Abb. 147 u. 148. Poitiers. St. Jean.
(Phot. J. Robuchon, Poitiers.)]
Von diesen Fenstern oder dem ersten Gurtgesimse an ist im Äußeren eine
eigenartige Architektur aufgesetzt, wie mir scheint erst gegen das 8.
Jahrhundert (Abb. 148, Tafel XXXIX). Und zwar eine in ganz anderem
und höherem Sinne antike als die innere untere. Auf dem Kämpfergesims
der rundbogigen später in kreisförmige verwandelten Fenster stehen
auf jeder Seite vier Pilaster mit eigentümlich ungewandt behandelten
korinthisierenden Kapitellen. Über dem von ihnen getragenen Gesimse
sehen wir drei kleine Ziergiebel eingesetzt, den mittleren rund, die
seitlichen dreieckig. Darüber ein ungemein reiches Hauptgesims mit
Konsolen; dann nach jeder Querseite ein völlig antiker Flachgiebel mit
gleichem Konsolenkranzgesimse, in seiner Fläche wieder drei kleine
Dreiecksgiebel enthaltend, von denen der mittlere erhöht über einer
runden Scheibe steht.
Während aber die Technik unten das herkömmliche petit appareil (kleine
fast quadratische Quaderchen) zeigt, fangen über dem unteren Gesimse
besser gearbeitete und längere Steine, über dem von den Pilastern
getragenen Gesimse die bekannten merowingischen Ziegelschichten
zwischen Hausteinen an; unter dem Giebelgesims zieht sodann ein
farbiger Fries mit eingelegten runden Ziegelplatten; ähnliche Muster in
Ton sind in die kleinen Giebel eingelegt. Kurz, hier beginnt ein neuer
Zug, die farbige Behandlung der Flächen, die das 6. Jahrhundert in
dieser Art noch nicht kannte.
Die Konsolengesimse des großen und der kleinen Giebel sind stark antik,
doch eigen gebildet; sehr ähnlich dem der Halle zu Lorsch am Rhein, wie
einem neuerdings in Worms gefundenen; diese letzten beiden aus dem 8.
Jahrhundert.
Auch die viel niedrigere Chorapsis hat antiken Giebel und
Konsolengesimse.
Nach diesem Sachbestande ist zu vermuten, daß wir in dem oberen Aufbau
der Taufkirche ein Werk derselben klassizistischen Richtung vor uns
sehen, aus der später die so ganz einzig dastehende Vorhalle der Kirche
zu Lorsch hervorgegangen ist. Der Erbauer dieses letzteren Werkes
war Abt Chrodegang von Metz, der aus Frankreich kam -- sein Name
ist echt merowingisch-fränkisch --; mit der Person dieses bekannten
kunstsinnigen Mannes dürfte daher wohl diese so einzig dastehende
Rückkehr zur Antike zusammenhängen. Vielleicht haben wir in ihm, der
noch in Karls des Großen Zeit hineinragt, den geistigen Vater der
sogenannten karolingischen Renaissance zu sehen.
[Sidenote: Lorsch]
Das zweite ungleich besser erhaltene und einheitliche Werk dieser Art
noch aus der Merowingerzeit steht also auf deutschem Boden: die oben
genannte Torhalle des Klosters zu Lorsch. -- Es steht fest, daß dieser
Bau ursprünglich keine Kirche war (wie heute), sondern ein dreifaches
Tor, das in den Vorhof der noch im frühen Mittelalter abgebrannten
Kirche führte, an deren Stelle noch ein Stück der späteren romanischen
steht; das Tor aber hat man schon im Mittelalter in eine Kapelle
verwandelt.
Das Gebäude ist weit der prächtigste Rest eines fränkischen Bauwerks
vor Karls des Großen Zeit (Abb. 149). Und zugleich dasjenige des
frühen Mittelalters, welches am meisten sich der römischen Antike zu
nähern weiß; die Weihe der 766 begonnenen Kirche, einer Schöpfung des
genannten Abts Chrodegang von Metz, fand 774 statt.
Der Graf Cancor und seine Gattin Wiliswinda waren die Patrone des
Klosterbaus, der nur eine Übertragung des etwas älteren nahe gelegenen
Altenmünster an eine bessere Stelle war.
Abt Chrodegang, aus Frankreich nach Metz gekommen, ein hochgebildeter
Kirchenfürst, war ein eifriger Bauherr; auch die Metz nahen Klöster
von Gorze und St. Avold, die sich später großen Rufes erfreuten, sind
seine Schöpfungen. Die ganze Anlage von Lorsch war aber eine der
prächtigsten und geschlossensten: hinter dem stattlichen noch stehenden
Torbau stieg ein von Hallen flankierter Vorhof zu dem Narthex der
großartigen Klosterkirche auf. Diese wird in zeitgenössischen Berichten
als geradezu prachtvoll gerühmt, besaß zwei Fronttürme zu seiten einer
Vorhalle, dahinter drei Schiffe, durch Säulen getrennt, und war von
reicher Ausstattung. Das bedeutende Werk fiel 1090 einem riesigen
Brande gelegentlich eines Kirchenfestes ganz zum Opfer. Nichts blieb
als der vorderste Klostereingang; auch das Kloster selbst verschwand;
die drei von der nachher erbauten romanischen Kirche übrigen Joche
dienen heute als Tabakspeicher.
Aber die Halle zeigt uns, daß wir wirklich Bedeutendes verloren.
Ihre vordere Front öffnet sich unten in drei breiten Bögen auf
Pfeilern, vor denen komposite Dreiviertelsäulen stehen von fast
streng römischer Architektur, wie man solche etwa an antiken Theatern
gewöhnt ist, nur des Gebälkes entbehrend, an dessen Stelle ein
friesartig verziertes Gesims getreten ist. Darüber ein Oberstock mit
jonischen Pilastern, über denen Spitzgiebel statt Bögen in einer Reihe
von Kapitell zu Kapitell laufen. Das Ganze trägt ein prachtvolles
Konsolengesimse, das an den schmalen Seiten antike Dreiecksgiebel
bildete, in den Formen und der Anwendung ziemlich genau dem an St. Jean
zu Poitiers entsprechend. Die ganze Fläche des Oberstocks und über
den Pilastern ist mit bunten Steinmustern aus Drei- und Sechsecken
geschmückt. Die Rückseite entspricht der Vorderseite; der schmale Bau
mag einst innen einen offenen Dachstuhl oder eine horizontale Decke
gehabt haben; seine oberen Fenster scheinen neu; wahrscheinlich hatte
er solche an den Schmalseiten.
In diesem Bau ist die Anlehnung an die römische Baukunst eine so
starke, die Wirkung eine so völlig antike, daß man hier wohl den
eigentlichen Anfang der „karolingischen Renaissance“ zu erblicken hat,
die jedoch in keinem Bau Karls des Großen mehr eine solche Klarheit
erreicht. Die Kompositakapitelle sind fast antik; die jonischen
freilich in ihren flachen nur angedeuteten Eierstäben wohl leicht als
spätere Nachahmung zu erkennen, doch nach antiker Art kanelliert,
ebenfalls noch streng in der Wirkung; nicht weniger das Konsolengesims.
Nur die Reihe der Dreiecksgiebel und der bunte Hintergrund der Pilaster
spricht die Sprache der Merowingerkunst.
[Illustration: Abb. 149. Torhalle zu Lorsch. Nach Adamy.]
[Sidenote: Trier]
Hier müssen wir die Erwähnung eines weiteren bedeutsamen
merowingisch-fränkischen Werkes auf deutschem Boden einschalten,
das außer der Linie der seither erwähnten Bauwerke steht: der
Wiederherstellung des Domes zu Trier durch Bischof Nicetius seit 527.
Dieser Priester fand bei seinem Amtsantritt den alten Dom, der hundert
Jahre früher aus einer römischen Gerichtshalle zu der Hauptkirche der
alten römischen Kaiserstadt verwandelt war, durch die salischen Franken
gänzlich verwüstet und zusammengestürzt vor, und baute den großartigen
Tempel möglichst in der alten Form wieder auf. Er errichtete von neuem
die mittleren vier großen Säulen mit den Quer- und Längsbögen darüber,
die den riesigen Raum teilten, nebst Dachwerk und einer schönen
Inneneinrichtung; auch hier wurde später der Teil für die Priester
durch Schranken in einer Behandlung, die der langobardischen nahe
steht, abgeteilt. Die großen Säulen haben noch fast antik gebildete
Kapitelle mit Masken an den Ecken, gleichzeitigen ravennatischen
ähnlich. Der ganze Raum wurde dann verputzt und sehr farbig, noch
halb antik-römisch ausgemalt, wovon Überreste genug zeugen, auch mit
Marmorfußboden versehen. Es ist hier überall die spätantike Tradition
maßgebend, der Bau auch vermutlich durch italienische Arbeiter
ausgeführt, so daß von fränkisch-germanischer Art nur die Reste der
jüngeren Schranken und einige Bruchstücke innerer Ausbauten reden.
[Sidenote: St. Laurent Grenoble]
Auf burgundischem Boden finden wir eine höchst interessante Krypta,
vermutlich erst nachher als solche für eine neu darüber gebaute
romanische Kirche benützt: St. Laurent zu Grenoble. Sie liegt noch
heute über dem Boden und besteht aus einem tonnengewölbten Langschiffe
mit Apsiden an beiden Enden und zwei am Ostende der Langseiten, so daß
da ein kleeblattförmiger Grundriß entsteht; am Westende befinden sich
statt weiterer Nischen die Ausgänge der beiden Treppen nach oben (Abb.
150, Tafel XL). Also ein Bau von verhältnismäßig reichem Grundriß. In
den Formen nahestehend den älteren Teilen von St. Jean zu Poitiers;
auch hier ist die den Wänden frei vorgesetzte Säulenarchitektur
teilweise mit antiken Säulen hergestellt und an die dortige
unwillkürlich erinnernd. Die Nischenbogen sind wie dort von Säulen
eingefaßt; der eigentliche Chorbogen trägt eine zweite Säulenstellung
über der unteren. Das Gewölbe hat lang durchgehende Ziegelschichten;
der Chorbogen ist mit solchen ebenfalls durchschossen.
Die Kapitelle der Säulen stammen meist von älteren Bauten; einige
sind jedoch, wie es scheint, für den Bau besonders gearbeitet; sie
haben einfache korinthisierende Formen, darüber eigentümliche schräge
Kämpfersteine nach Art der byzantinischen, doch mit Darstellungen,
so von Schafen und Vögeln zwischen Palmen, Kreuzen u. dgl., alles im
einfachsten Relief auf Grund gesetzt, aber mit Geschmack gearbeitet. Es
muß dahin gestellt werden, ob hier wirklich fremder Import vorliegt,
wie viele Forscher behaupten, die der Ansicht sind, daß alle marmornen
Kapitelle der Merowingerbauten fern im Osten angefertigt seien, und
daß es allgemeines Verfahren gewesen sei, solche so weit als möglich
auf dem Wasserwege beförderten Architekturteile, auch Schäfte und
Basen, in die Bauwerke einzufügen, wie es sich eben gab. In der Tat
zeigen viele Kirchenräume jener Zeiten dort geradezu Häufungen der
verschiedenartigsten Stücke dieser Art, die dabei oft kaum älter,
unbedingt nicht antik sein können.
Auch unsere Kirche hat Säulen mit und ohne Kämpferaufsätze oder
zwischengeschobene Gesimsstücke unter dem einfachen Steinbalken des
Architravs; an einer Stelle überhaupt kein Kapitell, zeigt also
deutlich die Kompilation vorhandener Architekturteile.
Trotzdem ist der ganze Raum schön in den Verhältnissen, von
interessantem Aufbau und anmutig in der Wirkung, verdient auch als
Komposition Beachtung. -- Das Bauwerk wird dem 7. Jahrhundert angehören.
[Illustration: