Gewiß teilweise und seiner Zeit mit Recht. --

Aber was all diese fremd denkenden Jahrhunderte von unserem

Allereigensten, vom Urerbe unserer Väter überdauerte, das war

jammervoll wenig geworden. So bleibt unserer Zeit, da selbst auch

dies Wenige ihr ein unschätzbarer Gewinn werden könnte, die Aufgabe,

wenigstens den letzten Rest unseres ältesten Hortes zu heben; die

Gräber müssen wir öffnen und die vergessenen Winkel durchforschen,

um das noch Übrige zusammen zu tragen, um uns ein wenn auch nur

bescheidenes Gebäude aufzuerbauen, das das nur uns allein Eigene, die

Trümmer unseres ältesten Erbteils umschließt.

Nicht vergeblich haben wir solches unternommen.

Reicher als man je gedacht, strömt der Inhalt der ältesten Kirchhöfe

hervor, finden sich überall zerstreut die Urreste unseres Volkstums,

wuchert hier und da noch der Efeu uralter Kunst um die Ruinen, -- und

so mag es denn doch gelingen, ein nicht allzu lückenhaftes Bild dessen

wieder zu gewinnen, was die großen germanischen Zeiten bis nach den

Völkerwanderungen, die heute für uns nicht mehr ein Chaos sind, sondern

eine Zeit der Bildung neuer gewaltiger Völkergruppen, der Neugestaltung

und Neubefruchtung der ganzen Welt, -- was jene Zeiten für schön

hielten und wie ihre Kunstideale aussahen. Und wie gerade in ihnen die

Keime lagen für die gesamten sich seitdem neu aufbauenden Zeiten bis

heute.

Solche Wege wollen wir hier zu gehen versuchen.

Nochmals einen raschen Blick auf die geschichtliche Grundlage unserer

Untersuchungen.

[Sidenote: Geschichtliches]

[Sidenote: Verteilung]

Zu Cäsars und Tacitus’ Zeiten war Germanien, das heutige

rechtsrheinische Deutschland, bis zum Niemen und bis nach Rußland

hinein, wie auch Skandinavien, von reinen Germanen bevölkert, deren

Ausläufer in die Westschweiz, ins Elsaß und am Niederrhein auch nach

Gallien hinüberragten. In Ostpreußen und Polen saßen Goten, westlich

von ihnen bis zur Elbe Burgunden und Vandalen; die Langobarden im

heutigen niedersten Sachsen um Lüneburg, südlich von ihnen Cherusker

und Chatten, nördlich Angelsachsen und westlich an der Küste Friesen;

Ost- und Westfalen bis zum Rhein hin; am Niederrhein und weiter

westlich schuf sich in der Folge das germanische Völkergemisch der

salischen Franken, rheinaufwärts das der Uferfranken, die Heimat;

östlich davon Hermunduren in Thüringen; am Oberrhein entwickelten sich

langsam am Südende des Dekumatenlandes die Alamannen, an die sich

östlich Sueben, Bajuwaren, in Böhmen die Markomannen anschlossen.

Dies die Verteilung der Hauptvölkerschaften vor der Völkerwanderung,

bis zu der schon manche ihre Sitze gewechselt hatten, worüber bereits

oben gesprochen ist.

[Sidenote: Wandertrieb]

Die von der Nordsee kommenden Cimbern und Teutonen hatten schon

viel früher, am Ende des 2. Jahrhunderts vor Christo, ihre kühne

Wanderschaft nach Italien angetreten, waren, nachdem die gewaltige

römische Republik unter ihrem Ansturm fast zusammen gebrochen war,

zuletzt durch Marius doch vernichtet worden.

Woher jene unbezwingliche Sehnsucht kam, die die germanischen Völker

von jeher über die Alpen nach südlicheren Gauen trieb, wissen wir

nicht; aber sie lebt noch heute im Blute ihrer Nachkommen und wird

immer neu. Erklärungen, wie die der Übervölkerung und des mangelnden

Platzes haben gewiß viel Richtiges -- aber sie geben uns lange nicht

alles. Vor allem rechnen sie nicht mit der unbezwinglichen Wanderlust

des Germanentums, die ihm immer und immer wieder die nähere Welt zu

enge machte; die seine Völker stets von neuem hin und her trieb; die

ewig nach Ausdehnung dürstete, ja die heute den ganzen Erdball zu klein

werden ließ.

Außer den kontinentalen Germanen kommen hier nicht minder die

Angelsachsen in betracht, die aus ihrem engen Inselheim ihre Boten

immer weiter und weiter sandten durch die ganze erreichbare Welt.

Auch Amerika war einst schon entdeckt durch nordische germanische

Wikinger, später aufs neue durch Italiener, Spanier und Portugiesen

und von diesen in Besitz genommen. Bevölkert haben es aber unendliche

Reihen germanischer Einwanderer; selbst in Australien und zuletzt in

Afrika ist es ähnlich geworden.

Das afrikanische Burentum mit seinem fortwährenden „Treck“-Trieb oder

-System mag uns ein Bild sein für jene dauernde Bewegung während der

Völkerwanderung, aber vor allem für die unaustilgbare stets sich

erneuernde Rastlosigkeit und Wanderlust der germanischen Stämme seit

uralter Zeit.

Und dazu jene ewigen träumerisch-phantastischen Wünsche, die in die

Ferne fliegen, nach schöneren und wärmeren Gefilden, die noch in jungen

Tagen zu dem berühmten Verlangen nach dem Platze an der Sonne Anlaß

gegeben haben.

So getrieben löste sich ein Volk nach dem anderen vom alten Boden

los und wanderte fort, gen Süden und Westen, oft den Spuren der

unglücklichen Cimbern und Teutonen folgend. Aber mit immer steigender

Wucht und wachsendem Erfolg. Denn das Römerreich war seitdem um manches

Jahrhundert älter und mürber geworden, näherte sich dem Greisentum; es

fanden die nordischen Streiter nicht mehr die unbesieglichen römischen

Legionen, sondern nur noch ihre Epigonen sich gegenüber, freilich dazu

eine erprobte Kriegs- und Staatskunst, der sie allzuoft unterlagen;

-- doch die unwiderstehliche nachhaltige Flut der heranstürmenden

Völkerstämme sprengte zuletzt alle Pforten der südlichen und westlichen

römischen Provinzen und gab sie den nordischen Barbaren zur Beute.

[Sidenote: Die Goten]

Der Weg der Goten führte sie durch die russischen Ebenen bis zu

den gesegneten Gefilden am Schwarzen Meer, wo sie ein großes und

mächtiges Reich aufbauten, von dem wir freilich gar wenig wissen. Der

Wirbelsturm der furchtbaren Horden der Hunnen mit ihren ungezählten

Scharen überraschte und unterwarf die der Ruhe Pflegenden; vor den

gefürchteten Bedrängern wichen da zuerst die westlichen Goten unter

Alarich und eroberten in raschem Siegeszuge ganz Italien. Wohl begruben

sie im Busento bald ihren jungen blondgelockten Fürsten, doch nur um

fürder gen Westen zu ziehen, wo ihnen das reiche Gallien eine neue

Heimat verhieß. Südwestlich von den Alpen erblühte dann ein schönes

westgotisches Reich, das von Toulouse.

Der schlimmste aller Nachbarn aber, die merowingischen Franken

unter Chlodowech, ließ sie auch da nicht zur Ruhe gelangen.

Seine fortwährenden unberechenbaren Überfälle, seine tückischen

Unternehmungen drängten die Westgoten immer weiter südwärts. So fanden

sie endlich jenseits der Pyrenäen ein anderes Vaterland und gründeten

das Reich der Westgoten in Spanien mit der Hauptstadt Toledo. Da

nun reihte sich eine neue Folge ruhmreicher Herrscher an die alten,

an Alarich II., Ermanarich, Eurich dann Athanagild, Leovigild,

Sisebuth, Reccesvinth, Kindasvinth bis zu Wamba. -- Wenn auch schlimme

Priesterherrschaft den Staat im Inneren langsam zerfraß und zermürbte,

es erblühte doch reiches Leben auf geistigem und künstlerischem Gebiete

hier, von dem heute noch so manches Kunstwerk, von dem später zu

sprechen sein wird, Kunde gibt. -- Erst die wilde Sturmflut der Araber

brachte dies Reich, aus dessen Resten doch später ein neues Spanien

erstand, zu dröhnendem Falle.

Hinter den Westgoten zogen bald vom Schwarzen Meere her, der Sonne

nach, ihre Stammesbrüder, die Ostgoten, dem gewaltigen Druck der Hunnen

nachgebend. Nach Odovaker, dem Skiren, dessen Landsknechtscharen das

weströmische Reich dem letzten Kaiser entrissen hatten, trat Theoderich

der Große auf den Plan: seiner gewaltigen Persönlichkeit gelang es,

in raschem Siegeszuge das ganze Italien bis tief nach Gallien hinein

der gotischen Herrschaft zu unterwerfen. In ihm erreicht das gesamte

Germanentum jener Jahrhunderte seine wahre Höhe. Theoderichs Name,

seine sagenumwobene Riesengestalt lebt bis heute im deutschen Volke,

in „Dietrich von Bern“. Ich sage: „im deutschen Volke“, denn diesem

allein gehört dieser Gewaltigste vor Karl dem Großen heute an; --

diesem ist seine Erbschaft geworden; und kein anderes lebendes Volk

kennt Dietrich mehr als den Seinen. -- Er war einst unser und ist

zuletzt unser geblieben.

Dies sei gesagt gegen die unter uns, denen die Goten, wie die anderen

Ostgermanen, fremd gewordene Stammesverwandte sind, obwohl sie unserem

Vaterlande entstammen und nach ruhmvollster Wanderung und Entwicklung

im Süden allzu rasch kampf- und ruhmreichen und doch klagenswerten

Untergang fanden. Geistig und künstlerisch sind sie Deutsche und

gehören auf immer ihnen zu. Ihre mächtigen Volksmassen und Heere

scheinen in den furchtbaren Jahren 550-555 nach der Schlacht am Vesuv,

nachdem mit Totila und Teja ihre letzten Könige gefallen waren, völlig

vernichtet zu sein. Die Sage erzählt, die dürftigen Überbleibsel des

Volkes seien über die Alpen gezogen und gänzlich verschollen, und so

blieb von ihnen selber ja auch nicht ein Nachkomme übrig, der sich

heute ihrer als Vorfahren rühmen will, ja keine Spur im Völkertum.

Deutschland hat ihr geistiges Erbe angetreten.

Ihr nur halbhundertjähriges Reich in Italien hat jedoch in der

Geschichte und auf jedem geistigen Gebiete, auch auf künstlerischem,

bedeutende Spuren genug hinterlassen, daß wir es nur desto

schmerzlicher beklagen müssen, daß es nur so ungeheuer kurz bestand.

Was von der Ostgoten Tun noch vorhanden ist, spricht für großartige

und gleichgeistige Erfassung des Werkes der alten Römer, wie für die

Fähigkeit zu einer ebenbürtigen Fortbildung dessen in germanischem

Geiste; ihr Schaffen auf diesem Gebiete ist dabei bereits neu und

eigenartig genug, um eine Fülle des Ungeborenen ahnen zu lassen. Einige

Jahrhunderte ungestörter Entwicklung hätten ohne Zweifel auf diesen

Feldern, die die Antike mit ihrem Besten gedüngt hatte, die erste hohe

Blüte germanischer Kunst gesehen. Es sollte nicht sein.

[Sidenote: Die Langobarden]

Wilde Langobarden, die -- leider -- zu der Vernichtung der Ostgoten

selber allzuviel mitgeholfen, lösten sie ab; aber einer Frist von zwei

Jahrhunderten bedurften sie, um dahin zu gelangen, wo die Ostgoten

aufgehört hatten, -- zu der Gewinnung der Anfänge einer eigenen

Kunst. Die ersten Fürsten, Alboin, Agilulf, Theudelinde und andere

bewegten sich offenbar ausschließlich auf dem Grunde und Boden, den

sie vorfanden, benutzten auch, was die Ostgoten geschaffen -- und erst

langsam bildete sich in der Folge ein den Langobarden Eigenes. Als

sie unter Liutprant, Hildiprant und anderen endlich so weit gekommen

waren, daß man von einer endlich erwachsenen langobardischen Kunst --

insbesondere einer Bauweise -- zu reden beginnen darf, da brach unter

des Franken Karl übermächtigen Streichen politisch dies germanische

Reich zusammen. Freilich war damit nicht sein künstlerisches

Vermächtnis vernichtet -- und aus den Ruinen der altlangobardischen

erstand eine jüngere, mittelalterlich-lombardische Baukunst, die ihre

Wirkungen weithin erstreckte, selbst ins alte Vaterland hinein, in dem

nicht geringe Spuren lombardischer Werk- und Baumeister bis zum 12.

Jahrhundert sich finden lassen, in dem wir sogar das Entstehen einer

eigenartigen nordischen Backsteinarchitektur vielleicht auf Import und

Anregung aus Norditalien zurückzuführen haben.

[Sidenote: Einwirkung der Antike]

Es ist eine bei diesen Entwicklungen stark hervortretende Beobachtung,

daß die germanischen Einwanderer überall, wo sie in fremde Kulturen

eindrangen, erst längere Zeit gebrauchten, bis sie diese sich zu eigen

gemacht hatten und frei über sie schalten lernten. Zuerst müssen sie

überall sich der alten Kultur und Kunst unterworfen und versucht haben,

sie, wie sie war, weiter zu führen. Erst langsames Sichaneignen ergab

eine stetige Umbildung, die natürlich langer Jahre bedurfte, um zu

selbständigen Gestaltungen zu führen.

[Sidenote: Nationale Kunstzweige]

Galt das schon für die rasch auffassenden glänzenden Goten, so gilt es

in noch höherem Maße für die Langobarden und Franken, am meisten aber

für die in der Heimat gebliebenen Deutschen. Freilich nur in bezug

auf die Kunst im großen, die Steinarchitektur, Plastik, Malerei. --

Unberührt davon blieben ihre bereits blühenden nationalen Zweige, die

Holzbaukunst im großen und kleinen, das Kunstgewerbe, so weit es bisher

schon zum Schmuck der Menschen und zum Ausbau des gewöhnlichen Daseins

gedient hatte; also alles was sich auf Kleidung, Bewaffnung und Zier

des Leibes und der Haustiere, insbesondere des Pferdes, Ausstattung der

Geräte und der Wagen, der Hütte, des Holzhauses und der Holzgebäude bis

zur Königshalle bezog. -- Solches war längst ausgestaltet und besaß

nicht nur herkömmliche, sondern auch durchgebildete, reiche, sogar

prachtvolle Formen; bildete eine vollständige Welt für sich, die engere

Kunstwelt des zuerst wandernden, dann seßhaften, zuerst nur jagenden

und Vieh züchtenden, dann auch den Acker bebauenden Germanen in den

Stammsitzen oder in den ersten eroberten südlicheren Wohnplätzen.

Die Wucht römischer Steinbauwerke muß die Einwanderer überwältigt

haben; nicht minder das Schauen der bildlichen Darstellungen in Plastik

und Farben, von deren Möglichkeit der nordische Barbar ja keine Ahnung

gehabt haben konnte. Daher zunächst ein bedingungsloses Sichhingeben

an das große Neue -- dann ein langsames Sichaneignen und Durchdringen

dieses Fremden mit Eigenem, während für Schmuck, Kleidung, Waffen,

Sitte und Wohnen das Gewohnte nebenher ging und weiter bestand, wie

seit alters.

[Sidenote: Umgestaltung der Antike]

Und zuletzt auch ein Bestreben, das Neugelernte im eigenen Sinne zu

verwerten, erst schüchterne, dann deutliche und bewußte Versuche des

Nordländers, selber auf dem seither fremden Gebiete tätig zu sein --

bis zu völlig selbständiger Neubildung unter kluger Benutzung der

vorgefundenen Technik und ihrer Ergebnisse.

Daraus wuchs denn ganz neue Kunst, und an ihren weiteren Fortschritt

reihte sich in der Folge selbst alles das, was wir die Kunst des

Mittelalters nennen; nur eine logische Schlußfolgerung jener einmal

begonnenen Entwicklung durch Hinzutreten stets anderer Mitwirkender.

Klare Erwägung wird uns nun ohne weiteres sagen -- wie die alten

Römer ihre Kunst bis zum Ende folgerichtig fortführten und ausbauten,

wohl ohne sie völlig zu erschöpfen --, daß ohne Hinzutritt fremder

Völkerschaften das Römertum sich ohne Zweifel auch fernerhin auf der

gleichen Ebene und in gleicher Richtung weiter bewegt haben würde, wie

vorher. Wie ja auch die Renaissance des 15./16. Jahrhunderts und die

Protorenaissance des 11./12. in Italien nur Versuche bedeuteten, jene

alte Kunst wieder hervorzuholen und fortzuführen, nachdem sie durch

nordisches fremdes Wesen so nachhaltig unterbrochen worden war.

Man denke hierbei auch an die Kunst der Ägypter, die seit den uralten

Zeiten der jetzt endlich durch die Forschung erreichten ersten

Dynastien bis zu den Ptolemäerzeiten sich in Charakter und Wesen

kaum nennenswert geändert hat. -- Die Verwandtschaft der Bauwerke in

den letzten Jahrhunderten mit denen des 3. und 4. Jahrtausends vor

Christi Geburt ist die erstaunlichste, in der ganzen späteren Zeit

der Kunst nicht mehr ihresgleichen findend. Nur erklärlich durch die

Seßhaftigkeit und Unwandelbarkeit der alten Nilanwohner. Unterjochung,

Einwanderung und Durchwanderung, äußere Änderung war seit den Anfängen

der Bildung dieses rassigen Volkes ohne Bedeutung geblieben, und so

kam eine Neuentwicklung und Umbildung, wie wir sie in Europa an den

Nachfahren der Römer sehen, für das ägyptische Volk gar nicht in Frage.

Man denke hier ferner an Chinesen und andere ihnen verwandte Völker,

die ganz ebenso an dem einmal gewonnenen Kulturideal und an der darauf

aufgebauten traditionell gewordenen Kunst nie mehr rüttelten, sondern

an dem durch viele Jahrtausende unveränderten unwandelbar festhalten.

Ähnliches beobachten wir selbst in Indien, da der eingewanderten

Araber Kunst völlig auf die Moslems beschränkt bleibt, da die neuere

Richtung geistiger und künstlerischer Bildung des eigentlichen Volkes

sich langsam wieder der uralten indischen Art zuwendet, dagegen das

jüngere arabisch-mohammedanische Wesen nur als aufgepfropft erscheint.

-- Am deutlichsten überall, wo die Ureinwohner oder Vorbewohner in so

gewaltiger Überzahl vorhanden sind, daß die Eingewanderten langsam

aufgesogen werden.

[Sidenote: Die Franken]

Frankreich, dem wir uns jetzt zuwenden, lehrt uns gleiches. Die Masse

der salischen Franken, die von Norden her einbrachen und das Land sich

zu eigen machten, zusammen mit den in Südfrankreich zurückgebliebenen

Westgoten und den im Osten seßhaft gewordenen Burgunden, die dort nach

der im Nibelungenlied besungenen Niederlage ihres Stammes am Rheine

endlich eine dauernde Heimat fanden, -- war wohl groß genug, um das

ganze Land der nur äußerlich römisch gewordenen Gallier zu unterjochen

und zu beherrschen. Nachschübe über den Rhein aus altgermanischen

Gauen erhielten zunächst die germanische Übermacht, und so wuchs in

Gallien das neue germanische Reich der Franken in die Höhe, das seine

Entwicklung auf immer stärker werdender altnationaler Grundlage bis zur

Gegenwart fortgeführt hat; ein Reich, dem seinerzeit das Germanentum

die erste Kraft und Gesundheit schuf, das das älteste der heute noch

bestehenden europäischen Reiche geworden ist.

Auch hier ist in den ersten Zeiten Ähnliches auf dem Gebiete der Kunst

bemerklich: anfängliches sich Hingeben an das im Lande Vorhandene

im großen -- unter strenger Beibehaltung germanischen Brauches und

Wesens im kleineren und engeren; sodann langsames Aufsteigen national

germanischer Art in der größeren Kunst, so daß wir schon bald von einer

selbständigen merowingisch-fränkischen Weise auch im Bauen sprechen

dürfen.

Wie sich aber seit den Karolingern hieraus -- sicher unter immer

stärkerer Einwirkung des ursprünglichen gallischen Elementes --

erst das eigentlich Französische entwickelt hat, das zeigt die

spätere Kunstgeschichte. -- Die Franken waren doch nur die politisch

herrschende Oberschicht des neu entstandenen Volkes, die allmählich von

der großen Masse der ursprünglich Seßhaften aufgesogen wurde.

[Sidenote: Die Angelsachsen]

In England war der Prozeß seit Einwanderung der Angelsachsen ein ganz

verwandter, bis infolge Eroberung des Landes durch die Normannen,

auch eines germanischen Stammes, das germanische Element eine weitere

bedeutsame Stärkung erhielt. Daher ist es hier bis heutzutage im

Vordergrund der Entwicklung geblieben und hat das Wesen des jetzigen

englischen Volkes, das sich noch immer angelsächsisch nennt, vorwiegend

bestimmt.

[Sidenote: Die Deutschen]

Das Stammland aller Germanen bleibt merkwürdiger-, vielleicht

natürlicherweise von solchen wechselnden Gärungsprozessen frei, weil

von äußeren Einwirkungen fast völlig unberührt. Was von den alten

Stämmen dort sitzen geblieben war, entbehrte wohl auch des lebhaften

und bildungsfähigen Temperaments der Goten, Franken und Burgunden.

Wenig Anregung kam von außen, nur Zwang der Eroberer und der Priester,

deren Missionen das Land durchzogen und Kirchen gründeten. Aber vor dem

8. Jahrhundert waren auch die Sendboten des Christentums nur seltene

Gäste im alten germanischen Stammlande, das sich von jeher wenig einer

der südlichen ähnlichen Kunstübung geneigt gezeigt hatte, auch ihrer

nirgends bedurfte.

So sehen wir das deutsche Volk seine ersten Schritte auf dem neuen

Gebiete an den Grenzen des Landes gegen Westen und Süden versuchen;

am Rhein und in Süddeutschland, im Dekumatenlande und an den Grenzen

gegen Italien, mehr jedoch gegen Frankreich zu, das von jeher in dieser

Hinsicht für uns die Anregung bot.

Merowingisch-fränkische Bauten im westlichen Deutschland bestätigen

dies; später aber bedurfte es erst der kriegerischen Macht Karls

des Großen, um Steinbauten auf deutschem Boden erstehen zu lassen.

-- Spärlich genug war das alles, und im Lande der Friesen, Katten,

Schwaben und Bayern blieb es lange beim Alten und Gewohnten; bei den

bezwungenen Sachsen und im Gebiete der Rheinfranken ging es auch nur

sehr langsam mit dem Bauen in neuer Art vorwärts. -- So sind wir hier

auf die Werke einer ganz kurzen Zeitspanne angewiesen, wenn es sich um

die erste deutsche Baukunst handelt; jedoch entschädigt uns hier im

weiteren Laufe der Jahrhunderte die immer wieder auftretende nationale

Note in dem Wechsel der die Welt überflutenden Stilmoden fast durch ein

Jahrtausend.

Germanische Kleinkunst gab es freilich in Deutschland ganz wie in

allen anderen stammverwandten Ländern, doch beschränkte sich ihre

höhere Blüte vorwiegend auf die Rheinlande, Alamannien, Schwaben und

Bayern; die übrigen Stämme verharrten auch nach der Völkerwanderung

noch lange, wie es scheint, in einer gewissen Gleichgültigkeit, ja

Abweisung gegenüber solchen Fortschritten. -- Wie ja auch im Laufe

späterer Entwicklung der ernste und schwerfällige Norden, das Land der

Niederdeutschen, erst langsam in Bewegung kam. -- Was wir an geistiger

Anregung und Förderung gewannen, haben wir meist dem Südwesten

Deutschlands, jedenfalls vorwiegend Oberdeutschland zu danken.

[Sidenote: Die Skandinavier]

Der skandinavische germanische Norden hat an dieser Frühkultur, die

zu ihm sicher über England und Deutschland kam, in ähnlicher Weise

teilgenommen, an ihr bis vor wenigen Jahrhunderten gezehrt, sie

unbeeinflußt weiter gepflegt und auf gut germanischen Wegen gefördert.

Die überall später zu bemerkenden Einbrüche mittelalterlicher Kunst

des Westens und Südens hatten nie viel zu bedeuten, da sie auf das

Volk selber keinen Einfluß gehabt zu haben scheinen. Und so haben

wir dort das merkwürdige Schauspiel einer rein germanischen, wenn

auch sozusagen nur provinziell entwickelten bildenden Kunst, auch die

Architektur eingeschlossen, die uns einigermaßen zeigt, wohin die

Eigenart der germanischen Rasse trieb, da wo sie durch Fremdes sich

nicht beeinflußt sah. So ist Norwegen mit seiner ältesten Holzbaukunst

sozusagen das Schulbeispiel dafür geworden. Freilich nicht dafür, was

jene Richtung bei weiterem Fortleben in dem Bereich der begabten und

glänzenden Stämme des Südens zu leisten vermocht haben würde, aber

doch wenigstens der Beweis dafür, daß diese Richtung zu nicht nur

greifbaren, sondern auch wertvollen Werken führen konnte, und sozusagen

selbst auf dem Dorfe wirklich geführt hat. -- Es geben uns ferner jene

nordischen Bauwerke das Muster für sonst nicht leicht zu konstruierende

Möglichkeiten, wie für die Ausführung völlig hölzerner großer Gebäude,

selbst Kirchen, und das Bild des wirklichen Aussehens solcher Bauwerke,

ungefähr so, wie sie in den übrigen germanischen Landen einst bestanden

haben müssen.

Die Kleinkunst hat daneben ein frohes und langes weiteres Dasein auf

dem Grunde des in Allgermanien üblichen geführt. Bis ins Mittelalter

bewegt sich die schwedisch-norwegische Kleinkunst und Dekoration völlig

in dem Rahmen und auf dem Boden dessen, was wir sonst im Süden nur noch

bis zum 8. Jahrhundert aus den Gräbern zu fördern vermögen.

So finden wir hier ein klar geschiedenes germanisches Rassenvolk von

völlig eigenem Charakter in ähnlicher Art tätig, wie wir einst das

so scharf gekennzeichnete ägyptische oder noch jetzt das chinesische

Volk, dessen Gesichtstypus sogar wir von weitem schon zu erkennen

vermögen, unentwegt an seinem künstlerischen Ideal festhalten sahen.

Auch einen Beleg dafür, daß jede unterschiedene Rasse, die in ihrem

nationalen Fortleben gestört wird, von selbst sofort wieder zu ihm

zurückkehrt, sobald die Störung beseitigt ist.

Wie denn aber andererseits die Ideale der Chinesen oder der Ägypter

niemals die unsrigen werden können noch dürfen.

Die Rasse.

Kühn bekennen wir uns an dieser Stelle zu dem Grundsatze der

Rassenverschiedenheit. Wenn auch einerseits Kosmopolitismus,

andererseits Interesse an dem Verschwinden der Rassenunterschiede

auf das heftigste dagegen aneifern, so wird doch die Theorie der

Entstehung des Menschengeschlechtes aus +einem+ Stammvater niemals im

Ernste wissenschaftlich in Frage kommen können. Solche Annahme scheint

vielmehr jeder klaren logischen Schlußfolgerung widersprechend. Nach

allem, was unsere Naturwissenschaft an Tatsachen der Entwicklung

festgestellt hat, aber auch nach der Überzeugung der Menschheit selber,

wie aller Religionen (man vergleiche den sechsten Schöpfungstag der

Bibel) ist die Entstehung des Menschen die Krönung, der obere Abschluß

der Entwicklung jedes organischen Lebens der Erde.

Schon die ja durch die Tatsachen gegebene +Möglichkeit+ dieser

Entwicklung erweist ihre +Notwendigkeit+; denn nichts ist in

der Entwicklung möglich, was nicht auch in ihr folgerichtig, ja

mathematisch notwendig ist, sobald die Entwicklungsbedingungen erfüllt

sind. Die Existenz einer bestimmten organischen Form bezeugt den

logischen Aufbau ihrer Vorbedingungen und ihrer Entwicklungsvorstufen;

auch wenn diese Form nur in einem einzigen Beispiel existierte. Die

Milliarde lebender Menschen bestätigt die Logik dieser Erscheinung in

der physiologischen Entwicklung des Organischen milliardenmal.

Wenn aber trotzdem ein einziger Stammvater als der Anfang des

Menschengeschlechtes angenommen werden soll, so kann damit höchstens

eine Stammfamilie gemeint sein, das Elternpaar, in der Folge seine

Kinder. -- Somit haben wir die Notwendigkeit der Koexistenz wenigstens

zweier parallel stehenden Individuen vor uns, befähigt die Stammeltern

des künftigen Stammhauses zu werden.

Die Gewißheit, daß sich mindestens zwei Individuen gleichzeitig zu

dieser Fähigkeit aus ihren Vorstufen heranbilden mußten, genügt, um

die Möglichkeit der Heranbildung verschiedener Individuen aus den

Vorzuständen zur Stammvaterschaft des ersten Menschen zu beweisen.

Diese Möglichkeit bedeutet, wie oben bemerkt, die Notwendigkeit, daß

diese Stammelternschaft sich überall da auf der Erde, ja im organischen

Leben überhaupt -- in ganz gleicher Art herausbilden mußte, und noch

muß, wo die Vorbedingungen und Vorstufen für ihre Entwicklung gegeben

waren und sind. Also nicht nur auf unserer Erde und auch für alle

Zukunft.

Jedoch müssen solche Stammeltern in ihren Eigentümlichkeiten je

nach den Bedingungen ihrer Entstehung und nach den klimatischen

Unterschieden, die auch auf die Vorfahren verschieden eingewirkt haben,

Verschiedenheiten zeigen, die ihren Nachfahren für immer bleiben

müssen, so lange sie im Stamme rein verharren. Nur die Vermischung

verschiedener Stämme kann diese Unterschiede langsam verwischen.

Hält man daran fest, so wird der Unterschied der Rassen in Körper und

Geist zur Selbstverständlichkeit; bleibt so lange konstant, als sie

sich überhaupt zu erhalten wissen. Alle Erfahrung hat dies bestätigt.

Glück und Erfolg der einzelnen Rassen aber beruht offenbar in dieser

Reinheit, in der Fähigkeit und Möglichkeit, die ihnen gegeben ist,

sich nach ihrer Art und ihrem eigenen Wunsche zu bilden, zur Höhe zu

entwickeln und auszuleben. Man vergleiche nochmals die Chinesen, die

bis heute noch keinen lebhafteren Wunsch haben und vielleicht bis ans

Ende ihrer Tage haben werden, als von der übrigen Welt abgeschlossen

nach eigener Fasson selig zu werden. Die dann auch sicher ihre

Kulturform für die höchste überhaupt erreichbare halten und allein in

ihr Befriedigung finden.

Es ist jedoch auch ohne Gobineau nicht wohl zu bestreiten, daß die

heute indogermanisch oder arisch genannte Rasse die höchst organisierte

und stärkste aller ist und bleiben könnte, daß ihr aber ein

eigentümlicher Zug eigen ist, der fürchten läßt, daß in der Folge eine

Verflachung und ein Zerfließen ihres Wesens eintreten mag.

Die so notwendige und zur Erhaltung ihrer höchsten Güter und

Fähigkeiten unentbehrliche Abgrenzung gegen niedere Rassen, erst

recht aber die für uns so wünschenswerte Reinheit der, wie wir mit

Gobineau glauben, stärkeren enger germanischen Rasse, z. B. gegenüber

den romanischen, scheint in Zukunft kaum möglich. Die ungeheure

Expansionskraft der germanischen Stämme hat in dem Prozesse, den

wir seit der Völkerwanderung vor sich gehen sahen, die gesamten

Länder Europas stets von neuem mit neuen Fluten ihrer besten

Menschen überschwemmt und ohne Zweifel nicht nur so das Entstehen

gemischt-germanisch-romanischer Staaten und Völker ermöglicht und

verursacht, sondern glänzende neue Kulturen auf den alten Feldern

hervorgerufen.

Inzwischen ist als Gegengabe die langsame Durchdringung des

altgermanischen Körpers mit fremdem Blute vor sich gegangen, im Osten

durch Wenden und Slaven -- im Ganzen durch Romanen, Semiten und

andere Eingewanderte, so daß die ursprüngliche Kraft zu dauernder

Selbsterneuerung stark geschwächt ist. Ein geringes Äquivalent mag

dieser Prozeß dadurch finden, daß die Rasseeigentümlichkeit der

Menschen nicht nur bloßes Ergebnis seiner Stammesentwicklung, sondern

auch seiner klimatischen und geographischen Umgebung ist, somit

denn bei den Mischlingen und den Eingewanderten eine Art Korrektur

erfolgt durch die geographisch-klimatische Einwirkung des Wohnlandes

im Sinne der Form der ursprünglich Seßhaften und durch langsames

Aufgesogenwerden der Fremden.

[Illustration:

I

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 27 / 114 题