Der Sommer wurde liebreizender und zärtlicher, je mehr er dem Ende
entgegenging. Jeden Tag spannte der Himmel seine fleckenlose Decke aus und
die Sonne war milde. Severin verbrachte seinen Urlaub in der Stadt. Die
Vormittage, die er jetzt müßig nach seinem Gutdünken verbummelte, waren für
ihn ein lange entbehrter Genuß. Hinter den schweigsamen, von stumpfer
Bureauarbeit vernichteten Jahren quoll zeitweise wundervoll klar die
Stimmung der Schulferien auf und die Gedanken an sein armes, in der
Tretmühle zerriebenes Leben, die Ereignisse des letzten Winters
zerflatterten ihm wie dünne Gespinste. Früh, wenn der Schlaf von ihm
abfiel, dehnte er die Glieder und lag noch eine Stunde im Bette. Bedächtig
sah er den Ringen zu, die das Licht durch die Maschen des Vorhangs auf die
Zimmertüre malte und fühlte sich von einer Last befreit. Dann wusch er sich
und ging auf die Gasse. Er stieg auf die Höhe, wo man von den Weinberger
Schanzen in das Nusler Tal hinunter sah. Neue, kalkweiße Gebäude glänzten
unten in der Sonne und das Rauschen der fernen Eisenbahnzüge erfüllte die
Luft. Irgendwo in der Nähe war in seiner Kindheit ein kleiner, verwilderter
Garten gewesen, wo er nach Kieselsteinen und Schneckenhäuschen gesucht
hatte und wo im Frühling auf dem ungepflegten Rasen die Gänseblümchen
wuchsen. Neben dem Kinderspital guckte die Kuppel der Karlshofer Kirche wie
eine ungeheure, braune Zwiebel zu ihm herüber und jenseits des Tals stand
der neue Wasserturm in den Feldern von Pankraz, der ihm immer so vorkam,
als hätte ihn jemand aus dem Bilderbuche herausgeschnitten, das er früher
einmal besessen hatte. Der Morgen war durchsichtig und leuchtete über den
Häusern. In einer Fabrik fing eine Sirene zu pfeifen an und ihre
melancholische Stimme blieb noch lange wie ein neuartiger und einförmiger
Gesang in seinen Ohren.
In diesen Vormittagstunden empfand er so eigentlich erst das vielgestaltige
Leben der Stadt. Neben ihm und hinter ihm dehnten sich ihre tausend Straßen
und wenn er drüben den Talhang erstieg, sah er die Moldau unter den
Wyschehrader Schanzen vorbeifließen und die grellen Reflexe der Sonne
schwammen wie glühende Brände auf ihrem Wasser. In den verfallenen
Schießluken des Schanzgemäuers sproßte das Gras. Severin dachte an die
Abende zurück, wo es ihn dumpf und unruhig bedrückte, wenn er von Furcht
und Ahnungen überrieselt im Gewirre der Häuser stand. Die Stadt, die vor
ihm lag und ihre Türme in den Morgen tauchte, schien ihm schöner zu sein
und hatte doch ihre Wunder behalten.
Auf dem Heimwege trat er zumeist in das geöffnete Tor einer Kirche ein.
Seit jenem Nachmittage auf der Kleinseite trieb ihn immer etwas an, im
Dunkel der Seitenaltäre zu verweilen, wo die Statuen mit ernsten Mienen in
der Nische lehnten und wo das ewige Licht in einem roten Glase brannte. Er
setzte sich auf eine Bank und ruhte eine Viertelstunde. Zu dieser Zeit kam
selten ein Besucher und nur ein altes Weib schlürfte manchmal mit kurzen
Schatten über die Fliesen. Severin nahm die Stille in sich auf, begierig
wie jemand, der lange den Lärm gewohnt war. Im Zwielicht des
Schlupfwinkels, der ihn verbarg, spannen sich die Gedanken unlösbar
ineinander und verstrickten sein Herz in eine kindisch verworrene Welt. Die
Bilder des Vormittags kamen traumhaft wieder und er sah die Wellen des
Flusses und die niedrigen Giebel des Hradschins in der helldunklen Luft und
hörte die Dampfpfeife im Tale singen. Es kam auch vor, daß ein Geräusch ihn
störte und daß eine Frau hinter ihm im Gebete kniete, die leise eingetreten
war, bevor er sich umwandte. Dann schrak er zusammen und über die Schulter
spähte er prüfend in ihr Gesicht.
Allmählich wurde es ihm bewußt, daß er die Nonne mit den Sternenaugen
suchte. In einer grundlosen Laune hatte er sie Regina getauft und er
glaubte am Ende selbst an diesen Namen. Es kam ihm in den Sinn, wie sie ihm
unter den Akazien des Ufers begegnet war. Und in einem jähen und
unergründlichen Zusammenhange mußte er plötzlich an Mylada denken. --
In diesen Stunden gab er sich Rechenschaft über die Tage, an denen ihn die
Liebe Zdenkas beschützte. Er erlebte alles zum zweiten Male, was seither
mit ihm geschehen war. Die Worte des alten Lazarus fielen ihm ein und
nutzlose und grausame Tränen gemahnten ihn an sein Kind. Nach und nach
begann er zu begreifen, daß die Idylle dieses Sommers nur eine Täuschung
war. Die verschlafene Müdigkeit seines Herzens hatte ihn glauben gemacht,
daß jetzt der Trost darin eingekehrt sei und ein wirkliches Glück. Aber die
bösen Kräfte wohnten weiter darin, sie wucherten im geheimen, während er
lächelnd den Mund seines Mädchens küßte und bissen wie ätzende Säuren sein
Inneres wund. Irgend etwas hatte den flackernden Schatten in ihm
aufgescheucht, vor dem er im Winter geflohen war und den er im Dunkel der
leeren Kirche wieder erkannte. Er wußte es nicht genau, ob es Regina oder
Mylada war und die Erinnerung an beide verwob sich ihm merkwürdig zu einer
einzigen Gestalt. Das Schicksal Susannas war für ihn eine Deutung, daß sein
Fuß auf einer schlimmen und unseligen Fährte ging. Wo sie vorüberführte,
stand der Gram und das Unheil hinter ihm auf und auf seiner Spur welkte die
Freude. Die Sorge um Zdenka packte ihn und er wand sich vergebens unter
ihren Griffen. Und in der geängstigten Liebe zu ihr entdeckte er fröstelnd
eine grimmige Lust, daß er ihr Leben in seinen Händen hielt und es
zerknittern konnte.
Wenn Severin aus der Kirche wieder ins Freie trat, schüttelte er den Kopf
über seine Träume. Die Mittagssonne floß wie ein warmer Honig durch die
Gasse, und an der Mauer stand ein Blinder mit dem Hute in der Hand und
blinzelte. Das köstliche Flimmern des Spätsommers hing über den Dächern,
das draußen vor der Stadt aus den Stoppelfeldern aufstieg. Severin strich
mit den Fingern über die Stirne. Unsicher ging er weiter und die wohlige
Betäubung der letzten Wochen löste die Spannung in ihm. Aus den offenen
Fenstern der Parterrewohnungen klang manchmal das Trillern eines
Kanarienvogels auf und oben im dritten Stocke eines Hauses kratzte eine
Geige. Von fernher kam ein Summen durch die Luft, ein metallisches
Klingeln, das immer stärker wurde. Auf den Türmen huben die Mittagsglocken
zu läuten an.