Severin zählte nicht mehr die Zeit, seitdem Mylada seine Geliebte geworden
war. In einem einzigen, alles überflutenden, bunten und brennenden
Blendwerk vergingen ihm die Tage. Alles was früher eine Bedeutung für ihn
hatte, was ihn verstimmte und erregte, verschwand aus seinem Leben, als ob
es niemals darin gewesen wäre. Mit der sorglosen Sicherheit des
Schlafwandlers kam er den Beschäftigungen nach, die sein Dasein
umfriedeten. Er tat seine Arbeit im Bureau, ohne den Druck zu empfinden,
der sonst immer auf diesen Stunden lastete. Er fühlte nicht mehr den bösen
und heimtückischen Haß in den Dingen, die ihn früher beleidigten und er
hatte nur Raum in sich für die grenzenlosen Schwelgereien seiner Liebe.
Niemals hatte er geglaubt, daß ein Weib es vermöchte, was er jetzt täglich
an sich erfuhr. Die Abgründe einer Glückseligkeit öffneten sich vor ihm, in
der er mit wilden und verirrten Sinnen und einer gelähmten Seele untersank.
Mylada verstand seinen Körper. Mit der klugen und hellsichtigen
Verderbtheit ihrer erfahrenen Jugend begriff sie sein Wesen und machte sich
den Launen untertan, die sie darin entdeckte. Sie fand die Schlupfwinkel
seiner Begierden und ging ihnen bis zu den Wurzeln seiner Nerven nach. Sie
lehrte ihn die bizarren und zügellosen Spiele der Liebe kennen und ihre
Zärtlichkeit berauschte ihn. Ihre Küsse waren erfinderisch und das Glück,
das sie ihm bereiteten, war eine sündhafte und verzweifelte Lustbarkeit.
Oft, wenn sie an seinem Halse hing und eine wollüstige Wolke ihre Augen
verdeckte, verlor er das Gedächtnis der Gegenwart. Das Zimmer, in dem sie
weilten, kam ihm fremd und wunderlich vor und die Lampe vor seinem Bette
gab ein absonderliches Licht. Er sah die Funken hinter den Lidern Myladas
tanzen und eine goldene Welle löschte in seinem Gehirn die Gedanken aus.
Ihr schwacher und zerbrechlicher Leib hatte eine ungeahnte Kraft der Liebe
in sich. Es war eine Leidenschaft in ihr, die sich schrankenlos
verschenkte, die sich an Severin hing und ihn erschöpfte. Die Frauen waren
für ihn immer eine Enttäuschung gewesen. In den Abenteuern mit ihnen hatte
die große und zwingende Gewalt gefehlt, die hinreißen und gebieten konnte,
die unwiderstehlich und tödlich war. Jetzt brach zum ersten Male der Blitz
in sein Leben, der es zerstieß und erhellte. Zuweilen kam ungewollt eine
Erinnerung an ihn heran und das Bildnis Zdenkas erschien ihm und bettelte.
Wenn er des Nachts aus dem Schlafe fuhr und die Dunkelheit betrachtete, kam
es zu ihm und wollte ihn retten. Der Glanz ihrer blonden Haare verfing sich
dann noch einmal in seinem Herzen und von fernher läutete ihre Stimme wie
eine Glocke. Aber der nächste Tag führte ihn wieder mit Mylada zusammen und
an ihrem Munde vergaß er die Welt.
Wenn der Nachmittag kam und die Oktoberschatten an den Wänden zerstäubten,
saß er zu Hause und wartete. Die Geräusche der Straße klangen undeutlich
und verändert von unten herauf und die vorüberfahrenden Wagen erschütterten
die Dielen. Manchmal blieb ein Sausen und Stampfen in seinem Kopfe, das ihn
erschreckte und das er nicht loswerden konnte. Er hielt sich die Ohren mit
den Händen zu und merkte, daß es von innen kam und daß der Lärm in ihm war.
Eine angstvolle Bangigkeit wühlte in seinen Gedärmen. Bis dann die Klingel
ging und Mylada in sein Zimmer trat und den Mantel öffnete.
Er liebte alles, was zu ihr gehörte. Jedes Kleid, das sie auf ihrem
glühenden Körper trug, wurde ihm zum Fetisch. In den Maschen des Schleiers,
den sie einmal in seiner Wohnung zurückgelassen hatte, suchte er ihren Atem
zu erwecken und der Duft der Handschuhe, die er ihr stahl, tröstete ihn in
den Stunden, wo er sie nicht besaß. Wenn sie mit grausam tändelnden Fingern
sich vor ihm entkleidete, dann warf ihn das Verhängnis vor ihre Füße, dem
er nicht mehr entrinnen konnte und vor dem er in die Knie fiel.
Schluchzend, von einer überirdischen Seligkeit gepeinigt, berührte er ihr
Hemd mit den Lippen.
Er wußte, daß er Zdenka endgültig und für immer geopfert hatte, als er sie
um Myladas willen verließ. Aber es war zu spät für die Umkehr und es war
ein leerer und gespenstischer Gedanke für ihn, daß es eine Zeit gegeben,
die nicht bis zum Rande von der Liebe voll war, die ihn verzehrte. Oft,
wenn er sie in die Arme schloß und wenn sie sich wie ein ungebärdiges Kind
auf seinem Schoße zusammenrollte, dann schauten ihn die Augen der Nonne
unter ihren Wimpern an, die er im Sommer auf ihrem Kirchgang begleitet
hatte. Er erzählte ihr seine Begegnung und daß er sie lächeln gesehn, als
er an ihrer Seite das Gegrüßet seist du Regina! betete. Mylada lachte und
begann von ihrer Schwester zu sprechen, die schon seit Jahren tot war und
nannte ihn einen Geisterseher. Aber Severin ließ es sich nicht nehmen und
blieb bei seiner Geschichte. Klar und wirklich stand das weiße Gesicht des
jungen Weibes vor seiner Seele und in seinem Innern glomm das schwüle Feuer
unheiliger Wünsche weiter, an dem er sich damals entzündet hatte.
Mylada ließ ihm seine Phantasien. Mit dem reizbaren Instinkt, mit dem sie
die Männer beherrschte, erkannte sie bald, daß sich hier eine Quelle neuer
und komplizierter Genüsse verbarg, die sie ausgraben mußte, um sie zu
verkosten. Einmal kam sie später als sonst, als schon die Dämmerung des
Herbstabends sein Zimmer verdüsterte. Fiebernd, von der Erwartung zerstört,
öffnete er die Türe. Und vor ihm stand wortlos und ruhig, die frommen Hände
über der Brust gekreuzt, die junge Nonne, wie er sie einmal unter den
Ufer-Akazien gesehn hatte. Die Kutte floß weit und faltig über ihre Glieder
und unter der schwarzen Haube glänzten die Sternenaugen.
Regina! stammelte er.
Da fiel sie ihn mit einem Jauchzen an und ihre Lippen saugten sich in
seinen Mund. An ihren Küssen erst erkannte er Mylada. Er riß das rauhe
Kleid entzwei, unter dem ihr Fleisch wie eine matte und schöne Seide
schimmerte. Er nahm sie um den Gürtel und trug sie auf sein Bett.
Regina! Regina!
Und ein wunderbares und überlebensgroßes Glück rann ihm wie siedendes
Metall ins Blut und brannte in sein armes, von der Liebe bewältigtes Herz
eine süße, korallenrote Narbe.
* * * * *
Die Nächte, die auf diese Nachmittage folgten, verbrachte Severin von nun
an in der »Spinne«. Abgesondert von den übrigen, saß er auf seinem Platz
und sah den Gästen zu, die sich um Mylada bemühten. Sie hatte für jeden ein
Wort, ein Aufleuchten der Stimme, ein halblautes Versprechen, das jeder für
sich allein zu besitzen glaubte und das die Wangen eines jeden mit einer
verschwiegenen Röte färbte. Zwischendurch aber flog ihr Blick zu Severin
hinüber und wenn sie an ihm vorüberging, streifte sie mit den Fingern über
sein Haar. Sie sah ihn an, wenn sie die Lieder sang, die er liebte und in
denen die Musik seiner Kindheit mitklang. Auch sie besaß die wiegende und
schwärmerische Anmut der slavischen Frauen, die ihn bei Zdenka bestochen
hatte. Aber in ihr war eine gefährliche Behendigkeit, eine listige
Sentimentalität, die an der Oberfläche haftete und die ihr Wesen nicht
enträtselte. Severin trank den tiefroten Wein, den Karla ihm eingoß und
rührte sich nicht. Er nahm keinen Anteil an der Fröhlichkeit, die sich an
ihn drängte und sie erweckte ihn nicht aus seinem Versunkensein. Mitten in
der exaltierten Tollheit der andern war er mit Mylada allein und er dachte
heimlich an die Stunde, wo sie ihm wieder gehören würde.
Es war schon hell, wenn er am frühen Morgen sein Glas austrank und auf die
Straße trat. Ein Mann mit einer Stange über den Schultern ging vor ihm her
und drehte die letzten Laternen aus. Eine Truppe geschwätziger Weiber kam
ihm entgegen, die große Körbe auf dem Rücken schleppten. Es waren die
Händlerinnen, die das Gemüse auf den Frühmarkt trugen. Ohne sich erst
auszukleiden, legte er sich zu Hause zum Schlafe nieder.
Einmal, als sich wieder bei Tagesanbruch die Türe des Weinhauses hinter ihm
verriegelte, stand Nathan Meyer neben ihm. Sein dünner Mund verzog sich
höhnisch, als er Severin begrüßte und mit ihm noch ein Stück weit durch die
Gasse ging. Er räusperte sich unruhig und schüttelte den Kopf beim
Abschied.
Sie ist ein Luder! -- sagte er mehrmals durch die Zähne und Severin wußte
nicht, ob darin Freude oder eine Warnung lag.
Mit einer sonderbaren, fast väterlichen Miene sah ihm der Russe in die
Augen.
Sie ist ein Luder, Severin: -- -- Glauben Sie mir, -- sie ist ein Luder!