Der Hut mit der roten Feder -- der ist schon lange perdu --

* * * * *

Severin hielt sich den ganzen Abend über an Karlas Seite. Die Stimmung war

allmählich immer lauter geworden und die blonde Ruschena, geputzt und

frisiert wie eine Puppe, holte ihre Mandoline. Die Modellmädchen hatten das

Würfelspiel aufgegeben, sie saßen schwatzend beim Tische, aßen belegte

Brötchen und schlürften den Sekt, den der Diener servierte. Lazarus Kain

hatte sich zu ihnen gesellt und erzählte Anekdoten. Einige der Herren waren

mit ihren Mädchen gekommen. Die saßen nun kauend in den bequemen

Atelierstühlen und zeigten unter den kurzen Röcken ihre Beine. Ein

unglaublich magerer Mensch im modischen Gehrock und mit noblen Allüren saß

neben Doktor Konrad und weissagte den Gästen, die zu ihm kamen, der Reihe

nach die Zukunft aus den Linien ihrer Hand. Auch Severin ging zu ihm hin

und bat ihn darum. Der magere Mensch blickte ihn hinter den runden

Brillengläsern forschend an und hielt seine Hand länger als die der andern

vor sein Gesicht.

Sie haben ein Schicksal erlebt -- sagte er dann, als er wieder aufsah --

ein großes Schicksal, was war das? --

Ich habe nichts erlebt -- sagte Severin und zog seinen Arm zurück.

Dann kommt es noch -- Sie haben eine Hand, vor der man sich fürchten

könnte.

Severin ging auf seinen Platz zurück und setzte sich wieder neben Karla. Es

ärgerte ihn, daß er dem Buchhändler gefolgt und mit heraufgegangen war. Der

saß nun vergnügt unter den lachenden Dirnen und amüsierte sich. Seine

eckigen Schultern hüpften und sein kahler Judenschädel zitterte. Severin

lauschte in den Lärm mit einem Gefühle des Ekels und der Traurigkeit. Der

Tabakqualm stieg in breiten Bändern in die Luft und legte sich um das Licht

der Lampe, die an kunstvoll gearbeiteten Ketten von der Decke hing. Ab und

zu ging Doktor Konrad von einer Gruppe zur andern und spielte mit der

übertriebenen Höflichkeit des Slawen den Wirt. Er war ein großer

vollbärtiger Mann und mochte ungefähr dreißig Jahre alt sein. Unter dem

Smoking trug er eine helle Phantasieweste mit blauen Knöpfen. Sein kluges

Gesicht war von einer etwas tartarenhaften Schönheit. Severin sah ihm zu

und suchte zu ergründen, warum dieser Mann, dessen Doktortitel in seiner

Umgebung einen fremdartigen Klang annahm, die Tage in kostspieligen und

inhaltlosen Schlemmerein verbrachte. Ihm fehlte der erotische Anreiz von

Situationen, wo ein paar Modelle mit frecher Grazie die Röcke übers Knie

schoben, die hübsche Ruschena sentimentale Strophen und unanständige Lieder

klimperte, wo der Sekt die Weiber betrunken machte und der alte Lazarus

sein Repertoir von Kalauern aufbrauchte. Ihn dürstete mehr wie je nach dem

wirklichen Leben, das Blumen und Grauen bescherte und das mit Sturmbacken

den Alltag zerblies. Bisher waren es nur Surrogate gewesen, die ihm genügen

mußten. Sein Verhältnis mit Zdenka, das jeder großen Form entbehrte, das

Spiel mit Susanna und nun hier der wüste Kehraus in Konrads Atelier, wo er

übellaunig neben der schlanken Karla saß. Er sah sie von der Seite an und

studierte die Spuren, die ein wechselvolles Dasein in ihr feines Gesicht

gegraben hatte. Er wußte, daß auch sie in kurzer Zeit ihm gehören werde,

denn es ging von ihm eine Kraft aus, die die Weiber zu ihm zwang, die sie

lockte, seinen verschlossenen und schweigsamen Mund zu küssen. Auch hier

merkte er es, wie sie alle mit matten Augen nach ihm lächelten, wie auch

die blonde Ruschena ihn mit heißen Blicken ansah. Und neben ihm lag die

schmale Hand Karlas, die damals der schöne Kavalier geküßt hatte, auf der

Polsterlehne des Stuhles. Sie kannte das Theater und das Leben. Er wollte

sie fragen, ob es denn nicht möglich sei, sich ein künstliches Leben zu

schaffen, das dem wirklichen zum Verwechseln ähnlich war und das man

meistern konnte. Ob es nicht anging, Tragödien in die Tage zu bauen,

Operetten mit tiefen und nachklingenden Pointen? Was war denn die Bühne?

Auch da war es ja doch nur ein Spiel und dennoch weinten und jubelten die

Leute, Verbrechen geschahn und die Angst schlug mit den Flügeln gegen

papierene Wände. Aus den Launen und Eigenwilligkeiten des Herzens ein

Schicksal machen, für sich und für andere, so wie man Landschaften und

Städte im Theater aus Holz und Pappe macht -- war das so schwer?

Aber Karla schüttelte nur leise den Kopf.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 9 / 54 题