XXXIII

Abb. 130. Sta. Maria de Naranco. Inneres.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

Sie sagen: König Ramiro errichtete an dem Lino (lignum) genannten Ort

eine Kirche und einen Palast von wunderbarer Wölbekunst (Chronik von

Abbelda 883); ferner: er errichtete seinem Schutzpatron Michael eine

Kirche zwei Meilen weit von Oviedo, und viele Gebäude aus Mauerwerk und

Marmor, gewölbt. (Chronik von Silo 860.) Ferner: Ramiro starb (850) im

Palast zu Naranco. Im Jahre 905 verfügt König Alfonso III. über Linio

cum palatiis balneis et ecclesia Sti Michaelis.

Ein Blick auf Grundriß (Abb. 128) und Anlage zeigt uns nun, daß wir

hier eine altgermanische +Königshalle+ vor uns sehen, und zwar die

letzte und einzige, die uns erhalten ist. Ein Fund ohnegleichen!

Die spanische Historikerwelt, die hier die Wurzeln ihrer Monarchie

findet, bemüht sich seit langem dies zu bestreiten und zu behaupten,

der Bau sei von Anfang an eine Kirche und von Ramiro I. erbaut. Der

Himmel nur weiß warum. -- Welcher Widersinn darin liegt, daß ein König,

der nur acht Jahre regiert hat, solche Mittel aufgewandt hätte, noch

dazu in armen kriegerischen Zeiten, um halb in der Wildnis, entfernt

von seiner festen Hauptstadt, zwei Kirchen hundert Schritt voneinander

zu bauen, das scheint man nicht zu bemerken.

[Illustration: Abb. 128. Sta. Maria de Naranco.]

Eine längere Beweisführung ist unnütz, schon den oben angeführten

historischen Beweisstücken gegenüber.

Der Sachverhalt ist kurz folgender:

Die heutige Kirche Sta. Maria de Naranco ist die alte Halle der

westgotischen Könige in Asturien. Wie alt, ist für jetzt nicht zu

entscheiden. Ramiro baute einen Wohnpalast und Bäder dazu, sowie eine

Kirche für seinen schützenden Erzengel Michael hundert Schritte weiter.

Der Wohnpalast und die Bäder sind verschwunden, Mauerüberreste und

Fundstücke noch vorhanden, auch im Museum zu Oviedo. Darunter ein

prächtiges Fenstergitter von viereckiger Gestalt, ein ebenso echtes

Stück germanischer Art, wie die Einzelheiten der Kirche S. Miguel.

Möglicherweise stammen daher auch die Stücke jener flachen Reliefs aus

Marmor, die das Museum bewahrt, wenigstens das jenes Flügelrosses, dem

aus der Ingelheimer Pfalz so merkwürdig ähnlich.

Das in Frage stehende Gebäude ist eine lange von Osten nach Westen

gerichtete Halle, durch Anbau von Sakristei und Pfarrhaus nach beiden

Enden jetzt wohl etwas verdeckt, doch sonst wunderbar gut erhalten, mit

Ausnahme der verschwundenen Freitreppe vor der Mitte ihrer Südseite.

Diese Halle bildet ein langes fensterloses Tonnengewölbe, in der Mitte

jeder Langseite eine Tür enthaltend. Die südliche ist vermauert, die

nördliche mit ihrer Vorhalle und doppelten Freitreppe dient heute noch

als Eingang. -- An beiden Enden der Halle öffnen sich drei Bögen auf

Bündelsäulen in offene Bogenhallen, die nach Westen oder Osten je drei,

nach Norden und Süden je zwei offene Bögen hatten. Tiefe Rinnen in den

Stützen der Bögen bis zu 90 cm Höhe zeigen, daß diese Bögen unten durch

Brüstungen geschlossen waren.

Wir sehen demnach hier einen mit der Langseite nach Süden gerichteten

fensterlosen Saal, dessen Eingänge vorn und auf der Rückseite in der

Mitte sich befanden (Abb. 129, Tafel XXXII). Auf diese Mitte entwickelt

sich das Gebäude nach zwei Seiten völlig symmetrisch.

Innen stehen wir also unter einem langen Tonnengewölbe, durch dessen

mittlere Nordtür wir eingetreten sind; es ist durch 13 Gurten geteilt,

die 14 Teile ergeben; die Wände zeigen sieben Bogenblenden auf halben

Bündelsäulen, von beiden Seiten nach der Mitte etwas ansteigend und

sich vergrößernd. An beiden Enden würden wir (wenn nicht die Anbauten

hinderten) durch die beiderseitig vorgebauten völlig offenen Loggien

ins Freie blicken (Abb. 130, Tafel XXXIII).

Wunderbar und eigenartig ist die Formenbildung: alle Säulen haben

gewundene Schäfte; die Wandstreifen sind als Vierblatt im Grundrisse

gebildet; die Kapitelle sind zum Teil von einer Art Trapezform, die

Kanten mit gewundenen Taustäben besetzt. Die Gurtbögen aber, auf einem

durchlaufenden Plattengesimse mit Riefen ruhend, jedesmal dieses durch

einen Kropf durchbrechend, senden als Ausläufer in die Zwickel auf

jeder Seite sechs höchst merkwürdige Anhängsel: runde Scheiben mit

einem geraden Stück darüber, auf das reichste skulpiert. Die Scheiben,

mit doppelten Taubändern eingefaßt und mit Ranken umfriest, enthalten

in der Mitte je ein phantastisches Ungetüm; die gerade Verbindung

darüber zum Gesims enthält zweimal übereinander Doppelarkaden; in

diesen sind unten zwei Reiter, oben zwei Männer, die sich zu bekränzen

scheinen, gebildet. Alles mit Taubändern eingefaßt, und alles Relief

ganz flach auf Grund gesetzt (Abb. 131, Tafel XXXIV).

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 85 / 114 题