Das war auch der Herbst, in dem Severin mit Lazarus Kain bekannt wurde. In
der oberen Stephansgasse, unfern von dem großen botanischen Garten, hatte
er seinen Laden. Ein paar abgegriffene Leinenbände und der rostfleckige
Umschlag vergilbter Broschüren hinter der Glasscheibe des Schaukastens
machten die Vorübergehenden darauf aufmerksam, daß hier eine Buchhandlung
sei. Über der Türe, auf einem vom Schnee und vom Regen getauften Schilde
stand unter dem Namen des Eigentümers in verwaschenen Buchstaben das Wort
»Antiquariat«.
Der Laden war niedrig und schmal und eine Gasflamme erhellte ihn auch
tagsüber. Aber im Winter konnte es hier sehr gemütlich sein, wenn der
eiserne Ofen in der Ecke beinahe rotglühend vor Eifer wurde und Lazarus
hinter dem Pulte in dickbäuchigen Katalogen blätterte oder dem Raben Anton
Kunststücke lehrte. In den Ferienmonaten und im Frühherbst war ja ohnehin
nichts mit dem Geschäfte. Da ließ der alte Lazar für gewöhnlich seine
Tochter im Laden zurück und machte Streifgänge in der Umgebung. Mit kleinen
Schritten ging er die Gasse auf und nieder und sah nach den Stockwerken der
Häuser hinauf. Er war etwas kurzsichtig und das Gaslicht in dem finstern
Laden hatte seine Augen geschwächt. Er sah den Dienstmädchen zu, wie sie
die festen Brüste an den Fensterrand lehnten und den Staub aus den Tüchern
in die Gasse hinunterschwenkten. Das Blut stieg in sein gelbes Gesicht und
er blinzelte. Oder er blieb bei der Säule des heiligen Adalbert stehn und
verfolgte die Wärterinnen der nahen Gebäranstalt mit den Blicken. Dicht
daneben stand die schäbige Bude der »Gifthütte«. Lazarus Kain erinnerte
sich der Zeiten, wo hier die Mediziner zusammenkamen und am Abende mit den
Hebammen tanzten. Da war er auch mitunter zu Besuch gewesen und hatte sich
aus einem Winkel das Treiben angesehn. Jetzt hatte das Wirtshaus den
Besitzer gewechselt und am Tage war die Gastwirtschaft vollständig einsam.
Nur ein paar tschechische Jünglinge schoben in dem verwahrlosten Garten
Kegel und eine mürrische Kellnerin brachte das trübe Bier in zersprungenen
Gläsern.
Oft saß er auch in der kleinen Pilsner Stube gegenüber der Stephanskirche.
Auch hier war es nicht sehr lebhaft an den Sommervormittagen, wenn er zu
Gaste war. Erst später kamen dann die Priester aus der nahen Dechantei zum
Mittagessen. Lazar saß beim Fensterplatz, hinter der grünen Gardine und
bewunderte die feinen Knöchel der vorbeieilenden Mädchen. Er hatte schon
bald ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken, aber trotzdem waren die Weiber
noch immer seine liebste Passion. Zu Hause, auf den hohen Regalen in seinem
Buchladen, bewahrte er manchen kostbaren Band für die Kenner und seine
besten Kunden. Gefährliche und unverschämte Romane, französische und
deutsche Privatdrucke, Kupferstiche, seltene Übersetzungen aus der Zeit des
Rétif de la Bretonne. Er hing mit einer verliebten Zärtlichkeit an diesen
Schätzen, die er oft und wieder hernahm und sich an ihnen ergötzte, die er
mit seinen dürren Fingern streichelte und nur ungern und zu hohen Preisen
verschacherte. Mit ehrlichem Bedauern sah er sie in den Händen der Käufer
und ihm war, als ob sie mit ihnen ein Stück eines liebgewordenen Inventars
aus seinem Hause trügen. Nur zwei Wesen liebte er mehr wie diese Bücher:
den Raben Anton, ein altes und zerzaustes Tier, das ihm seit Jahren in
seinem Buchladen Gesellschaft leistete und seine Tochter Susanna.
In dem kleinen Wirtshause gegenüber der Kirche war es, wo Severin Lazarus
Kains Bekanntschaft machte. Draußen läuteten die Turmglocken gerade zur
Sonntagsmesse und beide blickten den jungen Frauen nach, die nachdenklich,
mit dem Gebetbuche in der Hand, an dem Gasthausfenster vorüberkamen. Da
rückte Lazarus sein Glas näher zu Severin und begann zu erzählen. Sein
vertrocknetes Gesicht erregte sich beim Sprechen und unter dem kurzen
Backenbarte brannten die Wangen. Er sprach von dem kalten und
phantasielosen Temperamente der neuen Zeit, in der die Sucht nach dem Gelde
die Freude an der Lust getötet habe. Und mit zwinkernden Augen, in denen
das Fieber eines geheimen Vergnügens glänzte, geriet er in die Schilderung
der Lieblingswelt, an die er sein alterndes Herz gehängt hatte, das
Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts. Seine Geschichten aus der
Hirschparkperiode Ludwig XV. hatten Farbe und Elan und eine neidische
Sehnsucht bebte in seiner Stimme, als er dem aufhorchenden Severin von
Madame Janus berichtete, der genialen Kupplerin, die selbst das damalige
Paris noch mit neuen und erfinderischen Sensationen verblüffte.
Das kommt nicht mehr wieder -- sagte er und eine aufrichtige Trauer klang
in dem Tone der Worte. Eine Weile saßen dann die beiden schweigend
beisammen und sannen in dem Halbdunkel der Wirtsstube den galanten Wundern
vergangener Zeiten nach, während drüben die Kirchenglocken verstummten und
nur ein goldenes Summen, immer feiner und leiser, unmerklich zum Schlusse
in der Luft zurückblieb. Severin sah verstohlen nach dem kahlen Schädel des
alten Lazarus, der sein Gesicht wieder dem Fenster zuwandte und betrachtete
sein jüdisches, von unzähligen Fältchen zerrissenes Profil. Eine Ahnung
überkam ihn, daß dieser Mann ein ähnliches Leiden litt wie er, daß er an
einer ungestillten Inbrunst krankte, die sich aus einem engen und törichten
Leben in alte Bücher geflüchtet hatte. Ein Mitleid faßte ihn mit dem Alten,
der seit Jahren seine Seele an tote Bilder vergeudete. Sie sprachen dann
noch einiges miteinander und Lazarus erzählte von seiner Tochter und dem
Raben. Als er fortging, lud er Severin ein, ihn in seinem Laden zu
besuchen.
Severin kam der Einladung in den nächsten Tagen nach. Auf einem niedrigen,
gepolsterten Stuhle neben dem Ofen saß Susanna. Die Tage waren noch schön
und der Buchhändler brannte noch kein Feuer. Trotzdem kam nach
Sonnenuntergang eine feuchtrieselnde Kälte in die Häuser der Gasse. Susanna
hatte ein schwarzes Tuch um ihre Schultern geschlagen und über die Seiten
des geöffneten Buches auf ihrem Schoße tanzte das Gaslicht. Lazarus stand
hinter dem Ladentische und begrüßte Severin ohne Überraschung. Sein nackter
Kopf glänzte in dem Lichtschein, als er sich über ein paar wertvolle
Kuriosa beugte und durch die Lupe untersuchte. Severin hörte geduldig seine
Erklärungen an und sah zerstreut nach Susanna hinüber, die schweigend in
ihrem Buche las. Ihr braunes Haar war glatt gescheitelt und auf den Wangen
spielten die Schatten ihrer langen Wimpern. Als sie einmal das Gesicht
erhob, begegneten einander ihre Blicke.
Von nun an kam Severin oftmals zu Lazarus Kain. Der Gedanke an die junge
Jüdin ließ ihn nicht schlafen. Susanna war eigentlich nicht schön. Aber in
ihren Augen züngelte eine verdächtige Flamme, die in einem jähen Gegensätze
zu ihrem ruhigen Munde stand. In der samtenen Tiefe glomm eine
verräterische Andacht, die Severin befangen machte und ihn reizte. So hatte
er manchmal die Sterne flackern gesehn, wenn er ausgeschöpft von einem
unbegreiflichen Drange bei späten Heimgängen nach dem Nachthimmel schaute.
Severin suchte diese Augen hinter dem Rauche seiner Zigarette, hinter dem
kahlen Vogelkopfe des Vaters und dem kurzen Geflatter des Raben, der in dem
engen Raume wie in einem Käfige aus einem Winkel in den andern sprang.
Susanna bot sie ihm mit einem unergründlichen Ernste, ohne sich an dem
Gespräche zu beteiligen und ohne jemals das Wort an ihn zu richten. Wenn er
sie ansprach, stand sie knapp und teilnahmslos Rede, daß er sich ärgerte
und es aufgab. Dann schwätzte er mit dem Buchhändler und ließ sich von ihm
alte Steindrucke und Heliogravüren zeigen.
Eines Tages, als Susanna gerade nicht anwesend war, versprach ihm Lazarus,
ihn bei Doktor Konrad einzuführen. Zögernd brachte er seinen Antrag vor wie
das letzte Stück eines vorsichtigen Vertrauens. Und er erzählte Severin auf
dessen verwunderte Frage von dem großen Atelier in einem der neuen Häuser,
die man im Assanationsgebiete an Stelle der Hütten des Judenviertels baute.
Hier hatte Doktor Konrad mit den letzten Resten seines vor Jahren einmal
bedeutenden Vermögens eine Malerwerkstatt gemietet, die in Wirklichkeit
ganz andern Zwecken galt. Palmenkübel und Teppiche gaben den Räumen ein
exotisches Aussehn und ein paar Bilderrahmen in der Ecke, eine Staffelei
und einige zur Wand gekehrte Studienköpfe markierten das Metier des
Bewohners. In Wahrheit hatte Doktor Konrad schon seit langem keine Palette
mehr angerührt. Er lag stundenlang auf dem bequemen, türkischen Sofa,
rollte parfümierte Zigaretten in der Hand und ließ sich von seinem Diener
französischen Kognak mit Selters bringen. Oder er hörte seiner Geliebten
zu, wenn sie gelangweilt auf der Mandoline klimperte. Sie war ein blondes
und verwöhntes Geschöpf und hieß Ruschena. In den Nachmittagsstunden kam
ein Schwarm von Gästen: Junge Herren im Smoking, mit mausgrauen Gamaschen
über den Lackschuhn; alte und erfahrene Lebemänner im eleganten
Straßenkleide, den Elfenbeinknopf ihrer Reitstöcke am Munde; Künstler mit
Schlapphüten und unsauberer Wäsche; Modelle in Seidenblusen und engen
Röcken, die hier ihre freie Zeit bei den süßen Likören des Doktors
verbrachten; und hie und da auch ein Mädchen oder eine Frau aus der
besseren Gesellschaft, unsicher und scheu die einen, mit mehr Frechheit als
gerade nötig war die andern, von jener vielgestaltigen Anziehungskraft
hergetrieben, die ein ungebundenes Leben für den Außenstehenden hat. Davon
berichtete Lazarus, und Severin erriet an der verkniffenen Aufregung, den
fahrigen Händen des Alten das übrige.
Als er wieder ins Freie trat, kam ihm im Nebel der abendlichen Straße
Susanna entgegen. Sie sah ihm mit einem Lächeln ins Gesicht, daß sein
Körper plötzlich wie im Schreck zu zittern anfing. Mechanisch nahm er ihre
Hand, die sich warm anfühlte, ohne zu zucken.
Kommen Sie -- sagte Susanna zu ihm und hatte noch immer das Lächeln auf den
Lippen. Er ging mit ihr in das Haus, wo die Treppen noch im Finstern lagen.
Hier küßte er sie auf den Hals, den ihr Kleid im Nacken frei ließ.
Der Vater ist unten im Laden -- sagte er.
Susanna nickte nur und führte ihn über schmale Stiegen und durch Flurgänge
in ihr Zimmer.