III.

Der Sommer wurde liebreizender und zärtlicher, je mehr er dem Ende

entgegenging. Jeden Tag spannte der Himmel seine fleckenlose Decke aus und

die Sonne war milde. Severin verbrachte seinen Urlaub in der Stadt. Die

Vormittage, die er jetzt müßig nach seinem Gutdünken verbummelte, waren für

ihn ein lange entbehrter Genuß. Hinter den schweigsamen, von stumpfer

Bureauarbeit vernichteten Jahren quoll zeitweise wundervoll klar die

Stimmung der Schulferien auf und die Gedanken an sein armes, in der

Tretmühle zerriebenes Leben, die Ereignisse des letzten Winters

zerflatterten ihm wie dünne Gespinste. Früh, wenn der Schlaf von ihm

abfiel, dehnte er die Glieder und lag noch eine Stunde im Bette. Bedächtig

sah er den Ringen zu, die das Licht durch die Maschen des Vorhangs auf die

Zimmertüre malte und fühlte sich von einer Last befreit. Dann wusch er sich

und ging auf die Gasse. Er stieg auf die Höhe, wo man von den Weinberger

Schanzen in das Nusler Tal hinunter sah. Neue, kalkweiße Gebäude glänzten

unten in der Sonne und das Rauschen der fernen Eisenbahnzüge erfüllte die

Luft. Irgendwo in der Nähe war in seiner Kindheit ein kleiner, verwilderter

Garten gewesen, wo er nach Kieselsteinen und Schneckenhäuschen gesucht

hatte und wo im Frühling auf dem ungepflegten Rasen die Gänseblümchen

wuchsen. Neben dem Kinderspital guckte die Kuppel der Karlshofer Kirche wie

eine ungeheure, braune Zwiebel zu ihm herüber und jenseits des Tals stand

der neue Wasserturm in den Feldern von Pankraz, der ihm immer so vorkam,

als hätte ihn jemand aus dem Bilderbuche herausgeschnitten, das er früher

einmal besessen hatte. Der Morgen war durchsichtig und leuchtete über den

Häusern. In einer Fabrik fing eine Sirene zu pfeifen an und ihre

melancholische Stimme blieb noch lange wie ein neuartiger und einförmiger

Gesang in seinen Ohren.

In diesen Vormittagstunden empfand er so eigentlich erst das vielgestaltige

Leben der Stadt. Neben ihm und hinter ihm dehnten sich ihre tausend Straßen

und wenn er drüben den Talhang erstieg, sah er die Moldau unter den

Wyschehrader Schanzen vorbeifließen und die grellen Reflexe der Sonne

schwammen wie glühende Brände auf ihrem Wasser. In den verfallenen

Schießluken des Schanzgemäuers sproßte das Gras. Severin dachte an die

Abende zurück, wo es ihn dumpf und unruhig bedrückte, wenn er von Furcht

und Ahnungen überrieselt im Gewirre der Häuser stand. Die Stadt, die vor

ihm lag und ihre Türme in den Morgen tauchte, schien ihm schöner zu sein

und hatte doch ihre Wunder behalten.

Auf dem Heimwege trat er zumeist in das geöffnete Tor einer Kirche ein.

Seit jenem Nachmittage auf der Kleinseite trieb ihn immer etwas an, im

Dunkel der Seitenaltäre zu verweilen, wo die Statuen mit ernsten Mienen in

der Nische lehnten und wo das ewige Licht in einem roten Glase brannte. Er

setzte sich auf eine Bank und ruhte eine Viertelstunde. Zu dieser Zeit kam

selten ein Besucher und nur ein altes Weib schlürfte manchmal mit kurzen

Schatten über die Fliesen. Severin nahm die Stille in sich auf, begierig

wie jemand, der lange den Lärm gewohnt war. Im Zwielicht des

Schlupfwinkels, der ihn verbarg, spannen sich die Gedanken unlösbar

ineinander und verstrickten sein Herz in eine kindisch verworrene Welt. Die

Bilder des Vormittags kamen traumhaft wieder und er sah die Wellen des

Flusses und die niedrigen Giebel des Hradschins in der helldunklen Luft und

hörte die Dampfpfeife im Tale singen. Es kam auch vor, daß ein Geräusch ihn

störte und daß eine Frau hinter ihm im Gebete kniete, die leise eingetreten

war, bevor er sich umwandte. Dann schrak er zusammen und über die Schulter

spähte er prüfend in ihr Gesicht.

Allmählich wurde es ihm bewußt, daß er die Nonne mit den Sternenaugen

suchte. In einer grundlosen Laune hatte er sie Regina getauft und er

glaubte am Ende selbst an diesen Namen. Es kam ihm in den Sinn, wie sie ihm

unter den Akazien des Ufers begegnet war. Und in einem jähen und

unergründlichen Zusammenhange mußte er plötzlich an Mylada denken. --

In diesen Stunden gab er sich Rechenschaft über die Tage, an denen ihn die

Liebe Zdenkas beschützte. Er erlebte alles zum zweiten Male, was seither

mit ihm geschehen war. Die Worte des alten Lazarus fielen ihm ein und

nutzlose und grausame Tränen gemahnten ihn an sein Kind. Nach und nach

begann er zu begreifen, daß die Idylle dieses Sommers nur eine Täuschung

war. Die verschlafene Müdigkeit seines Herzens hatte ihn glauben gemacht,

daß jetzt der Trost darin eingekehrt sei und ein wirkliches Glück. Aber die

bösen Kräfte wohnten weiter darin, sie wucherten im geheimen, während er

lächelnd den Mund seines Mädchens küßte und bissen wie ätzende Säuren sein

Inneres wund. Irgend etwas hatte den flackernden Schatten in ihm

aufgescheucht, vor dem er im Winter geflohen war und den er im Dunkel der

leeren Kirche wieder erkannte. Er wußte es nicht genau, ob es Regina oder

Mylada war und die Erinnerung an beide verwob sich ihm merkwürdig zu einer

einzigen Gestalt. Das Schicksal Susannas war für ihn eine Deutung, daß sein

Fuß auf einer schlimmen und unseligen Fährte ging. Wo sie vorüberführte,

stand der Gram und das Unheil hinter ihm auf und auf seiner Spur welkte die

Freude. Die Sorge um Zdenka packte ihn und er wand sich vergebens unter

ihren Griffen. Und in der geängstigten Liebe zu ihr entdeckte er fröstelnd

eine grimmige Lust, daß er ihr Leben in seinen Händen hielt und es

zerknittern konnte.

Wenn Severin aus der Kirche wieder ins Freie trat, schüttelte er den Kopf

über seine Träume. Die Mittagssonne floß wie ein warmer Honig durch die

Gasse, und an der Mauer stand ein Blinder mit dem Hute in der Hand und

blinzelte. Das köstliche Flimmern des Spätsommers hing über den Dächern,

das draußen vor der Stadt aus den Stoppelfeldern aufstieg. Severin strich

mit den Fingern über die Stirne. Unsicher ging er weiter und die wohlige

Betäubung der letzten Wochen löste die Spannung in ihm. Aus den offenen

Fenstern der Parterrewohnungen klang manchmal das Trillern eines

Kanarienvogels auf und oben im dritten Stocke eines Hauses kratzte eine

Geige. Von fernher kam ein Summen durch die Luft, ein metallisches

Klingeln, das immer stärker wurde. Auf den Türmen huben die Mittagsglocken

zu läuten an.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 25 / 54 题