VI.

Severin zählte nicht mehr die Zeit, seitdem Mylada seine Geliebte geworden

war. In einem einzigen, alles überflutenden, bunten und brennenden

Blendwerk vergingen ihm die Tage. Alles was früher eine Bedeutung für ihn

hatte, was ihn verstimmte und erregte, verschwand aus seinem Leben, als ob

es niemals darin gewesen wäre. Mit der sorglosen Sicherheit des

Schlafwandlers kam er den Beschäftigungen nach, die sein Dasein

umfriedeten. Er tat seine Arbeit im Bureau, ohne den Druck zu empfinden,

der sonst immer auf diesen Stunden lastete. Er fühlte nicht mehr den bösen

und heimtückischen Haß in den Dingen, die ihn früher beleidigten und er

hatte nur Raum in sich für die grenzenlosen Schwelgereien seiner Liebe.

Niemals hatte er geglaubt, daß ein Weib es vermöchte, was er jetzt täglich

an sich erfuhr. Die Abgründe einer Glückseligkeit öffneten sich vor ihm, in

der er mit wilden und verirrten Sinnen und einer gelähmten Seele untersank.

Mylada verstand seinen Körper. Mit der klugen und hellsichtigen

Verderbtheit ihrer erfahrenen Jugend begriff sie sein Wesen und machte sich

den Launen untertan, die sie darin entdeckte. Sie fand die Schlupfwinkel

seiner Begierden und ging ihnen bis zu den Wurzeln seiner Nerven nach. Sie

lehrte ihn die bizarren und zügellosen Spiele der Liebe kennen und ihre

Zärtlichkeit berauschte ihn. Ihre Küsse waren erfinderisch und das Glück,

das sie ihm bereiteten, war eine sündhafte und verzweifelte Lustbarkeit.

Oft, wenn sie an seinem Halse hing und eine wollüstige Wolke ihre Augen

verdeckte, verlor er das Gedächtnis der Gegenwart. Das Zimmer, in dem sie

weilten, kam ihm fremd und wunderlich vor und die Lampe vor seinem Bette

gab ein absonderliches Licht. Er sah die Funken hinter den Lidern Myladas

tanzen und eine goldene Welle löschte in seinem Gehirn die Gedanken aus.

Ihr schwacher und zerbrechlicher Leib hatte eine ungeahnte Kraft der Liebe

in sich. Es war eine Leidenschaft in ihr, die sich schrankenlos

verschenkte, die sich an Severin hing und ihn erschöpfte. Die Frauen waren

für ihn immer eine Enttäuschung gewesen. In den Abenteuern mit ihnen hatte

die große und zwingende Gewalt gefehlt, die hinreißen und gebieten konnte,

die unwiderstehlich und tödlich war. Jetzt brach zum ersten Male der Blitz

in sein Leben, der es zerstieß und erhellte. Zuweilen kam ungewollt eine

Erinnerung an ihn heran und das Bildnis Zdenkas erschien ihm und bettelte.

Wenn er des Nachts aus dem Schlafe fuhr und die Dunkelheit betrachtete, kam

es zu ihm und wollte ihn retten. Der Glanz ihrer blonden Haare verfing sich

dann noch einmal in seinem Herzen und von fernher läutete ihre Stimme wie

eine Glocke. Aber der nächste Tag führte ihn wieder mit Mylada zusammen und

an ihrem Munde vergaß er die Welt.

Wenn der Nachmittag kam und die Oktoberschatten an den Wänden zerstäubten,

saß er zu Hause und wartete. Die Geräusche der Straße klangen undeutlich

und verändert von unten herauf und die vorüberfahrenden Wagen erschütterten

die Dielen. Manchmal blieb ein Sausen und Stampfen in seinem Kopfe, das ihn

erschreckte und das er nicht loswerden konnte. Er hielt sich die Ohren mit

den Händen zu und merkte, daß es von innen kam und daß der Lärm in ihm war.

Eine angstvolle Bangigkeit wühlte in seinen Gedärmen. Bis dann die Klingel

ging und Mylada in sein Zimmer trat und den Mantel öffnete.

Er liebte alles, was zu ihr gehörte. Jedes Kleid, das sie auf ihrem

glühenden Körper trug, wurde ihm zum Fetisch. In den Maschen des Schleiers,

den sie einmal in seiner Wohnung zurückgelassen hatte, suchte er ihren Atem

zu erwecken und der Duft der Handschuhe, die er ihr stahl, tröstete ihn in

den Stunden, wo er sie nicht besaß. Wenn sie mit grausam tändelnden Fingern

sich vor ihm entkleidete, dann warf ihn das Verhängnis vor ihre Füße, dem

er nicht mehr entrinnen konnte und vor dem er in die Knie fiel.

Schluchzend, von einer überirdischen Seligkeit gepeinigt, berührte er ihr

Hemd mit den Lippen.

Er wußte, daß er Zdenka endgültig und für immer geopfert hatte, als er sie

um Myladas willen verließ. Aber es war zu spät für die Umkehr und es war

ein leerer und gespenstischer Gedanke für ihn, daß es eine Zeit gegeben,

die nicht bis zum Rande von der Liebe voll war, die ihn verzehrte. Oft,

wenn er sie in die Arme schloß und wenn sie sich wie ein ungebärdiges Kind

auf seinem Schoße zusammenrollte, dann schauten ihn die Augen der Nonne

unter ihren Wimpern an, die er im Sommer auf ihrem Kirchgang begleitet

hatte. Er erzählte ihr seine Begegnung und daß er sie lächeln gesehn, als

er an ihrer Seite das Gegrüßet seist du Regina! betete. Mylada lachte und

begann von ihrer Schwester zu sprechen, die schon seit Jahren tot war und

nannte ihn einen Geisterseher. Aber Severin ließ es sich nicht nehmen und

blieb bei seiner Geschichte. Klar und wirklich stand das weiße Gesicht des

jungen Weibes vor seiner Seele und in seinem Innern glomm das schwüle Feuer

unheiliger Wünsche weiter, an dem er sich damals entzündet hatte.

Mylada ließ ihm seine Phantasien. Mit dem reizbaren Instinkt, mit dem sie

die Männer beherrschte, erkannte sie bald, daß sich hier eine Quelle neuer

und komplizierter Genüsse verbarg, die sie ausgraben mußte, um sie zu

verkosten. Einmal kam sie später als sonst, als schon die Dämmerung des

Herbstabends sein Zimmer verdüsterte. Fiebernd, von der Erwartung zerstört,

öffnete er die Türe. Und vor ihm stand wortlos und ruhig, die frommen Hände

über der Brust gekreuzt, die junge Nonne, wie er sie einmal unter den

Ufer-Akazien gesehn hatte. Die Kutte floß weit und faltig über ihre Glieder

und unter der schwarzen Haube glänzten die Sternenaugen.

Regina! stammelte er.

Da fiel sie ihn mit einem Jauchzen an und ihre Lippen saugten sich in

seinen Mund. An ihren Küssen erst erkannte er Mylada. Er riß das rauhe

Kleid entzwei, unter dem ihr Fleisch wie eine matte und schöne Seide

schimmerte. Er nahm sie um den Gürtel und trug sie auf sein Bett.

Regina! Regina!

Und ein wunderbares und überlebensgroßes Glück rann ihm wie siedendes

Metall ins Blut und brannte in sein armes, von der Liebe bewältigtes Herz

eine süße, korallenrote Narbe.

* * * * *

Die Nächte, die auf diese Nachmittage folgten, verbrachte Severin von nun

an in der »Spinne«. Abgesondert von den übrigen, saß er auf seinem Platz

und sah den Gästen zu, die sich um Mylada bemühten. Sie hatte für jeden ein

Wort, ein Aufleuchten der Stimme, ein halblautes Versprechen, das jeder für

sich allein zu besitzen glaubte und das die Wangen eines jeden mit einer

verschwiegenen Röte färbte. Zwischendurch aber flog ihr Blick zu Severin

hinüber und wenn sie an ihm vorüberging, streifte sie mit den Fingern über

sein Haar. Sie sah ihn an, wenn sie die Lieder sang, die er liebte und in

denen die Musik seiner Kindheit mitklang. Auch sie besaß die wiegende und

schwärmerische Anmut der slavischen Frauen, die ihn bei Zdenka bestochen

hatte. Aber in ihr war eine gefährliche Behendigkeit, eine listige

Sentimentalität, die an der Oberfläche haftete und die ihr Wesen nicht

enträtselte. Severin trank den tiefroten Wein, den Karla ihm eingoß und

rührte sich nicht. Er nahm keinen Anteil an der Fröhlichkeit, die sich an

ihn drängte und sie erweckte ihn nicht aus seinem Versunkensein. Mitten in

der exaltierten Tollheit der andern war er mit Mylada allein und er dachte

heimlich an die Stunde, wo sie ihm wieder gehören würde.

Es war schon hell, wenn er am frühen Morgen sein Glas austrank und auf die

Straße trat. Ein Mann mit einer Stange über den Schultern ging vor ihm her

und drehte die letzten Laternen aus. Eine Truppe geschwätziger Weiber kam

ihm entgegen, die große Körbe auf dem Rücken schleppten. Es waren die

Händlerinnen, die das Gemüse auf den Frühmarkt trugen. Ohne sich erst

auszukleiden, legte er sich zu Hause zum Schlafe nieder.

Einmal, als sich wieder bei Tagesanbruch die Türe des Weinhauses hinter ihm

verriegelte, stand Nathan Meyer neben ihm. Sein dünner Mund verzog sich

höhnisch, als er Severin begrüßte und mit ihm noch ein Stück weit durch die

Gasse ging. Er räusperte sich unruhig und schüttelte den Kopf beim

Abschied.

Sie ist ein Luder! -- sagte er mehrmals durch die Zähne und Severin wußte

nicht, ob darin Freude oder eine Warnung lag.

Mit einer sonderbaren, fast väterlichen Miene sah ihm der Russe in die

Augen.

Sie ist ein Luder, Severin: -- -- Glauben Sie mir, -- sie ist ein Luder!

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 28 / 54 题