Abb. 9. Fibel aus Nocera Umbra.]

[Illustration: Abb. 10. Angelsächsische Goldfibel von Abingdon.]

Unter allen Umständen jedoch hat jedes Volk das stärkste Interesse

daran, daß es seine Rasse, seinen Stamm, seine Eigentümlichkeiten und

Errungenschaften, kurz alles, was ihm besonders zugehört, in jeder

Gestalt und in jeder Art rein erhalten sehe. Vor allem dann, wenn in

der Vermischung mit fremdem Blute keine Förderung, kein Fortschritt,

keine Verbesserung des Ererbten liegen kann.

Für uns Deutsche, wie für die germanische Welt, besteht somit eine

gewaltige Aufgabe in der Erhaltung alles dessen, was unsere Stammes-

und Rasseeigentümlichkeiten hervorbrachte und ausbildete, und in der

fortwährenden Erneuerung dieses Erbteils.

Wenn in früheren Jahrhunderten auf manchem Gebiete das Gegenteil

gewiß richtig und auch unvermeidlich war -- wenn wir die höhere

Kultur südlicher und westlicher Nachbarn aufnehmen und verarbeiten

mußten, weil auch wir teilnehmen wollten an der Entwicklung der

europäischen Welt, wenn wir sogar unser bestes Blut hergaben zur

Auffrischung anderer alt gewordener Völker, wenn Italien ganz gewiß

seine ungeheure Blüte in mittelalterlicher und späterer Zeit dieser

Aufokulierung germanischen Wesens auf seinen Stamm dankt -- so ist die

Zeit für solche Verpflanzung für immer vorüber. Und es ist die andere

Zeit sicher gekommen, wo wir Germanen genötigt sind, unsere letzten

Hilfsmittel, sozusagen den Landsturm unserer alten nationalen Kraft

aufzurufen, unser Eigenstes wieder neu zu beleben, uns wieder ganz auf

uns selber zu besinnen und zu versuchen, aus diesen Urgründen das Beste

nur für unsere eigene Zukunft hervorzuholen, um endlich auch unserseits

in der Geschichte der Menschheit die uns zugewiesene Stelle einnehmen

zu können.

Die Wellen der Geschichte haben den Ruhm und die Macht der

Weltherrschaft heute endlich wieder auf die germanischen Völker

gehäuft, und so ist es an ihnen, auch in geistigen Dingen ihre letzte

Kraft aufzuwenden, ihr Bestes zu geben, nicht wie früher in sekundärer

Stellung und als Hintermänner, sondern als Herrscher und frei von

aller Verdeckung. Endlich ist der Germane auch einmal ganz in die

vorderste Reihe getreten -- vielleicht als der letzte der Europäer.

Denn daran, daß die an sich so viel indolenteren und offenbar nicht

zu selbständigem Herrschen geborenen Slaven, denen vielmehr dienende

Stellung auferlegt scheint, die seit Anbeginn nur als ungeheure Masse

unter despotischem Zepter zu wesen und zu wirken berufen und fähig

waren -- sich je zu Nachfolgern der Germanen, zu Herrschernaturen

heraus zu entwickeln überhaupt fähig sein können, daran ist nicht zu

denken.

Das Wesen der Rassen bürgt hierfür. Und alles, was wir von dem

Germanentum noch erhoffen, ist in ihm von Anfang an enthalten und stets

vorhanden gewesen; oft viel größer, oft so herrlich, daß es uns für die

Zukunft ganz unerreichbar mehr erscheint.

Aber das zielbewußte Sammeln des auch jetzt noch Vorhandenen, der immer

noch nicht erschöpften Kräfte des an sich so starken Volkstums, das

organisierte Zusammenfassen alles Gegebenen in eine mächtige Phalanx

hat bis heute gefehlt und verspricht bisher nicht Gewonnenes noch

für die Zukunft, wenn auch die besten Jugendkräfte unseres Stammes

unwiderbringlich schon längst -- und zwar in fremdem Dienste oder für

fremde Ideen -- verbraucht sein mögen. Stärkste Konzentration kann uns

dies Verbrauchte einigermaßen ersetzen; kann uns ermöglichen, unsere

Kräfte noch einmal, aber dann in weisester Abwägung, zu nutzen und

aus ihnen das letzte, zu dem wir fähig sind, zu schöpfen, damit wir

dann die auch uns wie jeder Rasse und jedem Volke für dieses Erdenrund

auferlegte und verbürgte Mission ganz zu erfüllen vermögen.

Und dazu gehören, wie die gesamte Kultur, auch die weiten Gebiete der

Kunst; ihr Neuaufbau auf Grund der neu gefundenen und wiedergewonnenen

Anfänge und Keime seit der ersten Regung des künstlerischen Wesens in

unseren eigenen Gauen, in unserem Hause -- da doch so unendlich viel

unseres Besten von uns an andere Völker geschenkt worden ist.

Ich stehe nicht an zu behaupten, daß ohne jeden Zweifel, was Italien,

Spanien, Frankreich, England seit dem frühen Mittelalter in der Kunst

schufen und leisteten, nur dem gewaltigen Zufluß jungen germanischen

Blutes zu danken war und ist. In dem wunderschönen Lande Italien hat

sich seit tausend Jahren nur so weit jene unvergleichliche Kultur-

und Kunstblüte erschlossen, als der reiche Strom germanischen Blutes

das Land befruchtet hatte; ja selbst Rom hat, wie bekannt, „kaum mehr

als einen Künstler hervorgebracht“. Alles was dort großes wirkte,

entstammte nördlicheren Gauen. Südlich von Rom schläft mit Pompeji die

alte Schönheit, die herrlichste Kultur, den bleiernen Schlaf des Alters

unter der Asche. Was sich dort als neue Kunst gibt, ist kaum mehr als

eine Jahrmarktskunst, eine Sammlung von bunten Lappen und leichtem

Plunder geworden; was von Wert sich in jenen Ländern noch zeigt, ist

Import aus dem Norden oder Westen.

Eine ganze besondere Ecke in der Geschichte des künstlerischen

Mittelalters gebührt, nicht nur hier, auch den Normannen.

Die vorstehenden Erwägungen mögen genügen zur Begründung des Versuches,

der in nachfolgendem gewagt wird: die ersten bedeutenderen Regungen

des altgermanischen Kunstgefühls zu beobachten, seine Werke, so

bescheiden sie auch sein mögen, herauszusuchen und ihre Art erkennen

zu lernen. Großes liegt doch in diesen Anfängen, und wirklich

bedeutende Leistungen sind darunter, gemessen an ihren Vorgängern und

den Bedingungen ihrer Entstehung. Aber das Größte in ihrer Eigenart,

und darin, daß in ihnen künstlerische Keime für das ganze folgende

Jahrtausend gegeben sind, das ja Manche trotz seiner vielen fremden

Ingredienzien als ein in der Hauptsache germanisches bezeichnen wollen.

Wie mir scheint kaum mit Recht; es müßte eher nur das durch die

Germanen befruchtete heißen. Wenn es nicht zu spät ist, dürfte vielmehr

das germanische Zeitalter Europas, vielleicht gar des Erdballes, erst

angebrochen sein -- wobei dem Angelsachsentum vielleicht die Rolle

eines Pfadfinders zuzuteilen sein würde.

Aber nur, wenn die Zeit dafür nicht bereits verflossen sein sollte,

nachdem das Germanentum die von ihm selbst geschaffenen Mittel der

Weltherrschaft auf dem Gebiete des Geistes und der Technik allzu früh

und allzu vollständig aus der Hand gegeben hat; -- und wenn es in der

Tat noch die Kraft zur Konzentration und zur Sammlung aller eigenen

Kräfte in sich selbst besitzt -- vor allem aber die Kraft zur Reinheit,

zur Reinkultur seines besten Blutes, zur Abwehr der Blutmischung

und Blutverschlechterung. So nüchtern und prosaisch dies erscheint

gegenüber dem Ideale des zu erreichenden Zieles -- von so ungeheurer

Wichtigkeit, so sehr die gesamte Zukunft unseres Volkes bestimmend

bleibt dieser Grundsatz[1].

Die germanische Rasse und ihre Eigentümlichkeit in der Kunst.

Ehe wir zur eigentlichen Behandlung des Stoffes selber und seiner

Einzelheiten übergehen, scheint eine Erinnerung daran notwendig, daß

unserer Kunst, Baukunst und Kunstgewerbe einbegriffen, von alters

her gewisse Eigentümlichkeiten, immer wieder auftauchende Gedanken,

sozusagen unsterbliche, eigen sind. Gerade das ist das eigentlich

Bedeutungsvolle weil dauernde.

[Sidenote: Wiederkehr derselben Formen]

Nicht in dem Sinne, daß diese kleinen Motive, die doch immerhin eine

Art Zufälligkeit besitzen, auch an sich vielleicht zu unbedeutend

sind, als besonders wertvoll erklärt werden sollen; nur gerade, daß

sie immer wiederkehren, ewig sich gleich bleibende Begleiter größerer

wichtiger Erscheinungen, diese Tatsache spricht für eine innere

Gleichmäßigkeit, eine Konstanz im Wesen der sie bildenden Menschheit.

Am merkwürdigsten hierbei mutet die ganz unleugbare Tatsache an,

daß die heutige modernste Kunst auf den Gebieten, die hier in Frage

kommen, im Kunstgewerbe und in der Baukunst, insbesondere aber im

Ornamente, scheinbar ganz von selber auf die ältesten Wege gerät.

Die verschiedensten Arbeiten der Gegenwart zeigen heute, manchmal

bewußt, meistens unbewußt, instinktive doch deutliche Anlehnung,

oft auffallende Ähnlichkeit mit ältesten germanischen Arbeiten. Das

„Nordische“, „Altgermanische“ ist auch langsam ein wenig wieder in

die Mode gekommen, ohne Absichtlichkeit, doch einem Zug der Zeit

entsprechend.

[Illustration: Abb. 1. Cardona. Weihwasserbecken.]

[Sidenote: Trennung von Struktur und Ornament]

Aber das für uns Wichtigste daran ist, daß ohne jede Beziehung

die ursprünglichsten und einfachsten Ornamentgrundsätze, wie die

Parallelität der Linien, die Wellenlinie, das Aufhören der organischen

Verschmelzung des Ornaments mit seinem Träger und seine vollständige

Trennung vom Funktionellen des Gegenstandes oder Bauwerkes jetzt, wie

vor alters, wieder alltäglich werden. Kurz und klar gesagt: jedes

Objekt wird einfach sachlich gebildet, rein zweckentsprechend; sein

Schmuck besteht in einer erst nachträglich eintretenden Behandlung

seiner Oberfläche; das einfachste Objekt bleibt glatt, das reichere

wird nicht in der Grundform durchgebildet, wie es die Antike tat, oder

auch das Mittelalter, sondern erst nach sachlicher Fertigstellung

verziert. Daher fällt z. B. der Begriff der so organisch erscheinenden

Säule heutzutage wieder häufig ganz weg; Kapitell, Schaft und Fuß ist

nicht mehr notwendig, sondern nur noch die einfach konstruktive eckige

oder runde Stütze, die, wenn sie steht, mit Ornament, Schmuck, Farbe

herausgeputzt werden kann. Es sind die Grundsätze des Zimmermanns, die

wieder herrschend werden.

[Illustration: Abb. 2. Denkmalentwurf von H. Billing.]

[Sidenote: Unsterblichkeit der Motive]

Das ist so auffallend, daß z. B. gewisse Stützformen

spanisch-germanischer Herkunft uns völlig modern erscheinen,

sicher unbewußt. Eines der merkwürdigsten Beispiele ist uns ein

Monumententwurf Hermann Billings (Abb. 2), der fast eine Kopie eines in

Barcelona befindlichen uralten Taufsteines (Abb. 1) westgotischer Zeit

sein könnte.

Die wunderliche Übereinstimmung des merowingisch-fränkischen

Bronzebeschlages eines Riemens aus dem Museum in Reims mit der Fassade

eines Salzfasses wohl des 17./18. Jahrhunderts im vaterländischen

Museum zu Celle ist ganz ähnlicher Art (Abb. 3).

[Illustration: Abb. 3. Fränkischer Bronzebeschlag und niedersächsisches

Salzfaß.]

Als fernere höchst merkwürdige Belege für diese ewige Wiederkehr

gleicher Formen und Ideen dürften gewisse Schlosserarbeiten unserer

Renaissancezeit zu betrachten sein, die in dem eigentümlichen Gewirr

ihres Flechtwerks mit Drachenköpfen und Gewürm (Abb. 4), zusammen mit

dem charakteristischen Flechtwerke der gleichzeitigen Eisengitter

(Abb. 5), ein gerade um die Zeit von 1600 am wenigsten zu erwartendes

Wiederauftauchen uralter Motive aufweisen, die uns sonst nur als

„altnordisch“ bekannt sind.

[Illustration: Abb. 4. Deutsche Schlosserarbeit. 17. Jahrhundert.]

In der älteren Kunst gehört auch die menschliche Maske an den

Ecken hervorstechender Bauteile und ähnlicher Gegenstände zu den

verbreiteteren Motiven. Sie läßt sich schon an Arbeiten des 5./6.

Jahrhunderts, an Bauwerken des 12. (Abb. 6), an Gebrauchsgegenständen

des Mittelalters (Abb. 7), zuletzt an Ecken von Fachwerkbauten des 18.

Jahrhunderts nachweisen (vgl. Abb. 44 und 47), immer sich ähnlich,

meist roh, doch von überraschend phantastischer Wirkung. So vielerlei

Masken und Köpfe auch die Antike an ihren Werken der Kleinkunst wie in

ihrer architektonischen Dekoration verwendet, so geschieht das doch in

grundmäßig verschiedener Art; ihr fehlt jenes gewisse Unheimliche,

öfters Fratzenhafte und Götzenbildartige oder gar Wilde; sehen solche

nordische Bildungen doch gar oft wie abgeschnittene und an Ecken

aufgehängte Köpfe von Kriegsgefangenen oder Menschenopfern aus.

[Illustration: Abb. 5. Deutsches Gitter. 16. Jahrhundert.]

[Illustration: Abb. 6. Gelnhausen. Peterskirche.]

Von anderem Verwandten hier nicht weiter zu reden, wie von der noch

heute vorhandenen Übung des Kristall- und Kerbschnitts in Holz in den

Gegenden, wo seit Jahrtausenden Germanen wohnten. Später wird davon zu

handeln sein.

[Sidenote: Symmetrie]

Eine Hinweisung aber darauf, daß diesen nordischen Eigentümlichkeiten

gegenüber die Symmetrie südlichen Ursprunges zu sein scheint, ein nur

eingewanderter Gast, der bei uns langsam eine in der Volksanschauung

nicht begründete Herrschaft errang, kann ich nicht unterdrücken. In der

griechischen und römischen Baukunst feierte die Symmetrie Feste, --

bei uns ist sie von alters her nur in äußeren Umrissen wirksam, in der

Sache, auch im Ornament, aber stets als überflüssig betrachtet. Nicht

einmal ein einziges kirchliches Bauwerk selbst unseres Mittelalters

hat zwei gleiche Türme, -- erst der ganz verfremdeten Schablone des

19. Jahrhunderts war es vorbehalten, vor den Kölner Dom zwei völlig

identische zu setzen, -- von denen einer den anderen eigentlich

überflüssig macht.

[Illustration: Abb. 7. Münden. Senfmühle.]

Das Nähere wird sich bei der Behandlung der Einzelheiten deutlicher

ergeben -- daher kann es hier bei den gegebenen Andeutungen sein

Bewenden behalten.

* * * * *

[Sidenote: Gegenstand unserer Untersuchung]

Wenn nun im nachfolgenden versucht wird die Baukunst der germanischen

Stämme nebst den verwandten Künsten, insbesondere dem Kunstgewerbe, in

eine Art System zu bringen, sie zu einem einigermaßen geschlossenen

Bilde zu vereinigen, so kann sich dieser Versuch naturgemäß nur auf

eine bestimmte Zeit, nicht etwa auf die gesamte Urzeit bis zum Schlusse

des ersten Jahrtausends beziehen. Denn der Daseinskampf des eben

entstandenen Menschengeschlechtes, seine ersten Kulturregungen, die

ältesten Errungenschaften auf dem Wege zu einer menschlichen Gesittung,

das erste Gewinnen von Werkzeugen und Waffen in Stein, Knochen und

anderen Naturstoffen, dann in Bronze und schließlich in Eisen liegen

auf einem anderen Gebiete und sind der gesamten Menschheit in gewissem

Sinne so gemeinsam, daß ein System der feineren Rassenunterschiede für

jene frühesten Zeiten sich bis jetzt noch kaum aufbauen ließe.

Erst eine gewisse Höhe mußte erklommen, bestimmte Anfangsstadien

mußten überwunden sein, aber auch manche Wege von in der Kultur

älteren Völkern des Südens erst gewiesen werden, ehe eine eigene

und charakteristische Kultur der nordisch-germanischen Völker sich

gestalten konnte.

Die sonst noch in Frage kommenden älteren Bronze- und

Bronzeeisenzeiten, die Hallstatt- und die ihr folgende La-Tèneperiode

aber erstrecken sich über so gewaltige Flächen Europas in einer

merkwürdigen Gemeinsamkeit, daß wir hier, wie es scheint, von einer

bereits scharf abgegrenzten nordisch-germanischen Kunstart nicht

reden können, wenigstens heute noch. Und soweit dies doch in mancher

Hinsicht hier und da, teilweise, bereits möglich erscheinen könnte, so

sind einerseits diese Erscheinungen noch immer allzusehr vereinzelt,

andererseits aber nur als Vorstufen der folgenden zu bewerten.

Ja von vielen Seiten wird im Norden die Herstellung der besseren

Werke dieser Frühzeiten, die für uns Wert haben könnten, noch immer

absolut bestritten und auf einer gemeinsamen südlicheren Quelle ihrer

Entstehung sowie ihrer nachherigen Verbreitung durch den Handel

bestanden.

Daher sollen die folgenden Studien zeitlich erst mit der

Völkerwanderung beginnen, die freilich ihre Vorboten schon vor Christi

Geburt nach Süden sandte, dann fast unbemerkt in der gewaltigen

Wanderung der Ostgermanen nach dem Schwarzen Meere ihre erste beinahe

mächtigste und folgenschwerste Vorwärtsbewegung begann.

Damals hatte längst die südliche Kultur und Kunst der Etrusker,

Griechen, Römer ihre Boten nach dem Norden, hatte dieser in

regelmäßiger Wechselbeziehung des Handels seine Produkte nach Süden

gesandt, hatte also der Norden und das Germanentum bereits Gelegenheit

und Zeit gehabt, solches fremde Wesen wenigstens in denjenigen

Äußerungen sich zu eigen zu machen, die ihm selbst zur Förderung seines

eigenen willkommen waren. Neue Stoffe, insbesondere Metalle, neue

Techniken, neue Formen, Kostbarkeiten und Schmuck, Kleidung, Gefäße und

was alles sich hier eignete, förderten das bisher wohl anspruchsloseste

Dasein im Norden auf immer lebhafter begangenen Handelswegen;

insbesondere längs des Laufes der Flüsse.

Und da erstand dann jene gewaltige innere Kunstentwicklung, deren

Zeugen die germanischen Gräber der in Frage stehenden Jahrhunderte

darstellen. Nicht etwa in einfacher Nachahmung des aus der Ferne

Gebrachten, sondern jetzt in stolzer Förderung des Eigensten. Es ist

erstaunlich, wie verhältnismäßig wenig Fremdes hier auftritt oder gar

sich dauernd erhält. Nur mächtigen Anstoß gab der Import, den man wohl

zuerst nachahmte, so gut und so schlecht es ging, den man aber ganz

außerordentlich rasch durch Eigenes ersetzte oder in solches umformte.

Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die germanischen Kleinkünste sich

niemals charakteristischer und -- trotz so mancher fremden Grundlage --

selbständiger entfalteten als etwa vom dritten Jahrhundert nach Christi

Geburt ab bis zum achten. Von da ab erstarben sie langsam wieder unter

fremdem Einflusse und dem Drucke allgemein herrschend gewordenen,

insbesondere durch die Kirche propagierten neuen Geschmackes.

Auch auf seiten der Baukunst, zunächst natürlich ausschließlich

der Holzarchitektur, in der Folge auch in anderen Baustoffen sich

betätigend, ging in jener Zeit ein gewaltiges Ringen und Streben mit

dem in der Kleinkunst parallel.

Wenn dann später bis zur Karolingerzeit ein neuer und verstärkter

Einfluß der Antike, der Kunst Italiens und des Hellenismus, nicht

minder selbst des Syrertums ganz Europa überflutete, wenn durch ihn

die nordische Art langsam erstickt schien, so wirkte diese, noch

allzu stark und allzu verbreitet in germanischen Gauen, in der Stille

lange unbesiegt weiter. Die folgende Epoche in der Kunst, die wir die

romanische zu nennen pflegen, ruht ganz wesentlich auf jenen älteren

germanischen Unterströmungen, die wir immer aufs neue wieder durch- und

hervorbrechen sahen, trägt ihren Namen daher kaum ganz mit Recht; zu

jener Zeit, selbst noch später können wir eine nicht sterben wollende

künstlerische Überlieferung von Formen und Gedanken immer wieder

bemerken. So ist es selbst unbestreitbar, daß unsere Holzbaukunst des

16. und 17. Jahrhunderts ihre Wurzel nicht im „Mittelalter“, sondern

in viel früheren Zeiten findet, mit denen sie sich fast über ein

Jahrtausend hinüber, öfters halb unterbrochen, doch unzerreißbar fest

verbunden erhielt. Unsere Holzbaustädte des 16./17. Jahrhunderts sind

geistig die getreuen Enkel der deutschen Städte im Beginn des zweiten

Jahrtausends und werden sich auch tatsächlich von ihnen gar nicht

so sehr unterschieden haben. Jene aber fußten direkt auf uralten

Vorbildern; und es ist keineswegs richtig, wenn heute behauptet wird,

die Deutschen hätten vor den Sachsenkaisern keine wirklichen Städte

gekannt und gehabt. Rühmt doch Venantius Fortunatus (um 560) die

schönen Rheinstädte wegen ihrer reichen und feinen Holzbaukunst, die

ihm, dem Römer, ganz gewaltig imponierte.

Ferner habe ich oben der Entstehung und weiteren Entwicklung der

germanischen Steinbaukunst auf fremdem erobertem Boden gedacht und

darauf hingewiesen, daß auch diese hohe nationale Bedeutung gewann und

bedeutsame Leistungen schuf.

[Sidenote: Notwendigkeit unserer Untersuchungen]

Daher ist es wohl nicht nur berechtigt, gerade dieses sich bei näherer

Betrachtung auf etwa ein halbes Jahrtausend zusammenziehende Gebiet,

welches im Zusammenhange überhaupt noch nicht gewürdigt ist, endlich

einmal zu einem ganzen Bilde zusammenzufassen. -- Es wird für uns sogar

zur gebieterischen Notwendigkeit und Forderung. Vor allem deshalb,

weil wir in dieser Zeit und ihren Äußerungen das Germanentum in seiner

stärksten Jugendkraft, plötzlich alles Fremde von sich abwerfend,

herrschend hervortreten und sein Dasein neu gestalten sehen. Wenn

Chamberlain bedauert, daß dies auf den Feldern der zusammengebrochenen

fremd-südlichen Kultur geschah, daß die Neugestaltung des

nordisch-germanischen Völkertums nicht ganz frei und unbeeinflußt

vor sich gehen konnte, weil dann die Welt ganz anderes und Besseres

gewonnen haben würde, so mag dies ja richtig sein; doch müssen wir uns

eben bescheiden mit dem, was uns gegeben ist. Und wie bemerkt, es ist

nicht ganz wenig und dabei viel selbständiger und von viel eigenerer

Art, als man wohl glaubte. Denn es kann nicht oft genug wiederholt

werden: das Germanentum der Völkerwanderung schüttelte fast in jeder

Richtung, sobald es nur konnte, aufgezwungene fremde Art und Fessel

ab und versuchte, sich auf eigene Füße zu stellen. Wenn nicht damals

Größeres und Dauerndes erwuchs, so lag es sicher nur daran, daß seine

Kraft politisch den greisen Künsten der Unterjochten nicht gewachsen

war und der Vergiftung und Zersplitterung, der Bekämpfung durch die

Waffen der eigenen Stammesgenossen zuletzt unterlag und unterliegen

mußte.

Ist doch bis heute noch kein germanisches Volk, am wenigsten das

deutsche selber, von innerer Uneinigkeit, Kräftezersplitterung oder

wenigstens der Sonderbündelei ganz frei geworden, und sind doch bis

heute noch seine schlimmsten Gegner seine eigenen Brüder geblieben.

Vereint -- endlich alle vereint, würden sie noch heute die ganze

Welt in ihren Fäusten zerdrücken können, und, wäre ihnen so Zeit und

Freiheit gegeben, auch endlich die geistigen und künstlerischen Taten

schaffen können, die nach denen des Griechentums noch dem Germanentum

vorbehalten scheinen.

Müssen wir so immer noch auf Wünsche, Hoffnungen, Möglichkeiten

verweisen, so ist es uns ein Trost und eine Genugtuung, ein Bild

alt-originaler germanischer Art und Kunst vor uns erstehen zu sehen,

das, obwohl lückenhaft und zerstückt, doch aufs neue erweist und uns

darin bestärkt, daß wundervolle Kerne damals vorhanden waren, Sprossen

und Zweige wuchsen und mit Blüten sich schmückten, denen es nur deshalb

versagt war, auch reife und herrliche Früchte zu tragen, weil rauhe

Stürme und schwerste Unwetter die jungen Pflanzen niederschmetterten

und roher Krieger Fuß sie zertrat. Doch unsterblich scheint ihr Wachsen

unter der Erde in der Stille weiter gediehen zu sein; immer aufs neue

strecken junge Knospen ihre Häupter hervor, und so mag auch hier

versucht werden, einen Teil jener Pflänzlein weiter zu hegen und zu

pflegen zu neuem Wachstum und neuer Blüte.

[Illustration]

[1] Es sei hier betont, daß obigen Bemerkungen nicht etwa irgend eine

gewisse Rassetendenz, sondern nur nüchternste Beobachtung

einfachster Vorgänge zugrunde liegt. Was in der edlen Tierwelt,

so beim Pferde, die sorgfältigste Reinhaltung der Stammbäume an

Geschöpfen von wahrhaft klassischer Schönheit und herrlichster

Kraft hervorgebracht hat, steht vor aller Augen und beweist uns,

daß es nicht zu spät zu sein braucht, noch in zwölfter Stunde,

gleiche Grundsätze auch auf das Wichtigste im organischen Leben

des Volkes, seine eigene Fortpflanzung mit gleich herrlichem

Erfolge anzuwenden. Sollte das Ebenbild Gottes nicht unendlich

mehr noch dessen wert sein, was einem nur nützlichen und schönen

niedrigeren Geschöpfe an Liebe und Sorgfalt in dieser Richtung

gewidmet wird?

[Illustration: GRÄBER UND KLEINWERK]

[Sidenote: Die Gräber]

Mehr denn irgendein Volk der Erde hat das germanische in der Erde und

den Gräbern geborgen von seinen köstlichsten Besitztümern. Seine ganze

Welt fast hat es mit seinen Toten begraben und ihnen mitgegeben; alles,

was ihr Leben umgab, erhielt, verschönerte und weihte. Darum, da sich

die Gräber öffnen, ersteht das lange Verschwundene aufs neue in nie

geahnter Fülle vor uns. Wenn dichtes Gewölk uns früher das Leben und

seine Formen bei unsern Vorfahren verhüllte, so tritt das alles heute

mehr und mehr ins helle Licht. Und wunderbar: früher wohl erschienen

uns die großen Gestalten unserer alten Sagen und Mären eher im Gewande

des ritterlichen Mittelalters, heute begreifen wir, daß Nibelungen- und

Amelungenlied, ja daß die gesamte epische Poesie, die uns als die des

Mittelalters erschien, der viel größeren Völkerwanderungszeit angehört

oder auf ihr ruht. Nicht halbgallischer höfischer Minnesang, sondern

eigene Heldenlieder aus ganz fernen Tagen bilden jenen herrlichsten

Schatz deutscher Dichtung. Und mitten darin prangt die gewaltige

Heldengestalt Dietrichs von Bern, Theoderichs des Großen, des Königs

der Ostgoten.

Auch nicht im glänzenden Plattenharnisch, als wie zum Turnier gerüstet,

sondern in der Ring-Brünne, nicht im finstern federgeschmückten

Visierhelm, sondern mit freiwallenden Blondlocken unterm Spangenhelme,

mit dem scharfen Speer, dem funkelnden Langschwert und dem Skramasax

gewaffnet, den lindenen Randschild am Arm und sonst leicht und frei

gekleidet haben wir jene Helden unserer frühesten Vergangenheit zu

sehen.

Das und so vieles andere zeigen uns ihre Gräber. Wenn in vorhergehenden

Zeiten das germanische Volk seine Toten öfters durch Feuer bestattet

hatte, so fügte es ein glückliches Geschick, daß diese Sitte zu Beginn

unserer Zeitrechnung langsam erlosch. Seitdem begruben unsere Vorfahren

ihre Toten mit aller Pracht und Feierlichkeit, deren man damals fähig

war. Wem ist nicht die herrliche Schilderung Platens des Begräbnisses

gegenwärtig, das das Westgotenvolk seinem jugendlichen Könige Alarich

im Busento gerichtet hat?

Und wie viele Grabhügel, Hünengräber, Königsgräber im Norden und Süden

reden von gleichem! Riesige Friedhöfe zeugen von der Pietät und Liebe,

mit der die Germanen ihren Toten alles in ihre Ruhestatt mitgaben, was

ihnen im Jenseits zur Labe und zum Unterhalt, aber auch zum Wirken, zum

Kampf und zum Schutze, zur Pracht und zur Freude dienen mochte.

Da war es nicht nur völlige Kleidung und Körperschutz und Mantel,

reichster Schmuck an Spangen, Ringen, Schnallen und anderem, was man

dem Helden auf seinem dunkeln Wege ließ, da waren es vor allem alle

seine Waffen, Speer, Lang- und Kurzschwert, Dolch und Messer, Helm

und Schild, wohl auch Ringpanzer, was man den Helden auch fürder zu

begleiten für unentbehrlich hielt.

Sodann, was ihm nützlich, lieb, auch Zeichen seiner Würde war, wie

Siegelring und Ähnliches; nicht minder Geld und Gold auf den Weg; dazu

kleine Zehrung in allerlei Gefäßen von Ton, Glas, Bronze, Silber und

Gold, sogar geschlachtete Tiere für die weite Reise; und daß es an

Jagdbeute nicht fehle, daneben die Hunde, getötet. Zum Reiten dann,

zur Seite lang gelagert, das Lieblingsroß mit Zaum und Sattelzeug;

wollte er gar lieber fahren, so stand ihm dabei ein köstlicher, reich

mit Metall beschlagener Wagen, darauf sein Königsstuhl. Zuletzt gar,

so des Königs oder Häuptlings Reise vielleicht über Meer gehen konnte,

war alles das im schnellen Seeschiffe beigesetzt und gebreitet, mit

Schilden längs dem Bord, mit Ruderbänken, Riemen und Steuer.

Den Frauen schuf man nicht minder prächtiges Begräbnis, nur daß da die

Kriegswaffen und das dem Manne allein Eigene fehlte.

Im Binnenlande aber erbaute man wohl den Toten ein Steinhaus aus

riesigen Platten mit einem Felsen darüber, oder ein Holzhaus, innen

reich geschnitzt und bemalt, wie er es im Leben bewohnt hatte, und

setzte ihn mitten hinein in einem Sarge in Gestalt eines hölzernen

Bettes mit gedrehten oder geschnitzten Wänden.

Über all dem schüttete man den Grabhügel, wie einen Berg, für Große,

Häuptlinge und Könige.

[Sidenote: Friedhöfe]

Sonst aber legte man breite Friedhöfe an, später meist um ein

Heiligtum, eine Kapelle, auf denen das ganze Volk in langen Reihen,

in hölzernen oder steinernen Särgen, gemauerten, vielleicht auch nur

gegrabenen Grüften ruhte. Riesige Gottesgärten mit ihrem ganzen Inhalt

hat man in letzten Jahrzehnten aufgefunden und geöffnet; besonders

reiche, ja prächtige, was ihren Inhalt anlangt, in Italien und

Frankreich. Bald vergessen hatten sie ihre Schätze treu bewahrt und

geschützt, viel mehr denn tausend Jahre lang.

So können wir uns denn ein ziemlich vollständiges Bild machen

wenigstens von der Kleinkunst jener Zeiten bei den germanischen

Völkern, da wir ihre Zeugnisse noch heute in die Hand zu nehmen, zu

studieren und uns an ihnen zu erfreuen vermögen. Davon ist ein reicher

Schatz vor uns ausgebreitet.

Kleidung und Schmuck.

[Sidenote: Stoffe der Bekleidung]

Über die Kleidung der germanischen Stämme sind wir am besten

unterrichtet da, wo noch originale Dokumente sich erhielten. In

Dänemark insbesondere haben uns Funde im Moor, das alles, selbst

Stoffe wunderbar schützt, Überraschendes geliefert. Sonst müssen

uns bescheidene Reste, die etwa an verrosteten Waffen klebten, oder

bildliche Darstellungen, wie sie sich auf Römerwerken (Triumphsäulen)

bieten, zur Ergänzung der geschichtlichen Nachrichten behilflich sein.

Es ergibt sich, daß vor uralter Zeit die Germanen Lederschuhe, oft

schön geschnitten, manchmal eine Art Strümpfe, Hosen, Unterkleider und

Mantel trugen; bisweilen eine Mütze, wenngleich die Mehrzahl ihre Haare

frei wallen ließ. Von den farbigen Wollstoffen, die meist grün, rot

oder braun waren, sind damastartig gemusterte Reste vorhanden; auch

an Leinen fehlte es nicht. Selbst aber von Brokatstoffen, mit Gold

durchwirkten Borten und Ähnlichem sind Reste gefunden. Ganz reiche

Gewänder waren mit kleinen oder größeren Kleinodien besetzt, so gerne

mit nachgebildeten Käfern und Insekten; des Merowingers Childerich

Gewand mit goldenen, edelsteinbesetzten Bienen, wie sie später den

französischen Kaisermantel schmückten.

Die Franken liebten es, ihre Unterschenkel mit Binden und Riemen

zu umwickeln. -- Oft trugen sie darunter leinene Hosen, da Leinen

überhaupt in ähnlicher Weise wie heute noch zu Hemd und Unterkleid

verwandt wurde. Auch der Leibrock war später oft von Leinen.

Im Winter und im Norden war immer Pelzkleidung, die man gerne reich

gestaltete und mit schönem Besatze schmückte, gebräuchlich, aber die

Germanen behielten solche liebe Tracht überall bei; selbst in Spanien

noch war sie bei den Westgoten bis zum Arabereinbruche verbreitet.

[Sidenote: Riemen mit Beschlag]

Über die Schultern des mit farbigem Leibrock bekleideten Mannes wie

der Kleid und Mieder tragenden Frau fielen mantelartige, oft reich

gefärbte Gewänder, die rechts und links oben durch schöne Spangen oder

Langfibeln gehalten wurden. Die Rundfibeln auf der Brust der Frauen

waren häufig mit langen Haken zum Raffen der Kleider verbunden. Die

Ledergürtel trugen Beschlag von Eisen, Bronze, Silber und Gold, vor

allem oft herrliche Schnallen mannigfachster Gestalt, nicht selten

selbst mit Edelsteinen besetzte; gleiches galt für die allerlei Riemen,

die das Gewand durchkreuzten; herabhängende Riemenenden wurden mit

ähnlichen metallenen Riemenzungen abgeschlossen (Abb. 8). -- Am Gürtel

hing die reiche Bügeltasche und der Skramasax, auch Dolch und Messer;

nicht minder Ringe mit Toilettengegenständen, Schere, Zänglein und

Ohrlöffel, auch etwa Werkzeug wie Bohrer u. dgl.

Vielfache Spuren lassen es als sicher erscheinen, daß eine reiche

Behandlung des Leders, nicht nur der Schuhe, in Zierschnitt, Ausnähung,

Metallbesatz u. dgl. überall üblich war. Also eine Technik, die dem

germanischen Kunstgewerbe bis heute eigen blieb.

[Sidenote: Spangen]

Den schönen und meist großen, ja manchmal kolossalen Langfibeln auf den

Schultern wurde die feinste Kunst der Ausstattung zuteil. Sie hatte

sich aus der einfachsten Bronzespange, die der Sicherheitsnadel glich,

zum glänzenden Schmuckstück von reichster Arbeit entwickelt (Abb. 9,

Tafel I).

[Illustration: Abb. 8. Schnallen, Spangen, Riemenbeschlag,

Hängeschmuck.]

Ähnlichen Reichtum an Gestalt zeigen die Rundfibeln von broschenartiger

Form, derer vor allem die Frauen sich bedienten (Abb. 10, Tafel I).

[Sidenote: Ringe]

Dünne und dickere Ringe um die Handgelenke, feinere um die Finger,

Siegelringe bei den Großen schmückten den Mann, solche um den Hals

und verschiedenartigste zierlicher Art für die Ohrläppchen auch die

Frau. Dieser kam wie selbstverständlich noch mancherlei anderes zu,

so Kettenschmuck um den Hals, aus Perlen von Glas, Ton, Edelsteinen

und Bernstein, Silber und Gold; auch Reihen von Gehängen, Münzen,

Goldbrakteaten oft mächtiger Größe u. dgl. Überhaupt liebten die Frauen

hängenden Schmuck aller Art und Form, wie reich durchbrochene bronzene

Zierscheiben und dergleichen mit daran schwingenden Zierkettchen und

Gehängen. Dazu Nadeln reicher Gestalt, bisweilen mit Falkenköpfen, für

den Schmuck des Haares; Holzkästchen zur Aufbewahrung des Schmuckes gab

es dabei, von denen sich öfters der Bronzebeschlag erhielt.

[Sidenote: Toilettegegenstände]

Zugleich mangelte es nicht an Toilettegegenständen für allerlei Zwecke.

So sind in den Gräbern beinerne und elfenbeinerne Kämme (der der

Theudelinde zu Monza besteht sogar ausnahmsweise aus Gold mit Filigran

und Edelsteinen) sehr häufig; oft verziert mit dunklem Linienornament,

meistens Bogenfriesen, auch mit geschnitzten Tierköpfen und dergleichen

(vgl. Abb. 11).

Die erwähnte am Gürtel hängende Tasche trifft man häufig; ihren Bügel,

den noch heute üblichen ähnlich, stellte man gerne aus kostbarem Metall

mit Steinschmuck her. Sie barg Gold- und Geldschatz für den dunkeln Weg

des Toten.

Zuletzt gedenken wir der vielerlei sonstigen Zugaben, z. B. der

Amulette aus edlen Steinen, aus Jagdtrophäen, Zähnen, Krallen, Horn

oder Bein u. dgl.; Kugeln aus leuchtend klarem Bergkristall wurde eine

besonders schützende Kraft zugeschrieben.

Waffen zu Trutz und Schutz.

[Sidenote: Schwert (Spatha)]

Von alters her, schon zu den Zeiten, da es nur Bronze gab, um solche

zu schmieden, sind die langen Schwerter die Hauptwaffe der Germanen

gewesen. Ihre Herstellung aus Eisen oder Stahl gestaltete ihre Form

gänzlich um, da sich nun Griff und Klinge im Material wie in der Form

voneinander trennen mußten. Die mit großer Sorgfalt, ja mit unsäglicher

Mühe, wie uns die Wielandsage berichtet, zusammengeschmiedete Klinge,

die oftmals reich damasziert ist, bildet den Stolz des Besitzers durch

Härte und Schärfe; der kurze Griff schmückt das Werk in künstlerischer

Form und Ausstattung, das Ganze trägt dann einen weit klingenden Namen

(Balmung, Notung ...).

Der Rost hat jene edlen Klingen großenteils verzehrt, so daß wir nur

noch an dem reichen Schmucke des Heftes und Knaufes den Wert der

einstigen Waffe erkennen. Aber hier gibt es gar viel Schönes zu sehen,

an kostbarer Bekleidung des Griffes, an Schmuck und Besatz der kurzen

Querstange und des Knaufes in Gold und Edelsteinen wie in feiner Arbeit

in Filigran.

Das Schwert hing, wenn allein, an der rechten Seite an einem Riemen,

der über die Schulter ging.

Nicht minder prangten die Scheiden, die meist in Holz mit Lederüberzug

hergestellt waren, mit schönem Besatz. War ihre Fläche selber oft schon

mit allerlei Muster übersät, so bildeten die Fassungen am Eingange für

die Klinge, die Querringe und das Ortband die prächtigsten Zieraten.

[Sidenote: Skramasax]

Gleiches galt für das vor allem bei den Franken gebräuchliche

einschneidige Kurzschwert mit langem Griff, den breiten Skramasax, der

dem Krieger zur Rechten oder zur Linken hing.

Lange und kurze Messer wie Dolche wurden in gleicher Pracht geschmückt,

ebenso ihre Scheiden.

[Sidenote: Speer]

Der Speer mit breitem Blatte ist gelegentlich ein Gegenstand

liebevoller Durchbildung; selbst mit Silber und Gold wurde seine Klinge

eingelegt oder tauschiert, sein Schaft geschnitzt und mit reichen

Ringen von Edelmetall umfaßt.

[Sidenote: Axt]

Der fränkische Angon -- die Lanze mit langer dünner Eisenspitze und

Widerhaken -- diente zu reinem Kampfzwecke, erfuhr keine besondere

künstlerische Durchbildung. Die Franziska (francisque) dagegen, die

gefürchtete Streit- und Wurfaxt der Franken, besaß einen künstlerisch

hoch interessanten und eleganten Umriß.

[Sidenote: Bogen]

Bogen und Pfeile behielten naturgemäß der Regel nach die reine

Nutzform, die ihnen das Bedürfnis aufnötigte; doch wird berichtet,

daß der Eibenholzbogen manchmal geschmückt, ja mit Metall und Steinen

besetzt war; schöngezierte Bogenenden haben sich vorgefunden.

Die Köcher für die Pfeile erfreuten sich dagegen meist reicherer

Durchbildung mit Lederüberzug, Riemen- und Fransenschmuck, Metallringen

und selbst kostbarem Beschlag.

[Sidenote: Schild]

Die unentbehrlichste Schutzwaffe war der Schild; von alters her bei

den Germanen stets rund, aus Lindenholz, mit Leder überzogen. In der

Mitte hatte er ein Loch, um der fassenden Hand Platz zu gewähren,

die von hinten den darüber querliegenden Schildgriff ergriff. Sie

zu schützen erhob sich über der Handöffnung nach außen der hutartig

gestaltete Schildbuckel oder Nabel. Sein Rand war mit Nieten auf den

Schild befestigt, seine Spitze kegel- oder halbkugelförmig; der meist

aus Eisen bestehende Buckel war oft mit schönem Bronze-, manchmal

selbst mit Silber- oder gar Goldschmuck besetzt oder mit edlem Metall

überzogen und von Edelsteinen umgeben. Den Schild umzirkte ein Rand,

der bei einem besonders kostbaren ostgotischen sogar aus Gold mit roten

Edelsteinen in Zellen besteht. Die Lederfläche des Schildrundes war

wohl meist bemalt, benagelt, besetzt oder sonst geschmückt.

[Sidenote: Helm]

Helme schützten zuerst vorwiegend das Haupt der Könige und Führer

als Zeichen der Herrschaft, erst spät das der Krieger. Was uns

erhalten ist, zeigt uns meist den verzierten Spangenhelm von kegeliger

Kuppelform, oft mit Stirn- und Nasenschild, wohl auch mit Wangenschutz.

Die Spangen von Bronze oder Eisen geben die Stärke, die Felder

dazwischen, mit Reliefs und Ähnlichem gefüllt, aus edlerem Metall, wie

das Stirnschild, den Schmuck. Die nordische bildende Kunst versuchte

sich hier sogar in getriebenen figürlichen Darstellungen.

[Sidenote: Panzer]

Panzer, aus Ringen gebildet, Brünnen, fehlen nicht, ohne jedoch in den

Bereich der bildenden Kunst oder der Schmuckkunst zu treten.

Solche Bewaffnung (Abb. 11) genügte aber sicher, um den Träger zu einem

nicht nur geschützten und stark gerüsteten Kriegsmanne, sondern auch zu

einer prächtigen Erscheinung zu machen, wie solche von den Südländern

mit Staunen geschaut und von ihren Schriftstellern oft gepriesen wurde.

[Illustration: Abb. 11. Germanische Waffen und Toilettegegenstände.]

Weitere Ausstattung und Mitgabe.

[Sidenote: Gefäße]

Es kommen noch die verschiedenen Gefäße in Betracht, die die Pietät

der Trauernden mit Nahrung füllte für den weiten Weg, den der Tote vor

sich hatte. Dazu auch die Trinkgefäße; Trinkhörner mit Zierbeschlag

nach uralt nordischem Brauche für den Met und ähnliches Getränk, dessen

Genusse der Germane wie bekannt von jeher zugetan war. Die Vornehmen

tranken später auch gerne Wein, besonders gewürzten.

Geschadet hat dem Germanen, wie es scheint, diese Eigentümlichkeit in

den zweitausend Jahren, die wir ihn so kennen, zum Glücke eigentlich

wenig, trotz der verschiedenen Ansichten, die sich in den modernen

Bestrebungen und Moden nach entgegengesetzter Richtung zur Geltung zu

bringen suchen. Vielmehr mag ihn ein froher Trunk und heiteres Gelage

vor manchem Schlimmeren bewahrt haben.

[Sidenote: Glas]

Eine reizvolle Ergänzung fanden jene Gegenstände in den zahlreichen

Glasbechern verschiedenartigster Formung. Gewiß haben die Germanen

diese Technik von den darin so erfahrenen Römern gelernt und sich an

bei ihnen Übliches angeschlossen, doch bald mit erfreulichstem eigenem

Erfolge. Insbesondere haben die westlichen Franken hierauf große und

vielerlei Mühe verwandt, und so finden wir mannigfaltigste Grundformen

und Schmuckbildungen an ihren Glasgefäßen; Trinkhörner, Becher und

andere meist hohe fußlose Gefäße (Abb. 12), mit Glasfäden umflochten,

mit allerlei Vorragungen, Knuppen und rüsselartigen Auswüchsen

besetzt, bauchig, hohl, schlank, seltener breit. Auch mit reichem

Schmuck versehen durch eingeschliffenen oder aufgetragenen Zierat,

mit andersfarbigen Glasbändern, selbst ganz durchbrochenen Netzen,

meist blau und milchweiß, besetzt, verraten diese zuweilen ganz zarten

Arbeiten eine hohe Geschicklichkeit in Fortbildung römischer Vorbilder,

selbst der Diatretongefäße, oft aber auch in fast selbständigen

Erfindungen.

Zu den Trinkgefäßen in naher ethischer Beziehung stehen die beinernen

Würfel, den heutigen ähnlich, annähernd von Würfelgestalt, andere stark

verlängert, wie vierseitige Stäbchen gestaltet. Wir wissen, daß die

Germanen dem Spiele huldigten und der Würfelleidenschaft mehr als gut

unterworfen waren. -- Nicht minder liebte man später das Brettspiel;

auch von Spielbrettern erhielten sich zahlreiche Reste, selbst von

Musikinstrumenten.

[Illustration: Abb. 12. Fränkische Glasgefäße.]

[Sidenote: Holzgefäße]

Von anderen Gefäßen finden wir einfache Nutzgeräte, von der mit Pech

oder Harz gedichteten Holz- oder Spanschachtel und dem feineren

Trinkbecher aus Holz mit Bronzeschmuck und dem Holzeimer mit

Metallbeschlag, Reifen und Henkel bis zur bronzenen Prachtschale und

selbst silbernen und goldenen, reichen und großen Gefäßen, insbesondere

flachen Schalen oder schüsselartigen, darunter sich sogar mit

Edelsteinen besetzte oder mit Schmelz geschmückte finden.

[Sidenote: Ton]

Auch an Tongefäßen (Abb. 13) hat es nicht gefehlt, weder an Kannen,

Krügen, noch an Schüsseln und Vasen; ursprünglich nur mit der Hand ohne

Drehscheibe geformt zeigen diese Töpfereien an Zier meist Reihen von

eingedrückten Mustern, manchmal auch in einer Farbe aufgemalte; beides

mit Geschmack ausgeführt. Solche mit erhöhten Rippen und Knuppen sind

im Norden zahlreicher (Hannover). Ihre Farbe ist oft schwarzglänzend.

Selbst Kannen u. dgl., deren Gestalt die Tierform nachahmt, kommen vor.

Kurz, wenn auch die Gefäße in Ton weniger ansehnlich sind, vor allem

weil sie meist der Farbe, stets der Glasur entbehren, so bilden sie bei

näherem Studium doch ein reiches Feld, in bescheidenerem Rahmen Beweis

genug von dauerndem Bemühen der Germanen auch auf diesem Gebiete.

Wer die Reihen solcher Arbeiten, wie sie z. B. im hannoverschen

Provinzialmuseum in gewaltiger Menge sich dem Auge bieten, überblickt,

kann sich nicht verhehlen, daß auch in diesen vorwiegend mattglänzend

schwarzen Potterien von mannigfachster Gestaltung und Bildung eine

nicht ganz verächtliche künstlerische Arbeit niedergelegt ist.

[Illustration: Abb. 13. Germanische Tongefäße.]

[Sidenote: Pferdegeschirr]

War dies in der Regel, was man den Großen der Germanen ins Grab

mitzugeben pflegte, so finden sich auch sonst noch merkwürdige Dinge

genug. Da liegt, wie erzählt, neben dem Toten gar oft das getötete

Streitroß; und naturgemäß bei ihm dessen gesamte Ausstattung an

Geschirr und Sattelzeug. Geradezu herrliche Zäume, mit den in Gold

und Silber tauschierten eisernen oder bronzenen, silbernen, goldenen

Schnallen und Besatzstücken; selbst mit Email oder Edelsteinen

geschmückte schöne Gebiß- und Geschirrteile, Stirn- und Brustschmuck

gibt es, dazu Reste von reichen Sätteln, die besonders die Langobarden

mit getriebenen und mannigfach geschweiften Goldzieraten zu besetzen

liebten.

Natürlich mangeln dem Reiter dann die mannigfaltig gebildeten, meist

eisernen, oft reich tauschierten Sporen nicht.

Auch verzierte Hundehalsbänder glaubt man gefunden zu haben.

[Sidenote: Möbel]

Ja selbst Reste von metallenen Stühlen, mit Silber und Gold eingelegt,

traf man bei dem Toten, für seinen Gebrauch aufgestellt.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 28 / 114 题