Im Atelier des Doktor Konrad waren schon die Gäste versammelt, als Lazarus
Kain und Severin eintraten. Ein Gewirr von Stimmen schlug ihnen aus dem
Zigarettendampfe entgegen, das ungewohnte Durcheinander deutscher und
tschechischer Gespräche und das gezierte Lachen der Frauen. In einer Ecke
waren einige auffallend gekleidete Modellmädchen um einen Tisch beschäftigt
und unterhielten sich mit einem italienischen Würfelspiele. Nachlässig an
den Türpfosten gelehnt stand die wunderbar schlanke Figur einer Dame im
schwarzen Samtkleide neben der blonden Ruschena und sah zu. Severin
erkannte sie sofort. Scharf und lebendig wie ein eben geschauter Vorgang
stieg ihm ein Bild in der Erinnerung auf, an das er nun schon lange nicht
mehr gedacht hatte. Als Schulbub in dem Jahre vor der Matura war er in den
Ferien einmal vormittags über die Ferdinandsstraße gegangen, während gerade
die elegante Welt ihre Promenade machte. Da war sie ihm aufgefallen mit der
großen, blutroten Straußfeder auf dem Hute, in ihrer seltenen, kostbaren
Schlankheit, mit dem lieblichen und gefährlichen Lächeln, das er nur einmal
später auf einem Gemälde der büßenden Magdalena wiedergesehn hatte. Ein
schöner junger Mann trat grüßend auf sie zu und küßte ihre behandschuhten
Finger. Dieser Augenblick war ihm im Sinne haften geblieben und wurde jetzt
wieder deutlich in ihm: die festtägig bewegte Straße, das glatte Geräusch
der Gummiräder, mit dem die Kutschen über das Pflaster fuhren und mitten im
Gewühle der Menschen und der Toiletten jene Bewegung voll unnennbarer
Gnade, mit der die Fremde dem jungen Dandy die Hand zum Kusse reichte.
Später war er ihr noch manchmal begegnet, flüchtig und unaufmerksam und
dann lange nicht mehr. Sie war eine Sängerin des Nationaltheaters, die
damals gerade auf der Höhe der Volksgunst stand. Jetzt erzählte ihm Kain,
der seinen unverwandten Blick bemerkte, ihre Geschichte. Durch eine
Krankheit, die sie von einem ihrer Liebhaber übernommen, verlor sie die
Stimme. Sie versuchte noch ein paarmal ihr Glück bei den Bühnen der
Provinz, bis es dann nicht mehr ging. Jetzt war sie wieder in Prag und Kain
hatte sie schon verschiedene Male in Doktor Konrads Atelier getroffen.
Es war nicht Sitte in diesem Kreise, daß die Gäste einander vorgestellt
wurden. Jeder kam und ging nach Belieben. Als aber dann der Hausherr die
Neueingetretenen begrüßte, bat Severin trotzdem, ihn zu der schwarzen Dame
zu führen. Er stand vor ihr und verbeugte sich, als Doktor Konrad seinen
Namen nannte. Er forschte in ihrem Antlitz nach der Anmut jenes Moments.
Dann nahm er die Hand, die sie ihm reichte, in die seine und küßte sie. Sie
sah ihm erstaunt in die Augen und lächelte. Aber es war nicht mehr das
Lächeln, das er an ihr kannte. Ihr Mund war weiß und ohne Schminke und
verzog sich ein wenig in einer gezwungenen Gleichgültigkeit.
Wo ist denn Ihr Hut mit der roten Straußenfeder? -- fragte Severin.
O -- meinte sie verwundert. Sie hob den Kopf und drehte ihn in der Runde,
als ob sie sich auf einen Traum besänne. Dann sagte sie langsam und ihre
Worte hatten einen spröden, von einer leisen Heiserkeit verschleierten
Klang: