II.

Das war auch der Herbst, in dem Severin mit Lazarus Kain bekannt wurde. In

der oberen Stephansgasse, unfern von dem großen botanischen Garten, hatte

er seinen Laden. Ein paar abgegriffene Leinenbände und der rostfleckige

Umschlag vergilbter Broschüren hinter der Glasscheibe des Schaukastens

machten die Vorübergehenden darauf aufmerksam, daß hier eine Buchhandlung

sei. Über der Türe, auf einem vom Schnee und vom Regen getauften Schilde

stand unter dem Namen des Eigentümers in verwaschenen Buchstaben das Wort

»Antiquariat«.

Der Laden war niedrig und schmal und eine Gasflamme erhellte ihn auch

tagsüber. Aber im Winter konnte es hier sehr gemütlich sein, wenn der

eiserne Ofen in der Ecke beinahe rotglühend vor Eifer wurde und Lazarus

hinter dem Pulte in dickbäuchigen Katalogen blätterte oder dem Raben Anton

Kunststücke lehrte. In den Ferienmonaten und im Frühherbst war ja ohnehin

nichts mit dem Geschäfte. Da ließ der alte Lazar für gewöhnlich seine

Tochter im Laden zurück und machte Streifgänge in der Umgebung. Mit kleinen

Schritten ging er die Gasse auf und nieder und sah nach den Stockwerken der

Häuser hinauf. Er war etwas kurzsichtig und das Gaslicht in dem finstern

Laden hatte seine Augen geschwächt. Er sah den Dienstmädchen zu, wie sie

die festen Brüste an den Fensterrand lehnten und den Staub aus den Tüchern

in die Gasse hinunterschwenkten. Das Blut stieg in sein gelbes Gesicht und

er blinzelte. Oder er blieb bei der Säule des heiligen Adalbert stehn und

verfolgte die Wärterinnen der nahen Gebäranstalt mit den Blicken. Dicht

daneben stand die schäbige Bude der »Gifthütte«. Lazarus Kain erinnerte

sich der Zeiten, wo hier die Mediziner zusammenkamen und am Abende mit den

Hebammen tanzten. Da war er auch mitunter zu Besuch gewesen und hatte sich

aus einem Winkel das Treiben angesehn. Jetzt hatte das Wirtshaus den

Besitzer gewechselt und am Tage war die Gastwirtschaft vollständig einsam.

Nur ein paar tschechische Jünglinge schoben in dem verwahrlosten Garten

Kegel und eine mürrische Kellnerin brachte das trübe Bier in zersprungenen

Gläsern.

Oft saß er auch in der kleinen Pilsner Stube gegenüber der Stephanskirche.

Auch hier war es nicht sehr lebhaft an den Sommervormittagen, wenn er zu

Gaste war. Erst später kamen dann die Priester aus der nahen Dechantei zum

Mittagessen. Lazar saß beim Fensterplatz, hinter der grünen Gardine und

bewunderte die feinen Knöchel der vorbeieilenden Mädchen. Er hatte schon

bald ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken, aber trotzdem waren die Weiber

noch immer seine liebste Passion. Zu Hause, auf den hohen Regalen in seinem

Buchladen, bewahrte er manchen kostbaren Band für die Kenner und seine

besten Kunden. Gefährliche und unverschämte Romane, französische und

deutsche Privatdrucke, Kupferstiche, seltene Übersetzungen aus der Zeit des

Rétif de la Bretonne. Er hing mit einer verliebten Zärtlichkeit an diesen

Schätzen, die er oft und wieder hernahm und sich an ihnen ergötzte, die er

mit seinen dürren Fingern streichelte und nur ungern und zu hohen Preisen

verschacherte. Mit ehrlichem Bedauern sah er sie in den Händen der Käufer

und ihm war, als ob sie mit ihnen ein Stück eines liebgewordenen Inventars

aus seinem Hause trügen. Nur zwei Wesen liebte er mehr wie diese Bücher:

den Raben Anton, ein altes und zerzaustes Tier, das ihm seit Jahren in

seinem Buchladen Gesellschaft leistete und seine Tochter Susanna.

In dem kleinen Wirtshause gegenüber der Kirche war es, wo Severin Lazarus

Kains Bekanntschaft machte. Draußen läuteten die Turmglocken gerade zur

Sonntagsmesse und beide blickten den jungen Frauen nach, die nachdenklich,

mit dem Gebetbuche in der Hand, an dem Gasthausfenster vorüberkamen. Da

rückte Lazarus sein Glas näher zu Severin und begann zu erzählen. Sein

vertrocknetes Gesicht erregte sich beim Sprechen und unter dem kurzen

Backenbarte brannten die Wangen. Er sprach von dem kalten und

phantasielosen Temperamente der neuen Zeit, in der die Sucht nach dem Gelde

die Freude an der Lust getötet habe. Und mit zwinkernden Augen, in denen

das Fieber eines geheimen Vergnügens glänzte, geriet er in die Schilderung

der Lieblingswelt, an die er sein alterndes Herz gehängt hatte, das

Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts. Seine Geschichten aus der

Hirschparkperiode Ludwig XV. hatten Farbe und Elan und eine neidische

Sehnsucht bebte in seiner Stimme, als er dem aufhorchenden Severin von

Madame Janus berichtete, der genialen Kupplerin, die selbst das damalige

Paris noch mit neuen und erfinderischen Sensationen verblüffte.

Das kommt nicht mehr wieder -- sagte er und eine aufrichtige Trauer klang

in dem Tone der Worte. Eine Weile saßen dann die beiden schweigend

beisammen und sannen in dem Halbdunkel der Wirtsstube den galanten Wundern

vergangener Zeiten nach, während drüben die Kirchenglocken verstummten und

nur ein goldenes Summen, immer feiner und leiser, unmerklich zum Schlusse

in der Luft zurückblieb. Severin sah verstohlen nach dem kahlen Schädel des

alten Lazarus, der sein Gesicht wieder dem Fenster zuwandte und betrachtete

sein jüdisches, von unzähligen Fältchen zerrissenes Profil. Eine Ahnung

überkam ihn, daß dieser Mann ein ähnliches Leiden litt wie er, daß er an

einer ungestillten Inbrunst krankte, die sich aus einem engen und törichten

Leben in alte Bücher geflüchtet hatte. Ein Mitleid faßte ihn mit dem Alten,

der seit Jahren seine Seele an tote Bilder vergeudete. Sie sprachen dann

noch einiges miteinander und Lazarus erzählte von seiner Tochter und dem

Raben. Als er fortging, lud er Severin ein, ihn in seinem Laden zu

besuchen.

Severin kam der Einladung in den nächsten Tagen nach. Auf einem niedrigen,

gepolsterten Stuhle neben dem Ofen saß Susanna. Die Tage waren noch schön

und der Buchhändler brannte noch kein Feuer. Trotzdem kam nach

Sonnenuntergang eine feuchtrieselnde Kälte in die Häuser der Gasse. Susanna

hatte ein schwarzes Tuch um ihre Schultern geschlagen und über die Seiten

des geöffneten Buches auf ihrem Schoße tanzte das Gaslicht. Lazarus stand

hinter dem Ladentische und begrüßte Severin ohne Überraschung. Sein nackter

Kopf glänzte in dem Lichtschein, als er sich über ein paar wertvolle

Kuriosa beugte und durch die Lupe untersuchte. Severin hörte geduldig seine

Erklärungen an und sah zerstreut nach Susanna hinüber, die schweigend in

ihrem Buche las. Ihr braunes Haar war glatt gescheitelt und auf den Wangen

spielten die Schatten ihrer langen Wimpern. Als sie einmal das Gesicht

erhob, begegneten einander ihre Blicke.

Von nun an kam Severin oftmals zu Lazarus Kain. Der Gedanke an die junge

Jüdin ließ ihn nicht schlafen. Susanna war eigentlich nicht schön. Aber in

ihren Augen züngelte eine verdächtige Flamme, die in einem jähen Gegensätze

zu ihrem ruhigen Munde stand. In der samtenen Tiefe glomm eine

verräterische Andacht, die Severin befangen machte und ihn reizte. So hatte

er manchmal die Sterne flackern gesehn, wenn er ausgeschöpft von einem

unbegreiflichen Drange bei späten Heimgängen nach dem Nachthimmel schaute.

Severin suchte diese Augen hinter dem Rauche seiner Zigarette, hinter dem

kahlen Vogelkopfe des Vaters und dem kurzen Geflatter des Raben, der in dem

engen Raume wie in einem Käfige aus einem Winkel in den andern sprang.

Susanna bot sie ihm mit einem unergründlichen Ernste, ohne sich an dem

Gespräche zu beteiligen und ohne jemals das Wort an ihn zu richten. Wenn er

sie ansprach, stand sie knapp und teilnahmslos Rede, daß er sich ärgerte

und es aufgab. Dann schwätzte er mit dem Buchhändler und ließ sich von ihm

alte Steindrucke und Heliogravüren zeigen.

Eines Tages, als Susanna gerade nicht anwesend war, versprach ihm Lazarus,

ihn bei Doktor Konrad einzuführen. Zögernd brachte er seinen Antrag vor wie

das letzte Stück eines vorsichtigen Vertrauens. Und er erzählte Severin auf

dessen verwunderte Frage von dem großen Atelier in einem der neuen Häuser,

die man im Assanationsgebiete an Stelle der Hütten des Judenviertels baute.

Hier hatte Doktor Konrad mit den letzten Resten seines vor Jahren einmal

bedeutenden Vermögens eine Malerwerkstatt gemietet, die in Wirklichkeit

ganz andern Zwecken galt. Palmenkübel und Teppiche gaben den Räumen ein

exotisches Aussehn und ein paar Bilderrahmen in der Ecke, eine Staffelei

und einige zur Wand gekehrte Studienköpfe markierten das Metier des

Bewohners. In Wahrheit hatte Doktor Konrad schon seit langem keine Palette

mehr angerührt. Er lag stundenlang auf dem bequemen, türkischen Sofa,

rollte parfümierte Zigaretten in der Hand und ließ sich von seinem Diener

französischen Kognak mit Selters bringen. Oder er hörte seiner Geliebten

zu, wenn sie gelangweilt auf der Mandoline klimperte. Sie war ein blondes

und verwöhntes Geschöpf und hieß Ruschena. In den Nachmittagsstunden kam

ein Schwarm von Gästen: Junge Herren im Smoking, mit mausgrauen Gamaschen

über den Lackschuhn; alte und erfahrene Lebemänner im eleganten

Straßenkleide, den Elfenbeinknopf ihrer Reitstöcke am Munde; Künstler mit

Schlapphüten und unsauberer Wäsche; Modelle in Seidenblusen und engen

Röcken, die hier ihre freie Zeit bei den süßen Likören des Doktors

verbrachten; und hie und da auch ein Mädchen oder eine Frau aus der

besseren Gesellschaft, unsicher und scheu die einen, mit mehr Frechheit als

gerade nötig war die andern, von jener vielgestaltigen Anziehungskraft

hergetrieben, die ein ungebundenes Leben für den Außenstehenden hat. Davon

berichtete Lazarus, und Severin erriet an der verkniffenen Aufregung, den

fahrigen Händen des Alten das übrige.

Als er wieder ins Freie trat, kam ihm im Nebel der abendlichen Straße

Susanna entgegen. Sie sah ihm mit einem Lächeln ins Gesicht, daß sein

Körper plötzlich wie im Schreck zu zittern anfing. Mechanisch nahm er ihre

Hand, die sich warm anfühlte, ohne zu zucken.

Kommen Sie -- sagte Susanna zu ihm und hatte noch immer das Lächeln auf den

Lippen. Er ging mit ihr in das Haus, wo die Treppen noch im Finstern lagen.

Hier küßte er sie auf den Hals, den ihr Kleid im Nacken frei ließ.

Der Vater ist unten im Laden -- sagte er.

Susanna nickte nur und führte ihn über schmale Stiegen und durch Flurgänge

in ihr Zimmer.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 6 / 54 题