Wo bist du? --

Severin hob seine Augen zu den ihren, die dunkel und abwesend über ihn

hingingen und in denen er die Angst las, ihn zu verlieren. Er prüfte ihre

hohe, königliche Gestalt, die wie eine fremde, sehnsüchtige Blume aus den

Treppensteinen zu ihm emporwuchs und sah, daß sie schön war in dieser

Sekunde. Auf ihren Lippen meinte er die Male der Küsse zu schauen, die er

noch vor kurzem getrunken hatte. Aber es war ihm wie ein lange gewesenes,

längst abgetanes Ereignis, das seine Seele nicht mehr erreichte. Mühsam,

wie man im Schlafe die Worte sucht und kann sich nicht an sie besinnen,

sagte er zu ihr:

Geh nach Hause, Karla -- Ich liebe dich nicht mehr.

Ihre Hand löste sich vom Rande des Geländers los. Ein Windstoß kam durch

das offene Tor des Hauses und machte sie beide frösteln.

Geh nach Hause -- sagte er noch einmal und ging an ihr vorüber, wie er von

Zdenka fortgegangen war, ohne den Kopf zu wenden.

In seinem Zimmer blieb Severin eine Weile im Finstern. Er fühlte nach dem

Fläschchen in seiner Tasche, das die Wärme des Körpers an sich sog und

merkte, wie kalt seine Hände waren. Dann zündete er die Kerze an.

Auf seinem Tische lag ein Brief, auf dessen Umschlag die schiefe und

lüsterne Hand eines Weibes seinen Namen geschrieben hatte. Ein Bote mußte

ihn gebracht haben, während er bei Nikolaus weilte. Er öffnete ihn und sah

nach der Unterschrift. Und ungelesen hielt er den Brief der blonden

Ruschena über die Flamme.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 15 / 54 题