Tasche und reichte ihr eine Handvoll

Silbermünzen.

Eine gleichgültige und verschlossene Herbheit hatte sich seiner bemächtigt.

Er wußte nicht, wohin er gehn und was er beginnen solle. Aus dem

teppichbelegten Hausflur einer Bar schlug ihm ein warmer Fuselgeruch ins

Gesicht, und der Portier legte grüßend die Hand an die Mütze. Severin

gedachte der Jahre, wo er sein Leben in solchen Lokalen verschlagen hatte.

Ein bohrender Wunsch nach dieser Zeit übermannte ihn. Damals besaß er eine

Zufluchtstätte. In der Dürftigkeit und in der Enge seines Daseins war er

nicht allein; einfältige Begierden leisteten ihm Gesellschaft, weinerliche

Ahnungen von der Größe und der Irrsal der Welt. Jetzt wußte er es besser.

Zerstört und beschmutzt, verbraucht und entkräftet ging er im Unrat

zugrunde, weil ihm ein Animiermädchen den Laufpaß gegeben hatte.

Jetzt konnte er auch das Wort verstehn, das Nathan Meyer im Munde führte.

Es gab welche, für die der Glanz des Lebens nur ein Trugfeuer war.

Höhnische mit unseligen Händen, Parias, die eine hündische Angst durch die

Straßen hetzte, Mörder und Gezeichnete. Das war die Gilde, zu der auch

Severin gehörte.

Er hatte es immer gefühlt, schon damals, wie er als Knabe in dem wilden

Buche las und nach Abenteuern hungerte. In den blassen Flammen seiner

wurmstichigen Jugend war immer ein rötlicher Rauch gewesen, der aus den

schlimmen Verstecken seines Herzens kam. Das Glück der andern war ihm ein

kindisches Bilderrätsel. Planlos hatte er mit dem Schicksal gespielt und

war an seinen armseligen Mausefallen vorbeigestolpert, ohne sich zu

verletzen.

Er sah auf und merkte, daß er im Kreise beständig denselben Weg gegangen

war. Das Lämpchen des Teekochers glomm vor ihm in der kleinen Laterne, und

die weiße Schürze des Mannes leuchtete in der Finsternis. Severin

unterdrückte ein Schluchzen. Der da hatte ein Heim und das Kerzenstümpchen

in dem zerbrochenen Glase brannte in einem friedfertigen Licht.

Und er? Und Severin?

Tief, in der innersten Seele spürte er einen Schmerz. Ein süßes, unter

Scherben und Kehricht vergrabenes Frauenbild hob das vergrämte Antlitz zu

ihm. Aber er warf den Kopf in den Nacken und wollte es nicht sehn.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 30 / 54 题