VI.

Unvermutet war es plötzlich Winter geworden. Als Severin eines Morgens aus

dem Hause trat, lag der Schnee auf den Dächern und Steigen der Stadt und

wirbelte in der Luft, in der noch die letzte Dämmerung der Nacht lagerte.

Es war acht Uhr und die Straßengeschäfte öffneten laut und umständlich ihre

Laden. Der Wind blies eine leichte Kälte in die verschneiten Gassen, und

Severin fror ein wenig in dem dünnen Überrocke. Er war überrascht und ging

langsam auf einem kleinen Umwege zur Kanzlei. Zum ersten Male seit Jahren

kam es ihm wieder zu Bewußtsein, daß der Schnee einen eigenen Geruch habe,

wie Äpfel, die lange Zeit zwischen den Fenstern gelegen sind. Schon als

Kind besaß er eine empfindsame Witterung für das Aroma, das einem jeden

Ding und einer jeden Zeit anhaftete. Er dachte an die Tage des

Schulanfangs, wenn er nach den Ferien zum ersten Male wieder das

Klassenzimmer betrat und ihm der feuchte Duft der Kreide entgegenschlug. Er

entsann sich des Behagens, wenn er nach langen und schweren Frösten in der

Frühe das Tauwetter durch die Ritzen der Türe spürte, wenn er dann draußen

von dem Eiswasser kostete, das in glitzernden Strähnen von den Bäumen und

Gesimsen niederrann und das in der Sonne ganz anders und milder schmeckte

als im Schatten. Seine Kindheit war erfüllt mit dieser Freude an vielerlei

Gerüchen, die ihm wohltaten oder ihn bedrückten, an denen er Folge und

Wiederkehr erkannte und die die Jahreszeiten begleiteten. Nun war er froh,

daß der Herbst vorbei und der Winter da war. Ihm war es, als ob sich damit

etwas Neues ereignet habe, etwas, das ihm schon lange gefehlt hatte.

Im Bureau saß er still, den Kopf hinter den hohen Aufsatz des

Schreibtisches gebeugt und sah hinter den schmutzigen Fensterscheiben die

weißen Sterne in den Hof fallen. Auf dem Wege war er an den Buden der

Nikoloverkäufer vorbeigegangen. Die geschnitzten Teufel streckten die roten

Flanellzungen nach ihm aus und an den Straßenecken waren ganze Buschen von

goldenen Ruten aufgestapelt, mit schreiend bunten Papierblumen beklebt. Auf

grünlackierten Brettchen standen die Heiligen in ihren steifen Gewändern

und hatten einen Bart aus Watte.

Am Abende ging er auf den Altstädter Ring, wo der Jahrmarkt war. Zwischen

Pfefferkuchenreitern, gelben Trompeten und farbigen Kindertrommeln drängten

sich die Menschen und die Mädchen schoben sich paarweise durch den Schwarm.

Die Windflammen taumelten über den ausgebreiteten Süßigkeiten und

beleuchteten flatternd den roten Turban der Männer, die den türkischen

Honig feilboten. Vor dem niedrigen Zelte eines Panoptikums lehnte Zdenka

und starrte den Mohren an, der an der Kasse saß und die Eintrittsgelder

sammelte. Es war lange her, seitdem sie Severin zum letzten Male gesehn.

Als er jetzt plötzlich ihren Arm berührte, schrie sie vor Schrecken.

Du -- du -- stammelte sie und ihre schöne, vom Weinen entstellte Stimme

schwankte. Dann aber nahm sie seine Hände und führte ihn abseits aus dem

Trubel in eine stille Gasse. Beim Licht einer Straßenlaterne sah sie in

sein Gesicht und da bemerkte auch er, wie schmal und elend das ihre

geworden war. Ihre Nase war mager und spitz wie bei einer Kranken und ihr

Mund war dünn. Nur die Süßigkeit war noch da, in den verhärmten Winkeln und

Schatten ihrer Augen, die sie zu ihm mit einem Blicke aufschlug, den er an

ihr nicht kannte. Sie wollte reden, aber sie konnte es nicht. Und wie sie

nun vor ihm dastand, wirr und hilflos, von der Liebe betäubt, da regte sich

in Severin neben dem Mitleid mit Zdenka eine selbstgefällige Freude an

ihrem Schmerz. Er verglich sie in der Erinnerung mit dem Mädchen aus dem

Theaterstück, an das er immer denken mußte, wenn er mit Zdenka beisammen

war. Er dachte bei sich, daß nun das Stück zu Ende sei und der Vorhang

fallen müsse. Und etwas von der alten Zärtlichkeit des vergangenen Sommers

war in der Bewegung, mit der er ihre Wange streichelte und über das Haar

hinstrich, das ihr in die Stirne wollte. Da fiel sie ihm mit einem wehen

Ausruf vor die Füße und faßte mit den Händen seine Knie.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 12 / 54 题