VII.

Seitdem Severin das Pulver aus dem Giftschranke seines Freundes an sich

genommen hatte, gewann eine unbezwingliche Unruhe über ihn Gewalt. Er war

jetzt wieder ganz allein und verkehrte mit niemandem mehr. Er ging nicht zu

Nikolaus, und mit dem alten Lazarus war er schon seit Wochen nicht mehr

beisammen gewesen. Zum letzten Male hatte er ihn an jenem Tage gesehen, wo

er den Buchhändler auf der Straße getroffen und mit ihm in das Atelier des

Doktor Konrad gegangen war. Von Susanna hörte er nichts mehr. Seit dem

Abende im Herbst, wo sie ihn von einer plötzlichen Flamme entlodert, in ihr

Zimmer geführt, war er ohne Nachricht von ihr. Er hielt sich mit Absicht

von dem Laden ihres Vaters fern, der spielerischen Vorliebe gemäß, die er

für halbe und unausgeglichene Ereignisse besaß. Er fürchtete sich, die

Erinnerung an die Jüdin durch eine gewöhnliche Folge zu verflachen und ihr

den Reiz zu nehmen. Ihm drängten sich die unklaren Wünsche eines Genießers

auf, der es zuwege brachte, ein Zuschauer des eigenen Lebens zu sein. Es

kam ihm gelegen, daß Susanna keinen Versuch machte, zu ihm zu gelangen; mit

Karla und Zdenka hatte er abgeschlossen. Eine zitternde Sehnsucht bohrte

beständig in seinem verworrenen Herzen. Wenn er jetzt am Nachmittage aus

der Kanzlei nach Hause kam, legte er sich wieder wie früher zu einem

stumpfen und stundenlangen Schlafe nieder. In der Nacht lag er dann wach in

seinem Bette und sah mit offenen Augen in die Dunkelheit. Er zählte die

Stundenschläge der Uhr hinter der Mauer der Nachbarswohnung und wehrte sich

gegen die Angst, die ihn befiel. Am Morgen ging er mit geränderten Lidern

in sein Bureau.

Es kam auch vor, daß er mitten in der Nacht aufstand und sich ankleiden

mußte. Es litt ihn nicht länger in dem zerwühlten Bett, in dem niedrigen

und langen Zimmer, aus dem die Finsternis sich nur zögernd entfernte, wo es

noch dunkel war, während draußen schon die Frühstreifen über den Himmel

gingen. Oft schloß er in der zweiten oder dritten Stunde nach Mitternacht

die Türe seiner Wohnung hinter sich zu und tappte die schwarzen Treppen

hinunter zur Straße. Die Stadt, die er sonst tagsüber oder in den

Abendstunden kreuz und quer durchstreift hatte, erhielt eine ungekannte und

scheue Macht über ihn. Sie zerrte ihn aus schreckhaften Träumen in ihren

Schoß. Dann ging er frierend, die verkohlte Zigarette zwischen den Lippen,

an den schlafenden Häusern vorbei, sah in die späten Lichter einsamer

Fenster hinein und horchte auf den Gesang der heimkehrenden Schwärmer und

auf den schweren Schritt der Schutzleute. Früher war er auch häufig mit

weinheißen Augen und ermattet vom Lärm in den Kneipen in den Nachtstunden

nach Hause gegangen. Nun merkte er erst den Unterschied. Seine Sinne waren

hell und wachsam; er sah, wie die Nacht alle Dinge veränderte, daß sie ein

zweites und anderes Leben als am Tage lebten. Er sah, wie sie aus

nüchternen und kahlen Plätzen melancholische Landschaften machte, aus engen

Gassen feuchtwandige Burgverließe. Seine Unrast trieb ihn bis zu der

äußersten Grenze der Vorstädte, wo die Zinskasernen in endloser Reihe

hintereinander standen, in das fünfte Viertel, in dessen langweilig

modernen Straßen man sich bei Lichte verirrte. Hie und da krochen noch ein

paar Trümmer der alten Judenstadt aus dem Dunkel hervor, das Kloster der

barmherzigen Brüder schob seinen ungeheuern Rumpf gegen die nachrückenden

Neubauten, an denen noch die Gerüste hingen. Am Ufer des Frantischek

brannten nur ein paar vereinzelte Lampen, und das Wasser des Flusses schlug

schwer und gleichmäßig gegen die Brücke.

In den Nachtlokalen spielten die Musikanten auf den heiseren Violinen.

Severin blieb vor den trüben Scheiben stehen und spähte zwischen den

Fenstervorhängen ins Innere. Er hörte die Billardkugeln auf den grünen

Brettern aneinanderschlagen und das Klappern des Büfettgeschirres. Wenn

sich die Türe öffnete, kam der fade Geruch der Frühsuppe auf die Straße.

Der Winter war kalt, und Severin drückte die Hände mit den schmerzenden

Gelenken in die Tasche. Zuweilen ging er auch zu der Musik hinein. Dann

ließ er sich einen brennenden Punsch bringen und hielt die Finger über die

blaue Flamme. Der abgestandene Zigarrenrauch beizte ihm die Augen, aber die

Wärme tat ihm wohl.

Es waren zumeist immer dieselben Lokale, in denen sich Severin vor der

Kälte versteckte, der »Weiße Kranz« auf dem Obstmarkte, wo die Gäste den

Kopf auf die überschlagenen Arme legten und bei den Tischen schliefen, die

»Falte« in der Kleinen Karlsgasse, wo er oft stundenlang der einzige

Besucher blieb, oder das russische Kaffeehaus an der Grenze zwischen Prag

und Weinberge, wo die südslawischen Studenten verkehrten. Er kannte das

alles noch von früher her, als er in den Nächten den Abenteuern

nachgegangen war. Jetzt saß er fremd und erwartungslos in dieser Welt, die

ihm unwirklich und automatenhaft erschien, in den Spelunken, wo die

schäbigen Reste der Lustigkeit an der eigenen Stumpfheit erloschen, in den

Kaffeesalons, wo die Bänke mit rotem Samt gepolstert waren und wo die Gäste

wie Kellnerburschen und die Kellner wie Lebemänner aussahen. Er mußte über

sich selber lächeln, daß er hier einmal den Hunger der Seele zu stillen

gedachte. Jahre waren seitdem vergangen und es hatte sich nichts gewandelt

in ihm. Nur bitterer, eigensinniger und verstockter war er inzwischen

geworden. Seine übernächtige Erregung hatte nichts Gemeinsames mit dem

lässigen Taumel um ihn her, und die Starrheit, die ihn lähmte, war eine

andere als die auf den Gesichtern der Kokotten, die sich an den

Marmortischchen räkelten oder zu ihm kamen und um ein Glas Tee zu betteln

begannen. Er wußte es nicht, wie lange er sich nun schon in den Nächten in

der Stadt herumtrieb und in den Wirtsstuben lungerte, die bis zum Morgen

geöffnet hielten. Aber er fühlte, daß er im Kreise um einen Punkt herumging

wie ein angepflocktes Tier an der Kette. Mit einem ohnmächtigen Grauen

tastete er über sein Kleid, wo er das Giftfläschchen aufbewahrte. Als

einmal die Winterfrühe nach einer durchwachten Nacht in den Straßen

dämmerte, ging er zu Nikolaus.

Es war noch sehr zeitlich am Morgen, als die Türklingel hastig und

verdrossen durch den Flurgang tönte. Nikolaus lag noch zu Bett und empfing

den Besucher mit unverhohlenem Staunen. Aber als er in das verfallene, von

Schatten durchfurchte Gesicht Severins blickte, gab er ihm die Hand.

Nikolaus schlief in einem Boudoir. Sein erlesener Geschmack hatte die

hundert Dinge einer künstlerischen Kultur in dem Raume zusammengetragen,

der eher dem üppigen Nest einer Kurtisane als dem Schlafzimmer eines

Junggesellen glich. Eine silberne Ampel hing von der Decke herab, in der

das Licht hinter honigfarbenen Gläsern glomm. Auf den Stühlen und den

niedrigen Tischchen leuchteten die schweren Farben der Seide und des

Brokat. Statuetten aus dunkler Bronze, Sandelholzbüchsen und japanische

Lackmalereien standen neben zierlichen Gläsern und Schatullen, neben

Meßkelchen und asiatischen Nippes, und ein großer, vom Alter geschwärzter

Leuchter hielt sieben dicke und feierliche Kerzen in seinen Armen. Durch

das gotische Muster des Vorhangs fiel der erste und trostlose Schimmer des

Wintertages. Severins Augen gingen durch das Gemach, über die matten Linien

der Tapete zu der Stelle, wo Nikolaus halbaufgerichtet in seinem goldenen

Bette saß. Es war ein Ausdruck in ihnen, als ob sie sich nicht

zurechtfinden könnten in der Umgebung, in der schwülen und gediegenen

Schönheit, die sie schmückte. Es war ein Schrei, mit dem er die Hand

erfaßte, die Nikolaus ihm bot. Alle Not, alle Gequältheit offenbarte sich

in seiner Stimme. Er lag vor dem Bette des Jünglings und hatte den Kopf in

die Kissen gewühlt.

Nikolaus -- schrie er -- wie war das, -- -- als Sie damals Ihren Freund

getötet hatten -- -- -- -- -- --

Nikolaus sah zu ihm nieder, wie sein Körper in einem namenlosen Krampf sich

streckte. Ein Schrecken stieg mit dem Blute in sein Gesicht. Er hob den Arm

und hielt ihn in die Höhe und seine Finger spreizten sich. Es war eine

große, mitleidige Trauer, mit der er immer von neuem den Namen des andern

rief:

Severin! Severin!

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 16 / 54 题