Seitdem Severin das Pulver aus dem Giftschranke seines Freundes an sich
genommen hatte, gewann eine unbezwingliche Unruhe über ihn Gewalt. Er war
jetzt wieder ganz allein und verkehrte mit niemandem mehr. Er ging nicht zu
Nikolaus, und mit dem alten Lazarus war er schon seit Wochen nicht mehr
beisammen gewesen. Zum letzten Male hatte er ihn an jenem Tage gesehen, wo
er den Buchhändler auf der Straße getroffen und mit ihm in das Atelier des
Doktor Konrad gegangen war. Von Susanna hörte er nichts mehr. Seit dem
Abende im Herbst, wo sie ihn von einer plötzlichen Flamme entlodert, in ihr
Zimmer geführt, war er ohne Nachricht von ihr. Er hielt sich mit Absicht
von dem Laden ihres Vaters fern, der spielerischen Vorliebe gemäß, die er
für halbe und unausgeglichene Ereignisse besaß. Er fürchtete sich, die
Erinnerung an die Jüdin durch eine gewöhnliche Folge zu verflachen und ihr
den Reiz zu nehmen. Ihm drängten sich die unklaren Wünsche eines Genießers
auf, der es zuwege brachte, ein Zuschauer des eigenen Lebens zu sein. Es
kam ihm gelegen, daß Susanna keinen Versuch machte, zu ihm zu gelangen; mit
Karla und Zdenka hatte er abgeschlossen. Eine zitternde Sehnsucht bohrte
beständig in seinem verworrenen Herzen. Wenn er jetzt am Nachmittage aus
der Kanzlei nach Hause kam, legte er sich wieder wie früher zu einem
stumpfen und stundenlangen Schlafe nieder. In der Nacht lag er dann wach in
seinem Bette und sah mit offenen Augen in die Dunkelheit. Er zählte die
Stundenschläge der Uhr hinter der Mauer der Nachbarswohnung und wehrte sich
gegen die Angst, die ihn befiel. Am Morgen ging er mit geränderten Lidern
in sein Bureau.
Es kam auch vor, daß er mitten in der Nacht aufstand und sich ankleiden
mußte. Es litt ihn nicht länger in dem zerwühlten Bett, in dem niedrigen
und langen Zimmer, aus dem die Finsternis sich nur zögernd entfernte, wo es
noch dunkel war, während draußen schon die Frühstreifen über den Himmel
gingen. Oft schloß er in der zweiten oder dritten Stunde nach Mitternacht
die Türe seiner Wohnung hinter sich zu und tappte die schwarzen Treppen
hinunter zur Straße. Die Stadt, die er sonst tagsüber oder in den
Abendstunden kreuz und quer durchstreift hatte, erhielt eine ungekannte und
scheue Macht über ihn. Sie zerrte ihn aus schreckhaften Träumen in ihren
Schoß. Dann ging er frierend, die verkohlte Zigarette zwischen den Lippen,
an den schlafenden Häusern vorbei, sah in die späten Lichter einsamer
Fenster hinein und horchte auf den Gesang der heimkehrenden Schwärmer und
auf den schweren Schritt der Schutzleute. Früher war er auch häufig mit
weinheißen Augen und ermattet vom Lärm in den Kneipen in den Nachtstunden
nach Hause gegangen. Nun merkte er erst den Unterschied. Seine Sinne waren
hell und wachsam; er sah, wie die Nacht alle Dinge veränderte, daß sie ein
zweites und anderes Leben als am Tage lebten. Er sah, wie sie aus
nüchternen und kahlen Plätzen melancholische Landschaften machte, aus engen
Gassen feuchtwandige Burgverließe. Seine Unrast trieb ihn bis zu der
äußersten Grenze der Vorstädte, wo die Zinskasernen in endloser Reihe
hintereinander standen, in das fünfte Viertel, in dessen langweilig
modernen Straßen man sich bei Lichte verirrte. Hie und da krochen noch ein
paar Trümmer der alten Judenstadt aus dem Dunkel hervor, das Kloster der
barmherzigen Brüder schob seinen ungeheuern Rumpf gegen die nachrückenden
Neubauten, an denen noch die Gerüste hingen. Am Ufer des Frantischek
brannten nur ein paar vereinzelte Lampen, und das Wasser des Flusses schlug
schwer und gleichmäßig gegen die Brücke.
In den Nachtlokalen spielten die Musikanten auf den heiseren Violinen.
Severin blieb vor den trüben Scheiben stehen und spähte zwischen den
Fenstervorhängen ins Innere. Er hörte die Billardkugeln auf den grünen
Brettern aneinanderschlagen und das Klappern des Büfettgeschirres. Wenn
sich die Türe öffnete, kam der fade Geruch der Frühsuppe auf die Straße.
Der Winter war kalt, und Severin drückte die Hände mit den schmerzenden
Gelenken in die Tasche. Zuweilen ging er auch zu der Musik hinein. Dann
ließ er sich einen brennenden Punsch bringen und hielt die Finger über die
blaue Flamme. Der abgestandene Zigarrenrauch beizte ihm die Augen, aber die
Wärme tat ihm wohl.
Es waren zumeist immer dieselben Lokale, in denen sich Severin vor der
Kälte versteckte, der »Weiße Kranz« auf dem Obstmarkte, wo die Gäste den
Kopf auf die überschlagenen Arme legten und bei den Tischen schliefen, die
»Falte« in der Kleinen Karlsgasse, wo er oft stundenlang der einzige
Besucher blieb, oder das russische Kaffeehaus an der Grenze zwischen Prag
und Weinberge, wo die südslawischen Studenten verkehrten. Er kannte das
alles noch von früher her, als er in den Nächten den Abenteuern
nachgegangen war. Jetzt saß er fremd und erwartungslos in dieser Welt, die
ihm unwirklich und automatenhaft erschien, in den Spelunken, wo die
schäbigen Reste der Lustigkeit an der eigenen Stumpfheit erloschen, in den
Kaffeesalons, wo die Bänke mit rotem Samt gepolstert waren und wo die Gäste
wie Kellnerburschen und die Kellner wie Lebemänner aussahen. Er mußte über
sich selber lächeln, daß er hier einmal den Hunger der Seele zu stillen
gedachte. Jahre waren seitdem vergangen und es hatte sich nichts gewandelt
in ihm. Nur bitterer, eigensinniger und verstockter war er inzwischen
geworden. Seine übernächtige Erregung hatte nichts Gemeinsames mit dem
lässigen Taumel um ihn her, und die Starrheit, die ihn lähmte, war eine
andere als die auf den Gesichtern der Kokotten, die sich an den
Marmortischchen räkelten oder zu ihm kamen und um ein Glas Tee zu betteln
begannen. Er wußte es nicht, wie lange er sich nun schon in den Nächten in
der Stadt herumtrieb und in den Wirtsstuben lungerte, die bis zum Morgen
geöffnet hielten. Aber er fühlte, daß er im Kreise um einen Punkt herumging
wie ein angepflocktes Tier an der Kette. Mit einem ohnmächtigen Grauen
tastete er über sein Kleid, wo er das Giftfläschchen aufbewahrte. Als
einmal die Winterfrühe nach einer durchwachten Nacht in den Straßen
dämmerte, ging er zu Nikolaus.
Es war noch sehr zeitlich am Morgen, als die Türklingel hastig und
verdrossen durch den Flurgang tönte. Nikolaus lag noch zu Bett und empfing
den Besucher mit unverhohlenem Staunen. Aber als er in das verfallene, von
Schatten durchfurchte Gesicht Severins blickte, gab er ihm die Hand.
Nikolaus schlief in einem Boudoir. Sein erlesener Geschmack hatte die
hundert Dinge einer künstlerischen Kultur in dem Raume zusammengetragen,
der eher dem üppigen Nest einer Kurtisane als dem Schlafzimmer eines
Junggesellen glich. Eine silberne Ampel hing von der Decke herab, in der
das Licht hinter honigfarbenen Gläsern glomm. Auf den Stühlen und den
niedrigen Tischchen leuchteten die schweren Farben der Seide und des
Brokat. Statuetten aus dunkler Bronze, Sandelholzbüchsen und japanische
Lackmalereien standen neben zierlichen Gläsern und Schatullen, neben
Meßkelchen und asiatischen Nippes, und ein großer, vom Alter geschwärzter
Leuchter hielt sieben dicke und feierliche Kerzen in seinen Armen. Durch
das gotische Muster des Vorhangs fiel der erste und trostlose Schimmer des
Wintertages. Severins Augen gingen durch das Gemach, über die matten Linien
der Tapete zu der Stelle, wo Nikolaus halbaufgerichtet in seinem goldenen
Bette saß. Es war ein Ausdruck in ihnen, als ob sie sich nicht
zurechtfinden könnten in der Umgebung, in der schwülen und gediegenen
Schönheit, die sie schmückte. Es war ein Schrei, mit dem er die Hand
erfaßte, die Nikolaus ihm bot. Alle Not, alle Gequältheit offenbarte sich
in seiner Stimme. Er lag vor dem Bette des Jünglings und hatte den Kopf in
die Kissen gewühlt.
Nikolaus -- schrie er -- wie war das, -- -- als Sie damals Ihren Freund
getötet hatten -- -- -- -- -- --
Nikolaus sah zu ihm nieder, wie sein Körper in einem namenlosen Krampf sich
streckte. Ein Schrecken stieg mit dem Blute in sein Gesicht. Er hob den Arm
und hielt ihn in die Höhe und seine Finger spreizten sich. Es war eine
große, mitleidige Trauer, mit der er immer von neuem den Namen des andern
rief:
Severin! Severin!