I.

In diesem Herbste war Severin dreiundzwanzig Jahre alt geworden. Wenn er

des Nachmittags, von quälender Bureauarbeit zerrüttet, nach Hause kam, warf

er sich auf das schwarzlederne Sofa in seiner Kammer und schlief bis zum

Abend. Erst wenn draußen die Laternen angezündet wurden, ging er auf die

Gasse. Nur im Sommer, wenn die Tage lang und glühend waren, fand er noch

die Sonne auf seinen Wegen durch die Stadt. Oder auch an den Sonntagen, wo

der ganze Tag ihm gehörte und er auf seinen Wanderungen seiner kurzen

Studentenzeit gedachte.

Severin hatte nach zwei oder drei Semestern seine Studien aufgegeben und

eine Stellung angenommen. Nun saß er während der Vormittage in dem

häßlichen Bureau und hielt sein kränkliches und bartloses Bubengesicht über

die Zahlenreihen gebeugt. Ein ungesunder und nervöser Mißmut kroch mit der

Zimmerkälte durch seinen Körper und dann wurde auch die Unruhe in ihm wach.

Das einförmige Gleichmaß machte seine Hände zittern. Eine lästige Müdigkeit

bohrte in seinen Schläfen und er drückte mit den Fingern die Augäpfel in

den Kopf bis sie schmerzten.

Eine verregnete Oktoberwoche lang hatte er Zdenka nicht mehr gesehn. Ihre

Briefe, die ihn täglich zu kommen baten, schob er verärgert beiseite und

beantwortete sie nicht. In dem halblauten Takt seines Blutes begannen sich

Wünsche zu regen, die Zdenka ihm nicht erfüllen konnte. Und es war immer

eine gespannte Erwartung, eine krause und absonderliche Neugier, die ihn

befiel, wenn er am Abend, vom Schlafe betäubt, auf die Straße trat. Mit

weit geöffneten Augen sah er in die Stadt hinein, in der die Menschen sich

wie Schattenbilder bewegten. Der Lärm der Wagen, das Gerassel der

Straßenbahn mischte sich mit den Stimmen der Leute zu einem harmonischen

Brausen, in dem ab und zu ein vereinzelter Ruf oder ein Schrei aufklang,

dem er mit einem aufmerksamen Empfinden nachlauschte, als ob ihm eben etwas

Besonderes entgangen sei. Am liebsten waren ihm die Straßen, die abseits

von dem großen Getriebe lagen. Wenn er die Augen zusammenkniff und durch

die halbgeschlossenen Lider schaute, bekamen die Häuser ein phantastisches

Aussehn. Dann ging er an den Mauern der großen Gärten vorbei, die sich an

die Krankenhäuser und Institute schlossen. Der Geruch des faulenden Laubs

und der feuchten Erde schlug ihm entgegen. Irgendwo in der Nähe wußte er

eine Kirche. Hier war es schon am frühen Abend leer und nur einige

Fußgänger kamen. Severin stand im Schatten der Häuservorsprünge und dachte

darüber nach, warum sein Herz klopfe.

Lag es an dieser Stadt mit ihren dunklen Fassaden, ihrem Schweigen über

großen Plätzen, ihrer abgestorbenen Leidenschaftlichkeit? Es war ihm immer,

als ob ihn unsichtbare Hände streiften. Er erinnerte sich, daß er auch oft

bei Tage in längst bekannten und vertrauten Teilen wie in einer neuen

Umgebung gegangen war. Am Sonntagmorgen war er manchmal am Siechenhaus und

der Karlshofer Kirche vorbei in die Sluper Gründe hinuntergestiegen. In ihm

war ein Staunen, daß er hier schon seit seiner Kindheit wohnte. Wenn die

Sonne schien und auf den abgebröckelten Stufen schimmerte, mußte er an die

Winterabende denken, wenn hier der Schnee in den Gassen trieb und die

Lampen in den Kotpfützen funkelten. Es kam ihm vor, daß ein Bann ihn

drückte. Ein böses Verlangen wuchs in ihm auf, den Bann zu lösen und ihn zu

wandeln.

Oft glaubte er, an der eigenen Kargheit verzweifeln zu müssen. Es war eine

Bitterkeit in ihm, die sich in ohnmächtige Flüche verrannte; und eine

Mattigkeit, die nach unseligen Stunden verlangte. Zdenka wußte nichts von

dem allen. Unmutig, mit zusammengepreßten Lippen und aufgeschlagenem

Rockkragen ging er heute durch die Stadt, auf Umwegen der Moldau zu, wo sie

ihn erwartete.

Die lange, geschäftige Straße, durch die er schritt, war er jahrelang zur

Schule gegangen. Hier hatte er auf dem Heimwege die ersten Zigaretten

geraucht und hier wurden auch die großen Schlachten beraten, die auf den

Weinberger Schanzen mit den tschechischen Jungen geschlagen wurden. Als

Führer und Held hatte er sich niemals dabei hervorgetan, aber er hatte auch

seine Feigheit niemals verraten. Es war für ihn ein wollüstiger und

geheimnisreicher Reiz, den Steinwürfen der Feinde die Stirne zu bieten. Die

Rittergeschichten und Matrosenstreiche, die er zu Hause las, wurden ihm

hier zu einer kleinen aber wahrhaftigen Wirklichkeit, die ihm Wangen und

Hände heiß machte und in stummer Erregung den Atem beklemmte. Seit jener

Zeit hatte es eigentlich kein gleichwertiges Erlebnis mehr in seiner Jugend

gegeben. Aber der blinde Drang, der ihn damals nach der Schule auf die

verlassenen Schanzen zu den Schlägereien trieb, war mit den Jahren ins

Ungemessene gewachsen und preßte ihm die Kehle. Manchmal befiel ihn eine

unsinnige Furcht und ein Entsetzen, daß sein Leben so im Sande verlaufen

würde. Seit er erwachsen war und sein Brot verdiente, wuchsen nüchterne und

kahle Mauern rings um ihn auf, die ihm die Aussicht versperrten. Wohin er

auch blickte, überall war die alltägliche und stumpfe Gewohnheit um ihn.

Früh ging er zur Kanzlei und ging am Mittag nach Hause; den übrigen Tag

verschlief er. Er kam sich vor wie einer, der mit der Schaufel in einer

Grube steht. Er gräbt und schaufelt, aber der feine, bewegliche Sand rinnt

immer wieder nach und verschüttet die Grube.

Als Kind hatte er einmal ein Buch besessen, das sich niemals ganz aus

seinen Gedanken verlor. Es war der erste Band eines Romanes aus den

Hussitenkriegen. Der zweite Band fehlte und Severin suchte auch nicht

danach. So wie das Buch schloß, mitten im Gange großer Ereignisse, schien

es ihm am schönsten. Da waren Zigeuner darin, die in den Klüften der

Teufelsmauer bei Hohenfurt ein Räuberversteck besaßen, wilde Krieger, die

in den Schänken um ihre Mädchen würfelten, Nächte, in denen man im Walde

beim Mondschein nach der Alraunwurzel grub. Ein Zaubergarten kam darin vor,

wo verwachsene Zwerge den Verirrten äfften, Wundergrotten sich auftaten und

wo eiserne Löwen rasselnd in der Tiefe versanken, wenn man in ihre Nähe

kam. Und der Komet strahlte blutrot am Himmel und in Böhmen war Krieg. An

dieses Buch dachte Severin, während er zu Zdenka ging.

Auf dem Karlsplatze war es still. Nur einige Liebespaare flüsterten hinter

dem Gesträuch. Severin stieß mit dem Fuße in die welken Blätter auf den

Wegen. Die elektrischen Lampen brannten schon und hingen wie Monde über den

Bäumen. Zwischen ihrem Lichte hindurch spähte Severin nach den ersten

Sternen. Eine verdrießliche Unrast hielt ihn gefangen, die ihn immer wieder

in den Park zurücktrieb, während Zdenka ihn schon erwartete. Er nahm den

Hut in die Hand und die Luft feuchtete seine Haare. Vom Turme des

Strafgerichtsgebäudes schlug die Uhr und ihre Schläge hallten langsam durch

die Zweige. Severin lauschte ihnen mit einem bitteren Herzen. Eine weiche

und schwächliche Lüsternheit zuckte in seiner Seele nach einem bunten und

heftigen Dasein, wie es in den Kapiteln des Buches zu lesen stand. In einem

verzehrenden Lichte stieg ein ungeheueres und gewaltsames Leben vor ihm

auf. Hinter dem Rande des Karlsplatzes fühlte er die Stadt.

Aus dem Dämmerlichte des Parks trat Severin in die nächste Gasse. Wieder

horchte er in die Geräusche hinein und hörte die Stimmen der Leute. Ein

wenig von der Erkenntnis dämmerte in ihm auf, daß die Menschen es sind, die

das Leben bedeuten. Daß im Spiel mit ihnen das alles war, was ihm Schmuck

und Inhalt und Schauer däuchte. Kometennächte und Erschütterungen und die

Rätsel des Herzens. Mit einem köstlichen Erschrecken gedachte er jenes

Abends, an dem er mit einem Freunde die Vorstellung eines tschechischen

Vorstadttheaters besucht hatte. Er war nie besonders wählerisch in solchen

Genüssen gewesen. Die heischende Sentimentalität, die dort einem Publikum

von Kleinbürgern und Banausen schmeichelte, war auch der richtige Stachel

für seine Sinne. In dem Gehaben pathetischer Komödianten, den Tränen und

dem Gelächter grobgeschminkter Weiber spürte er mehr wie wo anders die

heißen und ungepflegten Begehrlichkeiten seiner Seele. Ein Mädchen hatte

damals seine Aufmerksamkeit erregt, die das Volk mit ihrer getäuschten

Liebe rührte. In der Art ihren dünnen Körper zu biegen, in den Linien ihres

Halses und ihrer Schultern war manches, was ihn an Zdenka gemahnte. In

einer merkwürdigen und uneingestandenen Zerwühltheit war er damals nach

Hause gegangen. Es war das Gefühl, das ihn auch sonst immer heimsuchte,

wenn er in den Nachtkaffeehäusern während der Pausen der Musik in die

verlegene Stille horchte oder am Abende zögernd und gespannt an den

Straßenecken lungerte. Das Gefühl, daß etwas in seiner Nähe war, so stark

und so körperlich, daß die Luft davon leise zu zittern begann und das er

vergebens mit den Händen suchte.

Die Ferdinandsstraße glänzte vor ihm auf und der Schein der Auslagenfenster

blendete ihn. Es war schon spät geworden und er eilte. Beim Nationaltheater

sah er Zdenka stehn und ihr süßes Gesicht grüßte ihn lächelnd aus der

Menge.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 5 / 54 题