In der Nacht war der Sturm gekommen und lief brüllend die Straßen auf und
nieder. Aus der Ebene hinter den Grenzgebirgen hatte er eine schwere und
dunstige Wärme mitgebracht und klatschte das Schneewasser von den Dächern.
Severin lag wachend in der Finsternis. Das Fieber trieb den Schweiß aus
seinem Körper und erhitzte sein Blut. Das Fenster klapperte und manchmal
kam ein dumpfes Geräusch von unten herauf, wenn das Haustor in den Angeln
stöhnte. Der gelbe Blitz eines Wintergewitters erhellte für einen
Augenblick das Zimmer und in seinem Lichte glaubte Severin plötzlich das
Bild zu sehn, das über dem Kopfe Susannas in dem Laden des Buchhändlers
hing. Nun wußte er, wo er den Baum schon einmal gesehn hatte. Bei dem
Begräbnis Konrads war es gewesen: an der Friedhofsmauer auf dem Platze, der
für die neuen Gräber bestimmt war. Severin hatte ihn immer angeschaut,
während die Leute den Sarg in die Erde hoben und in dem kalten Lichte des
Tages war er ihm sonderbar und grotesk erschienen.
Er zog die Decke zum Halse und ihn fror. Ein großer Kummer bedrückte ihn,
über den er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte. Er dachte an den
törichten und grausamen Besuch am Tage vorher und daß er den Raben getötet
hatte. Draußen schlug der Sturm das klirrende Glas der Laternen entzwei und
fuhr gurgelnd in den Kamin.
Matt und verschlafen ging er am Morgen ins Bureau. Auf den Gassen stand das
Wasser in breiten Pfützen und der Wind war noch immer sehr heftig. Der Hut
flog ihm vom Kopfe und fiel in den Kot. Severin bückte sich und setzte ihn
wieder auf. Von der Krempe rann ihm der kühle Schmutz in die Stirne, aber
er kümmerte sich nicht darum. In den Vormittagsstunden, während er rechnete
und schrieb, ging draußen von Zeit zu Zeit ein strichweiser Regen nieder
und prasselte gegen die Scheiben. Severin stand auf und sah auf die nassen
Steine im Hofe hinunter. Eine fade Übelkeit stieg ihm wie eine glatte Kugel
in die Kehle. Früher als sonst ging er nach Hause und warf sich wieder auf
sein Lager. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Wenn er die Augen schloß,
hatte er das Empfinden, daß er stetig und unaufhaltsam in die Tiefe fiel.
Ein stumpfer Gedanke brannte beständig hinter seinen Schläfen, daß er
entsetzt das Gesicht in die Kissen vergrub.
* * * * *
Der Wind hatte sich gelegt und es war beinahe schwül geworden. In der Stadt
brach schon der Abend an und nur noch am Himmel zeichnete das
entschwindende Licht schwarzblaue Ränder um die Wolken über den Häusern.
Severin ging mit gesenktem Kopfe zwischen den Leuten. Eine maßlose Angst
hing wie ein Gewicht an seinem Herzen und machte ihn taumeln. Ein schwerer
Gegenstand drückte in der Tasche gegen seinen Leib und er umschloß ihn mit
den Fingern. Es war ein großer und runder Stein, den er einmal in den
Feldern aufgelesen und nach Hause genommen hatte.
Im Laden des Lazarus Kain brannte die Gasflamme über dem Pulte. Severin sah
durch die Glastüre den kahlen und spitzigen Kopf des Buchhändlers. Eine
Furche lief in der Mitte gegen die Stirne zu, als ob sich dort die Haut
über einem gespaltenen Knochen spannte. Severin überlief es. Er suchte im
Hintergrunde nach dem Bilde und erkannte mit einem starren und gequälten
Lächeln den Baum, von dem er heute in der Nacht geträumt hatte.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter und als er sich umwandte, stand
Susanna vor ihm.
Was tust du hier? -- fragte sie und ihre erloschenen Augen drohten. Ihre
Gestalt wuchs groß und gebieterisch in der Dämmerung, und Severin sah voll
Grauen, daß sie ein Kind erwartete.
Susanna! -- flüsterte er.
Zum ersten Male seit Wochen fiel ein Licht in seine nackte Seele. Die
Finsternis in ihm zerflatterte und er erschrak.
Warum bin ich hierhergekommen? -- dachte er bei sich. Es war still und
einsam in der fahlen Gasse und er fürchtete sich vor dem Gesichte der
Jüdin. Die Hand, mit der er den Feldstein umkrampfte, fing an zu zittern
und sein Blut blieb stehn.
Ich bin doch kein Mörder -- sagte er laut und in derselben Sekunde sah er
sich selbst in einem unsichtbaren Spiegel, von Lastern entstellt, die ihn
erstickten, mit Geschwüren besät, in denen die Verhängnisse wucherten.
Jesus! -- rief er und seine Stimme verriet es ihm, daß er gekommen war, um
den alten Kain zu erschlagen.
Jesus!
Der Schrei war so furchtbar, daß Susanna erblaßte. Eine Ohnmacht
verfinsterte ihre Gedanken und sie sah nur undeutlich und mit stockendem
Herzen, wie Severin die Gasse entlang in die Dunkelheit lief.
* * * * *
Es war schon spät und der Mond stand weiß und ruhig über den Türmen. Die
Wolken hatten sich verzogen und es war kühler und klar geworden. Severin
ging unter den Bäumen des Belvederes und atmete die feuchte Luft, in der er
schon den Geruch des kommenden Frühlings spürte. Unter ihm lag die Stadt im
Tale. Hie und da brannten noch ein paar Lichter wie die Augen eines
schläfrigen Tieres in der Ferne. Severin erfaßte ein Schauer. Er dachte an
die Tausende, die da unten gleich ihm ratlos in einem trüben Leben
versanken. Die Erinnerung an die Menschen überwältigte ihn, die ihm
begegnet waren und die einer wie der andere sich selbst verloren. Karla,
die sich verzweifelt an schleichende Schmerzen wegwarf, Konrad, über dessen
Grabe die Erde noch locker war und Susanna, die nun ein Kind von ihm im
Hasse gegen den Vater gebären würde. Eine Traurigkeit ohnegleichen
zermarterte ihn. Er spähte in den Schatten der Häuser hinunter und sah
seine eigene Gestalt, von den Rätseln der Liebe und des Todes vermummt,
ruhelos in den Gassen, wo Mordgedanken aus dem steinernen Pflaster
aufstiegen und sein Herz verblendeten. Er weinte und seine Tränen waren
scharf und verzehrend wie Essig. Er stieß sich die Stirne an einem
Baumstamm wund und biß mit den Zähnen in seine Rinde. Die Schauer der
Verlassenheit kamen und er sehnte sich nach einem Gesicht, an das er das
seine lehnen konnte.
Auf einmal war es ihm, als ob ihn im Dunkeln zwei Augen anblickten, die er
lange vergessen hatte. Eine wunderschöne und gute Stimme wachte in seinem
Gedächtnis auf und tröstete ihn. Er kehrte um und schritt den Weg hinunter
zur Brücke.
* * * * *
Das Fenster der kleinen Stube auf dem Altstädter Ringplatze war noch hell.
Es war immer das letzte in dem großen Hause, das erst spät nach den anderen
dunkel wurde. Während der Schlaf vor den Schwellen kauerte und die
Fledermäuse an der Uhr des Rathauses vorüberflogen, war Zdenka noch wach
und ging erst zu Bette, wenn sie vom Denken müde geworden war und wenn die
Lampe zu blinzeln anfing.
Severin war die Treppen heraufgestiegen und wartete vor der Türe. Er pochte
und wollte rufen, aber seine Stimme gehorchte ihm nicht.
Severin!
Sie hatte den Riegel zurückgeschoben und stand jetzt glühend und verwirrt
im Lichte. Die blonden Haare fielen offen auf ihr Kleid und sie preßte die
Hände gegen die Brust. Ihr schmales Gesicht war lieblich, als sie ihm den
Mund zum Küssen bot.