III.

An einem frostklaren Abende im vorigen Winter hatte sich Zdenka in Severin

verliebt. Die Straße führte sie zusammen, in der sie beide planlos zwischen

den hastenden Leuten gingen. Die kleinen Lokomotiven der Kastanienverkäufer

standen mit roten Augen am Rande der Fahrbahn. Langsam und ganz vereinzelt

fielen ein paar taumelnde Flocken in das Licht der Lampen. Zdenka sah ihnen

zu und dachte an die hellen Flügel der Mücken, die im Sommer um die

leuchtenden Kugeln gaukeln. Sie war noch ganz versunken, als Severin sie

ansprach. Dann aber lachte sie heiter und als sie in sein hübsches, von der

Kälte verschöntes Knabengesicht schaute, wurde ihr leicht und fröhlich

zumute. So gingen sie miteinander durch die Stadt. Sie betrachteten

zusammen den lustigen Kram in den Auslagen der Spielwarengeschäfte, wo eine

kleine Eisenbahn auf wirklichen Schienen lief und bewunderten den

ausgestopften Tiger, den ein Teppichhändler zur Reklame ins Fenster

gestellt hatte. Sie blieben vor den vereisten Scheiben der

Delikatessenhandlungen stehn, hinter denen die goldenen Sprotten in den

weißen Holzkistchen glänzten. Dann kaufte Severin ein Abendessen für beide

und sie ging mit ihm in seine Junggesellenstube.

Zdenka arbeitete bis sechs Uhr abends in einem Kontor. Ihre Eltern waren

beide gestorben und sie wohnte allein in einem Zimmer auf dem Altstädter

Ring. In der Zeit, in der sie ihre unfrohe Jugend selbst betreuen mußte,

hatte sie sich schon einige Male an fremde Männer fortgegeben und sie bat

es Severin unter Küssen weinend ab, daß er nicht der erste war, dem sie

ihre Liebe schenkte. Er nahm ihre zitternde Zärtlichkeit großmütig entgegen

und auch später, als er sah, wie aus der spielerischen Laune jenes Abends

eine Leidenschaft in ihr emporwuchs, gab er sich keine Mühe. Sie war ihm

ein Trost in der Leere seines gelangweilten Herzens, das durch die

Gläubigkeit und den Glanz ihrer Liebe nicht verwirrt wurde. Er hörte ihr

zu, wenn sie mit einer singenden Altstimme von ihrem Glücke sprach und

freute sich über die ungeübten Worte, die sie wählte. Im Grunde aber ließ

sie ihn kalt. Sie hatte nichts von der verzehrenden Flamme, von dem

Blitzlichte an sich, das seine Seele brauchte. Sie war eine niedliche und

schwärmerische Begebenheit, die ohne Wucht und ohne Fatum geschah und die

ihn nicht interessierte.

Für Zdenka aber war Severin ein wundervolles Erlebnis geworden. Mit einer

unabwendbaren Kraft hatte es sie ergriffen, als er sie damals von der

Straße nach einer kurzen Stunde mit in seine Wohnung nahm. Und einmal sein

eigen, liebte sie ihn mit einer scheuen und grenzenlosen Verzücktheit. Das

slawische Blut, das bei den Männern ihres Volkes in Haß und Revolten

losbrach, hatte in ihr einen Überschwang geboren, dem sich nun alle

Schleusen öffneten. Sie fühlte erschreckt, daß sie dagegen nichts vermochte

und spürte es zuinnerst mit Seligkeit und Grauen.

Es kamen schöne Tage für sie. Sie ging mit Severin in der Stadt umher, wie

er es seit Jahren gewohnt war. Sie bekam jene Feinhörigkeit für die

Geräusche und fernen Rufe in ihr, die ihm innewohnte und die er sie lehrte.

An dem Geruche der Steine und des Pflasters erkannte sie die Straße, in der

sie schritt, wenn sie die Augen schloß und sich von ihm führen ließ. Er

erschloß ihr die monotone Schönheit in der Landschaft der Vorstädte, die

Schauer des Wyschehrad mit den großen Steintoren, wo das Denkmal des

heiligen Wenzeslaus stand. Sie lernte die Moldau lieben, wenn in der

Dunkelheit die Lichter des Ufers auf dem Wasser schwankten, und den Duft

des Teers auf den Kettenbrücken. Sie saß mit ihm in den Wirtshäusern der

Kleinseite und war bezaubert von der breitspurigen Gemächlichkeit der alten

Herren, die hier ihren Schoppen tranken. In dem dicken Zigarrenrauche

verschwammen die Bogenwölbungen der niedrigen Decke, die Napoleonbilder an

den Wänden in einem farblosen Grau. Sie besuchte mit ihm die Vikarka auf

dem Hradschin, wo ein paar Armlängen von der Türe entfernt der Dom in die

Höhe ragte, wunderliches Mauerzierat und Steinfiguren in den Nischen. Sie

verstand allmählich die stille Sprache der Stadt, die Severin geläufiger

war als dem Tschechenmädchen. Sie begriff es, daß zwischen ihren

gedunkelten Mauern, ihren Türmen und Adelshäusern, ihrer fremdartigen

Abgestorbenheit eine verhaltene Phantastik mit ihm groß geworden war, daß

er immer mit dem Gefühle die Straße betrat, daß ihn heute ein Schicksal

erwarte.

Als das Frühjahr und der Sommer sich meldeten, stand sie mit ihm vor den

Weihern des Baumgartens und fütterte die Schwäne. Oder sie fuhr mit ihm auf

der Fähre nach Troja. Durch die Tore der Schanzwälle und der Festungswerke

gingen sie nach Pankraz hinaus und saßen mitsammen bei dem steinernen

Gasthaustische im Garten, wo schon der einäugige Zizka in den böhmischen

Kriegen gerastet hatte. Unweit erhob sich die Strafanstalt wie eine kleine

Stadt im Felde und auf den Rasenplätzen arbeiteten die Gefangenen mit dem

Spaten. Hinter den einstöckigen Häusern führte die Straße in das nahe Dorf

und in den Wald. Die Melodie der Leierkasten mischte sich mit dem Getöne

der Pappeln und der Telegraphenstangen. Ausflügler kamen und die Fiaker

warfen den handhohen Staub nach der Windseite. Manchmal kehrten sie auch in

der Straßenschänke »Zum grünen Fuchsen« ein. Vor Jahren, als Severin noch

ein Kind war, gab es hier ein vorzügliches Bier und eine gute Küche; auch

viele Deutsche machten damals einen Spaziergang zu der Fuhrmannskneipe.

Jetzt wurde hier Sonntag für Sonntag getanzt und die rotweißen Fahnen

flatterten über dem Haustore. Aber ein paar Schritte weiter lärmte ein

Ringelspiel. Da setzte sich Zdenka zuweilen mit Severin in eine der

goldenen Schaukeln und machte eine Reise. Ein Mann mit hohen Stiefeln

schlug die Trommel und die Kinder jauchzten. Die Musik spielte die

Barkarole aus »Hoffmanns Erzählungen«.

Das waren köstliche Stunden für Zdenka. Sie bemerkte es kaum, wenn Severin

unwirsch und einsilbig wurde und tröstete sich mit dem nächsten Lächeln,

das er ihr gab. Aber als dann der Herbst hereinbrach und ihr Severin immer

mehr entfremdete, war sie zaghaft wie nie. Es kam vor, daß sie ihn tagelang

nicht zu Gesichte bekam. Still und mit traurigen Schritten ging sie nach

Hause und setzte sich in ihr Stübchen. Auf dem großen Platze unter ihrem

Fenster war es lebendig, nur die Dienstmänner faulenzten an den Ecken.

Zdenka wartete, bis es ganz finster wurde. Erst spät am Abende machte sie

Licht.

Mit einer unbegreiflichen und zwecklosen Grausamkeit hatte ihr Severin von

Susanna erzählt. Mit kalten Augen forschte er in ihren Zügen nach dem

Flämmchen der Eifersucht, während er mit breiter Deutlichkeit sein

Abenteuer schilderte. Es mißfiel ihm, daß ihre Liebe so standhaft und

unverletzt dabei blieb und daß kein Vorwurf ihre Lippen regte. Jenes

Mädchen im Theater fiel ihm ein, das die Bewegungen Zdenkas hatte und das

Stück, in dem sie spielte. Wie stand sie damals schlank und zerbrechlich

auf den Brettern und das Schicksal schüttelte sie! Aber nichts von alledem

geschah. Nur ein Schmerz flog wie ein Gleitschatten über Zdenkas Gesicht

und er wußte nicht einmal, ob er sich täuschte.

Es kam jetzt immer seltener vor, daß sie einander Sonntags trafen. Dann

gingen sie meistens durch die Anlagen der Stadt, wo schon die kalten

Herbstblumen brannten. Die eisernen Stühle im Stadtpark standen unbenützt

in dem nassen Sande und die Sodawasserbuden waren leer. Hie und da fuhren

sie auch mit der Drahtseilbahn auf die Hasenburg hinauf. Zdenka blieb vor

den Bildern des Kreuzweges stehn, wo jährlich in der Nacht auf den

Karfreitag die Leute beteten. Dort war auch die Kapelle des heiligen

Laurenzius. Von oben sah man die Stadt im Spätnachmittagsdunste und ein

träger Wind fegte die dürren Blätter langsam in die steinernen Regenrinnen

der Wege. Zdenka trat mit dem Fuße auf die weißen Beeren, die von den

Sträuchern auf die Erde rollten. Als Kind hatte sie sich immer über den

kurzen Knall gefreut, mit dem sie zersprangen. Ein Soldat kam ihnen

entgegen, der sich zu seinem Mädchen beugte und sie küßte. Zdenka ging

neben Severin mit einer Seele voll Tränen.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 7 / 54 题