DIE ÄLTESTE KUNST INSBESONDERE DIE BAUKUNST DER GERMANEN

Unendliche Arbeit ist getan für den Aufbau einer Geschichte der alten

Kunst der ganzen Welt. Fern im Osten, Süden und Westen durchwühlt

emsige Forschung die übereinander gelagerten Kulturschichten der

Jahrtausende. Langsam fügt sich Glied an Glied der Kette, die

zurückreicht bis in die Anfänge menschlicher Kultur.

Nicht die letzten dabei waren deutsche Männer, die ihre ganze Kraft

solchem Tun widmeten, die für griechische, ägyptische, assyrische graue

Vergangenheit und ihre Erhellung ihr Dasein einsetzten; und deutscher

Wissenschaft gebührt wie in anderen Dingen so auch hier hohe Ehre.

Doch erstaunlich -- wenn wir alle das Geleistete an uns vorüberziehen

lassen, wie mag es wohl kommen, daß gerade unser Eigenstes dabei

so stark zurücktritt? -- Warum scheint es bis heute immer noch

wichtiger und auch wissenschaftlich allein wert und würdig, seine

Kräfte so ferner Kultur zu widmen, warum gilt es für minderwertig, ja

dilettantenhaft, wenn einer sich angelegen sein läßt, auch von ältester

deutscher oder germanischer Kunst zu sagen und nach ihr zu forschen?

Ist es denn wirklich richtig, daß da ganz und gar nichts zu finden ist,

daß alles das, was dieser oder jener so nennen will, nichts anderes sein

soll, als entarteter und barbarisierter Abfall allein liebens- und

beachtenswerter südlicher und östlicher Art?

Und wo wirklich noch etwas sich zeigt, was den Blick der Bewunderung

doch auf sich zieht, und was dabei den Namen irgendeines nordischen

Barbarenstammes oder eines seiner Helden trägt, -- ist es denn allein

des Schweißes wert immer und immer wieder beweisen zu +wollen+, daß

dann solches Werk unmöglich barbarisch-nordischem Geist entsprungen

sein könne, -- daß überhaupt alles, was auf Kunstwert Anspruch erheben

kann, a priori Fremden zuzuweisen sein müsse?

Das scheint bisher wissenschaftlicher Grundsatz zu sein. Nur verworrene

oder phantastische Köpfe können von so bewährtem Grunde weichen. Und

wer gar von der patriotischen Pflicht sagt, die gebiete, was wirklich

germanisch sei, auch als solches zu würdigen, dem wird bedeutet, daß es

in der Kunst und Geschichte der Kunst keinen Patriotismus geben dürfe,

nur Wissenschaft allein; und die Wissenschaft lehre, daß alles Heil von

draußen komme.

Trotzdem sei es gewagt, hier nicht nur die Pflicht deutscher

Kunstgeschichte zu erfüllen, das was vermutlich doch dem Norden

und seinen Völkern geistig angehört, für sie wieder in Anspruch zu

nehmen, sondern auch den Beweis auf einem Gebiete wenigstens nicht

ganz unwissenschaftlich zu führen, daß dem wirklich so sei; und daß

Eigenart und Leistung nordisch-germanischer Völker nicht nur in Poesie

und Musik, sondern auch in sicht- und fühlbaren Werken ihrer Hand zu

finden möglich; daß solche Art in den allerersten Zeiten, da ihre Kraft

sich noch tastend versuchte, sich vielleicht am deutlichsten offenbare,

somit gerade diese Jugendzeit für jeden, der germanisches Wesen liebt,

von tiefster Bedeutung sein müsse.

[Illustration]

[Illustration: ALLGEMEINER TEIL]

[Sidenote: Heimat]

Für die Würdigung der Eigenart und des Werkes des germanischen Zweiges

der Indogermanen ist es unerheblich, ob der Urwohnort (so weit von

solchem zu sprechen) wirklich das iranische Hochland, oder ob nicht

gerade das norddeutsche Tiefland die Wiege der indogermanischen Stämme

sei, wie man das neuerdings behaupten will. Jedenfalls aber ist

Deutschland -- mit Skandinavien zusammen -- östlich weit ausgedehnt und

den nördlichen Teil Polens in sich fassend, als die Heimat wenigstens

der eigentlichen Germanen anzusehen. Selbst sind manche ruhiger

angelegte Stämme im engeren oder weiteren Bereiche dieser Heimat bis

heute geblieben; regsamere und meist reicher begabte wanderten früh

nach Südosten und Süden, andere nach Westen von dannen; bei diesen und

durch sie hat germanische Kultur und Kunst eine erste Höhe erreicht.

Was zurückblieb und die alten Stammsitze weiter bewohnte, verharrte

auch in der Entwicklung länger auf dem alten Standpunkte, hat von

eigener Kultur aus jener ersten Zeit weit weniger hinterlassen, lernte

vielmehr erst spät aus der zurückströmenden Kultur der anderen Stämme

ähnliches schaffen, wie jene.

[Sidenote: Völkerverschiebung und Völkerwanderung]

Der kraftvollste und edelste aller Stämme war der gotische, der früh

nach Südosten bis zum Schwarzen Meere zog. Von ihm lösten sich wieder

die Westgoten, nach stürmischen Siegeszuge die Balkanhalbinsel, dann

Italien und Südfrankreich gewinnend, um zuletzt ein neues Reich in

Spanien zu gründen, das erst im Kampfe gegen die Araber unterging.

Schon vorher hatten die stammlich nahestehenden Vandalen, ebenfalls

Ostgermanen, Nordafrika erobert. Ihr Königreich, das wunderbar rasch

erwachsen war, erlag freilich bald der List der Byzantiner und ihrer

Staats- und Kriegskunst.

Auch die Burgunden waren aus östlichem Bereich gekommen, gen

Sonnenuntergang bis an den Rhein gezogen, hatten dann aber, nachdem

die Hunnen sie dort fast vernichtet hatten, noch weiter im Westen, im

späteren Burgund, das sich bis nach der Rhonemündung erstreckte, sich

eine andere Heimat geschaffen.

Die Ostgoten, die unter Theoderich dem Großen in Italien eingedrungen

baldigst dieses Landes Herren wurden, gelangten rasch zur höchsten

politischen Macht; ihre Grenzen reichten bis nach Südfrankreich,

Sizilien, Ungarn und Dalmatien. Nach kaum sechzigjähriger Herrschaft

verloren aber auch sie Reich, Macht und Dasein und verschwanden

spurlos. Mit ihnen das glänzendste und bedeutsamste germanische

Staatengebilde jener Zeit. Ihnen erwuchsen in den Langobarden zuerst

Feinde, dann Nachfolger und Rächer. Seit 568, bis Karl der Große 774

ihr Reich stürzte, beherrschten sie fast ganz Italien.

Schon im 5. Jahrhundert hatten die salischen Franken unter Childerich,

dann Chlodowech Schritt für Schritt in unwiderstehlichem Siegeszuge

Frankreich durchdrungen und dort auf den Trümmern keltischer und

römischer Kulturen, später auch die Burgunden sich unterwerfend, einen

neuen mächtigen Germanenstaat geschaffen, den einzigen, der sich in

gleichmäßiger Entwicklung bis heute erhielt. Freilich ist längst sein

Germanentum unter dem wieder an die Oberfläche gelangten gallischen

Elemente verschwunden.

Selbst England hatten die eingebrochenen Angelsachsen germanisch

gemacht; ihr Königreich, durch schwere Kämpfe gegangen, bestand bis zum

Einbruch der Normannen, eines ebenfalls vorwiegend germanischen Volkes.

Doch ist dort das Angelsachsentum in der inneren Entwicklung bis heute

bestimmend und herrschend geblieben.

[Sidenote: Europa germanisch]

Überblicken wir dies ungeheure Gemälde, in dem wir die über das

gesamte westliche und südliche Europa herübergefluteten germanischen

Völkermassen vereinigt finden, so sehen wir vom 6. Jahrhundert an

ganz Europa, mit Ausnahme des heutigen Rußlands und der eigentlichen

Balkanhalbinsel, selbst die Nordküste Afrikas Germanen untertan oder

von ihnen bevölkert; und so kann es nicht wundernehmen, daß damals eine

völlig gleichartige und zwar germanische Kultur und Kunstauffassung,

freilich in der Folge ganz verschwunden und gegenüber der südöstlichen

so unendlich viel reicheren nicht beachtet, über alle diese Gebiete hin

herrschte, von der Krim an bis nach Lissabon, von Nordskandinavien und

England bis nach Karthago.

[Sidenote: Einheitliche Kunst der Germanen]

Mehr als anderes geben die Gräber und Kirchhöfe jener Völker hiervon

Zeugnis; und in so reichem Maße, Jahr für Jahr so ungeheure Mengen der

bemerkenswertesten Kunsterzeugnisse dem Tage wiederspendend, daß wir

heute wahrhaft erstaunen über solche ungeahnte Fülle altgermanischen

Werkes, vor allem aber über die unerwartete Einheit dieser Kunst, die,

durchaus verschieden von aller anderen gleichzeitigen, nur wenig von

ihr beeinflußt, beweist, daß der ungeheuren Völkermasse der Germanen

einerlei Art des Geschmacks, einerlei Art sich zu schmücken, zu

kleiden, zu waffnen, zu leben, gewiß auch zu wohnen und zu bauen eigen

war.

Mit dem Untergange der meisten dieser alten Reiche, mit dem langsamen

Übergange der überlebenden ins frühe Mittelalter zu einer völlig

anderen Art von Kultur und Dasein, mit der Vernichtung zuerst des

alten Glaubens, dann auch selbst der alten Poesie durch den römischen

Katholizismus, den Träger grundverschiedenen geistigen Lebens, versank

jene germanische Eigenart langsam wieder, nur noch ein letztes und

bescheidenes Dämmerleben führend in vergessenen Winkeln und Ecken, wie

Norwegen und Island, wo ihre spätesten Daseinsäußerungen fast bis in

unsere Tage reichen.

Dennoch ist, wie oben schon betont, die Einheit in jener Kunst so

groß und ihre Art so verschieden von der des Südens, ihre Masse dabei

so überwältigend, daß die schulmeisterliche Ungläubigkeit früherer

Geschlechter, die in den eigensten nordischen Kunstwerken immer noch

Händlerware sehen wollte, lange verstummte; wir erkennen heute darin

eine solche Selbständigkeit an Werk und Leistung, daß wir uns der

Gewalt der Rasseneigentümlichkeit ohne längeren Widerstand beugen

müssen. Wir fühlen, daß wir vor einem ganz selbständigen Kunstwesen

stehen, das langsam aus der Erde wieder hervortaucht, darin es solange

verborgen und vergessen gelegen.

Es sind völlig neue Eindrücke und Einwirkungen, die wir hier erleben,

vergleichbar denen jener vergangenen Jahrhunderte, da der europäischen

Kultur die so plötzlich hervortauchende östliche Wunderwelt der

Asiaten, die indische, chinesische, japanische als ein so ganz Neues

erschien, damals ein Zeugnis, daß im fernen Osten fremde Völker zu

einer bisher unbekannten Form der Schönheit und doch zu einer nicht

wenig merkwürdigen und selbständigen hatten gelangen können. Nur daß

das was sich heute unseren Augen bietet, +unser+ lange vergessenes und

verborgenes doch allereigenstes Erbe ist.

Nicht länger darf jemand also zu behaupten wagen, daß etwa im großen

römischen Reiche irgendwo Bronzegießer und Waffenschmiede, Goldarbeiter

und andere Kunsthandwerker niedrigstehende Kleinarbeiten, wie sie jenen

„Barbaren“ nötig waren, in ungeheuren Massen angefertigt und durch

Karawanen und Kaufleute in die unwirtlichen Hyperboräerlande gesandt

hätten im Austausch gegen Felle, Bernstein und ähnliche Erzeugnisse

nordischer Wildnis.

Vielmehr bergen selbst im sonnigen Italien noch ungezählte Gräber

von West- und Ostgoten oder Langobarden herrliche Kunst- und

Schmuckgegenstände, Kostbarkeiten, deren Schönheit neben der der

Leistungen der Römer und Griechen keineswegs verbleicht; ebenso wie die

Schätze uralter Kirchen des Südens als ihre köstlichsten Besitztümer

noch heute die Geschenke „barbarischer“ Könige und Königinnen aufweisen

aus Gold und Silber, mit funkelndem Gesteine überreich besetzt;

Kostbarkeiten mannigfaltigster Art und verschiedensten Stoffes, von

höchst eigener Formgebung, prächtiger Gestalt und Wirkung, doch jedem

Auge schon von weitem als „barbarisch“ erkennbar.

Langsam wird dann der Unname zum Ehrennamen für eine eigene Kultur.

Zahlreiche Bücher und Bilder sprechen heute bereits von Kunst und

Kunstgewerbe der „Barbaren“; jetzt beginnt dem Auge, das den Nebel

der Zeiten und jener wilden Kämpfe durchdringt, sich innerhalb des

seither da gesehenen Chaos und an seiner Statt sich eine der Ordnung

keineswegs entbehrende Welt, eine neue doch wohl gegliederte Kunstart

zu enthüllen: -- die älteste „germanische“.

Und hier triumphiert am Ende wieder einmal das Prinzip der Rasse.

Was jetzt als Ergebnis rein germanischer Art hervortritt, hat sein

eigenes Leben und seine eigenen Schönheitsgesetze; in ihrer Art nicht

minder wertvolle, als die im Bereiche uns seither wohl bekannter und

vertrauter anderer Rassen einst geltenden.

Sucht sich doch eine jegliche Art ihren Weg nach ihrem eigenen inneren

Gebote.

Wunderlich ist es nun, wie fremd uns inzwischen selber unser einstiges

Selbst geworden ist, wie schwer wir uns wieder in unseres Stammes und

unserer Heimat alte Kunstsprache zu finden wissen; es ist ein Weg

durch Jahrtausende zurück, nicht ohne Dornen, da unser Auge durch uns

stammfremdes Wesen und fremde Sitten so ganz umgewöhnt ist.

Und doch -- solches Versenken wirkt langsam neues Wunder. Freunde

echter Germanenkunst brechen in Scharen wieder hervor, Kenntnis und

Verständnis dafür wird täglich breiter, und die Freude an dieser wieder

entschleierten Schönheit wächst fort und fort. Jeder fühlt mit und

sucht zu ergründen, worin der Unterschied zwischen dem auferstandenen

und dem seither in Geltung gewesenen Schönheitsbegriffe bestehe,

worauf sich der jener Alten gründete, worin er gipfelte, -- und siehe,

es gelingt uns zuletzt völlig, denn alles das ist für uns ja nur der

Einzug ins Erbe der Väter.

[Sidenote: Fernere Denkmale]

Doch nicht Gräberfunde allein geben uns noch Zeugnis von dem vor

alters in jener Kunst Gewesenen und Geschaffenen, auch manch anderes

Denkmal spricht davon. So die allerlei Weihegaben und Angedenken, in

ehrwürdigen Gotteshäusern bewahrt; auch Beutestücke, Geschenke und

ähnliches in uralten Schatzkammern.

Nicht zu vergessen sodann der Nachrichten, die die Schriftsteller der

germanischen Völker von ihrem Dasein uns überlieferten. Hat doch das

Gotenvolk in Cassiodorius, Jordanis, Prokop, das Langobardenvolk in

Paulus Diaconus, das der gallischen Franken in Gregor von Tours, selbst

noch die Karolingerzeit in Einhard, wackere, wenn auch oft lakonische

und trockene, selbst einfältige Schilderer gefunden; aus manchem

Wort und manchem Gedicht welscher Poeten, wie denen des Venantius

Fortunatus, aus geschichtlichen Nachrichten, wie denen des Anonymus

des Valesius klingt anerkennendes oder gar begeistertes Lob und heller

Preis germanischer Kunstleistung, die jene Fremden einst in Erstaunen

gesetzt hat.

[Sidenote: Bauwerke]

Zuletzt aber ist die Reihe wirklich in Resten, ja selbst vollständig

erhaltener Baudenkmale aus den fernen Tagen germanischer Herrschaft

keineswegs ganz gering noch verächtlich. Steht doch in Italien

unter vielen anderen noch ein von je viel bewundertes Werk

frühester germanischer Baukunst: Theoderichs des Großen Grabmal,

das er sich selber errichtete. Auch das sogenannte Oratorium der

Langobardenherzogin Peltrudis oder Gertrudis in Cividale und vieles

Stück- und Trümmerwerk gehört dahin; -- in Spanien kennen wir den

Kirchenbau des Westgotenkönigs Reccesvinth zu Baños und manches

andere; von seinen Nachfolgern, den letzten Westgoten in Asturien, die

Königshalle von Sta. Maria de Naranco, das Oratorium von Sta. Cristina

de Lena und nicht weniges Ähnliche oft von hervorragendem Werte; in

Frankreich allerlei Merowinger- und Frankenbauwerk, wie St. Jean zu

Poitiers, die Karolingerkirche zu Germigny-des-Prés; in Deutschland die

Halle zu Lorsch, Karls des Großen Pfalzkirche zu Aachen und Heinrichs

I. Kapelle zu Quedlinburg; ihnen folgt noch eine Reihe karolingischer

und sächsischer Frühbauten nach altgermanischer Art. In England sind

der angelsächsischen Kirchenbauten so manche noch vorhanden, vor allem

die Kirchlein zu Bradford-on-Avon und Barton-on-Humber, die Türme von

Monkwearmouth und Earls Barton.

Als Spätwerke im hohen Norden folgen zuletzt die hölzernen Stabkirchen

Norwegens -- -- alles dies zusammen fürwahr ein nicht ganz geringer

Schatz an Denkmälern noch heute sicht- und greifbarer Art.

Wenn auch nicht viel im Vergleich zu der Fülle der Werke anderer Zeiten

und anderer Länder, so für uns um so unschätzbarer.

Sprechende Beweise dafür, daß wie den anderen von uns bisher allein

geschätzten Völkern, nicht minder auch den Germanen von Anfang an

eigenes künstlerisches Leben und Wollen inne wohnte, wenn es auch

zuerst freilich nur im bescheidenen Rahmen der Notdurft und im

Kleinsten wirkte und schuf, wenn auch so manche Anregung von außen kam

und erst der Eindruck fremden Könnens die eigene Tätigkeit anspornte

und befruchtete.

[Sidenote: Einwirkung von außen]

Denn keineswegs kann und soll dabei geleugnet werden, daß künstlerische

Einwirkungen genug aus anderen Kulturregionen, in germanische Gauen

eindringend, da Einfluß gewannen. Und manche südliche Form und

mancher fremde Gedanke seit der Etrusker-, Griechen- und Römerzeit

blieb bei den nordischen Barbaren haften, wandelte sich, nahm neue

Gestalt an, bildete den Keim zu neuer Entwicklung. Aber wer macht

Indern und Chinesen einen Vorwurf daraus, daß sie von westlicher

Kultur starke Einflüsse empfingen; wer anerkennt griechische Baukunst

deshalb weniger, weil die Grundformen ihrer Säulenarchitektur aus

Ägypten, Assyrien und anderen Ländern zu ihnen gewandert sind; wer gar

bezweifelt den ungeheuren Wert römischer Kunst, die doch fast alles dem

griechischen, klein- oder vorderasiatischen Osten entnahm?

In deutschen Landen gab und gibt es freilich noch immer Leute, die,

päpstlicher als der Papst, die Existenz einer deutschen oder weiter

gefaßt germanischen Kunst leugnen oder solche wenigstens möglichst

verkleinern und hinabdrücken zu müssen glauben, mit der steten

Wiederholung dessen, daß sich in ihr nachweislich so manches fremde

Element eingeschlichen habe, das dann vielleicht langsam unkenntlich

und umgestaltet worden, dessen künstlerischer Ursprung aber allein im

Süden und Osten zu finden sei.

Was macht das alles?

[Sidenote: Originalität]

Denn trotz alledem hat schon seit ihrem ersten Erwachen die germanische

Kunst eine so charakteristische Art entfaltet, immer wieder eigene

Wege eingeschlagen und etwaige fremde Motive und Elemente so gründlich

verarbeitet und umgeschmolzen, daß auch solche in den meisten Fällen

nicht mehr als eingewandert zu erkennen und völlig in die so ganz

verschieden geartete nordische Kunstweise eingefügt sind als ihr zu

eigen geworden. Und es bleibt außerdem noch so viel Selbständiges und

rein Germanisches lebendig, daß sich aus allem hier vor uns das Bild

eines ganz ebenso stark und wohl abgegrenzten Kunstwesens abhebt, als

das bisher anerkannter sonstiger Kunstzeiten.

Welchen ungeheuren Wert es aber für die gesamten germanischen Völker

haben muß, ihren Geist und ihr Wesen in ihrer eigensten Kunst im

Bild widergespiegelt zu sehen, gerade in jener, die sich als ihre

älteste zuerst auf noch unbebautem Boden damals entwickelte, als das

Germanentum in vollster Jugendfrische gleichsam neugeboren aus den

Wäldern hervortrat in das helle Tageslicht der Geschichte und in den

Gesichtskreis der schon alt gewordenen Kulturwelt, -- das ist nicht zu

ermessen. Denn nur hier ist die ursprüngliche Sonderart des Stammes

und der Rasse so weit, als überhaupt möglich, rein und unverfälscht

zu erkennen; was später erwuchs und was noch heute erwächst, -- sei

es noch so sehr germanischen Geistes echtes Kind, ward immer mehr das

Ergebnis unendlich viel fremder Kultur- und Geistesströme, die seit

fast zwei Jahrtausenden zu uns geflossen sind und sich mit dem ersten

und Hauptstrom reiner Urstammheit gemischt haben, bis es unser Eigentum

geworden.

So ist, obwohl man immer einen Albrecht Dürer in seinem Werke als

den deutschesten aller deutschen Künstler empfindet und mit Recht

bezeichnet, doch, wie er als einer der ersten die gewaltige Einwirkung

der aus dem Süden herüberflutenden Renaissancekunst empfand und

in sich verarbeitete, selbst schon seine Kunst als eine unendlich

differenzierte aus vielerlei Kultur erst zu einer neudeutschen

zusammengewachsene zu betrachten, so sehr gerade in ihm die germanische

Rasse in allem Wesentlichen in lange nicht gesehener Art aufs neue

triumphierte.

Ein ganz anderes bleibt es aber, die ersten Kunstäußerungen eines noch

ganz jungen und reinen Volkes zu beobachten, sich in sie zu vertiefen,

aus ihnen und ihrer oft noch unbeholfenen Ausdrucksweise die künftige

Art und den eigentlichen Inhalt seines Wesens zu erkennen, sozusagen

von des Kindes erstem stammelnden Laute alles sich bilden und gestalten

zu sehen, was in seinem Herzen seit Urzeiten träumend sich bewegte.

Was sich formte zu den ersten Werken seiner Hände und seines Geistes,

seiner Kunst und seiner Poesie, vom vielgestaltigen Schmucke aus seinen

Gräbern bis zum gewaltigen Grabmal Dietrichs von Bern, vom erhabenen

Sange von Walhallas Glanz bis zur wundersamen Klage von der Nibelungen

Not und Untergang.

Das allermeiste des Besten, das einst war, ist freilich

unwiederbringlich dahin und vernichtet. So versank ja auch die uralte

Götterlehre der Deutschen, und allein ein Stückwerk von Trümmern

hat sich in die isländische Edda gerettet, in dem schwer sich unser

unsicheres Tasten zurecht findet, und nur noch ein verschleierter Blick

in jenen an Gestalten und Gedanken so unendlich reichen Himmel der

Germanen möglich wird. Die Sammlung ihrer alten köstlichen Lieder,

die noch ein Karl der Große veranstalten ließ, hat traurige Pfaffheit

seines Sohnes vernichtet, ihre Reste haben dessen Geistesvettern

im Volke ausgerodet. Es ist nur noch das klingende Echo einstigen

ungeheuren dichterischen Besitzes, das in unseren Wäldern klagt.

* * * * *

[Sidenote: Humanismus]

Unübersehbare Arbeit ist der Pflege der Denkmäler antiker Kunst

und antiken Geistes gewidmet worden, auch von uns; treulichste

Sorgfalt seit Jahrtausenden darauf verwandt, der Griechen und Römer

künstlerische und geistige Arbeit zu erhalten und zu vererben, auch von

seiten gerade jener Geistlichkeit, die mit fanatischer Leidenschaft

jede Spur germanischen Wesens auszutilgen strebte. Seit fünf und mehr

Jahrhunderten sind humanistische Kreise am Werk, jenes löbliche Tun in

die weitesten Kreise zu pflanzen, und ist selbst unsere gesamte Bildung

auf jenem fremden geistigen Wesen, auf dem gräko-italischen Humanismus

aufgebaut. Das griechisch-römische Gymnasium ist bis heute die Quelle

und Vorstufe aller unserer geistigen und künstlerischen Bildung

geblieben.

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 26 / 114 题