der blaumanteligen Jungfrau spielte das heilige Kind mit einem goldenen
Buch. Sie stocherten weiter. Der Alte wies rückwärts mit dem Daumen auf das
Bild: »Das Buch. Das Buch. Damit glauben nun unsre Schäflein zu haben, was
sie brauchen. Jetzt sind sie die Herren. Wer lesen kann, hat Zugang zu
Gott.« »Das ist ja Ketzerei.« »Nun, hast du einmal nachgedacht darüber, wer
schuld ist an der Ketzerei? Luther? Huß? Ei was. Sie sind Betrogene. Es
sind alberne flache Köpfe; es reicht bei ihnen nicht zu einem Betrug. Das
Buch. Es war Sünde, uns ist es längst klar, die Schrift Laien preiszugeben,
sie überhaupt schreiben zu lehren. Die heiligen Worte heilig zu halten,
wäre wichtiger als alles andre gewesen. Die heiligen Worte hätten von Papst
zu Papst mündlich überliefert werden müssen, und niemand hätte von ihnen
hören dürfen, als die der Papst heranzog. Von diesem Baum der Erkenntnis
können einfache Menschen nicht essen. Nun ist das Unheil geschehen, und was
ist die Folge? Die Massenketzerei. Sie fußen auf der Bibel. Hast du das
einmal gehört von den Prädikanten: auf der Bibel? Diesen Tonfall? Das
klingt so stolz, als wenn einer sagt: das hat Lamez gelehrt, das hat
Vitelleschi gefordert. Sie können, mein Sohn, ebenso sagen, sie fußen auf
der Natur, der Tierwelt, den Sternen, auf den Kristallen, den Meerfischen,
dem Schindanger. Denn was ist gesagt mit: Bibel? Ein Manuskript voll von
Sätzen, von Silben, Buchstaben, Schriftzeichen, hebräisch griechisch
lateinisch. Meine Augen gleiten darüber hinweg, ich finde dieses Wort,
jenes, zähle zusammen l-o-g-o-s, es gehört schon ein Entschluß dazu, logos
zu sagen. Ich steige, kaum ich meine Augen bewege, ins Geistige und -- die
geschriebene Bibel verschwindet. Mein Geist herrscht.« »Ehrwürden hält
nichts von der Heiligen Schrift?« »Die Heilige Schrift nichts? Freilich.
Wenn du stark bist und nicht erschrickst, Kind; sie ist in gewisser
Hinsicht nichts.« »In gewisser Hinsicht?«
»Eine Papiersammlung, ha, du brauchst nur einen Indianer fragen, ob ich
nicht recht habe. Jeder Vogel wird es dir bestätigen. Male die Buchstaben
der Bibel auf eine Sammlung Lebkuchen, gieße sie mit weißem Zucker genau
nach dem Urtext; du wirst eine Kuh als natürliche Autorität hinzuziehen --
sie soll dir sagen, ob das die Bibel oder Lebkuchen ist. Sie frißt das
ganze Paket auf und du darfst dann kein Wunder von dem Tierdarm erwarten;
was die Kuh später von sich gibt, ist ein Kuhfladen wie jeder andre.
Verzeih -- ja du lachst, Kind -- ich will nur sagen, diese lutherische Kuh
hat brav gehandelt, aber sie ist auch trotz des lutherischen Bekenntnisses
unsre gute Kuh geblieben.« »Ich verstehe.« »Und machen wir erst diesen
Schritt, so machen wir alle. Dieser Buchstabenglaube, sag' ich dir, ist ein
Rückfall ins Judentum. Weh dem, der glaubt, weil er zwei Füße hat, er könne
auch allein aufstehen. Unser Glaube hat Freiheit, der Heilige Geist hat die
Evangelien diktiert, er ist mit dem Papst. Nur mit dem Heiligen Geist ist
die Freiheit. Wir werden ernstlich einmal daran gehen müssen, der Kirche
und dem Papst die Bibel wieder zu erobern; wir müssen die Schafe vor dem
Wahnsinn und dem Tod schützen.«
Gänge, Türen, Treppen. Sie stiegen ernst über die Holzdiele. Hinter den
Fenstern des Erdgeschosses saßen sie, blickten in den Wald hinaus. Sie
warteten. Ein Diener brachte ein niedriges Tischchen mit Äpfeln und
Zuckerwasser. Der Novize öffnete vor dem Priester ein Fenster. Erfrischende
Luftströme.
Ferdinand ließ sich vom Pferde helfen. Ein schnauzbärtiger älterer Mann bei
ihm, fingertiefe Narben in dem entschlossenen kleinen Gesicht, das unten
ein starker vorspringender Unterkiefer abgrenzte. Mit raschen Schritten an
dem Geistlichen vorbei. Der Leibdiener holte bald den grauen Pater; der
Kaiser dankte ihm, plauderte mit ihm; er wollte ihn abends empfangen.
In dem breiten, von Streben durchschossenen, wie von verschlungenen Armen
gestemmten Gewölbe stand Ferdinand, heftig und leise diskutierend mit dem
Schnauzbärtigen. Der trug zwei Pistolen im Gürtel, der Kaiser hatte ihn
nach dem Überfall bewogen, bei ihm zu bleiben. Jetzt verlangte Ferdinand,
weißgrau wie der andre gekleidet, in losen Kniehosen leicht schlotternd,
tiefrotes Gesicht, Böckel solle mit ihm weg. Der widerstrebte. Dann wollte
Ferdinand ohne ihn weg; man hätte etwas gegen ihn vor, einen Anschlag,
flüsterte er ängstlich, es sei nicht ausgeschlossen, daß man ihn einsperren
werde, um seiner sicher zu sein; gegen Kaiser Matthias und Rudolf sei auch
dergleichen geplant gewesen. Der wollte es nicht glauben. »Es ist so weit,«
verharrte Ferdinand, »sie wollten den Herzog zu Friedland beseitigen,
Friedland ist mein Freund, er hat mich hochgebracht; sie werden mich fassen
wollen; sie wissen, wie ich denke.« Der starke Böckel, der einen feisten
runden Rücken hatte, listig um sich schauend: also Ferdinand sollte sich
nichts vergeben, sie wollten mitnehmen, was sie tragen könnten. Gegen Abend
sollte es sein; er wolle hinaus zur Vorbereitung; er tuschelte noch: der
Kaiser solle sich keine Blöße geben bis da.
In ein Zimmer ging Ferdinand, den ein Schrecken beim Anblick des fremden
Geistlichen befallen hatte, dann nicht mehr, lungerte in der Nähe der Tür
herum, ritt angstvoll um das Schloß. Er mußte am späten Nachmittag noch mit
dem Fürsten Eggenberg durch die Gänge promenieren; das Absetzungsmandat
Wallensteins sollte unterschrieben werden. Zum erstenmal empfand Ferdinand
fiebernd einen Haß auf den Mann, der ihn jetzt bedrängte und quälte. Er sah
nicht die hündisch treuen Blicke des alten Menschen, er wartete, daß er
ging. Was Wallenstein, pfui, pfui, sie sollten ihn zu nichts kriegen.
Als man zur Abendmesse gehen sollte, hing Ferdinand schon auf dem Pferde.
Eine halbe Stunde lag Wolkersdorf hinter ihm.
Er dachte daran, wie ihn vor langer Zeit Graf Paar mit Gewalt entführen
wollte. In einem Talkessel lagerten Böckels Gefährten; Ferdinand umarmte
den eisenstarken Gesellen. Dann schrie er wie ausgelassen sinnlose Silben
aus voller Kehle in die Luft, die anderen lachten. Er warf sich auf den
bloßen Boden, zuckte mit den Armen und Beinen, knirschte, weinte, schäumte,
schrie. Er ließ aufgestemmt bestäubt den Kopf zu Boden hängen. Ferdinand
war schwindlig. Er glaubte ein Schlag träfe ihn. Man wollte ihn hindern,
aber er fing an sein Pferd abzuhalftern, zu füttern; schüttete dem Tier
Stroh und Heu auf, küßte es tränend zwischen die Nüstern, das ihn
fortgetragen hatte.
In dieser ersten Nacht, wo er in einer leeren Scheune neben seinem Pferd
zwischen den wilden Gesellen schlief, träumte er, er stünde wieder an
seinem Fenster in Wolkersdorf; es klatschte etwas gegen die Scheiben, er
stieg hinaus, sie nahmen ihn bei der Hand, liefen mit ihm durch den Wald.
Aber er lief rascher als sie, er lachte, ließ sie los, berührte kaum den
Boden mit den Füßen, nachschleppenden, flog und sank, und wieder lief er
mit ihnen, lachte, rollte, flog, balsamische Luft wehte über ihn. Er sah
auf, kein Tausendfuß, kein ekler Bauch war über ihm.
Er kicherte im Stroh, daß die andern aufhorchten und im Dunkeln sich seinen
Namen zuflüsterten.
* * * * *
Jubel in Dresden über Wallensteins Abfall. An den Börsen in Hamburg Bremen
Augsburg furchtbare Unruhe und Verhaltenheit; beklommenes Fragen nach dem
Verhalten der Prager Judenschaft, die stark engagiert war; man hörte nur,
daß weder der Primas Bassewi noch Graf Michna geflohen waren, daß sie also
Friedlands Sache nicht verloren gaben. Beschreibungen des Pilsener Banketts
liefen an den Höfen um; der Emissär Friedlands nannte prahlerisch in
Dresden die Namen der Obersten und Generalspersonen.
Die neuen Friedensbedingungen des Herzogs langten am sächsischen Hofe an:
Die spanische Herrschaft und Einmischung in Deutschland ist abzulehnen.
Frankreich ist über den Rhein zu werfen, die Pfalz wird wieder hergestellt;
der Herzog Bernhard von Weimar wird mit dem Elsaß oder einem Stück Bayern
entschädigt. Der Weg zum Frieden wurde vorgezeichnet: Vereinigung des
Herzogs mit Sachsen und Brandenburg; im Augenblick der Vereinigung kann dem
Kaiser und den Schweden der Friede diktiert werden. Der dicke Johann Georg
war störrisch zu nichts zu bewegen; er zwar wollte Frieden und ihm bangte
um sein schrecklich verwüstetes Land, aber den abtrünnigen Herzog nahm er
nicht an; das sei ein Bösewicht, ein Mann, der nichts bedeute, er wolle
immer und immer nur den Frieden mit dem Erwählten Römischen Kaiser. Sein
Feldmarschall Arnim rang entschlossen und hingegeben mit ihm und Kaspar von
Schönberg Tag um Tag. Der geschehene Abfall des Herzogs machte seine
Position schwieriger; nun war der Kaiser zwar machtlos, von Friedlands
eignem Heer ohne kaiserlichen Rückhalt aber dachte der schmerbäuchige Herr
niedrig; ja, in Johann Georg regte sich ein Gefühl, der schmählich
verratenen Kaiserlichen Majestät gegen solche Hundsfötterei beizustehen. An
die Zuverlässigkeit der friedländischen Armee glaubte er trotz des Reverses
nicht; wenn die rechte und natürliche Autorität fehle, der Kaiser, werde
die Ordnung im Heere verschwinden; auf Schlechtigkeit baue man keine Armee
auf. Der Kurfürst und auch sein Kaspar von Schönberg hatten vor, die
Situation in ihrem Sinn auszunützen; man werde dem Fuchs, der Sachsen
unsicher gemacht habe, seinen Raub heimzahlen. Die Lage wäre wie vor
Breitenfeld: Schweden und Sachsen sollten zusammengehen und diesmal dem
Friedland einen Schlag auf das Haupt versetzen.
Neben Arnim arbeitete für den Herzog der junge Herzog von Lauenburg, ein
schwärmerischer Verehrer Friedlands, in kursächsischen Diensten. Der fuhr,
um jeden sächsischen Anschlag auf den Generalissimus zu verhindern, zu
Bernhard; er weihte von seinem Vorhaben Arnim ein; Arnim knirschte und
fluchte mit ihm in verschlossener Kammer; sie würden die schlimmen
kursächsischen Pläne hintertreiben; sie dachten in Dresden schon den
Friedländer in der Falle zu haben. Aber bei Bernhard von Weimar, dem
lippenaufwerfenden überstolzen jungen General, begegnete er einer brutalen
Kälte; er glaubte nicht an einen vollzogenen Abfall, das Ganze sei eine
friedländische Finte, um sie ins Garn zu locken, prasselte ein Spottlachen
über den Lauenburger: »Es müßte mit merkwürdigen Stücken zugehen, wenn der
liebe Gott vorhätte, gerade mit diesem Friedland das Deutsche Reich zu
erretten.« Überdies fragte er, die Augen kneifend, was es auf sich habe,
daß er und Arnim hinter dem Rücken ihres Herrn solche Pläne betrieben.
Der schweißduftende Fürst Pikkolomini bemerkte mit Wut, daß die
Unterhaltung zwischen Pilsen und den beiden Feinden weiterging. Er schlug
dem Federfuchser Aldringen in Passau rasche Schritte vor. Der war
einverstanden. An Gallas, der im Pilsener Lager saß und vom Herzog nicht
losgelassen wurde, kam man noch immer nicht heran. Aldringen ersuchte den
Kurbayern, ihn mit einigen Truppen zur Exekutierung der friedländischen
Absetzung zu beurlauben.
Man konnte Maximilian lange nicht zum Entschluß bringen. Er war in Passau
anwesend, aber statt an den Beratungen der Herren teilzunehmen, betete er
stundenlang. Der entscheidende Schlag stand bevor. Er war unsicher und
zögerte die Handlung hin. Wenn man ihn bedrängte, brach Zorn und
Feindseligkeit aus ihm. Sein außerordentlicher Stolz war von Friedland tief
gedemütigt worden: jetzt sollte die Entscheidung kommen, die das Haus
Wittelsbach vernichten konnte. Der Gedanke, das Haus Wittelsbach könnte
vernichtet werden, dieser ungeheuerliche -- und Schweden, Bernhard von
Weimar oder Friedland könnten in Zukunft in Bayern schalten, lähmte sein
Gehirn. Kuttner war bei ihm im Passauer Rathaus. Mit der Härte von Slawatas
Gedanken setzte er dem schwankenden hilfesuchenden Kurbayern zu; es gelang
ihm auf Stunden in Maximilian die Furcht um Wittelsbach zu verdrängen. Er
lockte den Kurfürsten auf den alten Kampfgang gegen den Herzog. Da war
keine Unsicherheit, Wallenstein mußte herunter.
Und als Aldringen mit seinen Regimentern abgezogen war, saß Maximilian noch
im Passauer Rathaus starr auf dem Lehnstuhl am Fenster, hörte das Klappern
der Pferdehufe. Wittelsbach war in Gefahr, auf wen verließ er sich?
Friedland besaß ein großes Heer. Und diese hier! Kuttner hörte ihn
plötzlich ächzen; die Scham glühte über Maximilian; steif und wild blickte
der Kurfürst den andern hinter sich an, der sich umdrehte. Wie Kuttner
gemartert das Zimmer verlassen hatte, knickte Maximilian auf den Knien vor
dem Fenster zusammen; leidenschaftlich trieb er seine Gedanken hinter den
Regimentern her, bettelte bei den Schutzheiligen, sich der Truppen
anzunehmen, gelobte Geschenke Stiftungen, was es auch sein sollte. Er blieb
auf den Knien, als ob er eine Antwort erwarte. Öffnete das Fenster. Die
Straße war leer, Aldringen war weg.
Die Regimenter die Gebirgspässe überschreitend; über die Quellen der
Moldau. In Neterlitz bei grausigem Schneegestöber holte sie Pikkolomini
ein. Es konnte nicht gezaudert werden, die Obersten wurden eingeweiht;
Pikkolomini wies ein mit kaiserlichem Siegel versehenes Befehlsschreiben
vor, das alle Offiziere und Soldaten ihrer Pflicht gegen den bisherigen
obersten Feldhauptmann, den Herzog zu Friedland, enthob und sie an den
Grafen Gallas verwies, in Gallas Behinderung an ihn selbst, Pikkolomini und
Aldringen. Unterschrieben war das Schriftstück vom König von Ungarn und dem
Fürsten Eggenberg angesichts der Erkrankung des Römischen Kaisers. Ursache
der Veränderung sei eine ganz gefährliche und weitausschauende Konspiration
und Verbündnis des Friedländers, seine meineidige Treulosigkeit und
barbarische Tyrannei, die das kaiserliche Haus um Land und Leute, Krone und
Szepter zu bringen Vorhabens sei. Gewalt war die Losung, die der hitzige
Italiener ausgab; er wollte, schwur er, den Skorpion auf der Wunde
erdrücken; der schlaue ängstliche Federfuchser Aldringen ließ ihm seine
Regimenter, er selbst zog träge mit seinem Stab hinterdrein. Ohne Zögern
stießen die Regimenter unter Pikkolominis Führung auf Prag los. »Ich kann
nicht warten,« hatte der Italiener gespieen, »bis der Herzog in Prag ist.«
Die Stadt war gänzlich ahnungslos. Die Obersten der friedländischen Truppen
verstanden nicht, was der Generalwachtmeister im Sinn hatte, als er sie,
während seine Truppen in kriegsmäßigen Formationen mit Artillerie die
Brücken der Stadt und den Hradschin besetzten, zu sich in das Altstädter
Rathaus berief, das Enthebungsmandat vorlesen ließ, das gleichzeitig unter
Trommelschlag auf Gassen und Plätzen verkündet wurde, und an sie die
Aufforderung richtete, sich ihm zu unterstellen als dem Vertreter des
Generalissimus Gallas. Erst während seiner Rede erkannten die Herren in dem
dunklen Raum, daß Gefangene schwer gefesselt an der Wand hinter dem
Italiener lagen, stöhnten, Offiziere, die dem Herzog zu Friedland eng
verbündet waren, seine Lehnsträger. Den Wunsch zweier Obersten, sich über
die Sachlage zu besprechen, beantwortete Pikkolomini zustimmend, aber diese
Besprechung müsse bei der Gefährlichkeit der Lage in einigen Minuten zu
einem für den Kaiser nützlichen Ende geführt sein. Die übrigen erklärten
dem kaiserlichen Patent ohne weiteres Folge zu leisten. Sie kletterten
verstört hinaus. Ihre Regimenter waren draußen mit Fähnlein der
Aldringenschen Truppen untermischt; es wurde den Herren bedeutet, daß keine
Unbill gegen sie beabsichtigt würde, aber man wollte sie vor Konflikten
bewahren, sie möchten sich einige Tage von den Truppen fernhalten.
Im Anmarsch von Süden Marradas Truppen; überall lautete die Parole: »Wir
wollen den Kaiser nicht verlassen, wir wollen die Schweden und Welschen aus
dem Reich schlagen.« Und dann: »Der meineidige Wallenstein; er will dem
Kaiser Böhmen nehmen, mit Schweden und Franzosen will er sich verbinden;
wir wollen ihm den Paß verbauen.«
Im Moment schlug die Stimmung des friedländischen Heeres in den Prager
Quartieren um. Nach der ersten Verblüffung wirkte die Ankunft der fremden
Regimenter wie eine Befreiung. Man hatte sie mißbrauchen wollen. Die
Truppenkörper mischten sich; die neuen brachten unerhörte Nachrichten von
dem Betrug, den man an den böhmischen verüben wollte. Wallenstein, der
Gottseibeiuns und seine teuflische hochfahrende Sippe, der Nichtsnutz, der
sich mästen wollte, Böhmen stehlen wollte, während sie in mageren
Quartieren verkamen. Sie waren des Römischen Kaisers treue Soldaten; sie
wollten ins Reich hinaus, sich ihre Beute holen; Gallas würde sie an den
reichen Rhein führen; die Franzosen, ei, die Franzosen, in das schöne
Elsaß.
In das prunkvolle Friedländerhaus auf dem Hradschin zog Pikkolomini ein. Da
erst befiel ein Grauen die Stadt. Die Straßen leerten sich. Jeder
versteckte, verschleppte, vergrub seine Kostbarkeiten. In jedem Viertel
wurden die Gewölbe geschlossen, verbarrikadiert, ein großer Teil der
wertvollsten Sachen nahe der Moldau nachts in Kästen vergraben. Die Juden
bewaffneten sich. Keiner von den eingedrungenen Offizieren bemerkte, was in
der Stadt vorging. Der Adel beriet hinter verschlossenen Türen an allen
Teilen der Stadt und auf den nahegelegenen Gütern. Alle waren sicher: man
hatte hinter Wallenstein zu stehen. Heimlich wurden die jungen
Bauernburschen und Bürgersöhne, die sich bereit erklärt hatten, einem
Zeichen zu folgen, alarmiert; man verteilte Geld und Waffen, gab
Losungsworte aus. Eine Riesensumme wurde genannt als Preis für den Kopf des
Grafen Wilhelm Slawatas; eine instinktive Wut bezeichnete allgemein den
schönen Grafen als Hauptschuldigen an der erschreckenden Wendung; er war
seit Wochen abwesend, jetzt hatte er sein Ziel erreicht. Von der uralten
Gräfin Trzka erzählte man sich, sie sei auf die Kunde von dem Handstreich
des Italieners nach Prag gekommen und hätte Dutzende von goldenen Ketten
mitgebracht für den, der den Italiener ermorde. Überall lagen plötzlich
Waffen, die auf dem Land herangeschmuggelt wurden.
Während dieser stummen Tage fuhr auch eine unscheinbare Judengesellschaft
auf einigen Wagen aus Prag ab. Adlige der Landschaft machten ihnen selbst
durch Pässe und Salvegarden den Weg frei. Sie mußten ihnen schwören, der
friedländischen und böhmischen Sache hold zu bleiben. Da standen die
trauernden Gesellen mit den gelben Zeichen am Mantel in der Kammer der
Herren; ihr Herz war, seit Wallenstein lebte, mit ihm. Sie schworen, das
kleine schwarze Mützlein aufgesetzt, die rechte Hand bis an den Knorren auf
der Bibel beim dritten Gebot, verflucht auf ewig zu sein vor ihrem Gott
Adonai, vom Feuer verzehrt zu werden, das auf Sodom und Gomorra fiel, wenn
sie Untreue und Falsche brauchten. Der wahre Gott, der Laub und Gras und
alle Dinge schuf, solle ihnen nimmer zu Hilfe kommen. Sie fuhren erst nach
Norden, als ob sie auf den Markt von Brandeis fahren wollten, dann wandten
sie nach Südwesten. Einige jüngere aus den Juden nahmen dann bei Brandeis
Pferde, hetzten auf Pilsen zu.
Die Kuriere aus Prag mit ihrer freudevollen Meldung der Einnahme der Stadt
fanden einen totenstillen Hof. Der Kaiser verschwunden. Seine Leibdiener in
Eisen geworfen. Kein Anhalt über seinen Verbleib. Von der Kaiserin erfuhr
man nichts. Sie, die in einer schweren dunklen Erregtheit nach ihm
forschte, wurde nicht aufgeklärt; man versuchte sie zu beruhigen mit der
Erklärung, der Kaiser fürchte in diesen Tagen in Wien zu bleiben; man hätte
ihm empfohlen, sich ohne Aufsehen bei den Truppen des Marradas zu bewegen.
Die leidenschaftlich ausfahrende, brüsk sogar mit den Priestern
umspringende Erscheinung der Mantuanerin war in diesen schreckensreichen
Tagen dem Hohen Rat der furchtbarste Anblick. Lamormain konnte sich nicht
von ihrer Seite bewegen. Sie malträtierte ihn, forschte aus, was er von
Ferdinand wußte. Der Pater suchte vergeblich sie zum Beten Beichten und zur
Ruhe zu bringen. Das Flüstern Schreien Weinen Seufzen auf ihren Zimmern
nahm kein Ende.
Eggenberg kam nicht mehr hervor aus seiner Wohnung; er fürchtete die
Begegnung mit der Kaiserin; in einer dumpfen Geschlagenheit hockte er zu
Hause. Kein Besuch durfte zu ihm. Über seinen Kopf stürzte alles zusammen.
Allein von den herumwandernden Vätern der Jesukompagnie wurde die
freudevolle Prager Nachricht herumgetragen, und um sie herum merkte der
Hofstaat auf. Die Riesenbeute würde an den Kaiser fallen, und was an den,
und was an den. Die Kenner der herzoglichen Güter, des Prager Hauses,
Gitschins wurden ausgeforscht: und plötzlich ging man hitzig suchend herum,
belauerte sich, verteilte. Wer wollte urteilen, an wen sollte es fallen?
Der Kaiser war nicht da, der König von Ungarn unerfahren, Eggenberg hatte
sich von den Geschäften zurückgezogen. Nur Graf Schlick hatte noch eine
feste Hand. Es würden ungeheure Besitzmassen zur Verteilung kommen, man
würde nicht mit sich spielen lassen. Ansprüche wurden geltend gemacht.
Verdienste behauptet, bestritten. Die Väter schürten; jedes Wasser auf
ihrer Mühle war recht. Es gingen am Hofe verkappte und ehemalige sehr laute
Anhänger des Friedländers, Offiziere, die er hochgebracht hatte. In
Schmähungen erging man sich schon auf Pikkolomini und Aldringen; man
gedachte sie bald zu kirren.
* * * * *
Der Marsch auf Prag wurde in Pilsen beschlossen. Schaffgottsch sollte aus
Schlesien zur Unterstützung in jedem Fall herangezogen werden. Nach allen
Richtungen lief augenblicklich der Befehl Wallensteins an Obersten und
Generalspersonen zum Generalrendezvous der Truppen bei Prag. Er selbst
werde sogleich dahin aufbrechen.
Wie aber der Herzog am Morgen nach der Konferenz sich in einer Sänfte ins
Lager tragen lassen wollte, war die Stadt auffallend still, Straßen
friedlich ohne Posten und Patrouillen, die Tore unbesetzt.
Der lange Ilow am Stadtausgang auf nassem Pferd anklappernd,
herunterklirrend zur herzoglichen Sänfte, konnte nur melden, daß der Oberst
Diodati nachts in aller Heimlichkeit die Einquartierung Pilsens gesammelt
habe und in Richtung Prags abgezogen sei. Mit Diodati sei der
schmerbäuchige spanische Agent Navarro verschwunden, der seit einigen
Wochen in Pilsen herumpokulierte.
Am Abend dieses Tages, der den Befehl zum ungesäumten Abbruch des ganzen
Lagers brachte, wurden in der Sachsengasse beim Friedländer, der über
Diodatis Abzug die Achsel gezuckt hatte -- der Schwächling gefiel ihm nie
--, eine Gesellschaft Juden gemeldet, die sich schon seit Tagen in der
Stadt herumtrieb und nicht abzuweisen war. Da die Juden gebeten hatten,
allein mit Wallenstein zu sprechen, blieb nur Neumann in dem
kerzenerhellten Zimmer. Sie warfen sich, beschmutzt vom Straßenkot, adlig
gestiefelt und gespornt, sechs kräftige Männer auf die Knie, zwei ältere
weinten. Ihren Primas, den Bassewi, hätten sie nicht mitbringen können;
Bassewi sei gefahren, für den Herzog in Augsburg Geschäfte zu betreiben, er
wollte gerade jetzt keine Stunde versäumen. Und dann holte ein älterer aus
seiner grauen Kappe, die vor ihm auf der Matte lag, einen wunderlich
bekritzelten langen Papierstreifen hervor und las, auf das düstere Nicken
des Friedländers, das Absetzungspatent vor, während ihre langen Schatten
sich auf dem Boden bewegten, das in den Straßen Prags ausgetrommelt wurde,
als sie davonritten. Sie schlugen sich die Brust: der böse Pikkolomini sei
in das herrliche Friedländerhaus eingezogen, mit List und Gewalt sei er
über alle hergefallen; sie wollten dem Herzog Auskunft geben über alles und
jedes, was sie gesehen hätten, er solle wiederkommen, rasch, rasch. Mit
langem Schweigen hörte sie Wallenstein an. Er zitterte, getroffen auf
seinem Schemel, zischte: »Die Canaille, die Canaille.«
Neumann mußte die Daten aufnehmen, die die Juden zu melden hatten. Was die
Juden noch wollten, drohte der Herzog. Sie lagen wieder auf den Knien: er
hätte sich ihrer soviel angenommen; die böhmischen Völker warteten seiner;
sie hingen ihm an, er möchte sich ihrer erbarmen. Friedland schien ihnen
nicht zugehört zu haben, sein Gesicht hatte die Blässe und Verzerrung
zunehmender Wut, seine Augen wurden steif und abwesend; auf Neumanns Wink
flüchteten die Juden auf den Zehenspitzen aus der Stube. Sie durften ihn
auch am nächsten Tage nicht sprechen; Neumann riet ihnen, sich aus der
Sehweite Friedlands zu begeben. Die Nachricht von der Besetzung seines
Prager Hauses durch den schelmischen Italiener war tödlich heiß in
Wallenstein gefahren. Wie vor Brennesseln wich er vor den Juden zurück, als
er sie nahe dem Lagertor traf, wo sie in einem bittenden Haufen standen. Er
wußte nicht, was sie ihm sonst vorgetragen hatten; sein leidenschaftlicher
Schmerz.
Trzka küßte am Abend dem Herzog die Hände, schwur die Niedertracht an
Pikkolomini rächen zu wollen und wenn es sein Leben koste. Der Herzog
röchelte; er habe nie einen Menschen mit größerer Courtoisie traktiert als
ihn; er fragte nach seiner Frau und der Schwägerin; sie saßen beide in
Gitschin. Ilow sollte schleunigst ein paar Kroatenkompagnien auf Gitschin
werfen; im Falle der Gefahr sollten die Frauen ihm nach. Nachdem sie lange
stumm nebeneinandergesessen hatten -- draußen knarrten schon die Wagen des
aufbrechenden Heeres, der Lafetten; Pferde wieherten und stießen mit den
Köpfen gegen die Fensterläden -- gab Wallenstein dem kopfsenkenden Trzka
leise Auskunft über seinen Brief an Ferdinand. Oberst Mohr am Wald und
Brenner überbrächten ihn; er habe vor, sich außerhalb der Erblande an die
Peripherie des Reiches nach Hamburg oder Danzig zurückzuziehen; ihm bliebe
ja nichts mehr als zu sterben; seine Herzogtümer wollte er behalten. »Ist
es Euer Ernst?« flüsterte Trzka, ohne den Kopf zu heben. »Ich bin alt,
Trzka, das ist wahr, und ich lebe nicht mehr lange. Meinen Brief werde ich
überall veröffentlichen, sobald ich wieder Luft schöpfe. Er reißt ihnen die
Maske ab. Du wirst sehen: es liegt ihnen nichts daran, ich bin ihnen auch
in Hamburg im Wege. Die Jesuiten haben ein böses Gewissen, weil sie den
Frieden in Deutschland nicht aufkommen lassen wollen. Darum wollen sie mich
beseitigen. Der Kaiser will mein Geld, ich bin sein Gläubiger.« »Die
Herrlichkeit Pikkolominis in Prag wird nicht lange dauern.« »Ich kenne sie
in Wien. Sie scheuen die gröbste Ungerechtigkeit nicht, wenn sie ihnen in
ihren Kram paßt. Mit dem Pfälzer wurden sie rasch fertig. Solange ich auf
den Beinen stehe, werden sie ihre Not mit mir haben. Von Ungarn bis jetzt
habe ich, Trzka, unter ihnen mich ducken müssen. Jetzt reden wir ein
offenes Wort.« Trzka schüttelte die Fäuste, unwillkürlich knirschte er mit
den Zähnen: »Die ganze Armee steht hinter euch.« »Und wenn es nur die halbe
oder ein Viertel ist -- wenn ich selbst meine zwei Beine behalte. Sie
sollen keine frohe Stunde von mir haben. Trzka, alle Waffen sind im Kampf
erlaubt. Ich schwöre auf die Armee nicht. Diodati ist nicht allein. Nicht
geredet, lehr' mich Menschen kennen. Es wird nicht leicht halten. Du suchst
einige Kroaten aus, sie schleichen sich nach Prag, tausend Gulden für
jeden, der mitläuft, zehntausend Gulden, wer Pikkolomini vergiftet oder
erdolcht. Ich verlaß mich, daß Ilow sofort nach Gitschin reiten läßt und
die Frauen in Sicherheit bringt.«
Es war dann nicht nötig, daß die bestürzten Herren Maßnahmen zur
Heranziehung fremder Hilfe von sich aus trafen. Jetzt leitete Wallenstein
alles selbst, mit Umsicht und größter Schärfe. In Pilsen wurden alle Pferde
angespannt. Die Kriegskasse mitgenommen: Zehntausend Taler, sechstausend
Dukaten, siebzehn Goldketten. Den Kreishauptleuten nahm man zehntausend
Taler. Der Stadt Pilsen wurde vor dem Abmarsch noch eine Kontribution von
dreißigtausend Talern auferlegt. Schweden, Sachsen, Franzosen wurden noch
einmal mobilisiert, nach keiner Seite legte sich Wallenstein bloß; so
unerschüttert war er. Graf Trzka schrieb verzweifelt an den jungen Herzog
von Sachsen-Lauenburg, der sich noch um den Weimaraner bemühte: »Eile,
Eile, Eile!« Arnim wurde vom Herzog selbst aufgefordert, die entscheidenden
Entschlüsse ungesäumt zu fassen; es sei, drohte er, die Krisis für
Kursachsen; er selbst rücke zu einem Schlage auf Prag los. Der Kaiser werde
aus Österreich geschlagen werden.
Das ganze Heer, aufgebrochen, rückte nördlich. Eine Unruhe und Unsicherheit
war unter den Knechten aller Waffenarten und den unteren Chargen:
Generalrendezvous der Heere war bei Prag befohlen, aber Kroaten mit
leichter Artillerie flogen der Armee voraus, der Troß wurde kriegsmäßig
gesichert. Man rollte auf gefrorenen Chausseen ohne Hindernis vorwärts.
Plötzlich kamen Befehle von rückwärts aus dem Hauptquartier, das sich eben
in Bewegung setzte: es seien Gerüchte verbreitet von Meutereien in Prag;
allen wurde die strengste Zucht, widerspruchsloser Gehorsam befohlen, der
Generalprofoß bereise das marschierende Heer, an das Reiterrecht wurde
erinnert. Und kurz darauf: der Vormarsch sei zu beschleunigen, Prag werde
bei Widerstand zur Plünderung auf sechs Stunden preisgegeben.
Man rollte durch stille Dörfer; Pfarrer, die man befragte, erklärten
kleinlaut, von Prag seien sie angewiesen, auf allen Kanzeln Friedlands, des
gewesenen Generalfeldhauptmanns, Absetzung auszuschreien; es laufe ein
kaiserliches Mandat im Land um, er sei ein Verräter, darum sei ihm das
Kommando abgenommen. Man fing schon vereinzelte vorspürende Aldringensche
Reiter im Gelände, die wußten, daß sie den meineidigen Wallenstein hatten
aus Prag jagen sollen; die Friedländischen hätten ihn schon verlassen.
Trzkas Reiterei mit leichter Artillerie zehn Meilen südwestlich von Prag
wurde von einem starken Aldringenschen Dragonerregiment gestellt. Die
Dragoner fingen den Stoß auf, Trzkas Reiter wurden zurückgeworfen, sie
fluteten zurück. Trugen Bestürzung in die langsam marschierenden Massen.
Das ganze Heer, als wenn es gegen einen Wald von Piken liefe, wogte und
rollte. Kleine schwerbewaffnete Kürassierpatrouillen mit Profossen und
Henkern tauchten da bei allen Regimentern auf. Befehle kamen, den Marsch
einzustellen, zur Formierung einer Kampffront.
Helles frühlingmäßiges Wetter. Wasserlachen, schmelzender Schnee auf den
Chausseen. Anplantschend von allen Seiten lauschende Weiber, bekümmerte
Bauern: von Prag sei in wenigen Stunden der Anmarsch der Kaiserlichen zu
erwarten. Berichte von den Verlusten bei Trzkas Reiterei. Erschütterung,
Erbitterung lawinenartig flutend über die gestauten Regimenter. Geflüster
unter den Augen der Polizeipatrouillen: »Wir sind in den Winterquartieren.
Kaiserliche! Wir sind Kaiserliche! Was will man von uns! Wer betrügt uns.«
Die Truppen auf den Feldern, zwischen den Dörfern, die nichts hergaben:
»Vorwärts, vorwärts! Auf Prag. Wir warten nicht.« Es tobte hin und her
zwischen den Regimentern; vorwärts wollten sie alle, auf Prag, kein Kampf,
man führte keinen Krieg mit Kaiserlichen.
Beim Regiment de la Moully fing es an; die Fuhrknechte zweier
Hagelgeschütze hatten laut geschworen, sie würden noch morgen zum Heiligen
Sigismund in Prag am Schloßgrab beten; sie wären aufgeknüpft worden;
Korporale, Fouriere und einige Schlangenschützen waren über den Profoß und
seine Leute hergefallen, hatten sie niedergeschlagen; die nahende
Kürassierpatrouille schoß in den Haufen mit Pistolen. Darauf fiel die
geschlossene Kompagnie über sie, zerriß sie. Geschrei und Getümmel dehnte
sich über die nahen Regimenter aus, überall wurden die Patrouillen
angefallen, entwaffnet oder niedergemacht, Gerichtswebel, Schultheiß,
Stabhalter. »Nach Prag!« tobte es, beim Regiment Altmannshausen, Rodell,
Balbiano, Hamerl, Notario. Der geschlagene Vortrab ritt schon an mit
weißbewimpelten Lanzen. Obersten und Offiziere folgten willenlos; das Heer
schob sich vorwärts. Tumultartig überrannten sich Abteilungen, brachen
seitlich aus. Schwere Artillerie blieb auf den Feldern stecken.
Da scholl Lärm, Freudengeschrei vorn, Marradassche Aldringensche Reiter,
fast waffenlos, galoppierten unter den aufgelösten Verbänden! Sie hatten
Befehle an die kommenden Obersten bei sich, eine Ordonnanz des neuen
Generalissimus Gallas. Er drohte kraft des ihm erteilten kaiserlichen
Patents, bei Vermeidung kaiserlicher Ungnade: keiner der Herren wolle mehr
Ordonnanzen vom Friedländer Ilow und Trzka annehmen, sondern allein dem
nachkommen, was er befehlen werde oder Aldringen und Pikkolomini.
Auf den Feldern zwischen Pappelständen und den zahlreichen geschwollenen
Bächen gab es ein kurzes unordentliches Gefecht: fünf Kompagnien Trzkascher
Kürassiere, erlesene deutsche Truppen, schlugen sich nach Süden durch,
Wasser und Erde werfend.
* * * * *
Aus den südlich gelegenen böhmischen Sümpfen, aus ungarischen Salzfeldern
waren sieben Teufel losgebrochen; häuserhoch, baumlang die Arme an den
Schultern schleppend. Sie liefen geduckt im Frühlingswetter zwischen den
Wäldern. Von Wolfsart war ihr Fell; knietief schlugen sie ihre Hufe nachts
in die weichen nassen Äcker. Bei ihrem Trappeln, beim Trompeten ihrer Nasen
stürzten viele Menschen tot um. Manche wurden bei ihrem ungeheuren
horizontverdeckenden Anblick von der Lust ergriffen und davon bewältigt,
mitzulaufen, nachzurennen. Sprangen an, hingen sich an die dicken Zotteln,
krochen in dem Gedünst an ihnen hoch, grunzend und blasend wie sie, oft im
Lauf zerquetscht an Felsen oder bei Flußübergängen ertränkt.
In Böhmen und Mähren bemächtigte sich eine rätselhafte Panik der
Regimenter. Niemand wußte, woher der Schrecken kam. Immer lief ein Teufel
hinter dem andern; oft rannten sie ziellos im Kreis. Es hieß, sie wollten
durch das Reich an die russische See. Bei den Sachsen fingen die Fahnen an
den stillstehenden Stangen zu wehen an. Das Regimentsspiel klirrte bei
schwedischen Regimentern.
In den Wäldern hinter den schwedischen Linien, in der Oberpfalz, im
versengten Sachsen schwemmten die Massen; aus Erdlöchern Ställen Ruinen
Gräbern, wo sie sich verbargen, kamen sie. Halsfletschend: »Es gibt nur
Katholische und Lutherische, Kaiserliche, Schweden, Bayern; es gibt sonst
nichts auf der Welt. Schlagt uns tot.« »Es kommt nicht darauf an, ob wir
leben. Ein Bübchen, eine Weide, ein Wasser. Wir haben kein Recht zu leben.
Müssen zu Mist und Erde werden.« Sie schwemmten plündernd in Dörfer. »Ein
Hundsfott, der von Kaiser und Christus redet. Sie haben es verscherzt.«
Gebrüll. »Ich schwöre den Kaiser ab.« »Ich schwör' auf Totschlag und
goldene Münzen.« Sie rissen, wo sie es sahen, Wappenschilder, kaiserliche
Farben, Skapuliere, Rosenkränze, geweihte Ketten und Kreuze herunter.
»Schlagwasser ist besser, besprochenes Papier.« »Es ist ein Zähnchen von
meinem Kind.« »Es ist kein Zähnchen, Jungfer, Ihr habt es weihen lassen.«
Sie weinte: »Ich kann es nicht geben. Nehmt es mir nicht.« »Du willst uns
verraten.« »Nein, Jesus kann nichts dafür. Laßt nur meinen lieben Herrn.«
Sie schlugen auf sie ein. »Ich bin kein Verräter. Ich bete für Euch, Gott
wird Euch helfen. Glaubt mir, liebe Freunde. O wär' ich schon tot.«
* * * * *
Bleich gebückt, niedergebrochen ritt vor einem heubeladenen Troßwagen neben
dem starken Fuhrknecht ein Pilsener Bürger, ein etwas fetter Mann unter
einem schwarzen breiten Lederhut; den hatte der Fuhrknecht auf seine Bitten
mit auf den Weg nach Prag genommen. Wie die Verbände sich stauten
auflösten, die Aldringenschen Reiter durch die Reihen galoppierten, steckte
der Pilsener dem Knecht einen vollen Beutel in die Hand, löste das
Begleitpferd vom Wagen, sprengte rückwärts. Slawata, schwindlig
aufgewirbelt, hatte nur den Gedanken: wo ist der Herzog, wir verlieren ihn,
er entwischt. Er hatte ihn in Pilsen belauert, jetzt: wo war er.
Einen halben Tag durch Getümmel und Schlägerei. Ihn fangen, ihn nicht
entwischen lassen. Und dann der Jubel: Trzkas Kürassiere, Kompagnien, die
westwärts zogen, nördlich an Pilsen vor den Wäldern vorbei, in der Richtung
auf Mies.
Entlang dem Zug ritt Slawata: eine Doppelreihe langsam auf der Allee
schreitender Musketiere, in der Mitte Dragoner zu Pferde, dahinter eine
geschlossene Sänfte von zwei Pferden getragen. Berauscht ritt der ärmlich
gekleidete Mann auf den Feldern in großer Entfernung hintennach, löste sich
nicht von der geschlossenen Sänfte, deren Anblick ihm wohltat, die der Wind
umblies. »Ich habe dir ein gutes Grab bereitet,« flüsterte er vor sich,
streichelnde Blicke herüber, »es wäre schade um dich, du wärst irgendwo
gestorben in einem Bett und es wäre niemandem ein Glück damit geschehen.
Ich freu mich für dich.« Das Pferd stieß: »Es ist lustig, es spürt mich.
Komm nicht so wild. Du sollst ihn ziehen, wenn er unser geworden ist. Wenn
er so schön lang und still liegt.« Das Pferd wieherte lustig, ging ruhiger.
Ihn überfiel, wie er einsam durch den Lehm nachschleppte, die Freude, die
von rückwärts über das dunkelnde Feld über seinen Rücken herzuwuchs. Wie
sich alles so jäh gewandt hatte, als wenn die Vorsehung ihm in die Hand
spielte: das Heer zerrissen, keine Brücke zu Pikkolomini, die saßen drüben
in Prag, konnten nicht an ihn heran, schrieben Erlasse,
Proskriptionsmandate, Ächtungen, Vogelfreierklärungen: sie kamen nicht
heran an den Friedland! Er, er, er hatte ihn, hier ritt er, allein, im
Namen der ewigen Bestimmung. Drüben, wie schön, wie schön, trug man ihn in
einer Sänfte. Die guten beiden Pferde; daß sie ihn treu behüteten; die
Kürisser, daß sie ihn gut bewahrten. Er gehörte ihm. Er war ein Böhme, er
war sein Vetter. Es hatte keiner Anspruch auf ihn.
Er labte sich an den Gedanken in der rasch fallenden Dunkelheit. Von
magischer Sicherheit war er geführt.
Der Herzog bog in Mies ein. Und wie Slawata verzückt auf leerem Felde und
willkürlos den Lederhut abnahm, ihm nachsah, marschierten von Süden
Kompagnien an, klirrende, schwer gepanzerte Dragoner. Slawata mischte sich
erschreckt unter sie, da schwenkten sie in das Städtchen ein, geführt von
einer Trzkaschen Patrouille. Bis in die Nacht wartete der Böhme hinter dem
Hause, in dem der fremde Oberst einquartiert war. Als er vom Herzog
zurückkam, drang Slawata zu dem finsteren Mann fast unter Gewalt ein.
Er rang mit ihm zwei schwere Stunden. Dieser Oberst, der auf dem befohlenen
Marsch nach Prag zum Generalrendezvous gewesen war, war eben vom Herzog
unsicher gemacht worden durch das Angebot von zweihunderttausend Talern,
wenn er bei ihm verbliebe bis zur Ankunft von Verstärkung; nur eine kleine
Anzahl Truppen hätten angeblich gemeutert. Der Oberst, der das Pilsener
Papier unterschrieben hatte, hing nicht am Herzog; er wollte das
Proskriptionsmandat sehen, von dem ihm in der finsteren Kammer der Geheime
Rat Graf Slawata sprach. Es gelang dem Grafen den verschlossenen Mann zu
erregen und zum Fäusteballen zu bringen mit dem Hinweis auf das böse Gemüt
des Friedländers, der nun offen von der frommen katholischen Sache
abschwenkte zu den Sachsen und Schweden. Einen Bescheid, ob er sich des
Herzogs bemächtigen wolle, erhielt er von dem schwer beweglichen Iren
nicht. Der äußerte nur grimmig und einsilbig, er werde beim Herzog bleiben,
da die Vorsehung es einmal so gefügt habe, und böse Pläne werde er zu
verhindern suchen. Slawata flüsterte weggehend, dem Obersten bittend,
beinah inbrünstig die Hände küssend: sie seien allein: die Sache der
Heiligen Kirche und des Hauses Habsburg hinge von ihnen beiden ab.
Marsch von Mies in kühler, nebliger Luft auf Eger. Der Oberst hielt eisern
seine Dragoner zusammen; fünf altsächsische Reiterkompagnien, die sich
ihnen angeschlossen hatten, entwischten; zweihundert zu Fuß blieben.
Wippende Moorwiesen, Wassertümpel, dürftige Krüppelbäume. Da hob sich der
Grünberg, oben die Spitze der Sankt Annakapelle. Die Zitadelle von Eger.
Obertor, Untertor von Eger schlossen sich nachmittags hinter ihnen.
Der einsame schöne Böhme wanderte abends zur Kapelle hinauf, sah auf die
ruhige Stadt, lachte sich schauernd aus, wie er zurückschlenderte in der
Nacht: er war ein Opfer seiner Leidenschaft, gurgelte er, konnte nicht von
ihr lassen, wollte sich von ihr die Hände und Füße fesseln lassen. Nun kam
bald die geheimnisvolle Stunde, auf die er so lange gewartet hatte.
Die Dragoner lagerten auf freiem Feld, der Oberst mit den Fahnen in der
Stadt. Sie hinderten die herzoglichen Kuriere nicht aus- und einzulaufen.
Im Stadthaus des Bürgermeisters am Markt saß der Herzog zu Friedland. Im
Hof, eine Holzgalerie umlaufend; hinten quartierten sich ein Trzka Kinsky
Ilow.
Zerbrochen, unbrauchbar der blasse eitle Graf Kinsky; er zitterte, wußte
nicht, wie fliehen; schlich durch die Stadt, um das Haus, freundete sich
hier an, dort an. Störrisch und böse der lange Panther, der von Ilow; er
schlug sich mit dem Grafen Trzka herum, in den Stuben, beim Ritt: Trzka
hätte die Aldringenschen zurückwerfen sollen, hätte ausharren müssen; wie,
konnte er nicht sagen; Trzka gab nach, sie waren beide in einer verbissenen
Unruhe. Die Meuterei hatte sie wie mit einer Flut von jäher Betäubung
weggeschwemmt, sie waren verwirrt und verzagt aus Geheul und donnerndem
Lärm davongestürmt, hatten nicht einmal gedacht, sich mit dem
zurückbleibenden Herzog in Verbindung zu setzen.
Den erreichte Getümmel und allgemeine Panik erst, als blutende
Polizeitruppen an ihm vorbeiflüchteten. Er verließ die Sänfte, die
Steigbügel seines Leibpferdes wurden mit Seide umwickelt, führte im roten
allen bekannten Mantel selbst die Kompagnien um ihn zurück. Über den Weg
ließ er hinter sich in aller Raschheit einen niedrigen Wall aufwerfen, den
eine Handvoll Schützen deckten; aber es war nicht nötig, daß sie sich in
der klumpigen triefenden Erde eingruben; es dachte niemand von den Truppen
an Verfolgung, alles war nach Prag. Spät erst, nach vier Stunden Ritt,
legte er sich in seine Sänfte, eine Totenlarve hing ihm vor dem Gesicht. In
Eger im Pachhelbelschen Hause gingen sie mit Scheu um ihn; Scham und Pein
bei seinen Vertrauten. Er brach nicht in Wut aus. Aber sie sahen, daß er
grausam an sich hielt, keinen Vorwurf machte, daß er in furchtbarster
Gerichtsstimmung war, von seiner Rachsucht gegen die, die ihm das angetan
hatten, ganz verschlungen war.
Untereinander maßen sie sich; sie wollten es noch abwarten, konnten sich
vom Herzog nicht losreißen. Der junge Albrecht von Sachsen-Lauenburg,
sächsischer Marschall unter Arnim, ritt in Eger ein, er schmähte schon am
Tore auf Ilow und Trzka, deren Fahrlässigkeit das gräßliche Unglück
verschuldet habe, das alle Chancen verschlechtert habe; vor dem Herzog zu
Friedland lag er fast auf den Knien. Wallenstein, in schwarzem Pelzmantel
gebückt mit untergeschlagenen Armen sitzend, die kleinen Augen graublau
umrandet, spitze Backenknochen, trockener nackter Hals, die schlaffen
Lippen zuckend, gab ihm heiser auf, dem Bernhard von Weimar zu Regensburg
zu sagen, er verteidige sich hier in Eger mit den Truppen, die ihm
geblieben seien; er werde die von der Panik mitgerissenen Regimenter wieder
an sich ziehen. Bernhard möge gegen die böhmische Grenze vorrücken mit
Berittenen, so viel er frei machen könne, auch solle er Fußvolk hinterdrein
werfen, um die Artillerie zu schützen. »Sagt dem Herzog Bernhard,«
fausthebend Wallenstein, sein Blick hart und listig, »daß er sich ins
eigene Fleisch schneidet, wenn er sich nicht beeilt. Ich werde mich hier
verteidigen; man wird mich nicht zur Übergabe bringen, er wird mir glauben,
daß ich gegen Gallas und Pikkolomini mich werde schlagen können. In zwei
drei Wochen sieht die Armee des Kaisers anders aus und meine anders.«
Fiebernd nur von einem Pagen begleitet raste der Lauenburger fort, auf
Regensburg, noch einmal im Streit Trzka anfallend, ihm den Mantel
zerreißend.
Aus Eger erging ein Erlaß des Friedländers an alle seine Regimenter, von
einer Zahl fanatischer Böhmen getragen: darin forderte der Herzog kraft
seines Generalates und gemäß dem ganzen Respekt, durch den die Obersten an
ihn von Kaiserlicher Majestät gewiesen seien, die Obersten auf, sich
sogleich in Eger einzufinden, die Truppen in Laine. Er bediente sich zur
Begründung in dem Mandat der Wendung, es geschehe im Dienst der
Kaiserlichen Majestät und damit man dem Feind, wie er's verdiene und wie
sich's gebühre, begegnen und sein Attentat verhindern könne. Denn wie der
Herzog in Pilsen Juden vorgefunden hatte, so erwarteten ihn auf dem Wege
von Mies nach Eger Haufen über Haufen adeliger bewaffneter Böhmen, die sich
aus Prag und dem Egerland aufgemacht hatten, um sich mit dem Herzog zu
vereinen. Er hätte keinen Reiterschutz für die Reise nötig gehabt, die
Böhmen beobachteten alle Wege Wälder vor, hinter, neben ihm; sie traten
nicht in die Stadt ein, die die Truppen hinter sich verschlossen. Auf das
Bitten Sesyma Raschins ließ Wallenstein ein Dutzend von ihnen ein. Sie
boten sich an ihn persönlich zu schützen; er war befremdet, böse, fand, daß
die Herren in Prag sich nützlicher gemacht hätten, wenn sie Rebellion
erregten. Er wurde dann stiller, schien gar nicht geneigt sie anzuhören;
sie hörten, wie er im seitlichen Gespräch mit Trzka, der ihn beruhigen
wollte, gehässig zischte, die Herren wollten ihn für ihre Zwecke
mißbrauchen, suchten sich wohl einen König von Böhmen, er hätte mit dem
kindischen Pack nichts zu schaffen. Nach einer ganzen Weile erst trat er
wieder an sie heran mit gefährlicher Miene; sie sollten nicht meinen, daß
er ihnen Zugeständnisse in irgendwelchem Belang mache, er wolle sie für
allerhand Geschäfte annehmen. Smil von Hodojewsky, jetzt ein bärtiger
leiser Mann, der unzähmbare kleine Berka, der gramvergorene Daniel Lockhaus
stürzten vor ihm hin, küßten nacheinander dem Herzog die widerwillig
hingehaltene Hand. Auch als die drei hinausgegangen waren, sprachen sie
kein Wort. In einen Schuppen seitlich vom Hause zog Smil die anderen. Sie
sahen sich an, umarmten und drückten sich. Auf den Anblick der leidend
hochgezogenen Augenbrauen Daniels unterdrückte Smil das Schluchzen, das aus
der erfüllten Brust in ihm hochwogte; sie ließen Daniel allein weinen und
trösteten ihn. Sie würden Wallenstein erobern, noch jetzt, erst jetzt. Er
hatte sie angenommen. Auch er hatte erfahren, was Habsburg ist. Sie würden
ihn nicht verlassen. Eine gewählte Anzahl der Böhmen durfte in die Stadt
zum Verteidigungsdienst, die übrigen sollten im Land schleunigst Rebellion
vorbereiten und den Anmarsch eines gegen Eger ziehenden Heeres erkunden und
belästigen. Ilow und Trzka bekamen den Befehl, die Verteidigung Egers in
die Hand zu nehmen. Der Kanzler Elz wurde zu den nahewohnenden
protestantischen Herren und Grafen geschickt, sie aufzubieten, auch zu dem
Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach.
Der kam, ein vertrocknetes altes Herrchen selbst mit kleiner Begleitung
angefahren, um sich nach den Umständen zu erkundigen. Wallenstein drang in
den listigen zähen Gesellen ein, zu ihm sofort mit seinen hundert
Territorialtruppen zu stoßen und zu alarmieren, wer ihm zuverlässig
erschien. »Ich bin«, sagte der Herzog an diesem bleichen Morgen, »hierher
gekommen nach Eger, um nunmehr den Kampf mit dem Kaiser in aller Offenheit
aufzunehmen. Euer Liebden weiß, wie die Dinge im Reich stehen. Euer Liebden
sind Reichsfürst und Protestant. Wir unterwerfen uns alle der Kaiserlichen
Oberhoheit, aber nicht dieser. Ich habe sie gezwungen, in den letzten
Wochen, die Maske abzulegen. Es handelt sich um die Niederringung der
Religionsfreiheit und sie sind maßlos. Der Kaiser ist ihr Instrument; ich
habe Nachricht, daß man nicht weiß, wo der Kaiser steckt; ich weiß, man hat
den gütigen edlen Herrn beiseite gedrängt, als man gedachte vorzugehen.«
Dann: »Euer Liebden: die Reichsfürsten müssen sich besinnen; es ist hohe
Zeit. Ich weiß, Ihr werdet mir vorhalten, ich habe wenig Grund, das Euch
vorzuhalten, ich hätte selbst genug an den Reichsfürsten gesündigt als Kapo
einer kaiserlichen Armada. Da habe ich geglaubt, einem Kaiser zu dienen.
Ich bin gewaltsam vorgegangen wie ein Soldat, aber ich habe geglaubt dem
Frieden dienen zu müssen. Ich bin auch widerstandslos gegangen, als man
mich meines Generalates enthob. Jetzt hab' ich nicht mehr den Wahn, dem
Kaiser zu dienen. Ich habe die Zähne zu zeigen der eigensüchtigen
Kamarilla, den verbohrten Scheinkatholiken, denn das sind die Jesuiten, die
euch Protestanten die Treue absprechen und nicht als Menschen, geschweige
als Fürsten und Herren anerkennen.« Darauf knurrte der Kleine, er kenne
diese unflätigen Lehrer, die die Grausamkeit und Unversöhnlichkeit predigen
und die man totschlagen möge. »Ja totschlagen, Herr Markgraf. Da seht, wer
totschlagen kann. Mich haben sie hierher getrieben wie einen Räuber und
gedenken mich auch zu fangen wie einen Räuber. Wären mir die Regimenter nur
gefolgt, wären sie überführt ihrer Falschheit und Bosheit und das Reich
ginge der guten Beruhigung entgegen.« »Ihr seid machtlos,« krächzte später
erregt der Herzog, als der dürre Markgraf von einem neuen großen
protestantischen Bund redete, »laßt Eure Neuigkeiten, Ihr kommt nicht
weiter vor Hader, wir haben es gesehen an dem Bund von Bärwalde, in
Heilbronn. Schickt Soldaten zu mir, daß ich den Stoß der Kaiserlichen
auffangen kann. Ich verlasse mich auf den Feldmarschall Arnim, Bernhard
wird die Situation erfassen. Jetzt keine Eigenbrödeleien, Euer Liebden. In
acht Tagen entscheidet sich das Geschick des Reiches.« Der Kleine kaute:
»Mich wird man nicht ausrotten können.« Wild der Herzog: »Euer Liebden
können mir vertrauen, ich habe lange genug die Fäden in meiner Hand gehabt;
Ihr wißt, daß mein Name nicht ohne Klang ist. So will ich nicht Friedland
und von Wallenstein heißen, wenn nach diesem Krieg von Euch Reichsfürsten
mehr als ein Haufen von Edlen übrigbleibt, die jeder ausplündern kann. Das
Heilige Reich verblast Ihr --« »Was soll das?« »Gebt mir Truppen. Jetzt, im
Augenblick. Die Judasse, die das Reich verderben, kennt Ihr.«
Der alte Markgraf trabte ab; verärgert schimpfte er seinen Begleiter aus:
»Ich mach' seine Rebellion nicht mit. Das Mandat des Gallas paßt ihm nicht,
und er denkt mich zu beschwatzen. Er wird den Reichsfürsten noch aus der
Hand fressen, der Gernegroß, der böse Gewaltmensch. Sein großer Name: ha.«
In zwei Tagen hatte der Herzog, selbst ausreitend, die Kompagnien so in der
Hand, daß bei stürmischem Schneewetter das Aufwerfen von Schanzen in der
Stadt, die Aufstellung einer leidlich starken Knechtstruppe aus der Stadt
und den Dörfern in flottem Gang war. Gegen die Offiziere erging er sich in
groben Worten über die abgefallenen Regimenter, besonders über den
treulosen Grafen Gallas und das usurpierte Generalat; er würde, wenn es
sein müßte, gegen Wien marschieren und sie Mores lehren. Der lange Ilow und
Trzka arbeiteten wieder in leidenschaftlicher Anspannung. Jetzt erst
erschreckte Wallenstein, sein gräßliches marterndes Leiden mißachtend,
seine Umgebung durch die alten tobsüchtigen Ausbrüche. Er bäumte sich gegen
das Gefängnis dieser Stadt: der Kaiser müsse geworfen werden, das Reich in
Fetzen zerrissen. Er werde einmal seine Rache für alles nehmen, von Ungarn
angefangen bis Regensburg und Pilsen.
Er trug keine Schuh, in dicke weiße Verbände waren seine Füße
eingeschlagen, sein Pferd mußte geführt werden. Im Lederkoller, den weiten
roten Mantel unter seinem Federhut, der ihm zu weit geworden war, auf dem
schaukelnden Pferderücken. Er war mit Riemen angebunden; vor Schwäche sank
er oft nach vorn auf den Mund über die Mähne des Tiers und mußte
hochgehoben werden.
Im Haus drückte er sein dick gedunsenes Gesicht gegen das Fenster,
knirschend: »Sie haben es erreicht. Ich wollte Frieden machen. Da ist er.
Hin. Da lieg' ich.« Leise zu Trzka: »Ich sage dir: das Römische Reich ist
nicht zu retten. Ich konnt' es nicht. Ein anderer wird's auch nicht können.
Ich nehme Gott zum Zeugen, daß ich's versucht habe.« Seine Lippen baumelten
und zitterten.
Da hielt es Slawata in Gemeinschaft mit dem Oberst des abgefangenen
Regiments und angesichts des Zulaufs aus dem Land nicht mehr an der Zeit zu
warten. Er war durch die täglich zahlreicher andrängenden böhmischen
Freiwilligen -- schon waren fünf ganze Kompagnien vor den Mauern -- in
stündlicher Gefahr erkannt zu werden. Der gedungene Oberst Butler war des
Wartens schon lange überdrüssig. Als der Einfluß des Herzogs auf sein
eigenes Regiment sichtbar zu werden begann, als Trzka frohlockte, Bernhard
von Weimar rücke von Süden an, Arnim von Norden, das ehemalige
friedländische Heer sei noch in voller Unordnung, sie würden ein leichtes
Schlachten haben, kam Butler mit Slawata überein, augenblicklich in dieser
Nacht die Exekution vorzunehmen und den Herzog samt seinen Begleitern vom
Leben zum verdienten Tode zu befördern. Der Kommandant Egers mußte
eingeweiht werden, weil man vor Beginn der Nacht ein paar Dutzend
zuverlässige Dragoner, die draußen im Freien kampierten, einlassen wollte.
Man konnte diesen Mann, der entsetzt war, einen Obristleutnant Trzkas,
nicht gewinnen; er war nur bereit, diese Nacht das Kommando an Butler
selbst abzugeben. Aber sie konnten sich damit nicht abfinden; der
Kommandant mußte seine Wohnung in der Zitadelle zu einem Bankett hergeben,
mußte dem Bankett vorsitzen.
Es war des feinen Grafen Slawata letzte Bewegung in dieser Sache. Sie ließ
ihn, wie sie vor der Vollendung stand, los. Eine Schlaffheit befiel ihn, er
ging in Unruhe durch die Gassen; Ratlosigkeit, Mißtrauen höhlte ihn aus.
Vor einem verendenden Pferde stand er neben dem Karren des Schinders; übel
lief es ihm im Mund zusammen. Er bewegte sich zitternd fort. Aus der Stadt
weg verlangte ihn. Vor dem Pachhelbelschen Haus strich er; ob er mit Kinsky
sprechen sollte; worüber? An den Vorbereitungen zum Bankett nahm er nicht
Teil.
Die friedländischen Vertrauten gaben sich nach den schweren Erregungen der
Tage gern zu einem Fest her, in dieser düsteren Stadt, vor der ihnen
schauderte. Sie tauten auf, der gewalttätige Ilow, der blonde Graf Trzka,
Kinsky mit der unglücklichen Miene, der schmächtige trotzstarke Rittmeister
Neumann, unter der munter zusprechenden Gesellschaft. Sie tranken und
tranken; das herrliche Bankett im Pilsener Lager erstand vor ihren Augen.
Schon angetrunken, in himmlischer Stimmung gingen sie zur Durchsicht eben
abgegebener Depeschen in ein Nebenzimmer, ließen sich das Konfekt
nachtragen. Da folgten ihnen auf ein Zeichen irländische und italienische
Hauptleute und Oberstwachtmeister, voran ein gewisser Deveroux, gegen den
ein Haftbefehl wegen Erpressung und gemeiner Notzucht vom Herzog vorlag,
mit Piken, gezückten Degen und Pistolen in das abseits gelegene Zimmer,
stießen, sich anfeuernd, das Gebrüll: »Es lebe Ferdinand!« »Wer ist gut
kaiserlich?« »Viva la casa d'austria« beim Eintritt in das Zimmer aus.
Das Zimmer hatte nur eine Kerze, vor der die vier Herren lasen. Der
Kommandant nahm die Kerze vom Tisch; wie Kinsky, der heulend auf die Knie
sank, zwischen Hals und Kragen durchbohrt sich lang ausstreckte, stürzte
dem zitternden Kommandanten die Kerze aus der Hand. In einer Zimmerecke
wurden Ilow und Trzka, die rasend mit bloßen Armen schlugen, da sie im
Gedränge nicht an ihre Degen herankamen, durch Schläge der Piken, zahllose
Degenstöße im Finstern niedergemacht; sie wurden zerdrückt, daß man sie
kaum an Armen und Beinen aufheben konnte, als man sie zum Fenster auf den
Hof werfen wollte. Der Rittmeister Neumann entwischte im Dunkeln aus dem
Raum, auf dem Gang zum Bankettsaal lief er in die vorgehaltenen Partisanen
der Posten.
Deveroux, rasselnd mit dem metallbeschlagenen Mantel, torkelte unter
Gebrüll und Gejohl mit einigen Dragonern durch die mondhellen Gassen von
der Zitadelle in die Stadt, auf den Markt. Er schlug in seiner
Betrunkenheit mit seinem Degen Funken aus den Steinen vor Wallensteins
Haus, schmähte laut den Herzog, lachte, bis Butler ihn tief erschrocken
hereinzog. Die Wache an der fackelhellen Treppe zu Friedlands Zimmer wollte
der lauten Gesellschaft den Weg versperren; sie warfen den Posten die
Stufen herunter. Grölten, schoben sich gedankenlos von Stufe zu Stufe.
Da kreischte hinten einer, krachte die Treppe herunter, das Geländer
schwankte. Sie sahen sich vorne um. Ein schmächtiger rasender Mann drängte
sich, einen Dolch schwingend, durch sie herauf, zischte. Sie wichen
verblüfft seitlich. Oben schlug er Deveroux, der die Arme in den Hüften
aufgestemmt sich über das Geländer bückte, mit den Fäusten und dem
Dolchknauf ins Gesicht. Lief, wie der stöhnend den Kopf beiseite wandte,
vor ihm in den Gang zur Kammer des Herzogs.
Ein Kammerdiener stand da mit einer Kerze, der eben dem Herzog auf einer
goldenen Platte eine Arzenei in Bier bringen wollte. An der Tür der Kammer
schrie der leichenblasse Mensch mit dem Dolch -- seine schmutzige Kappe
fiel hinter ihn, die langen blonden Locken hingen ihm strähnig wild über
die Augen -- nach dem Oberst. Verzweifelt kreischte er: »Weg! Weg hier! Wo
ist Butler!« Heulend, mit schnarrenden Zähnen, bibbernd lag Slawata unten
im engen Gang auf den Knien, streckte bettelnd den Arm nach ihnen aus. Sie
hatten die Wämser zerrissen, die Stiefelschäfte herabgetreten, die Hosen
von Wein und stürzenden Speisen und Fisch besudelt; die blutbeschmierten
Gesichter streckten sich vor. Sein Mund öffnete sich weit, im Schuß stürzte
Erbrochenes heraus. Er stöhnte: »Holt den Oberst. Geht eurer Wege.« Als sie
über die Lache traten, tastete er sich hoch. Er wimmerte, raste in Haß und
Entsetzen. Seine Stimme überschlug sich, er schwang schützend vor der
antrampelnden Horde rechts und links seinen Dolch. Hinter ihm wurde die Tür
geöffnet. Er stürzte nach rückwärts lang vor die Kammer, von einem
entsetzlichen Partisanenhieb quer über den Kopf zertrümmert.
Dem Herzog, der im weißen Schlafhemd mit ausgespannten Armen neben Slawatas
zuckendem Körper stand, riß die Partisane die halbe Brust auf.
Die Worte: »Schelm, du mußt sterben!« tönten in der verwüsteten
Schlafkammer noch von den tosenden, als er schon längst ausgeblutet war.
Butler trat mit Peitsche und Pistole unter sie und jagte sie aus dem
Zimmer.
Von der verschneiten Zitadelle wurden Knechte befohlen, die Friedlands
Kanzlei besetzten. Sie ergriffen einige höfische Begleiter in den Betten.
Der Astrolog Zenno wurde aus seiner Stube geführt; er war im Begriff den
Zeitpunkt einer neuen Aktion zu bestimmen; man zog ihm viertausend Kronen
aus dem Beutel, die Friedland für Berechnungen vorausgezahlt hatte.
In vorgerückter Nacht sprengte man die Tür zur Stallung eines Privatmanns.
Die Kutsche wurde auf die Gasse gerollt. Soldaten spannten sich vor. Der
tote Friedland war in den roten bluttriefenden Fußteppich seines Zimmers
eingeschlagen. Holterpolter zerrten drei Mann ihn die Treppe herunter, zur
Haustür heraus. Ließen ihn beim Mondenlicht rasseln über die Steine, den
dünnen Schnee, die Frostschalen der Wassertümpel. Quer lag er im Wagen; der
Teppich hing zu beiden Seiten heraus.
Sie konnten an ihm tun, was sie wollten. Das war nicht mehr Wallenstein.
Ein gurgelnder Blutstrom war aus dem klaffenden Loch an seiner Brust
hervorgestoßen, wie von Dampf brodelnd. Mit ihm war er davon.
Wieder eingeschlürft von den dunklen Gewalten. War schon aufgerichtet,
getrocknet, gereinigt, gewärmt. Sie hielten ihn murmelnd, die starblinden
Augen zuckend, an sich.
* * * * *
Gegen Morgen wurde eine Treibjagd auf die Böhmen in der Stadt veranstaltet,
mit den Kompagnien vor der Stadt an den Schanzen war ein regelrechter Kampf
zu führen; zuletzt flohen sie und zerstreuten sich. Die Sieger fürchteten
sich dann in der Stadt und glaubten, die Schweden oder Arnim rücke bald
ein. Aber sie hatten die Freude den Herzog von Lauenburg abzufangen, der
glücklich von Regensburg kam, um dem Friedländer den baldigen Aufbruch
Bernhards zu melden; des Lauenburgers Page entkam nach Regensburg. Sie
hätten auch Arnim beinah abgefangen, der über Zwickau langsam und zweifelnd
anmarschierte; das Mordgerücht kam zu ihm. Gelähmt von Ekel und Entsetzen
blieb er liegen. Die flüchtigen Böhmen trugen die Nachricht ins Land
hinein.
Sie lief zugleich mit dem Gerücht herüber: Welsche, Italiener, dazu
Irländer hätten den Mord verübt in ihrer alten Abneigung gegen die
Deutschen. Es kam in dem noch schäumenden Lager von Prag unter Pikkolominis
Regimentern zu Revolten, Deutsche gingen gegen Welsche vor. Zwischen
Offizieren begann es mit tödlichen Duellen, die Knechte lauerten sich in
Fähnlein gegenseitig auf. Aldringens und bayrische Regimenter marschierten
gegen die Empörer heran, warfen alles gnadenlos nieder.
Wallender Siegesrausch in Wien. Bei den Kapuzinern und im Stephansdom
Dankgottesdienst für die Errettung des Hauses Habsburg und die Bewahrung
der Heiligen Kirche. Glückwünsche von dem tieferschreckten Papst Urban in
Rom zu der Erlegung des greulichen Untiers. »Was für Kraft in diesen
Deutschen steckt«, fragte er sich mit Abscheu.
Graf Schlick, die trübe kopfsenkende Masse, neben dem König von Ungarn
allwaltend am Wiener Hof, nahm mit dem Baron Breuner und dem Abt Anton die
Hinterlassenschaft Friedlands auf. Jeder der zwölf Dragoner, die zu
Wallenstein eingedrungen waren, erhielt hundert Reichstaler, die Offiziere,
die geführt und assistiert hatten, tausend und zweitausend, Deveroux auf
das Drängen wegen seiner Verwundung noch vierzigtausend Gulden, dazu
mehrere konfiszierte Güter. Im ganzen hatte Wallenstein an fünfzig
Millionen Werte aufgespeichert. Friedland Reichenberg wurden gegeben an
Gallas, Aldringen erhielt Teplitz, Pikkolomini Nachod. Ihm verlieh man auch
den Titel eines Grafen von Arragon. In sein Wappen nahm er eine Schildkröte
mit der Umschrift: »Schritt für Schritt.«
Stille Zimmer beim alten Fürsten Eggenberg. Der verwachsene Graf saß viel
bei ihm; schlaff beide. Eggenberg aus dem Bett flüsternd: »Was klagt Ihr
mich an, Trautmannsdorf?« Der Graf: »Ich klage Euch nicht an, ich bin nur
durch ihn hochgekommen.« Und dann erschüttert: »Ich bin nicht schuld daran.
Er sollte abgesetzt werden, wenn es sein mußte, mit Gewalt. Wir haben
niemanden zu der Bestialität autorisiert.«
»Wenn er lebte, Trautmannsdorf, und Euch hörte, würde er den Kopf
schütteln; man kann Gewalt nicht begrenzen.« »Ich bin nicht schuld, ich
weigere mich, ich bin nicht schuld. Wenn man ihm mit einer Partisane die
Brust aufgerissen hat, so bin ich nicht schuld daran. Solange ich lebe,
werde ich das nicht zugeben; Eggenberg Ihr seid alt und gerecht, Ihr werdet
das nicht auf mich legen.« Der eingefallene Mann im Bett matt lächelnd: »Er
ist ja tot.«
Das weiße Gesicht des verwachsenen Grafen verzerrte sich, er wetzte die
Zähne aneinander: »Was kommt Ihr mir damit. Er lebt von mir noch. Ihr habt
es in Regensburg zu dem Unglück kommen lassen, der Kaiser hat Euch gehört.
Ich habe es nicht vergessen.« »Ich weiß, ich weiß, Trautmannsdorf. Ihr habt
recht. Laßt es ruhn. Ich beuge mich. Was bin ich noch bei dem allen.« Sie
schwiegen, das Zimmer war lange still, der schwere große Luxemburger hinkte
herein. Da schwiegen sie zu dritt.
Man hatte das Geheimnis der Ermordung aufgedeckt: die Leiche des Grafen
Slawata, von dem Oberst Butler nicht gesprochen hatte, war erkannt worden.
Der sonderbare Familienhaß hatte die Hauptrolle bei dem Unglück gespielt,
es erleichterte sie alle. Lamormain erzählte von seinem Freund, dem Abt
Anton, der ihm aus dem Weg ginge, um bei aller Betrübnis seine Freude zu
verbergen, daß man jetzt aus der Schuldenwirtschaft herauskomme. »Es ist ja
ein Glück; der Herzog war ein Werkzeug des Himmels, um das Haus Habsburg
aus dem Elend herauszuziehen. Wir wollen das Gute bedenken. Das Haus
Habsburg, das die heilige Kirche beschützt, verdient es schon, daß sich
selbst ein ruhmreicher Feldherr für sein Gedeihen opfert.«
Trautmannsdorf abwinkend: »Laßt das, Pater. Ihr geht noch, noch zuviel zu
Euren Brüdern von der frommen Gesellschaft.« Und sehr leise weiter: »Was
habt Ihr vom Kaiser gehört?« Eggenberg richtete sich auf dem rechten Arm
um, blickte groß zu dem Pater herüber. »Nichts.« »Und -- Ihr habt auch
keinen Anhaltspunkt, keinen Wink?« »Ich glaube, Graf Trautmannsdorf, wir
werden lange nichts von unserem guten frommen Herrn hören.« »Und warum
meint Ihr das?« »Er wird sich in ein Kloster, in irgendeine abgelegene
Einsiedelei begeben haben. Er war so weit. Er war längst soweit. Ich dachte
es öfter.«
Im Bett wälzte sich Eggenberg; er zog die Decke über das Gesicht, darunter
schluchzte er leise. Nach einer kleinen Weile kam er hervor, suchte trübe
im Zimmer; abgerissen zu Trautmannsdorf: »Und -- warum jammert Ihr jetzt
nicht, Trautmannsdorf? Hier nicht?« »Um den Kaiser?« »An ihm ist Euch
nichts gelegen. Ich tadle ja Euren Friedländer nicht allzu scharf. Es mag
sein, daß er uns den Frieden gebracht hätte. Er hat vielleicht das Richtige
gewollt. Aber -- was war gegen ihn unser Kaiser. Ein gütiger Mensch. Ein
frommer Christ. Unser Fürst.«
Graf Trautmannsdorf senkte den Kopf: »Das war er. Ich hoffe, wir finden ihn
noch. Eggenberg.« »Ich hoffe es nicht. Nein, laßt nur. Laßt ihn auch nur.
Ihr müßt nicht nach ihm suchen, Pater. Was wollt Ihr denn von ihm. Was muß
auf ihn gedrückt haben. Mir ist es noch im Sterben ein tröstlicher Gedanke,
meinen gnädigen Herrn im Kloster zu wissen.«
In diesen Tagen warf sich die Kaiserin Eleonore, die Mantuanerin, aus dem
Fenster ihrer Schlafkammer in der Burg und zerschmetterte auf den Steinen
des Hofes. Man hatte sie, nachdem sie durch einen Zufall von der Flucht
Ferdinands erfahren hatte, wegen ihres tobsüchtigen Verhaltens einsperren
und bewachen lassen. Ihre liebe Gräfin Kollonits hatte sich eine Stunde von
ihr verleiten lassen, auf den Hof mit ihr hinauszuschauen; sie plauderten
wie früher; scherzend band die hinterhältige Mantuanerin der freudigen
Freundin einen blauen Schleier um den schwarzen Kopf, über die Augen, band
ihn, als die Gräfin lachte, fest und gewaltsam im Nacken zu. Mit aller Ruhe
rückte sie sich einen Sessel heran, während die Kollonits schreiend an dem
Knoten arbeitete, stand händefaltend auf dem Fenster, ließ sich, laut Maria
anrufend, vornüber auf das klagende Gesicht fallen.
* * * * *
Während der junge König Ferdinand mit dem Grafen Gallas das Heer
reorganisierte und unter den Reichtümern, über die man verfügte, sich alles
neu belebte, Truppen und Offiziere sich dem Grafen Gallas unterwarfen,
Schweden und Sachsen abwartend zurückwichen, begann eine sehr diskrete
Fühlungnahme des bayrischen Hofes mit Wien. Die Macht und der Einfluß
Maximilians in Wien waren außerordentlich, die herrschenden Parteien des
Hofes priesen ihn als das Rückgrat der katholischen Sache im Reich. Der
Bayer hatte keine Kinder, er war Witwer. Er hielt dafür sich noch einmal zu
verheiraten; von Ferdinand war eine junge eben herangereifte Tochter da;
der sehr gealterte Mann ließ sich nicht davon abbringen, die junge Maria
Anna zu fordern.
Im Innwinkel saß er bei seinen Truppen, da traf ihn die Nachricht von
Wallensteins Verderben. Der Kaiser Ferdinand war verschwunden, der
Schlemmer, der alberne heitere Mensch, wer weiß von wem verführt. Es war
zuviel für Maximilian. Er geriet unter die knechtende Raserei seiner
Gefühle; er wußte nicht, ob er weinen oder lachen sollte; keinen Schlaf
fand er vor der Marter des Glücks, das seine Brust Hände mit Feuer umgab,
über sein Gesicht flammte, seine Gedanken verdunkelte. Auf den Rat
Kontzens, vor den er sich hilflos völlig verändert und Schutz suchend warf,
hungerte er einige Tage, begann eine wilde Geißelung. Seinen zwangartigen
Drang, von sich wegzuschenken hinzugeben, durfte er durch Stiftungen an die
Heilige Kirche entladen. Gelegentlich stand er in völliger Verfinsterung
und war gelähmt.
Nun ging er eisig aus sich heraus, vorsichtig, langsam, Schritt für Schritt
sein Inneres zudeckend, zurückdrückend. Er bewegte sich zu Handlungen,
beschwichtigte sich. Kuttner, der schöne zarte, verstand nicht, was der
Kurfürst wollte, als ihm befohlen wurde, auf Wochen den Hof zu verlassen.
Aber er ging. Richel suchte dem trauervollen bitter lachenden Kavalier das
Herz zu erleichtern, indem er ihm eine neue Pariser Mission konstruierte.
Aber trotz aller Zucht konnte Maximilian, nach München zurückgekehrt, es
nicht verhindern, daß er einmal an der Drehbank, zwischen den subtilsten
Elfenbeinarbeiten, sich dem lodernden Gedanken gegenüber sah, Maria Anna,
die junge schöne fromme Tochter des flüchtigen Kaisers aus seiner ersten
Ehe zu seiner Frau zu begehren. Jach wie aus dem Munde stürzte ihm der
Gedanke; es war ein nicht zu beseitigendes Erlebnis. Er arbeitete, ging mit
den alten Methoden an sich heran. Und dann war es ihm plötzlich zuviel.
Keine Ruhe, keine Freude, kein Kuttner; er ließ sich los; es durchsetzte
ihn.
Maximilian hatte das Gefühl des Verbrecherischen; er hatte das zitternde
Gelüst in ein schwarzes offenes Fenster einzusteigen oben am Dach, die Hand
auszustrecken und zu rauben. Er hätte nie geglaubt, daß ein Verlangen so
stark sein könnte, -- wie dies: die junge Tochter des flüchtigen Ferdinand,
Maria Anna, aus Wien zu holen. Es züngelte in ihm; es war unendlich labsam,
hin und her werfend und dann wieder einschläfernd, gar keine Folter.
Er entschloß sich, als Kontzen nichts verbot, dem Gefühl nachzugehen; mit
einer Wonne, die er nie gefühlt hatte, machte er sich zum Vollstrecker
seines Gefühls.
Es war die letzte Tat des verfallenden Eggenberg, den Graf Trautmannsdorf
im Auftrag des Königs Ferdinand besuchte, die Antwort auf die Frage zu
formulieren, ob man dem Kurbayern Maria Anna zusagen sollte oder nicht. Das
stolze Auftreten der bayrischen Delegierten Richel und Wolkenstein hatte am
Hof trübe Erinnerungen geweckt. Eggenberg blieb dabei: »Geben, geben. Laßt
sie stolz sein. Wir sind beides Opfer. Gebt sie ihm; er betrügt sich mit
ihr.«
Die Prinzessin widerstrebte, Maximilian war alt und als hart verrufen, man
tröstete sie mit seiner Frömmigkeit.
Sie wurden zu München in der Augustiner Kirche kopuliert. Abends brannten
die Teertonnen und Scheiterhaufen auf den Plätzen. Auf dem Marktplatz vor
der großen Mariensäule waren geölte Gänse an Stangen gebunden; Burschen
jagten auf Pferden vorbei, suchten ihnen die Hälse abzureißen. In der
Residenz tanzten die Edlen den heiteren Tanz der Guillarde, die Sarabande,
Gavotte. Bankette auf dem großen Saal, Ballett, Ring und Quintanrennen.
Beim Aufzug zum Rennen wurde der goldüberladene Kurfürst und seine Braut
hinter Trompeten und Heerpauken, geführt von den Maestri de Campo, auf
einem Triumphwagen durch die Straßen gezogen, im blendenden
Frühlingssonnenschein von blumenstreuenden Nymphen umgeben. Zwei weiße
Pferde waren vor den Wagen gespannt, Maximilian lächelte starr. Sie lachte
erst, als auf dem schwarzen Blachfeld beim Armbrustschießen die schlechten
Schützen gepeitscht wurden und man die Hosen auf einer Stange herumtrug,
die die Stadt als Preis aussetzte. Und nach den Schwerttänzen der
Waffenschmiede küßte sie vor dem jubelnden Volk den strengen Menschen neben
sich auf dem Thronsessel. Er trug eine dreifache Perlenschnur um den Hut;
ein goldener Reiherkopf aufgelegt mit Diamanten, hoch wippend und
schwankend der weiße Reiherbusch. Sein fettes Gesicht war von einem dichten
graubraunen Vollbart eingerahmt. Eine Glutwelle hüllte seinen Kopf ein. Er
tauschte, die Augen lauernd vom Boden erhebend, einen verwirrten fast
schamvollen Blick mit dem seitwärts stehenden jungen Kuttner.
Auf dem Schrannenplatz, an der Stelle des alten Galgens, errichtete
Maximilian eine Mariensäule. Ihren Fuß umgaben mächtige geflügelte Engel
mit starken Waffen, sie kämpften gegen Untiere. Kontzen predigte an ihr
nach dem Psalmenwort: Du wirst über Nattern und Basilisken wandeln und
Löwen und Drachen zertreten.
* * * * *
Die Menschenmassen ließen sich nicht halten. Sie schwappten und rieselten
von Böhmen her nach Westen, von Norden gegen Thüringen, vom Rhein herunter.
Gurgelten unablässig. Aus Bayern schwollen sie an, gespeist aus allen
Teilen des Landes. Die Quellen fanden die tosenden Söldner, das Brunnenrohr
schlug die Einquartierung ein, Erpressung und Drangsalierung, Hungersnot
und Verzweiflung trieben die Wasser zum Anschwellen. Am Chiemsee floh die
Masse der männlichen Bevölkerung in die Wälder und Berge, dann sammelten
sie sich unter den Entbehrungen. Zwischen Alz und Inn, Inn und Isar zuckten
und zitterten die Kirchenglocken, gepeitscht von den metallenen Schwengeln.
»Aufstand!« bullerte es über die Dörfer, die in die Ebenen geglitten waren,
in den Bergen träumten, sich in dem Chiemsee spiegelten. Die Heere, Bayern
Maximilians des Hoffärtigen, Spanier und Italiener des Gouverneurs von
Mailand, Kaiserliche des speichelleckenden Aldringen, des glatten grausamen
Federfuchsers, wollten sie über die Isar werfen.
Sie liefen im Winter frierend über die dunstige Erde; auf den Bergen sah
man sie laufen und lief nach. Frauen und Kinder, Greise, Kranke im Zug. Sie
drangen plündernd in die Häuser der Grundholde ein, rissen die Tore der
Scheunen auf, hingen die Müller an den Mühlen auf, schleuderten die
Mehlsäcke, Mehlsäcke über Mehlsäcke auf die hungernde Straße. In Rosenheim
taten sie sich zusammen, erließen gegen den Kurfürsten Maximilian ein
Famosschreiben, nannten ihn Geizkragen Bestie Paternosterknecht. Die
Pfarrer warf man als seine Lakaien aus den Häusern, Jesuiten wurden
gepeitscht, hie und da ermordet.
Als sich die Grundherrn nach München wandten, schickte man ihnen Kapuziner,
die sollten die Bauern besänftigen; die Mönche wagten sich nicht an den
Herd heran. Das Regiment Kronberg stand bei Endorf und Prien am Chiemsee,
dann über Riederung und Sochtenau; die Kompagnien wurden einzeln
überfallen, zerstreut, die Pferde geraubt, die Waffen gesammelt;
allenthalben begann der Einbruch in die Schlösser und Depots, Waffen wurden
gesucht. Eine beherzte Mönchskommission machte sich auf zu den Rebellen;
sie sah in den Bauernlagern solchen Jammer, daß sie, ehe sie Maximilians
Mandat verlesen hatte, abzog; die Mönche verschluckten vor diesen Männern,
die sich vor Schwäche kaum auf den Beinen hielten, vor diesen hohlbäckigen,
den Gräbern, an die man sie führte, die zornige Warnung, ließen sich
gramvoll durch die leeren Dörfer zurückführen.
Generalwachtmeister Lindelo in Wasserburg erhielt den Auftrag, seinen Platz
zu halten. Spanisches Fußvolk aus Ferias Heer kommandierte Oberst Billehn,
Artillerie kam aus München, Fürstenberg führte seine Reiter heran. Bei
Ebersberg machten sie zweihundert Bauern still. Als das Dröhnen der
Kirchenglocken nicht aufhörte, schoß Artillerie die Dörfer in Trümmer. Die
ortskundigen Söldner machten Zeichnungen der Landschaft, man konnte ohne
Lärm große Massen der Bauern umzingeln, mit Feldstücken und einigen
Schlangen umlegen. Versprengte von Kronbergs Reiterei suchten Rache; den
Rädelsführer Michael Mauerberger faßten sie, er wurde ihnen vom Oberst
Billehn entrissen und da er gestand am Rosenheimer Famosschreiben beteiligt
zu sein, sogleich enthauptet, gevierteilt. Die zerhackten Stücke stellte
man aus, auch gegen die oberösterreichische Grenze, wo das Branden eben
begann.
* * * * *
In die wandernden Scharen der Landesflüchtigen, in die Verödung der
Landschaften geriet Ferdinand hinein. Er war dem Bandenführer entwichen,
der ihn zehn Tage gefesselt hatte, um ihn an den Wiener Hof gegen ein
Lösegeld wieder auszuliefern. Er strudelte mit den Bettelnden Hungernden
Plündernden. Ferdinand, längst schmierig wie sie, aß Fleisch von gefallenen
Pferden wie sie, lief vor hetzenden Hofhunden; Kaspar Weinbuch, der
vertriebene Müller von Bamsham, mit ihm. Sie hielten sich keine zwei Tage
an einem Ort auf; der Boden war lebendig, er hob sich auf, stieß sie von
sich. Ferdinand, dünn geworden, sein Gesicht knochenmager, überzogen von
einer schlaffen faltigen schmutzüberkrusteten Haut; er ging krummer,
rascher als sonst, sein hellblauer Blick bestimmt und sehr lebhaft. Redete
und fuchtelte nach rechts und links: »Kein Erbarmen! Kein Erbarmen! Gebt
nicht nach. Es sind Teufel in der Welt; wenn ihr sie nicht bezwingt, kommt
die Sintflut und was Lebensodem in der Nase hat, wird ausgerottet. Es kann
nicht anders geschehen. Der Herr kann sich nicht anders retten.« Seine
Parole wie Kaspar Weinbuchs, eines noch jungen einarmigen Menschen, der
seine Mühle angesteckt hatte, weil er für die Italiener mahlen sollte:
»Gebt nicht nach. Braucht Gewalt! Kein Mitleid! Braucht eure Arme, eure
Zähne. Sterbt nicht, sterbt nicht hin. Wo ist eine Rettung für die
Menschen, wenn ihr vergeht. Die Mühle, die die nächsten Geschlechter,
Kinder und Enkel und Enkelkinder zermahlen soll, steht schon da, unser
Blut, unsere Knochen hängen am Mühlrad. Sie muß brennen. Gebt nicht nach.
Sterbt nicht! Sterbt nicht!«
Sie plünderten viel, um leben zu bleiben, verteidigten sich, trugen Waffen;
Pferde konnten sie nicht halten, da der Hafer ausging. Obwohl sie sich oft
in leere Häuser einquartierten, litten sie furchtbar unter der Kälte.
Ferdinand legte sich den Namen Grimmer bei. Die hetzenden harten Reden
flossen aus seinem Munde; er wollte nicht sehen, wie sich Verzweifelte in
die Städte schlichen, sich satt zu essen und zu wärmen, ob man sie auch
totschlüge oder sich bei den verfluchten Söldnern anwerben zu lassen.
Grimmer, kaum an seinem Stock laufend, tröstete und reizte sie: »Fürchtet
Gott! Fürchtet ihn! Wisset, daß eine grausige Macht hinter der Welt ist,
der wir Verantwortung schulden. Gebt keine Nachsicht. Mordet, mordet!
Vergeßt ihn nicht!«
Was manche dieser Horden vor sich trugen, war das Schrecklichste, das die
umlaufende Bevölkerung gesehen hatte: Kreuze aus starken Baumästen, mit
Stricken zusammengebunden, daran hing ein wirklicher faulender Leichnam,
bald ein Mann, bald ein Weib, manchmal ein Weib und an jedem Querast ein
baumelndes Kind; den pestilenzialischen Geruch schienen, die das Kreuz
trugen, nicht zu merken.
Sie wurden allenthalben zersprengt. Über Fürth irrte Grimmer mit Kaspar
Weinbuch.
Es war Frühling geworden, als sie böhmischen Boden betraten. Fließender
Regen ohne Ende. Man ängstigte sich vor den hetzenden Gesellen, trieb sie
weiter. Eine alte Fischerin, die sie für Stunden aufnahm und beköstigte,
warnte sie, zeigte die Kinder ihrer Tochter, drei junge Geschöpfe, die sie
bei sich hatte; Vater und Mutter waren bei einer böhmischen Revolte
umgekommen: »O, was haben sie von den lieben Kindern. In der Erde, so jung,
so jung.« Böhmen hätte gelernt, sei still geworden. Während der bärtige
Müller finster lachte, streichelte Grimmer die Hände des alten Weibchens:
»Was willst du? Es ist ja alles wahr, was du sagst. Ich möchte es so gern
glauben. Es hilft aber nichts.«
Sie betrachtete ihn traurig: »Wie lange wirst du alter Mann noch
herumlaufen; wirst ruhig sein wie ich.« »Ach, es hilft nicht, Weibchen, was
du sagst. Du willst dich sterben legen. Alle wollen sich sterben legen.
Bleibt doch leben, haltet Euch steif.« »In der Bibel steht: meine Kraft ist
an dem Schwachen mächtig.« »Ihr wollt sterben. Ihr könnt nichts als
sterben.«
Der Müller riß ihn, der versunken in der Hütte saß, mit sich fort, brüllte
draußen: »Das Volk, Männer und Weiber, ist eins; träge und lahm. Wollt Ihr
sie gründlicher studiert haben als wir.«
Vor ihnen scholl das Gerücht: der Friedländer, des Kaisers Feldhauptmann,
sei in Eger erschlagen auf kaiserlichen Befehl, seine Freunde, die hohen
Offiziere mit ihm. In Mies sollte er begraben sein, auf dem Boden seines
ehemaligen Feldmarschalls von Ilow. In dem Ort suchte und suchte Grimmer,
er wollte zu ihm auf die bewachte Grabstätte im Franziskanerkloster. Sie
hielten sich lange hier auf. Und wie Weinbuch schon unwillig weiter
drängte, knarrten eines Mittags Reisewagen in das Dörfchen von Osten; eine
edle noch junge Frau stieg herunter in grauer Kleidung des Leides, um die
Stirn die Kreppbinde, vom Ärmel fiel der weiße Trauerstreifen; vier Frauen
hinter ihr; Isabella, das Weib des toten Friedländers. Da vermochte
Weinbuch den andern nicht von der Stelle zu bringen.
Eine kleine Bande Klopffechter, Sankt Markus- und Lukasbrüder trollte am
selben Tage in das Dorf ein, die Kunst des Fechtens mit allen Gewehren zu
zeigen; ein jovialer wohlgenährter Zahnbrecher und Steinbrecher war dabei,
die beiden herumlungernden düsteren Tröpfe wurden von ihm erblickt,
angelockt, zu seinen Schauprozeduren herangeholt; er fütterte sie.
Aus dem dumpfigen Boden wurde der Körper, der ehemals sich mit dem Herzog
Albrecht von Friedland, dem Böhmen von Wallenstein, bewegt hatte,
geschaufelt: zwischen zwei dünnen Kieferbrettern lag er geklemmt.
Dorfbevölkerung hatte die Witwe aufgeboten zur Begleitung der Leiche über
die Bannmeile; auf zwei Stangen trugen alte Bauern den Sarg, mit einer
grauen Decke war er überhängt, damit man nicht sähe, daß dem zu langen
Toten die Unterschenkel zerschlagen und umgebrochen waren.
Armselig hinter den vier Mönchen zwischen den Bittfrauen und
Groschenweibern die ganz verhängte Fürstin. Schritt, Schritt.
Von weitem folgte Ferdinand, auf zwei Stöcken, die Kappe in der Hand,
weinend, das vibrierende graue Gesicht von dem warmen Wasser gefühllos
überlaufen.
Weinbuch schimpfte über das Geplärr. Das Maul breitziehend ließ ihn der
Müller, schlug sich zu den andern, die auf Kosten der Fürstin den Tod im
Wirtshaus versoffen mit Bier und Rosmarinwein. Auf einen Leiterwagen lud
man an der Wegkreuzung den Herzog; die Witwe fuhr hinterdrein, auf Gitschin
zu, in die Karthause Walditz.
Grimmer, dem ein stoppliger Backen- und Kinnbart gewachsen war, war von dem
Tag an von einer sonderbaren Einsilbigkeit; sein Gesicht war unbeweglich.
Er stand, als ein kläglicher kleiner Zug Flüchtlinge vor ihnen vorbeizog
und der Müller die Arme ausstreckte und zu reden anfing, stumm und wartend
abseits. Der Müller jauchzte die alten lockenden wilden Worte: »Nicht
nachgeben! Beile genommen! Schlagt aus nach rechts, schlagt aus nach links!
Gehämmert in die Mauern!« Die Flüchtlinge reckten die Arme wie er.
»Was stehst du da?« fuhr ihn der Müller an, wie sie gingen, gefährlich.
Still und ohne Klage sagte der andere: »Ich kann's nicht. Ich bring' es
nicht heraus.« »Was bringst du nicht heraus.« »Ich kann nicht fluchen.«
»Was bist du für einer. Du bist selbst angefressen. Legst dich selbst zum
Sterben.« Es war mit Grimmer nichts anzufangen.
Ferdinand hatte sich, als er unter die flutenden Menschenmassen geriet,
überwältigen lassen. War dem Jammer, der ihm begegnete, unterlegen. In
Graus und Reue hatte er geschrien: »Beile genommen! Beile! Nicht
nachgeben!« Das schlief schmerzlich vor Wallensteins kläglichem Holzsarg
ein.
Und nun kam die Dunkelheit über ihn. Er wußte nicht, was wurde, aber er
wartete. Ein großes Bedürfnis nach Schlaf hatte er. Es wäre möglich
gewesen, daß er ohne Widerstand hinstarb. Und dann regte sich eine Bewegung
in ihm. Er seufzte und die Erinnerung trat in ihm auf: »Gebt Raum, gebt
Raum.« Sanftheit und Stille, worin er Platz nehmen wollte. Der Balken, an
dem er sich entlang tastete. Oft blickte etwas in ihm auf Wallensteins
Sarg. Er fühlte sich bewogen, viel hinter dem Sarg herzugehen, Hände zu
drücken, die gebrochenen Beine auf Watte zu schienen.
Die Fechtbrüder und der Zahnbrecher hatten Gefallen an ihm, nahmen ihn und
den Müller auf ihrem Wagen mit; er sollte für sie ausrufen. Sie gerieten in
Streit mit dem Müller, als der sich daran machte, in ihrer Weise sie zu
erregen. Als Weinbuch in seinem Zorn ihnen einmal zwei gute Degen mit einem
Stein zerbrach, prügelten sie ihn. Der Müller entwischte; den andern, der
mit ihm wollte, ließen sie nicht fort. In die Zone der Heere reiste die
Bande, um besseren Gewinn zu finden. Als die ersten Kompagnien in der
Gegend von Joachimstal an ihnen passierten, bettelte Grimmer, sie möchten
ihm das schenken, den Anblick der Söldner, er wolle fort von hier. Jubelnd
kam einmal der dicke Quacksalber an: er habe den andern mit dem braunen
Bart, den Kaspar, den Müller, gesehen. Wo, wolle er nicht sagen: hoch in
der Luft, an einem Soldatengalgen hänge er; hätte wohl das Maul sehr voll
genommen. Grimmer flammte: »Führt mich hinein. Führt mich hin. Ich will
ihnen alles sagen. Er ist einen guten Tod gestorben.« Und er schrie über
Weinbuch und weinte: »Laßt mich fort! Helft mir doch.« Sie lachten:
»Gewalt! Gewalt! Lauf mit deinen Krücken. Wir werden einen Hund gegen dich
jagen, daß er dich umrennt.« Er hob die Hände und zitterte: »Ihr könnt
nichts für eure Wildheit.«
In einem Birkenwald, der eben grünte, lag an dem Platze, wo sie ihr Lager
aufschlagen wollten, ein brauner Frauenschuh, und nicht weit kam ein ganz
feines Winseln zwischen den Stämmen her. Sie gingen dem Winseln nach. Da
lag entblößt und zerhackt ein zusammengebogener Frauenkörper und auf der
Erde hinter seinem Rücken streckte ein verpacktes kleines Kind die weißen
Beinchen in die Luft, schlug mit den blauen Händchen, winselte. Mit einem
markerschütternden Geheul, als hätte er die Sinne verloren, warf sich
Grimmer an die Erde, kroch auf den Knien vor die Frau, deren eisiges
Gesicht er bestrich. Sie rissen ihn von der Zerhackten los; er ließ den
Stock liegen, tastete nach dem Kind, hielt es fest. Sie vermochten nicht es
ihm aus dem Mantel herauszuziehen; er warf sich, als sie damit begannen,
auf das Gesicht und deckte das Kind. Sie bewogen ihn dann aufzustehen; das
Wesen schrie in seinem Mantel; er stand wie ein Bock; sie mußten ihm das
Geschöpf lassen; grausig brüllte er, er gäbe es nicht ab.
Die Bande stahl Frauen und erpreßte mit ihnen Geld, verkaufte unerlaubte
Hartmacherbriefe. Sie ließen den Grimmer mit seinem Kind nicht los, weil er
schon zuviel von ihnen wußte. Er besänftigte sich, folgte, war gut zu
ihnen. Aber es war etwas Gespanntes in ihm, wovor sie Furcht hatten. Das
Kindchen gab er einer Nonne ab. Er bohrte, bohrte, sie sollten ihn laufen
lassen. Welches Recht sie hätten, ihn zu halten. Er drohte; sie lachten.
Verzweifelt saß er stundenlang in einer Wagenecke, rang die Hände. Sie
ließen ihn im Stroh gackern. In ein rasendes Gezänk ließ er sich mit ihnen
ein; da er ihnen rachsüchtig schien, nahmen sie ihn nicht mehr auf die
Märkte, in die Dörfer hinein mit; sie wollten ihn schon kirre kriegen. Er
hatte in dieser Zeit die Aufgabe, mit einigen Roßbuben auf die Wagen zu
achten. Als die Buben berichteten, daß der Grimmer, statt sich um die Wagen
zu kümmern mit vorbeiziehenden Wallonen lange heimliche Gespräche führte,
daß auch einzelne Wallonen sich schon mehrfach in der Nähe des Quartiers
hätten sehen lassen, beschlossen sie sich seiner zu entledigen; sie waren
der Meinung, daß Grimmer an Flucht oder Verrat dachte.
Sie kamen bei Kaaden vorbei, wo ihnen das Kind eines Ratsherrn in die Hände
fiel. Die aus der Stadt aber hatten einige Reiter, die sich hinter ihnen
her machten. In ihrer Angst ließen sie das Kind auf der Landstraße zurück.
Als sich die Reiter damit noch nicht zufrieden gaben und nach ihnen
suchten, spannten sie die Pferde von den Wagen, ritten davon mit allem, was
sie schleppen konnten; den Grimmer ließen sie bei den Wagen. Er wurde von
den Reitern gefaßt, nach Kaaden gebracht und in der Stadtmauer eingesperrt.
Die Büttel, von den Angehörigen des Kindes noch bestochen, ließen ihre Wut
an ihm aus.
Ferdinand aber schien, seit er die Quälereien von der Fechterbande erfahren
hatte, ein vollkommener Narr geworden zu sein. Er war von einer flutenden,
stoßweise ihn durchrollenden Erregung heimgesucht. Wie ihn die Räuber auf
die Straße warfen und er gefangengenommen wurde, war er, als wäre er alle
Sorgen losgeworden. Er hatte schon die Wallonen im Wald nicht, wie die
Buben erzählten, aufgefordert, ihn zu befreien, sondern nur von sich
erzählt. Er sei in einem hohen Amt gewesen, hätte es aufgegeben. Denn das
Regieren hätte wenig Zweck. Es läuft alles von selbst. Es ist auch alles
gut, hätte er erkannt; man müsse nur wissen wie. Man könne mit ihm tun, was
man wolle, man täte ihm nicht weh. Er forderte die Wallonen geradezu auf,
ihm doch Hiebe zu versetzen, sie täten ihm Gutes damit an. Als ihm einer
dann einen Faustschlag gegen die Schulter gab, sank er in das Gras, wand
sich vor Schmerz, aber lächelte verzerrt: es machte nichts, es täte ihm
wohl; sie ließen ihn blaß, halb ohnmächtig sitzen. Im Stadtkerker wurde er
gemißhandelt, daß er meist seine Besinnung verlor. Sobald er aber frei war,
erzählte er wieder, er sei der Kaiser Ferdinand, der Römische Kaiser, es
ginge ihm jetzt besser. Wie gegen einen Klotz verfuhr man mit ihm; um ihm
Geständnisse zu erpressen, brannte man ihn an Stirn und Arm und streute
Salz in die Wunden. Er gab zu, was er von der Bande wußte, sich selbst
beschuldigte er nicht. In dem Keller stand er bei jeder Vernehmung vor dem
Richter und dem Henker, der gebückte graue Mann, bejammerte Richter und
Henker, beschwor sie an sich zu denken und nicht an das Gesetz und den
Kaiser; er sei Kaiser gewesen, er spräche sie frei von der Verpflichtung;
Mehrer des Reiches möchte er sein, und darum möchten sie davon ablassen,
ihn zu quälen: es helfe ihnen nichts.
Er rief sie an: »Ihr müßt euch freuen. Es ist Mai oder Juni. Es ist eine
schöne Zeit. Macht nicht so finstere Mienen. Euer Handwerk verdirbt euch,
es macht euch die Brust eng. Würde doch kein Tier so finster und trübe
leben wollen wie ihr. Lacht. Wenn man lacht, begrüßt man die anderen
Wesen.« Sogar nach einer peinlichen Prozedur des Streckens bat er matt:
»Ihr müßt nicht so strenge Mienen machen. Es ist ja alles in der Welt so
schön. An mir müßt ihr keinen Anstoß nehmen. Ich bin kein Schelm;
meinetwegen braucht ihr euch nicht zu erbittern. Und auch mit den anderen
könntet ihr fröhlicher fertig werden. Fröhlich, fröhlich. Ich bin es auch
und möchte darum leben.« Er glitt an seiner Stange entlang.
Sie lachten aber nicht. Und ganz finster wurden sie erst, als der Henker
eines Morgens Grimmers Zelle leer fand.
Die Klopffechterhorde hatte von seiner Einkerkerung gehört; sie gereute es
nicht gerade, ihn überliefert zu haben, aber sie wollten dem Ratsherrn
einen Possen spielen, nachdem sie um den Prellohn gekommen waren. Sie
überwältigten, da sie starke Menschen waren, eines Nachts die Posten der
Stadtwache vor dem Kerker, nachdem sie unbemerkt über die Mauer gestiegen
waren. Grimmer vom Fackellicht aufgeschreckt, blinzelte sie aus dem Stroh
an; sein Gesicht tieftraurig, er erkannte sie nicht. Dann als sie ihn
anhoben und mit einem Mantel bedeckten, begrüßte und streichelte er sie
flüsternd. Sie schleppten ihn mühselig über die Mauer, Ferdinand verbiß
jeden Schmerz. Während sie selbst vor Übermut kicherten, mußten sie seinen
Jubel dämpfen. Der dicke Steinschneider, der sein Pferd führte, fragte ihn,
als sie davon durch den sausenden Wald ritten, ob er nicht einen Priester
haben wollte. Ferdinand lachte: »Noch nicht. An meinen Heiland glaube ich.
Aber wenn ich Sünden bekennen sollte, ich wüßte nicht, welche ich bekennen
sollte.« »Du bist schlecht«, warnte der andere. »Nein, verzeih mir. Es hat
sich mir alles verwischt. Weißt du, wo ist Sünde und Tugend?«
Nach vierstündigem Ritt lagerten sie in einer Hütte, wo die anderen
Gesellen schon warteten, blieben dort ungestört einige Tage. Ferdinand
lobte sie für die Wohltat an ihm. Sie ließen ihn viel allein.
Als man zu dem tief gelbsüchtigen fiebernden Ferdinand, dessen Körper aus
vielen Wunden eiterte, einen Barfüßermönch schickte, weinte er heftig,
gestand: »Die Sünde, ja, das ist es.«
»Nun siehst du.«
»Ich kenne sie, ich weiß, was Sünde ist.«
»Siehst du.«
»Nur, ich kann sie nicht fühlen. Mir ist alles verwischt. Wer hat mir das
angetan?«
»Du bist krank, du frierst, du schüttelst dich im Frost.«
Aber Ferdinand blickte ihn ruhiger aus seinen hellen Augen an: »Ich bin
verzaubert. Ich kann nichts als mich freuen.«
Der Barfüßer sprach Gebete, segnete ihn, ging davon.
Ferdinand überwand das Fieber. Sehnsüchtig, wenn die Horde fortgerasselt
war, kroch er zur Tür hinaus auf allen Vieren in den grünen Wald. Es war
sonnig. Er suchte sich zu heilen.
Der Wald, der Grund eines weiten Meeres, Tag und Nacht durchwogt und
aufgewühlt. Die jungen und alten Bäume hielten sich mit Wurzeln an der Erde
fest; Geäst und Blattwerk, hungrig hochgeworfen, wurden am Schopf gefaßt,
nach unten gebogen, seitlich geschnellt, im Kreis geführt. Vielfarbige
Blumen wuchsen im versteckten Gras. Ferdinand zog sich an dünnen Stämmen
hoch, fühlte seine Knie; die Luft blies in seinen geöffneten Mund, der Atem
ging leise aus seiner matten Brust; er rutschte wie ein weicher Wurm ab auf
das Moos. Er pendelte und schwankte getrieben wie ein Ertrunkener in der
Luft. Wie dunkle Zauberworte klang manchmal in ihm auf: das Reich, der
Krieg, der Thron. Auf Minuten breitete er stöhnend die Arme aus: »Ich bete
nicht, Maria muß mir helfen, sie wird mir verzeihen.« Unversehens, wie er
lag, hatte ihn das pelzige Moos.
Kopfbeugend und mit Ungeduld ging und stand er, bis sich die Horde
verlaufen hatte, um sich zwischen den stummen Bäumen wieder einzufinden.
Auf einem Baum erwartete ihn ein sonderbares Wesen. Es saß zwischen starken
Ästen, steckte den kleinen braunschwarzen Kopf zwischen Blätterhaufen
hervor. Ein verwahrloster junger Mensch, stark am ganzen Körper behaart. Er
ließ die Äste zusammenschnellen, sah wieder herunter. Über Schulter und
Bauch hatte er sich einen fellartigen Lumpen gebunden; er stieß und
hangelte mit den affenartigen mageren Beinen. Der Kobold, die schwarze
knochige Brust nach einiger Zeit herunterbeugend, krächzte etwas
Wortähnliches, lief vorsichtig, wie er Ferdinand kriechen und liegen sah,
auf den Ästen um ihn herum, dann am Boden. Ferdinand winkte ihm. Er floh.
Von Tag zu Tag kam er dichter. Einmal schwang er sich zu dem Kranken, griff
schnell nach seinem Brot, aß im Fortlaufen. Er beobachtete Ferdinand aus
fliegenden grauen Augäpfeln, die rastlos in ihren flachen Höhlen spielten,
ohne daß sich die kleinen Lider bewegten. Schließlich betastete und
beschnüffelte er den sitzenden Mann, der ihm öfter die Hand hinstreckte. Er
wich ihr aber zuckend aus, zuletzt nahm er sie bei den Fingern, besah sie
dicht, drehte und hob sie, beschnüffelte sie, ließ sie los. Saß da, um
plötzlich auf ein Geräusch einen Baum anzuspringen und zu verschwinden.
Einmal, wie Ferdinand die Tür der Hütte aufließ, schlich das Geschöpf
hinein, kam rasch mit einem großen Stück Fleisch heraus, das er auf einem
Baum verschlang. Wie er wieder neugierig Ferdinand beobachtete, der sich an
seinem Stock hochschob und einige Schritt schleifte, stellte er sich neben
ihn, stützte ihn geschickt von hinten, indem er ihm unter den Arm griff;
dabei kicherte er mit demselben Krächzen, mit dem er sprach.
Ferdinand verstand rasch seine kindlichen Bezeichnungen. Einmal morgens --
Ferdinand hatte ihm wegen seines stechenden Geruchs verwiesen in die Hütte
zu gehen -- erwartete ihn das Geschöpf listig lauernd schon draußen. Es
winkte, lachte, gab zu verstehen, daß es etwas Schönes wüßte. Und dann
stürzte es Ferdinand unter einen Arm, zuletzt trug das kleine Geschöpf
keuchend den anderen eine Strecke bergigen Bodens auf dem Rücken. Von einer
nahen Anhöhe zwischen Gesträuch sahen sie herunter. Da war ein Fluß und an
ihm ein weites buntes klingendes Badehaus. Schwimmende Tische; auf den
Galerien gingen Damen mit geschlitzten Mänteln. Von oben warfen sie Blumen
herunter, die unten spannten ihnen Laken entgegen. Die lustigen Fräulein
streckten die Hände nach der Galerie um Geschenke aus, sie tanzten im Bad,
das Gewand schwamm obenauf. Flöten und Lauten spielten. Bälle mit
Glöckchenbehang flogen über dem Wasser. Der Waldmensch kreischte leise,
knirschte mit den Zähnen, hatte funkelnde Augen, leckte sich einen
hochspritzenden Tropfen wonnig vom Mund. Er hüpfte mit Ferdinand vorsichtig
zurück.
Ferdinand liebte das wilde Geschöpf außerordentlich. Er wunderte sich
selbst. Überaus stark griff ihn die Neigung, dieses sonderbare Verlangen zu
dem Tierwesen. Er war in vieler schmerzhafter Spannung, gesundete mehr;
sein Gesicht und Hände häuteten in der Sommerluft. Die Bande ließ sich oft
tagelang nicht sehen, er mußte mit Brot und Fleisch haushalten. Da war der
Waldmensch weg. Zwei Tage stellte er sich nicht ein. Es fehlte nicht viel,
daß Ferdinand, leicht erschöpflich wie er war, ihm nachging. Bis er eines
Mittags allein in der Hütte liegend von dünnen Rufen, dann einem knackenden
Geräusch und nahem Scharren überrascht wurde.
Vor einem Gestrüpp das braunschwarze Geschöpf. Es bückte sich über etwas
Weißem. Winkte krächzend lachend schnarrend Ferdinand mit Händen und
Blicken zu. Das Weiße hob sich. Es war ein junges rothaariges Fräulein, nur
leicht gekleidet. Er mußte sie aus dem Bad gestohlen haben. Das nicht
schöne pockennarbige Mädchen streckte aus seinem tödlich blassen Schrecken,
immer wieder ohnmächtig, Ferdinand die Arme entgegen. Der aber sah sie kaum
an. Der Waldmensch fletschte die Zähne, schleppte sie rückwärts, knurrend
fauchend und brünstig kreischend ins Gebüsch, nach Ferdinand, der
herausgetreten war, sich umschauend, hob ihr die Tücher ab, verging sich
glucksend und schlagend an ihr.
Ferdinand hatte mit hellen überweiten verglasten Augen in der Nähe
gestanden. Das Waldtier winkte ihn hervortauchend, kochenden Leibes, zu dem
Fräulein heran, fiel ihm grunzend und speichelnd um die Brust. Es hauchte
ihn hitzig an. Die wand sich im Gras, wollte weglaufen. Ferdinand zitterten
unten die Knie. Er konnte sich von diesem betäubenden Atem nicht losmachen.
Er drückte halb willkürlos den Waldmenschen an sich. Schaurig, fast
unerträglich strömte es über ihn bei der Berührung der zottigen Haut und
bei dem starken schweißgemischten Dunst. Er kannte kein Erbarmen mit dem
Fräulein unter der Aufpeitschung seines Innern. Er vermochte, wie es durch
ihn raste, die Arme fest um den Kobold zu schließen, verzehrt von Angst und
Hingenommenheit. Das Mädchen war fort. Das heiße Geschöpf lachte ihn an,
schüttelte sich losgelassen, knurrte, schnarrte, wie es das Fräulein nicht
sah, schwang sich davon.
Ferdinand saß mit flimmernden Augen in der dunklen Hütte, blinzelte. Sah
sich um, wußte nicht, wo er war. »Ich muß fort«, war ihm bewußt. Als er
zwei Stunden geschlafen hatte, war er schweißgebadet. Sein Kopf floß. Durch
seinen Traum hatte sich das Schaurige Betäubende gewaltig und fessellos
geschwungen.
Am nächsten Morgen kam die Bande. Den Abend zuvor hatte er noch mit Ästen
nach dem Waldmenschen geworfen, wie der sich ihm grinsend nähern wollte,
hatte die Tür vor ihm zugeklemmt.
Aber wie sie über Hügel und Felder fuhren, wurde er wieder eine Beute der
Betäubung. Klee Heckenrosen Lupinen zogen vorbei. Und so blieb es tagelang
in der Ruine, in deren Kellern sie sich versteckten und Ferdinand, der
leidlich gehen konnte, als Wächter beließen für die gestohlenen Pferde
Rüstungen Säcke, während sie draußen ihr Handwerk trieben. Hier
entschlüpfte Ferdinand, völlig modelliert von dem Erlebnis. Etwas
Geheimnisvolles lag über ihm. Im Schnappsack trug er Brot Käse und
Rauchfleisch mit sich. Grau und sehnig war er, das Gesicht noch gelb. Er
machte einen beunruhigenden Eindruck auf die Leute, die ihn beköstigten und
schlafen ließen. Wich ihnen aus.
Ihn trieb es, wie er auch widerstrebte und sich wand, nach dem Wald und der
Gegend des Koboldes. Er grollte und lobte sich in einem Gedanken, daß er
ihm ausgewichen war. Wie er eine Baumrinde berührte, fühlte er, wohin er
gehörte; er bekam die Hand, als friere sie fest, kaum los von dem Stamm.
Er näherte sich nach Tagen erregt dem Ort. Von Schreck durchzuckt fand er
die Hütte. Das niedrige Holzgestell, die groben braunen Latten. Es benahm
ihm den Atem. Einen Augenblick stand sein Herz still. Er ließ sich nieder.
War tief beglückt. Den ganzen Tag wartete er, schlief im Freien ein. Und
noch ein Tag. Er ging und bewegte sich wie in einem festen Schlaf. Wie er
im Morgengrauen aufwachte unter Gezwitscher, saß der braunzottige Kobold
neben ihm, betrachtete ihn von der Seite, lachte ihn an. Ferdinand
aufwallend blieb ernst, berührte ihn bittend. Der wies ihm den Buckel,
schien ihn schleppen zu wollen. Ferdinand legte die Hände an das Wesen,
genoß, im Innersten durchrieselt, die Berührung. Der quietschte, kratzte
sich, gab wegkriechend Zeichen auf die Hütte, schnarrte, lallte. Die
Hüttentür war offen. Der Mann ging sich duckend hinein. Eine Bande mußte
erst jüngst dagewesen sein; es lag Brot und Schinken unter dem Tisch, auf
den Bänken; sie waren übereilt abgezogen.
Ferdinand setzte sich hin, sah atmend dem Kobold zu, der alles
durcheinander warf, zuletzt mit einem Stück Brot davonrannte.
Sommerliches Rauschen im Wald, die Sonnenlichter spielten.
Der Waldmensch öffnete gegen Abend, wie es glührot geworden war, die Tür.
Ferdinand lag gestreckt auf der Bank. Das Geschöpf klopfte mit dem Finger
gegen die nackten Fußsohlen des Mannes. Der richtete sich auf.
Ein breites flaches Messer lag unter dem Tisch neben der Bank. Das Geschöpf
stieß mit den Zehen daran. Im Moment bückte es sich, faßte mit einem langen
behaarten Arm herunter. Seine Augen glitzerten.
Rittlings schwang es sich vor den Mann auf die Bank, drückte sich fest an
den erschauernden freudvoll blickenden, und senkte blitzschnell das Messer
von hinten in seinen Rücken. Mehrmals. Sie hielten sich Auge in Auge. Ein
leichtes Staunen kam in Ferdinands Ausdruck. Er erzitterte bis in die
Fußspitzen, legte sich seitlich um.
Das Geschöpf rutschte von der Bank, blickte das Messer an, sauste hinaus,
gab Stöße in den Grasboden, schleuderte das Messer von sich gegen die
Hütte.
Nach zwei Tagen schlich es herein, aß. Faßte den Körper, der unter dem
Tisch lag, an beiden Füßen, spannte sich wie ein Pferd vor, lief mit ihm
hinaus, zerrte ihn über das Gras. Der Kobold war so stark, daß er den
mageren Körper im Kreis um sich schwingen konnte. Er schnalzte kicherte
freute sich daran.
Lief mit ihm über Gebüsch Äste. Es war Regenwetter. Die Tropfen klatschten.
Ferdinand lag auf zwei sehr hohen Ästen. Das dünne kühle Wasser floß über
die hellen Augen. Der Kobold hatte kleine Zweige zu sich heruntergezogen,
er saß vom Laub gedeckt. Schaukelte den Körper auf den großen Ästen,
knurrend stirnrunzelnd.
* * * * *
Unter die aufmarschierenden Heere der Kaiserlichen Sachsen Schweden Bayern
gerieten von allen Seiten die losgelösten verzweifelten Volksteile. Viele
gingen zu den Truppen über, von Lohn und Nahrung verlockt. Was ihnen
störend in den Weg kam, zerklatschten die Heere.
Die Söldnermassen selbst brachen gegeneinander los, schlugen sich nieder,
verfolgten sich, metzelten sich von neuem, Kaiserliche Sachsen Schweden
Bayern. Im Westen hatten sich die Welschen gesammelt. Sie warteten in
frischer Kraft auf ihr Signal, um sich hineinzuwerfen.