»Ich will mit den Bestien einmal reden. Witzig genug will ich sein; sie
wissen bald nicht, wohin sie den Kopf stecken sollen.«
Der blonde Trzka schmetterte seinen Degen über den Tisch: »Der Spanier den
verruchten Bayern beigesellt. Aldringen dazu.«
»Die Jesuiten wissen, was sie vornehmen. Wenn's übel ausgeht, finden sie
ein anderes Kollegium, der Kaiser aber kein anderes Land. Trzka, du wirst
dein kleines Weibchen eine Weile nach Kaunitz schicken müssen. Wir werden
einige heiße Wochen bekommen. Sieh an, sie zwingen mich. Sie setzen uns den
krummen Feria auf die Nase. Es ist mir keine Freude, ich hatte es anders
vor. Ein Wunsch des Königs Philipp, den giftigen Bayern zu unterstützen:
haha, das setzen sie mir vor. Der Feria soll sich nicht mißbrauchen lassen,
er ist mir unterstellt, er mag es mit mir aufnehmen.« Der Herzog diktierte
im Bett den Befehl an den Mailänder, sich seiner Wege zu scheren und nicht
unaufgefordert sich in deutsche Kriegshändel zu mischen. Es werde ein
deutsches Fähnlein ihm entgegengesandt werden, um ihn den richtigen Weg
durch Deutschland und aus Deutschland heraus zu führen. Friedland legte
sich zurück: »Die Jesuitenkanaille riecht den Braten.« Neumann, die
Schreibtafel ablegend: »Ilow trifft heute ein aus den Quartieren; wir
werden ihn orientieren müssen.« »Heiße Wochen, Neumann. Ilow soll das Lager
kommandieren.« »Ilow wird sich freuen.«
Der Herzog stellte den beiden Fremden Schlitten zu Fahrten zur Verfügung.
Sie machten davon keinen Gebrauch; sie fürchteten, daß sie von den Fahrten
nicht lebend heimkommen würden. Theaterspiele lehnten sie ab, suchten,
unmerklich von Spionen des Herzogs umgeben, Berührung mit den hohen
Offizieren des Lagers. Es erregte die Freude Trzkas und auch des Herzogs,
als es schien, die Herren näherten sich besonders dem Grafen Gallas, dem
strengen würdigen Mann, der von dem Herzog hochgeehrt war; an ihn ließen
sie ihn gern heran. Gallas konnte dem spionierenden Trzka dann aber nichts
Rechtes von den Unterhaltungen berichten; die beiden Fremden hätten ihn nur
über Lagerzucht und wie fest die Kriegsoffiziere und Obersten zu ihrem
Feldhauptmann stünden ausgeholt.
Graf Gallas vermeldete nicht, was die beiden kaiserlichen Gesandten ihm auf
Zetteln, da sie nicht zu reden wagten vor Lauschern, zugetragen hatten: daß
man den zu Friedland einer zweifelhaften Gesinnung zeihe angesichts
gewisser zugekommener Nachrichten. Daß man befürchte, er werde sich des
Heeres in kaiserfeindlichem Sinne bedienen. Ob man vertrauen könne, daß
sich Graf Gallas seines Eides besänne. Diese Zettel waren ein Werk
Schlicks, das er zum knirschenden Widerstand Questenbergs unternommen
hatte. Wie ein Kind wurde von dem harten engstirnigen Schlick der dicke
Questenberg durch das Lager gezerrt; jeder Besuch enthüllte Questenberg mit
Schrecken, daß ein feindlicher Geist im Lager und in Pilsen wehte; die
sonderbar fremde beobachtende Haltung Trzkas Neumanns Kinskys, besonders
dieses Kinskys, der herausfordernd offen in Pilsen sich bewegte, obwohl er
verbannt war und der Herzog ihn in Eisen schlagen mußte. »Wir haben einen
Unsinn angerichtet, der Herzog wird kopfscheu vor uns gemacht«, stöhnte
Questenberg, als der Boden ihm unter den Füßen versank; er sann jemanden zu
Hilfe zu rufen, Trautmannsdorf oder Eggenberg. Aber Schlick ging rasch und
gnadenlos vor. Dem war alles klar, der kannte nicht Wallenstein, trieb wie
ein losgerissenes Floß im Strom, riß Brückenpfeiler ab, schrammte das Ufer,
kippte Boote.
In seiner Not um Friedland brachte es Questenberg über sich, den harmlosen
freundlichen Grafen Trzka zur Rede zu stellen und insgeheim vieles mit ihm
zu durchsprechen. Er gab seiner innigen Liebe zu Friedland Ausdruck; es
läge ihm daran alles ins gleiche zu bringen, man möchte ihm helfen dabei;
Trzka sähe doch selbst, daß sich ein Abgrund zwischen dem Herzog und dem
Kaiserhause auftun müsse, wenn jedes auf seinem Schein bestehen bliebe. Der
andere war auch wirklich gerührt von dem herzlichen Ton des Gesandten, bat
nichts zu unternehmen, was den Konflikt verschärfen könnte, er werde sich
an den General wenden. Dann aber, wie Trzka schleppend auf dem Weg zu
Friedland war, schämte er sich; die Aufgabe war sehr peinlich, er fühlte
sich schwach. Dem Questenberg gegenüber schämte er sich seiner Untätigkeit,
faselte von Friedlands Geneigtheit nachzugeben; der Kaiserliche freute
sich, dankte überströmend; Trzka log sich die Aufgabe vom Leibe.
Und so ließ Questenberg, im Vertrauen auf die vorgehende Versöhnungsaktion,
dem bösen wilden Schlick freie Hand, auch gegen Gallas. Er bekam es fertig,
hoheitsvoll über diese Aktionen zu lächeln und sich in Vertrauen auf seine
Gegenaktion zu wiegen. So von ihm befreit wütete der stiernackige Schlick
im Lager des Friedländers.
Die kühne nacktgesichtige lange Panthergestalt des Feldmarschalls von Ilow
ritt aus den böhmischen Landquartieren in Pilsen ein. Die beiden Fremden
wichen dem unerhört groben Gesellen aus. Er hatte am gleichen Tag heraus,
was im Lager vorging; wollte die beiden beim Kragen nehmen. Das
Reiterrecht, protzte er gegen Trzka ab, solle über sie entscheiden.
Der Generalissimus befahl nach seiner Ankunft, die Obersten und anwesenden
Generalspersonen zusammenzurufen, unter dem Vorsitz von Ilows über das
kaiserliche Ersuchen betreffend Verlegung der Winterquartiere und
sofortigen Angriffskrieg zu beraten. Der Befehl machte sogar den frechen
von Ilow blaß. Sein verschnürter Oberleib hing über dem Bett Friedlands;
Ilow stammelte, die Obersten werden sich nicht trauen. Friedland: »Die
Herren wissen, daß niemand ihnen an den Leib kann als ich und mein
Reiterrecht.« »Der Beschluß wird dem Grafen Schlick gemeldet?« »Mir, Herr
Bruder. Ihr sollt aber dabei sein, wenn ich den Präsidenten damit abfinde.«
Lange Sprünge Ilows zu Trzka. Zweistimmiger herrischer Jubel, Händedrücken,
tanzende Umarmung.
Gallas war mehr Zuschauer bei der abendlichen Beratung und der erfolgenden
Ablehnung des kaiserlichen Plans.
In der Abschiedsaudienz ließ Schlick kein Wort von der unerhörten
Beleidigung des Kaisers über die Lippen. Einsilbig höflich, scheinheilig
freundlich, verabschiedeten sich die Gesandten von Wallenstein, der lag,
und seinen steifen herausfordernden Herren. Über den Spanier werde
Friedland den Hofkriegsrat schriftlich bescheiden.
Sie hörten nicht, aber sie fühlten, Schlick mit Freude, Questenberg
gebrochen, daß der Herzog hinter ihnen den Kopf vom Kissen hob: »Die Herren
von der Federprofession werden nicht noch einmal von Wien herüberkommen.«
Und wie die Herren meckerten und die Degen bewegten.
* * * * *
Der spanische Botschafter Ognate ließ nicht die Hand vom Würfelbecher. Er
spielte mit den edelsten Herren des Hofes, dem Grafen Wratislaw von
Fürstenberg, dem Kammerherrn und Verwalter der kaiserlichen Finanzen Baron
Brauer, der niemals Rechnung legen brauchte. Der Hofkanzler Werda von
Werdenberg, Graf Johann Baptist, der italienische Emporkömmling fanden sich
gelegentlich im spanischen Quartier ein. Der geschmeidige Ognate verlor
große Summen. Er hatte auf das ihm zugekommene Schreiben des Gouverneurs
von Mailand keinerlei Schritte getan, legte, zu stark von seiner
Leidenschaft okkupiert, der ganzen Sache kein Gewicht bei. Feria hatte
seinen Befehl aus Madrid, das übrige war militärischer Kleinkram.
Doktor Jesaias Leuker auf die Kunde, daß sich spanisch-italienische
Regimenter von Mailand in Bewegung gesetzt hatten, bedrängte den Marquis,
daß er dem noch unsicheren Mailänder Mut mache und beschleunigten Anmarsch
befehle. Leukers plumpe Methode, dem scharfen hochmütigen Spanier Abneigung
gegen den Friedländer durch Zuträgereien einzuflößen, verfing nicht; der
große Herr ließ sich von ihm Vortrag im Bad und beim Messeweg halten,
durchschaute ihn, hielt ihn schweigend hin. Nur einmal wurde er wild, als
Leuker zutraulich von einem spanisch-bayrischen Bündnis anfing; da konnte
sich der sehr zeremonielle Mann nicht beherrschen: ob der Rat Leuker ihn
für gedächtnisschwach hielte, möchte er doch unter seine Pasteten nicht
solche Mucken wirken, er litte genug Strafe, daß er ihn anhören müßte. Der
Feria sei ein Narr, daß er sich hier einmische; er werde es ihm bedeuten.
Die Durchlaucht in München bedürfe wohl gerade des Mitleidens und
Erbarmens, und dazu sei die Krone Spaniens gut genug, ihn aus lächerlichem
Flennen zu ziehen. Hinge doch sonst so herzlich am König Ludwig, liebte
doch früher in Brüssel solch Bündnis nicht. Pfui des Prahlens und der
Aufschneiderei. Ein Dutzend Kinder könnten sich an solcher Säugamme
vergiften.
Worauf der Bayer klein abzog. Nach Leuker wollte sich der junge Kuttner an
die Sache begeben. Er war ganz in der Hand Wilhelms von Slawata, der ihn
nur für Tage und halbe Wochen aus Wien fortließ zur Berichterstattung bei
Maximilian. Der elegante junge Mensch wollte es von sich aus übernehmen,
diese kühne Aufgabe zu lösen: Ognate zu beherrschen und den Schlag gegen
Wallenstein zu forcieren. Slawata schwankte lange, ob er ihn an den Spanier
heranlassen sollte; es war möglich, daß die eigentümliche Süßigkeit
Kuttners Ognate verführte ihn anzuhören; aber der Spanier war vom Spiel in
diesen verhängnisschweren Tagen ganz hingerissen. Es waren keine Versuche
mehr zu machen; der schöne vornehme Slawata setzte sich selbst am
Würfeltisch dem Spanier gegenüber.
Sie spielten ohne die Mienen zu verändern um steigend hohe Summen. Sofort
setzte Slawata mit großen Beträgen ein, er sah, daß sein Partner
lethargisch in das Spiel versunken war, daß er spielte, spielte, und nur
durch Ungeheuerliches aufzureißen war. Die eigentümliche Genußstimmung, in
der er diese Wintermonate über war -- Kuttner war ihm begegnet, den Hof
wollte er nicht verlassen, sein Herz war gefesselt -- verstärkte sich jäh
vor diesem hageren Gesicht mit den winklig hoch aufgestellten schwarzen
Augenbrauen; »erwecken, erwecken!« flutete drängte es in ihm, »wir
spielen.«
Als die Würfel immer schlecht für den Böhmen fielen, rang sich der Spanier
das Wort ab: »Warum strengt sich Euer Liebden so an? Ihr seid im Nachteil.«
»Ich kann in Vorteil kommen.« Ernst der Marquis: »Wie der Herr will.« Wie
die Einsätze Slawatas in die Tausende gingen, begann der Spanier zu zögern;
er war in Brand, unsicher fragte er den andern: »Was ist mit Euch? Spielen
wir oder nicht?« Slawata hörte kaum, was er für Zahlen sagte; er
beobachtete nur die Wirkung auf das Gesicht seines Gegners; entzückt
lächelte er: »Ich hab' noch mehr.« Die Lippen sich leckend, zum Sprung
gerüstet der Spanier: »Eure Sache, Herr Slawata. Ich bin nicht Euer
Vormund.« »Was denkt Ihr von Spanien?« fing Slawata an. »Was ist mit
Spanien?« »Es muß schön bei Euch sein. Ich möchte spanischer Botschafter
sein.« »Slawata, Herr, was tätet Ihr da anderes als ich?« »Was?« »Spielen.«
»Das weiß ich nicht so genau. Also dreitausend.« »Also dreitausend, Herr
Slawata. Ihr verspielt Euren Kopf. Da, fünfzehn, Ihr habt verloren.« »Was
macht das. Ich verrate meinen Heiland darum nicht. Aber ich wüßte, was ich
täte, wenn ich spanischer Botschafter wäre.« »Wieviel?« »Setzt Ihr.«
»Dreitausend.« »Dreitausend. Marquis seid überzeugt, ich säße nicht hier.
Keine Minute litte es mich hier.« »Die Böhmen sind allesamt sonderbare
Käuze.« »Ich achtete hier auf den Hof.« »Ich achte auf Euch schon gut.«
»Was ist auf mich zu achten. Ich verliere so tapfer an Euch. Nein seht,
diesmal Ihr.« »So hab' ich doch recht.« »Eine Ausnahme, Marquis. Also
fünftausend.« »Das nehm' ich nicht an.« »Spielt, Herr Ognate. Gerüttelt,
geschüttelt.« »Fünftausend!« »Keinen Heller mehr. Ihr müßt auf den Hof
achten, da werdet Ihr noch öfter staunen. Ihr werdet hier nicht mehr lange
sitzen.« »Graf Slawata wird nicht dafür sorgen, wo der spanische
Botschafter sitzt, an den er selbst sein Geld verliert.« »Fünftausend.«
»Ich spiele nicht fünftausend.« »Also sechstausend, Marquis.« »Ich spiele,
Herr Graf, ich versichere, ich spiele.« »Was seid Ihr erregt um meine Habe.
Ich bin doch ein Bettler.« »Was ist das?« »Was, Herr Ognate?« »Daß Ihr
Bettler seid?« Slawata lachte freundlich: »Ach Ihr meint, ich hätte
schlechtes Gold, oder langes. Nein. Es kommt nur nicht drauf an, ob ich
etwas noch habe.« »Es bleibt bei sechstausend? Sechstausend Gulden?«
»Taler, Marquis.« Ognate ließ den Würfelbecher aus der schlaffen linken
Hand unter den Tisch fallen: »Nein.« Ernst, melancholisch der Böhme: »Ich
hab' Euch zu verraten, daß ich spiele. Ich liebe meine Habe nicht wie ein
Jüngling, der eine verschleierte Geiß für eine Jungfrau anspricht. Ich bin
schon ein Bock zu meiner Geiß.« Mit tiefer Stimme, sich vorbeugend der
Spanier: »Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch so weit verlockt habe.«
Und wie Slawata ruhig ablehnte und weiterzuspielen begehrte, saß der
Spanier sehr nachdenklich da, nahm zögernd den Becher wieder auf und fragte
ganz heimlich, wieviel also der Herr setzen würde und worauf. Und würfelte
dann, ohne den andern sehen zu lassen, auf einer Tischkante, rasch die
Hohlhand über die Würfel deckend; stand momentan auf, mit einer traurigen
Miene: »Wir wollen abbrechen.«
Ein sonderbares Geschick fügte es, daß am nächsten Tag Slawata am selben
Ebenholztisch im selben Maße Zug für Zug verlor, derart, daß er erschrak,
wild und tief erschrak und zur Beschaffung von Geld aufbrach und am Hofe
Urlaub nehmen mußte; er konnte nicht am Hofe erraten lassen, was er trieb.
Auf der Fahrt erst kam dem Böhmen die Ungeheuerlichkeit seines Verlustes zu
Bewußtsein und betäubte ihn; er mußte in Kürze seinen Stand verlieren. In
trüben Gedanken ging er nach Prag und verschaffte sich Gelder; ziellos hing
er einige Tage hier, grollte matt sich, dem Friedländer. Er lahmte einmal
zu einem Konvent des Adels; wie er die Türklinke berührte, empfand er aber
in sich einen Schlag, dunkel stand er vor der Schwelle, sein Kopf hing vor
der Brust; er fühlte sich fortgetrieben, gestoßen von der Klinke. Hier war
nicht seine Sache, er trieb sein eignes Spiel. Er ging, mußte seinen Wagen
nehmen, reiste schon ab; es kam ihm vor, als ob er wieder zu sich käme;
mußte seinen Körper nach Wien fahren. Und unterwegs erwachte er. Es erhob
sich in ihm wieder, er fühlte sich gefüllt, ein Leben flutete über seine
Brust und Arme. Es gab Kuttner, Ognate, den riesigen Herzog Friedland. Er
langte in Wien beim Spieltisch des Marquis an. Er war glücklich dazusitzen
und sich ganz zu finden. Als gleich die ersten Züge das Unglück des Grafen
anzeigten, suchte der Marquis, zum erstenmal während eines Spiels
aufstehend, den ruhigen anderen zu einem Spaziergang oder einer Fechtübung
einzuladen.
Ognate setzte sich dann nicht wieder mit Slawata an den Ebenholztisch. Sie
wechselten die Tische, die Plätze, er suchte ihn ganz vom Spiel
abzubringen. Slawata duldete alles in einer eigentümlichen bittersüßen
Beklommenheit. Er fühlte: er fuhr.
Er hatte es bald sehr leicht bei dem Spanier. Slawata sah sich wie ein
Kranker behandelt und beschenkt. Er hatte sein halbes Vermögen an den
Spanier verspielt, ein dunkles Geschick hatte das vollzogen.
Lockenschüttelnd entzückt sah der Böhme den Spanier mit dem olivenfarbenen
Gesicht vor sich stehen und über den Tisch aus seinem grünen Beutel
klingelndes Gold schütteln, das er ihm aufdrängen wollte. Er konnte es
sanft vom Tisch wischen mit dem Unterarm, hatte es nicht darauf abgesehen,
der Spanier war schon im Begriff zurückzuzahlen.
Sie sprachen vom Friedländer; er entblößte sich, es war rasch geschehen.
»Ihr haßt den Friedländer auch«, fragte mit aufleuchtenden Augen
zähnefletschend der Spanier; und Ognate begann von dem schamlosen
Bestechungsversuch vor Jahren zu reden, ihn auszuforschen. Er gestand
lächelnd an einer Auffassung der Situation durch die Beteiligung Bayerns
gehindert zu sein. Aber man müsse sich wohl auf die Sprünge machen, wenn es
so stehe, und dabei pfiff er schon durch die Zähne. Er hatte mit dem ihm
wohlgefallenden vornehmen Böhmen noch öfter Unterredungen; es freute ihn
mit dem Böhmen übereinzustimmen, daß Friedland ein böses gefährliches Tier
sei, dessen man sich vielleicht von Zeit zu Zeit mit Umsicht bedienen
dürfe. Er war sehr begierig Slawata zu Diensten zu sein.
Nun wurde er mit Leichtigkeit von den Jesuiten belauert, vom Grafen Schlick
angegriffen. Der Mailänder Gouverneur erhielt mit einmal, wie er schon
zögernd durch die Lombardei marschierte, die leidenschaftlich erregte
Anweisung vom spanischen Geschäftsträger in Wien, seinen Weg so zu nehmen,
wie ihm vom Grafen Schlick, als dem kaiserlichen Kriegsratpräsidenten,
vorgeschrieben werde, insbesondere gute Verbindung mit dem stark
gefährdeten bayrischen Kurfürsten zu suchen, auch jeglichen anderen Befehl
abzuweisen. Große Beschleunigung der Reise wurde ihm ans Herz gelegt.
Die spanische Armee erklomm in wenigen Tagen das Vorgelände der Alpen, sie
durchzog die Pässe bei strengem Frost; die angeworbenen Neapolitaner litten
sehr. Nach drei Wochen hatten sie die Paßhöhen überwunden, stiegen nach
Deutschland herunter.
* * * * *
Die schwarzrockigen Herren, die in den Kammern der Kaiserlichen Burg
herumgingen und in deren Mündern die Namen Azorius Vitelleschi Bellarmin
die entscheidenden waren, berieten viel über die äußerlichen Zeichen der
Ketzerei. Ein Theologe namens Eymerckus hatte angegeben, bleiche
Gesichtsfarbe kennzeichne den Ketzer, wilde Blicke den Zauberer. Man erwog
die vorbildliche General- und Spezialinstruktion des bayrischen Kurfürsten
für den Hexenprozeß: es dürfe keiner, der einmal bekannt hatte unter der
Folter, zum Widerruf zugelassen werden; man fand nicht genug Worte für
diese weise Verfügung. Denn wie sinnlos sei es, nachdem mit der Gewalt der
Folter der Widerstand des Fleisches endlich überwunden sei, das besessene
Fleisch mit dem Nachlaß des Drucks noch einmal reden und natürlich
widerreden zu lassen. Wie würde der Teufel über solche Albernheit wiehern:
das seien Kämpen, die ihm gegenüberstünden!
In ihrer Gesellschaft fanden sich jetzt mehr hohe Herren des Hofes; auch
Eggenberg tastete um sie. Der alte Mann kam zu keinem Entschluß. Was der
Graf Schlick berichtete aus Pilsen und Questenberg gezwungen bestätigte,
stellte Habsburg vor eine gräßliche Aufgabe. Man hatte den Herzog zu
Friedland großgezüchtet, hatte sich fast an ihm vergangen, als man ihm die
übermenschlichen Vollmachten und Gewalten gab. Nun war die Krise da: die
Ehrfurcht vor der Majestät hatte der Friedländer abgestreift, der Chronos
sollte von seinen eigenen Kindern verschluckt werden. Müde war Eggenberg,
viel grübelte er, dachte hoffnungslos an die Schreckenstage in Regensburg
bei Wallensteins Absetzung. Damals war man mit Bangen und Zagen, er selbst
fast verschlungen von Entsetzen, um das Schlimmste herumgekommen; Friedland
hatte sich nicht gesträubt. Jetzt mußte man auch an dies heran. Müde war
er; das bodenlos schwere Schicksal des Reiches, das immer erneute
Heranrollen an den Abgrund ermattete ihn. Wie lange würde man sich
hinschleppen. Hinter den Jesuvätern schlich er. Hier war Optimismus und
Tatkraft; er wollte sich ein wenig von ihnen tragen lassen. Trautmannsdorf
suchte er in seiner Unsicherheit mit sich zu ziehen. Sie verhandelten lange
zusammen. Der verwachsene Graf erklärte; seitdem der Friedländer den neuen
fürchterlichen Vertrag aufgestellt habe, wüßte man woran man mit ihm sei;
jetzt käme unerbittlich die Krise. Eggenberg gestand: er hätte manchmal
seit der Musterung des Heeres bei Rakonitz mit Wallenstein daran gedacht,
aber er hätte auch gedacht, es käme vielleicht alles ganz anders;
vielleicht stürbe Wallenstein, vielleicht stürbe er, Eggenberg, selber, und
nun gibt das Geschick erbarmenlos nicht nach.
Wie sie auf den Grafen Schlick zu sprechen kamen, wurde Trautmannsdorf
heftiger, man ließe dem Herrn zuviel freie Hand, er beneide den Herzog.
Alles Reden brachte sie nicht darüber weg, daß man in einer Sackgasse war:
der Herzog führte keinen Krieg, er kämpfte nicht, hatte Dinge vor, die man
nicht übersah; unerträglich zog er den Krieg hin, statt den Feind zu
schlagen, man konnte ihn nicht halten. Fast weinend gestand Trautmannsdorf,
daß man ja selbst keine freie Hand mehr habe, seitdem der Bayer so
gnadenlos im Stich gelassen worden sei, seitdem auch Spanien sich gegen
Wallenstein ausgelassen habe. Und so suchten sie beide die Fußstapfen der
Jesuiten und Schlicks, Eggenberg widerstrebend, der Bucklige mit heftigem
Abscheu. Ihnen schauerte und sie konnten nicht los.
Sie bildeten mit dem kleinen Abt Anton eine Kommission, die in höchster
Verschwiegenheit die Sache des Friedländers behandeln sollte. Sie fühlten
sich so zerrissen, daß sie auch den Spanier Ognate hinzuzogen, gelegentlich
auch Lamormain. Schlick schlossen sie aus. Es sollte und durfte nichts
geschehen, setzten sie von vornherein dringend und mit aller
Entschiedenheit und Angst fest, was sie nicht bestimmt und gebilligt
hatten. Sie erklärten auch, daß Graf Schlick nicht autorisiert war bei
seiner Reise nach Pilsen, Generalspersonen und Kriegsoffiziere wegen ihrer
Anhänglichkeit an Friedland zu sondieren; der peinliche Beschluß
Friedlands, die Obersten über kaiserliche Weisungen beraten zu lassen,
könne dadurch provoziert sein. So schwankend sei die Lage, daß nichts
Unvorsichtiges und Heftiges geschehen dürfe. Sie veranlaßten die
Kriegskanzlei freundliche ehrerbietige Briefe nach Pilsen zu schicken;
sogar der Kaiser, dem man damit noch eine Freude zu machen gedachte, wurde
bewogen, als läge nichts vor, an seinen großen General zu schreiben. Ognate
drang mit seiner Wildheit nicht durch; man horchte ihn nur aus, band ihn
entsetzt fest an die Konferenzen.
Mit dem Baron Breuner pflog der kleine Abt Anton stille und
leidenschaftliche Unterhaltungen, von denen er nichts in die Kommission zu
tragen wagte. Die Schuldenlast des Erzhauses war unerhört gestiegen; mit
gräßlicher Beredtheit wies Breuner, der nicht zur Schlickpartei gehörte,
ein ruhiger edler Kavalier, darauf hin, daß ja die Einnahmequellen des
Hauses von Wallenstein planmäßig verstopft würden; er brächte nichts mehr
an Kontributionen wie früher ins Land hinein, aber lagere sich in Böhmen
Mähren; man müsse Österreich schröpfen -- für ihn, für ihn; und dafür müsse
man ihn angehen um der notwendigsten kaiserlichen Bedürfnisse willen. »Er
hat uns beim Schopf,« winkte Breuner, »er ist kein Esel. Zu guter Letzt
kann er uns wegwerfen wie nichts, so faul leer und leicht sind wir.« Anton,
der keine Blumen bei sich hatte und dessen Finger die weichen Blüten
vermißten, ging jammernd herum, zupfte an den Vorhängen des kleinen
Zimmers. Was bliebe, höhnte Breuner, dann übrig, als daß man die
Kronjuwelen eines Tages verpfände an ihn, die Erblande sind schon seine
Sicherheit. »Ich wette, eines Tages zieht er an mit zehn zwölf Regimentern,
verlangt Bezahlung, wenn wir ihm zu stark zusetzen.« »Ja, das ist es, man
darf ihm nicht stark zusetzen. Wir wissen nicht, wohin wir ihn treiben
können.« »Mehr als auf den Thron setzen kann er sich ja nicht.« »Mein
Gott«, stöhnte Anton. »Mein Gott, Herr Abt; unser Herrgott verlangt
Zugreifen. Wir müssen wissen, was unseres Amtes ist. Schrecklich,
schrecklich sind wir im Sumpf, kaum ahnt es einer. Fürst Eggenberg will es
nicht glauben. Ihr wißt es ja selbst. Bassewi war einmal unser Gehilfe.
Jetzt hat ihn der Friedländer im Sack. Die Judenschaft läßt uns im Stich.
Sie wollen dem Kaiser nichts geben. Wir können nicht weiter.« Anton
stöhnte: »Wir haben nichts.«
»Was,« brüllte Breuner, »wir haben nichts? Der Herzog hat uns ausgeraubt.
Wir sind betrogen und geplündert worden.« Anton rieb unglücklich die
Handteller aneinander. »Jetzt -- in diesem Augenblick ist Habsburg wirklich
besiegt.«
»Er hat uns im Sack. Er läuft uns nicht so davon;« Breuner knirschte und
tippte den Abt auf die Brust, »er ist der ruchloseste schamloseste Mensch.«
»Was wollt Ihr. Er ist in allem ein Unhold.«
Was sie tun sollten. -- Was sie tun sollten? Mit ihm? Niederschlagen. --
Geduldig, bettelte Abt Anton, der Herr Baron solle sich doch
zusammennehmen, was käme bei solchem Schmähen heraus. -- »Ihr kennt mich
als ruhigen Menschen. Ich hab' es mir lang überlegt. Wir sind in der
Notwehr. Wir können uns nicht behaupten. Wir sind die Herren, er der
Diener; das Wasser steht uns schon am Kinn. Sind wir darum das Haus
Habsburg, daß wir uns von ihm wie von einem Strolch hinwerfen lassen und
zum Schluß noch den Hals hinhalten.« »Habsburg hat Jahrhunderte durch
geblüht. Es hat das Christentum verbreitet. Es ist undenkbar, daß es
untergeht.« »Es wird nicht untergehen, Ehrwürden. Uns ist nicht mehr viel
geblieben; wir sind aber nicht ganz waffenlos. Wir werden uns mit den
Zähnen verteidigen.«
Anton: ob der so erregte Baron es nicht für möglich halte, daß der Herzog
auf erstickende Machtmittel verzichtet; daß er vielleicht herausgebe, was
ihm nicht zukomme. -- Dieser Dialekt ist dem Friedländer unbekannt. -- Aber
er müsse es herausgeben; er müsse sehen, daß Habsburg und das Haus
Friedland sich nicht darum zanken könnten, wie die Dinge einmal liegen; es
sei ja Wahnsinn. -- Möge der Herr Abt hoffen; er, der Breuner, sage voraus:
dieser böhmische Adlige pfiffe auf den Rang und die Jahrhunderte des Hauses
Habsburg; und er hätte, im Vertrauen gesagt, Recht damit: denn man könne
auf einen pfeifen, der einen leeren Säckel habe und den man über den Haufen
schießen könne. »Euch fehlt der Mut im Hohen Rat, Herren; Ihr könnt auch
schlecht sehen. Pappelt weiter, beratet, der Friedländer wird Euch gut
bedienen. Verwehrt es andern nicht, daß sie das Haus Habsburg und die
Heilige Kirche für mehr als eine Diskussionsangelegenheit halten. Es mag
gegen ihn vorgegangen werden, wie er mit uns vorhat.«
Seufzend wankte der Abt ab. Tappelte später wieder zu Breuner, zaghaft und
ängstlich-begierig wie Fürst Eggenberg zu den Jesuiten. Und immer kam
Breuner darauf zurück, es bliebe nichts übrig; sie seien rettungslos
verloren, und selbst wenn Wallenstein nichts verbräche, sie müßten seiner
Herr werden und ihn hernehmen. »Wir können seiner nicht schonen; Ihr mögt
ihn lieben wie Euer eigenes Kind; er muß ob heute oder morgen mit Hab und
Gut daran glauben. Ihr müßt Euch entscheiden, Ihr seht doch alles klarer
als der Fürst Eggenberg oder Trautmannsdorf oder der Pater Lamormain. Er
tut uns den Gefallen, daß er selber die Frage aufwirft: Habsburg oder
Friedland. Er wirft die Frage auf; doch. Aber, Ehrwürden, täte er es nicht,
es hülfe uns nichts: wir müssen ihn fangen auf irgendeine Weise. Wir müssen
ihm eine Falle stellen.« Entsetzt Anton: »Aber wenn der verdienstvolle Mann
nichts verbricht?« »Wir müssen ihn reizen dazu; er muß ins Garn.«
Ein Jesuit orientierte den Baron Breuner: es sei unsinnig, Gleichheit vor
dem Gesetz. Wenigstens vor dem moralischen Gesetz seien die Menschen
keineswegs gleich. Es käme auf den Stand, die Person an. Unter Umständen
könne ein Edelmann töten, vielleicht hätte ein Bürger dazu kein Recht. Eine
edle Gesellschaft, die in Gefahr schwebe, kompromittiert zu werden, könne
der Bloßstellung oder Beschimpfung durch Ermordung des Bösen zuvorkommen.
Wer werde Hinterlist tadeln. Von einem sehr Starken von vorn angefallen zu
werden, ist Tapferkeit; wenn aber ein Nichtstarker töten müsse, solle er
darauf verzichten, weil er nicht von vorn angreifen kann? Etwa weil er dem
Volke später nicht als tapfer, als Held erscheine? Welches Hängen und
Kleben an Silben. Wer werde so billigen Urteilen nacheilen.
Schlick und die Jesuväter wurden durch Spione auf dem laufenden erhalten
über das eigentümliche Konspirieren im Pilsener Lager, zuletzt über
verstärkten Botenverkehr mit Sachsen. Der dicke breitnasige Italiener
Pikkolomini, Wallensteins ehemaliger Leibgardenkapitän, zuletzt General der
Kavallerie, ein schweißduftendes hitziges Tier, hielt sich in diesen
Wintertagen in Wien auf, um mit Schlick über seine Beförderung Fühlung zu
nehmen. Er bot sich bei einem Spazierritt um die Basteien, als Schlick auf
die gespannten eigenartigen Verhältnisse hinwies, selbst zu Diensten an;
dem Wallenstein trug er nach, daß er ihn dem dänischen Günstling, dem Holk,
unterstellt hatte; Stimmen sprachen davon, daß Holk in Sachsen nicht ohne
Mitwirkung dieses haarumwallten Herzogs von Amalfi umgekommen sei, und zwar
durch ein bequemes Gift. Das trübäugige Untier, der schwere bigotte Schlick
gab ihm im Morast des Unteren Wöhrd den Auftrag, die sächsische
Korrespondenz des Friedländers zu überwachen und zu stören; es mußte auf
alle erdenkliche Weise verhindert werden, daß Wallenstein Machtzuwachs
erhielt; isoliert sollte er niedergedrückt werden. Schlick verbot dem
General, bevor sie sich der Stadt näherten, mit irgend jemand am Hofe in
Verbindung zu treten; es herrsche hier ein lauer unentschiedener Geist;
durch die Lauheit sei das Übel erst gewachsen.
Der Italiener erhielt, bevor er abreiste, von dem einsilbigen Präsidenten
des Hofkriegsrats das Dekret mit seiner Ernennung zum kaiserlichen
Marschall in die fleischigen Hände gedrückt, dazu den Geheimbefehl bis zum
verabredeten Augenblick Verschwiegenheit über die Ernennung zu bewahren.
Schon nach fünf Tagen konnte der Italiener nach Wien melden, daß er durch
eine kleine zuverlässige Schar seiner Landsleute zwei der sächsischen
Kuriere habe meucheln lassen; es hätten sich bei ihnen Chiffrebriefe für
den Grafen Trzka gefunden, die er mitschickte.
Mit Gewalt mußte Graf Schlick den Ansturm des spanischen Ognate und einiger
jesuitischer Herren abweisen, die ihn zu sofortiger Niederwerfung
Wallensteins drängten; er deutete ihnen die Schwierigkeit der Situation an.
Man könnte nur Schritt für Schritt vorgehen, man riskiere, den Herzog vor
der Welt als Märtyrer hinzustellen. Man müsse ihn bequem ganz herauskommen
lassen, im Augenblick die Zeit zur Unterminierung seines Bodens ausnutzen.
Um diese Zeit verließ Graf Slawata, der noch immer schöne blühende Mann,
Wien, den Hof und Kuttner, um nach Prag zurückzukehren. Kuttner begleitete
ihn einen halben Tag Wegs. »Vergesse der Herr nicht unsere Geschäfte«,
lächelte Slawata, als der Jüngling ruhig weiter neben seinem Wagen reiten
wollte; »in Prag gibt es keine Lorbeeren zu gewinnen, aber Wien hat ein
üppiges Klima dafür.« »Ich will beten, daß, wenn der Herzog zu Friedland
fällt, Ihr die Krone von Böhmen bekommt. Ihr seid der beste Mann des
Landes.« »Nach Hause! Kuttner! Rasch! Sorgt, daß man mich nicht am Kragen
kriegt. Es wird heftig zugehen. Weg, lieber Kuttner, der bayrischen
Durchlaucht bester elegantester schönster Diener. Es ist keine Zeit für
verträumte Kinder auf der Straße.« Kuttner ließ noch lange seine Hutbänder
auf der geschwenkten Degenspitze wehen.
Slawatas Wagen aber machte plötzlich eine Wendung. Rasselnd schlug er die
Richtung auf Pilsen ein.
* * * * *
In der grünen heißen Kammer der Kaiserin hob sich rauschend die
blutrotgekleidete Vortänzerin und tanzte langsam vor der Mantuanerin im
Zimmer herum. Sie forderte mit den winkenden Händen, den lockenden
ringreichen Fingern die zweite zitronengelbe auf, die neben der Mantuanerin
hockte. Sie faßten sich an den Händen, um die Hüften, sich schlingend,
schleiften sich über den Teppich. Am Ofen sang eine feine helle Stimme: die
dralle Gräfin Kollonits, den sinnenden schwarzen Kopf an der Tapete, beide
Hände vor den Augen.
Und als sie zu Ende getanzt hatten, sang sie einsam am Ofen weiter:
»Vionetus von Engelland, ein König mächtig sehr, seine Tochter Ursula
genannt, der Jungfrauschaft ein' Ehr. Weil sie mit Christi Blut erkauft und
durch des Höchsten Will' getauft, hat sie Christus erwählt allein, in
Keuschheit stets zu dienen sein.«
Vom Boden, wo die Mantuanerin lag, stieg wie dünner Rauch immer das Seufzen
auf: »Wie schön! Singt es noch einmal.« »Wie schön, noch einmal.« »Ich will
nicht soviel singen,« bat die Gräfin, »des Kaisers Majestät sitzt in der
Kammer und wartet.« »Was du drängst.« »Kommt mit«, lockte die Mantuanerin,
die den Arm ihrer Dame nahm, die beiden Damen.
Ferdinand lächelte ihnen staunend entgegen: »Ich habe gehört, wie gesungen
wurde. Aber ich habe teil an der höllischen Passauer Kunst.« Die zitternde
Frau ließ sich in einen Sessel führen. »Ich bin ganz und gar gefroren. Es
kommt nichts an mich heran. Hab' ich es nicht schon einmal gesagt,
Eleonore. Danke, meine Damen, rot wie die brennende Liebe, gelb wie Neid.
Wo ist Grün vor Minne?« Und wie die Damen hinaus waren, faßte er sie bei
der Hand an: »Ich habe Trautmannsdorf zu mir gebeten; er wollte mich
unterhalten.« »Kommt herein,« er zog den verwachsenen Grafen aus der
Vorkammer zu sich, »ja lacht. Ich predige Euer Lob. Ihr seid mein
Gesellschafter.«
Die Kaiserin suchte Trautmannsdorfs Blick zu erhaschen, um ihn in ihre
Gewalt zu bekommen; sie lächelte in halber Verzweiflung: »Wie kann denn die
Welt so schlecht sein. Wir sind ja alle Christen. Die Welt ist ja zweierlei
jetzt, die alte sündige Welt und Jesus, und der Heiland. Man mag nicht so
viel von dem Bösen reden.« Ferdinand näherte sich ihr, strich ihr freudig
die Schulter: »Wie gut du das sagst, Eleonore.«
Sie brach fast zusammen unter ihrem Schmuck. Die Augen angezündete Kerzen,
schaukelnde Windlichter, in hypnotisierender Weiße.
Da fing Trautmannsdorf an; man solle nicht von dem Bösen reden und man
könne nicht von ihm schweigen, wenn man ihn überwältigen wolle. Das Böse
selbst redet nicht, es ist da, handelt, verändert, verwirrt. Der Heiland
ist an dem Bösen nicht vorübergegangen; das Böse hat ihn an die Welt
gelockt. Ferdinand: »Es ist so. Sprecht, Trautmannsdorf. Setzt Euch.«
»Warum muß ich hier zuhören, Ferdinand?« »Willst du nicht, Eleonore?« Nach
langer Pause sagte sie: »Ich will« und suchte wieder ihren flehenden Blick
an Trautmannsdorfs kühle Augen zu drängen.
Der kleine Graf sprach von den politischen Dingen. Ferdinand hinhorchend,
hineindrängend wurde von dem Wagen der Ereignisse fortgeschleift, hing nach
rückwärts, Hände und Kopf aufschlagend.
Der Graf Ognate, endete Trautmannsdorf, sei von den Vorgängen -- der Kaiser
hob abwehrend die Hände -- orientiert, die katholische Majestät wünsche im
habsburgischen Interesse das rascheste und entschlossenste Ende der
gefährlichen Wirren. Das rascheste und sicherste Ende, wiederholte mit den
Fingern am Gurt spielend der kühle Graf; der Kaiser und die Mantuanerin
hielten die Gesichter einander zugewandt, suchten, klopften, rissen
aneinander.
Die Mantuanerin fragte rauh den Grafen, warum er ihr die Antwort schuldig
bleibe: die Welt sei zweierlei, Jesus Christus sei für die Welt geboren,
zur Unterwerfung des Bösen; ohne den Heiland seien sie ja nicht Christen.
»So sprecht«, winkte Ferdinand. Da seufzte Trautmannsdorf, sie seien schon
genötigt sich auch dann für Christen zu halten, wenn sie Verrat oder
drohenden Verrat abwehrten, mit Gewalt, da es so erfordert werde. Ich muß
hören, dachte es in Ferdinand, was hier alles auf der Welt vorgeht. »Ihr
müßt denken,« Eleonore streng aufgestellte Augenbrauen, »keinen Verrat
aufkommen zu lassen, der Euch zu entsetzlichen Dingen nötigt. Jesus braucht
nicht gelebt zu haben, wenn Ihr nichts weiter könnt, als auf eine Untat so
zu antworten.« »Ich weiß, ich weiß. O wie gut empfinden Majestät das. Ist
doch die Aufgabe des Staatsmannes und Politikers nicht besser als eines
Scharfrichters oder Schindknechtes. Ich habe nur den Trost, daß das
Evangelium nicht ganz den Stab über uns bricht; es hat auch den Satz:
>Gebet Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist.<« »Ihr
seid schlau, Graf Trautmannsdorf. Ein schlimmes Gewerbe habt Ihr.« »Wir
haben nicht den Wunsch, gegen den Herzog zu Friedland schlimm zu verfahren.
Er wird sich biegen lassen. Wie schlimm stand es auf dem Kollegialtag zu
Regensburg. Wir beten, daß Gott uns nicht verläßt.« »Ich aber«, hob
Ferdinand langsam beide Hände gegen ihn, »will Euch fragen, Trautmannsdorf,
warum wir denn schlimme Gewalt anwenden müssen, wenn uns der Herzog
verrät.« Da schwieg der Graf. »Könnt Ihr es beantworten, Trautmannsdorf.«
Der stammelte, versuchte zu lächeln, blickte auf die fahle Mantuanerin:
»Ja, nein, ich kann schlecht verstehen.« »Besinnt Euch, Trautmannsdorf.«
»Ich weiß schwer, was ich antworten soll.« »Wenn uns der Herzog verrät,
müssen wir ihm gehorchen?« Eleonore saß aufrecht; Ferdinand sah sie und den
Grafen triumphierend an. Stammelnd errötend Trautmannsdorf: »Ich bedaure,
daß unser alter Fürst Eggenberg nicht zugegen ist; er weiß vielleicht
rascher als ich Antwort.« »Ich weiß; ich habe Euch gebeten, ohne ihn; ich
will Euch hören.« »Eure Majestät wird den Thron verlieren, wenn sie nicht
dem Herzog gehorcht.« »Trautmannsdorf, achtet auf, du auch, Eleonore, achte
auf. Diese Antwort hat eben Fürst Eggenberg, mein lieber Freund gegeben.
Jetzt wird Trautmannsdorf sich äußern: wem ist der Kaiser untertan?« »Nur
Gott.« »Dem Herzog zu Friedland nicht?« Der Graf schwieg. »Und ferner: bin
ich dem Throne untertan? Denn ich soll den Thron verlieren.« Auch Eleonore
hing gespannt an ihm. »Wenn ich aber Kaiser bin, bin und nicht Lust habe zu
gehorchen?«
Mitleidig senkte der kleine Graf den grauen Kopf; leise und langsam:
»Versuche Eure Majestät es einmal, so -- ungehorsam zu sein. Ich sagte
schon, der Erfolg wird uns nicht behagen. Der Herzog wird über Wien fallen,
wir werden in Wien sitzen, vielleicht im Kerker; vielleicht liegen wir
unter der Erde.« Ferdinand hob die Hände: »Ich werde nicht unter der Erde
liegen.« Eleonore bitter: »Wie spricht der Herr Graf. Es soll nicht erlaubt
sein, solche Gespenster an die Wand zu malen.« Fast höhnisch
Trautmannsdorf: »Gespenster werden wir sein.«
Hauchend Ferdinand: »Sieh an -- das hat schon Lamormain gesagt. Und so hat
es ein Witz gefügt, daß ich jetzt Krieg gegen den Mann führe, dem ich mein
Leben, die Krone und noch manches verdanke. Denn ich wäre doch schon längst
Gespenst nach Eurer Theorie, wenn er uns nicht geschützt hätte.« »Wir
wollen«, der Graf mit leichter Verbeugung, »nur dem Kaiser geben, was des
Kaisers ist.« »Mir?« zuckte Ferdinand; seine Stimme schwoll an; er schrie,
»soll das meinetwegen geschehen? Meinetwegen? Eleonore, meinetwegen! Der
Herzog hat uns befreit von -- ich sage nicht welchen Ketten, er hat uns
getragen und hochgehoben. Ich werde nicht unter der Erde liegen. Dahin ist
es gekommen! Wodurch, wodurch!«
Der Graf war zurückgetreten, Ferdinand leichenfarben, zitternde Knie,
brüllte vor ihm: »Ich -- will -- nicht.« Trautmannsdorf sehr leise:
»Majestät befehlen.« Die Arme hochhebend über seinen Kopf Ferdinand: »Ihr
werdet nicht auf mich hören. Ich gehorche nicht. Man wage nicht, mich ins
Spiel zu ziehen. Ich werde es nicht zugeben. Ich werde mich auf seine Seite
stellen, wenn Ihr etwas wagt. Ich -- bin -- der Kaiser.« Die Mantuanerin
umschlang ihn weinend: »Geht, Herr Graf!«
Ferdinand ließ die Arme nicht herab: »Nicht -- mei--net--wegen!« Sie
stellte sich vor ihn; Ferdinand über sie weg: »Wodurch werde ich zu solchem
Wahnsinn getrieben. Nichts soll meinetwegen geschehen. Jetzt vergewaltigen
sie mich zu Schande und Erbärmlichkeit.« Die Kaiserin flehte nach
rückwärts: »Geht, Herr Graf.« Sie führte ihn rasch an die Tür.
»Ernüchtert ist er,« höhnte der Kaiser mit anklagendem Ausdruck am Fleck
stehenbleibend, »hinaus. Hinaus. Was haben sie im Kopf, das ich alles muß.
Von mir bleibt nichts übrig. Was habe ich früher mich gewunden, daß ich vor
dem bayrischen Maximilian betteln mußte. Aber das!«
Er brüllte: »Dienen! Dienen! Ich -- will -- nicht!« Dröhnend.
An den Wagen mit den Füßen gebunden, über Steine und Äste schleifend, Hände
und Kopf aufruckend, niederklappend.
-- Nach Wolkersdorf. In den Wald. Wie auf Wellen, gleitend, sinkend,
gehoben. Die Füße rasselnd gegen Steine. An der Kohlenbrennerei vorbei;
zwischen den kahlen Stämmen irrend durch Stunden.
Laues tauiges Wetter. Die Waldschneise. Der braunbärtige Einsiedler, dessen
rechte Gesichtshälfte aus tiefen Geschwüren eiterte, fragte vor der Höhle,
was er wolle. »Euch zusehen.« Aber diesmal waren die Augen des fremden
Handwerkers so begehrend, daß der Fromme vor der Höhle blieb und unter dem
Vordach murmelnd betete.
Nach langer Zeit fragte er: »Was ist Euch geschehen?« »Sprecht, sprecht,
guter Mann. Erleichtert Euch.« »Es ist nicht nötig, daß ich spreche. Ich
komme zu Euch. Will Euch hören. Euer Gesicht ist zerfressen; seid Ihr
deswegen aus der Welt gegangen?« »Nein.« Der Einsiedler hockte vor ihm,
faßte ihn am Kinn, vertiefte sich in sein Gesicht, das er mit den Augen
fast aufwühlte und umpflügte. Ferdinand griff inbrünstig nach seinen
Händen. Der Einsiedler zog ihn in die Höhle.
Drin ließ ihn Ferdinand kaum auf das hohe Strohlager sich setzen, so
stammelte, ächzte er: »Was, was, ist es, sagt mir, was ist es mit dem
Satan?« »Du hältst mich für einen Teufelsbanner?« »Nein, nein.« »Du
glaubst, daß ich mich ihm verschworen habe, weil ich gezeichnet bin.«
»Nein.« »Warum fragst du. Ich gehöre zu seiner Synagoge, glaubst du, ich
habe mich vor euch versteckt, habe eine Salbe, laufe als Wolf herum. Darum
kommst du hierher. Du bist Soldat, ich soll dir helfen.« »Nein.« »Wo ist
der Schatz, den ich für dich heben soll.« Sein Knie berührte Ferdinand.
Während sich die Augen anfunkelten, verzerrte sich das Gesicht Jeremias,
ein hoher Ton wie das Piepsen eines kleinen Vogels kam aus seiner Kehle:
»Du bist ihm begegnet. Ich sehe es ja; du bist besessen. Du kennst ihn.«
»Ich weiß nicht.« Flüsternd Ferdinand: »Bruder. Was ist mit ihm.« Der
lachte verzerrt, redete hastig: »Kein Gott kann so grausam sein wie das
ist, was die Welt gemacht hat. Weißt du das?« »Ja.« »Siehst du, siehst du,
du sagst ja, du wagst nicht nein zu sagen.« »Ich werde dich nicht
verraten.« »Bruder, du wirst mich nicht verraten. Es ist alles Teufelswerk.
Du brauchst keine Angst vor dir zu haben. Es gibt nur einen Teufel. Gott
gibt es nicht. Den Teufel gibt es. Er ist so sichtbar, für alle Augen
erkenntlich wie etwas. Alle Zeichen, die für den Bösen gelten, sind
erfüllt. Die Verblendung ist unermeßlich.« Ferdinand warf sich auf den
nackten Boden, zitterte: »Das weißt du. Und die heilige Kirche.« »Sei
stark, wenn du suchst, Bruder. Wir müssen es ertragen. Ermatte nicht zu
rasch.« »Ich höre.« »Jesus Christus hat es gewußt, Bruder. Ihn hat nicht
Maria zur Welt gelockt und die Liebe Gottes: er hat das Böse vorausgefühlt
und den Menschen dazu und wollte uns die Last tragen helfen. Sieh, Jesus
ist dagewesen; er hat sich erbarmt, niemand kann die Fülle seines Erbarmens
fassen. Er hat die Menschen gesehen, die Sünde gesehen, der Satan selbst
ist an ihn herangetreten; man muß darüber mit Raschheit hinweggehen, was
Jesus mit dem Satan besprochen hat. Niemand weiß es, es hat uns niemand
gesagt. Sein Leben unter den Aposteln blieb in Dunkel gehüllt. Er ist
schnurstracks seines Wegs gegangen und keiner hat sein wahres Gesicht sehen
können. Niemand weiß es. Ich -- Bruder --« »Was ist dir?«
»Komm neben mich. Ich kann zu dir sprechen. Ja, du bist auch besessen. Du
wirst mich nicht verraten. Willst du mir etwas glauben, willst du mich
nicht für einen Schelm oder Trottel halten.« »Ich bin zu dir gekommen.«
»Ich will dir erzählen. Wie meine Wange hier einsank, war es eine Angst,
die ich hatte, plötzlich eine Stunde, einen halben Tag, einen gräßlichen
höllensiedenden langen Tag. Ich -- habe -- sein -- Gesicht gesehen, Jesus,
des Gesalbten Gesicht --.« Er zeigte flüsternd, die Augen aufreißend an der
halbfinsteren Hinterwand der braunen Höhle einen lose herausragenden
Wurzelstock: »Hier ist eine Wurzel; faß sie an, hier. Du kannst sie sehen,
wenn deine Augen sich gewöhnt haben. Es ist dunkel hier. Ich bin Einsiedler
und brauche die bunten Farben nicht. Hier ist es gewesen, eines hellen
Tages, als die Sonne auf den Getreidefeldern lag, als ich ahnungslos hier
eintrat. Das heitere Zirpen der Meisen. Da war er da.« Er faßte wild
ächzend die Wurzel an, um sie hingen Stricke und Kettchen und ohne sich um
den Gast zu kümmern, wie gezwungen, entblößte er Brust und Arm;
kraterförmig tiefe Geschwürsflächen unter dem Hals, über der halben Brust;
er fing an sich zu schlagen, die Arme vor der Brust verschränkend, rechts
herüber, links herüber peitschend, saß bald in der völligen Finsternis der
Höhle, schob sich stürmisch gegen sich arbeitend immer weiter zurück.
Nach einer Weile hörten die Schläge auf, er rutschte mit geschlossenen
Augen neben Ferdinand. Blut quoll an den Schultern aus dem groben Hemd, er
saß still und keuchend neben ihm. Dann: »Hörst du mich?« »Ja.« »Ich will
dir erzählen, Bruder. In einem Sonnenfleck da über der Wurzel. Bleib hier,
du brauchst dich nicht fürchten.« »Ich fürchte mich doch«, flüsterte
Ferdinand. »Nein, du brauchst dich nicht fürchten. Ich erzähle dir ja nur.
Gib mir deine Hand. Er ist ja jetzt nicht da. Er war hier in der Höhle. Es
war so hell; meine Augen waren noch geblendet von dem Sonnenschein draußen,
wie ich mich bückte, um hereinzukommen. Da bemerkte ich ein Loch in dem
kleinen Lichtfleck, eine Höhlung, eine Vertiefung, als wäre Erde aus der
Wand herausgefallen oder hätte ein Tier von innen gewühlt. Ich sehe drauf
hin, das Licht geht nicht weg, warum rollt der Sand von der Wand, um das
Loch herum, da bewegt sich etwas. Ich halte es für ein Tier, ein
langfüßiges schwarzes, vielleicht eine Riesenspinne; es läuft so über das
Licht. Das Rieseln und Zittern ließ nicht nach, der ganze Kreis, es kommt
mir vor, weißt du Bruder, als ob er sich hebt, als ob es eine Metallscheibe
ist, die sich beult. Ich traute mich nicht den Kopf zu bewegen. Mit einmal,
als wenn mir die Augen herausgerissen würden, erkannte ich -- sein
Gesicht.« »Wessen.« »Seins, Bruder. Nicht doch. Du verstehst nicht. Es war
so dunkel mit Haaren, Ohren, Augen, Kinn in der Helligkeit; die dünnen
schwarzen Wangen zitterten ihm, als wenn er fröre oder verhindert würde den
Mund zu öffnen oder die Lider hochzuziehen.« »Bruder, wessen Gesicht hast
du gesehen.« »Und dann lief etwas Schreckliches um seinen Mund. Ich kann es
nicht mehr sehen; ich kann seitdem diese Stelle nicht verlassen. Es ist
kein Schwur, den ich getan habe, es ist -- daß ich an diesen Ort genagelt
bin. Ich möchte mich hängen an die Wurzel nur um zu leiden, zu leiden.«
Seine Haare hatten sich gesträubt, ihm strömten die Tränen aus Augen und
Nase: »Bruder, du bist mir nicht gram, du wirst mich nicht verachten, weil
ich gottlos bin. Ich leide, ich stranguliere mich, ich lege mich zum Rösten
in die Sonne, um zu vergessen. Um ihn zu vergessen. Den da.« Entgeistert
wackelte der Braunbärtige auf seinem Platz, er bibberte, stotterte: »Oder
mich vor ihn werfen; wenn mich nur einer zerreißen wollte.«
Ferdinand zitterte wie er: »Es war Christus.« »Er hat Satan gesehen, ich
ahne ihn nur; ich sehe die Welt, rieche ihre Verwesung -- aber er kannte
auch die Menschen, die Seelen. Der hat sich für uns geopfert. Er wußte, daß
uns nichts überzeugen könnte als sein schmerzensreicher gräßlicher Tod.
Christus Jesus hat sich verstellt für uns. Für dich und mich. Die größte
Seele, er hat sich in die Wagschale werfen müssen.« »Gegen den Satan.« »Es
hat ihn an den Satan herangetrieben, alle Freiheit, alle Selbständigkeit,
die Lust des Lebens hat er von sich hingeworfen. Ihn wollte er von uns
verscheuchen, von Mensch und Getier. Und --.« »Was ist.« »Du weißt ja
allein weiter, Bruder, was ist.« Er durchbohrte mit den Blicken den Kaiser,
schrie: »Es hat nichts genutzt. Der Satan wiegt schwerer. Nicht einmal sein
Andenken ist aufbewahrt, man weiß nichts mehr von ihm. Man weiß nichts mehr
von ihm. Die Kirche hat ihn verschlungen.« Ferdinand hielt sich die Hände
vor die Augen: »O Bruder, was du sprichst.« »Ihr braucht nicht ratlos sein.
Ihr seid gut dran. Ich weiß. Man mißbraucht seinen Namen. Aber du weißt es
ja auch anders. Du wirst mich nicht verraten.« »Was tust du hier?« Der
Einsiedler warf sich dicht an ihn heran: »Du brauchst nicht glauben, was
ich sage. Ich hab' dir doch nichts Neues gesagt. Bleibe draußen. Sei fromm.
Bist du mein Bruder?« Ferdinand zog die Hände vom Gesicht.
Wie Ferdinand im Wald an einer niedergebrochenen Buche stand und von dem
schweren Gefühl heimgesucht wurde: zwei Adler standen auf hohen Füßen
hinter ihm, schlugen ungeheuer mit den Flügeln, Wind vor sich treibend,
krachte sehr nahe ein Schuß. Die Stimme des Dieners: »Schützt Euch, Herr,
schützt Euch.«
Es raschelte um sie im Wald, von den Stämmen lösten sich Menschen; in
Sprüngen kam ein älterer säbelschwingender Geselle näher, stolperte über
seine eigene Säbelscheide, griff Ferdinand an die Brust, riß ihn herum, sah
ihm ins Gesicht. Einer mit einem Feuerrohr lief dicht hinter ihm; von allen
Seiten sprangen sonderbare Kerle mit Pistolen und Knütteln an. Der Ältere,
der Anführer, ein Mann mit einem kühnen Gesicht, fragte den Kaiser, wo die
anderen wären. Ferdinand war sehr ruhig. Die Bande suchte in der Umgebung
alles ab. Die Debatte zeigte, daß man sich vergriffen hatte; wer ergriffen
werden sollte, erfuhr der Kaiser und sein mit Stricken gebundener Diener
nicht. Man durchsuchte sie, wollte sie wieder laufen lassen.
Da fühlte Ferdinand plötzlich die tiefe Ruhe, die sich seiner während des
Überfalls bemächtigt hatte.
Die Höhle des Einsiedlers.
Die Spinne. Was war das. Es kam ihm meilenweit vor, jahrelang fern.
Er konnte sich nicht trennen. Dem Anführer, der sich in einem Hinterhalt zu
einigen gesattelten Pferden begab, folgte er trotz der Anrufe der anderen.
Er fühlte, daß ihm befohlen war, mit dem gewalttätigen Kerl zu sprechen,
der seine Wut an einigen Bauern ausließ, die bei den Pferden standen und
offenbar mitgeschleppt wurden. Bei Wolkersdorf wüßte er einen Grafen, der
morgen oder übermorgen zu einer großen Reise die Ausfahrt mache, er nannte
einen beliebigen Namen, war glücklich, als der andere anbiß. Der Diener
wurde von der Bande nicht losgelassen, Ferdinand nahm tuschelnd von ihm
Abschied, der an ein Pferd gebunden war.
Als Ferdinand allein in der Höhle der Kohlenbrennerei war -- wußte er
nicht, was er vorhatte. Dachte kaum. Fühlte nur, daß ihm ein Glück zuteil
geworden war. Ein sonderbares Glück.
Als wenn er eine glatte eingeseifte Bahn herunterrutschte. »Ich gebe nicht
nach«, seufzte er noch im Scherz, und rutschte schon weiter den bekannten
Weg, den er oft irgendwo gefallen war. Es war eine Freiheit, die ihn mit
wachsender Stärke entzückte. Als wenn er das Ende einer Stange ergriffen
hätte, an der er sich ruhig, mit geschlossenen Augen, entlang bewegen
konnte.
* * * * *
Die Armeen, die der zu Friedland angesammelt hatte, standen massiert in
Böhmen, starke Detachements hielten unter dem von Aldringen bei den Bayern;
gegen Schlesien und die Mark waren Regimenter vorgetrieben unter
Schaffgottsch, nach Süden gegen Budweis und Tabor beobachteten Abteilungen
unter Marradas. Eine tiefe Lethargie hatte sich der Truppen bemächtigt. Ein
eigentümliches Mißtrauen ging unter den Offizieren um. Man hatte seit dem
heißen Leipziger Treffen, bei dem die Königliche Würde von Schweden ihr
Leben lassen mußte, nichts getan, was Ruhm und Freude brachte. Märchenhaft
weit lagen die Tage von Nürnberg zurück; die Söldner kamen und sangen von
dem Burgstall bei Zirndorf, den der Bernhard von Weimar gestürmt hatte,
wieder abgeben mußte und Hunderte seiner Knechte verlor. Von Wallenstein,
der den König von Dänemark über Jütland weg in die Ostsee gejagt hatte, und
den Mansfeld, den Bastard, den Durlacher und den Halberstädter ergriff, daß
sie zerbrachen und sich nicht retten konnten. Italienische Fähnlein zogen
herauf, einstmal von dem weinseligen toten Kollalto vor Mantua angeworben
zur friedländischen Fahne: sie hatten Mantua geplündert, der Herzog von
Nevers hatte nicht standhalten können. Nun lungerten sie seit Monaten herum
auf schlesischem Boden, vor den sächsischen und schwedischen Heeren,
verlagen.
Die Meister der Artillerie häuften die Kugeln an zu Bergen, verkauften sie
heimlich an fremde Unterhändler. Die Stückknechte und Büchsenmeister
wüteten widerwillig gegen Rost und Staub. Der Arkebusier trug ein
Schußgewehr und zwei Pistolen, die Offiziere schrien, wenn sie den Degen
umlegten; warum sollte man sich mit dem schweren Gewehr und Pistolen
schleppen. Konstabler Schneller Schanzbauern Granatiere Minatoren
Bergknappen Pontoniere Petardierer schleiften ihre Füße durch den Lehm des
Artillerielagers, ließen untätig die Mäuler hängen, verfluchten Granaten
Petarden Lunte Ladungskapseln. Schlichen davon zum Schweden, Sachsen.
Fragten wo Krieg sei. Immer noch liefen Neugeworbene an; wurden zu
besonderen Fähnlein zusammengeschlossen, nach einundzwanzig Kommandos wurde
die Pike exerziert, neunundneunzig Tempi brauchte das Feuern und
Wiederladen, hundertdreiundvierzig Kommandos die Musketen; die Alten
standen dabei, grinsten und zogen mürrisch weiter. Auch in die Jungen wurde
Mißtrauen gelegt, die Strafen stiegen, Wippgalgen, hölzerne Esel wurden
überall vermehrt. Die alten Söldner freuten sich mit Grimm: es war das
einzige, das sie an die früheren Jahre erinnerte. Heiß wurde draußen
geworben, die Agenten ließen trommeln: hundert Gulden Werbegeld, für den
Tag zwölf Kreuzer. Während die Rotten zuströmten, schmolzen innen die Heere
aus, zogen die neuen in den Schwund hinein; das leckende Rinnsal war nicht
zu stopfen.
Heftigkeiten kamen vor. Gegen Artilleristen, die an sächsische und
schwedische Händler Munition und Stückkugeln verkauften, verbanden sich
Freifähnlein von Kürissern, legten sich in Hinterhalt, nahmen den Betrügern
das fremde Geld ab; stießen einige nieder; sie selbst erzwangen sich
Aufsicht über größere Waffenlager; ihre heimliche Verpfändung und
Verschleuderung betrieb man dann im Verein. Offiziere wurden in solche
Affären mit hineingerissen, gegen die Generalspersonen wurden die Vorfälle
geheimgehalten, Mannschaften und Offiziere riskierten Posten und Leben. An
der bayrischen Front und nach Schlesien hin brachen Fähnlein und Rotten
aus, führten auf eigene Faust Krieg. Durch die schärfsten Mandate war
Aldringen wie Graf Schaffgottsch bedeutet, jeden Kampf zu verhindern,
Plänkeleien und Provokationen zu bestrafen. Die Truppen waren nicht zu
halten, die Obersten mußten froh sein, wenn die Abteilungen von ihren
wilden Exkursionen zurückkamen und sich den vorsichtig sanften Strafen
beugten und nicht einfach beim Feind blieben. Die Offiziere gewöhnten sich,
Spione und Vertrauensleute bei den einzelnen Regimentern zu halten, um
jedem Ausbruch von vornherein zuvorzukommen; es war ein gefährliches
Mittel, das sich oft gegen die Offiziere selbst richtete. Denn bisweilen
verrieten sich die Spitzel, wurden erkannt, gegen die Offiziere wurden
Anfälle unternommen, die Truppe wankte, die Führer mußten gewechselt
werden.
In Böhmen gärte es am wildesten; hier waren keine Feinde, gegen die man
sich wenden konnte; das Gros der Offiziere lagerte in Städten und Dörfern
unter den Truppen, die Aufsicht war schärfer als an den Außenfronten. Um
seine Soldaten fest in der Hand zu halten, hatte der Herzog zu Friedland
den eisernen erbarmungslosen Christian von Ilow zum obersten Inspekteur
ernannt. Ilow war aufgeklärt worden vom Kanzler Elz, dem Rittmeister
Neumann, zuletzt aufs intensivste vom Grafen Trzka: mit aller Macht müsse
das Heer bei der Disziplin erhalten werden; der Herzog brauche es parat und
schlagfertig, dürfe keine eigene Regung in den Truppen aufkommen, sei jeder
widerspenstige Offizier zu entfernen, revoltierende Regimenter aufzulösen
und unter zuverlässige zu stoßen. In Ilows Händen lag das Amt des
Inspekteurs gut, er hatte keine Ohren für die Klagen vieler Obersten:
Truppen seien kein toter Körper, kein Stock oder keine Muskete, die man
nach Belieben an die Wand stellt oder vorzieht; die Truppen brauchten
Bewegung, Aufgaben. Man durfte nicht ohne Gefahr so zu dem langen
Feldmarschall sprechen, er war rasch mit Roheiten da, drohte mit Profoß und
Reiterrecht. Lethargisch bissen die Offiziere in den Eisenzaum, den man
ihnen hinhielt; inzwischen zuckten die Tumulte weiter durch die Truppen.
Böhmen wurde das Opfer hunderter kleiner Banden, die sich aus dem
Heeresverbande loslösten, bisweilen eingefangen und zusammengeschossen
wurden. Einzelner wurde man nicht habhaft; sie tauchten immer wieder bei
den Regimentern unter, wie es hieß, gedeckt von den Offizieren selbst.
Um die furchtbare Neujahrszeit schien das ganze Land wie auf Signal von
einem tobenden revoltierenden Truppenschwarm bedeckt zu sein. Zu Plünderung
und Vergewaltigung ganzer Ortschaften kam es. Eine Reise Ilows mit
Wallensteins Leibgarde mußte das Heer noch einmal in ein brütendes
schreckvolles Schweigen zurückdrücken. Kurz darauf stießen aber Rotten aus
Marradas Regimentern bei Budweis gegen abgeirrte spanische Truppenkörper
vor, sie kämpften mit ihnen aus keinem anderen Grunde, als damit, wie sie
sagten, keiner mehr zu ihnen käme; sie seien schon genug; die Spanier
wurden empfindlich geschwächt. Die Entwaffnung der Meuternden bereitete
wegen der Mißlaune der Truppen große Schwierigkeiten; es kam hinzu, daß
Marradas nur bestimmten Kontingenten Waffen anvertraute, daß er aber,
heimlich vor dem Pilsener Hauptquartier, nach Wien sich begab und
flehentlich um Remedur der Verhältnisse bat. Es müsse eine Änderung in der
Kriegführung eintreten, das Heer brauche kriegerische Ablenkung.
Er war nicht der einzige, der in diesen Wochen verschwiegen die Truppe
verließ und nach Wien fuhr. Generalspersonen Obersten Kriegsoffiziere
fühlten, daß der Boden unter ihnen schwankte. Ihrer selbst hatte sich zu
einem großen Teil eine schlecht verhehlte Verdrossenheit bemächtigt. Um den
Herzog scharte sich eine Elite von hohen Personen, seine Vertrauten, ein
Geheimzirkel.
Ein Kern alter Offiziere war da, die unter dem Herzog alle deutschen
Schlachtfelder abgegangen waren. Es kamen zahlreiche besonders italienische
Herren, auch spanische dänische schottische, die der europäische Ruf
Wallensteins angelockt hatte, die den Krieg kennenlernen, den
entscheidenden Schlag Habsburgs gegen die schwedische Koalition miterleben
wollten, für sich auf Abenteuer und Karriere ausgingen.
Sie wurden vom Herzog mit Geld gefüttert und dabei blieb es. Von
Wallenstein selbst sahen sie nichts. Es hieß nur, er sei krank. Gerüchte
liefen, daß er seine Widersacher diplomatisch am Kragen halte und im
Begriff sei sie abzumurksen. Man erlebte keine ruhmreichen Schlachten,
nicht die ergiebigen Kontributionszüge, von denen sich ganz Europa
erzählte, aber ein verworrenes Herumlungern in Schlesien, einen
erschöpfenden Lauf nach Fürth herunter gegen den Weimarer Herzog, dann
Verstecken und Versinken in Böhmen, Winterquartiere Winterquartiere, wie
vorher Sommerquartiere Sommerquartiere.
Da verfluchten viele Offiziere wie die Knechte den kaiserlichen Krieg und
schlugen sich zu Bernhard. Die meisten aber blieben an der Futterkrippe
hängen, und wie sie blieben, bildeten sie ruinöse Herde der Mißstimmung,
der heftigen und ruhelosen Skepsis.
Hier schweiften herum und randalierten die Obersten Montard von Noyal,
Sebastian Kossatzky, Petrus von Lossy, Männer, die der Herzog mit
Vorschüssen für ein Regiment, andere, die er sogar mit Lehen versehen
hatte, kritisierten Politik Taktik Strategie des Generalissimus. Er galt
für überlebt, von seiner Krankheit gelähmt, für halb verrückt und verbohrt.
Wallenstein war nur eine Ruine; Narren waren sie, daß sie ihm zuliefen, der
nur den Namen des »Wallenstein« trug. Es gab bei den böhmischen Truppen
eine Anzahl Offiziere, die einen tiefen Haß auf den Herzog warfen, weil sie
ihm angehangen hatten und er sie jetzt, in Politik und Diplomatie
versunken, wilden aufgeblasenen Gesellen wie dem von Ilow aussetzte, die
irgendwie seine Gunst ergattert hatten.
Trzka und Ilow erfuhren die steigenden Widerstände im Heer. Den Herzog
suchten sie nach Möglichkeit darüber hinwegzutäuschen, und wo er etwas
merkte, trieb er sie zu blutiger Entschlossenheit an; er haßte nichts so
als Disziplinlosigkeit, sie war ihm zum Ekel. Aber unter dem Druck wuchs
der Gegendruck, die Offiziere wechselten ihre Standorte, anderswo flackerte
das Feuer auf, oder sie verschwanden und hetzten heimlich tückisch und
rachsüchtig.
Schon früher waren der Friedländer und die hohen Generalspersonen
Attentaten von heißblütigen Mannschaften oder Offizieren ausgesetzt. Jetzt
seit dem Einmarsch in die böhmischen Winterquartiere flogen Pfeile in ihre
Fenster und Zelte. Warnende Briefe fanden Ilows und Wallensteins Trabanten
häufig in den Vorzimmern oder Gaststuben, wo sie nur von Offizieren
hingelegt sein konnten. An klaren kalten Tagen ließ sich Friedland durch
das Pilsener Lager in seiner Sänfte tragen, besichtigte Fähnlein, hielt bei
exerzierenden Rotten, rief Knechte an, befragte unbekannte Offiziere. Es
herrschte kein Mangel im Lager, Friedland trieb die Intendanten an, noch
mehr von allem herbeizuschaffen: der Soldat, der ruht, müsse gemästet
werden, sonst rebelliere er. Und dutzendmal fragte er Ilow und Trzka, als
ob er mehr wüßte als sie, ob nicht die Offiziere, die jungen, älteren, über
ihn herzögen. Er sah seinen Herren unter die Augen; nun, sie könnten über
ihn herziehen, neben Profoß und Reiterrecht gäbe es noch eine wirksame
Macht: das Geld, das Spiel, der Wein, die Weiber; daß man die Herren nicht
verkommen lasse, das Heer verdiene sich das Prassen reichlich. Er erhöhte
Sold und Gehälter, seine Sätze waren fast doppelt so hoch als bei einem
anderen Heere. Ohne daß die Gärung nachließ und die Neigung, von ihm
abzufallen.
Man wußte, er betreibe leidenschaftlich den Friedensschluß, er brauche das
Heer so wie es hier war; und seine Umgebung erfuhr auch, wie das Heer,
besonders die ausländischen Truppen, darüber dachten: eines Morgens wehte
vor Friedlands Quartier in der Sachsengasse in Pilsen eine Fahne mit den
Kirchenfarben, darauf war gemalt: »Wallenstein, der Friedenspapst.« Einmal
hing quer über dem Tor seines Hauses an einem Tau eine abgehäutete blutige
Katze; darunter ein Fetzen Zeltleinwand mit der Schrift: »Wir haben kein
Fell mehr, wir können nicht kratzen, wir hängen hier gut.«
Nur Neumann, Friedlands Sekretär, erfuhr von dem gräßlichen Getümmel, das
in Wolfegg bei Pilsen entstand, als eine von Ilow herbeigerufene Kompagnie
hier eingerückt war. Die unruhigen Truppen lockten eine Anzahl der
herkommandierten Neulinge in eine mächtige Scheune, angeblich zu einem
solennen Begrüßungstrunk. Dann war aber in dem Saal nirgends gedeckt und
aufgetafelt, dicht stand Mann bei Mann; die neuen verschwanden völlig unter
den andern. Sie erhoben, indem sich an mehreren Stellen zwei drei
übereinanderkletterten, auf den Schultern ritten, von diesem Podium in der
Scheune ihre Stimme, schmähten, verlangten Aufklärung. Ihnen gegenüber
schwangen sich die Meuterischen hoch. Die sonderbaren Menschengestelle
rückten und wanderten in dem durch Strömungen zerrissenen Gedränge
gegeneinander, kamen voneinander ab, schwangen die Arme, Degen
gegeneinander. Man hatte sich jäh aneinander entzündet. Das Gebrüll auf die
herkommandierten »Verräter!« wurde allgemein. Wie sie oben fochten, schrie
man, sie sollten entwaffnet werden. Man stürzte die wandernden fechtenden
schlagenden Menschensäulen, im Gedränge stieß man sie nieder. Schweden
seien die Leute Ilows, wurde gerufen, sie seien Lumpen und Hundsfotte,
wollten auf Kosten der andern sich fett machen, man brauche keine Mörder
und Profosse mehr. In der sinnlosen Erregung brachen die Meuterer den
größten Teil der Scheune ab, zündeten die Balken an und warfen die Waffen,
Musketen, Piken, Partisanen der überwältigten fremden Kompagnie hinein,
machten sich daran, geradewegs in die Stadt zu stürmen, um zum Herzog zu
dringen.
Neumann, von der Lagerwache alarmiert, ließ die Stadttore stark besetzen,
Feldgeschütz dahinter auffahren. Er selbst mit kleiner Begleitung fing die
tumultuösen Truppen mitten im Lager auf; er war ins Lager hineingeritten,
um der drohenden Gefahr einer Ausbreitung des Lärms bis zum Herzog zu
begegnen. Ein dunkles Gefühl sagte ihm, daß im Lager jede signalgebende
Erregung momentan niedergehalten werden müßte. Er tat, während ihn die
Meuterer mit Fackeln auf freiem Stoppelfeld umstellten, als überhöre er
ihren Ton und sähe nicht die durchstochenen Hüte und herausfordernd auf
Stangen getragenen Wehrgehänge entwaffneter Ilowscher; er wandte sich
scheltend an die fünf gefangen mitgeführten Leutnants und Fahnenjunker
jener Kompagnie: was sie sich ankommen ließen in Wolfegg zu erscheinen.
Ihre Antwort, es sei ihnen befohlen, überdonnerte er. Sie sollten
fortmachen, ihre Eigenmächtigkeit würde sie teuer zu stehen kommen. Seine
eigene Begleitung nahm die gefangenen Offiziere in die Mitte und führte sie
in die Stadt ab. Eine Handvoll Mannschaften der Torbesatzung hatte den
sofortigen Abmarsch der neuangerückten Kompagnie zu überwachen. Unter
triumphierendem Geschrei zogen die Rebellen zurück. Neumann ritt finster in
die Stadt, weihte nur Ilow ein.
Der Vorfall hatte sich kurz nach Schlicks und Questenbergs Besuch in Pilsen
abgespielt. Die Vertrauten des Herzogs wußten, daß von kaiserlicher Seite
das schwelende Feuer geschürt wurde, ohne daß sie Bestimmtes feststellen
konnten. Unter ihnen war man einer Meinung, daß lange der Zustand nicht in
der Schwebe bleiben könne; es könnte dahin kommen, daß Meutereien auf das
ganze Heer übergriffen. Ilow verlangte einen großen Aderlaß für die Armee,
und auch Trzka war dieser Meinung, nur müsse es auf dem Wege eines
Feldzuges geschehen. Als Ilow achselzuckend und ärgerlich sagte, der Herzog
wolle doch nun einmal keinen Krieg, lächelte Trzka bedeutsam; auch Neumann
lächelte: es käme eben nur darauf an, gegen wen. Nämlich, um es kurz zu
sagen, gegen den Sachsen zu kämpfen, vielleicht auch gegen den Schweden
hätte der Friedländer wenigstens zur Zeit gar keine Lust. Aber da bliebe
noch allerhand Feindliches, ein Feind, von dem man nicht viel rede, dem es
der Herzog aber so gern antun möchte wie einem Schlangenwesen, daß er gegen
ihn sogar selbst auf das Pferd steigen werde. »Und dieser geheimnisvolle
Feind?« Das sei nicht schwer zu erraten. Und als Ilow noch nicht ihr
Lächeln durchschaute, wies Trzka ihn auf den Grafen Schlick hin, auf
Questenberg, und was sie im Lager vorgebracht hätten, und wie sie dem
Herzog die Waffen stumpf machen wollten.
Da blieb auch dem langen von Ilow erst der Mund offen. Er pfiff dann, ging
sehr langsam herum; also gegen Wien, das sei aber ein verteufeltes Manöver.
Oha! Und er konnte sich lange nicht beruhigen. Er kreischte dann leise
lachend, dicht vor Trzka, den anstoßend: »Sie sind ja wehrlos! Wir können
sie ja überrennen!« »Nun ja.« »Wir brauchen ja gar nicht kämpfen! Trzka,
wir brauchen ja nur marschieren, Marradas kippt auf die Nase!« »Um so
besser!« »Ein Witz, eine Komödie. Wer hat sich das ausgeheckt? Oha, ist das
ein Spaß.«
Neumann aber, nachdenklich seinen aufgehobenen Degen betrachtend, erklärte
drohend, es sei kein Spaß, man müsse von Tag zu Tag mehr auf dem Sprung
sein, man scheine im Augenblick noch der Angreifer zu sein, bald werde
einem nichts weiter übrigbleiben als sich verteidigen.
Im Lager und in der Umgebung Friedlands rief es keine Bestürzung hervor,
als immer bestimmter die Gerüchte verlauteten, ein größeres Heer,
hauptsächlich aus Italienern, von Spanien geworben, hätte die Alpen von
Mailand kommend überschritten und ziehe in starken Märschen in das Reich.
Auch an dem Herzog sah man keine Erschütterung; mit größter Anspannung
beobachtete er die Vorgänge.
Der Mailänder Gouverneur mit einer nicht kleinen Armee hatte sich den
ligistischen und aldringischen Regimentern angeschlossen. Es war das
eingetreten, was man erwartet hatte; fast lautlos, während er in Böhmen
saß, hatte sich die neue Phalanx gebildet. Gegen ihn. Die Phalanx, die er
erwartete.
Und bald meldeten Spione aus Wien, eine hohe Deputation sei abermals im
Begriff, den Hof in der Richtung auf Pilsen zu verlassen, um nunmehr
bestimmte unausweichbare Befehle zu überbringen. Gleichzeitig wurde
offenbar, daß es eine unsichtbare hohe, sehr hohe Stelle war, welche die
Wühlerei unter den Lagertruppen unterhielt. So nahe an den höchsten Plätzen
mußte diese Stelle sein, daß Trzka selbst Warnungsbriefe von anscheinend
treuer Seite zugetragen wurden; er war ganz ängstlich und verwirrt, als er
die Papiere aufknüllte und las, die höhnisch ihn selbst als Kaiserspion
bezeichneten. Affären, wie die der Vertreibung einer sicheren Kompagnie,
wurden aufgebauscht. Es wurde erzählt, eine Anzahl hoher Offiziere mit
bestimmten Truppen unterschlügen Sold und Kontributionen und verteilten sie
unter sich. Daß der Herzog vorhabe Frieden mit Schweden und Sachsen zu
machen, um sich von ihnen mit Böhmen beschenken zu lassen und sich rasch
seiner Verpflichtungen gegen das Heer zu entledigen, das er an den armen
Kaiser verweisen wollte. Das eigentümliche gefährliche Element von
Unsicherheit wuchs und wogte im Heere.
Da traf Trautmannsdorf und Questenberg in Pilsen ein. Niemand als
Trautmannsdorf hatte sich zu dieser Mission bereit erklärt, er hatte nach
dieser Aufgabe mit der Ruhe seiner besten Stunden gegriffen; Questenberg
wollte er bei sich haben, um ein vertrautes Gespräch mit einem sicheren
Mann führen zu können. Als Trautmannsdorf in Pilsen einfuhr, ließ von Ilow
den Zutritt zum Lager auf allen Seiten sperren, jeglicher fremden Person
war der Eintritt verboten; hinter Trautmannsdorf und seinen Begleiter
hängte er eine Ehrenwache von zehn jungen ungarischen Kornetts. Neben die
Wiener Herren stellte er sich selbst und zum Wechsel Trzka und Neumann. Den
beiden Gästen sollte kein unbelauschtes Wort gelingen. Der verwachsene Graf
war gegen die kriegerischen Herren von einer beleidigenden souveränen
Kühle, man drängte ihn rasch vor den Herzog, als er keinen Blick für das
imposante vor ihm aufgerollte Bild großer Kavalleriemanöver hatte.
Friedland ging in diesen strengen Wintertagen im Obstgarten seines
Quartiers viel spazieren, erfreute sich seiner wiedergewonnenen
Beweglichkeit. Der kleine Graf gedachte ihm fremd zu begegnen als
Beauftragter des Kaisers, vermochte sich aber nicht zu behaupten, als der
Herzog, im langen roten Mantel, auf das spanische Rohr gestützt, ihn
herzlich begrüßte, nach dem Kaiser, Eggenberg fragte, bedauerte, daß man
durch die Kriegsnöte persönlich auseinandergekommen sei. Und ehe
Trautmannsdorf seinen Auftrag beginnen konnte, verwickelte ihn der Herzog
in ein langes, von Späßen und Traueräußerungen unterbrochenes Gespräch über
den alten Harrach, über die Hofärzte und anderes. Dann erst, immer dieselbe
breite kahle Obstallee entlangspazierend, warf Friedland einen Blick auf
den stummen dicken Questenberg und bemerkte kurz, er hoffe, der Herr habe
den neulichen Besuch gut überstanden.
Das darauf eingetretene Schweigen war das Signal für Trautmannsdorf. Er
knüpfte an diesen neulichen Besuch an, schilderte mit übertriebener
Zaghaftigkeit die eigentümliche Situation des Kaiserhauses gegenüber
Spanien und der Herzog möchte das angekündigte und nun erfolgte
Heraufziehen des Spaniers auf den Kriegsschauplatz recht verstehen als eine
Maßnahme, die ohne Zutun des Kaiserhauses erfolgt sei und die man auch
nicht ohne schwere Komplikationen hätte verhindern können. Er fuhr dann
fort: die Armee des Mailänders sei zwar leidlich stark und wohl bewaffnet,
jedoch nicht stark genug, um jeder zu erwartenden Truppenmacht Trotz bieten
zu können. Man möchte deshalb von vornherein jeden feindlichen Anschlag
unmöglich machen, indem man die recht kleine Aldringische Schar auf eine
entsprechende Größe brächte und ihr die vom Augenblick gebotene
Beweglichkeit gäbe. Es möchte also des Herzogs Durchlaucht sich bequemen
und bereit finden, solange er nicht die Winterquartiere verlassen könne,
eine ausreichende Zahl von Regimentern dem von Aldringen zur Verstärkung
und Verwendung zu gestatten.
»Es ist mir unmöglich«, erklärte freundlich der Herzog. Er wandte sich an
den nachfolgenden Neumann, erbat sich ein Verzeichnis der Truppenstärke,
wies, als es in Kürze kam, die Zahlen dem kleinen sehr ernsten, kaum
hinblickenden Grafen: »Der Herr Graf wird sich selbst überzeugen. Zudem ist
der Mailänder von mir angewiesen, rasch den Kriegsschauplatz zu verlassen
oder nach Pilsen zu stoßen. Der Kurbayer muß Geduld haben; er wird nicht
verlorengehen.«
Der Graf war nicht zu beruhigen; man müsse zunächst andere Dinge
hintanstellen, die Notwendigkeiten des Kaiserhauses und so weiter.
Trautmannsdorf, immer den Kopf vor der Brust, knaute und kam nicht heraus.
Ruhig und sicher lachte der Herzog, der auf ein Trompetensignal gehorcht
hatte; darum möge sich der Graf keine Sorgen machen; er erkenne sie wieder,
den alten freundlichen Eggenberg und ihn, wie sie sich quälten, vielleicht
wäre auch ein Finanzmann im Bunde, um sie zu vexieren; bei ihm läge der
Kaiser und das Erzhaus wie in Abrahams Schoß. Er werde sich nicht
verläppern. Der Friede sei näher als sie glaubten. Auch als Trautmannsdorf,
der schwer beklommen war, ganz schwieg, blieb Wallensteins Ton freundlich;
er stellte sich vor die beiden Herren, zog sie an den Gurten zusammen: »Nun
wollen wir zusammen beraten, mein Herr Questenberg und Euer Liebden. Ich
will mich wie ein rechtschaffener Angeklagter vor Euch, kaiserliche
Vertreter, aufstellen und Ihr sollt schelten, was versehen ist.«
Questenberg nahm sich mit Gewalt zusammen: »Wir möchten Durchlaucht bitten,
uns dies zu ersparen. Wir sind ja auch ganz und gar nicht als Ankläger
hier.« »Nun seht Ihr,« unterbrach Wallenstein, der ihre Gürtel nicht
losließ, »ernsthaft könnt Ihr nichts anklagen. Es soll euch auch bei Jesu
schwer fallen. So gebt doch den Bayern frei. Was setzt man euch in die
Ohren. Den Herren scheint es unbekannt zu sein, wie es der Bruder des
bayrischen Kurfürsten, der Kölner, mit den Franzosen hält; Maximilian ist
da nicht weit vom Schuß.« Finster gab der Graf, der peinlich Wallensteins
Hand am Gürtel fühlte, zu, daß man davon gehört hätte. »Nun,« tönte der
Herzog, seinen Stab schwingend, zurück, »das bedeutet nichts?« Gezwungen
lächelte der Graf, der ein paar Schritte machte, um den Herzog vom Fleck zu
bewegen; schwerfällig folgte er auch; es schiene ja bald so, rang sich der
Graf ab, daß nicht Wallenstein, sondern sie hier als Angeklagte ständen.
»So nehmt doch Vernunft an, Herr Graf. Ihr seht meine Daten. Ihr antwortet
nichts zur Sache. Greift mich an. Ihr gebt mir fast zu, was ich sage. Oder
-- seid Ihr nicht allein hier?« »Was?« warf Trautmannsdorf den Kopf herum.
»Ich meine, Herr Graf, Ihr steht hier, ich kann Euch wohl sehen und
sprechen hören. Aber hier sind noch einige mit Euch, die ich nicht sehen
kann. Die sich vielleicht nicht -- hergewagt haben.« »Eure Durchlaucht
kennen mich.« »Ich weiß, es gibt schon Geister in Wien, die mich lieber am
Morgen als am Mittag verspeisen möchten. Einige von ihnen tragen viereckige
Hüte und schwarze Röcke. Es könnte auch sein, daß sie einen Mann wie den
Trautmannsdorf zu Fall bringen.«
Der Graf kühl: »Ich habe mir die Regeln meines Denkens in der guten Schule
des Aristoteles geben lassen.« »Ich weiß, ich weiß, aber so antwortet doch.
Ihr seid weder bestechlich noch dumm.« »Ich will Eure Durchlaucht nur
bitten zu bedenken, für wen wir in diesem Augenblick sprechen. Questenberg
und ich. Wir haben die Majestät zu vertreten oder Weisungen von ihr
abzugeben. So wollten wir Eure Durchlaucht bitten, und ich besonders --
denn Euer Durchlaucht weiß, wie ich Euch anhänge, wie ich Euch nach
Vermögen am Hof alle Wege geebnet habe, und daß mich keiner zu Bosheiten
gegen Euer Durchlaucht anzustoßen vermöchte -- ich wollte Euch bitten, gebt
uns einen Augenblick nach. Wenn wir auch keine Krone tragen, so sind doch
unsere Weisungen da -- und was sind wir alle? Vor der kaiserlichen
Majestät?« Hart der Herzog: »Braucht nicht einen darüber aufzuklären, der
sein Leben lang für den Kaiser gefochten hat.« »Der Kaiser weiß, was er
Euch zu verdanken hat.« »Es scheint aber, andere wissen es nicht.« »O wir
--« »Macht mir nichts, ob Ihr es wißt. Macht nichts.« »Wir sind allesamt
--« »Kommt nicht darauf an. Meinem Herrn diene ich billig und begehr' es
allezeit zu tun nach seinem Willen. Die anderen lassen die Finger von mir.
Jeder Verständige kann begreifen, daß ich nicht geneigt bin von meinem
Vertrag abzugehen. Soll keiner mit mir Schindluder treiben. Mein gnädiges
Erbieten an Euch zu verhandeln wird verachtet und für nichts angesehen.«
Die Herren schwiegen.
»Ihr sollt mir antworten, Herr, was Ihr gegen meine Gründe zu sagen habt
über das spanische und bayrische Ersuchen. Ich kann die kaiserliche Armee
nicht schwächen lassen.« Sie standen immer an einem Fleck; der Herzog
wandte sich jetzt, winkte ihnen, ging in das Haus voran.
Und auf dem Weg tauschte der kleine Graf keinen Blick mit Questenberg,
dessen Augen er trostlos an sich fühlte. Er hatte die schwere entscheidende
Sache mit sich allein abzumachen; die Kiefer biß er zusammen, seine
Stiefelspitzen stießen vor, blieben stehen, stießen vor, blieben stehen.
Sand, eine Matte, die Schwelle kam. Es galt nicht nachzugeben, nichts hören
-- sprechen, ein Horn vorstrecken; er sagte sich: »Mach dich steif, du
kleiner Trautmannsdorf, denk' an nichts, dies muß geschehen, du neigst zu
Späßen, dies muß geschehen, höre nichts, dies muß geschehen.«
Die niedrige stark geheizte Ritterstube, Wallenstein ohne Hut und Mantel,
mit hoher Stirn, weißbärtig, Platz anweisend, selbst auf der Bank an dem
kleinen bunten Fenster. Dem Trabanten, der den Mantel hinaustrug, schrie er
nach: »Türen schließen.« Trautmannsdorf, dem andern ein Schweigezeichen
gebend, beruhigte sich und hielt sich mit den Blicken fest an einer nach
rückabwärts ragenden Hirschgeweihspitze der Krone an der Decke. Sanft und
ohne sich von den funkelnden starren Augen des Herzogs beirren zu lassen,
setzte Trautmannsdorf auseinander, daß vor der Kaiserlichen Majestät, wenn
man sich ihr nicht widersetzen wolle, wenigstens in einem Punkt alle
Unterschiede verschwinden müßten: man sei vor ihr Untertan oder
Privatperson. Er führte das bezwingend aus. Der Herzog ließ ihn reden. Er
sei Reichsfürst, und dies sei das eine. Und dann sei sein geschriebener und
gesiegelter Vertrag da. Man habe schon in einem Punkte seinen Vertrag ohne
ausreichenden Einspruch durchlöchert: indem Feria in Deutschland erschien,
ohne von ihm dahin beordert zu sein, dann indem sich derselbe Feria seiner
vom Kaiser verliehenen Befehlsgewalt entzogen und einen ganz unnützen
Posten bei der bayrischen Durchlaucht einnahm. Er werde nicht nachgeben und
tun, was unsachverständige Leute, ohne ihn zu fragen, beschlössen.
Heimtückische Hiebe gegen seine Friedensbemühungen werde er zu parieren
verstehen.
Da löste Trautmannsdorf seine Augen von der Geweihspitze. Ihm gegenüber auf
der Fensterbank saß ein kalter Mensch, stützte sich auf ein spanisches
Rohr, redete entschieden und unwidersprechlich. Er konnte da ohne
Schwierigkeit aus seiner Gürteltasche ein geschlossenes gefaltetes
Schriftstück ziehen und daraus vorlesen, daß dem Herzog zu Friedland,
Seiner Majestät getreuen Feldhauptmann, ernstlich vorzuhalten sei, daß er
durch seine Maßnahmen im letzten Feldzug die Sicherheit des Kaiserhauses,
der Erblande und des Reiches sehr gefährdet habe, und daß die Majestät sich
nunmehr auf Rücksprache mit ihren erfahrenen Ratgebern veranlaßt gesehen
habe, zwei ihrer vertrauten Räte, den von Trautmannsdorf und von
Questenberg, dazu dem Feldhauptmann bekannt und zugetan, zu ihm zu schicken
und sie zu ermahnen, mündlich mit ihm die bayrische und spanische Affäre
zur Zufriedenheit des Kaisers beizulegen. Sollte aber der Humor der
herzoglichen Durchlaucht einer friedlichen Beilegung auch weiter nicht
geneigt sein, so müsse ihr bedeutet werden, daß die Kaiserliche Majestät
ihrem Feldhauptmann diesen Befehl gebe und in Ansehung des Ernstes der
Umstände über den Kopf des Generalissimus den Obersten Anweisungen geben
werde.
Diese kaiserliche Instruktion gab Trautmannsdorf dem Herzog, der sie, ohne
sie zu lesen, eine Weile schweigend in der Hand wog. Dann las er sie
aufstehend; legte sie, zu ihnen tretend, auf den Tisch. Als die beiden
aufstanden, drückte Wallenstein dem kleinen ihn scharf fixierenden Grafen
die Hand: »Ihr seid besser als der da.«
Wie sie sich, da sie den Eindruck hatten, er wolle die Sache bedenken, zu
weiterer Gunst, Lieb' und Gnad' verabschieden wollten, meldete seine leise
bestimmte Stimme, daß er sogleich ihnen seinen Willen vorhalten wolle. Er
werde dem kaiserlichen Begehren nicht stattun, aber er werde es auch nicht
verhindern. Er werde resignieren. Sie möchten einige Tage in seinem
Hauptquartier verbleiben, um seine schriftliche Resignation mit auf die
Reise zu nehmen.
Dem erschütterten Grafen drückte er noch einmal stark die Hand; er werde
ihm den erwiesenen Dienst zu Gutem nicht vergessen.
Weder Trzka noch Kinsky wurde darauf von ihm, als sie nach einigen Stunden
ihn aufsuchten, eingeweiht. Er ging in aller Ruhe mit ihnen und dem
herbeigerufenen Neumann die Liste der Generalspersonen und Offiziere durch,
um sich genaue Angaben über alle machen zu lassen. Er traf ein Grundgefühl
bei ihnen, als er erklärte, es sei jetzt das Wichtigste die Schafe von den
Böcken zu trennen und alles Unzuverlässige rasch abzustoßen. Über Aldringen
lautete das Urteil schlecht, es war recht, daß er hinten in Passau oder
sonstwo stand. Für Gallas sagte der Herzog gut; Fürst Pikkolomini, der
treue ehemalige Kapitän seiner Leibwache stand außerhalb jeden Verdachts;
man ging schrittweise die Listen durch. Über einige Männer, erklärte der
sehr nachdenkliche aufmerksame und zugängliche Herzog, werde er sich noch
informieren müssen. Er werde auch Zenno befragen, seinen Astrologen, über
den und jenen. Das sagte er zum Schluß leise. Es machte auf die anwesenden
Herren einen starken Eindruck: der sonderbar suchende Ton und mitten in den
geschäftsmäßigen Beratungen der Astrologe Zenno. Sie fühlten: er trug sich
mit etwas Außerordentlichem; er war bewegt, er sagte nichts, vielleicht
mißtraute er ihnen auch.
Gegen Abend dieses Tages erklärte er nach der Tafel gegen Trzka, er
resigniere. Man sei am Hof, anscheinend mit Einschluß des Kaisers, der
Meinung, daß er Habsburg und das Reich verrate, es gäbe wohl Narren Schelme
und Verleumder auch in seiner Umgebung, die geflissentlich so gefärbte
Nachrichten nach Wien kolportierten. Man dränge ihm nun unmögliche Befehle
auf, um eine Entscheidung herbeizuführen; er danke ab. Die weitere
Durchführung der Listen erübrige sich also.
So bestürzt war Trzka, daß er dem Lagerkommandanten von Ilow nach einer
Viertelstunde ohne Besinnung in die Arme fiel, in Ilows Wohnung, die er
gedankenlos aufgesucht hatte. Das Faktum der Mitteilung hatte ihn
widerstandslos getroffen, obwohl der Ton der vorangegangenen Unterhaltung
Friedlands Entschluß schon angedeutet hatte.
Der mächtige von Ilow war keinen Augenblick bewegt. Nachdem er seinen Gast
mit einem starken Wein beruhigt hatte, kam ohne weiteres aus ihm heraus,
während seine gefleckten Augen auseinanderirrten, wie immer, wenn er sich
entschloß: der Herzog brauche sie, er sei hilflos ohne sie, die Reihe sei
an ihnen, einzugreifen. Später: daß Friedland von Abdankung rede, geschehe,
um sie herauszufordern; er wolle wissen, woran er mit ihnen sei.
Das half Trzka auf die Beine; er fluchte, es sei schmählich, so vor Schlick
zurückzuweichen. Dann hielt Ilow fest, die Kriegsoffiziere, einschließlich
Generalspersonen und Obersten müßten alarmiert werden; Wallenstein sei der
Entschluß, zu gehen, bei ihrer Listendurchsicht gekommen, sein Glaube in
die Zuverlässigkeit der Truppen schwanke.
Die rücksichtslos in der Dunkelheit hereingerufenen und im Moment befragten
Obersten, fünf, sechs, waren bis zur Verwirrtheit erschrocken und gaben
eine Äußerung mehr oder weniger kläglich von sich: wie es mit ihren
Gehältern werde und mit ihren Ausständen beim Kaiser, für die Wallenstein
gebürgt habe und mit den Vorschüssen, die sie von ihm erhalten hatten.
Von Ilow, Trzka, Neumann und Kinsky besorgten durch Briefe und Besuche am
grauenden Tag die Herbeirufung und Orientierung der Generalspersonen und
Obersten der in der Nähe liegenden Regimenter. Bei der dann am Abend
stattfindenden Besprechung im Pilsener Stadthaus berichtete Neumann, in
feinen Franzosenschuhen auf einen wackligen Tisch steigend: der Entschluß
sei offensichtlich dem Herzog nach einem beleidigenden Ansinnen der
kaiserlichen Delegierten gekommen; es handle sich um dieselben Punkte, über
die die Herren Obristen schon einmal auf Geheiß ihrer Durchlaucht beraten
hätten: Abmarsch aus den Winterquartieren, die Spanier und wie und unter
welcher Eskorte der Nachfolger der niederländischen Infantin aus Mailand
nach Brüssel reisen sollte. Schon da schrien einige Offiziere: »Das kennen
wir schon!« »Er soll in Mailand bleiben.« Es handle sich eben um Abgabe von
Truppen, setzte nach beruhigenden zustimmenden Handbewegungen der kluge
Neumann fort, sich auf seinem Tisch ausbalancierend. Diese Frage könne
nicht am grünen Tisch in Wien entschieden werden. Ob etwa der Pater
Lamormain neuerdings auch für Strategie kompetent sei. Unter dem Gelächter
kam es einige Zeit nicht zum Fortgang der Erörterung, sämtliche dem Herzog
Ilow und Trzka verbundenen Obersten waren zugegen. Ihr Urteil war bald
fertig, es handle sich um eine der üblen Hofschikanen gegen den Herzog. Die
nicht kleine Zahl derjenigen, die eine Änderung der Heeresverhältnisse
wünschten, war ohne Zusammenhang; ihr Widerstreben -- sie wagten sich nicht
hervor -- war auch rasch gemildert, als von Ilow tobend ausstieß, daß die
Truppenabgabe im selben Augenblick vor sich gehen solle, wo der Herzog
einen großen, noch nicht anzudeutenden Schlag vorhabe. Allgemein
ausbrechender Lärm, Fragen, Jubel, Durcheinander. Freches Lächeln Ilows.
Der Lärm verhinderte fast, daß eine Deputation unter von Ilow, bestehend
aus dem Obersten Bredow, Henderson, Losy und Mohr vom Wald gewählt wurde,
die sich stracks zum Herzog in die Sachsengasse begaben. Sie wurden von ihm
in der Schlafkammer, wo er mit Zenno konferierte, angenommen und unter Dank
abgewiesen, da sein Entschluß gefaßt sei.
Am frühen Morgen aber, als sich noch Trzka selbst der erregten Deputation
angeschlossen hatte und mit tränenden Augen unter den andern vor Friedlands
Bett stand, gab Friedland still einen nach dem andern prüfend und lauernd
anblickend, jedem langsam die Hand -- sie durften sie nur an der Spitze der
Finger berühren, er konnte sie schwer anheben -- er vernähme ihr Verlangen,
ihn bei sich zu behalten, gern, er denke an ihr Geld und ihre Zukunft; so
werde er die Last weiter tragen und sie noch diese schlimme Zeit durch
führen.
Von der Deputation wurde auf dem klirrenden Heimgang durch das schlafende
Pilsen ein feierliches Freudenbankett beschlossen. Es geschah, daß auf ihm
nachmittags von mehreren gar nicht sonst vertrauten Obersten im Überschwang
der Erregung die Anregung kam, gemeinsam wie man hier sei, der durch
Krankheit verhinderten Durchlaucht, ihrem weltberühmten Obersten
Feldhauptmann, den sie sich wiedergewonnen hätten und der sie weiter zu
Sieg und Ehre führen werde, ihren Dank für seine Sinnesänderung und Gnade
aussprechen und durch einen gewandten Schreiber aufzeichnen zu lassen, daß
sie zu ihm stünden. Das Schriftstück wurde von dem glücklichen Neumann, dem
vor Freude weinenden Trzka während des tosenden Banketts verfaßt. Sie
gebrauchten die stärksten Worte: gelobten statt eines körperlichen Eids
alles zu befördern, was zu des Herzogs und der Armada Erhaltung gereichte
und sich für ihn bis auf den letzten aufgesparten Blutstropfen einzusetzen,
sie wollten jeden unter sich, der treulos und ehrvergessen wäre, verfolgen
und sich an seinem Hab und Gut, Leib und Leben rächen, als wären sie selbst
verraten. Mit einem einzigen riesigen Freudengebrüll, Säbelschlagen,
Zerschmettern von Trinkgeschirr wurde das Elaborat in dem Bankettsaal
aufgenommen.
In seinem Erker wurden zwei Tische übereinandergestellt, auf dem untern
stand mit geschwungenem Degen der mächtige von Ilow; wer schreiben wollte,
mußte zu ihm herauf. Bei der zunehmenden Wildheit mußten bald vier
Trabanten mit gefällten Partisanen den Eingang zum Erker verwahren. Draußen
watete und wankte mähneschüttelnd der schmerbäuchige Pikkolomini zwischen
den Tischreihen, schrie italienisch, taumelte Arm in Arm mit Diodati zum
Erker, brüllte: »O traditore!«, ohne daß man wußte, wen er meinte; Isolani
hatte sich drei fremde Pelzmäntel über den Kopf gezogen, stürmte auf den
Obersten Losy, der ihn höhnisch einen savoyardischen Affenführer genannt
hatte, bedrohte ihn mit einer Tischplatte. Auch Trzka hatte das Bankett zu
einer vollen Mette werden lassen, er ging mit gezücktem Degen einher,
wollte jeden niederstechen. Der Erker war gedeckt, es unterschrieben Julius
Heinrich von Sachsen, Morzin, Suys, Gonzaga, Lambry, Florent de la Fosse,
von Wiltberg, Montard von Noyal, Pychowicy, Rauchhaupt, Kossatzky --
dieser, nachdem er zweimal vom Tisch gefallen war und nachdem ihm die
Saalwachen mit Hellebarden den Rücken gestützt hatten --, Gordon, Markus
Korpaß, Silvio Pikkolomini, Johann Ulrich Bissinger, von Teufel, Tobias von
Gissenberg, Juan de Salazar -- er ritt mit seinem elefantisch massiven
Landsmann Filippi Korrasko --, Lukas Notario, genannt nach seinem Gebaren
das Wiesel, der finstere Schotte Walter Buttler, als letzter. Der
schmächtige sanfte Christoph Peukher, der nackt, von allen Seiten mit Wein
begossen, umherlief, um zu beweisen, daß er ein Mann sei; man vertrieb ihn
mehrfach vom Erker, schließlich ließ man ihn zu; von Ilow warf ihn selbst
aus dem Fenster in einen Schneehaufen, wie er sagte, um einen Schlußpunkt
dem Elaborat zu geben. Die Offiziere drängten an die Fenster, bombardierten
ihn mit Bechern und Schemeln im Schneehaufen.
Dem Grafen Trautmannsdorf und Questenberg wurde nach höflichem Empfang und
freundschaftlichem Gespräch vom Herzog unter Achselzucken bedeutet, es
hätten unvorhergesehene Zwischenfälle seinen bekannten Entschluß, zu
resignieren, durchkreuzt. Er sehe sich tatsächlich seinem ganzen Lager,
seiner ganzen Armee gegenüber und wüßte nicht wie aus dieser Schlinge
heraus. Was die Detachierung eines Truppenkommandos für die Spanier
anlange, so hätten sich die Offiziere gesträubt etwas anderes vorzunehmen,
als was sich strategisch im Augenblick rechtfertigen ließe. Dabei müsse es
denn sein Bewenden haben. Man werde es in Wien einsehen. Es sei auch nicht
einfach für ihn, sich von der Armee zurückzuziehen; er bürge den Obersten
und Offizieren für ihre Ausstände; wie die Finanzlage der Kaiserlichen
Majestät sei, wüßten die Herren.
Trautmannsdorf fragte: »Danach vertrauen die Herren Obersten mehr Eurer
Durchlaucht als der Kaiserlichen Majestät.« Der Herzog unwillig: es sei nur
der Unterschied einer räumlichen Entfernung, »ich bin ihnen näher.« »Und
die Befehle betreffend die spanische Verstärkung?« »Der Graf Trautmannsdorf
spielt mir Theater vor. Das ist ein großes Wort »Befehl«, und Euer Liebden
gebraucht es gern, es kleidet Euch auch gut. Vergeßt darunter nicht die
Tatsache, die ich Euch genannt habe. Mein Sekretär soll Euch einige
schriftliche Aufstellungen mitgeben; Graf Schlick mag noch einmal darüber
nachdenken.«
Hartnäckig Trautmannsdorf, in dem zum erstenmal Zorn gegen Wallenstein
aufwallte: »Aber die schriftlichen unausweichbaren Befehle der Kaiserlichen
Majestät?« Das überhörte der Herzog, der langsam vom Tisch, an dem sie
gesessen hatten, aufgestanden war und aus der offenen Truhe von der Wand
einen gerollten gesiegelten Papierbogen hervorholte. Sich wieder unter
Seufzen niederlassend, besah ihn Wallenstein mit undurchdringlicher Ruhe:
»Dies ist das Siegel, das größere Siegel meines Feldmarschalls Christian
von Ilow. Die Herren sollten Realitäten sehen und sehen wie es mit Worten
steht. Haben die Herren schon hiervon gehört?« Trautmannsdorf, mit
Questenberg Blicke wechselnd, sagte bissig »nein«. Dann aber, als der
Herzog ruhig vorlas, die Namen las, waren sie entsetzt und ihnen ging der
Atem aus. Es war klar, daß sich der Herzog durch dieses Schriftstück der
Offiziere versicherte für den Fall der Enthebung vom Generalat.
Trautmannsdorf stöhnte unwillkürlich vor Erregung, so daß sich der Herzog
unterbrach, ob er nicht weiter lesen sollte. Sie baten sich eine Abschrift
des Reverses aus, die Friedland bereitwillig zusagte. Sollte ihnen gewiß
kein Name unterschlagen werden. In eisigem Triumph geleitete sie der Herzog
auf die Diele. Außer sich vor Wut, von Scham gelähmt reisten sie tags
darauf ab.
An den nächsten Tagen nahm der Herzog selbst an Banketten teil, die man
Ilow, ihm und Gallas zu Ehren veranstaltete. Ein trotziges prahlerisches
Gerede ging bei dem Getafel um, Friedland beteiligte sich an jedem Umtrieb.
Das Frühjahr sei vor der Tür, man wisse wozu man lebe. Junge Offiziere, dem
Herzog zu schmeicheln, schrien, man werde den Wiener Intrigen Schach
bieten; die Spanier würde man nach Spanien jagen, den Wiener Hof
hinterdrein. Wallenstein aber fing von seinen Kreuzzugsideen an, als hörte
er nichts; er wolle alle Truppen der ganzen Christenheit einmal
zusammenfassen und sie gegen die Türken werfen; da sei ihm gleich recht
katholisch oder lutherisch, die Welt wolle erobert sein, ein Hundsfott, wer
jetzt die Fahne verlasse und die Wiedervereinigung der Christenheit störe.
In dem Erregungssturm, der das Pilsener Lager erfaßt hatte, arbeitete die
Umgebung des Herzogs mit größter Entschlossenheit. Graf Kinsky, der Böhme
und Franzosenfreund, in Pilsen herumgehend, brachte de la Boderie vor
Friedland, einen Attaché Feuquieres, der den Augenblick für einen tödlichen
Stoß gegen Habsburg gekommen hielt. Festlich wie immer schleppte der eitle
Kinsky sein Opfer an, einen flinken Mann, die Nase lang gezogen, die Spitze
gesenkt über den Mund. Beide erlebten, daß Friedland sie ganz anders
empfing, als sie erwartet hatten. Beleidigend kurze schneidende Fragen wie
an Bediente stellte er, Ablehnung jeder huldigenden und höflichen Phrase.
Das Gespräch wurde italienisch geführt, ging von de la Boderies Erbieten
aus, dem Herzog das Königreich Böhmen zuzusprechen, worüber Friedland mit
eisigen Wendungen hinwegging, um selber sechs Fragen an den Unterhändler
Feuquieres zu richten, vor allem: welche Sicherheit ihm Frankreich bei
einem Krieg gegen Habsburg gäbe, wie man sich zu Bayern, Frankreichs
Liiertem, stellen solle, worauf die Operationen gegen Habsburg hinausgehen
sollten.
Der chokierte, gut informierte unsichere Unterhändler übermittelte erst
nach Rücksprache mit Feuquieres, der in Dresden arbeitete, Antworten, daß
man Wallensteins Groll Bayern und den Kurfürsten Maximilian opfern wolle,
eine Million Livres jährliche Unterstützung ihm verspreche,
fünfhunderttausend im Augenblick, den Waffenschutz Frankreichs; es müsse
auf Wien losgestoßen werden. Einen persönlichen überfließenden längst
vorbereiteten Brief des Allerchristlichsten Königs Ludwig brachte de la
Boderie aus Dresden für den Herzog mit. Ein zufriedenes Knurren war die
Antwort Friedlands; er warnte den Franzosen, sich einzubilden, daß er vom
Kaiser abfalle. »Die Armee steht hinter mir,« sagte er, »ich bin nicht
gegen den Kaiser, ich will zum Frieden kommen, die Kriegspartei am Hofe
wird sich fügen. Aber es sieht aus, als ob nun die bayrische und
Jesuitenpartei herrscht am Hof, Spanien führt das Szepter. Bayern will
seinen Spott an mir üben. Ich bezahle ihnen für jetzt und für das
letztemal.« De la Boderie verabschiedete sich, verständnisvoll sich
verneigend, er wolle einen Vertragsentwurf aus Fontainebleau
herbeischaffen.
Kinsky wurde von dem grausam ihn anfunkelnden Herzog im Saal festgehalten:
ob er das dem Franzosen ins Ohr gesetzt habe, das mit Böhmen -- die
Franzosen wollten ihn mit dem Königreich Böhmen beschenken. Er zog den
verwirrten, sich krümmenden Grafen durch den Saal am Ohr: »Ich werde Euch
beseitigen lassen, wenn Ihr mich kompromittiert. Was hab' ich Euch von
Böhmen gesagt? Sagt mal! Ho, ja hi. Was habe ich Euch gesagt? Hat der Herr
Verlangen nach seinen Gütern? Hi, ja hi, hihi. Erobere er sie selbst.« Als
Kinsky sprechen wollte, wies ihn der Herzog kreischend hinaus und schlug
ihn in den Rücken.
Trzka fing den glühenden Kinsky schon an der Tür ab. Sie flüsterten
zusammen; ein besonderer Bote war vom Herzog an den sächsischen Kurfürsten
abgefertigt, Sesyma Raschin war aufgetaucht und hatte Aufträge für den
Schweden Oxenstirn mitgenommen.
Während es im Lager brodelte, klirrte es metallisch angespannt aus dem
herzoglichen Quartier.
* * * * *
Irrtümlich wurden von den Spähern Pikkolominis der Graf Trautmannsdorf und
Questenberg gefangengenommen und einige Tage als vermeintliche Geheimboten
Friedlands festgehalten. In Wien war mit dem Erscheinen Trautmannsdorfs und
Questenbergs die gemeinsame Front hergestellt. Die geheime Kommission, die
den Fall Friedland behandelte, gab in panischem Schrecken nach. Sie ging
mit fliegenden Fahnen ins Jesuitenlager über. Geängstigt, mit Widerstreben
zogen sie zu ihren Beratungen den brutalen Grafen Schlick hinzu; man hielt
es auch für gut, den jungen schmächtigen König von Ungarn zu informieren,
dessen hochmütige Abneigung gegen Friedland, den »anmaßenden
Emporkömmling«, sonst alle abstieß. Nach der Gehorsamsverweigerung, dem
offenen Rebellionsakt des Pilsener Schriftstückes war aber die Enthebung
vom Generalat unvermeidlich geworden. Das Generalat sollte auf Gallas
fallen, der in Pilsen saß und an den man nicht herankonnte; darum sollten
zunächst Aldringen in Bayern und Pikkolomini die erforderlichen
Absetzungsmaßnahmen in aller Heimlichkeit, Schnelle und Entschlossenheit
betreiben. Man schickte zum Kaiser Ferdinand, um die Unterschrift zu dem
Beschluß zu erlangen.
Inzwischen wurde auf die Kunde eines drohenden Angriffs in aller Eile die
Wiener Stadtgarde alarmiert. Den hohen Würdenträgern in der Kommission
krampfte sich die Brust zusammen, als sie die wenigen hundert Mann anrücken
sahen, ärmliche Leute, die bei Tag ihrem Beruf oblagen, rasch ausstaffiert
mit alten Waffen Musketen und Partisanen, die sie kaum zu handhaben wußten.
Unter ungeheurem Hallo und Zulauf fuhren sie noch fünf leichte
Feldgeschütze an, die Friedland im dänischen Feldzug erbeutet hatte und die
man zum Schmuck auf Brücken aufgestellt hatte. Das Volk lärmte und ritt
nebenher, Kinder schwangen sich auf die Lafetten, die Stadtsoldaten ließen
sich von Küfern und Lastträgern helfen. Unter großer Lust der angestauten
Masse wurden die Geschütze vor den Eingängen zur Burg in Stellung gebracht,
die Fähnlein zogen in die Burghöfe ein, wo sie Zelte aufschlugen, Feuer
machten und sangen. Es hieß unter ihnen, Zigeuner und die herumstrolchenden
Unzufriedenen aus Ungarn hätten einen Raubanschlag auf die Burg vor. Unter
den Herren oben wurde es wiedererzählt. Abt Anton flüsterte: »Wie wollen
diese Leute einer friedländischen Armee standhalten.« Eggenberg brach in
ein widerstandsloses verzweifeltes Weinen aus, greisenhaft plärrte er;
Trautmannsdorf schüttelte den Kopf, als er den hilflosen Mann in einer
Kammerecke sah. Trautmannsdorf wußte nicht, daß der alte Fürst auch weinte,
weil ihr Herr, der Kaiser, den er jahrzehntelang beraten hatte und dem er
anhing, sich so hoffnungslos von ihnen getrennt hatte.
In Wolkersdorf Todesstille. Der Kaiser auf tagelangen Ausflügen. Von Rom,
gewählt vom General der Jesukompagnie, war ein gebückter uralter Priester
angekommen, wartete auf Ferdinand. Lamormain, der sich nicht mehr fähig
fühlte, den Kaiser zu führen, hatte um Hilfe gebeten. Der schwarzröckige
Fremde tappte unermüdlich durch die Gänge, stieg die Treppen auf und ab,
nur vormittags schlief er einige Stunden. Lamormain schickte dem Greis zur
Gesellschaft einen vornehmen Novizen. Der Alte freute sich, redete viel.
Sie schlichen durch die Korridore, über die Treppen bis zum Dach, durch die
Dachräume, die Treppen herunter.
»Weißt du, Kind, was Jesus gesagt hat. Du mußt es dir merken. >Weide die
Schafe<; er hat es zu Petrus gesagt. Ist ein Schaf ein vernünftiges Tier?
Das mußt du dich fragen. Ein großer Mann, der unsrer gesegneten
Gesellschaft angehörte, hat viel darüber nachgedacht. Jesus hat nichts von
sich gegeben, was belanglos wäre. Die Schafe sind unvernünftige Tiere, sie
sind vielleicht die unvernünftigsten. Sie haben Triebe und Begierden und
weiter nichts. Du siehst, wie Jesus von den Menschen gedacht hat und welche
Aufgabe er der Heiligen Kirche zuerteilte. Wir sollen sie führen und
weiden, wir wollen wissen, wen wir vor uns haben; wir sollen also keine
Leithammel sein. Petrus nahm den Hirtenstab und übte das Hirtenamt. Weißt
du, mein Kind, wer wohl als Leithammel zu betrachten ist?« »Nein,
Ehrwürden.« »Nun,« er flüsterte, »wir sind ja nicht weit vom Schuß. Es sind
die Fürsten Könige und Kaiser. Sie sind der Kirche danach untertan, ja
eigentlich ihr Eigentum; denn was kann der Herde besser geschehen, als daß
der sachkundige Hirt sie besitzt. Aber es ist eine Verwirrung eingetreten,
die Gewalt triumphiert; kaum daß sich unser Heiliger Vater in seinem Land
gegen die wildgewordenen Lämmer behaupten kann. Ach, wir haben noch viel
Arbeit vor uns, mein Kind. Freu dich deiner jungen Knochen.«
Als der Alte seufzte, meinte der andre leise: »Lange bleibt der Kaiser
aus.« »Wir werden warten«, seufzte der Alte. Nach einer Weile: »Ein
sonderbarer Schlag Mensch, ein Fürst. Sie sind etwas für sich. Das Volk
spürt es. Als Priester wirst du deine besondere Meinung über sie haben,
Kind. Sie sind fast die Schlimmsten der Unvernünftigen. Es ist gewiß, daß
die Menschen von Natur frei sind. Ist ja doch jedes Lamm und Schaf, jeder
Hund frei; er kann laufen wohin er will. Und der Hirsch, die Wanze, der
Floh. Warum nicht der Mensch? Frei bleibt der Hirsch aber nur, solange es
keinen -- Jäger gibt. Eine Muskete überredet den Hirsch seine Freiheit
aufzugeben, eine Muskete hat große Überzeugungskraft. Was die Könige
Herzöge und Grafen in ihren Ländern tun, ist von dieser Art. Du wirst das
einsehen. Wenn ich einen Hirsch einsperre, so übe ich damit kein Recht,
sondern eine große Geschicklichkeit.« »Warum läßt Gott dies zu?« »Du bist
nicht töricht, mein Kind. Gott ist noch nicht an der Reihe. Weil die
Fürsten die Gewalt haben, glauben sie die Vernunft, den göttlichen Gedanken
entbehren zu können. Niemand ist so Verwirrungen ausgesetzt wie ein Fürst.
Sie verlieren den Boden unter ihren Füßen und rennen ins Leere. Ihre Völker
können sie mit sich ziehen. Wir müssen uns der Fürsten bemächtigen, und
wenn uns das nicht gelingt, der Völker. Wir dürfen nicht nachgeben und vor
nichts zurückschrecken. Nur die Heilige Kirche wird die Menschheit von dem
Abgrund zurückhalten.«