Der da ists? --

Ja -- sagte sie einfach und nickte nur.

* * * * *

Severin kehrte zu Fuße in die Stadt zurück. Er hatte den Kutscher entlohnt

und verließ als Letzter den Friedhof, als die übrigen alle schon gegangen

waren. Das bleiche Violett des Spätnachmittages lagerte über den Feldern

und aus der Ferne kam das gedämpfte Brausen eines Eisenbahnzuges. Hie und

da stand ein Baum am Rande der Straße und streckte die nackten Äste gegen

den trüben Himmel. Der aufsteigende Abend spann langgedehnte Schatten und

aus dem Rübenacker stieg der Nebel auf. Die Spatzen flogen über den Weg und

flatterten wie große und schwarze Vögel in der Dämmerung. Die elektrische

Straßenbahn fuhr mit gelben Augen vorüber und in der Stadt entzündeten sich

die Lichter. Severin dachte an Konrads Tod. Ein lahmer und lächerlicher

Gedanke hockte in seinem Gehirn, der ihn nicht losließ und dem er

nachsinnen mußte. Er stellte sich das Antlitz des Mannes vor, den sie

drüben gerade begraben hatten, wie es unter dem Sargdeckel in der Erde lag.

Ein Schauer strich leise über seine Haut, fröstelnd, wie die Wolken am

Horizonte. Er prüfte den Pulsschlag in seinen Handgelenken; aber er hatte

gar keine Furcht. In der Weite rollten sich weiße Gestalten zusammen, aber

er wußte, es war nur der Winterdunst. Die ersten Häuser der Weinberge

lösten sich aus dem Grau. Er sah noch einmal den Weg zurück. Die Luft hing

schlaff und reglos vom Himmel und der Frost hatte zugenommen. Aus den

Schaufenstern der Kaufmannsgeschäfte fiel schon der Lampenschein auf den

Gehsteig der Vorstadtstraßen.

Vor der Tür eines Pferdeschlächters blieb Severin stehen. Ein warmer

Blutgeruch schlug ihm entgegen und der Ekel schüttelte ihn. Zwei Männer mit

aufgestreiften Rockärmeln trugen eine Schüssel vorbei, aus der ein feuchter

Dampf aufstieg und sich widerlich mit der Kälte vermengte. Severin knöpfte

bedächtig seine Handschuhe zu, bevor er die Finger auf den schmutzigen

Türgriff legte. Ein breitschultriger Mann mit roten Haaren sah ihn

mißtrauisch an, als er für ein paar Kreuzer ein Stück Fleisch verlangte. In

Zeitungspapier eingeschlagen trug er ein weiches und klebriges Bündel aus

dem Laden. Beim Licht einer Straßenlaterne löste er vorsichtig die Schnur

und öffnete es. Er nahm das Giftfläschchen aus der Tasche seines Rockes und

schüttete den Inhalt auf das Fleisch; aufmerksam sah er zu, wie der feine

und trockene Staub zwischen den blutigen Fasern glänzte.

* * * * *

Susanna saß neben dem Ofen und hörte dem Feuer zu, als Severin eintrat. Sie

hielt die Hand vor die Augen, als ob sie schliefe und schaute zwischen den

Fingern nach der Türe. Der alte Lazarus war ausgegangen und der Platz

hinter dem Pulte war leer.

Guten Abend, Susanna -- sagte Severin.

Susanna hob den Kopf in einem langen und verwunderten Schrecken. Ihre

Schultern zitterten und die Falte zwischen ihren Brauen wurde tiefer und

dunkler, als sie ihm den Gruß zurückgab. Und dann fragte sie mit einem

besonderen Klang in der Stimme:

Woher kommst du, Severin?

Severin antwortete nicht. Unschlüssig stand er da und ein Gefühl

durchrieselte ihn, das er kannte und das ihm schon lange entschwunden war.

Als Student war es manchmal über ihn gekommen, wenn er zu Hause in alten

englischen Romanen las und die Lampe summte. Dann war ihm zumute, als ob

das Zimmer, in dem er wohnte, ein Teil der Erzählung sei, in die er sich

eben vertiefte. Auf der Wand gegenüber huschten die Schattenrisse der

Personen vorbei, deren Schicksale ihn beschäftigten. Und in dem trüben

Lichte der Stube erkannte er ihre Gebärden.

Der Doktor Konrad ist tot -- sagte er endlich und setzte sich in den

Lehnstuhl mit den ledernen Armpolstern, der neben dem Pulte stand. Er sah

an Susanna vorbei auf das Bild, das neben ihr in der Ecke hing und das er

früher niemals bemerkt hatte. Es war eine Landschaft mit einem

absonderlichen und traumhaften Baum, unter dem ein paar Menschen im

Halbdunkel gingen. Ein Lufthauch streifte seine Wange; der Rabe flog hinter

ihm auf und setzte sich auf seine Knie. Severin beugte sich über das Tier.

Langsam zog er das vergiftete Fleisch aus der Tasche.

Das ist der Tod -- sagte er und hielt es ihm vor den Schnabel. Der Vogel

schnappte zu und floh damit in sein Versteck zurück.

Severin sah nach Susanna hinüber. Ihre schweren Zöpfe hatten sich gelockert

und waren in ihren Schoß geglitten. Ihr Gesicht war undurchdringlich und

fremd und ihr Mund war fest geschlossen. Es war ganz still und man hörte

draußen die Schritte der Leute auf dem Pflaster, die an dem Laden

vorübergingen. Über das Gemälde neben dem glühenden Ofen zuckten die

Reflexe und malten Figuren auf die Leinwand.

Severin suchte in seinem Gedächtnis. Der Baum auf dem Bilde kam ihm bekannt

vor und er hatte ihn schon einmal irgendwo gesehn. Aber er konnte sich

nicht entsinnen.

Ich will gehn -- dachte er und stand auf.

Guten Abend, Susanna! -- grüßte er wieder und nahm seinen Hut. Dann horchte

er noch eine Weile in den Winkel hinein, wo der Rabe sich zum Fraße

verkrochen hatte und sich gar nicht mehr regte.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 18 / 54 题