Unvermutet war es plötzlich Winter geworden. Als Severin eines Morgens aus
dem Hause trat, lag der Schnee auf den Dächern und Steigen der Stadt und
wirbelte in der Luft, in der noch die letzte Dämmerung der Nacht lagerte.
Es war acht Uhr und die Straßengeschäfte öffneten laut und umständlich ihre
Laden. Der Wind blies eine leichte Kälte in die verschneiten Gassen, und
Severin fror ein wenig in dem dünnen Überrocke. Er war überrascht und ging
langsam auf einem kleinen Umwege zur Kanzlei. Zum ersten Male seit Jahren
kam es ihm wieder zu Bewußtsein, daß der Schnee einen eigenen Geruch habe,
wie Äpfel, die lange Zeit zwischen den Fenstern gelegen sind. Schon als
Kind besaß er eine empfindsame Witterung für das Aroma, das einem jeden
Ding und einer jeden Zeit anhaftete. Er dachte an die Tage des
Schulanfangs, wenn er nach den Ferien zum ersten Male wieder das
Klassenzimmer betrat und ihm der feuchte Duft der Kreide entgegenschlug. Er
entsann sich des Behagens, wenn er nach langen und schweren Frösten in der
Frühe das Tauwetter durch die Ritzen der Türe spürte, wenn er dann draußen
von dem Eiswasser kostete, das in glitzernden Strähnen von den Bäumen und
Gesimsen niederrann und das in der Sonne ganz anders und milder schmeckte
als im Schatten. Seine Kindheit war erfüllt mit dieser Freude an vielerlei
Gerüchen, die ihm wohltaten oder ihn bedrückten, an denen er Folge und
Wiederkehr erkannte und die die Jahreszeiten begleiteten. Nun war er froh,
daß der Herbst vorbei und der Winter da war. Ihm war es, als ob sich damit
etwas Neues ereignet habe, etwas, das ihm schon lange gefehlt hatte.
Im Bureau saß er still, den Kopf hinter den hohen Aufsatz des
Schreibtisches gebeugt und sah hinter den schmutzigen Fensterscheiben die
weißen Sterne in den Hof fallen. Auf dem Wege war er an den Buden der
Nikoloverkäufer vorbeigegangen. Die geschnitzten Teufel streckten die roten
Flanellzungen nach ihm aus und an den Straßenecken waren ganze Buschen von
goldenen Ruten aufgestapelt, mit schreiend bunten Papierblumen beklebt. Auf
grünlackierten Brettchen standen die Heiligen in ihren steifen Gewändern
und hatten einen Bart aus Watte.
Am Abende ging er auf den Altstädter Ring, wo der Jahrmarkt war. Zwischen
Pfefferkuchenreitern, gelben Trompeten und farbigen Kindertrommeln drängten
sich die Menschen und die Mädchen schoben sich paarweise durch den Schwarm.
Die Windflammen taumelten über den ausgebreiteten Süßigkeiten und
beleuchteten flatternd den roten Turban der Männer, die den türkischen
Honig feilboten. Vor dem niedrigen Zelte eines Panoptikums lehnte Zdenka
und starrte den Mohren an, der an der Kasse saß und die Eintrittsgelder
sammelte. Es war lange her, seitdem sie Severin zum letzten Male gesehn.
Als er jetzt plötzlich ihren Arm berührte, schrie sie vor Schrecken.
Du -- du -- stammelte sie und ihre schöne, vom Weinen entstellte Stimme
schwankte. Dann aber nahm sie seine Hände und führte ihn abseits aus dem
Trubel in eine stille Gasse. Beim Licht einer Straßenlaterne sah sie in
sein Gesicht und da bemerkte auch er, wie schmal und elend das ihre
geworden war. Ihre Nase war mager und spitz wie bei einer Kranken und ihr
Mund war dünn. Nur die Süßigkeit war noch da, in den verhärmten Winkeln und
Schatten ihrer Augen, die sie zu ihm mit einem Blicke aufschlug, den er an
ihr nicht kannte. Sie wollte reden, aber sie konnte es nicht. Und wie sie
nun vor ihm dastand, wirr und hilflos, von der Liebe betäubt, da regte sich
in Severin neben dem Mitleid mit Zdenka eine selbstgefällige Freude an
ihrem Schmerz. Er verglich sie in der Erinnerung mit dem Mädchen aus dem
Theaterstück, an das er immer denken mußte, wenn er mit Zdenka beisammen
war. Er dachte bei sich, daß nun das Stück zu Ende sei und der Vorhang
fallen müsse. Und etwas von der alten Zärtlichkeit des vergangenen Sommers
war in der Bewegung, mit der er ihre Wange streichelte und über das Haar
hinstrich, das ihr in die Stirne wollte. Da fiel sie ihm mit einem wehen
Ausruf vor die Füße und faßte mit den Händen seine Knie.