IV.

Nathan Meyer liebte es, sein Leben vor den Leuten zu verstecken. Seitdem er

mit Karla zusammen die Weinstube in der schwarzen Gasse eröffnet hatte, war

er noch niemals unten bei seinen Gästen gewesen. Er hielt sein Zimmer

versperrt, wo er zwischen Büchern und achtlos auf dem Fußboden verstreuten

Broschüren hauste und verließ es nur in der Nacht, wenn die Bewohner des

Hauses zur Ruhe gegangen waren und er niemandem mehr auf der Treppe

begegnete. Er mochte ungefähr vierzig Jahre alt sein, aber das

kurzgeschorene Haar und sein glattrasiertes Gesicht ließen ihn jünger

erscheinen. Über seine Vergangenheit wußte man wenig. Sein Vater hatte eine

große Brauerei in Rußland besessen und ihm nach seinem Tode ein stattliches

Vermögen hinterlassen. Jahrelang lebte er von den Zinsen seines Kapitals,

ohne den Drang nach irgendeiner Tätigkeit in sich zu spüren. Sein

schroffes, durch keinerlei Gutmütigkeit gemildertes Wesen hatte seinen Hang

zum Alleinsein nicht erschwert. Karla und er waren durch einen unbekannten

Zufall zusammengeführt worden, aber sein äußeres Dasein ward dadurch nur

wenig berührt. In der Wohnung, die sie miteinander teilten, blieb seine

Türe auch ihr zumeist verschlossen. Darum war es für die wenigen Menschen,

mit denen er in eine flüchtige Beziehung kam, erstaunlich und nur schwer

verständlich, als Nathan plötzlich die Idee, ein Weinlokal zu gründen, mit

Eifer und Beharrlichkeit verfolgte. Vielleicht hatte Karla die Anregung

dazu gegeben, weil ihr beweglicher Geist in dem unerträglichen Einerlei

ihres Zusammenlebens eine Beschäftigung suchte. Aber er begrüßte ihren

Gedanken mit einem Fanatismus, der selbst für Karla unerklärlich blieb, die

besser wie die andern die Energien kannte, die er unverbraucht in müßiger

Beschaulichkeit vertat. Er hatte auch Mylada aufgespürt und sich

händereibend für ihren Erfolg verbürgt. Aber als alles im Gange war und das

Unternehmen zu einem vielversprechenden Anfang gedieh, nahm er seine

Gewohnheiten wieder auf und bekümmerte sich nicht mehr darum.

Wenigstens schien es so. Denn es sah ja niemand das zufriedene Lachen auf

seinen dünnen Lippen, wenn in der Nacht der Lärm der Musik aus der

Weinstube in seine Kammer drang. Das Fenster stand offen und Nathan Meyer

saß mit erhobenem Kopfe beim Schreibtisch und lauschte. Die stille Gasse

fing alle Geräusche zwischen den hohen Wänden der Häuser auf und brachte

sie in sein Zimmer. Er hörte, wie unten die Gläser aneinanderstießen und

wie das spröde Gelächter Myladas die Männer erhitzte. Er hörte die

schrillen und ekstatischen Stimmen der Menschen, die sich am Wein und an

den Gesprächen berauschten. In sein glattes Gesicht trat ein Ausdruck der

Genugtuung und er nickte. An manchen Abenden kam ein minutenlanges Brausen

von unten herauf, das Zischen und Gurgeln einer ungehemmten und

überschäumenden Lust, die sich überschlug und nicht zu fassen vermochte.

Die heißen Akkorde des Klaviers tönten taumelnd dazwischen und schwere

Hände wühlten aus den Tasten jubelnde Melodien, Walzer und Märsche. Dann

nahm Nathan Meyer den Hut und den Mantel aus dem Schrank und ging die

Treppen hinunter. Ungesehn und unerkannt stand er neben dem Weinhause und

zählte die Gäste, die darin verschwanden. Das Bogenlicht der Lampe

zeichnete einen hellen Kreis in die Finsternis der Gasse und beleuchtete

die Gesichter der Eintretenden mit einem grellweißen Strahlenbündel. Einen

Augenblick lang konnte Nathan die Seelen der Menschen erkennen, die vor der

Türe Halt machten und geblendet ein wenig verweilten. Tiefer und

unverschleierter als bei Tage zeigte die Lampe das Antlitz eines jeden. Die

Gruben, die die Angst hineingegraben, die Furchen und Risse um starre, vom

Nachtschwärmen entzündete Augen. Nathan hatte den Hut in die Stirne

gedrückt und den Kragen des Mantels hochgeschlagen. Bewegungslos stand er

im Dunkel und bewachte das Haus.

* * * * *

Severin erinnerte sich noch vom Begräbnistag des Doktor Konrad her an

Nathan Meyer. Er hatte seine hohe, breitknochige Gestalt und seinen

ingrimmigen Mund im Gedächtnis, wie er damals in der kalten Dämmerung des

Winternachmittags neben Karla, zwischen den Leidtragenden schritt. Eine

mitfühlende Bangigkeit mit der Frau war damals in ihm rege geworden, die

vor kurzem noch seine Geliebte war und deren schlanke Grazie neben den

robusten Schultern des Mannes müde und hingebungsvoll in sich

zusammenkroch. Seither war er ihm kein einziges Mal mehr in den Weg

gekommen, auch später nicht, als Karla ganz zu ihm übersiedelte und die

Weinstube in der schwarzen Gasse schon im Betriebe war. In einem kleinen

Kaffeehause in der Nähe der Moldau sah er ihn wieder, wo Severin jetzt

manchmal vor dem Schlafengehn einkehrte, wenn er mit Zdenka den Abend

verbracht hatte und wenn ihn die meuchlerischen und feigen Gedanken der

Nacht noch vom Heimgange abhielten. Neuerdings war es ihm ein Bedürfnis

geworden, wenigstens eine Stunde mit sich selbst zu verbringen, wenn er

sich von Zdenka verabschiedet hatte und ihre sanften Liebkosungen nicht

mehr da waren, um die Unruhe zu beschwichtigen, die ihn wieder wie früher

in einem immer engern Bogen umkreiste. Sein Urlaub näherte sich dem Ende.

Lichtlos und engbrüstig wartete der Herbst auf ihn. Das lautlose Dasein in

seinem Bureau begann von neuem, wo die Tage wie Mauern aneinanderstießen

und zwischen den engen Lücken sein Leben zerschürften. Wenn Zdenka bei ihm

war und er die Wärme ihrer Hand auf seinem Arme spürte, dann ging er wohl

noch mit der Miene des Gesundeten neben ihr her und ihre schöne Stimme

erzählte ihm von dem großen Glück ihrer Liebe. Zugleich mit dem Nebel, der

jetzt frühzeitig in die Straßen fiel und das Ende des Sommers prophezeite,

kam die Unrast zu ihm. Er sah wieder wie einmal am Anfang mit einem

verzerrten Lächeln auf den blonden Scheitel Zdenkas, die sich an ihn

schmiegte. Wenn sie zu Bette gegangen war und ihr Fenster erlosch, grub er

die Zähne in das Fleisch seiner Fingernägel. Er lief durch die Gassen und

die Laternen zogen seinen schmalen Schatten auf den Pflastersteinen nach.

Im Kaffeehause setzte er sich zum Fenster und schob den Vorhang beiseite.

Ungeheuer hob sich der Rumpf des Rudolfinums vom Himmel ab, auf dem die

Spätsommersterne wie rote Lampions verkohlten.

Es war in einer solchen Nacht, als Severin mit Nathan Meyer ins Gespräch

geriet. Hinter den Zeitungen, die er las, hatte dieser schon längere Zeit

nach ihm hingesehn und ein nachdenklicher Zug zog seine Lippen tiefer in

die Winkel, während er mit den langen Fingern die Asche seiner Zigarette in

den Messingbecher streifte. Severin antwortete anfangs wortkarg und

mürrisch. Er fühlte sich unbehaglich und es ärgerte ihn, daß jener

unverwandt sein Gesicht durchforschte. Aber es dauerte nicht lange, so saß

er gebannt auf seinem Platze und hörte den Worten des Mannes zu, der ihm

unvermittelt und ungebeten seine Bekenntnisse enthüllte. Sie waren allein

in der niedrigen Kaffeehausstube, nur der Kellner schlief mit hörbaren

Atemzügen in einer Ecke und aus dem Spielzimmer nebenan tönte noch das

Klatschen der Kartenblätter zu ihnen herüber. Es waren sonderbare Dinge,

die sie verhandelten. Die blinde und gehässige Wut der Einsamkeit flammte

in der Stimme Nathans, das Gift brodelte darin, das die Herzen der Krüppel

und der Wahnsinnigen verwüstet, der Haß gegen die Welt. Der zornige

Unglaube an die Güte und Herrlichkeit der Erde, der erbarmungslose Hohn

eines vermessenen Frevlers predigte von seinen Lippen, die sich beim

Sprechen feuchteten und über die ein Zittern hinflog, das aus der innersten

Seele kam. Mit einem trockenen und hüstelnden Geflüster neigte er sich zu

Severin:

Wir sind alle ein bißchen Chemiker, die von drüben aus Rußland kommen. Ich

habe Sprengbüchsen und Maschinen zu Hause, die eine Gasse umreißen würden,

wenn ich es wollte. Aber das tun ja nur die Dilettanten. Es gibt feinere

und bessere Mittel, die die Polizei konzessioniert und das Gesetz

gestattet. -- Sind Sie schon einmal in meiner Weinstube gewesen? -- --

Severin überlief es. Er sah in die grauen und listigen Augen Nathans hinein

und ohne weitere Erklärung verstand er ihn plötzlich. Ein Schrecken faßte

ihn vor dem Manne, der auf Seelenfang ausging, ohne daß jemand es merkte.

-- Vor einer Woche hat sich ein junger Herr erschossen -- erzählte der

Russe weiter. -- Er hat die Kassa seiner Bank bestohlen, um bei mir Sekt zu

trinken und mit Mylada zu schlafen. Ich habe seine Leiche im pathologischen

Institute gesehn. -- Ein Fratz, kaum über die zwanzig. Seine Mutter hat der

Schlag gerührt, als sie davon erfuhr. Und das ist nur der Anfang. Ich kenne

sie alle, die in das Haus hineingehn. Ich sehe sie an, wenn sie sich

unbewacht glauben, im Finstern, neben der Türe. -- --

Und nach einer Pause, während Severin schweigend wartete:

Ich habe einen Namen für das Haus gefunden, einen guten Namen, der die

Leute anziehn wird: _Die Spinne_.

Severin stand auf. Der Speichel stieg ihm bitter in die Kehle und ihn

schwindelte. Der kurzgeschorene Kopf Nathans tauchte in dem Rauche seiner

Zigarette unter, und Severin sah statt seiner sekundenlang ein Bild vor

sich, das ihn beklemmte. Da war die Stadt, riesengroß, mit tiefen Straßen

und tausend Fenstern. Und mitten darin das Weinhaus in der schwarzen Gasse.

Die Lampe über dem Eingang glotzte wie ein Auge und vor der Türe drängten

sich die Leute. Sie kamen einer nach dem andern, wie die Mücken zum Licht

-- -- Drinnen saß Mylada in ihrem grünen Kleide -- -- Unsichtbar, unter den

geschweiften Beinen des Klaviers zusammengeduckt, kauerte ein plumpes

Wesen, das die Nachtmenschen die Freude nannten --

Severin schüttelte sich und das Bild verschwand.

Wollen Sie nicht einmal mein Laboratorium besichtigen? -- hörte er Nathan

Meyer fragen.

Ich weiß es nicht -- sagte er und mußte sich an der Lehne des Stuhles

festhalten, um nicht zu fallen.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 26 / 54 题