Es kamen die Regentage und wuschen die letzten Spuren des Sommers mit sich
fort. Auf den Parkwegen stand das Wasser in großen Lachen und auf den
Bänken klebten die Blätter, die der Wind von den Bäumen riß. Die Droschken
fuhren mit nassen Lederdächern durch die Stadt, und die Buben pantschten
mit nackten Füßen durch die Pfützen und bauten am Rande des Gehsteigs
kleine Dämme aus dem Straßenkot. Rascher als sonst um diese Jahreszeit
dämmerte der Abend hinter dem feuchten Himmel.
Severin stand beim Fenster. Das spärliche Leben des Vorstadtbezirkes, in
dem er wohnte, ging langsam in zögernden Pausen durch den Nachmittag. Ein
Kohlenwagen ratterte über die Steine und die großen Lastpferde senkten
mißmutig die Köpfe. Ein Mann eilte mit schnellen Schritten die Häuser
entlang und sein schwarzer Tuchschirm glänzte vor Nässe. Hie und da stieg
ein schmutziger Papierdrache in die Höhe, den ein Kind an einem Faden durch
den Regen zerrte; dann fing er schwer und ängstlich zu flattern an und fiel
auf die Erde. In dem Kaufmannsladen an der Ecke surrte die Türglocke; eine
junge Frau mit gebrannten Stirnhaaren trat heraus und schaute prüfend in
das Wetter. Dann hob sie die Röcke hoch, daß man die hübschen Beine bis zu
den Knien sehen konnte und lief die Straße hinunter.
Severin dachte an den Herbstregen in seinen Kinderjahren. Es war alles wie
heute und die Knabenwünsche gruben in seinem Herzen ein wehleidiges Heimweh
auf. Auch die Kaufmannsklingel gegenüber dem Vaterhause hatte denselben
Klang. Severin wartete ungeduldig, bis unten wieder die Türe gehen würde.
Einmal war er an der Lungenentzündung erkrankt, als ganz kleiner Junge,
lange bevor er zur Schule mußte. Da hatte ihn manchmal ein eigentümliches
Gefühl beschlichen, während er zu Hause im Bette lag und das schräge Licht
der Gasse auf die gemalten Blumen auf der Zimmerdecke fiel. Draußen
hantierte die Mutter in der Küche und von irgendwoher kam der langgezogene
Ton eines Leierkastens. Da hatte das Fieber in sein Gehirn eine
merkwürdige, kreisrunde Stelle genagt, die sich weich anfühlen mochte und
mit einer feinen Membran bedeckt war. Es fiel ihm auch ein Vergleich ein;
er erinnerte sich an die Bonbons, die er sich damals für einen Kreuzer auf
dem Markte kaufte. Wenn der Zucker im Munde zerfloß, dann spürte er unter
der papierdünnen Rinde die flüssige Fülle mit der Zungenspitze. Lange war
dieses Gefühl in ihm verschollen gewesen und nicht mehr wiedergekommen.
Jetzt war es wieder da, klar und bestimmt und Severin erkannte es wieder.
Ein Schwarm von vertrauten, durch die Jahre verwaschenen Bildern kam
zugleich in ihm herauf, die er seitdem vergessen hatte und die der Regentag
wieder in sein Gedächtnis spülte. Die rußige Pawelatsche mit dem
Eisengeländer, wo er mit dem Bruder kindische Spiele ersann und mit der
Gummischleuder nach den Katzen im Garten jagte. Die alte Julinka, die das
Gnadenbrot im Hause aß und dafür die zersprungenen Holzstiegen scheuern
mußte. Die Sommerabende vor der offenen Türe, wenn ihm die roten Wolken
zwischen den Dächern die ersten unverstandenen Tränen brachten und die
Dienstmädchen in den Nachbarhöfen die tschechischen Lieder anstimmten,
deren banale Süßigkeit ihn noch heute bewegte.
Auch Mylada kannte diese Lieder.
Severin lehnte den Kopf gegen die glatte Scheibe. Ein bettelhafter Schmerz
verzog seine Lippen zum Weinen.
* * * * *
Die Nacht war gekommen und hatte den Regen in einen triefenden Nebel
verwandelt, der durch die Fensterspalten in die Wohnungen drang und die
Träume der Schlafenden beunruhigte. Severin hielt es nicht zu Hause. Er war
seit dem Mittag nicht auf der Straße gewesen und ein stechender Krampf
trieb ihm das Blut in die Schläfen. Er hatte Zdenka heute vergeblich warten
lassen und eine lästige Reue staute sich in seinen Gedanken, wie der Dunst,
der draußen die Gaslaternen verschleierte. Er zog den Wetterkragen um die
Schultern und stülpte die Kapuze über den Hut.
Auf dem Marktplatze der Vorstadt scheuchte er zwei Gestalten auf, die sich
hinter den leeren Bretterbuden der Obstverkäufer umschlungen hielten.
Severin blieb stehn und sah ihnen zu, bis der Mann ihn gewahrte und mit dem
Mädchen in die Dunkelheit flüchtete. Eine übermächtige Sehnsucht nach dem
einfachen Glück dieser Menschen erfaßte ihn. Mit einer dumpfen und
grüblerischen Spannung versuchte er zum hundertsten Male die Spur zu
ergründen, die ihn seitab in eine unselige Wildnis des Lebens führte. Und
eine schmerzliche, von Bangigkeit erdrückte, von Zweifeln zerrissene,
ohnmächtige Lüsternheit nach den Küssen des Weibes verzehrte ihn jäh, das
sein Begehren in derselben Stunde entfacht hatte, in der ihm Lazarus vom
Tode seines Kindes sprach.
Vor der Rampe des Museums machte er Halt. Vor ihm lag der Wenzelsplatz und
der Herbstdampf hing in weißen Wolken zwischen den elektrischen Flammen.
Severin breitete die Arme aus.
Mylada! rief er und seine Stimme flatterte wie ein zitternder Vogel durch
den Nebel.
* * * * *
In der »Spinne« zeigte der Zeiger der Wanduhr schon die zwölfte Stunde. Das
Lokal war überfüllt und ein aufreizender Geruch nach vergossenem Wein
schwamm über den Tischen. An den grünen Rauchringen der Zigarren kletterte
das Gelächter empor und fiel mit Gekreisch wieder zu Boden. Der Lärm der
Gespräche schwoll zum Getöse an, das sich nicht hemmen ließ und das
glucksend abbrach, wenn die Musik begann oder einer der Gäste mit lauter
Stimme ein Lied anstimmte. Karla selbst in einem bunten und verführerischen
Kostüme saß beim Klavier. Ihr schöner Kopf bog sich zurück, während sie
spielte und berührte den Nacken.
Severin setzte sich hinter sie und bestellte eine Flasche. Die dicke und
verdorbene Luft des Zimmers benahm ihm den Atem und der Schweiß brach aus
seinen Poren und klebte das Hemd an seine Haut. Karla spielte die Melodien,
die die Leute verlangten. Das falsche und lügnerische Gefasel der Operetten
girrte unter ihren Fingern und das Aroma ihres Leibes perlte mit dem Wein
durch die Kehlen und verbrannte die Adern. Eine sinnlose und verwegene
Lustigkeit tobte in den Köpfen und überschwemmte die Herzen.
Von einer Gruppe ganz junger Männer im Frack und weißer Binde löste sich
Mylada los. Ihr magerer Mund lachte in einer unendlich verheißenden Freude,
als sie sich über Severin beugte.
Gib mir zu trinken, bat sie und er reichte ihr sein Glas.
Er sah ihr zu, wie sie die Zunge zwischen die scharfen Zähne schob und er
mußte an sich halten, um sie nicht zu küssen. Er schlang den Arm um sie und
zog sie auf seinen Schoß.
Deine Augen hab ich schon einmal gesehn, hast du nicht eine Schwester,
Mylada? --
Ich hatte eine Schwester, die mit sehr ähnlich war, aber sie ist gestorben.
--
Severin strich ihr die Haare aus dem Gesichte und sie klammerte sich mit
den Beinen an ihn und ließ ihn gewähren. Ihr Körper war klein wie der eines
Kindes und hinter dem dünnen Kleide reckten sich ihre Brüste.
Komm zu mir heute nacht -- -- flüsterte er und sie sagte darauf:
Sie hieß Regina und war eine Nonne.