Nathan Meyer liebte es, sein Leben vor den Leuten zu verstecken. Seitdem er
mit Karla zusammen die Weinstube in der schwarzen Gasse eröffnet hatte, war
er noch niemals unten bei seinen Gästen gewesen. Er hielt sein Zimmer
versperrt, wo er zwischen Büchern und achtlos auf dem Fußboden verstreuten
Broschüren hauste und verließ es nur in der Nacht, wenn die Bewohner des
Hauses zur Ruhe gegangen waren und er niemandem mehr auf der Treppe
begegnete. Er mochte ungefähr vierzig Jahre alt sein, aber das
kurzgeschorene Haar und sein glattrasiertes Gesicht ließen ihn jünger
erscheinen. Über seine Vergangenheit wußte man wenig. Sein Vater hatte eine
große Brauerei in Rußland besessen und ihm nach seinem Tode ein stattliches
Vermögen hinterlassen. Jahrelang lebte er von den Zinsen seines Kapitals,
ohne den Drang nach irgendeiner Tätigkeit in sich zu spüren. Sein
schroffes, durch keinerlei Gutmütigkeit gemildertes Wesen hatte seinen Hang
zum Alleinsein nicht erschwert. Karla und er waren durch einen unbekannten
Zufall zusammengeführt worden, aber sein äußeres Dasein ward dadurch nur
wenig berührt. In der Wohnung, die sie miteinander teilten, blieb seine
Türe auch ihr zumeist verschlossen. Darum war es für die wenigen Menschen,
mit denen er in eine flüchtige Beziehung kam, erstaunlich und nur schwer
verständlich, als Nathan plötzlich die Idee, ein Weinlokal zu gründen, mit
Eifer und Beharrlichkeit verfolgte. Vielleicht hatte Karla die Anregung
dazu gegeben, weil ihr beweglicher Geist in dem unerträglichen Einerlei
ihres Zusammenlebens eine Beschäftigung suchte. Aber er begrüßte ihren
Gedanken mit einem Fanatismus, der selbst für Karla unerklärlich blieb, die
besser wie die andern die Energien kannte, die er unverbraucht in müßiger
Beschaulichkeit vertat. Er hatte auch Mylada aufgespürt und sich
händereibend für ihren Erfolg verbürgt. Aber als alles im Gange war und das
Unternehmen zu einem vielversprechenden Anfang gedieh, nahm er seine
Gewohnheiten wieder auf und bekümmerte sich nicht mehr darum.
Wenigstens schien es so. Denn es sah ja niemand das zufriedene Lachen auf
seinen dünnen Lippen, wenn in der Nacht der Lärm der Musik aus der
Weinstube in seine Kammer drang. Das Fenster stand offen und Nathan Meyer
saß mit erhobenem Kopfe beim Schreibtisch und lauschte. Die stille Gasse
fing alle Geräusche zwischen den hohen Wänden der Häuser auf und brachte
sie in sein Zimmer. Er hörte, wie unten die Gläser aneinanderstießen und
wie das spröde Gelächter Myladas die Männer erhitzte. Er hörte die
schrillen und ekstatischen Stimmen der Menschen, die sich am Wein und an
den Gesprächen berauschten. In sein glattes Gesicht trat ein Ausdruck der
Genugtuung und er nickte. An manchen Abenden kam ein minutenlanges Brausen
von unten herauf, das Zischen und Gurgeln einer ungehemmten und
überschäumenden Lust, die sich überschlug und nicht zu fassen vermochte.
Die heißen Akkorde des Klaviers tönten taumelnd dazwischen und schwere
Hände wühlten aus den Tasten jubelnde Melodien, Walzer und Märsche. Dann
nahm Nathan Meyer den Hut und den Mantel aus dem Schrank und ging die
Treppen hinunter. Ungesehn und unerkannt stand er neben dem Weinhause und
zählte die Gäste, die darin verschwanden. Das Bogenlicht der Lampe
zeichnete einen hellen Kreis in die Finsternis der Gasse und beleuchtete
die Gesichter der Eintretenden mit einem grellweißen Strahlenbündel. Einen
Augenblick lang konnte Nathan die Seelen der Menschen erkennen, die vor der
Türe Halt machten und geblendet ein wenig verweilten. Tiefer und
unverschleierter als bei Tage zeigte die Lampe das Antlitz eines jeden. Die
Gruben, die die Angst hineingegraben, die Furchen und Risse um starre, vom
Nachtschwärmen entzündete Augen. Nathan hatte den Hut in die Stirne
gedrückt und den Kragen des Mantels hochgeschlagen. Bewegungslos stand er
im Dunkel und bewachte das Haus.
* * * * *
Severin erinnerte sich noch vom Begräbnistag des Doktor Konrad her an
Nathan Meyer. Er hatte seine hohe, breitknochige Gestalt und seinen
ingrimmigen Mund im Gedächtnis, wie er damals in der kalten Dämmerung des
Winternachmittags neben Karla, zwischen den Leidtragenden schritt. Eine
mitfühlende Bangigkeit mit der Frau war damals in ihm rege geworden, die
vor kurzem noch seine Geliebte war und deren schlanke Grazie neben den
robusten Schultern des Mannes müde und hingebungsvoll in sich
zusammenkroch. Seither war er ihm kein einziges Mal mehr in den Weg
gekommen, auch später nicht, als Karla ganz zu ihm übersiedelte und die
Weinstube in der schwarzen Gasse schon im Betriebe war. In einem kleinen
Kaffeehause in der Nähe der Moldau sah er ihn wieder, wo Severin jetzt
manchmal vor dem Schlafengehn einkehrte, wenn er mit Zdenka den Abend
verbracht hatte und wenn ihn die meuchlerischen und feigen Gedanken der
Nacht noch vom Heimgange abhielten. Neuerdings war es ihm ein Bedürfnis
geworden, wenigstens eine Stunde mit sich selbst zu verbringen, wenn er
sich von Zdenka verabschiedet hatte und ihre sanften Liebkosungen nicht
mehr da waren, um die Unruhe zu beschwichtigen, die ihn wieder wie früher
in einem immer engern Bogen umkreiste. Sein Urlaub näherte sich dem Ende.
Lichtlos und engbrüstig wartete der Herbst auf ihn. Das lautlose Dasein in
seinem Bureau begann von neuem, wo die Tage wie Mauern aneinanderstießen
und zwischen den engen Lücken sein Leben zerschürften. Wenn Zdenka bei ihm
war und er die Wärme ihrer Hand auf seinem Arme spürte, dann ging er wohl
noch mit der Miene des Gesundeten neben ihr her und ihre schöne Stimme
erzählte ihm von dem großen Glück ihrer Liebe. Zugleich mit dem Nebel, der
jetzt frühzeitig in die Straßen fiel und das Ende des Sommers prophezeite,
kam die Unrast zu ihm. Er sah wieder wie einmal am Anfang mit einem
verzerrten Lächeln auf den blonden Scheitel Zdenkas, die sich an ihn
schmiegte. Wenn sie zu Bette gegangen war und ihr Fenster erlosch, grub er
die Zähne in das Fleisch seiner Fingernägel. Er lief durch die Gassen und
die Laternen zogen seinen schmalen Schatten auf den Pflastersteinen nach.
Im Kaffeehause setzte er sich zum Fenster und schob den Vorhang beiseite.
Ungeheuer hob sich der Rumpf des Rudolfinums vom Himmel ab, auf dem die
Spätsommersterne wie rote Lampions verkohlten.
Es war in einer solchen Nacht, als Severin mit Nathan Meyer ins Gespräch
geriet. Hinter den Zeitungen, die er las, hatte dieser schon längere Zeit
nach ihm hingesehn und ein nachdenklicher Zug zog seine Lippen tiefer in
die Winkel, während er mit den langen Fingern die Asche seiner Zigarette in
den Messingbecher streifte. Severin antwortete anfangs wortkarg und
mürrisch. Er fühlte sich unbehaglich und es ärgerte ihn, daß jener
unverwandt sein Gesicht durchforschte. Aber es dauerte nicht lange, so saß
er gebannt auf seinem Platze und hörte den Worten des Mannes zu, der ihm
unvermittelt und ungebeten seine Bekenntnisse enthüllte. Sie waren allein
in der niedrigen Kaffeehausstube, nur der Kellner schlief mit hörbaren
Atemzügen in einer Ecke und aus dem Spielzimmer nebenan tönte noch das
Klatschen der Kartenblätter zu ihnen herüber. Es waren sonderbare Dinge,
die sie verhandelten. Die blinde und gehässige Wut der Einsamkeit flammte
in der Stimme Nathans, das Gift brodelte darin, das die Herzen der Krüppel
und der Wahnsinnigen verwüstet, der Haß gegen die Welt. Der zornige
Unglaube an die Güte und Herrlichkeit der Erde, der erbarmungslose Hohn
eines vermessenen Frevlers predigte von seinen Lippen, die sich beim
Sprechen feuchteten und über die ein Zittern hinflog, das aus der innersten
Seele kam. Mit einem trockenen und hüstelnden Geflüster neigte er sich zu
Severin:
Wir sind alle ein bißchen Chemiker, die von drüben aus Rußland kommen. Ich
habe Sprengbüchsen und Maschinen zu Hause, die eine Gasse umreißen würden,
wenn ich es wollte. Aber das tun ja nur die Dilettanten. Es gibt feinere
und bessere Mittel, die die Polizei konzessioniert und das Gesetz
gestattet. -- Sind Sie schon einmal in meiner Weinstube gewesen? -- --
Severin überlief es. Er sah in die grauen und listigen Augen Nathans hinein
und ohne weitere Erklärung verstand er ihn plötzlich. Ein Schrecken faßte
ihn vor dem Manne, der auf Seelenfang ausging, ohne daß jemand es merkte.
-- Vor einer Woche hat sich ein junger Herr erschossen -- erzählte der
Russe weiter. -- Er hat die Kassa seiner Bank bestohlen, um bei mir Sekt zu
trinken und mit Mylada zu schlafen. Ich habe seine Leiche im pathologischen
Institute gesehn. -- Ein Fratz, kaum über die zwanzig. Seine Mutter hat der
Schlag gerührt, als sie davon erfuhr. Und das ist nur der Anfang. Ich kenne
sie alle, die in das Haus hineingehn. Ich sehe sie an, wenn sie sich
unbewacht glauben, im Finstern, neben der Türe. -- --
Und nach einer Pause, während Severin schweigend wartete:
Ich habe einen Namen für das Haus gefunden, einen guten Namen, der die
Leute anziehn wird: _Die Spinne_.
Severin stand auf. Der Speichel stieg ihm bitter in die Kehle und ihn
schwindelte. Der kurzgeschorene Kopf Nathans tauchte in dem Rauche seiner
Zigarette unter, und Severin sah statt seiner sekundenlang ein Bild vor
sich, das ihn beklemmte. Da war die Stadt, riesengroß, mit tiefen Straßen
und tausend Fenstern. Und mitten darin das Weinhaus in der schwarzen Gasse.
Die Lampe über dem Eingang glotzte wie ein Auge und vor der Türe drängten
sich die Leute. Sie kamen einer nach dem andern, wie die Mücken zum Licht
-- -- Drinnen saß Mylada in ihrem grünen Kleide -- -- Unsichtbar, unter den
geschweiften Beinen des Klaviers zusammengeduckt, kauerte ein plumpes
Wesen, das die Nachtmenschen die Freude nannten --
Severin schüttelte sich und das Bild verschwand.
Wollen Sie nicht einmal mein Laboratorium besichtigen? -- hörte er Nathan
Meyer fragen.
Ich weiß es nicht -- sagte er und mußte sich an der Lehne des Stuhles
festhalten, um nicht zu fallen.