Abb. 131. Sta. Maria de Naranco. Konsole.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]
Diese höchst merkwürdigen konsolenartig wirkenden Anhänger der
Gurten sind geradezu einzig in der Welt (ausgenommen einem zweiten
nahegelegenen Bau des gleichen Meisters) und von schlagendster
Wirkung[47]. Vielleicht Nachbildung der im germanischen Norden
als Schmuck so weit verbreiteten Hängebrakteaten (Abb. 29);
merkwürdigerweise in ganz verwandter Art 800 Jahre später im deutschen
Holzbau (Abb. 44) gelegentlich wieder auftauchend; vielleicht also
ursprünglich doch eine Holzbauform.
Die Kapitelle, so weit sie mit Blättern bekleidet und Nachbildung
korinthischer sind, stehen auf völlig gleicher Stufe und sind ganz
gleicher Behandlung in den eingegrabenen Blattrippen, wie die
langobardischen und merowingischen des 7. und 8. Jahrhunderts (Abb. 47).
Das Dach ruht direkt auf dem Gewölbe; die Strebepfeiler, die auch die
gewölbte nördliche Vorhalle stützen, sind ganz wie die an S. Miguel de
Lino mit Hohlkehlen und Stäben gegliedert, nur weniger dicht; sicher
das Vorbild der dortigen.
[Illustration: Abb. 132. S. Maria de Naranco. Giebel.]
Alle Bögen innen und außen sind als Archivolten ausgebildet durch
eingetiefte Hohlkehlen mit Kanten oder Stäben, wie sie im deutschen
Holzbau bis ins 17. Jahrhundert üblich sind, aber hier an den Enden
mit einer Rundung in sich zurückkehrend. Auch die Plattengesimse sind
so gegliedert. Die Bögen selber aber haben überall einen hakenförmigen
Schlußstein, erinnernd an die Hakenkeilsteine der Bögen des
Theoderichgrabmals, die Gesimse sind nach Zimmermannsweise übereinander
geblattet, nicht stumpf aneinander gestoßen (Abb. 132).
Auch die beiden abschließenden offenen Loggien sind mit Tonnengewölben
überdeckt, haben dazu noch jede an der Stirnseite im Giebel ein
dreiteiliges Fenster mit gewundenen Doppelsäulchen geteilt; links und
rechts davon pilasterartige Streifen, die in Kreuzen endigen, von
ähnlicher Kanellierung der Vorderfläche, wie die Gesimse.
Die nördliche Treppe, die eine Vorhalle trägt, hatte ursprünglich nur
zwei Läufe nach den Seiten. An Stelle des heutigen mittleren führte
eine Türe in das gleichfalls tonnengewölbte Untergeschoß, das durch
Querwände mit Türen in mehrere zimmerartige Räume geteilt ist. Es
wird von den Spaniern als Krypta der Kirche bezeichnet; eine völlig
unmögliche Deutung, da dies Untergeschoß außerdem in gar keiner
Verbindung mit der Kirche steht.
Das Podest der nördlichen Freitreppe unter der Vorhalle ist aber
höher als der Fußboden der Kirche, so daß man von ihm in diese
hinabtritt. Die südliche (vermauerte) Tür war gleicher Höhe mit
dem Kirchenfußboden. Es ist daher klar, daß der Nordeingang für
den Eintritt des Herrschers bestimmt war; der südliche für den der
Vasallen. (Leider ist die alte Nordtüre im 13. Jahrhundert durch eine
spitzbogige ersetzt.)
Seit langem bildet die östliche Loggia den Altarraum der Kirche,
dahinter ist eine Sakristei angebaut; die westliche Halle ist um einige
Stufen erhöht worden und dient als Sängerraum.
Der Altar aber trägt eine uralte Inschrift aus den Zeiten Ramiros I:
Christus, Gottes Sohn, hereingekommen ohne menschliche Empfängnis
aus Maria und hinausgegangen ohne Sünde, der Du durch Deinen Knecht
Ranimir den ruhmvollen Fürsten mit seiner Gattin, der Königin
Paterna, dieses durch übergroßes Alter verzehrte Haus erneuertest und
ihnen in diesen Hochsitz diesen Weihe-Altar der ruhmvollen heiligen
Maria erbaut hast, erhöre sie aus Deiner himmlischen Wohnung und
vergib ihnen ihre Sünden, der Du lebest und regierest von Ewigkeit zu
Ewigkeit. Amen. Am 9. vor den Kalenden des Juli der Ära 886 (also dem
23. Juni des Jahres 848)[48].
Wir entnehmen hieraus mit Sicherheit folgendes:
Ramiro I (hier noch gotisch Ranimir genannt) hat das damals infolge
hohen Alters baufällige Gebäude erneuert, das die Inschrift sogar
habitaculum (Wohnhaus) nennt, und in seinem obersten Raume (im
Königsaal also) im Jahre 848 den Marienaltar errichtet.
Der Mönch von Silo sagt ferner in seiner Chronik, daß durch Ramiro
„palatium in ecclesiam conversum“ sei. Das wird also der Tatbestand
sein, der heute nachwirkt: Ramiro errichtete der Mutter Gottes im alten
hergestellten Königssaale 848 einen Altar. Der Saal wurde in der Folge
-- oder seitdem -- als Marienkirche gebraucht und blieb dies, denn 857
werden an jenem Orte die zwei Kirchen von S. Miguel und Sta. Maria
erwähnt.
Schon vorher aber hatte, wie oben gesagt, Ramiro dort ein Schloß mit
Bädern erbaut, eine Palastkirche (S. Miguel) errichtet und residierte
da gerne, starb hier sogar. Offenbar hatte die Belegenheit des alten
Königssaales (mit dem herrlichsten Ausblick über das Land) den König
zur Herstellung des ehrwürdigen Bauwerkes und zur Errichtung weiterer
Neubauten ringsum veranlaßt.
Wie alt der Saal damals bereits gewesen, läßt sich schwer sagen. Aber
wenn das heute noch in bestem baulichen Zustande befindliche kernige
Werk um 848 „nimia vestutate consumptum“ war, so mußte es doch auf ein
bereits nicht unbedeutendes Alter zurückblicken. Alles ist aber von
Grund auf so ganz aus einem Gusse, daß sich die Schadhaftigkeit doch
wohl nur auf Gewölbe und Dach bezogen haben kann.
Wir werden demnach als mindestes ein Alter von gegen hundert Jahren
annehmen müssen, was die Entstehung des Bauwerks in die erste Zeit der
asturischen Monarchie, also in die Tage Pelayos oder Alfonsos I. rücken
würde, spätestens denke ich Fruelas I. Also eben vor oder nach 750.
Wenn wir nach der sachlichen Notwendigkeit seiner Errichtung suchen,
so dürfte diese vielleicht in der unter Alfonso I. erreichten
Vereinigung Galiziens, Cantabriens und Asturiens gefunden werden
können, die das erste größere politische umfassende Ereignis bedeutet,
auch ein Zusammentreffen der Repräsentanten der drei Länder in dem
Vorlande Asturien erheischen konnte. Langsam drängt das politische
Gewicht weiter nach Süden, bis 792 Oviedo Residenz wurde, statt
des nördlicheren Gijon. Dazwischen hinein fügt sich ohne Zwang die
Entstehung unseres Reichspalastes.
Andernfalls aber könnten wir ihn nur als ein Überbleibsel aus der
Zeit des Reiches der Westgoten auffassen. Dies scheint jedoch kaum
möglich. Weder entsprechen die meist so freien neuen Formen der Art
der Frühzeit, die noch einen dauernden Kampf mit den Überlieferungen
der Antike zu führen hatte, noch ist es wahrscheinlich, daß das alte
Westgotenreich mit dem Schwerpunkte Toledo in dem vergessensten
Gebirgswinkel Spaniens einen so ansehnlichen Repräsentationsbau zu
errichten Veranlassung gefunden hätte. Vielmehr werden wir hier eine
erste künstlerische Tat des sich von neuem aufbauenden germanischen
Staates aus der Zeit zu sehen haben, da es noch nicht zur eigentlichen
Städteneubildung gekommen war, wie zwei Generationen später.
Wunderbar genug aber ist es, daß die Grundanlage des Saales sichtlich
feststehenden Grundsätzen entsprach, wie ich solche schon bei den
ältesten Saalbauten Skandinaviens erwähnte; ich denke an die Lage
der Hauptschauseite nach Süden, den Platz des Königs mitten an der
Nordseite; das Zerfallen des langgestreckten Baus in sieben Joche
genau wie vielleicht beim gleichzeitigen Saal zu Aachen[49] und dem so
viel jüngeren zu Goslar; überall auch die Anlage eines mehrgeteilten
Untergeschosses und des Saales im Oberstockwerk. Auch die Freitreppen
sind allen gemeinsam; gleiche Grundzüge finden wir selbst noch am Saal
zu Gelnhausen, wenn dieser auch viel kleiner und eingebaut ist. Die
Kaiserpfalz zu Nymwegen scheint einen ähnlichen mächtigen Saal gehabt
zu haben. Allen ist aber auch die nahe gelegene Pfalzkirche gemein,
nicht übergroß, doch stets ein bevorzugtes Werk der Kunst.
[Sidenote: Sta. Cristina de Lena]
Vierzig Kilometer von unserem Palast liegt nun noch eine kleine Kirche,
ganz einsam auf steiler Hügelspitze, Ermida oder Oratorium von alters
her genannt, ganz offenbar nicht nur aus gleicher Zeit, sondern wohl
von gleicher Hand, wie unser Königssaal, also die schönste Ergänzung
dazu: Sta. Cristina de Lena.
Dieser Bau ist in seiner Art nicht minder charakteristisch, als
kirchliche Anlage wohl einzig.
Er besteht aus einem rechteckigen mit Tonne überwölbten Schiffe, an das
östlich eine quadratische Altarapsis, rechts und links mitten je ein
gewölbter Nebenraum, westlich eine Vorhalle anstößt, so daß die Form
eines Kreuzes im Grundrisse herauskommt (Abb. 133). Der Westteil des
Schiffes ist durch eine auf einem tiefen Bogen ruhende Sängerempore
eingenommen; der östliche bildet eine durch zwei schmale Treppen an
den Enden zugängliche Estrade, deren Vorderwand eine Säulenstellung
mit drei Bögen und einer teilweise durchbrochenen oben in Bogenlinien
aufhörenden freistehenden Wand trägt; zwischen den mittleren Säulen ist
eine Marmorbrüstung. Hinter diesem Sanctuarium liegt niedrig der kleine
Altarraum.
Der Eindruck dieses Inneren ist höchst überraschend und wirkungsvoll
(Abb. 134). Das Tonnengewölbe hat ganz in derselben Art in hängenden
Scheiben auslaufende Quergurte, wie in Sta. Maria de Naranco. Hier aber
sind Reiter oben und Tiere in den Scheiben, darüber das Band glatt,
kurz, alles einfacher; auch die Wandarkaden auf einfachen Halbsäulen
mit Trapezkapitell. Zu beiden Seiten des Choreingangs doppelte
Halbsäulen gewunden mit Kapitellen (Abb. 48), genau wie in Naranco;
im Choreingang gewundene Doppelsäulen ganz ohne Kapitelle, niedrige
Wandbögen zu beiden Seiten.
Besonders eigenartig wirkt die merkwürdige Trennungswand vor dem
Heiligen. Die vier Marmorsäulen haben Cipollinschäfte und weiße
Kapitelle antiken ungefähr nachgebildet, doch das Blattwerk wieder mit
jenen eigentümlichen Rippungen, die wir wie in Naranco, so früher in
Italien fanden (Abb. 47). Die in die Oberwand wie Fenster eingesetzten
durchbrochenen Platten haben alte einfache Muster, teilweise mit
Hufeisenbögen. Besonders schön und reich ist aber die Marmorbrüstung
oder Schranke, die wir zwischen den mittleren Säulen wohlerhalten[50]
sehen, die sich aber nach den vorhandenen Spuren bis in die Mitte der
seitlichen Bögen fortsetzte und dort mit einem freistehenden Pfosten
schloß.
[Illustration: Abb. 133. Sta. Cristina de Lena.]
[Illustration: Abb. 134. Sta. Cristina de Lena. Inneres.]
[Illustration: