XXXV

Abb. 135. Sta. Cristina de Lena. Brüstung vor dem Altar.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

Das Ornament der Schranke ist ein rein westgotisches, genau

übereinstimmend mit den aus Toledos Mauern stammenden im Madrider

Museum, und denen zu Merida; sowohl in der rein kerbschnittmäßigen

Behandlung, wie in den Motiven; den Kreuzen mit ausgerundeten

Enden, den (auch langobardischen) Trauben in Herzform gefaßt. (Abb.

135, Tafel XXXV.) Diese Ornamenttafel trägt nun außer einer nicht

recht zu enträtselnden religiösen auch eine Widmungsinschrift: Offeret

Flainus abbas. Also die Stiftung eines Abts Flainus (Flaino?) ist

unsere Kirche, oder wenigstens die schöne Schranke darin.

Die spanische Archäologie hat sich alle Mühe gegeben, diesen Flainus

aufzufinden. Schließlich ist sie auf einen Bischof Flainus unter

Fruela II, um 915, gelangt. Und hat danach die Kirche datiert. Das ist

natürlich ganz und gar unzutreffend, denn sie erweist sich ja nicht nur

als gleichzeitig, sondern sogar als von derselben Hand wie Sta. Maria

de Naranco; bei der Übereinstimmung des Einzelnen und der gleichartigen

konstruktiven Behandlung ist gar kein Zweifel daran möglich. Sind es

doch auch die beiden einzigen noch bestehenden Gebäude auf der Welt mit

jenen Hängescheiben unter den Gewölbegurten; die Scheibe zu Murcia ist

sogar älter als 711.

Sta. Maria de Naranco, unsere Königshalle, bestand inschriftlich

bereits 848, war damals sogar von allzu großem Alter verzehrt gewesen.

Und die Einzelheiten wie der ganze Stil der Schranke stehen denen des

alten Westgotenreiches noch so nahe, daß wir hier noch ein Werk der

Zeit vor der Araber-Invasion vor uns zu haben glauben, also vor 711.

Indessen, wenn wir trotzdem aus anderen Gründen unsere Königshalle etwa

in die Mitte des achten Jahrhunderts gesetzt haben, so ist ein Zeitraum

von 40 Jahren doch kurz genug, um ein Fortleben der älteren Tradition

nicht notwendig auszuschließen.

Jedenfalls aber bestärkt uns diese Beobachtung darin, daß wir die

beiden Bauwerke unbedingt nicht weiter herabrücken dürfen, als

spätestens 750. Wir haben sie dann ganz einfach als die ersten

baulichen Leistungen der nach Asturien geflüchteten Westgoten anzusehen.

Noch eine Beobachtung bestätigt dies bedeutsam: die fehlerhafte Fassung

des Wortes offeret statt offert. Auf den Weihegeschenken Reccesvinths

und Svinthilas, der Sonnica und sonstiger altwestgotischer Fürsten ist

das gleiche Wort gebraucht, so: „Reccesvinthus rex offeret“ um 672. Die

wackere Theudelinde hatte schon um 590 eine ähnliche Unform angewandt,

da sie auf ihren goldenen Buchdeckel schrieb: Theodolinda offerit.

Kurz, wir haben einen offenbar im barbarischen Latein der echten

Germanen und der alten Westgoten an dieser Stelle üblichen Ausdruck vor

uns. So kann Flainus, als Abt um 750 ein alter Mann, noch der hierher

geflüchteten Generation angehört haben, und daher ist auch seine

Stiftung noch im Stil und in der Sprache des 711 zusammengebrochenen

alten Reiches.

Das Äußere unserer Kirche ist höchst einfach (Abb. 136, Tafel XXXVI),

zeigt aber überall schon Strebepfeiler als Stützen der Tonnengewölbe,

freilich noch ziemlich regellos gesetzt, gegenüber der streng logischen

Anordnung an S. Miguel de Lino, ist also eher als ein Versuch und

Vorbote anzusehen. Immerhin haben wir an diesen und in Frankreich an

frühen fränkischen Bauwerken das erste Auftreten dieses wichtigen

Bauteils gefunden, wieder einen vielversprechenden Keim für die Zukunft.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 87 / 114 题