IV.

Im Atelier des Doktor Konrad waren schon die Gäste versammelt, als Lazarus

Kain und Severin eintraten. Ein Gewirr von Stimmen schlug ihnen aus dem

Zigarettendampfe entgegen, das ungewohnte Durcheinander deutscher und

tschechischer Gespräche und das gezierte Lachen der Frauen. In einer Ecke

waren einige auffallend gekleidete Modellmädchen um einen Tisch beschäftigt

und unterhielten sich mit einem italienischen Würfelspiele. Nachlässig an

den Türpfosten gelehnt stand die wunderbar schlanke Figur einer Dame im

schwarzen Samtkleide neben der blonden Ruschena und sah zu. Severin

erkannte sie sofort. Scharf und lebendig wie ein eben geschauter Vorgang

stieg ihm ein Bild in der Erinnerung auf, an das er nun schon lange nicht

mehr gedacht hatte. Als Schulbub in dem Jahre vor der Matura war er in den

Ferien einmal vormittags über die Ferdinandsstraße gegangen, während gerade

die elegante Welt ihre Promenade machte. Da war sie ihm aufgefallen mit der

großen, blutroten Straußfeder auf dem Hute, in ihrer seltenen, kostbaren

Schlankheit, mit dem lieblichen und gefährlichen Lächeln, das er nur einmal

später auf einem Gemälde der büßenden Magdalena wiedergesehn hatte. Ein

schöner junger Mann trat grüßend auf sie zu und küßte ihre behandschuhten

Finger. Dieser Augenblick war ihm im Sinne haften geblieben und wurde jetzt

wieder deutlich in ihm: die festtägig bewegte Straße, das glatte Geräusch

der Gummiräder, mit dem die Kutschen über das Pflaster fuhren und mitten im

Gewühle der Menschen und der Toiletten jene Bewegung voll unnennbarer

Gnade, mit der die Fremde dem jungen Dandy die Hand zum Kusse reichte.

Später war er ihr noch manchmal begegnet, flüchtig und unaufmerksam und

dann lange nicht mehr. Sie war eine Sängerin des Nationaltheaters, die

damals gerade auf der Höhe der Volksgunst stand. Jetzt erzählte ihm Kain,

der seinen unverwandten Blick bemerkte, ihre Geschichte. Durch eine

Krankheit, die sie von einem ihrer Liebhaber übernommen, verlor sie die

Stimme. Sie versuchte noch ein paarmal ihr Glück bei den Bühnen der

Provinz, bis es dann nicht mehr ging. Jetzt war sie wieder in Prag und Kain

hatte sie schon verschiedene Male in Doktor Konrads Atelier getroffen.

Es war nicht Sitte in diesem Kreise, daß die Gäste einander vorgestellt

wurden. Jeder kam und ging nach Belieben. Als aber dann der Hausherr die

Neueingetretenen begrüßte, bat Severin trotzdem, ihn zu der schwarzen Dame

zu führen. Er stand vor ihr und verbeugte sich, als Doktor Konrad seinen

Namen nannte. Er forschte in ihrem Antlitz nach der Anmut jenes Moments.

Dann nahm er die Hand, die sie ihm reichte, in die seine und küßte sie. Sie

sah ihm erstaunt in die Augen und lächelte. Aber es war nicht mehr das

Lächeln, das er an ihr kannte. Ihr Mund war weiß und ohne Schminke und

verzog sich ein wenig in einer gezwungenen Gleichgültigkeit.

Wo ist denn Ihr Hut mit der roten Straußenfeder? -- fragte Severin.

O -- meinte sie verwundert. Sie hob den Kopf und drehte ihn in der Runde,

als ob sie sich auf einen Traum besänne. Dann sagte sie langsam und ihre

Worte hatten einen spröden, von einer leisen Heiserkeit verschleierten

Klang:

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 8 / 54 题