Abb. 142. Burgundische Schnalle. Genf.]

[Illustration: Abb. 144. Beauvais. Basse oeuvre.]

Diese relative Selbständigkeit der Burgunder schwand bald; die

merkwürdige Kraft der salischen Franken, die doch aus vielerlei

nordwestdeutschen einzelnen Völkerschaften zu einem neuen

jugendkräftigen Stamme zusammengewachsen waren, hat es verstanden, das

ganze große Frankreich, in dem es das spätrömische Reich des Syagrius,

die Westgoten und die Burgunder vorfand, bald völlig zu einem neuen

zusammenzuschweißen. Der noch heidnische Childerich I. begann das Werk

im Norden, schon sein Sohn Chlodowech hätte ohne Theoderichs des Großen

Eingreifen das ganze westgotische Reich von Toulouse erobert. Freilich

hat erst Karl Martell das letzte noch selbständige Land im Süden,

Aquitanien, mit dem großen Ganzen dauernd vereinigt.

An die Zeit der Merowinger schließt sich die karolingische in

Frankreich direkt an; von beiden verwischen sich die Grenzen in

der Kunst völlig. Gerade in Frankreich können wir den eigentümlich

antikisierenden oder italienischen Zug der letzteren Epoche kaum

bemerken, der sich an vielen Bauwerken der Zeit Karls des Großen in

Deutschland so scharf ausspricht und seiner Kunst den Namen einer

ersten Renaissance verschafft hat. Diese Kunstrichtung ist eigentlich

nur in den rheinischen Gegenden anzutreffen. In Frankreich findet

sich von ihr nur ein einziges gleich zu besprechendes Beispiel, sonst

dauert die eigentümliche merowingische Kunstweise im Bauen, wie es

scheint, bis ins 10. Jahrhundert fast unverändert fort; eine eigentlich

karolingische, wie in Deutschland, ist dort, wie es scheint, nicht

ausgeprägt.

[Sidenote: Bauliche Eigentümlichkeiten]

Die Eigentümlichkeiten der merowingisch-fränkischen Baukunst habe

ich früher beschrieben, insbesondere ihre Freude an buntgestaltetem

Mauerwerk; wenn das petit-appareil, das Mauern mit kleinen ungefähr

quadratischen Steinen, die fast wie Pflastersteine aussehen,

die Grundlage bildete, so treten dazu die durchlaufenden roten

Ziegelschichten, die fischgrätenartig gestellten Steinlagen, allerlei

Muster, Einfügung von bunten Steinen, von geraden und übereck

gestellten Tonplatten; in den Bögen Wechsel von Backstein und Haustein,

Umfassung der Bögen mit Backsteinarchivolten u. dgl. m. -- Diese

Bauweise behält ihr frisches Leben bis ins Ende der sogenannten

karolingischen Zeit.

Von kirchlichen Bauwerken dieses Charakters kennt man zahlreiche Reste;

so Teile von St. Pierre zu Vienne, die Westfront von St. Christophe

zu Suèvres bei Blois, das Äußere der Kirche zu Savenières von starker

Charakteristik (Abb. 143), manches an den Kirchen zu Distré, zu Cravant

und St. Généroux. An den beiden letztgenannten finden wir den auch bei

spätrömischen Bauwerken schon auftretenden Wechsel von dreieckigen

Giebeln und Bögen. Auch die alte Fassade von St. Front zu Périgueux ist

bemerkenswert, heute ganz versteckt.

Der vollständigste Rest dieses Stiles, wenn auch aus später Zeit,

mag die kleine Kirche basse oeuvre zu Beauvais sein: das Schiff der

alten Kathedrale, an deren Stelle sich der großartigste gotische Dom

Frankreichs setzen sollte (Abb. 144, Tafel XXXVIII). Dieser ist nur bis

zum Querschiff fertig geworden, und so steht noch vor ihm im Westen der

Rest der alten Kirche, die erst von Bischof Hervé 987 gebaut sein soll.

Es ist eine kleine Pfeilerbasilika von sechs Bögen, im Inneren nichts

Besonderes bietend, außen aber über dem petit appareil der unteren

Teile wechselnde Ziegelschichten; die Bögen von solchen durchschossen

und eingerahmt; der Bogen des Westfensters in schönem Muster aus Ton

gebildet (s. Abb. 60); auf ihm zwei stehende Figuren in flachem Relief,

oben im Giebel ein Vortragskreuz eigentümlicher Form. Die Gesimse haben

eine untere Schmiege, die mit Kerbschnitt in Dreiecken geziert ist

(Abb. 45), das Kämpfergesims des Fensters an gleicher Stelle eine Art

halbrunder Zahnschnitte.

[Illustration: Abb. 143. Kirche von Savenières. Nach Enlart.]

[Sidenote: Ornamentik]

Wie ebenfalls früher dargelegt, schließt sich die eigentümliche

Ornamentik der merowingisch-fränkischen Kunst eng an die langobardische

an: Kerbschnitt, ganz ähnliche Flechtverschlingungen, korbbodenartige

runde Gebilde sind hier wie dort zu Hause, so daß man sogar an einen

Import dieser Schmuckwerke von der Lombardei her gedacht hat (Abb.

145). Ganz sicher haben auch im Inneren der merowingischen Kirchen die

Steinschranken, wie in den langobardischen, zur Abtrennung besonderer

Teile eine große Rolle gespielt. Die sehr reichen Reste solcher

Schranken, die sich in der alten merowingischen Kirche von St. Peter in

Metz, der einstigen Hauptstadt Austrasiens, vorfanden, sind indessen

doch in mancher Hinsicht wieder eigenartig (s. Abb. 156, 157, Tafel

XLII). Neben reichster Verschlingung und Flechtwerk, auch von Schlangen

und Drachen echt nordischer Art, finden sich bunte Partien mit

eingelegten andersfarbigen Steinen u. dgl. Kurz, diese Reste beweisen,

daß solche Arbeiten auch in reichster Form im Lande der Franken selbst

hergestellt wurden.

[Illustration: Abb. 145. St. Jouin de Marne. Ornamente.]

[Sidenote: St. Jean, Poitiers]

Das älteste Bauwerk aus merowingischer Zeit in Frankreich wird heute

die Taufkirche von St. Jean zu Poitiers sein; ein höchst merkwürdiges

Gebäude, das verschiedene Aus- und Neugestaltungen erfahren hat, aber

doch noch immer ein würdiger Repräsentant der alten Kunst bleibt; um

so wichtiger, als, wie bemerkt, in Frankreich sonst so ungemein wenig

übrig ist. Die Vorhalle von halber Achteckform stammt aus romanischer

Zeit; im übrigen wird das Bauwerk im 6. Jahrhundert erbaut und im 7.

oder eher im 8. in einiger Hinsicht vervollständigt sein (Abb. 146).

Es besteht aus einer Art von breitem Querschiff, an dessen Enden

ursprünglich zwei rechteckige Anbauten waren (heute beide leider

halbrund ergänzt), und vor dem eine etwa ebenso große rechteckige

Vorhalle bis zum Portal reichte; im Osten ist eine außen trapezförmige,

innen sechsseitige Apsis angefügt. In der Mitte hat man das sich in

drei steilen Stufen vertiefende älteste Eintauchbecken mit seinem Zu-

und Abfluß wieder aufgefunden.

[Illustration: Abb. 146. Poitiers. St. Jean.

(Schwarz: bestehend; weiß: neu; schraffiert: ursprünglich gewesen.)]

Nach den Untersuchungen von Delacroix soll dem Ganzen sogar ein

noch älteres Gebäude zugrunde liegen, das er dem 4. Jahrhundert

zuschreibt, und das bei der Einführung des Christentums in Poitiers

(313) erbaut wäre. Dem widersprechen die Einzelheiten, wie ich glaube,

doch allzusehr. Vielmehr dürfte das Gebäude erst nach Annahme des

Christentums durch die Franken (Anfang des 6. Jahrhunderts) entstanden

sein.

Es scheint, daß der untere Teil des Gebäudes bis zu den Fenstern

dem ersten Bau angehört; er ist teilweise noch mit römischen Resten

ausgestattet, insbesondere mit Säulen und Kapitellen aus Marmor, die

Blend- und Gurtbögen tragen (Abb. 147, Tafel XXXIX). Die Ostseite

des querschiffartigen Raumes hat eine Art Arkadengliederung, wie

sie an der Westseite ähnlich vorhanden gewesen sein dürfte. Es

sind drei auf meist antiken Säulen ruhende Wandbögen, von denen der

mittlere bedeutend größer den zurückgesetzten ebenfalls auf zwei

Marmorsäulen ruhenden Chorbogen in sich schließt. Das Mauerwerk

besteht aus kleinen Quadern. Die sechseckige Apsis hat an den Seiten

oben ähnliche Blendarkaden auf kleinen Marmorsäulen und ein aus Mulde

und Tonne zusammengesetztes Gewölbe. Der obere Teil der Schiffmauern

trägt nach drei Seiten, die heute unten vermauerten Fenster umrahmend,

eine ähnliche Blendarkatur, dreiteilig, deren mittlerer Teil eckig --

giebelartig -- ist. Gleiches dürfte sich auch nach Westen zu wiederholt

haben.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 92 / 114 题