VII.

Wie eine Stichflamme, die jählings in die Höhe fährt und die Brandnacht

schrecklich erleuchtet, war die Liebe zu Mylada in das Leben Severins

gekommen. Ein furchtbares und einsames Grauen umfing ihn nun, als sie sich

von ihm abwandte und ihn nach einigen Wochen einer selbstvergessenen und

eigenwilligen Laune wieder den frostigen Schatten überließ. Er vermochte es

nicht zu glauben, daß er wieder allein war. Die Glut hatte seine Seele wie

ein taubes Gehäuse ausgehöhlt und er verstand es nicht, daß nur die Asche

davon übriggeblieben war und der Schmerz vereiterter und häßlich

flackernder Wunden. Mit der Raserei des Verlorenen bäumte er sich gegen das

Schicksal.

Jeden Tag wartete er in seinem Zimmer auf ihren Besuch. Der Zeiger der

Stockuhr ging knackend an den Viertelstunden vorbei und es wurde spät.

Mylada kam nicht mehr. Er schlug mit dem Gesichte auf die Erde und aus dem

entstellten Munde floß der Speichel und das Blut und durchnäßte den

Teppich.

Abends in der Weinstube packte er ihren Arm. Er grub seine Nägel bis auf

den Knochen, daß sie schwankend nach Hilfe schrie und mit wütenden Bissen

sein Handgelenk zerfleischte. Endlich riß sie sich los.

Ich will nicht mehr! Es ist zu Ende!

Von Ekel geschüttelt, floh er auf die Gasse. Ein Luftstoß entführte ihm den

Hut, aber er beachtete es nicht. Barhäuptig, vom Jammer vernichtet, lief er

durch die Nacht und das Entsetzen kam riesengroß hinter ihm her und er

konnte ihm nicht entweichen. Die Uniform eines Schutzmannes blinkte neben

ihm auf und eine befehlende Stimme rief ihn an. Severin antwortete mit

einem Fluche und rannte weiter.

In den Feldern hinter der Vorstadt blieb er stehn. Der Atem quoll ihm

röchelnd aus der Kehle, seine Adern klopften und drohten seinen Hals zu

zersprengen. Er riß sich den Kragen auf und allmählich gelang es ihm

wieder, sich zu besinnen. Die Wolken, die über den Himmel trieben,

zerteilten sich für eine Weile und entblößten den Mond. Severin erkannte

die Landschaft. Ein verfallenes Gehöft erhob sich in der Nähe, das schon

seit langem niemand mehr bewohnte. Im Sommer nächtigten die Stromer

zwischen den zerspaltenen Mauern und bei Tage suchten noch manchmal die

Lumpensammler in dem alten Kehricht nach Schätzen.

Ein paar Schritte weiter mündete der Fußweg auf der Landstraße ein. Der

Neubau der großen Fabriken ragte an ihrem Rande und dahinter begannen die

Friedhöfe. Seit dem Tode des Doktor Konrad war Severin nicht in dieser

Gegend gewesen. Seine Gedanken gingen über die Tage hin, die seit dem

Begräbnis verflossen waren und fanden sich zerstückelt und erschreckt in

der Wirklichkeit zurecht. Der Mond verschwand und über den Feldern ballte

sich die Finsternis. Severin lief weiter. Immer mehr entfernte er sich von

der Stadt und kehrte ihren trüben Lichtern den Rücken zu. Der Nachtwind

kämmte seine Haare und griff ihm durch das offene Hemd an seine nackte

Brust. Sein Blut wurde ruhiger und stürmte nicht mehr. Hinter dem

Gittertore des Kirchhofs stand der Baum neben dem Grabe Konrads, der ihn

einmal bis in den Schlaf verfolgt hatte. Severin lachte, als er vorüberkam.

Er nahm eine Scholle von der Erde auf und warf sie über die Mauer.

Eine furchtsame Müdigkeit fesselte seine Füße. Er dachte an das Gehöft an

der Straße. Wenn er sich dort bis zum Morgen verkroch, mußte er nicht mehr

in die Stadt zurück und er wollte schlafen. Es fiel ihm ein, daß sich erst

kürzlich die Zeitungen mit dem Bauernhofe beschäftigt hatten. Ein

Selbstmord war dort geschehn und man fand die Leiche eines Offiziers

zwischen dem alten Schutte. Severin hatte ihn gekannt; es war ein Stammgast

aus der »Spinne«. Er erinnerte sich an den Abend, als Karla die Nachricht

von seinem Tode in die Weinstube brachte. Damals kümmerte er sich nicht

darum, weil ihn die Liebe zerwühlte und ihm Augen und Ohren verschloß.

Jetzt sah er deutlich den Zusammenhang. Ein trostloser, mit Geschwüren

beladener Haß brach in ihm auf; er hob die Hand und drohte mit der Faust in

die Dunkelheit.

* * * * *

Die Zeit, die dieser Nacht nachfolgte, brachte Severin den Niederbruch. Die

zähe Lebenskraft, die er besaß und die allen Ausschweifungen und Krisen

standgehalten hatte, zerbrach und zerbröckelte unter der Gewalt einer

hoffnungslosen Traurigkeit. Er meldete sich krank und ging nicht mehr in

sein Bureau. Es war ihm unmöglich, etwas zu tun und zu denken, das nicht zu

der selbstquälerischen Lust in einer Beziehung stand, mit der er seinen

Schmerz genoß und immer wieder von Anbeginn erneuerte. Ein unbarmherziger

und verwahrloster Zorn überfiel ihn nach Stunden einer in sich gekehrten

Teilnahmslosigkeit. Dann trat ihm der Schaum vor die Lippen und er

erstickte seine gräßlichen Schreie in den Kissen des Bettes. Mit den

geballten Händen zerschlug er das Glas des Spiegels, das ihm seine

zerrissene Stirne und seine vom Wachen getöteten Augen zeigte. Er ging den

Leuten aus dem Wege, die ihn auf der Straße ansahn und sich vorsichtig nach

ihm umwandten, wenn sie sein graues Gesicht mit den verquollenen

Tränensäcken erkannten.

So fand ihn Nathan Meyer eines Abends vor der »Spinne«. Er starrte in den

Lichtkreis der Türlampe und seine Zähne schlugen aneinander, als Nathan auf

ihn zukam und seine Hand auf seine Schulter legte.

Gehn Sie nicht mehr da hinein! sagte er.

Seine Stimme war weich und es klang jener zärtliche und bestimmte Grundton

darin, mit dem die Erwachsenen zu den Kindern reden.

Gehn Sie nie wieder da hinein, Severin!

Dann faßte er ihn unter den Arm und führte ihn die Treppen hinauf in seine

Stube. Severin folgte ihm, ohne sich zu sträuben.

Was wollen Sie von mir, Nathan? -- fragte er nur und sein geschwächter

Körper lehnte sich an die große Gestalt des Mannes.

Nathan Meyer schraubte die Lampe auf und rückte seinem Gaste einen Stuhl

zurecht. Er stellte eine Schachtel mit den langen und schmächtigen

Zigaretten vor ihn hin, die er aus seiner Heimat bezog und die er selbst

unaufhörlich eine an der andern entzündete.

Rauchen Sie!

Und dann begann er mit langen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehn.

Severin saß und hörte ihm zu. Es war dasselbe, was er schon damals im

Kaffeehause erfahren hatte. In kurzen, von der Erregung zerhackten Sätzen

predigte der Russe den Krieg gegen die Welt. Aber es war noch etwas

anderes, was sich in seinen Worten verriet, eine freundschaftliche

Anteilnahme, eine ungeschminkte Besorgnis, die ihn aus seinem Munde

sonderbar berührte und die er sich nicht zu erklären wußte.

Was wollen Sie von mir? -- fragte er noch einmal.

Nathan Meyer blieb vor ihm stehn.

Ich habe Sie gern, Severin!

Er neigte sich lächelnd vor.

Sie gehören zu uns! Sie gehören zur Gilde!

Zur Gilde? -- Was ist das?

Aber er erhielt keine Antwort auf seine Frage. Nathan klapperte mit dem

Schlüsselbunde und schloß den Schreibtisch auf.

Sie können unterdessen die Dinger da besichtigen, während ich unten eine

Flasche Wein besorge. -- Aber geben Sie acht mit Ihrer Zigarette!

Severin erhob sich und zog neugierig die schwere Lade auf. Nathan Meyer

hatte ihn allein gelassen und ein merkwürdiges Gefühl überkam ihn in dem

Zimmer, wo die Bücherregale die Wände bis zur Decke verkleideten und der

Lampenschein auf den alten Möbeln flimmerte. In der Truhe ruhten

wohlverwahrt eiserne Sprengbomben in allen Formen, kugelförmige

Handgranaten, eirunde und viereckige Büchsen mit weißen Zündschnuren

nebeneinander.

Severin stand mit gebeugtem Rücken vor der geöffneten Lade. Ein hellroter,

wollüstig schleppender Gedanke ging durch sein Gehirn und seine Hände

stießen schlotternd gegen die Manschette. Wählerisch prüfte er ein jedes

Stück mit den Augen. Ein mittelgroßes, wunderlich gestaltetes Ding lag wie

ein schwarzes Herz zwischen den andern. Severin nahm es und schob es in die

Tasche.

Nun? -- meinte Meyer, als er mit zwei Gläsern und einer gefüllten Karaffe

wieder ins Zimmer trat.

Ein Spielzeug für Kinder! murmelte er verächtlich, als Severin stillschwieg

und sperrte den Schreibtisch ab.

Kommen Sie, wir wollen ein Glas auf die Gilde trinken!

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 29 / 54 题