An einem frostklaren Abende im vorigen Winter hatte sich Zdenka in Severin
verliebt. Die Straße führte sie zusammen, in der sie beide planlos zwischen
den hastenden Leuten gingen. Die kleinen Lokomotiven der Kastanienverkäufer
standen mit roten Augen am Rande der Fahrbahn. Langsam und ganz vereinzelt
fielen ein paar taumelnde Flocken in das Licht der Lampen. Zdenka sah ihnen
zu und dachte an die hellen Flügel der Mücken, die im Sommer um die
leuchtenden Kugeln gaukeln. Sie war noch ganz versunken, als Severin sie
ansprach. Dann aber lachte sie heiter und als sie in sein hübsches, von der
Kälte verschöntes Knabengesicht schaute, wurde ihr leicht und fröhlich
zumute. So gingen sie miteinander durch die Stadt. Sie betrachteten
zusammen den lustigen Kram in den Auslagen der Spielwarengeschäfte, wo eine
kleine Eisenbahn auf wirklichen Schienen lief und bewunderten den
ausgestopften Tiger, den ein Teppichhändler zur Reklame ins Fenster
gestellt hatte. Sie blieben vor den vereisten Scheiben der
Delikatessenhandlungen stehn, hinter denen die goldenen Sprotten in den
weißen Holzkistchen glänzten. Dann kaufte Severin ein Abendessen für beide
und sie ging mit ihm in seine Junggesellenstube.
Zdenka arbeitete bis sechs Uhr abends in einem Kontor. Ihre Eltern waren
beide gestorben und sie wohnte allein in einem Zimmer auf dem Altstädter
Ring. In der Zeit, in der sie ihre unfrohe Jugend selbst betreuen mußte,
hatte sie sich schon einige Male an fremde Männer fortgegeben und sie bat
es Severin unter Küssen weinend ab, daß er nicht der erste war, dem sie
ihre Liebe schenkte. Er nahm ihre zitternde Zärtlichkeit großmütig entgegen
und auch später, als er sah, wie aus der spielerischen Laune jenes Abends
eine Leidenschaft in ihr emporwuchs, gab er sich keine Mühe. Sie war ihm
ein Trost in der Leere seines gelangweilten Herzens, das durch die
Gläubigkeit und den Glanz ihrer Liebe nicht verwirrt wurde. Er hörte ihr
zu, wenn sie mit einer singenden Altstimme von ihrem Glücke sprach und
freute sich über die ungeübten Worte, die sie wählte. Im Grunde aber ließ
sie ihn kalt. Sie hatte nichts von der verzehrenden Flamme, von dem
Blitzlichte an sich, das seine Seele brauchte. Sie war eine niedliche und
schwärmerische Begebenheit, die ohne Wucht und ohne Fatum geschah und die
ihn nicht interessierte.
Für Zdenka aber war Severin ein wundervolles Erlebnis geworden. Mit einer
unabwendbaren Kraft hatte es sie ergriffen, als er sie damals von der
Straße nach einer kurzen Stunde mit in seine Wohnung nahm. Und einmal sein
eigen, liebte sie ihn mit einer scheuen und grenzenlosen Verzücktheit. Das
slawische Blut, das bei den Männern ihres Volkes in Haß und Revolten
losbrach, hatte in ihr einen Überschwang geboren, dem sich nun alle
Schleusen öffneten. Sie fühlte erschreckt, daß sie dagegen nichts vermochte
und spürte es zuinnerst mit Seligkeit und Grauen.
Es kamen schöne Tage für sie. Sie ging mit Severin in der Stadt umher, wie
er es seit Jahren gewohnt war. Sie bekam jene Feinhörigkeit für die
Geräusche und fernen Rufe in ihr, die ihm innewohnte und die er sie lehrte.
An dem Geruche der Steine und des Pflasters erkannte sie die Straße, in der
sie schritt, wenn sie die Augen schloß und sich von ihm führen ließ. Er
erschloß ihr die monotone Schönheit in der Landschaft der Vorstädte, die
Schauer des Wyschehrad mit den großen Steintoren, wo das Denkmal des
heiligen Wenzeslaus stand. Sie lernte die Moldau lieben, wenn in der
Dunkelheit die Lichter des Ufers auf dem Wasser schwankten, und den Duft
des Teers auf den Kettenbrücken. Sie saß mit ihm in den Wirtshäusern der
Kleinseite und war bezaubert von der breitspurigen Gemächlichkeit der alten
Herren, die hier ihren Schoppen tranken. In dem dicken Zigarrenrauche
verschwammen die Bogenwölbungen der niedrigen Decke, die Napoleonbilder an
den Wänden in einem farblosen Grau. Sie besuchte mit ihm die Vikarka auf
dem Hradschin, wo ein paar Armlängen von der Türe entfernt der Dom in die
Höhe ragte, wunderliches Mauerzierat und Steinfiguren in den Nischen. Sie
verstand allmählich die stille Sprache der Stadt, die Severin geläufiger
war als dem Tschechenmädchen. Sie begriff es, daß zwischen ihren
gedunkelten Mauern, ihren Türmen und Adelshäusern, ihrer fremdartigen
Abgestorbenheit eine verhaltene Phantastik mit ihm groß geworden war, daß
er immer mit dem Gefühle die Straße betrat, daß ihn heute ein Schicksal
erwarte.
Als das Frühjahr und der Sommer sich meldeten, stand sie mit ihm vor den
Weihern des Baumgartens und fütterte die Schwäne. Oder sie fuhr mit ihm auf
der Fähre nach Troja. Durch die Tore der Schanzwälle und der Festungswerke
gingen sie nach Pankraz hinaus und saßen mitsammen bei dem steinernen
Gasthaustische im Garten, wo schon der einäugige Zizka in den böhmischen
Kriegen gerastet hatte. Unweit erhob sich die Strafanstalt wie eine kleine
Stadt im Felde und auf den Rasenplätzen arbeiteten die Gefangenen mit dem
Spaten. Hinter den einstöckigen Häusern führte die Straße in das nahe Dorf
und in den Wald. Die Melodie der Leierkasten mischte sich mit dem Getöne
der Pappeln und der Telegraphenstangen. Ausflügler kamen und die Fiaker
warfen den handhohen Staub nach der Windseite. Manchmal kehrten sie auch in
der Straßenschänke »Zum grünen Fuchsen« ein. Vor Jahren, als Severin noch
ein Kind war, gab es hier ein vorzügliches Bier und eine gute Küche; auch
viele Deutsche machten damals einen Spaziergang zu der Fuhrmannskneipe.
Jetzt wurde hier Sonntag für Sonntag getanzt und die rotweißen Fahnen
flatterten über dem Haustore. Aber ein paar Schritte weiter lärmte ein
Ringelspiel. Da setzte sich Zdenka zuweilen mit Severin in eine der
goldenen Schaukeln und machte eine Reise. Ein Mann mit hohen Stiefeln
schlug die Trommel und die Kinder jauchzten. Die Musik spielte die
Barkarole aus »Hoffmanns Erzählungen«.
Das waren köstliche Stunden für Zdenka. Sie bemerkte es kaum, wenn Severin
unwirsch und einsilbig wurde und tröstete sich mit dem nächsten Lächeln,
das er ihr gab. Aber als dann der Herbst hereinbrach und ihr Severin immer
mehr entfremdete, war sie zaghaft wie nie. Es kam vor, daß sie ihn tagelang
nicht zu Gesichte bekam. Still und mit traurigen Schritten ging sie nach
Hause und setzte sich in ihr Stübchen. Auf dem großen Platze unter ihrem
Fenster war es lebendig, nur die Dienstmänner faulenzten an den Ecken.
Zdenka wartete, bis es ganz finster wurde. Erst spät am Abende machte sie
Licht.
Mit einer unbegreiflichen und zwecklosen Grausamkeit hatte ihr Severin von
Susanna erzählt. Mit kalten Augen forschte er in ihren Zügen nach dem
Flämmchen der Eifersucht, während er mit breiter Deutlichkeit sein
Abenteuer schilderte. Es mißfiel ihm, daß ihre Liebe so standhaft und
unverletzt dabei blieb und daß kein Vorwurf ihre Lippen regte. Jenes
Mädchen im Theater fiel ihm ein, das die Bewegungen Zdenkas hatte und das
Stück, in dem sie spielte. Wie stand sie damals schlank und zerbrechlich
auf den Brettern und das Schicksal schüttelte sie! Aber nichts von alledem
geschah. Nur ein Schmerz flog wie ein Gleitschatten über Zdenkas Gesicht
und er wußte nicht einmal, ob er sich täuschte.
Es kam jetzt immer seltener vor, daß sie einander Sonntags trafen. Dann
gingen sie meistens durch die Anlagen der Stadt, wo schon die kalten
Herbstblumen brannten. Die eisernen Stühle im Stadtpark standen unbenützt
in dem nassen Sande und die Sodawasserbuden waren leer. Hie und da fuhren
sie auch mit der Drahtseilbahn auf die Hasenburg hinauf. Zdenka blieb vor
den Bildern des Kreuzweges stehn, wo jährlich in der Nacht auf den
Karfreitag die Leute beteten. Dort war auch die Kapelle des heiligen
Laurenzius. Von oben sah man die Stadt im Spätnachmittagsdunste und ein
träger Wind fegte die dürren Blätter langsam in die steinernen Regenrinnen
der Wege. Zdenka trat mit dem Fuße auf die weißen Beeren, die von den
Sträuchern auf die Erde rollten. Als Kind hatte sie sich immer über den
kurzen Knall gefreut, mit dem sie zersprangen. Ein Soldat kam ihnen
entgegen, der sich zu seinem Mädchen beugte und sie küßte. Zdenka ging
neben Severin mit einer Seele voll Tränen.