Abb. 119. S. Miguel de Escalada. Inneres.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]
[Illustration: Abb. 129. Sta. Maria de Naranco. Äußeres.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]
[Sidenote: S. Miguel de Escalada]
Einen wohl ursprünglich gleicher Zeit angehörenden Bau, doch dann
der arabischen Zerstörung anheim gefallen und nachher von Mönchen
aus Toledo wieder aufgebaut, 913 neu geweiht, finden wir in der
Umgebung von Leon: S. Miguel de Escalada (Abb. 118). Ebenfalls
eine dreischiffige Säulenbasilika mit je vier freistehenden und
zwei angelehnten Säulen unter jeder Mittelschiffwand; alle Bögen
von Hufeisenform. Hier aber besteht die Ostpartie nicht aus drei
rechteckigen, sondern drei im Grundriß hufeisenförmigen Apsiden
nebeneinander. Eine fernere Besonderheit des Innern ist die Abtrennung
eines querschiffartigen Raumes durch eine Bogenstellung quer durch die
Kirche vor Altar und Apsiden, im Mittelschiff auf zwei Säulen ruhend,
ganz jener in Italien verbreiteten Gepflogenheit entsprechend, die wir
in Torcello wie in den alten langobardischen Kirchen fanden; also der
Abgrenzung eines Heiligen durch Schranken und Säulenteilung (Abb. 119,
Tafel XXXII).
Die rundbogigen Fenster des Obergadens sind abwechselnd ganz schmal und
etwas breiter, ein Rhythmus, der vielleicht auf völligen Neubau der
oberen Teile nach 913 deutet.
Die Hufeisenform des Apsisgrundrisses ist kaum weniger bemerkenswert;
sie tritt an germanischen Kirchen in allen Ländern, insbesondere genau
wie hier in der Schweiz auf, an italienischen Kirchen bereits mehrfach
von uns erwähnt (vergl. Abb. 160).
Interessant sind manche Kapitelle des Schiffes, von denen die meisten
wohl der Zeit des Wiederaufbaus angehören, manche aber gewissen
langobardischen des 8. Jahrhunderts sehr ähnlich sehen. Vielerlei
Reste von Ornamenten und sonstige Einzelheiten reden von einer
einst reicheren Ausstattung der heute sehr bescheidenen Kirche, die
bei der Herstellung auch eine Art Kreuzgang, eine offene Halle auf
Hufeisenbögen nach Süden zu erhielt.
Insbesondere muß sie einst reiche Schranken besessen haben; auch eine
durchbrochene Fensterplatte mit Hufeisenöffnungen ist noch vorhanden.
[Sidenote: Peñalba]
Möglicherweise gehört auch noch hierher die ganze kleine merkwürdige
Kirche von Santiago de Peñalba weiter im Norden, wie die letztgenannte
nahe bei Leon; einschiffig und kreuzförmig im Grundriß, doch mit
zwei Apsiden, nach Osten und Westen, letztere im Unterteil einer Art
von Turm. Die beiden Apsiden sind ebenfalls von hufeisenförmigem
Grundplane. Die Eingänge liegen nach Norden und Süden im westlichen
der zwei Joche des Schiffes; die Gewölbe sind Tonnengewölbe. Hier ist
nur der Grundriß von Bedeutung; charakteristisch aber auch die Anlage
von Strebepfeilern zur Stütze des Gurtbogens, was dafür spricht, daß
die Kirche in ihrer jetzigen Erscheinung wohl eher dem 9. Jahrhundert
zuzuschreiben sein mag.
[Sidenote: Asturische Bauten der Spätzeit]
Diese letzte Zeit ist hier von höchster Bedeutung, denn ihr verdanken
wir die ausgezeichnetsten Werke der germanischen Baukunst in Spanien
überhaupt. Mit dem Eindringen der Araber erlosch diese ja keineswegs,
vielmehr gewann sie in einem nördlichen Winkel des Landes noch eine
Fortsetzung ihres Daseins, in der sie sich in reifer durchgebildeter
und weit klarerer Form auszusprechen vermochte, als bisher, so weit die
vorhandenen Denkmäler der älteren Zeit ein Urteil hierüber zulassen.
Es handelt sich um die ältesten christlichen Bauwerke Asturiens, des
von dem gewaltigen kantabrischen Randgebirges umschlossenen engen
Nordwinkels Spaniens, welcher den wenigen geretteten Westgoten nach
der Schlacht am Guadalete die letzte Zuflucht bot, und von wo aus in
der Folge die Wiedereroberung des ganzen Landes bis zur Besiegung der
letzten Mauren (1492) ihren Anfang nahm.
Der manchmal als sagenhaft betrachtete Feldherr Pelayo, der
Überlieferung nach der letzte Prinz von Leovigilds Stamme, soll dort
die Trümmer des westgotischen Heeres gesammelt haben; die heiligsten
Reliquien aus Toledo wurden dahin gerettet und befinden sich noch heute
in der berühmten camara santa des Domes zu Oviedo. In der äußersten
Not diente sogar die Höhle von Covadonga Pelayo mit seinen dreihundert
Getreuen als sichere Stätte, von der aus er seine vielbesungenen
Heldenkämpfe zur Wiedereroberung des Landes aufnahm. Da befinden sich
auch noch drei Steinsärge, die die Reste des Feldherrn († 736), seiner
Gattin Gandiosa und seiner Schwester Hormesinde bergen sollen. Die
Särge könnten in der Tat jener Zeit angehören; der größte steht unter
einem Bogen nach Art der altchristlichen Arkosolien; sie sind alle mit
flachem gekerbten Ornament und Rosettenreihen geschmückt.
Der Nachfolger und Schwiegersohn Pelayos gilt unter dem Namen Alfonso
I. (got. Hadafuns) als der erste spanische König. Doch ist das als eine
spätere Gruppierung durch die nationalstolzen spanischen Historiker zu
erachten, denn noch Jahrhunderte lang bezeichneten sich die asturischen
Könige als Könige der Goten. Erst seit der Verlegung des Königtums
aus Asturien nach Leon um 950 entwickelt sich langsam das eigentliche
Spaniertum. Westgotische Gesetze (lex Wisigotorum) galten bis ins
Mittelalter, selbst die Schrift der Westgoten, eine „liberale Majuskel“
wurde erst 1091 auf einem Konzil zu Leon außer Gebrauch gesetzt. Wie
lange die gotische Sprache im Gebrauche blieb, läßt sich nur vermuten;
die Kirchensprache freilich war später Latein, während die arianische
Kirche, so lange sie existierte, sich mit Vorliebe noch des Gotischen,
jedenfalls mindestens beider Sprachen nebeneinander bedient hatte.
So ist das noch auf Asturien beschränkte Königtum als rein westgotisch
zu betrachten, also auch seine Kunst. Was von ihr bis aus der Zeit
Fruelas II. († 925) z. B. an Gold- und Silberschmiedearbeit übrig
geblieben ist, beweist dies auf das klarste. So Fruelas Reliquienkasten
zu Oviedo aus Silber und Gold, mit Edelsteinen und Achaten besetzt,
dessen Schloß oder Bekrönung uns noch immer das schon am Schwarzen
Meer übliche Goldzellenwerk mit rotem Gestein und Email (dies ganz nach
Art des langobardischen an Gisulfs Spange in Cividale) in höchster
Verfeinerung doch klarster Ausprägung aufweist. Nirgends, auch in
Deutschland nicht, hat sich rein altgermanisches Kunstgewerbe so lange
noch lebendig erhalten.
In Asturien gruppiert sich, wie es sich aus der Geschichte des Landes
ergibt, alles um Oviedo, das durch Alfonso II. (el Casto) (792-842) zur
Residenz erhoben wurde, nachdem hier vorher (760) Fruela I. durch die
Gründung eines Mönchsklosters bereits einen festen Ansiedelungspunkt
geschaffen hatte. Die königliche Residenz war bis dahin in Gijon
gewesen, also ganz nahe dem Meer.
[Sidenote: Oviedo]
Alfonso II. erbaute zu Oviedo vor 800 einen neuen Königspalast und die
Kathedrale S. Salvador; als sein Architekt wird Tjoda genannt; der
Name ist gut gotisch. -- Von diesem Könige, einem der kraftvollsten in
der Reihe der asturischen Monarchen, ist in der Folge eine große Reihe
baulicher Schöpfungen errichtet worden. Es ist die Zeit der ersten
größeren Städtegründungen und der Organisation des sich wiederfindenden
germanischen Volkes im engen seither kaum genannten abgeschlossenen
Gebirgslande, das sich doch als letzte und festeste Zitadelle erwiesen
hatte.
[Illustration: Abb. 120. Oviedo. S. Tirso. Kapitell.]
Vom Dom und Palaste Alfonsos ist nichts mehr übrig, als die genannte
camara santa, ein kleiner tonnengewölbter Schatzraum mit gleichem
Gewölbe darunter, beleuchtet durch ein mit Falzsäulchen eingefaßtes,
einfaches, rundbogiges Fenster auf der Ostseite. Die Säulchen haben
korinthisierende Kapitelle ohne Eigenart, mit stachligen Blättern;
dürften wohl die Arbeit eines aus dem Osten kommenden Bildhauers sein,
also nicht von dem Westgoten Tjoda herrühren.
[Sidenote: Oviedo, S. Tirso]
Dagegen sind noch zwei Kirchen in der Stadt, die zu den um 820 von
Alfonso erbauten gehören und interessante bauliche Eigentümlichkeiten
germanischer Art aufweisen. S. Tirso gleich bei der Kathedrale hat
freilich von seinem alten Bestande, wie es scheint, nur die Ostwand
der Mittelapsis und vielleicht die Umfassungsmauern gerettet, die
eine dreischiffige Anlage ohne Querschiff nach Art der später zu
besprechenden Kirchen vermuten lassen. Aber die Ostwand hat wenigstens
noch das alte dreifache Fenster mit zwei Säulchen dazwischen, mit
Backsteinbogen, in einer viereckigen Blende, der mittelste Bogen
etwas breiter und höher als die seitlichen. Die Kapitelle sind höchst
charakteristisch germanisch, nur noch Andeutungen des korinthischen
Schemas, unten mit einer Reihe gerippter Buchenblätter umgeben, darüber
eine Art Ranken nach den Ecken und ein Abakus, alles nur angedeutet
in der Masse, aber dann im reinen Holzstil durch Rillen und Riefen
geschmückt oder gerippt (Abb. 120). Eine Erscheinung an spätere
romanische anklingend, doch ganz eigenen Stiles. Ganz gleichartige
Kapitelle finden wir bei S. Adriano de Tuñon (Abb. 47).
Die durchlochten Steine für die Drehzapfen der äußeren Holzläden
sind in der Außenmauer noch vorhanden. Die Fenstergruppe ist sehr
eindrucksvoll.
[Sidenote: Oviedo, Santullano]
Der größte kirchliche Überrest aus Alfonsos II. Zeit aber ist San
Julian (Santullano) in einer Vorstadt Oviedos: eine stattliche
dreischiffige Pfeilerbasilika mit Querschiff und drei rechtwinkligen
Chören alles sehr kompakt in ein Rechteck eingeschlossen (Abb. 121);
die Chorpartie nur wenig eingerückt; vor der Westtür noch eine Vorhalle
mit zwei seitlichen von der Kirche getrennten Räumen, die Treppen
enthalten; vor dem Querschiff beiderseits ein rechteckiger Raum
(vielleicht alte Sakristeien). Schiffe, Querschiff, Chöre und Vorhalle
mit Tonnengewölben überdeckt (vielleicht teilweise nachträglich
eingewölbt). Längs der Schiffwände und am Chor ringsum in kurzen
Abständen Strebepfeiler.
[Illustration: Abb. 121. Oviedo. Santullano.]
Über dem mittleren Chor ist ein mit hübschem Dreifenster auf Säulen
sich öffnender Oberraum, unzugänglich.
Die Kirche ist sonst sehr einfach, auch im 18. Jahrhundert innen
gründlich verputzt, doch nicht umgestaltet; außen noch in der
ursprünglichen Verfassung. Die Chorfenster besitzen sogar zum Teil noch
ihre alten Steinausfüllungen von durchbrochenen Platten (Abb. 61);
das Dachgesims aus Holz mit gewundenen Schwellen auf Konsolen dürfte
auch noch ursprünglich sein; im Obergeschoß sind selbst Dachbalken mit
einer Dekoration in eingetieften Bögen erhalten, ganz an die bekannte
Verzierung der Kämme in der Völkerwanderungszeit erinnernd.
Die inneren Pfeiler haben ungewöhnlich einfaches Plattengesims,
nur die rechteckige Hauptnische besitzt ringsum eine innere schöne
Blendarchitektur von Halbsäulen mit eigentümlichen primitiven
Blätterkapitellen und Bogen darüber (s. Abb. 47).
[Illustration: Abb. 122. Tuñon. S. Adriano.]
[Illustration: Abb. 123. Priesca. S. Salvador.]
Alle Formen zeigen einen neuen von der Antike abgewandten Sinn, nichts
von der gleichzeitigen karolingischen Rückkehr zum Römertum; derbe
natürliche Bildung, die uns beweist, daß der zimmermännische Geist
der alten Goten noch fortlebte. Aber auch die konstruktive Anlage ist
wertvoll: je drei Tonnengewölbe nebeneinander in Schiff und Chor, die
vertikal auf das Querschiffgewölbe stoßend, dessen Druck aufheben,
ihrerseits durch Strebepfeiler der äußeren Schiff- und Chorwände
gestützt. Im Grundriß ist die Breite des Mittelschiffes auffallend,
das jederseits durch nur drei Bögen auf rechteckigen Pfeilern mit den
Seitenschiffen verbunden wird; zwei Pfeiler sind in den Vierungsbogen
am Querschiffe zur Verkleinerung dieses Bogens eingestellt.
[Sidenote: Tuñon, Priesca]
Ähnliche Kirchenanlagen, doch einfacher, finden wir in der Umgegend
von Oviedo; so in S. Adriano de Tuñon (Abb. 122), in den Kapitellen
übereinstimmend mit S. Tirso zu Oviedo; die jüngste dieser Kirchen
ist S. Salvador in Priesca; überall die drei rechteckigen Nischen des
Chors, von denen die mittlere ringsum an den Wänden mit Blendarkaden
auf Halbsäulen geschmückt ist, das Mittelschiff meist mit offenem
Dache und nur drei Bögen nach den Seitenschiffen zu, also sehr
kurz; westlich eine mittlere Vorhalle zwischen zwei Räumen vor den
Seitenschiffen (Abb. 123). -- Wir müssen daher eine ausgebreitete
systematische Bautätigkeit des Königs Alfonso II. während seiner
fünfzigjährigen Regierungszeit annehmen, die in den Kirchen zu einem
ganz klaren Typus geführt hat.
Es kann dahin gestellt bleiben, ob diese Kirchenform aus dem Osten,
wo ähnliche Anordnungen vorkommen, hierher übertragen ist oder ob
sie sich hier von selber auf ähnlicher Grundlage entwickelt hat.
Die Hufeisenform der Bögen verschwindet im 9. Jahrhundert. Die hier
verbreitete Mehrstöckigkeit der Ostapsiden aber tritt auch mehrfach in
Syrien auf.
Wir finden den Westgoten Tjoda als den Baumeister Alfonsos II.
urkundlich beglaubigt, wissen sogar von ihm, daß er bei wichtigen
Aktionen auch sonst eine Rolle spielte, überhaupt eine einflußreiche
Persönlichkeit gewesen zu sein scheint[44]. Da ihm der größte
kirchliche Bau, der Dom, anvertraut war, so liegt aller Grund vor,
ihm auch kleinere zuzuschreiben; die Einheit des Typus der Kirchen
Alfonsos wird daher wohl in der persönlichen Kunstrichtung Tjodas
und seiner Genossen begründet sein; und wir haben das Recht, diese
Bauwerke, seien sie selbst vom Orient nicht ganz unabhängig, als
germanisch-westgotische zu bezeichnen.
Die beiden Nebenräume des Chors sind öfters stark geschieden, manchmal
nur durch eine türartige Öffnung von der Kirche aus zugänglich, nicht
in einem Bogen geöffnet; man denkt dann unwillkürlich an die an den
spätbyzantinischen Kirchenanlagen so üblichen Nebenräume des Chors, die
Prothesis und das Diakonikon, die Räume für Kirchenkasse und Bibliothek
(kurz ausgedrückt). Es ist überhaupt auffällig, wie stark diese
Unterteilungen, auch die neben der Westvorhalle, der Regel nach von dem
eigentlichen Kirchenraum getrennt zu sein pflegen.
[Sidenote: S. Miguel de Lino]
Diese Kunst hat einen wirklich glänzenden Höhepunkt gefunden in dem
Reste einer Kirche ganz nahe bei dem Weiler Naranco, etwa eine halbe
Meile nordwestlich von Oviedo, hoch am Berge, genannt S. Miguel de
Lino (Linio, Lillo). Das heute außer Dienst gestellte und leider fast
zur Hälfte abgebrochene Gebäude ist das eigentliche Schlußergebnis der
nordspanisch-westgotischen Kirchenbaukunst aus dieser letzten Zeit,
wie eines der künstlerisch wertvollsten und interessantesten Werke der
germanischen Frühzeit überhaupt.
Der Bau rührt nach der Chronik des Mönches von Silo (Mitte des 9.
Jahrhunderts) von König Ramiro I. her. Jener schreibt: Quae Michaeli
Victorioso archangelo bene construxit qui divino nutu Ramiro principi
ubique de inimicis triumphum dedit. -- Hiernach hat Ramiro dem Erzengel
Michael, als seinem Schutzpatron, dies Gebäude geweiht. -- 857 wird es
wieder erwähnt; um 883 sagt der Mönch von Albelda von Ramiro: in locum
ligno dicto eclesiam et palatium arte fornicea mire construxit[45].
Hier wird also die Lokalität in ligno, von der die Kirche noch heute
ihren Namen trägt, deutlich bezeichnet; zugleich die Wölbung betont.
Kurz, über die Identität des Bauwerkes kann kein Zweifel bestehen, auch
über seinen Erbauer Ramiro I. (842-850) nicht, so daß die Zeit des
Erstehens der Kirche sicher auf spätestens 845 anzunehmen ist. Denn 850
starb schon Ramiro in seinem dabeigelegenen Palast.
Ich habe versucht, auf Grund des Restes eine Wiederherstellung des
Kirchenplanes im Äußeren und Inneren zu geben. Die Osthälfte ist,
wie gesagt, 1846 abgebrochen, aber der ganz nahe dahinter tief
einschneidende heutige Hohlweg läßt nirgends Mauerwerk im Boden
erkennen, so daß die Kirche sehr kurz gewesen sein muß. Auch stürzt das
Terrain gleich dahinter tief ab.
Ist dies maßgebend und nicht etwa jeder Rest von Mauerwerk dort
absichtlich entfernt, so muß die sehr kurze Kirche in der Anlage mit
der von S. Salvador in Priesca genau gestimmt haben, die ja ziemlich
gleichzeitig ist (Abb. 124): kurzes Schiff von drei Jochen, dahinter
drei rechteckige Nischen (mit Obergeschoß?), im Westen Vorhalle mit
zwei seitlichen Räumen, die hier nur zu Treppenhäusern ausgenützt sind;
denn über der offenen tonnengewölbten Vorhalle befindet sich eine
ebenfalls gewölbte Empore; diese hat zu beiden Seiten je zwei Türen,
deren die westlichsten den Austritt der zwei Treppen, die anderen den
Eingang zu zwei Kammern bilden, offenbar für ähnliche Zwecke bestimmt,
wie die oben erwähnten Prothesis und Diakonikon.
[Illustration: Abb. 124. S. Miguel de Lino bei Oviedo]
Das Tonnengewölbe über den Treppen und Kammern steht parallel zu dem
der Empore. -- Über dem Mittelschiff erhebt sich zu bedeutender
Höhe gleichfalls eine solche Wölbung; die Seitenschiffe haben aber
im 1. und 3. Joche Quertonnen; ob eine solche niedrigere oder eine
längsgerichtete auch über dem mittelsten bestanden hat, ist heute kaum
mehr zu entscheiden; ich neige mich mehr zu dem Gedanken an letzteres.
Statt der Pfeiler hat der Schiffbau seiner reicheren Ausstattung gemäß
diesmal vier starke Säulen; Halbsäulen an der Wand entsprechen ihnen.
Außen treten an den in Anspruch genommenen Punkten auch hier
Strebepfeiler auf, konstruktiv genau an der richtigen Stelle
angeordnet; ihre Flächen sind kanelliert in flachem holzmäßigen Profil
mit je fünf Kehlen zwischen Stäbchen auf der Vorder-, je drei auf den
Nebenseiten.
Der Bischof Don Sebastian von Oviedo sah unsere Kirche vor 886 und
bewunderte sie höchlich. Er bezeichnet sie als vierzig Fuß lang und
halb so breit -- das ist natürlich eine einfache Schätzung wohl des
Inneren --, spricht auch von dem bekrönenden Kreuz, der Laterne, der
großen Kapelle und dem Turm für die Glocken, woraus wir aber kaum auf
eine Kuppel und einen wirklichen Turm -- wohl höchstens auf einen
offenen Aufbau zum Aufhängen der Glocken -- schließen dürfen. Leider
ist bis heute kein Bild des Gebäudes vor dem Abbruch und Umbau 1846
gefunden; es dürfte aber der fehlende Teil dem noch stehenden genau
entsprochen haben, wie ich es darzustellen versucht habe (Titelbild).
Wir haben also hier ein konstruktiv ganz trefflich durchdachtes
neuartiges System von Tonnengewölben, längs und quer gestellt, vor uns;
die stark beanspruchten Punkte der Außenmauern sind mit Strebepfeilern
verstärkt (Abb. 125). Das Werk steht so als eine für jene Zeit geradezu
geniale Leistung da; trotz kleiner Maße und der Beschränkung auf die
eine Gewölbeform ist es als Gewölbebau die größte Leistung jener
Baukunst. Nicht minder aber auch formal.
Das Detail zeigt uns hier überall echt germanische Holzformen auf Stein
übertragen; meist in ganz auffälliger Weise. Schon die sämtlichen
Gesimse und Archivolten sind aus Taustäben, einfachen und verdoppelten
gebildet, wie überhaupt der gewundene Stab eine große Rolle spielt.
Die Säulenkapitelle gehen aus dem Rund des Schaftes unmerklich in die
vierkantige Deckplatte über und sind mit gewundenen Stäben eingeteilt,
teilweise mit Rosetten gefüllt. Von einfachster doch in ihrer Art ganz
vollkommener Form, die mit dem östlichen Trapezkapitell nichts zu tun
hat, doch in ähnlicher Grundgestalt angestrebt wird (s. Abb. 48).
Besonders interessant ist im Inneren die Architektur auf der Westempore
(Abb. 126); so die doppelten Türbögen aus je einem Stück Stein mit
einem dem langobardischen des 8. Jahrhunderts nahestehenden Ornament,
besonders aber die gerieften Dreiviertelsäulen ohne Kapitell, doch mit
Fuß, die den großen Gurtbogen tragen, und zwar vermittels eines quer
überliegenden Steinbalkens, der die reinste zimmermännische Zierweise
zeigt, in Zierformen, die geradezu identisch sind mit denen der
Türbekrönung eines Fachwerkhauses aus Sachsenberg von 1585 (Abb. 44).
Nicht minder charakteristisch die Überlagsteine über den kapitelllosen
Halbsäulen am Treppenaufgange (Abb. 52) und die Umrahmung der Fenster:
überall eingetiefte Hohlkehlen mit kleinen Stäbchen oder Kanten
dazwischen, genau solche Profile, wie sie unser 15. und 16. Jahrhundert
in der Holzkunst der späten Gotik benützt.
[Illustration: Abb. 125. S. Miguel de Lino. Perspektivischer
Durchschnitt.]
Ganz besonders neu sind aber die prächtigen breit gelagerten Säulenfüße
des Schiffes (s. Abb. 55); ins Viereck übergehende kraftvolle Wulste,
an den vier Seiten mit je drei Arkaden geschmückt, die in ganz flachem
Relief die Symbole der Evangelisten und Ähnliches enthalten, davon die
Umfassung und Überwölbung wie aus Tauen ganz holzmäßig, oder auch wie
aus lauter Strohseilen geflochten. Aber von mächtiger Wucht in der
Wirkung. Nur noch im hohen Norden (Dänemark) treten ähnlich gefühlte
kolossale Säulenfüße auf.
Bemerkenswert sind daneben angefügte Füße von kleineren Säulen, die
ergeben, daß eine weit niedrigere Säulenstellung zwischen den großen
Säulen das erste Joch des Mittelschiffes ringsum abtrennte. Vielleicht
eine Art Baptisterium im Westen der Kirche; denn ein riesiger ganz
glatter zylindrischer Taufstein liegt noch vor der Kirche.
[Illustration: Abb. 126. S. Miguel de Lino. Stütze und Bogen auf der
Empore.]
Die mittlere Apsis habe ich als gleichartig mit der von Santullano und
anderen Kirchen jener Art angenommen; die Wände mit Halbsäulen und
Bögen darüber gegliedert, da vorhandene Reste von Wandkapitellen und
quergerippten Halbsäulen dafür sprechen. Aber auch eine Schranke muß
durch die Kirche, wenigstens vor dem Chor her, gegangen sein; in der
nächsten Umgebung der Kirche haben sich Reste von Marmorpfosten mit
Nuten für einzulassende Brüstungsplatten vorgefunden; meist zeigen sie
auf ihrer oben abgerundeten Vorderseite, flach erhaben, einen Krieger
auf das Schwert gestützt über einer herablaufenden Ornamentranke.
Auch Bruchstücke von Brüstungsplatten sind übrig, die von bedeutendem
Interesse sind. Denn ihrer Behandlung wie ihrem Inhalt nach stimmt die
größte mit einer in Ingelheim im karolingischen Kaiserpalast gefundene
(Abb. 166) merkwürdig überein. In ganz flachem auf Grund gesetztem
Relief sehen wir in ornamentaler Umrahmung ein Flügelpferd dargestellt
(Abb. 127), höchst verwandt dem auf der Karolingerplatte, so daß man
an den gleichen Ursprung denken möchte. Die Entstehungszeit beider
Platten dürfte sicher ziemlich die gleiche sein. Der Rest einer anderen
ebenfalls eine Art Ungeheuer darstellenden Platte zeigt den öfters
berührten Bindfaden-Reliefstil.
Gen Westen befindet sich die Vorhalle, nach außen ganz offen;
die Türflügel waren zwischen Vorhalle und Kirche angebracht. Der
Eingangsbogen der Kirche hat nun den eigenartigsten Schmuck: zwei
Pfeiler mit Kämpfern, reich mit Bildhauerarbeit geziert; der Bogen ist
Backstein, wie oft in jener Zeit (S. Tirso, Val de Dios).
Diese Pfeiler, von denen jeder durch sich kreuzende Friese in drei
rechteckige Felder übereinander geteilt ist, gehören mit zu den
ältesten figürlichen Bildwerken germanischer Kunst; sind freilich
nichts weiter, als eine Übertragung eines elfenbeinernen römischen
Konsulardiptychons, das wie so viele dieser Plättchen oben den Konsul
zwischen zwei Beamten auf dem Throne sitzend, unten ein Zirkusspiel
von Männern und Löwen enthält. Die obere Gruppe wiederholt sich unten
nochmals; das Ganze ganz gleich an der zweiten Seite des Einganges
(Abb. 30).
Aber nirgends ist der Zimmermannsstil jener Zeit deutlicher erkennbar;
nie ist er klarer gehandhabt. Das Relief zeigt jene früher beschriebene
Art der Zeichnung wie mit aufliegenden Bindfäden, wie er auch auf den
germanischen Münzenbildern auftritt. Aber in Behandlung und Verteilung
trotz gänzlichen Mangels an verstandener Zeichnung ein getreues
Gegenstück zu den langobardischen Reliefs, die wir z. B. in Cividale
kennen lernten; in Capua fanden wir eine nahestehende Darstellung
eines Erzengels oder Heiligen. Beide Steine wirken hier wie zwei
aufgerichtete Holzplanken im Schiffszimmermannsstil.
[Illustration: Abb. 127. S. Miguel de Lino. Brüstungsplatte.]
Das Äußere der Kirche ist imponierend durch die wohl abgestufte Gruppe
seiner verschiedenen Bauteile, besonders aber wertvoll durch seine
prachtvollen Fenster (Abb. 61). Denn alle großen Fenster sind einfach
mit durchbrochenen Steinplatten geschlossen; alle wie aus einem dicken
Brett herausgearbeitet, mit Arkaden und kleinen Säulchen, die ganz
den im Norden üblichen Drechslerarbeiten entsprechen. Unverkennbare
Übertragung damals gewiß viel vorkommender hölzerner Fenster. So
klar und deutlich wie nirgends sonst, aber auch von hoher Schönheit.
Und darüber halbe oder ganze richtige Fensterrosen, wie sie bisher
als ausschließliche Eigentümlichkeit des romanischen Stiles des 12.
Jahrhunderts im mittleren Europa betrachtet werden. Selbst im Giebel
oben eine solche runde Rose. Kurz, das romanische und gotische Maßwerk
völlig klar vorgebildet und begründet, eine künstlerische Neuschöpfung,
die später eine sechshundertjährige Fortentwicklung glanzvollster Art
gefunden hat.
In dem ersten Quergewölbe des Seitenschiffes glänzt das Prachtstück
dieser Fenster: eine dreiteilige Arkade auf vier gewundenen Säulen
mit Blattkapitellen, darüber ein durchbrochenes Gitter- oder Maßwerk
aus sich durchdringenden Kreisen von allerhöchster Pracht (s.
Abb. 61)! Wieder aus einer Steinplatte gearbeitet, doch die ganze
Fenstermaßwerkschönheit des Mittelalters bereits erblicken lassend,
nicht minder aber den Mauren ein Vorbild liefernd, aus dem diese z. B.
im 12. und 13. Jahrhundert auf der Alhambra die phantasievollsten, ja
zauberhaften Wirkungen zu entwickeln verstanden[46].
Überall aber hier um die Mitte des 9. Jahrhunderts sichtbare
Aufrechterhaltung einer alten Tradition in der Übertragung einer
Kunstübung auf den Stein, die in Holz damals noch immer nicht nur
lebendig, sondern auf einer hohen Schönheitstufe angelangt gewesen
sein muß, von der wir uns allein aus solchen Übertragungen -- davon
ist sonst leider auch fast alles verloren -- einen Begriff zu machen
vermögen. Was wir in Norwegen im 12.-14. Jahrhundert noch von Holzkunst
an Kirchenbauten lebendig sehen, das gibt uns einen Schimmer von Ahnung
dessen, was die Germanen damals im Süden besessen haben mögen.
Dafür, daß solche Folgerung nicht ein Phantasiegebilde ist, gibt uns
unsere Kirche -- fast allein -- greifbaren Beweis. Und nirgends lassen
sich für diese Kunstweise andere Vorbilder oder Parallelen, etwa im
Orient, in Afrika, nachweisen. Sie ist eben von allem, was sonst als
Quelle gilt, völlig unabhängig.
[Sidenote: Sta. Maria de Naranco]
Wenige hundert Schritte davon liegt eine zweite Kirche, Sta. Maria de
Naranco, die heutige Pfarrkirche des kleinen Weilers Naranco.
Es ist unnötig, bei dem klaren Sachbefund noch zu beweisen, daß diese
„Kirche“ nichts anderes ist, als der zu S. Miguel de Lino gehörige
Palast, von dem die alten Nachrichten sprechen.
[Illustration: