V.

Zwischen Nikolaus, der an dem Atelierabend Doktor Konrads die Gäste mit

seinen Handlesekünsten unterhalten hatte, und Severin war es seither zu

einer Art Freundschaft gekommen. Es war etwas Unklares und Unergründetes in

der Person des jungen Studenten, das Severin anzog und seine Gesellschaft

suchen ließ. Niemand wußte etwas Genaues über Nikolaus zu berichten, der

vor ein paar Jahren nach Prag gekommen war und an der Universität die

philosophischen Fächer studierte. Auf den Sportplätzen auf dem Belvedere

sah man ihn beim Fußballspiel und beim Tennis, und man begegnete ihm in den

Bootshäusern der Ruderklubs an der Moldau. Abends saß er in den

Kaffeehäusern der Stadt, spielte stundenlang Schach mit allerhand Leuten

und trank zwischendurch aus einem dünnen Strohhalme ungezählte Gläser

Schwedenpunsch. Man wußte, daß er reich war, eine große und wertvolle

Bibliothek besaß, mit Künstlern Umgang pflegte und okkultistische

Liebhabereien betrieb. In seiner mit Eleganz und gutem Geschmack

ausgestatteten Wohnung gab es eine Menge merkwürdiger und ungewohnter

Dinge, Buddhabronzen mit unterschlagenen Beinen, mediumistische Zeichnungen

in metallenen Wandrahmen, Skarabäen und magische Spiegel, ein Porträt der

Blavatsky und einen wirklichen Beichtstuhl. Man erzählte, daß in seinem

Zimmer einmal ein Mensch auf geheimnisvolle Weise ums Leben gekommen sei.

Niemand war Zeuge dieses Vorfalles gewesen und die gerichtliche

Untersuchung ergab, daß der Revolver, ein schönes und kostbares Stück, das

Nikolaus seinem Besucher zeigte, unversehens sich plötzlich entladen und

ihn getötet hatte. Das Verfahren gegen Nikolaus wurde eingestellt, aber ein

hartnäckiges Gerücht brachte noch lange Zeit eine Dame der Gesellschaft mit

dem Unglück in Verbindung und man munkelte von Totschlag und einem

amerikanischen Duell, ohne daß Nikolaus in Hinkunft sich bewogen fand,

diesen verdächtigen Geschichten entgegenzutreten.

Auf Severin machte die Erzählung von dem rätselhaften Tode des jungen

Menschen einen ungeheuren Eindruck. Mit einer unverhohlenen Scheu

betrachtete er das hagere Gesicht seines neuen Bekannten, wenn er die

Abende nun mitunter in dessen Wohnung verbrachte und von den schweren

Schnäpsen kostete, die Nikolaus in den matt gefärbten Gläsern kredenzte.

Immer wieder gingen seine Blicke nach dem zierlichen Damenschreibtisch

hinüber, wo scharf geschliffene Dolche zwischen Büchern und Papieren lagen,

wo er hinter den gelben Messingschlössern die Schußwaffe vermutete, die

damals den Tod in dieses Zimmer gebannt hatte. Den Tod. Es war etwas in dem

dumpfen Klange der Silbe, das ihm aufreizender, beziehungsreicher zu sein

schien, wie alle die schläfrigen Äußerungen eines behüteten Lebens. Ein

kleiner und perverser Neid kroch an die Oberfläche seiner Seele und blieb

in trüben Blasen zögernd stehen. Neid gegen Nikolaus, der mit gleichmütigen

Händen mit dem Opalring an seinem Finger spielte, über Bücher und

Zeitschriften plauderte, während der Teppich unter seinen Füßen vielleicht

noch das trockene Blut des Mannes bewahrte, der auf ihm gestorben war. Er

fühlte die Überlegenheit eines Charakters, der sich korrekt und blasiert

vor der Welt verriegelte, der trotz seiner Jugend nichts mehr von der

unsicheren Gestaltslosigkeit hatte, der dem seinen innewohnte.

Auch Karla kam manchmal mit ihm in das Zimmer zu Nikolaus. Seit ihrer

Begegnung mit Severin folgte sie ihm auf Schritt und Tritt und wußte es so

einzurichten, daß sie fast täglich mit ihm zusammentraf. Für ihre

empfindsame, von Frösten und Gluten geprüfte Seele war er ein neues, noch

ungenossenes Fieber, dem sie verfallen war und dem sie erlag. Sie warb um

ihn mit einer beharrlichen Verliebtheit, mit dem echten und ungekünstelten

Schmachten ihres schwermütigen Wesens, mit den erfahrenen Künsten einer

rücksichtslosen Koketterie. Auch Severin konnte sich der Wirkung ihrer

Persönlichkeit nicht entziehen, aber es ging ihm mit ihr wie mit allen

Erlebnissen, die bisher an ihn herangetreten waren. Es gab Augenblicke, wo

sich sein Herz an der Schwelle dessen glaubte, was er nur dunkel tastend

verstand und was für ihn ohne Namen war. Dann zitterten die Hände beider

ineinander, dann hatte alles, was um ihn geschah, einen goldenen und

besonderen Glanz, dann saß er still und unbeweglich und fühlte die Dinge

der Welt um sich in einer betörenden Schönheit. Dann kamen wieder Stunden,

in denen ihn die Gnade ganz verließ. Da spürte er mit Groll und Trauer, daß

ihn eine Laune täuschte. Er sah die Lichter in Karlas Augen, ihren hohen

und schlanken Leib, ihre lässigen Glieder. Er sah die kupplerischen

Schatten der Dämmerstunde, die fahl und verlegen zur Erde hingen, auf der

mit einem Male kein Wunder mehr war. Und er küßte Karla auf ihren Mund und

nahm sie, so wie er Susanna genommen hatte und Ruschena nehmen würde, wenn

sie ihn darum bat.

Er sprach mit Nikolaus über sein Herz. Er erzählte ihm alles, was er bei

sich bedachte, wenn er des Morgens im Bureau die Zahlen auf das graue

Papier schrieb und das nackte Licht der elektrischen Birne auf der feuchten

Tinte flimmerte. Er sprach von dem Buche, das er als Knabe gelesen, von der

Angst, die ihn manchmal erfaßte, wenn er vor der verschlossenen Türe seiner

Wohnung stand und sich minutenlang nicht getraute sie zu öffnen, gerade als

ob sich etwas Schweres für ihn damit entscheiden sollte. Er weihte ihn in

seine Liebesabenteuer ein, so weit er sich an alles entsinnen konnte, was

ihm in durchschwärmten Nächten, in den Bars und Tingel-Tangels der

Vorstädte in dieser Hinsicht widerfahren war. Immer hatte er geglaubt, im

Innersten berührt zu sein, das große und absichtslose Geschehen in sich zu

spüren, das die andern alle überwältigte, das die Frauen in die Moldau

trieb und den Männern die Pistole an die Stirne drückte. Einmal war er

dabei gewesen, als die Flößer am Flußufer von Podskal die Leiche eines

Weibes aus dem Wasser zogen. Es war eine junge Person aus dem Volke, ein

Dienstmädchen oder eine Handwerkersfrau, und die nassen Kleider, die an dem

starren Körper klebten, legten sich straff um die kräftigen Schenkel und

die runden Brüste. Severin kam dazu, als die Leute sich um die Tote

versammelten und der Polizeimann seine Notizen machte. Er sah ihr im

Sterben verkrampftes Gesicht und den bläulichen Mund und fragte sich, wie

wohl das Dasein dieses Menschen beschaffen gewesen sein mußte, welche

Gewalttätigkeiten und Nöte es zu diesem Ende brachten. Er las täglich in

der Zeitung von einem Selbstmord. Bald hatten sich zwei in einem

Hotelzimmer erschossen, bald nahm ein Mädchen Gift und starb unter Qualen.

Halbe Knaben noch, Schuljungen und Fünfzehnjährige töteten sich, weil sie

das Leben nicht mehr ertragen konnten. Severin begriff das nicht. Er sah

mit Trotz und Einsamkeit die lange Reihe der Unglücklichen, die an einem

Haß oder einer Liebe zugrunde gingen, er las in den Gerichtsverhandlungen

der Tagesblätter von den Mühseligen, die erschüttert zwischen den

Schicksalen schwankten. Die Zahl der Opfer und der Sieger in diesem Kampfe

wuchs vor seinen Augen und er wußte, daß auf der Straße neben ihm Menschen

mit brennenden Seelen gingen, Hasardspieler, die ihr Glück auf eine Karte

setzten, Bankrotteure, die es nicht mehr konnten.

Nikolaus hörte ihm nachdenklich zu und schob mit einer kleinen

Elfenbeinschaufel die Haut hinter seine polierten Nägel. Und als Severin

von Zdenka und Susanna sprach, von den Frauen, die er kannte, wie er in den

Armen der Kellnerinnen, im Bette der Jüdin, unter den Liebkosungen Karlas

vergebens auf den Rausch seines Blutes gelauert, meinte er:

Weibergeschichten sind nichts für Sie. Ich glaube, daß Sie etwas Größeres

erwartet. --

Severin erschrak. Er gedachte der sonderbaren Prophezeiung, die Nikolaus

bei ihrer ersten Begegnung im Atelier des Doktor Konrad aus den Linien

seiner Hand gelesen hatte. Er fühlte seine Pulse schlagen und empfand mit

Sträuben und Schauer die Nähe eines unförmigen Geschicks, dem er mit allen

Sinnen zustrebte und das er nicht kannte.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 11 / 54 题