Nach Wochen einer grausam verlorenen Einsamkeit konnte Severin sein
Verlangen, Mylada wieder zu sehn, nicht mehr bezähmen. Die blutleeren
Gespinste, die seine Phantasie ihm vorgaukelte und die er im Schatten der
Nächte verfolgte, führten ihn immer wieder zu der Stelle hin, wo das Licht
der Weinstube wie ein großes und blendendes Rad auf die Gasse fiel. Nathans
Mahnung fand keinen Widerhall mehr in seiner Seele. Geduckt vor Scham und
von Sehnsucht verwüstet, fand er sich eines Abends wieder in der »Spinne«
ein.
Er brachte es nicht mehr über sich, den letzten und bittersten Stachel
seines Leidens länger zu entbehren. Mylada sah über ihn hinweg, wie über
einen fremden und unbekannten Gast. Aber an ihrer Stimme, die sich lüstern
bog, an ihren Augen mit der goldenen Arglist in den Pupillen, entfachte er
das Gedächtnis an ihre Leidenschaft und ihre böse und verderbliche Liebe.
Er rief jene Stunde in seine Erinnerung zurück, wo sie als Nonne verkleidet
zu ihm gekommen war. Er schauerte und seufzte unter ihren Küssen und hielt
entzückt den Spuk in seinen Armen, der ihn einmal im Sommer unter den
Akazien verwirrt hatte.
Nun saß er mit aufgestützten Armen unter den anderen. Zwischen den
vorgehaltenen Fingern hindurch sah er Mylada mit den Männern scherzen und
fand die Linien ihres Leibes unter dem Gewand. Der Buchhändler Lazarus
schaukelte sie auf den Knien. Sein Kahlkopf drängte sich an ihre Brüste,
und Severin sah die Furchen seiner Schädelknochen unter der gespannten
Haut. Der Abend kam ihm in den Sinn, wo er mit dem Feldstein bewaffnet
durch die Stadt gelaufen war, um einen Menschen zu töten. Mylada spielte
mit dem Barte, der ungepflegt und schütter von den schlaffen Kiefern des
Alten hing, und in ihren hellen Augen ging die Wolke auf, die er darin
kannte. Ein widerwärtiges Gefühl rutschte ihm wie eine schleimige Faust
durch die Kehle. Er trank sein Glas leer und ging auf die Gasse.
* * * * *
Draußen breitete sich der tiefe und unausschöpfliche Nachthimmel des
Winters über die Stadt. Es war nirgends ein Stern zu sehn und der
abziehende Herbst schleifte eine klebrige, naßkalte Schleppe von Dünsten
hinter sich her und fegte damit das Pflaster. Bei der Maschine eines
fahrenden Teekochers blakte ein winziges Lämpchen; zwei Dirnen mit
Federhüten und hellgelben Sommermänteln nahmen dort eine hastige Mahlzeit
ein und unterhielten sich lachend. Severin trat hinzu und kaufte ein paar
Zigaretten. Eines der Mädchen sprach ihn an und bettelte um ein
Zwanzighellerstück. Er griff in die Tasche und reichte ihr eine Handvoll
Silbermünzen.
Eine gleichgültige und verschlossene Herbheit hatte sich seiner bemächtigt.
Er wußte nicht, wohin er gehn und was er beginnen solle. Aus dem
teppichbelegten Hausflur einer Bar schlug ihm ein warmer Fuselgeruch ins
Gesicht, und der Portier legte grüßend die Hand an die Mütze. Severin
gedachte der Jahre, wo er sein Leben in solchen Lokalen verschlagen hatte.
Ein bohrender Wunsch nach dieser Zeit übermannte ihn. Damals besaß er eine
Zufluchtstätte. In der Dürftigkeit und in der Enge seines Daseins war er
nicht allein; einfältige Begierden leisteten ihm Gesellschaft, weinerliche
Ahnungen von der Größe und der Irrsal der Welt. Jetzt wußte er es besser.
Zerstört und beschmutzt, verbraucht und entkräftet ging er im Unrat
zugrunde, weil ihm ein Animiermädchen den Laufpaß gegeben hatte.
Jetzt konnte er auch das Wort verstehn, das Nathan Meyer im Munde führte.
Es gab welche, für die der Glanz des Lebens nur ein Trugfeuer war.
Höhnische mit unseligen Händen, Parias, die eine hündische Angst durch die
Straßen hetzte, Mörder und Gezeichnete. Das war die Gilde, zu der auch
Severin gehörte.
Er hatte es immer gefühlt, schon damals, wie er als Knabe in dem wilden
Buche las und nach Abenteuern hungerte. In den blassen Flammen seiner
wurmstichigen Jugend war immer ein rötlicher Rauch gewesen, der aus den
schlimmen Verstecken seines Herzens kam. Das Glück der andern war ihm ein
kindisches Bilderrätsel. Planlos hatte er mit dem Schicksal gespielt und
war an seinen armseligen Mausefallen vorbeigestolpert, ohne sich zu
verletzen.
Er sah auf und merkte, daß er im Kreise beständig denselben Weg gegangen
war. Das Lämpchen des Teekochers glomm vor ihm in der kleinen Laterne, und
die weiße Schürze des Mannes leuchtete in der Finsternis. Severin
unterdrückte ein Schluchzen. Der da hatte ein Heim und das Kerzenstümpchen
in dem zerbrochenen Glase brannte in einem friedfertigen Licht.
Und er? Und Severin?
Tief, in der innersten Seele spürte er einen Schmerz. Ein süßes, unter
Scherben und Kehricht vergrabenes Frauenbild hob das vergrämte Antlitz zu
ihm. Aber er warf den Kopf in den Nacken und wollte es nicht sehn.