V.

Es kamen die Regentage und wuschen die letzten Spuren des Sommers mit sich

fort. Auf den Parkwegen stand das Wasser in großen Lachen und auf den

Bänken klebten die Blätter, die der Wind von den Bäumen riß. Die Droschken

fuhren mit nassen Lederdächern durch die Stadt, und die Buben pantschten

mit nackten Füßen durch die Pfützen und bauten am Rande des Gehsteigs

kleine Dämme aus dem Straßenkot. Rascher als sonst um diese Jahreszeit

dämmerte der Abend hinter dem feuchten Himmel.

Severin stand beim Fenster. Das spärliche Leben des Vorstadtbezirkes, in

dem er wohnte, ging langsam in zögernden Pausen durch den Nachmittag. Ein

Kohlenwagen ratterte über die Steine und die großen Lastpferde senkten

mißmutig die Köpfe. Ein Mann eilte mit schnellen Schritten die Häuser

entlang und sein schwarzer Tuchschirm glänzte vor Nässe. Hie und da stieg

ein schmutziger Papierdrache in die Höhe, den ein Kind an einem Faden durch

den Regen zerrte; dann fing er schwer und ängstlich zu flattern an und fiel

auf die Erde. In dem Kaufmannsladen an der Ecke surrte die Türglocke; eine

junge Frau mit gebrannten Stirnhaaren trat heraus und schaute prüfend in

das Wetter. Dann hob sie die Röcke hoch, daß man die hübschen Beine bis zu

den Knien sehen konnte und lief die Straße hinunter.

Severin dachte an den Herbstregen in seinen Kinderjahren. Es war alles wie

heute und die Knabenwünsche gruben in seinem Herzen ein wehleidiges Heimweh

auf. Auch die Kaufmannsklingel gegenüber dem Vaterhause hatte denselben

Klang. Severin wartete ungeduldig, bis unten wieder die Türe gehen würde.

Einmal war er an der Lungenentzündung erkrankt, als ganz kleiner Junge,

lange bevor er zur Schule mußte. Da hatte ihn manchmal ein eigentümliches

Gefühl beschlichen, während er zu Hause im Bette lag und das schräge Licht

der Gasse auf die gemalten Blumen auf der Zimmerdecke fiel. Draußen

hantierte die Mutter in der Küche und von irgendwoher kam der langgezogene

Ton eines Leierkastens. Da hatte das Fieber in sein Gehirn eine

merkwürdige, kreisrunde Stelle genagt, die sich weich anfühlen mochte und

mit einer feinen Membran bedeckt war. Es fiel ihm auch ein Vergleich ein;

er erinnerte sich an die Bonbons, die er sich damals für einen Kreuzer auf

dem Markte kaufte. Wenn der Zucker im Munde zerfloß, dann spürte er unter

der papierdünnen Rinde die flüssige Fülle mit der Zungenspitze. Lange war

dieses Gefühl in ihm verschollen gewesen und nicht mehr wiedergekommen.

Jetzt war es wieder da, klar und bestimmt und Severin erkannte es wieder.

Ein Schwarm von vertrauten, durch die Jahre verwaschenen Bildern kam

zugleich in ihm herauf, die er seitdem vergessen hatte und die der Regentag

wieder in sein Gedächtnis spülte. Die rußige Pawelatsche mit dem

Eisengeländer, wo er mit dem Bruder kindische Spiele ersann und mit der

Gummischleuder nach den Katzen im Garten jagte. Die alte Julinka, die das

Gnadenbrot im Hause aß und dafür die zersprungenen Holzstiegen scheuern

mußte. Die Sommerabende vor der offenen Türe, wenn ihm die roten Wolken

zwischen den Dächern die ersten unverstandenen Tränen brachten und die

Dienstmädchen in den Nachbarhöfen die tschechischen Lieder anstimmten,

deren banale Süßigkeit ihn noch heute bewegte.

Auch Mylada kannte diese Lieder.

Severin lehnte den Kopf gegen die glatte Scheibe. Ein bettelhafter Schmerz

verzog seine Lippen zum Weinen.

* * * * *

Die Nacht war gekommen und hatte den Regen in einen triefenden Nebel

verwandelt, der durch die Fensterspalten in die Wohnungen drang und die

Träume der Schlafenden beunruhigte. Severin hielt es nicht zu Hause. Er war

seit dem Mittag nicht auf der Straße gewesen und ein stechender Krampf

trieb ihm das Blut in die Schläfen. Er hatte Zdenka heute vergeblich warten

lassen und eine lästige Reue staute sich in seinen Gedanken, wie der Dunst,

der draußen die Gaslaternen verschleierte. Er zog den Wetterkragen um die

Schultern und stülpte die Kapuze über den Hut.

Auf dem Marktplatze der Vorstadt scheuchte er zwei Gestalten auf, die sich

hinter den leeren Bretterbuden der Obstverkäufer umschlungen hielten.

Severin blieb stehn und sah ihnen zu, bis der Mann ihn gewahrte und mit dem

Mädchen in die Dunkelheit flüchtete. Eine übermächtige Sehnsucht nach dem

einfachen Glück dieser Menschen erfaßte ihn. Mit einer dumpfen und

grüblerischen Spannung versuchte er zum hundertsten Male die Spur zu

ergründen, die ihn seitab in eine unselige Wildnis des Lebens führte. Und

eine schmerzliche, von Bangigkeit erdrückte, von Zweifeln zerrissene,

ohnmächtige Lüsternheit nach den Küssen des Weibes verzehrte ihn jäh, das

sein Begehren in derselben Stunde entfacht hatte, in der ihm Lazarus vom

Tode seines Kindes sprach.

Vor der Rampe des Museums machte er Halt. Vor ihm lag der Wenzelsplatz und

der Herbstdampf hing in weißen Wolken zwischen den elektrischen Flammen.

Severin breitete die Arme aus.

Mylada! rief er und seine Stimme flatterte wie ein zitternder Vogel durch

den Nebel.

* * * * *

In der »Spinne« zeigte der Zeiger der Wanduhr schon die zwölfte Stunde. Das

Lokal war überfüllt und ein aufreizender Geruch nach vergossenem Wein

schwamm über den Tischen. An den grünen Rauchringen der Zigarren kletterte

das Gelächter empor und fiel mit Gekreisch wieder zu Boden. Der Lärm der

Gespräche schwoll zum Getöse an, das sich nicht hemmen ließ und das

glucksend abbrach, wenn die Musik begann oder einer der Gäste mit lauter

Stimme ein Lied anstimmte. Karla selbst in einem bunten und verführerischen

Kostüme saß beim Klavier. Ihr schöner Kopf bog sich zurück, während sie

spielte und berührte den Nacken.

Severin setzte sich hinter sie und bestellte eine Flasche. Die dicke und

verdorbene Luft des Zimmers benahm ihm den Atem und der Schweiß brach aus

seinen Poren und klebte das Hemd an seine Haut. Karla spielte die Melodien,

die die Leute verlangten. Das falsche und lügnerische Gefasel der Operetten

girrte unter ihren Fingern und das Aroma ihres Leibes perlte mit dem Wein

durch die Kehlen und verbrannte die Adern. Eine sinnlose und verwegene

Lustigkeit tobte in den Köpfen und überschwemmte die Herzen.

Von einer Gruppe ganz junger Männer im Frack und weißer Binde löste sich

Mylada los. Ihr magerer Mund lachte in einer unendlich verheißenden Freude,

als sie sich über Severin beugte.

Gib mir zu trinken, bat sie und er reichte ihr sein Glas.

Er sah ihr zu, wie sie die Zunge zwischen die scharfen Zähne schob und er

mußte an sich halten, um sie nicht zu küssen. Er schlang den Arm um sie und

zog sie auf seinen Schoß.

Deine Augen hab ich schon einmal gesehn, hast du nicht eine Schwester,

Mylada? --

Ich hatte eine Schwester, die mit sehr ähnlich war, aber sie ist gestorben.

--

Severin strich ihr die Haare aus dem Gesichte und sie klammerte sich mit

den Beinen an ihn und ließ ihn gewähren. Ihr Körper war klein wie der eines

Kindes und hinter dem dünnen Kleide reckten sich ihre Brüste.

Komm zu mir heute nacht -- -- flüsterte er und sie sagte darauf:

Sie hieß Regina und war eine Nonne.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 27 / 54 题