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Severin hielt sich den ganzen Abend über an Karlas Seite. Die Stimmung war
allmählich immer lauter geworden und die blonde Ruschena, geputzt und
frisiert wie eine Puppe, holte ihre Mandoline. Die Modellmädchen hatten das
Würfelspiel aufgegeben, sie saßen schwatzend beim Tische, aßen belegte
Brötchen und schlürften den Sekt, den der Diener servierte. Lazarus Kain
hatte sich zu ihnen gesellt und erzählte Anekdoten. Einige der Herren waren
mit ihren Mädchen gekommen. Die saßen nun kauend in den bequemen
Atelierstühlen und zeigten unter den kurzen Röcken ihre Beine. Ein
unglaublich magerer Mensch im modischen Gehrock und mit noblen Allüren saß
neben Doktor Konrad und weissagte den Gästen, die zu ihm kamen, der Reihe
nach die Zukunft aus den Linien ihrer Hand. Auch Severin ging zu ihm hin
und bat ihn darum. Der magere Mensch blickte ihn hinter den runden
Brillengläsern forschend an und hielt seine Hand länger als die der andern
vor sein Gesicht.
Sie haben ein Schicksal erlebt -- sagte er dann, als er wieder aufsah --
ein großes Schicksal, was war das? --
Ich habe nichts erlebt -- sagte Severin und zog seinen Arm zurück.
Dann kommt es noch -- Sie haben eine Hand, vor der man sich fürchten
könnte.
Severin ging auf seinen Platz zurück und setzte sich wieder neben Karla. Es
ärgerte ihn, daß er dem Buchhändler gefolgt und mit heraufgegangen war. Der
saß nun vergnügt unter den lachenden Dirnen und amüsierte sich. Seine
eckigen Schultern hüpften und sein kahler Judenschädel zitterte. Severin
lauschte in den Lärm mit einem Gefühle des Ekels und der Traurigkeit. Der
Tabakqualm stieg in breiten Bändern in die Luft und legte sich um das Licht
der Lampe, die an kunstvoll gearbeiteten Ketten von der Decke hing. Ab und
zu ging Doktor Konrad von einer Gruppe zur andern und spielte mit der
übertriebenen Höflichkeit des Slawen den Wirt. Er war ein großer
vollbärtiger Mann und mochte ungefähr dreißig Jahre alt sein. Unter dem
Smoking trug er eine helle Phantasieweste mit blauen Knöpfen. Sein kluges
Gesicht war von einer etwas tartarenhaften Schönheit. Severin sah ihm zu
und suchte zu ergründen, warum dieser Mann, dessen Doktortitel in seiner
Umgebung einen fremdartigen Klang annahm, die Tage in kostspieligen und
inhaltlosen Schlemmerein verbrachte. Ihm fehlte der erotische Anreiz von
Situationen, wo ein paar Modelle mit frecher Grazie die Röcke übers Knie
schoben, die hübsche Ruschena sentimentale Strophen und unanständige Lieder
klimperte, wo der Sekt die Weiber betrunken machte und der alte Lazarus
sein Repertoir von Kalauern aufbrauchte. Ihn dürstete mehr wie je nach dem
wirklichen Leben, das Blumen und Grauen bescherte und das mit Sturmbacken
den Alltag zerblies. Bisher waren es nur Surrogate gewesen, die ihm genügen
mußten. Sein Verhältnis mit Zdenka, das jeder großen Form entbehrte, das
Spiel mit Susanna und nun hier der wüste Kehraus in Konrads Atelier, wo er
übellaunig neben der schlanken Karla saß. Er sah sie von der Seite an und
studierte die Spuren, die ein wechselvolles Dasein in ihr feines Gesicht
gegraben hatte. Er wußte, daß auch sie in kurzer Zeit ihm gehören werde,
denn es ging von ihm eine Kraft aus, die die Weiber zu ihm zwang, die sie
lockte, seinen verschlossenen und schweigsamen Mund zu küssen. Auch hier
merkte er es, wie sie alle mit matten Augen nach ihm lächelten, wie auch
die blonde Ruschena ihn mit heißen Blicken ansah. Und neben ihm lag die
schmale Hand Karlas, die damals der schöne Kavalier geküßt hatte, auf der
Polsterlehne des Stuhles. Sie kannte das Theater und das Leben. Er wollte
sie fragen, ob es denn nicht möglich sei, sich ein künstliches Leben zu
schaffen, das dem wirklichen zum Verwechseln ähnlich war und das man
meistern konnte. Ob es nicht anging, Tragödien in die Tage zu bauen,
Operetten mit tiefen und nachklingenden Pointen? Was war denn die Bühne?
Auch da war es ja doch nur ein Spiel und dennoch weinten und jubelten die
Leute, Verbrechen geschahn und die Angst schlug mit den Flügeln gegen
papierene Wände. Aus den Launen und Eigenwilligkeiten des Herzens ein
Schicksal machen, für sich und für andere, so wie man Landschaften und
Städte im Theater aus Holz und Pappe macht -- war das so schwer?
Aber Karla schüttelte nur leise den Kopf.