Doktor Konrad war tot. Nach einer laut verlärmten Nacht, die seine Gäste
zum letzten Male bei ihm vereinigte, hatte er sich eine Kugel in den Kopf
geschossen. Mit der ungefähren Sinnlosigkeit, die in seinem Leben gewesen,
war auch das Sterben zu ihm gekommen. Er lag auf dem Boden neben dem
türkischen Sofa zwischen zerbrochenen Gläsern und verschütteter
Zigarrenasche, die noch feucht vom vergossenen Wein war. Aus einer kleinen
Schläfenwunde rann das Blut auf die Parketten. In dieser Nacht hatte er den
letzten Rest seines Vermögens ausgegeben. Als die Gäste gegangen waren,
schoß er sich tot.
Es war eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Trauernden, die ihm die
letzte Ehre gab. Junge Akademiker in abgeschabten Überziehern, die
frostroten Hände in den Taschen vergraben. Sie blickten mit aufrichtiger
Teilnahme auf den Sarg vor ihnen. Der, den sie heute zum Grabe geleiteten,
hatte immer eine offene Hand für sie gehabt. Bummler mit Künstlerhüten und
verwahrlosten Gesichtern. Dämchen mit enganliegenden Röcken, die beim Gehen
die Beine sehen ließen. Elegante Frauen mit Pelz und ungeheuern Müffen, und
Herren mit sorgfältig gebügelten Zylinderhüten, die sich kokett in der
modischen Taille ihrer Winterröcke wiegten. Die blonde Ruschena ging hinter
dem Leichenwagen. Severin war auf sie zugetreten und drückte ihr schweigend
die Hand. Sie antwortete mit einem bösen und flackernden Blick, aber sie
sagte nichts. Ihr glattes, ein wenig zu sehr gepudertes Gesicht ließ nichts
davon erraten, daß sie dem Toten mehr gewesen, als die übrigen. Severin
forschte in ihren Augen, aber sie wandte den Kopf zur Seite.
Neben einem großen Menschen mit schmalen Lippen ging Karla. Ihre hohe Figur
war womöglich noch schlanker geworden und sie hielt sich ein wenig vornüber
geneigt. Der weite Mantel schlotterte um ihren Körper und sie ging mit
unsichern und schleppenden Schritten, ohne die hochmütige Anmut, die
Severin an ihr kannte. Ihr Gesicht war alt und straff geworden in den
wenigen Wochen, seit er ihr auf der Treppe begegnet war. Und er konnte es
nicht unterscheiden, ob die Farbe ihrer Wangen von der Kälte oder der
Schminke herrührte. Vor dem Museum in der Höhe des Wenzelsplatzes stockte
der Zug. Der Priester nahm die Einsegnung vor und die Schar der Teilnehmer
verlief sich. Nur die nächsten Bekannten folgten dem Sargwagen im Fiaker
auf den Friedhof.
Auch Severin fuhr mit den andern. Er wischte mit dem Handschuh den Hauch
von den Fenstern, der an den Rändern der Scheibe sich langsam zu Eis zu
verkrusten begann. Draußen sah er die Wolschaner Straße mit ihrem trüben
und einförmigen Panorama. Seit seiner Kindheit war er bei keinem Begräbnis
gewesen. Er erinnerte sich, wie damals der Wagen, in dem er mit seinen
Eltern saß, in einen Trupp tschechischer Demonstranten geraten war. Sie
hatten auf dem Kirchhofe einen ihrer Märtyrer bestattet und kehrten nun
nach Hause. Ein von tausend Stimmen gesungenes Kampflied kam drohend mit
ihnen des Weges, daß die Pferde sich bäumten und zitternd stehen blieben.
Severin dachte an die wunderschöne, mit Andacht und Grausen vermischte
Angst, die ihn damals umklammert hatte und horchte auf das Rollen der
Räder.
Es war beinahe schon dunkel, als er draußen vor dem Tore des Friedhofs
ausstieg. Er stand neben Karla, als die gefrorene Erde in die Grube rollte
und polternd auf den Sarg aufschlug. Erst jetzt in der Nähe bemerkte er,
wie verbraucht und gelb ihr Gesicht aussah. Die Schminke lag in kreisrunden
Flecken darauf und ihre schöne Stirne war welk und traurig. Und hier auf
dem Friedhofe neben dem offenen Grabe erkannte er ihr Geschick; wie sie aus
einem Schmerz in den nächsten und aus einer Liebe in die andere geriet. Sie
zuckte zusammen, als er mit den Augen nach dem großen Menschen wies, neben
dem sie heute unter den Leuten gegangen war. Leise und weich, wie man mit
einem Kinde redet, fragte er sie: