Unendliche Arbeit ist getan für den Aufbau einer Geschichte der alten
Kunst der ganzen Welt. Fern im Osten, Süden und Westen durchwühlt
emsige Forschung die übereinander gelagerten Kulturschichten der
Jahrtausende. Langsam fügt sich Glied an Glied der Kette, die
zurückreicht bis in die Anfänge menschlicher Kultur.
Nicht die letzten dabei waren deutsche Männer, die ihre ganze Kraft
solchem Tun widmeten, die für griechische, ägyptische, assyrische graue
Vergangenheit und ihre Erhellung ihr Dasein einsetzten; und deutscher
Wissenschaft gebührt wie in anderen Dingen so auch hier hohe Ehre.
Doch erstaunlich -- wenn wir alle das Geleistete an uns vorüberziehen
lassen, wie mag es wohl kommen, daß gerade unser Eigenstes dabei
so stark zurücktritt? -- Warum scheint es bis heute immer noch
wichtiger und auch wissenschaftlich allein wert und würdig, seine
Kräfte so ferner Kultur zu widmen, warum gilt es für minderwertig, ja
dilettantenhaft, wenn einer sich angelegen sein läßt, auch von ältester
deutscher oder germanischer Kunst zu sagen und nach ihr zu forschen?
Ist es denn wirklich richtig, daß da ganz und gar nichts zu finden ist,
daß alles das, was dieser oder jener so nennen will, nichts anderes sein
soll, als entarteter und barbarisierter Abfall allein liebens- und
beachtenswerter südlicher und östlicher Art?
Und wo wirklich noch etwas sich zeigt, was den Blick der Bewunderung
doch auf sich zieht, und was dabei den Namen irgendeines nordischen
Barbarenstammes oder eines seiner Helden trägt, -- ist es denn allein
des Schweißes wert immer und immer wieder beweisen zu +wollen+, daß
dann solches Werk unmöglich barbarisch-nordischem Geist entsprungen
sein könne, -- daß überhaupt alles, was auf Kunstwert Anspruch erheben
kann, a priori Fremden zuzuweisen sein müsse?
Das scheint bisher wissenschaftlicher Grundsatz zu sein. Nur verworrene
oder phantastische Köpfe können von so bewährtem Grunde weichen. Und
wer gar von der patriotischen Pflicht sagt, die gebiete, was wirklich
germanisch sei, auch als solches zu würdigen, dem wird bedeutet, daß es
in der Kunst und Geschichte der Kunst keinen Patriotismus geben dürfe,
nur Wissenschaft allein; und die Wissenschaft lehre, daß alles Heil von
draußen komme.
Trotzdem sei es gewagt, hier nicht nur die Pflicht deutscher
Kunstgeschichte zu erfüllen, das was vermutlich doch dem Norden
und seinen Völkern geistig angehört, für sie wieder in Anspruch zu
nehmen, sondern auch den Beweis auf einem Gebiete wenigstens nicht
ganz unwissenschaftlich zu führen, daß dem wirklich so sei; und daß
Eigenart und Leistung nordisch-germanischer Völker nicht nur in Poesie
und Musik, sondern auch in sicht- und fühlbaren Werken ihrer Hand zu
finden möglich; daß solche Art in den allerersten Zeiten, da ihre Kraft
sich noch tastend versuchte, sich vielleicht am deutlichsten offenbare,
somit gerade diese Jugendzeit für jeden, der germanisches Wesen liebt,
von tiefster Bedeutung sein müsse.
[Illustration]
[Illustration: ALLGEMEINER TEIL]
[Sidenote: Heimat]
Für die Würdigung der Eigenart und des Werkes des germanischen Zweiges
der Indogermanen ist es unerheblich, ob der Urwohnort (so weit von
solchem zu sprechen) wirklich das iranische Hochland, oder ob nicht
gerade das norddeutsche Tiefland die Wiege der indogermanischen Stämme
sei, wie man das neuerdings behaupten will. Jedenfalls aber ist
Deutschland -- mit Skandinavien zusammen -- östlich weit ausgedehnt und
den nördlichen Teil Polens in sich fassend, als die Heimat wenigstens
der eigentlichen Germanen anzusehen. Selbst sind manche ruhiger
angelegte Stämme im engeren oder weiteren Bereiche dieser Heimat bis
heute geblieben; regsamere und meist reicher begabte wanderten früh
nach Südosten und Süden, andere nach Westen von dannen; bei diesen und
durch sie hat germanische Kultur und Kunst eine erste Höhe erreicht.
Was zurückblieb und die alten Stammsitze weiter bewohnte, verharrte
auch in der Entwicklung länger auf dem alten Standpunkte, hat von
eigener Kultur aus jener ersten Zeit weit weniger hinterlassen, lernte
vielmehr erst spät aus der zurückströmenden Kultur der anderen Stämme
ähnliches schaffen, wie jene.
[Sidenote: Völkerverschiebung und Völkerwanderung]
Der kraftvollste und edelste aller Stämme war der gotische, der früh
nach Südosten bis zum Schwarzen Meere zog. Von ihm lösten sich wieder
die Westgoten, nach stürmischen Siegeszuge die Balkanhalbinsel, dann
Italien und Südfrankreich gewinnend, um zuletzt ein neues Reich in
Spanien zu gründen, das erst im Kampfe gegen die Araber unterging.
Schon vorher hatten die stammlich nahestehenden Vandalen, ebenfalls
Ostgermanen, Nordafrika erobert. Ihr Königreich, das wunderbar rasch
erwachsen war, erlag freilich bald der List der Byzantiner und ihrer
Staats- und Kriegskunst.
Auch die Burgunden waren aus östlichem Bereich gekommen, gen
Sonnenuntergang bis an den Rhein gezogen, hatten dann aber, nachdem
die Hunnen sie dort fast vernichtet hatten, noch weiter im Westen, im
späteren Burgund, das sich bis nach der Rhonemündung erstreckte, sich
eine andere Heimat geschaffen.
Die Ostgoten, die unter Theoderich dem Großen in Italien eingedrungen
baldigst dieses Landes Herren wurden, gelangten rasch zur höchsten
politischen Macht; ihre Grenzen reichten bis nach Südfrankreich,
Sizilien, Ungarn und Dalmatien. Nach kaum sechzigjähriger Herrschaft
verloren aber auch sie Reich, Macht und Dasein und verschwanden
spurlos. Mit ihnen das glänzendste und bedeutsamste germanische
Staatengebilde jener Zeit. Ihnen erwuchsen in den Langobarden zuerst
Feinde, dann Nachfolger und Rächer. Seit 568, bis Karl der Große 774
ihr Reich stürzte, beherrschten sie fast ganz Italien.
Schon im 5. Jahrhundert hatten die salischen Franken unter Childerich,
dann Chlodowech Schritt für Schritt in unwiderstehlichem Siegeszuge
Frankreich durchdrungen und dort auf den Trümmern keltischer und
römischer Kulturen, später auch die Burgunden sich unterwerfend, einen
neuen mächtigen Germanenstaat geschaffen, den einzigen, der sich in
gleichmäßiger Entwicklung bis heute erhielt. Freilich ist längst sein
Germanentum unter dem wieder an die Oberfläche gelangten gallischen
Elemente verschwunden.
Selbst England hatten die eingebrochenen Angelsachsen germanisch
gemacht; ihr Königreich, durch schwere Kämpfe gegangen, bestand bis zum
Einbruch der Normannen, eines ebenfalls vorwiegend germanischen Volkes.
Doch ist dort das Angelsachsentum in der inneren Entwicklung bis heute
bestimmend und herrschend geblieben.
[Sidenote: Europa germanisch]
Überblicken wir dies ungeheure Gemälde, in dem wir die über das
gesamte westliche und südliche Europa herübergefluteten germanischen
Völkermassen vereinigt finden, so sehen wir vom 6. Jahrhundert an
ganz Europa, mit Ausnahme des heutigen Rußlands und der eigentlichen
Balkanhalbinsel, selbst die Nordküste Afrikas Germanen untertan oder
von ihnen bevölkert; und so kann es nicht wundernehmen, daß damals eine
völlig gleichartige und zwar germanische Kultur und Kunstauffassung,
freilich in der Folge ganz verschwunden und gegenüber der südöstlichen
so unendlich viel reicheren nicht beachtet, über alle diese Gebiete hin
herrschte, von der Krim an bis nach Lissabon, von Nordskandinavien und
England bis nach Karthago.
[Sidenote: Einheitliche Kunst der Germanen]
Mehr als anderes geben die Gräber und Kirchhöfe jener Völker hiervon
Zeugnis; und in so reichem Maße, Jahr für Jahr so ungeheure Mengen der
bemerkenswertesten Kunsterzeugnisse dem Tage wiederspendend, daß wir
heute wahrhaft erstaunen über solche ungeahnte Fülle altgermanischen
Werkes, vor allem aber über die unerwartete Einheit dieser Kunst, die,
durchaus verschieden von aller anderen gleichzeitigen, nur wenig von
ihr beeinflußt, beweist, daß der ungeheuren Völkermasse der Germanen
einerlei Art des Geschmacks, einerlei Art sich zu schmücken, zu
kleiden, zu waffnen, zu leben, gewiß auch zu wohnen und zu bauen eigen
war.
Mit dem Untergange der meisten dieser alten Reiche, mit dem langsamen
Übergange der überlebenden ins frühe Mittelalter zu einer völlig
anderen Art von Kultur und Dasein, mit der Vernichtung zuerst des
alten Glaubens, dann auch selbst der alten Poesie durch den römischen
Katholizismus, den Träger grundverschiedenen geistigen Lebens, versank
jene germanische Eigenart langsam wieder, nur noch ein letztes und
bescheidenes Dämmerleben führend in vergessenen Winkeln und Ecken, wie
Norwegen und Island, wo ihre spätesten Daseinsäußerungen fast bis in
unsere Tage reichen.
Dennoch ist, wie oben schon betont, die Einheit in jener Kunst so
groß und ihre Art so verschieden von der des Südens, ihre Masse dabei
so überwältigend, daß die schulmeisterliche Ungläubigkeit früherer
Geschlechter, die in den eigensten nordischen Kunstwerken immer noch
Händlerware sehen wollte, lange verstummte; wir erkennen heute darin
eine solche Selbständigkeit an Werk und Leistung, daß wir uns der
Gewalt der Rasseneigentümlichkeit ohne längeren Widerstand beugen
müssen. Wir fühlen, daß wir vor einem ganz selbständigen Kunstwesen
stehen, das langsam aus der Erde wieder hervortaucht, darin es solange
verborgen und vergessen gelegen.
Es sind völlig neue Eindrücke und Einwirkungen, die wir hier erleben,
vergleichbar denen jener vergangenen Jahrhunderte, da der europäischen
Kultur die so plötzlich hervortauchende östliche Wunderwelt der
Asiaten, die indische, chinesische, japanische als ein so ganz Neues
erschien, damals ein Zeugnis, daß im fernen Osten fremde Völker zu
einer bisher unbekannten Form der Schönheit und doch zu einer nicht
wenig merkwürdigen und selbständigen hatten gelangen können. Nur daß
das was sich heute unseren Augen bietet, +unser+ lange vergessenes und
verborgenes doch allereigenstes Erbe ist.
Nicht länger darf jemand also zu behaupten wagen, daß etwa im großen
römischen Reiche irgendwo Bronzegießer und Waffenschmiede, Goldarbeiter
und andere Kunsthandwerker niedrigstehende Kleinarbeiten, wie sie jenen
„Barbaren“ nötig waren, in ungeheuren Massen angefertigt und durch
Karawanen und Kaufleute in die unwirtlichen Hyperboräerlande gesandt
hätten im Austausch gegen Felle, Bernstein und ähnliche Erzeugnisse
nordischer Wildnis.
Vielmehr bergen selbst im sonnigen Italien noch ungezählte Gräber
von West- und Ostgoten oder Langobarden herrliche Kunst- und
Schmuckgegenstände, Kostbarkeiten, deren Schönheit neben der der
Leistungen der Römer und Griechen keineswegs verbleicht; ebenso wie die
Schätze uralter Kirchen des Südens als ihre köstlichsten Besitztümer
noch heute die Geschenke „barbarischer“ Könige und Königinnen aufweisen
aus Gold und Silber, mit funkelndem Gesteine überreich besetzt;
Kostbarkeiten mannigfaltigster Art und verschiedensten Stoffes, von
höchst eigener Formgebung, prächtiger Gestalt und Wirkung, doch jedem
Auge schon von weitem als „barbarisch“ erkennbar.
Langsam wird dann der Unname zum Ehrennamen für eine eigene Kultur.
Zahlreiche Bücher und Bilder sprechen heute bereits von Kunst und
Kunstgewerbe der „Barbaren“; jetzt beginnt dem Auge, das den Nebel
der Zeiten und jener wilden Kämpfe durchdringt, sich innerhalb des
seither da gesehenen Chaos und an seiner Statt sich eine der Ordnung
keineswegs entbehrende Welt, eine neue doch wohl gegliederte Kunstart
zu enthüllen: -- die älteste „germanische“.
Und hier triumphiert am Ende wieder einmal das Prinzip der Rasse.
Was jetzt als Ergebnis rein germanischer Art hervortritt, hat sein
eigenes Leben und seine eigenen Schönheitsgesetze; in ihrer Art nicht
minder wertvolle, als die im Bereiche uns seither wohl bekannter und
vertrauter anderer Rassen einst geltenden.
Sucht sich doch eine jegliche Art ihren Weg nach ihrem eigenen inneren
Gebote.
Wunderlich ist es nun, wie fremd uns inzwischen selber unser einstiges
Selbst geworden ist, wie schwer wir uns wieder in unseres Stammes und
unserer Heimat alte Kunstsprache zu finden wissen; es ist ein Weg
durch Jahrtausende zurück, nicht ohne Dornen, da unser Auge durch uns
stammfremdes Wesen und fremde Sitten so ganz umgewöhnt ist.
Und doch -- solches Versenken wirkt langsam neues Wunder. Freunde
echter Germanenkunst brechen in Scharen wieder hervor, Kenntnis und
Verständnis dafür wird täglich breiter, und die Freude an dieser wieder
entschleierten Schönheit wächst fort und fort. Jeder fühlt mit und
sucht zu ergründen, worin der Unterschied zwischen dem auferstandenen
und dem seither in Geltung gewesenen Schönheitsbegriffe bestehe,
worauf sich der jener Alten gründete, worin er gipfelte, -- und siehe,
es gelingt uns zuletzt völlig, denn alles das ist für uns ja nur der
Einzug ins Erbe der Väter.
[Sidenote: Fernere Denkmale]
Doch nicht Gräberfunde allein geben uns noch Zeugnis von dem vor
alters in jener Kunst Gewesenen und Geschaffenen, auch manch anderes
Denkmal spricht davon. So die allerlei Weihegaben und Angedenken, in
ehrwürdigen Gotteshäusern bewahrt; auch Beutestücke, Geschenke und
ähnliches in uralten Schatzkammern.
Nicht zu vergessen sodann der Nachrichten, die die Schriftsteller der
germanischen Völker von ihrem Dasein uns überlieferten. Hat doch das
Gotenvolk in Cassiodorius, Jordanis, Prokop, das Langobardenvolk in
Paulus Diaconus, das der gallischen Franken in Gregor von Tours, selbst
noch die Karolingerzeit in Einhard, wackere, wenn auch oft lakonische
und trockene, selbst einfältige Schilderer gefunden; aus manchem
Wort und manchem Gedicht welscher Poeten, wie denen des Venantius
Fortunatus, aus geschichtlichen Nachrichten, wie denen des Anonymus
des Valesius klingt anerkennendes oder gar begeistertes Lob und heller
Preis germanischer Kunstleistung, die jene Fremden einst in Erstaunen
gesetzt hat.
[Sidenote: Bauwerke]
Zuletzt aber ist die Reihe wirklich in Resten, ja selbst vollständig
erhaltener Baudenkmale aus den fernen Tagen germanischer Herrschaft
keineswegs ganz gering noch verächtlich. Steht doch in Italien
unter vielen anderen noch ein von je viel bewundertes Werk
frühester germanischer Baukunst: Theoderichs des Großen Grabmal,
das er sich selber errichtete. Auch das sogenannte Oratorium der
Langobardenherzogin Peltrudis oder Gertrudis in Cividale und vieles
Stück- und Trümmerwerk gehört dahin; -- in Spanien kennen wir den
Kirchenbau des Westgotenkönigs Reccesvinth zu Baños und manches
andere; von seinen Nachfolgern, den letzten Westgoten in Asturien, die
Königshalle von Sta. Maria de Naranco, das Oratorium von Sta. Cristina
de Lena und nicht weniges Ähnliche oft von hervorragendem Werte; in
Frankreich allerlei Merowinger- und Frankenbauwerk, wie St. Jean zu
Poitiers, die Karolingerkirche zu Germigny-des-Prés; in Deutschland die
Halle zu Lorsch, Karls des Großen Pfalzkirche zu Aachen und Heinrichs
I. Kapelle zu Quedlinburg; ihnen folgt noch eine Reihe karolingischer
und sächsischer Frühbauten nach altgermanischer Art. In England sind
der angelsächsischen Kirchenbauten so manche noch vorhanden, vor allem
die Kirchlein zu Bradford-on-Avon und Barton-on-Humber, die Türme von
Monkwearmouth und Earls Barton.
Als Spätwerke im hohen Norden folgen zuletzt die hölzernen Stabkirchen
Norwegens -- -- alles dies zusammen fürwahr ein nicht ganz geringer
Schatz an Denkmälern noch heute sicht- und greifbarer Art.
Wenn auch nicht viel im Vergleich zu der Fülle der Werke anderer Zeiten
und anderer Länder, so für uns um so unschätzbarer.
Sprechende Beweise dafür, daß wie den anderen von uns bisher allein
geschätzten Völkern, nicht minder auch den Germanen von Anfang an
eigenes künstlerisches Leben und Wollen inne wohnte, wenn es auch
zuerst freilich nur im bescheidenen Rahmen der Notdurft und im
Kleinsten wirkte und schuf, wenn auch so manche Anregung von außen kam
und erst der Eindruck fremden Könnens die eigene Tätigkeit anspornte
und befruchtete.
[Sidenote: Einwirkung von außen]
Denn keineswegs kann und soll dabei geleugnet werden, daß künstlerische
Einwirkungen genug aus anderen Kulturregionen, in germanische Gauen
eindringend, da Einfluß gewannen. Und manche südliche Form und
mancher fremde Gedanke seit der Etrusker-, Griechen- und Römerzeit
blieb bei den nordischen Barbaren haften, wandelte sich, nahm neue
Gestalt an, bildete den Keim zu neuer Entwicklung. Aber wer macht
Indern und Chinesen einen Vorwurf daraus, daß sie von westlicher
Kultur starke Einflüsse empfingen; wer anerkennt griechische Baukunst
deshalb weniger, weil die Grundformen ihrer Säulenarchitektur aus
Ägypten, Assyrien und anderen Ländern zu ihnen gewandert sind; wer gar
bezweifelt den ungeheuren Wert römischer Kunst, die doch fast alles dem
griechischen, klein- oder vorderasiatischen Osten entnahm?
In deutschen Landen gab und gibt es freilich noch immer Leute, die,
päpstlicher als der Papst, die Existenz einer deutschen oder weiter
gefaßt germanischen Kunst leugnen oder solche wenigstens möglichst
verkleinern und hinabdrücken zu müssen glauben, mit der steten
Wiederholung dessen, daß sich in ihr nachweislich so manches fremde
Element eingeschlichen habe, das dann vielleicht langsam unkenntlich
und umgestaltet worden, dessen künstlerischer Ursprung aber allein im
Süden und Osten zu finden sei.
Was macht das alles?
[Sidenote: Originalität]
Denn trotz alledem hat schon seit ihrem ersten Erwachen die germanische
Kunst eine so charakteristische Art entfaltet, immer wieder eigene
Wege eingeschlagen und etwaige fremde Motive und Elemente so gründlich
verarbeitet und umgeschmolzen, daß auch solche in den meisten Fällen
nicht mehr als eingewandert zu erkennen und völlig in die so ganz
verschieden geartete nordische Kunstweise eingefügt sind als ihr zu
eigen geworden. Und es bleibt außerdem noch so viel Selbständiges und
rein Germanisches lebendig, daß sich aus allem hier vor uns das Bild
eines ganz ebenso stark und wohl abgegrenzten Kunstwesens abhebt, als
das bisher anerkannter sonstiger Kunstzeiten.
Welchen ungeheuren Wert es aber für die gesamten germanischen Völker
haben muß, ihren Geist und ihr Wesen in ihrer eigensten Kunst im
Bild widergespiegelt zu sehen, gerade in jener, die sich als ihre
älteste zuerst auf noch unbebautem Boden damals entwickelte, als das
Germanentum in vollster Jugendfrische gleichsam neugeboren aus den
Wäldern hervortrat in das helle Tageslicht der Geschichte und in den
Gesichtskreis der schon alt gewordenen Kulturwelt, -- das ist nicht zu
ermessen. Denn nur hier ist die ursprüngliche Sonderart des Stammes
und der Rasse so weit, als überhaupt möglich, rein und unverfälscht
zu erkennen; was später erwuchs und was noch heute erwächst, -- sei
es noch so sehr germanischen Geistes echtes Kind, ward immer mehr das
Ergebnis unendlich viel fremder Kultur- und Geistesströme, die seit
fast zwei Jahrtausenden zu uns geflossen sind und sich mit dem ersten
und Hauptstrom reiner Urstammheit gemischt haben, bis es unser Eigentum
geworden.
So ist, obwohl man immer einen Albrecht Dürer in seinem Werke als
den deutschesten aller deutschen Künstler empfindet und mit Recht
bezeichnet, doch, wie er als einer der ersten die gewaltige Einwirkung
der aus dem Süden herüberflutenden Renaissancekunst empfand und
in sich verarbeitete, selbst schon seine Kunst als eine unendlich
differenzierte aus vielerlei Kultur erst zu einer neudeutschen
zusammengewachsene zu betrachten, so sehr gerade in ihm die germanische
Rasse in allem Wesentlichen in lange nicht gesehener Art aufs neue
triumphierte.
Ein ganz anderes bleibt es aber, die ersten Kunstäußerungen eines noch
ganz jungen und reinen Volkes zu beobachten, sich in sie zu vertiefen,
aus ihnen und ihrer oft noch unbeholfenen Ausdrucksweise die künftige
Art und den eigentlichen Inhalt seines Wesens zu erkennen, sozusagen
von des Kindes erstem stammelnden Laute alles sich bilden und gestalten
zu sehen, was in seinem Herzen seit Urzeiten träumend sich bewegte.
Was sich formte zu den ersten Werken seiner Hände und seines Geistes,
seiner Kunst und seiner Poesie, vom vielgestaltigen Schmucke aus seinen
Gräbern bis zum gewaltigen Grabmal Dietrichs von Bern, vom erhabenen
Sange von Walhallas Glanz bis zur wundersamen Klage von der Nibelungen
Not und Untergang.
Das allermeiste des Besten, das einst war, ist freilich
unwiederbringlich dahin und vernichtet. So versank ja auch die uralte
Götterlehre der Deutschen, und allein ein Stückwerk von Trümmern
hat sich in die isländische Edda gerettet, in dem schwer sich unser
unsicheres Tasten zurecht findet, und nur noch ein verschleierter Blick
in jenen an Gestalten und Gedanken so unendlich reichen Himmel der
Germanen möglich wird. Die Sammlung ihrer alten köstlichen Lieder,
die noch ein Karl der Große veranstalten ließ, hat traurige Pfaffheit
seines Sohnes vernichtet, ihre Reste haben dessen Geistesvettern
im Volke ausgerodet. Es ist nur noch das klingende Echo einstigen
ungeheuren dichterischen Besitzes, das in unseren Wäldern klagt.
* * * * *
[Sidenote: Humanismus]
Unübersehbare Arbeit ist der Pflege der Denkmäler antiker Kunst
und antiken Geistes gewidmet worden, auch von uns; treulichste
Sorgfalt seit Jahrtausenden darauf verwandt, der Griechen und Römer
künstlerische und geistige Arbeit zu erhalten und zu vererben, auch von
seiten gerade jener Geistlichkeit, die mit fanatischer Leidenschaft
jede Spur germanischen Wesens auszutilgen strebte. Seit fünf und mehr
Jahrhunderten sind humanistische Kreise am Werk, jenes löbliche Tun in
die weitesten Kreise zu pflanzen, und ist selbst unsere gesamte Bildung
auf jenem fremden geistigen Wesen, auf dem gräko-italischen Humanismus
aufgebaut. Das griechisch-römische Gymnasium ist bis heute die Quelle
und Vorstufe aller unserer geistigen und künstlerischen Bildung
geblieben.