Abb. 150. Grenoble. St. Laurent.
(Phot. Robert, Grenoble.)]
[Illustration: Abb. 154. Jouarre. Krypten.
(Phot. Jubeaux, Jouarre.)]
[Illustration: Abb. 151. Jouarre. Krypten.]
[Sidenote: Krypta zu Jouarre]
Eine andere sehr eigentümliche und weit bekannte Krypta aus dem 7.
Jahrhundert finden wir in Jouarre in der Champagne. Bei ihr ist es
ebenfalls wahrscheinlich, daß sie ursprünglich eine kleine Kirche war,
die bald zu einer Krypta und Begräbniskirche wurde (Abbildung 151).
Denn sie stammt noch von der alten Klostergründung, die Abt Adon (†
628) im ersten Viertel des 7. Jahrhunderts hier vollzog; seitdem die
Äbtissin Telchilde († 655) da beigesetzt wurde, fügte sich Sarkophag
an Sarkophag. Von einem ursprünglichen Märtyrer- oder Heiligengrab,
dem der Bau als Krypta geweiht gewesen wäre, ist jedoch keine Spur
vorhanden. Heute ist der kleine Raum, dem im Anfang des 8. Jahrhunderts
eine Erweiterung nach Süden zuteil wurde, gewölbt; die Wölbung stammt
vermutlich aus nicht unerheblich späterer Zeit, dem 10. oder 11.
Jahrhundert. Als man hier unten eine Begräbniskirche einrichtete,
wurde über ihr eine nach Westen zu bedeutend längere Kirche erbaut,
deren Längsmauern man noch aufgefunden hat, und unter deren Ostteil
jene älteren Räume dann die Unterkirche bildeten. Dies geschah aber
bald nach der ersten Anlage. Es ist infolge der vielen Umbauten und
Änderungen jetzt schwierig, sich ein zuverlässiges Bild des ersten
Zustandes zu machen. Was einigermaßen feststehen wird, ist folgendes:
[Illustration: Abb. 152. Jouarre. Ursprünglich.]
Ursprünglich war, wie es scheint, ein niedriger flachgedeckter
kirchlicher Raum von rechteckiger Form vorhanden (Abb. 152), dessen
Westwand allein noch erhalten, nur 35 cm dick, durch fünf Pilaster
verstärkt und inwendig mit einem echt merowingisch-fränkischen bunten
Steinmuster geschmückt ist: oben Achtecke, darunter übereck gestellte
Vierecke, unten das bekannte petit appareil (Abb. 153, Tafel XLI). Die
einfachen Pfeilerkapitelle der Pilaster tragen einen längslaufenden
Architrav. Einst vorhandene weitere zwei Pilaster sind in romanischer
Zeit durch eine Tür verdrängt. Die Ostwand muß ebenso gegliedert
gewesen sein; an ihren dünnsten Stellen ist sie von gleicher Stärke wie
die westliche. Dazwischen standen parallel mit diesen beiden Wänden
zwei Reihen von je drei Säulen, annähernd auf denselben Plätzen wie
heute. Kurz, es wird anfänglich ein dreischiffiger flachgedeckter Raum
gewesen sein, merkwürdigerweise von Norden nach Süden gestellt; die
Eingangstür wird demnach im Süden gelegen haben; der Altar nördlich.
Als man dann die Kirche darüber erbaute, ergab sich zu diesem Zwecke
die Notwendigkeit einer Verstärkung der Nord- und Südmauern der
jetzigen Krypten, die durch eingebaute starke Pfeiler erreicht wurde.
Die Särge standen im Ostschiff.
Eine Verlängerung der Unterkirche nach Süden erfolgte nach 700; man
baute damals für den Hl. Ebregesil, Bischof von Meaux († 700), eine
besondere Grabkapelle an und stellte dessen Sarkophag darin auf. Im
10. oder 11. Jahrhundert wurden die beiden Krypten mit Kreuzgewölben
versehen. Da ergab sich der Gewölbeeinteilung halber eine geringe
Verschiebung der Säulen in dem ältesten Teil (der St. Pauls-Krypta).
Zugleich errichtete man an der Ostseite eine Estrade, in die man die
Särge begrub; die drei Säulen wurden verkürzt und auf die Estrade
gestellt; oberhalb der Särge errichtete man nun reichverzierte
Scheinsärge (Kenotaphien), die heute noch den besonderen Schmuck der
Krypta bilden (Abb. 154, Tafel XL). Leider hat man 1884 die Estrade
wieder großenteils beseitigt und so der Begräbniskirche ihre frühere
Eigenart teilweise geraubt.
Es erübrigt noch zu sagen, daß die andere, die St. Ebregesil-Krypta
wohl damals (oder noch später?) eine Vergrößerung nach Westen erfuhr,
die auch Veränderungen im alten Teil mit sich und allerlei romanische
Formen in die alte Krypta hineinbrachte; die Ebregesilkrypta selber
ist überhaupt viel roher, eigentlich nur eben einigermaßen notdürftig,
meist aus Bruchstücken, zusammengestümpert.
Aus merowingischer Zeit haben wir demnach an den beiden alten
Bauwerken (620-700) nicht mehr sehr viel im Original vor uns. Immerhin
in der Paulskrypta die erwähnte Lang-(West-)wand und die sechs
Marmorsäulen. Letztere haben alle weiße Marmorkapitelle und Basen
und verschiedenartig gefärbte marmorne Schäfte. Dem edlen Material
nach müssen wir auch hier Import aus dem Osten annehmen; ein einziges
Kapitell dürfte vielleicht von einem alten römisch-gallischen Bau
entnommen sein. Die Zeit der Herstellung der Kapitelle dürfte sonst
ziemlich der Bauzeit der Kirche entsprechen; es scheint, als ob solche
Arbeiten auf Bestellung in einem bestimmten Geschmacke in der Ferne
hergestellt worden wären. So kehrt das bekannte schöne Kapitell der
östlichen Mittelsäule in ganz ähnlicher Form der umgekehrten Ranken
und des gekehlten Kelches mit Eierstab in der Krypta von St. Brice zu
Chartres und an St. Christophe zu Suèvres (Abb. 155, Tafel XLI) wieder,
an ziemlich gleichzeitigen Bauwerken in ganz verschiedenen Gegenden
Frankreichs. Auch der kannelierte Kapitellkelch wiederholt sich bei
vier der sechs doch recht verschiedenen Kapitelle, wird überhaupt um
jene Zeit oft gefunden, so auch in St. Jean zu Poitiers.
[Illustration: