VIII.

Doktor Konrad war tot. Nach einer laut verlärmten Nacht, die seine Gäste

zum letzten Male bei ihm vereinigte, hatte er sich eine Kugel in den Kopf

geschossen. Mit der ungefähren Sinnlosigkeit, die in seinem Leben gewesen,

war auch das Sterben zu ihm gekommen. Er lag auf dem Boden neben dem

türkischen Sofa zwischen zerbrochenen Gläsern und verschütteter

Zigarrenasche, die noch feucht vom vergossenen Wein war. Aus einer kleinen

Schläfenwunde rann das Blut auf die Parketten. In dieser Nacht hatte er den

letzten Rest seines Vermögens ausgegeben. Als die Gäste gegangen waren,

schoß er sich tot.

Es war eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Trauernden, die ihm die

letzte Ehre gab. Junge Akademiker in abgeschabten Überziehern, die

frostroten Hände in den Taschen vergraben. Sie blickten mit aufrichtiger

Teilnahme auf den Sarg vor ihnen. Der, den sie heute zum Grabe geleiteten,

hatte immer eine offene Hand für sie gehabt. Bummler mit Künstlerhüten und

verwahrlosten Gesichtern. Dämchen mit enganliegenden Röcken, die beim Gehen

die Beine sehen ließen. Elegante Frauen mit Pelz und ungeheuern Müffen, und

Herren mit sorgfältig gebügelten Zylinderhüten, die sich kokett in der

modischen Taille ihrer Winterröcke wiegten. Die blonde Ruschena ging hinter

dem Leichenwagen. Severin war auf sie zugetreten und drückte ihr schweigend

die Hand. Sie antwortete mit einem bösen und flackernden Blick, aber sie

sagte nichts. Ihr glattes, ein wenig zu sehr gepudertes Gesicht ließ nichts

davon erraten, daß sie dem Toten mehr gewesen, als die übrigen. Severin

forschte in ihren Augen, aber sie wandte den Kopf zur Seite.

Neben einem großen Menschen mit schmalen Lippen ging Karla. Ihre hohe Figur

war womöglich noch schlanker geworden und sie hielt sich ein wenig vornüber

geneigt. Der weite Mantel schlotterte um ihren Körper und sie ging mit

unsichern und schleppenden Schritten, ohne die hochmütige Anmut, die

Severin an ihr kannte. Ihr Gesicht war alt und straff geworden in den

wenigen Wochen, seit er ihr auf der Treppe begegnet war. Und er konnte es

nicht unterscheiden, ob die Farbe ihrer Wangen von der Kälte oder der

Schminke herrührte. Vor dem Museum in der Höhe des Wenzelsplatzes stockte

der Zug. Der Priester nahm die Einsegnung vor und die Schar der Teilnehmer

verlief sich. Nur die nächsten Bekannten folgten dem Sargwagen im Fiaker

auf den Friedhof.

Auch Severin fuhr mit den andern. Er wischte mit dem Handschuh den Hauch

von den Fenstern, der an den Rändern der Scheibe sich langsam zu Eis zu

verkrusten begann. Draußen sah er die Wolschaner Straße mit ihrem trüben

und einförmigen Panorama. Seit seiner Kindheit war er bei keinem Begräbnis

gewesen. Er erinnerte sich, wie damals der Wagen, in dem er mit seinen

Eltern saß, in einen Trupp tschechischer Demonstranten geraten war. Sie

hatten auf dem Kirchhofe einen ihrer Märtyrer bestattet und kehrten nun

nach Hause. Ein von tausend Stimmen gesungenes Kampflied kam drohend mit

ihnen des Weges, daß die Pferde sich bäumten und zitternd stehen blieben.

Severin dachte an die wunderschöne, mit Andacht und Grausen vermischte

Angst, die ihn damals umklammert hatte und horchte auf das Rollen der

Räder.

Es war beinahe schon dunkel, als er draußen vor dem Tore des Friedhofs

ausstieg. Er stand neben Karla, als die gefrorene Erde in die Grube rollte

und polternd auf den Sarg aufschlug. Erst jetzt in der Nähe bemerkte er,

wie verbraucht und gelb ihr Gesicht aussah. Die Schminke lag in kreisrunden

Flecken darauf und ihre schöne Stirne war welk und traurig. Und hier auf

dem Friedhofe neben dem offenen Grabe erkannte er ihr Geschick; wie sie aus

einem Schmerz in den nächsten und aus einer Liebe in die andere geriet. Sie

zuckte zusammen, als er mit den Augen nach dem großen Menschen wies, neben

dem sie heute unter den Leuten gegangen war. Leise und weich, wie man mit

einem Kinde redet, fragte er sie:

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 17 / 54 题