IX.

In der Nacht war der Sturm gekommen und lief brüllend die Straßen auf und

nieder. Aus der Ebene hinter den Grenzgebirgen hatte er eine schwere und

dunstige Wärme mitgebracht und klatschte das Schneewasser von den Dächern.

Severin lag wachend in der Finsternis. Das Fieber trieb den Schweiß aus

seinem Körper und erhitzte sein Blut. Das Fenster klapperte und manchmal

kam ein dumpfes Geräusch von unten herauf, wenn das Haustor in den Angeln

stöhnte. Der gelbe Blitz eines Wintergewitters erhellte für einen

Augenblick das Zimmer und in seinem Lichte glaubte Severin plötzlich das

Bild zu sehn, das über dem Kopfe Susannas in dem Laden des Buchhändlers

hing. Nun wußte er, wo er den Baum schon einmal gesehn hatte. Bei dem

Begräbnis Konrads war es gewesen: an der Friedhofsmauer auf dem Platze, der

für die neuen Gräber bestimmt war. Severin hatte ihn immer angeschaut,

während die Leute den Sarg in die Erde hoben und in dem kalten Lichte des

Tages war er ihm sonderbar und grotesk erschienen.

Er zog die Decke zum Halse und ihn fror. Ein großer Kummer bedrückte ihn,

über den er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte. Er dachte an den

törichten und grausamen Besuch am Tage vorher und daß er den Raben getötet

hatte. Draußen schlug der Sturm das klirrende Glas der Laternen entzwei und

fuhr gurgelnd in den Kamin.

Matt und verschlafen ging er am Morgen ins Bureau. Auf den Gassen stand das

Wasser in breiten Pfützen und der Wind war noch immer sehr heftig. Der Hut

flog ihm vom Kopfe und fiel in den Kot. Severin bückte sich und setzte ihn

wieder auf. Von der Krempe rann ihm der kühle Schmutz in die Stirne, aber

er kümmerte sich nicht darum. In den Vormittagsstunden, während er rechnete

und schrieb, ging draußen von Zeit zu Zeit ein strichweiser Regen nieder

und prasselte gegen die Scheiben. Severin stand auf und sah auf die nassen

Steine im Hofe hinunter. Eine fade Übelkeit stieg ihm wie eine glatte Kugel

in die Kehle. Früher als sonst ging er nach Hause und warf sich wieder auf

sein Lager. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Wenn er die Augen schloß,

hatte er das Empfinden, daß er stetig und unaufhaltsam in die Tiefe fiel.

Ein stumpfer Gedanke brannte beständig hinter seinen Schläfen, daß er

entsetzt das Gesicht in die Kissen vergrub.

* * * * *

Der Wind hatte sich gelegt und es war beinahe schwül geworden. In der Stadt

brach schon der Abend an und nur noch am Himmel zeichnete das

entschwindende Licht schwarzblaue Ränder um die Wolken über den Häusern.

Severin ging mit gesenktem Kopfe zwischen den Leuten. Eine maßlose Angst

hing wie ein Gewicht an seinem Herzen und machte ihn taumeln. Ein schwerer

Gegenstand drückte in der Tasche gegen seinen Leib und er umschloß ihn mit

den Fingern. Es war ein großer und runder Stein, den er einmal in den

Feldern aufgelesen und nach Hause genommen hatte.

Im Laden des Lazarus Kain brannte die Gasflamme über dem Pulte. Severin sah

durch die Glastüre den kahlen und spitzigen Kopf des Buchhändlers. Eine

Furche lief in der Mitte gegen die Stirne zu, als ob sich dort die Haut

über einem gespaltenen Knochen spannte. Severin überlief es. Er suchte im

Hintergrunde nach dem Bilde und erkannte mit einem starren und gequälten

Lächeln den Baum, von dem er heute in der Nacht geträumt hatte.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter und als er sich umwandte, stand

Susanna vor ihm.

Was tust du hier? -- fragte sie und ihre erloschenen Augen drohten. Ihre

Gestalt wuchs groß und gebieterisch in der Dämmerung, und Severin sah voll

Grauen, daß sie ein Kind erwartete.

Susanna! -- flüsterte er.

Zum ersten Male seit Wochen fiel ein Licht in seine nackte Seele. Die

Finsternis in ihm zerflatterte und er erschrak.

Warum bin ich hierhergekommen? -- dachte er bei sich. Es war still und

einsam in der fahlen Gasse und er fürchtete sich vor dem Gesichte der

Jüdin. Die Hand, mit der er den Feldstein umkrampfte, fing an zu zittern

und sein Blut blieb stehn.

Ich bin doch kein Mörder -- sagte er laut und in derselben Sekunde sah er

sich selbst in einem unsichtbaren Spiegel, von Lastern entstellt, die ihn

erstickten, mit Geschwüren besät, in denen die Verhängnisse wucherten.

Jesus! -- rief er und seine Stimme verriet es ihm, daß er gekommen war, um

den alten Kain zu erschlagen.

Jesus!

Der Schrei war so furchtbar, daß Susanna erblaßte. Eine Ohnmacht

verfinsterte ihre Gedanken und sie sah nur undeutlich und mit stockendem

Herzen, wie Severin die Gasse entlang in die Dunkelheit lief.

* * * * *

Es war schon spät und der Mond stand weiß und ruhig über den Türmen. Die

Wolken hatten sich verzogen und es war kühler und klar geworden. Severin

ging unter den Bäumen des Belvederes und atmete die feuchte Luft, in der er

schon den Geruch des kommenden Frühlings spürte. Unter ihm lag die Stadt im

Tale. Hie und da brannten noch ein paar Lichter wie die Augen eines

schläfrigen Tieres in der Ferne. Severin erfaßte ein Schauer. Er dachte an

die Tausende, die da unten gleich ihm ratlos in einem trüben Leben

versanken. Die Erinnerung an die Menschen überwältigte ihn, die ihm

begegnet waren und die einer wie der andere sich selbst verloren. Karla,

die sich verzweifelt an schleichende Schmerzen wegwarf, Konrad, über dessen

Grabe die Erde noch locker war und Susanna, die nun ein Kind von ihm im

Hasse gegen den Vater gebären würde. Eine Traurigkeit ohnegleichen

zermarterte ihn. Er spähte in den Schatten der Häuser hinunter und sah

seine eigene Gestalt, von den Rätseln der Liebe und des Todes vermummt,

ruhelos in den Gassen, wo Mordgedanken aus dem steinernen Pflaster

aufstiegen und sein Herz verblendeten. Er weinte und seine Tränen waren

scharf und verzehrend wie Essig. Er stieß sich die Stirne an einem

Baumstamm wund und biß mit den Zähnen in seine Rinde. Die Schauer der

Verlassenheit kamen und er sehnte sich nach einem Gesicht, an das er das

seine lehnen konnte.

Auf einmal war es ihm, als ob ihn im Dunkeln zwei Augen anblickten, die er

lange vergessen hatte. Eine wunderschöne und gute Stimme wachte in seinem

Gedächtnis auf und tröstete ihn. Er kehrte um und schritt den Weg hinunter

zur Brücke.

* * * * *

Das Fenster der kleinen Stube auf dem Altstädter Ringplatze war noch hell.

Es war immer das letzte in dem großen Hause, das erst spät nach den anderen

dunkel wurde. Während der Schlaf vor den Schwellen kauerte und die

Fledermäuse an der Uhr des Rathauses vorüberflogen, war Zdenka noch wach

und ging erst zu Bette, wenn sie vom Denken müde geworden war und wenn die

Lampe zu blinzeln anfing.

Severin war die Treppen heraufgestiegen und wartete vor der Türe. Er pochte

und wollte rufen, aber seine Stimme gehorchte ihm nicht.

Severin!

Sie hatte den Riegel zurückgeschoben und stand jetzt glühend und verwirrt

im Lichte. Die blonden Haare fielen offen auf ihr Kleid und sie preßte die

Hände gegen die Brust. Ihr schmales Gesicht war lieblich, als sie ihm den

Mund zum Küssen bot.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 19 / 54 题