Zwischen Nikolaus, der an dem Atelierabend Doktor Konrads die Gäste mit
seinen Handlesekünsten unterhalten hatte, und Severin war es seither zu
einer Art Freundschaft gekommen. Es war etwas Unklares und Unergründetes in
der Person des jungen Studenten, das Severin anzog und seine Gesellschaft
suchen ließ. Niemand wußte etwas Genaues über Nikolaus zu berichten, der
vor ein paar Jahren nach Prag gekommen war und an der Universität die
philosophischen Fächer studierte. Auf den Sportplätzen auf dem Belvedere
sah man ihn beim Fußballspiel und beim Tennis, und man begegnete ihm in den
Bootshäusern der Ruderklubs an der Moldau. Abends saß er in den
Kaffeehäusern der Stadt, spielte stundenlang Schach mit allerhand Leuten
und trank zwischendurch aus einem dünnen Strohhalme ungezählte Gläser
Schwedenpunsch. Man wußte, daß er reich war, eine große und wertvolle
Bibliothek besaß, mit Künstlern Umgang pflegte und okkultistische
Liebhabereien betrieb. In seiner mit Eleganz und gutem Geschmack
ausgestatteten Wohnung gab es eine Menge merkwürdiger und ungewohnter
Dinge, Buddhabronzen mit unterschlagenen Beinen, mediumistische Zeichnungen
in metallenen Wandrahmen, Skarabäen und magische Spiegel, ein Porträt der
Blavatsky und einen wirklichen Beichtstuhl. Man erzählte, daß in seinem
Zimmer einmal ein Mensch auf geheimnisvolle Weise ums Leben gekommen sei.
Niemand war Zeuge dieses Vorfalles gewesen und die gerichtliche
Untersuchung ergab, daß der Revolver, ein schönes und kostbares Stück, das
Nikolaus seinem Besucher zeigte, unversehens sich plötzlich entladen und
ihn getötet hatte. Das Verfahren gegen Nikolaus wurde eingestellt, aber ein
hartnäckiges Gerücht brachte noch lange Zeit eine Dame der Gesellschaft mit
dem Unglück in Verbindung und man munkelte von Totschlag und einem
amerikanischen Duell, ohne daß Nikolaus in Hinkunft sich bewogen fand,
diesen verdächtigen Geschichten entgegenzutreten.
Auf Severin machte die Erzählung von dem rätselhaften Tode des jungen
Menschen einen ungeheuren Eindruck. Mit einer unverhohlenen Scheu
betrachtete er das hagere Gesicht seines neuen Bekannten, wenn er die
Abende nun mitunter in dessen Wohnung verbrachte und von den schweren
Schnäpsen kostete, die Nikolaus in den matt gefärbten Gläsern kredenzte.
Immer wieder gingen seine Blicke nach dem zierlichen Damenschreibtisch
hinüber, wo scharf geschliffene Dolche zwischen Büchern und Papieren lagen,
wo er hinter den gelben Messingschlössern die Schußwaffe vermutete, die
damals den Tod in dieses Zimmer gebannt hatte. Den Tod. Es war etwas in dem
dumpfen Klange der Silbe, das ihm aufreizender, beziehungsreicher zu sein
schien, wie alle die schläfrigen Äußerungen eines behüteten Lebens. Ein
kleiner und perverser Neid kroch an die Oberfläche seiner Seele und blieb
in trüben Blasen zögernd stehen. Neid gegen Nikolaus, der mit gleichmütigen
Händen mit dem Opalring an seinem Finger spielte, über Bücher und
Zeitschriften plauderte, während der Teppich unter seinen Füßen vielleicht
noch das trockene Blut des Mannes bewahrte, der auf ihm gestorben war. Er
fühlte die Überlegenheit eines Charakters, der sich korrekt und blasiert
vor der Welt verriegelte, der trotz seiner Jugend nichts mehr von der
unsicheren Gestaltslosigkeit hatte, der dem seinen innewohnte.
Auch Karla kam manchmal mit ihm in das Zimmer zu Nikolaus. Seit ihrer
Begegnung mit Severin folgte sie ihm auf Schritt und Tritt und wußte es so
einzurichten, daß sie fast täglich mit ihm zusammentraf. Für ihre
empfindsame, von Frösten und Gluten geprüfte Seele war er ein neues, noch
ungenossenes Fieber, dem sie verfallen war und dem sie erlag. Sie warb um
ihn mit einer beharrlichen Verliebtheit, mit dem echten und ungekünstelten
Schmachten ihres schwermütigen Wesens, mit den erfahrenen Künsten einer
rücksichtslosen Koketterie. Auch Severin konnte sich der Wirkung ihrer
Persönlichkeit nicht entziehen, aber es ging ihm mit ihr wie mit allen
Erlebnissen, die bisher an ihn herangetreten waren. Es gab Augenblicke, wo
sich sein Herz an der Schwelle dessen glaubte, was er nur dunkel tastend
verstand und was für ihn ohne Namen war. Dann zitterten die Hände beider
ineinander, dann hatte alles, was um ihn geschah, einen goldenen und
besonderen Glanz, dann saß er still und unbeweglich und fühlte die Dinge
der Welt um sich in einer betörenden Schönheit. Dann kamen wieder Stunden,
in denen ihn die Gnade ganz verließ. Da spürte er mit Groll und Trauer, daß
ihn eine Laune täuschte. Er sah die Lichter in Karlas Augen, ihren hohen
und schlanken Leib, ihre lässigen Glieder. Er sah die kupplerischen
Schatten der Dämmerstunde, die fahl und verlegen zur Erde hingen, auf der
mit einem Male kein Wunder mehr war. Und er küßte Karla auf ihren Mund und
nahm sie, so wie er Susanna genommen hatte und Ruschena nehmen würde, wenn
sie ihn darum bat.
Er sprach mit Nikolaus über sein Herz. Er erzählte ihm alles, was er bei
sich bedachte, wenn er des Morgens im Bureau die Zahlen auf das graue
Papier schrieb und das nackte Licht der elektrischen Birne auf der feuchten
Tinte flimmerte. Er sprach von dem Buche, das er als Knabe gelesen, von der
Angst, die ihn manchmal erfaßte, wenn er vor der verschlossenen Türe seiner
Wohnung stand und sich minutenlang nicht getraute sie zu öffnen, gerade als
ob sich etwas Schweres für ihn damit entscheiden sollte. Er weihte ihn in
seine Liebesabenteuer ein, so weit er sich an alles entsinnen konnte, was
ihm in durchschwärmten Nächten, in den Bars und Tingel-Tangels der
Vorstädte in dieser Hinsicht widerfahren war. Immer hatte er geglaubt, im
Innersten berührt zu sein, das große und absichtslose Geschehen in sich zu
spüren, das die andern alle überwältigte, das die Frauen in die Moldau
trieb und den Männern die Pistole an die Stirne drückte. Einmal war er
dabei gewesen, als die Flößer am Flußufer von Podskal die Leiche eines
Weibes aus dem Wasser zogen. Es war eine junge Person aus dem Volke, ein
Dienstmädchen oder eine Handwerkersfrau, und die nassen Kleider, die an dem
starren Körper klebten, legten sich straff um die kräftigen Schenkel und
die runden Brüste. Severin kam dazu, als die Leute sich um die Tote
versammelten und der Polizeimann seine Notizen machte. Er sah ihr im
Sterben verkrampftes Gesicht und den bläulichen Mund und fragte sich, wie
wohl das Dasein dieses Menschen beschaffen gewesen sein mußte, welche
Gewalttätigkeiten und Nöte es zu diesem Ende brachten. Er las täglich in
der Zeitung von einem Selbstmord. Bald hatten sich zwei in einem
Hotelzimmer erschossen, bald nahm ein Mädchen Gift und starb unter Qualen.
Halbe Knaben noch, Schuljungen und Fünfzehnjährige töteten sich, weil sie
das Leben nicht mehr ertragen konnten. Severin begriff das nicht. Er sah
mit Trotz und Einsamkeit die lange Reihe der Unglücklichen, die an einem
Haß oder einer Liebe zugrunde gingen, er las in den Gerichtsverhandlungen
der Tagesblätter von den Mühseligen, die erschüttert zwischen den
Schicksalen schwankten. Die Zahl der Opfer und der Sieger in diesem Kampfe
wuchs vor seinen Augen und er wußte, daß auf der Straße neben ihm Menschen
mit brennenden Seelen gingen, Hasardspieler, die ihr Glück auf eine Karte
setzten, Bankrotteure, die es nicht mehr konnten.
Nikolaus hörte ihm nachdenklich zu und schob mit einer kleinen
Elfenbeinschaufel die Haut hinter seine polierten Nägel. Und als Severin
von Zdenka und Susanna sprach, von den Frauen, die er kannte, wie er in den
Armen der Kellnerinnen, im Bette der Jüdin, unter den Liebkosungen Karlas
vergebens auf den Rausch seines Blutes gelauert, meinte er:
Weibergeschichten sind nichts für Sie. Ich glaube, daß Sie etwas Größeres
erwartet. --
Severin erschrak. Er gedachte der sonderbaren Prophezeiung, die Nikolaus
bei ihrer ersten Begegnung im Atelier des Doktor Konrad aus den Linien
seiner Hand gelesen hatte. Er fühlte seine Pulse schlagen und empfand mit
Sträuben und Schauer die Nähe eines unförmigen Geschicks, dem er mit allen
Sinnen zustrebte und das er nicht kannte.