an seinem Säbel nach vorn: nun, auch er sei Reichsfürst. Er habe ehrlich
und legitim die Gewalt vom Kaiser erhalten, vertrete, wie man ihm ja
nachschreie, die Monarchie und habe in Regensburg verspürt, was die
Reichsfürsten könnten. Am eigenen Leibe habe er ihre, ihre Kraft verspürt.
Und so singe er mit aller Ehrerbietung auch dieses Lied: es möchte ihm
keiner zu nahe treten und seine Reichsfürstenschaft für nichts achten; es
sei begründet: das Reich ist nichts ohne den Kaiser, aber auch nichts ohne
die Fürsten. -- Als Wallenstein nach langer Pause nichts zufügte, sagte
Schlick, der Herzog habe in der Tat früher anders gesprochen; er wünsche
ihm, daß er sein Herzogtum Mecklenburg bald von dem Schweden erobere. --
Dies oder ein anderes werde ihm durch kaiserliche Gnade zufallen; er dränge
auf den Frieden, nichts, nichts sei wichtiger. Sie wollten gemeinsam daran
denken, dem lieben Frieden näher zu kommen.
Die Herzogin und ihre Schwester schlüpften von Trzka geführt heran, hatten
noch Gesichtsmasken vor, kicherten von den Späßen im Saal. Der Herzog griff
nach einem Stock, schrie im ersten Augenblick: »Fort mit euch!«
Finster saß er nach Schlicks Abgang neben Isabella: »Sie zahlen es mir
heim. Feinde, Feinde, immer mehr Feinde. Und so soll ich zum Ende kommen.«
Im Gefühl der Schwäche senkte er den Kopf, blinzelte: »Du hältst mich für
böse, Isabella. Ich sehe es dir an. Ich habe Schlimmes in meinem Leben
getan. Gott wird viel Gnade an mir üben müssen. Ich will meine Bosheit
jetzt eine gute Zeit fahren lassen und den Frieden für die gequälte Welt
befördern.«
Er ließ das Frühjahr anbrechen, den April vergehen, ohne sich aus Böhmen zu
rühren. Es hieß, daß er seine Geldgeber und sich selbst bis zum letzten
erschöpfte. Man wußte, daß die Börsen erzählten, so könnten die Rüstungen
nicht lange fortgehen; alles dränge auf den Ruin des Reiches; der Herzog
werde versuchen einen entscheidenden Schlag zu tun und dem Krieg eine
entscheidende Wendung zu geben, weil er die Verhältnisse überblicke und
weil besonders das Haus Habsburg vor dem nahen Bankerott stehe; er werde
sich dann mit seiner gebietenden Macht als Reichsfürst und finanzielles
Oberhaupt des Kontinents zurückziehen, so oder so. Dies war bekannt von ihm
wie von seinen Freunden Michna und de Witte und den hinter ihnen stehenden
mächtigen Geldhäusern, die gedachten dem Krieg den Faden abzuschneiden
durch Verweigerung der Kredite. Der Druck, den diese Finanzleute mit den
befreundeten Börsen ausübten, sollte die Friedensneigung zum Durchbruch
bringen; in ungeheurer Spannung sahen die Informierten den Dingen des
Jahres entgegen; es hieß allgemein, die Würfel würden fallen. Und die
Spannung wuchs um so mehr, als die Jesuitenpartei am Hofe ihren Einfluß
täglich vermehrte, mit ihrem Drang dem alleinseligmachenden Glauben zum
Sieg zu verhelfen, und der Abneigung gegen Kompromisse. In Hamburg und
London sagte man sich: es wird dem Herzog zu Friedland nichts nutzen zu
siegen, er wird sich mit dem kaiserlichen Hofe auseinandersetzen müssen --
oder der Hof wird es mit ihm tun; das Jahr wird die Absetzung des Herzogs
oder den Frieden bringen.
Einflußreiche Männer und Bürgerschaften großer Städte suchten sich der
verhängnisvollen Entwicklung entgegenzuwerfen. Fromme katholische Männer
Mitteldeutschlands, Bischöfe traten miteinander in Korrespondenz, faßten
den verwegenen Plan, dem Jesuitentreiben am Hofe das Wasser abzugraben.
Massenhaft Broschüren und Bilderbogen warfen sie unter das Volk, ließen sie
an die Söldner verteilen, schickten sie den Regenten und herrschenden
Körperschaften, Schriften, die Versöhnlichkeit atmeten, die Kriegsnot
beklagten, mit glühenden Worten die Verantwortlichen beschworen, das Reich
nicht das Letzte, den Satz des Kelches trinken zu lassen; das Verderben
stünde vor der Tür; es sei die Stunde, wo Beelzebub sich zum Triumph
anschicke. Die Bischöfe, die es wagten nach Wien zu reisen und die Väter
aufzusuchen, wurden von ihnen herzlich aufgenommen, darauf mit andeutenden
Worten der Tölpelei, des Micheltums geziehen. Vor der überlegenen Dialektik
der Väter wichen sie; ihre Wärme kam nicht auf neben dem sengenden Feuer
der Fanatiker; manche der Reisenden wurden in ihrer eigenen Auffassung
wankend. Die Jesuväter kannten nur dies Ziel: reiner Glauben; sie waren
schrecklich in ihrer Folgerichtigkeit, man konnte sie nicht von der Erde
wegleugnen, sie zogen betörend auf allen Wegen Menschen an sich,
Christentum ihre Parole: wie konnte man sich vor ihnen retten. An vielen
Orten vergruben sich die Kundigen: jammernd über Deutschland, auf dessen
Boden diese furchtbare Entscheidung gesucht werden sollte, und heimlich das
Land segnend, dessen Menschen in sich den Drang fühlten, diesen großen
Kampf auszutragen.
Träge erhob sich im Mai der Herzog aus Prag; prunkhaft wie früher: vierzehn
sechsspännige Galawagen, für ihn vierzig Hofkavaliere, hundertzwanzig
neulivrierte Diener; Packwagen; zehn Trompeter vorauf mit silbervergoldeten
Trompeten. Bei Königgrätz musterte er die Armada: sechzig Regimenter mit
vierhundertfünfundachtzig Kompagnien. Dann schob sich alles unversehens
ostwärts, nordostwärts; eine kleine Armee deckte das nordwestliche Böhmen.
Nach Schlesien schob sich die Armee, auf Glatz zu. Dort hielten Kaiserliche
unter Matthias Gallas, gegen eine feindliche Armee, der Kern Kursachsen,
von Hans Arnim von Boitzenburg kommandiert, bei ihm der weißköpfige
Böhmenführer Thurn, Oberst Düwall.
Stumm ruhte Friedland ihnen gegenüber. Laues Scharmützeln, Geplänkel.
Nach zehn Tagen unterschrieben Parlamentäre in Heidersdorf einen
Waffenstillstand.
Die ungeheure Maschine stand still.
* * * * *
Gellendes Gekreisch, vielstimmig, in Wien.
Sie bogen sich wie Weiden zusammen, schnellten pfeifend hoch. Da stand er,
stand, in Schlesien, ein Gigant an Kraft, zahllose Kompagnien, Massen von
Artillerie Munition, bezahlt aus den Steuern der gepreßten Stände, rückte
sich nicht, zuckte nicht, nicht einmal vor Schande über das, was geschah.
Es war bewiesen: er wollte nicht, ging eigene Wege. Ein Hundsfott Verräter
an allen Erbländern, an jedem Einzelnen, am Habsburger Hause, am Reich, am
katholischen Glauben. Man mußte ihn strafen, zwingen. Mußte ihm die Armee
wegnehmen. Es mußte ein neues Haupt über die Armee gesetzt werden. Der
Friedländer, der Erzschelm mußte weg.
Mit grenzenlosem Tosen erfüllten die Jesuväter die Ämter, liefen grade und
ungrade Wege, die Ruhe war aus ihren Konventen entfernt. Niemand unter
ihnen, der nicht blitzartig begriffen hätte, daß in Heidersdorf auch für
ihn die Würfel geworfen wurden: der Friedland mußte ihnen jetzt oder später
an den Leib. Es gab keinen Ausgleich zwischen ihm und ihnen. Wie er
dastand, der Koloß, entlarvt, war er ihnen scheuseliger und bedrohlicher
als Schweden und Sachsen und alle Protestierenden. Sprünge der Jesuiten in
ihrer Aufregung: sie suchten sich des Mannes zu versichern, der dem
Friedland die Beichte abnahm, aber es kam heraus, daß er keinen ständigen
Beichtvater hatte. Boten durch ihre Freunde im schlesischen Lager dem
Doktor Ströpenius, Wallensteins Arzt, Geld, große geistliche
Versprechungen, wenn er ihm die Sorgen der Kirche vorhielte und wie die
heilige Kirche in Gefahr schwebe. Erreichten nichts, als daß sie den
kleinen schon ängstlichen Arzt noch unsicherer vor dem Herzog machten und
daß er beim Beginn mit dem geistlichen Sermon ein heftiges Gelächter seines
Patienten auslöste.
Sie brandeten vor den Mann, den sie für den kompetentesten hielten, den
Präsidenten des Kriegsrates, Kollaltos Nachfolger, den plumpen Schlick. Der
wie ein Stier gläubig fragend sie anblickte. Er stimmte ihnen bei, es kam
kein Leben in ihn. Was er tun sollte; der Herzog werde Gründe angeben. --
Er muß herbeigezogen werden, es muß jemand ins Lager. -- Schmerzlich
runzelte sich die Stirn des Mannes in breite Querfalten: ihn herbeiziehen;
es könnte sein, daß er käme -- mit der gesamten Armee; sie durchschauten
die Verhältnisse nicht. -- Sie drangen tiefer in ihn; er wies sie reglos an
den Abt von Kremsmünster und Breuner, die Finanzkammer. Die sagten ihnen
vieles. Und mit dieser Beute zogen sie knirschend raschelnd ab, planend,
sich betäubend, aufstachelnd, begierig nicht nachzugeben, von neuem
ausschwärmend; fielen über die Herren des zivilen Hofstaates. Die wollten
sich nicht einreden lassen, daß sich der Herzog gegen Wien selbst wende,
wichen von den Vätern, die ihnen folgten. An die Herren des Geheimen Rates
wagten sich die Jesuiten nicht. Eisiges Schweigen um die Herren. Ein paar
böse Worte warf Fürst Eggenberg hin: er werde sich von den Vätern nicht das
Heft aus der Hand winden lassen.
Ein Schauern ging durch die kontinentalen Hauptstädte, als der Herzog
unbeweglich der sächsischen Armee gegenüber lag. Der Herzog hatte den Kampf
aufgenommen. Der letzte Akt des Stückes hatte begonnen.
* * * * *
In ganz loser Fühlung mit dem kaiserlichen Hofe hatte der Friedländer den
Feinden einen förmlichen Friedensvorschlag zugehen lassen. Er werde
verhandeln, hatte er nach Wien melden lassen, nicht was wie warum. Auf
diese erschütternde Selbständigkeit war niemand vorbereitet. Im Kirchlein
zu Heidersdorf Arnim begegnend enthüllte Wallenstein: die Feindseligkeiten
zwischen kursächsischem und kaiserlichem Heer sollen aufhören; beide werden
vereint die Waffen gegen den richten, der sich unterfange das Reich weiter
zu stören und die Religionsfreiheit zu hemmen. Sie saßen mit Trzka auf der
vordersten Kirchbank nebeneinander; Arnim machte Notizen auf seiner
Schreibtafel. »Der Herr Bruder sieht das Heer, das ich aus Prag mitgebracht
habe, und das des Feldmarschalls Gallas. Er weiß, wie es Sachsen im vorigen
Jahre ergangen ist. Ich kann ihn heute und morgen zerschlagen. Er kennt, da
er mein Freund ist, meine Meinung; daß ich zum Frieden kommen will. Der
Kaiser läßt sich von Pfaffen anführen.« Noch einmal: sich zusammenwerfen,
rasch und ohne Lärm; jeden fesseln, der Friedensverhandlungen widerstrebe.
Im Gespräch rührte Arnim mit keinem Wort an Friedlands Stellung zum Kaiser.
»Ich habe keine Lust,« sagte der Herzog, mit steifem Kreuz am
veilchenbestellten Marienaltar entlangschleichend, »nur einen Heller und
einen Soldaten noch für fremde Interessen zu opfern. Sagt der
Kurfürstlichen Durchlaucht in Sachsen und in Brandenburg: meine Vollmacht
ist ausreichend groß, ich tue kein Unrecht; ich habe gewußt, was ich
festsetzte, als ich mein Kommando übernahm.« Später wagte der Herzog einen
Vergleich mit dem Bernhard von Weimar: »Seit ich Reichsfürst bin und vor
dem Römischen Kaiser mich bedecke, bin ich selbstherrlich. Ich stehe dem
Reich bei, nicht mehr und nicht weniger als meinen Absichten entspricht.
Zwischen mir, Bernhard und dem Bayern, der dem König in Schweden
Neutralität angeboten hat, ist kein Unterschied, Hundsfott, wer mir das
bestreitet.« Auf diesen Punkt, erklärte Arnim, wolle er nicht eingehen.
Bei der Tafel an diesem Tage, zu der Arnim und der Oberst Düwall zugezogen
war, verfolgte Wallenstein noch zäh diesen Gedanken. Sowohl der schwedische
Oberst wie Arnim hatten, soweit sie bei der schallenden Trompetenmusik
verstehen konnten, den Eindruck, daß sich der Herzog festbiß in seiner Wut
auf den kaiserlichen Hof. Während die anderen den Luxus des herzoglichen
Tisches speisten, saß der Herzog selbst hinter gerösteten Semmeln,
bröckelte daran, schluckte mit angewiderter Miene einen Brunnen, den man
ihm eingoß. Er bohrte an dem schwachen Punkt der kaiserlichen Politik, die
habsburgischen Hausmachtinteressen; das Reich sei verfehlt konstruiert,
werde darum verfehlt regiert. Man soll offen sagen, ob man ihn mit dem
Titel eines Reichsfürsten zum Besten habe. Er werde wie ein Löwe um seine
Rechte kämpfen. Wenn es sein sollte, schlüge er sich auf schwedische Seite.
Der Oberst Düwall wurde beauftragt, den Herzog dem Bernhard von Weimar zu
empfehlen: »Ein forscher Herr; ich bedaure, daß er nicht bei mir ist.« Die
Obersten, die am Tische saßen, akklamierten dem Herzog lebhaft.
Arnim reiste nach Sachsen. Darauf lagen sich die Heere ruhig gegenüber,
aber es war ein. Beißen, Ringen, Niederdrücken. Sie verstärkten sich, bogen
sich, warfen sich herum, verschoben sich. Eine unruhige Bewegung machte das
sächsische Heer, schon riß sich Holk drohend los, mit seinen Reitern
hinfahrend auf Sachsen. Als gäbe es keine Verhandlungen, begann er das
Plündern und Morden. Diesmal brach die Pestilenz unter seinen Regimentern
aus. Vor Adorf verendete Holk selber mit tausenden seiner Leute. Der Herzog
stöhnte eine Woche, der Tote war sein Liebling, er fluchte auf den Krieg.
Heftiger drückte er auf das sächsische Heer.
Breslau war nicht weit; da sollten gute Astrologen hausen. Zenno wurde aus
Gitschin berufen; welche Chancen man für bestimmte Eventualitäten im
Augenblick oder bald danach hätte; er sollte sich mit den Breslauern in
Verbindung setzen. Eine Woche war Zeit für Berechnungen.
Zenno kam ins Lager zurück mit einem der Sterndeuter, der unter dem Merkur
geboren schien: ziegenäugig, schwärzlich, schlank. Mit dünner Stimme
berichtete der: der unheildrohende Saturn sei eben im Eintritt in das Haus
der Zwillinge begriffen; die Situation war für Maßnahmen nicht schlecht, da
der Stern zum Horoskop in keinem wirksamen Aspekt stand; sie sei auch nicht
einladend.
Im letzten Augenblick schlug der Herzog, durch das wochenlange Warten auf
Arnim aufs höchste gereizt, eine Verbindung zu Oxenstirn, den er um einen
Unterhändler bat. Es traf ein Generalwachtmeister ein, mit dem er allerhand
vor dem offenen Feldlager besprach; er wollte die Sachsen in die Zange
nehmen. Um die Vertraulichkeit der Verhandlungen zu erhöhen fuhr der Herzog
mit dem Unterhändler, der von Haus ein böhmischer Emigrant war, nach
Gitschin. Keine Ruhe werde im Reich herrschen, solange Habsburg regiere,
erklärte der schwedische Sendling. Der Herzog warnte vor dem Wankelmut
Sachsens; er werde Sachsen Geld schwitzen lassen, wenn es sich nicht dem
friedlichen Ansinnen füge. Zurück mit dem Unterhändler nach Nimptsch
kehrend, ließ er sich von ihm um den Mund gehen mit Versprechungen der
Krone Böhmens.
Der Sommer ging schon um. Da schleppte sich müde und langsam Arnim mit
seinem Trompeter an. Der Herzog saß im Nimptscher Schlosse. Arnim bat ihn
viel um Entschuldigung, klagte über den lauen Mut der beiden Höfe.
Friedland gab grollend und böse lachend zurück, also man traue ihm nicht,
er solle erst Beweise bringen. Er dem Sachsen. Ob er das nötig hätte. Wer
ihn gezwungen hätte hier in Schlesien Monat um Monat still zu halten. Sei
ihnen das nicht als Beweis erschienen. Er forschte Arnim stärker aus. Er
bekam es fertig den Sachsen den Tod seines Holk in die Schuhe zu schieben.
Während der Unterhaltung kam der Herzog erst allmählich dazu, die Tragweite
der Antwort zu überblicken. Die Evangelischen hofften noch auf einen Sieg
Schwedens. Die Evangelischen waren wie die Jesuiten; sie hatten es mit
ihrem Glauben zu tun. Blödsinnige Kinder; die Eselsköpfe. Die Evangelischen
waren noch nicht reif, sie waren zu stolz. Plötzlich faßte er den
Feldmarschall am Wehrgehenk, stierte ihn an: so wollten sie zusammen ihr
Geschäft abmachen. Es sollte nicht gegen den Kaiser gehen, dem wolle man
Zeit geben, sich zu besinnen; aber gegen die Schweden. Gleichviel gegen wen
von ihnen: Düwall, Thurn oder wen. Arnim konnte sich knapp aus dem Schloß
retten. Friedland verlangte tollwütig Antwort in vierundzwanzig Stunden.
Und hinterher ein friedländisches Ultimatum durch einen Oberst: »Die
Schweden werden in drei Tagen angegriffen oder vom Heer des Herrn Bruders
bleibt nicht ein Mann neben dem andern.« Dicht bei Strehlen auf dem Wege zu
seinem Lager war Arnim in Gefahr von Kroaten gefangengenommen zu werden;
der Herzog hatte sie hinter ihm hergeschickt. Der Küster in Strehlen auf
seinem Dache mit dem Ausnehmen von Taubennestern beschäftigt sah den
Schwarm, gab durch Steinwürfe vom Turm herab dem Feldmarschall und seinem
Trompeter Winke; sie entkamen.
Das friedländische Heer war im Augenblick losgebrochen. Graf Gallas auf
Sachsen, Arnim hinterdrein. Wallenstein schob sich nach, bei Goldenberg
warf er die Kroaten unter Isolani nach Sachsen, schwenkte nach Osten,
packte, auf die Oder zugehend das Schwedenlager des Grafen Thurn an,
siebzig Kanonen auf das Lager richtend; sechstausend Mann ergaben sich,
traten in seinen Dienst, Thurn und Düwall hatte er in Händen. Thurn gab er
frei, Düwall ließ er entkommen. Glogau Krossen fielen. Zurück von der Oder
auf die Lausitz hin; Görlitz geplündert, Bautzen. Nach Brandenburg das
Heer; Frankfurt ohne Schwertstreich besetzt, Landsberg, bis Pommern
Kroaten. Wallenstein stand vor Dresden.
Bernhard von Weimar mit dem Schweden lag in seiner Flanke. Vorbei, in
Friedlands Rücken brauste er.
Und dann die Schweden wie von einer abschüssigen Ebene gegen die Donau
vorrollend, Regensburg angegriffen, erobert, Bayern bedroht, die Erblande
in Gefahr.
Verblüfftes Stocken, Schnüffeln des Herzogs. Er ließ Sachsen los. In zehn
Sturmtagen marschierte er von Leitmeritz über Rackenitz Pilsen auf Fürth.
Zuletzt war er langsamer geworden, in Fürth stand er, mürrisch, sich
besinnend. Er griff den Schweden nicht an.
Wortlos machte er Kehrt. Das Jahr war vorgerückt. Nach Böhmen ging er in
Winterquartiere.
* * * * *
Keiner wußte, was das war.
Sechs ein halb Regimenter zu Fuß, dreizehn zu Pferde hatte der Bayer, dazu
im letzten Augenblick Truppen des Aldringen, die aber auf Befehl des
Generalissimus nichts riskieren durften. Die Schweden hingen, wieder und
wieder die Schweden, wie Schmeißfliegen an faulem Fleisch an seinem
unglücklichen Land. Maximilian schrie nach Wallenstein. Es entspannen sich
beispiellose Szenen in Braunau, wohin er wieder floh, der Kurfürst
beschuldigte seine Räte Geschäftsträger des Verrats, der Faulheit. Er hätte
durch sie jeden Einfluß auf die Wiener Hofkreise verloren. Wie hätte er
dagestanden vor einigen Jahren, Wien hätte gezittert vor München, die
Mißlaune des bayrischen Gesandten wäre ein politisches Ereignis gewesen,
Verträge hatte er mit dem Kaiser gemacht, die ihm, ihm die Oberhand
gewährten. Als Böhmen abfiel, die Dänen sich zeigten, immer hieß es: die
Liga, Bayern. Jetzt Flennen Kriechen Speichellecken.
Gerüchte über Revolten bei den bayrischen Landfahnen traten auf, die sich
bestätigten; Hinrichtungen in der Zahl von sechshundert setzte der Kurfürst
an. Eines Freitag mittags meldete ihm der verzagte schneeweiße Marchese
Pallavicino, sein Kämmerer, die dringliche Audienzbitte einiger Herren vom
Landschaftshaus. Es erschienen vom großen Ausschuß Valentin von Selbitz,
Hugo Beer, Rieter von Kornburg, Hans Hundt. Sie könnten nicht durchhalten,
furchtbares Unglück breche über sie her, sie müßten allesamt verderben. Er
ließ sie nicht weiterreden, fragte, wer sie seien. Und rief dann, sich vom
Sessel erhebend, gegen die Tür: man solle den Abt von Tegernsee, von
Metten, den Propst von Vilshofen, die Dekane hereinlassen. Die Herren erst
stumm, dann wispernd einige, während sich in Maximilians Gesicht nichts
verzog: es sei niemand mehr da. Aufstampfend der Kurfürst in Ungeduld und
Erregung: man möchte nachsehen, auf den Gängen, auf dem Hof. Ging, während
sie zurücktraten, rasch hinaus; höflich zu den Verwunderten: sie möchten
sich gedulden, er würde gleich wiederkommen. Nach knapp einer Viertelstunde
stand er vor dem Sessel, blickte unter die Herren, zischte sehr leise:
»Nein, nein.« Seine Augen halb geschlossen, der Mund verzerrt. Wer sie
seien. -- Vertreter der Vierundsechzig. »Ihr seid der Landschaftsausschuß
und Ihr da und Ihr da? Wer ist die Landschaft von Euch? Wer hat Euch
zusammenberufen?« Er hielt ihr Audienzgesuch in den zitternden nassen
Händen: »Ihr seid nicht die Landschaft. Ihr seid der Herr Hundt und der
Herr Kornburg, Selbitz. Ihr habt die Form zu wahren. Ihr habt nicht meine
Verordnungen mit Füßen zu treten. Ich bin es, der die Landschaft beruft.
Meine Berufung, wo habt Ihr sie, Herr Hundt, Herr Selbitz, Ihr.« Er rief
sie in steigender Wut, wie sie wachsbleich vor ihm zurückwichen, bei Namen.
»Es ist nichts da,« schrie er, »Kämmerer, Signor Pallavicino, die Herren
haben Euch belogen. Das soll die Landschaft sein, es sind Lügner. Jagt sie
fort, sperrt sie ein.« Pallavicino öffnete mit kläglichem Lächeln die Tür;
Leibwache mit Musketen rissen die Herren, die keinen Ton von sich gaben,
auf den Flur.
Er drohte offen nach Wien, jetzt nicht mit den Franzosen, sondern daß ihm
die Verzweiflung gebiete, alles auf eine Karte zu setzen. Entscheide man
sich dort nicht rasch, setze er seine ganze Armee in Bewegung -- gegen
Wien. Mit den Schweden.
Dazwischen gellten seine Briefe mit dem trostlosen Geheul: er sei im Stich
gelassen von dem Kaiser, werde verraten.
Da nahm Kuttner, zitternd im Gedanken an das Gesicht Maximilians, unfähig
der Aufforderung nach Braunau zu folgen, dem hilflosen Leuker die Führung
aus der Hand. Neben Kuttner ging der schöne aufgeblühte vergnügte Slawata,
die Augen wenig aufgeschlagen, den Arm des Jünglings umschlingend. Die
blonden Haare schaukelten dem Bayern in den Nacken; sie standen im
Wintergarten von Slawatas Quartier. Kuttner mit dem Degen im Kies spielend
dachte an den Zwerg Maximilians und seinen Zweikampf mit dem Storch: »Ich
soll mich ekeln«, sagte Maximilian. Slawata setzte sich auf eine Bank:
»Ihr werdet nichts schaffen mit euren Petitionen Querellen und Deputationen
beim Römischen Kaiser und seinen Räten. Bin ich doch selber ein Rat, will
Euer besonderer Bayrischer, Kuttnerscher sein. Der Kaiser ist weit. Ich
weiß nicht wie weit. Wir hatten uns geeint, daß Karthago zerstört werden
muß. Unsere Ratssitzung kann beginnen, oder seid Ihr zerstreut?« Von der
Seite her über die lange weiße Nase kamen große leicht sentimentale Blicke
zu ihm: »Die Sitzung kann beginnen. Ich dachte an meinen gnädigen Herrn,
wie schuldlos er dieses Unglück trägt.« »Da, seht Ihr, Karthago nicht im
Augenblick zerstört werden kann, ist es gut, Karthago zu schwächen und uns
zu stärken. Laßt nur euren Degen; denkt nicht an München und doch mehr an
München; gehen wir. Habt Ihr Durst? Uns kommen die spanischen Wünsche
genehm. Wir haben seit lange geplant, uns der Spanier zu bedienen, wenn sie
einmal von Mailand heraufkommen wollen. Ihr werdet mitmachen müssen.« »Was
könnten wir tun?« »Mitmachen; ich sagte schon. Denkt an München. Träumt
nicht davon, Kuttner. Habt Ihr mir wirklich zugehört? Ich sagte: Spanier
kommen von Mailand herauf, oder sie wollen, sie möchten gern. Sie wollen
nach den Niederlanden. Sie haben nichts Böses gegen Bayern. Der Herzog zu
Friedland will sie aber nicht dulden, er will sie nicht auf dem
Kriegsschauplatz, auch nicht für den Durchzug; sie sollen sich eben ihm
unterstellen. Ihr seht, Kuttner, Kompetenzschwierigkeiten, Eifersucht,
Ehrgeiz: das alte Lied.« Kuttner lächelte: »Vielleicht fürchtet Friedland
die Spanier für sein Spiel, von diesem Rivalitätsstreit wird mein Kurfürst
nicht satt.« »Nun also setzt Euch dahinter, daß ihm der Braten mundet. Er
muß erst angerichtet werden. Wenn man Karthago zerstören will, braucht man
nichts als Feuer und Holzscheite. Diese Speise erfordert Geschicklichkeit,
Talente. Nicht zu große. Sagt etwa: Ihr schert Euch nicht um Habsburg. Ihr
hättet vor eigenen Schmerzen keine Neigung zur Rücksichtnahme auf Wien. Ich
hab' doch übrigens gehört, die Briefe Eures Herrn seien auf diesen Ton
gestimmt. Auf einen schlimmen Ton; Fürst Eggenberg klagte; er sagte, der
Bayer ginge schon fast zu weit. Nun wollen wir auf keinen Fall den Spanier
hier haben, wir dürfen ihn nicht wollen; es ist uns gleich, es muß uns als
kaiserlichen Räten pflichtgemäß gleich sein, ob ein Infant oder der
Mailänder Gouverneur kommandiert. Wir sind nun einmal an unsern Herzog zu
Friedland gebunden. Wir dürfen ihm nicht die Laune verderben.« »Es ist ein
Elend. Warum greift Ihr nicht durch.« »Seht Ihr. Ich bin so schlau: ich bin
kaiserlicher Rat; das sollt Ihr für mich tun, das Durchgreifen. Mir sind
die Hände gebunden.« »Ihr habt ihn doch angestellt. Ich bitte Euch, Graf
Slawata.« »Wir haben ihn angestellt, er hat uns angestellt; wir kommen
damit nicht weiter. Ihr paßt jetzt übrigens lobenswert auf, mein
zerstreuter Kavalier.«
Kuttner stellte sich dem Grafen Slawata gegenüber auf, stützte sich mit
beiden Händen auf den Degen, seine rotseidenen Ärmel fielen über den
Degenknauf, er lachte offen dem Böhmen ins Gesicht: »Meinen Segen zu Eurem
Plan. Wir sollen die Spanier rufen. Ihr werdet dazu schweigen. Die werden
kommen, und wir werden Krieg führen nach hinten mit den Schweden, nach vorn
mit Wallenstein, nach links mit den Sachsen. Habt Ihr guten Weizen auf
Eurer Mühle.« »Einem jungen Menschen steht Lachen immer gut. Wer Euch
lachen hört, wird nie Euer Feind sein.«
Er führte den feingesichtigen Mann vor eine junge Zypresse, die hinter
einer Marmorbank aus einem riesigen Kübel im schwarzen Erdboden wuchs:
»Kennt Ihr meine junge Zypresse. Ich habe sie so lieb wie ein Hündchen. Was
glaubt Ihr, wie sie gepflegt werden muß. Wir setzen uns hier. Wenn man
einen jungen Samen pflanzt, wird man ihn nicht bald verlassen. Wenn man
einen jungen Gedanken pflegt, wird man ihn nicht bald hinfallen lassen. Der
Weizen auf meiner Mühle ist nicht schlecht, wollt ihn mir herzhaft kosten.«
»Graf Slawata, Ihr meint es gut mit mir. Ihr seid uns Bayern hold, der
Kurfürst sprach gut von Euch, Leuker lobt Euch, sooft ich ihn sehe. Darauf
können wir aber nicht beißen. Der Herzog ist uns jetzt wenigstens der Form
nach Freund. So bekommen wir ihn zum Feind und sind dann wirklich verloren.
Ihr, Ihr und Ihr seid unsere Hilfe. Er ist Euer General. Wir sind Eure
Verbündeten.« »So kostet doch erst meinen Weizen. Ihr sollt den Spanier
verlangen. Ihr sollt es tun, wenn es sein muß, über unseren Kopf weg. Was
denkt Ihr denn, junger Kavalier, was wir tun? Ihr meintet schweigen. Das
ist schon möglich. Der Herzog zu Friedland hielt das immer für besser, den
Menschen auf die Faust statt auf das Maul zu sehen.« »Ihr würdet also --«
»Den Mund halten. Zum wenigsten. Gewiß.«
Sie blickten sich lange still an; ihre Blicke wiegten sich. »Denkt an meine
Zypresse«, fing der Graf an. »Wenn man einen Gedanken pflanzt, läßt man ihn
nicht bald vergehen. Ihr seid in Not. Wie Ihr in Not seid, wißt Ihr selbst.
Ihr könnt tun, was Euch einfällt. Ich weiß, Eggenberg und Trautmannsdorf
denken nicht anders. Keiner darf das Euch jetzt verwehren. Der Spanier
wartet auf eine deutsche Einladung.« »Wißt Ihr das sicher?« Slawata
lächelte fein: »Ich habe mich orientiert. Ihr könnt jeden Gebrauch von
Eurer Entschlußfreiheit machen. Wir werden Euch jedenfalls nicht hindern.«
Ein breitkrämpiger brauner Samthut saß auf Kuttners langsträhnigem
Blondhaar weit in der Stirn. Vom linken Krämpenrand hing ein goldener Stern
mit einer Kugel, gegen die die angehobene linke Hand rhythmisch mit den
Fingerkuppen schlug. Er träumte wieder; mit schmerzlicher Weite des
seitwärts gedrehten Blicks traf er den dunklen Böhmen: »Die Spanier sind
fromme Katholiken; sie werden meinen gnädigen Herrn verstehen, wenn er sie
um Hilfe bittet.« »Denkt in welcher Lage Ihr seid. Wißt,« er näherte sich
flüsternd dem Kopf des andern, »wir warten auf Euch.« »Wieder? Wieder auf
Bayern?« Das Gesicht des jungen leuchtete auf. »Seht Ihr«, flüsterte
Slawata.
In seinem roten Wams mit den losen Purpurhosen, die weiße Spitzen trugen,
beugte der schlanke Bayer vor ihm ein Knie: »Wenn Ihr meinem gnädigen Herrn
beistehen wollt.« »Wir werden Euch nicht verlassen.«
* * * * *
Der Bericht des Herzogs Feria, Mailänder Gouverneurs der Spanier, gelangte
gleichzeitig an den Hofkriegsratpräsidenten, den Grafen Schlick, den
Fürsten Eggenberg und den Botschafter Ognate. Der Mailänder meldete: ihm
seien durch besondere Bevollmächtigte des Bundesobersten der Liga
Nachrichten zugekommen, die erkennen ließen, daß dieser um die gemeinsame
Sache so hochverdiente Fürst in die äußerste Kriegsnot geraten ist.
Angewiesen auf eine Truppe von nur wenig Regimentern, unterstützt von nicht
kampfbereiten kaiserlichen Regimentern unter der Führung seiner Liebden,
des Generalwachtmeisters Aldringen sehe sich die Liga der gesamten
Heeresmacht der Schweden gegenüber. Und dies zu einer Zeit, wo es im
bayrischen Lande gäre, wo die rheinischen Hilfsquellen der Liga durch
feindliche Besetzung verstopft seien und der kaiserliche
Generalfeldhauptmann Friedland sich mit seiner gesamten Armee in Böhmen
eingeschlossen habe. Bei Erwägung dieser Sachlage und seiner eigenen
zugekommenen Nachrichten, die ihm vom deutschen Kriegsschauplatz geworden
seien, käme er zu dem Schluß, daß es in naher Zeit sowohl um die
kaiserliche wie die gemeinsame Sache bänglich bestellt sei. Weswegen mit
der Herrüstung des geeigneten Widerstandes nicht gar so lange gefackelt
werden dürfe. Er, der Herzog Feria, sei nun, wie dort bewußt, gemäß
erteiltem Befehl der Spanischen Majestät längst im Begriff und im Zuge, in
das Römische Reich aufzubrechen, um Truppenkörper nach den Niederlanden zu
überführen, wo die Infantin Isabella Hoheit auf den Tod daniederliege und
tägliches Ableben zu gewärtigen sei. Begehre er selbst und schlage vor, der
dortigen Not Abhilfe zu tun mit seinen spanischen und italienischen
Regimentern. Er beschrieb dann noch den Weg, den er nunmehr sogleich
einzuschlagen gedachte, endete nicht, ohne vorher auf die eingetretenen und
voraussichtlichen Schwierigkeiten der Befehlsgewalt hinzuweisen, die seiner
Tätigkeit Eintrag tun könnten und die behoben werden müßten.
»Ich habe es meinem gnädigen Herrn geraten,« jubelte Kuttner, die beiden
Hände Slawatas pressend, »Doktor Leuker war nur zaghaft dabei. Ihr laßt
mich nicht im Stich.« »Ihr werdet alles von mir erfahren, was Ihr braucht,
meine junge Zypresse.«
In den dunklen Korridoren der Burg drängte sich der Graf Slawata mit den
Vätern der Jesugesellschaft, die den Grafen Schlick täglich heimsuchten,
ihren Affilierten: er solle entschlossen den Friedländer anfassen. Den
Grafen Slawata widerten die Jesuiten an; es war ihm zuwider, daß sie sich
an Wallenstein, seinem Wallenstein vergriffen; er ließ sich mit ihnen in
keine Gespräche ein. Sie sahen ihn süß vertraut an; er ekelte sich, dachte
oft die Angelegenheit fallen zu lassen, aber immer wieder wurde er von
einer schwebenden Bewegung in sich veranlaßt nachzugeben. Er hatte das
Gefühl, diese Sache zu Ende bringen zu müssen, dazu vorbestimmt zu sein; er
suchte sich ihr zu entziehen, sie fiel ihn wieder an, es war ein Spiel
zwischen ihm und der Sache, er war daran verloren. Lächelnd ging er zum
Grafen Schlick, dachte, wie sonderbar einfach es sei, ein Werkzeug der
Fügung zu sein und daß er eigentlich nichts mit Wallenstein zu tun habe.
Schlick, der Papist, schwer und träge in seinem Stuhl, erklärte, er könne
das Vorgehen Spaniens nicht verhindern. Der graue Mann schien es dann für
einen wertvollen eigenen Einfall zu halten, daß man die Situation gegen den
Herzog ausnützen könne.
Die einsetzende geheime Ratsdebatte legte die Schwierigkeit der Situation
und die Zerrissenheit der Auffassung bloß. Questenberg wollte empört über
Bayern fallen. »Da Bayern offenbar hinterrücks den Spanier gerufen hat,
soll man gegen Bayern verfahren. Es ist ein unerhörtes Vorgehen,
beleidigend gegen das Kaiserhaus im Äußersten. Es grenzt an Verrat.
Freilich ist man es von Bayern gewohnt.« Was er also gegen Bayern tun
wolle. »Wir haben einen Generalfeldhauptmann; der Spanier hat sich ihm
sogleich zu unterstellen und seine Befehle entgegenzunehmen. Dies müssen
wir anordnen.« »Ja, wir können es anordnen«, lächelte Trautmannsdorf.
Schlick: »Möglicherweise müssen wir es sogar anordnen, denn es steht in
seinem Vertrag, im Vertrag des Herzogs.« Eggenberg: »So wäre ja alles in
bester Ordnung. Wir sind uns einig, daß angeordnet werden muß, der
Mailänder Gouverneur mit seiner Armee unterstellt sich dem Befehl
Friedlands.« Questenberg unterstrich das Verlangen durch Wiederholung.
Schlick nickte gleichmütig. Slawata und Trautmannsdorf, die beiden, die
gern miteinander plauderten, tauschten Blicke, lächelten. Plötzlich wie auf
Signal, sahen sie voneinander weg. Gähnend meinte Schlick, er werde das
Schreiben, welches ihren Standpunkt charakterisiere, gleich verfassen;
bliebe nur die Frage, wer sich zur Überbringung des Briefes und mündlichen
Diskussion mit Friedland bereit erkläre. Alle fixierten Questenberg.
Plötzlich war der durch die Einhelligkeit unsicher geworden; er blickte zur
Erde, suchte nach Worten; er wolle natürlich gern den Auftrag übernehmen;
wozu aber übrigens -- das schloß er nach überlegender Pause an -- wozu eine
mündliche Diskussion da noch benötigt werde, der Brief werde doch wohl rund
und nett den hier vorgetragenen Standpunkt wiedergeben; ein Kurier könne
dasselbe tun. Trautmannsdorf vorsichtig sanft vor Questenberg; nicht doch,
ein Kurier, das sei nicht besser als ein Bote, ein Mensch, der nichts weiß,
nichts hört, nichts spricht; und der Herzog wird fragen; er zweifle nicht,
daß Friedland wird fragen wollen. -- Was denn. -- Etwa, wie sich der Hof
dazu stelle. -- Nun, das sei doch einfach; der Brief ist darin doch von
genügender Deutlichkeit; der Hof verlangt völlige Unterstellung des
Mailänders unter Friedland. -- Eifrig bestätigte das Trautmannsdorf;
plötzlich fing er wieder einen Blick Slawatas auf, er fragte: »Warum
lächelt Ihr mich an, Slawata?« »Weil Ihr so eifrig seid. Ich sehe, Ihr seid
selbst noch immer so bequem wie früher.« Eggenberg und Schlick hörten
schweigend die Debatte an.
Da fühlte sich der etwas verwirrte, sogar bestürzte Questenberg genötigt,
sich an jeden einzelnen zu wenden und ihn zu fragen, ob es denn nun so wäre
wie man besprochen habe und wo denn da eine Schwierigkeit zu erwarten sei.
Wie dieses Wort fiel, »Schwierigkeit«, und wie Questenberg so fragte, wurde
es ernst und streng in der Kammer. Fest erklärte Schlick: »In dieser
Hinsicht habt Ihr den Friedländer darüber aufzuklären, daß er unsere
einzige Stütze sei und daß wir keine Machtmittel besitzen den Mailänder zu
zwingen, falls der etwa, wie es scheint, seiner Wege gehen will.« »Es
versteht sich auch von selbst,« fuhr Eggenberg feindselig fort, »daß wir
ohnmächtig den Bestrebungen Bayerns gegenüberstehen, sich ausländische
Hilfe zu verschaffen. Es liegt bei Bayern ebenso wie bei den rheinischen
Städten: wir können ihnen nicht helfen, wir dürfen ihnen darum auch nicht
einmal böse sein, wenn sie sich selbst nach Hilfe umsehen. Immerhin könnt
Ihr in diesem Zusammenhang dem Friedland bemerken, daß die Schuld an dem
Auftreten Bayerns auf ihn selbst falle. Denn er war auch gedacht als Schutz
für Bayern; er ist der Befehlshaber eines Reichsheeres.« Fade lächelte
Questenberg: »Ich glaube, ich werde das nicht so sagen.« »So sagt es
anders. Aber irgendwann wird einmal unser Standpunkt hervortreten müssen,
Ihr werdet da nicht herumkommen. Was tut denn jetzt Friedland, was hat er
im Sommer getan, wofür sind unsere eigenen Steuerquellen in Anspruch
genommen worden? Die Herren wissen alle, daß ich kein Fürsprecher
bayrischer Politik bin. Nicht von mir hat Maximilian den Kurhut erhalten;
aber jetzt haben wir mehr als zurückgezahlt an ihn. Wir fangen alle an, uns
des Kurfürsten Maximilian zu erbarmen.« »Ihr werdet mir noch einen mitgeben
müssen; es wird sich leichter verhandeln lassen.« Eggenberg,
herumspazierend, überhörte ihn; er redete laut und scharf: »Wir reden gewiß
davon, was uns eigentlich selbst mit all dem von Friedland geschehen ist.
Wie uns dies ins Herz schneiden muß, daß ungefragt, ungebeten eine
spanische Truppenmacht sich in Bewegung setzt und ins Reich eindringt. So
gräßlich liegt das Reich und Habsburg danieder. Wir sind machtlos gegen
Friedland, wir wissen es selbst. Er soll es aber nicht bis zum Äußersten
treiben. So machtlos sind wir hier nicht, daß wir uns widerstandslos
ergeben.« Dröhnend fiel Schlick ein: »Ich billige ganz, was Ihr sagt, Fürst
Eggenberg. Ich werde den Herrn von Questenberg in das Lager Friedlands
begleiten. Wir sind nicht so machtlos, daß wir schweigen müssen.«
Trautmannsdorf bat, die Augen leuchtend, um die Erlaubnis reden zu dürfen:
was man mit alledem denn vorhabe, worauf es hinausginge. Schlick übernahm
die Antwort: »Wir haben es über zu schweigen. Wir haben es nicht nötig zu
schweigen.« »Ihr habt es nicht nötig?« »Nein, Euer Liebden. Wenn es sein
muß, haben wir Bayern und Spanien mit uns. Wir werden uns auch des
Friedlands erwehren können, nachdem wir mit Böhmen und anderen fertig
geworden sind.«
Zurückweichend pfiff der verwachsene Graf: »Also Kampf.« »Nein,
Entscheidung. Kampf haben wir seit zwei Jahren.« Betroffen Trautmannsdorf,
sich einen Sitzplatz suchend: »Verzeiht, wenn ich Euch in Anspruch nehme.
Ihr redet von einem Mann, den ich verehren gelernt habe. So rasch lerne ich
nicht um. So rasch hab' ich mir das alles nicht gedacht. Ihr zeigt mir
gütigst die Notwendigkeit, diese sogenannte Entscheidung zu suchen.« Schwer
über sich hängend Schlick, aus großen schlaffen Augensäcken um sich
blickend, den Stuhl erdrückend: »Ich sag' Euch gern meine Meinung. Ich
halte Friedland für einen Verräter. Er ist nicht besser als Bernhard von
Weimar, aber schlauer.« Trautmannsdorf lachte, er saß, ihm war schwindlig:
»Das sagen die Jesuväter auch. Sie predigen es schon lange. Was ist damit
gesagt.« Eggenberg leise, unterbrechend: »Ich halte ihn nicht für einen
Verräter. Er ist uns aber gefährlich. Er muß sich entscheiden.« »Tut das
nicht«, bat Trautmannsdorf. »Was?« fragte fast zärtlich Eggenberg neben
ihm. »Schickt jedenfalls nur Questenberg allein. Graf Schlick bleibt besser
hier. Was soll bei alledem herauskommen.« Schlick: »Wir werden Klarheit
finden.« »Und,« bettelte Trautmannsdorf, »Ihr werdet durch Euer Auftreten
Klarheit in ganz falscher Richtung schaffen. Klarheit, die ohne Euch gar
nicht so geworden wäre.«
Sie kamen dann, da Schlick nicht nachgab, überein, Schlick dem Questenberg
beizugeben und sie beide zu verpflichten, nicht über eine Aufklärung
hinauszugehen. Zuletzt entschied man sich noch, an den Herzog schriftlich
mitzugeben, was etwa erforderlich sei, und mit der Reise in das Pilsener
Lager noch etwas, jedoch nicht gar so lange zu zögern. Man wollte erst
warten, ob es Ernst war mit dem Anmarsch der Spanier.
Schwebend ging Slawata hinaus, an Trautmannsdorf hängend. »Was meint Ihr,«
fragte der Böhme, »Ihr weint ja fast. Der Herzog lebt noch. Er ist noch
nicht tot.« »Sie werden ihn umbringen. Sie wollen ihn beseitigen. Graf
Schlick ist kein Mensch. Er ist ein Untier. Es wäre besser, Friedland
regiere hier, ganz, schrankenlos, und nichts bewegte sich gegen ihn.«
»Meint Ihr,« seufzte Slawata und hing dem Gedanken träumerisch nach, »warum
wollen wir so Unmögliches bedenken. Es schickt sich in der Tat alles gegen
Friedland. Es hat etwas Elementares an sich.« »Slawata, Ihr seid mein
Freund,« Trautmannsdorf wandte sich plötzlich an den anderen, »wollen wir
uns zusammentun. Wir wollen dem Herzog helfen. Ich kann es nicht mit
ansehen. Seit Monaten geht es so gegen ihn, Schlick hat alles in der Hand,
Eggenberg sagt nicht nein, der Weg ist fast schon vorgezeichnet.« Ein
glückliches Gefühl ging durch Slawata; es war so schön, was der andere
vorschlug; kurios war es, daß grade ihm dieser Antrag wurde, aber warum
sollte er nicht einmal dem Herzog helfen, helfen, ihn retten. In ihm
winselte, zwitscherte es: ich will mit dem Grafen dem Herzog helfen, wir
spielen zusammen mit ihm, ich muß ihn doch beseitigen.
Und erst in diesem Augenblick war ihm flammend klar und durchrieselte ihn
mit Wonne und Seligkeit, daß er wahrhaft vorhatte, den Herzog zu töten.
Riesenhoch lohte es durch ihn: ich will ihn töten, er labte sich an dem
Feuer, wuchs stolz daran hoch.
Voll Dank drückte er dem kleinen Grafen den Arm; ihm sei nichts Lieberes
begegnet den Tag als dieses Wort des Grafen Trautmannsdorf, man solle den
Herzog nicht dem Grafen Schlick überlassen; nein sie wollten sich selbst an
ihn heranmachen. Trautmannsdorf starrte ihn an; Slawata in seiner halben
Berauschtheit merkte es erst spät: »Was stiert Ihr so.« »Wir wollen uns
selbst an ihn heranmachen.« Slawata sah ihn an; das hatte sein Mund gesagt,
er erinnerte sich nicht; was tat sein Mund. Launisch, gefaßt lachte er: »So
will ich meinen Mund schlagen, der sich auf eigene Füße stellen will. Was
sagte er. Er ist ein Kalb. Ich möchte mich an den Herzog heranmachen, ihm
die Gefahren schildern, ihn führen.« »Das will ich doch so gern. Wollen wir
ihm helfen.«
Und Slawata sog den aufrichtigen Schmerz und die Sorge des andern wie einen
starken leidenschaftlichen Geruch ein.
Wie er vor seinem Schreibkabinett saß, schrieb er. Er teilte dem Friedland
die Machenschaften am Hofe mit, daß Schlick mit den Jesuiten den Ton
angebe, Eggenberg aus Angst mitmache; daß viele gegen ihn seien; bald werde
Schlick und Questenberg ihn zur Rede stellen; wichtige Personen am Hofe
hätten ihn im Verdacht des Verrats, wichtige entscheidende Personen. Er
überlegte sich nicht einmal, als er dies schrieb, wie er seine Teilnahme
für den Herzog begründen sollte und was der Herzog dazu sagen würde.
* * * * *
Der Kaiser hielt sich in der Burg auf. Er beobachtete mit argwöhnischen
Mienen, was um ihn vorging. Ein sonderbares Vibrieren hatte noch in
Wolkersdorf in ihm begonnen. Es trieb ihn seine Umgebung zu beschnüffeln.
Man hatte ihm von den Befürchtungen um Friedland berichtet: das waren
dieselben Worte, die sie zu ihm gesprochen hatten, ehe man ihm das
Generalat übertrug. Der Schwede war hin, jetzt mußte man auf der Hut vor
dem General sein. Sie sagten es. Er gab die Jagden auf. Eine Beängstigung
Befremdung wuchs in ihm. Er verschwieg sich, daß er vor den Heiligenbildern
und Kruzifixen nicht stillstehen konnte, daß er gepeinigt davon
fortgetrieben wurde. Er wollte fort aus Wolkersdorf. Er war eines Morgens
fast nach Wien geflohen. Er verlangte bald den, bald den Herrn zu sich zum
Vortrag. Sein Geheimsekretär wurde von ihm herumgeschickt, dann befragte er
ihn ruhelos. Etwas Ängstliches hielt ihn neuerlich in der Burg fest. Mit
Widerwillen Widerstreben verharrte er. Die Kaiserin, die fast ein
Witwendasein in tiefer Religiosität abgeschlossen in ihrem Flügel führte,
kam näher an ihn. Sie tauschten Worte über einige Ordensdinge. Sie war
beglückt, daß er nun selbst Schmerz über diesen Wallenstein empfand und
damit rang; auch zu ihr waren diese Dinge gekommen durch ihren Beichtvater;
auf den Kaiser zu wirken hatte sie aber abgelehnt. In ihr zuckte es wieder,
sich ganz neben ihn zu stellen; die Trauer um Mantua lichtete sich etwas;
der Mann neben ihr sah gequält aus.
Plötzlich bemerkte sie, daß je mehr sie sich änderte, er von ihr abwich. Er
erstaunte über sie; er fühlte: sie bemerkte, daß er den Halt verlor; sie
wollte ihm helfen, er wollte es nicht, fand es schamlos, fand sich
bloßgestellt, seine Unruhe vertieft; wich, hörte sie trübe an. Sie warb
weiter um ihn, es geschah ab und zu, daß er sie wieder ansah.
Eleonore von Mantua, die in Regensburg vor ihm geflohen war. Sie hatten
einmal nebeneinander gestanden vor der golden blinkenden Monstranz, die den
Baum des Lebens darstellte. Ihr hochrotes Kostüm, die Perlenkrone auf ihrem
spröden braunen Haar, dunkle dicke Augenbrauen, die Schleife an ihrer Hüfte
mit seinem Namen. Dann hatte er sich hineingestürzt in sie; sie waren, wie
sonderbar, auseinandergekrochen wie zwei grüne Kröten, plätscherten
nebeneinander. Verwirrt hielt er sich jetzt in manchen Augenblicken an sie
fest, sie umschlangen sich, er war glücklich und besinnungslos, in ihr
blieb die Freude und die Sehnsucht. Sie hatte nicht mehr in Erinnerung das
verquollene leidende Wesen, das ihr in der Innsbrucker Kirche begegnet war,
mißtrauisch aus seiner Schale blickend, das stumme machtgeschwollene
Ungeheuer von Regensburg. Er verwandelte sich wieder; er blickte sie an.
Sie wußte jetzt nur, aus ihrem Witwenzimmer schleifend, daß er ihr
Vaterland war. Mantua war verloren: da ging, da schlich -- Mantua! Wie sie
aus ihrem Witwenzimmer zu ihm gefunden hatte, hatte sie nur dies Gefühl; es
lebte zwangsartig in ihr; sog sich in ihr fest.
Nachdem der Kaiser sich bei vielen über die schwebenden Dinge orientiert
hatte, lockte es ihn einmal in Gegenwart der Kaiserin den großen
Luxemburger, den hinkenden Jesuiten zu sprechen. Ein undeutliches Gefühl
hatte ihn bewogen in Gegenwart der Kaiserin und Lamormains die Dinge auf
sich wirken zu lassen, mit ihnen gemeinsam die Dinge zu übernehmen. Hilflos
fühlte er sich, von Woche zu Woche mehr. Man sah am Hofe: seine große
Hoheit war einer Müdigkeit gewichen; er wußte sich keinen Platz, fühlte
sich beirrt, gehindert, gereizt, in einer unnatürlichen Lage. Das wehte
launenhaft über ihn und breitete sich mehr aus, zerriß seine Einheit.
Triebartig hatte er in manchen Stunden das Verlangen, die ganze Last und
den Wust von sich abzuschütteln, um wieder zu seiner Macht zu finden. Seine
alte Neigung, Schwierigkeiten durch die Flucht zu entgehen, erwachte
gelegentlich.
Es drängte ihn jetzt leise zu Menschen, zu Eleonore. Sie sollte alles mit
ihm dulden. Was würde sie sagen. O er wollte sich fesseln lassen. Er
fürchtete sich, fürchtete sich vor dem, was ihm bevorstand.
Wie Lamormain anschlich, erinnerte ihn Ferdinand, sich in seinen Abtstuhl
senkend, an die Ruhe der Tage in Regensburg und wie die Ereignisse gräßlich
geworden wären, gräßlich durch das Wanken aller menschlichen Beziehungen;
was hätten sie aus seinem Wallenstein gemacht, dies sei kein Verräter, oft
hätte er Lust den Herzog zu rufen und mit ihm alles zu klären; Mißtrauen,
Übelwollen, daraus sei das jetzige Ungemach geboren, es mußte auf ihrer
Seite viel verschuldet sein. Lamormain, mit seinem Stock den Boden
zeichnend -- sie saßen in einer glasgeschlossenen geräumigen Galerie, die
den Blick auf einen Hof gestattete, Gemälde Skulpturen an der
seidenbespannten Längswand, bunte Ampeln hingen herunter, der Hof
versammelte sich hier oft -- auch Lamormain dachte an Regensburg; Maria
Himmelfahrt, die gelbroten Flammenräder fuhren über die Wände des
Musikzimmers im stillen Bischofspalast; wie ein Begnadeter legte dieser
Kaiser alle Macht von sich, legte ihre Schwäche und Kleinheit bloß. Jetzt
saßen die Hunde, die er losgelassen hatte, an ihm, fielen den Jäger an.
Matt der Pater: Eggenberg hätte sich viel bemüht Schwierigkeiten und
Konflikte zu vermeiden, die Dinge nähmen aber einen Verlauf, der fast
vorauszusehen war. Gereizt Ferdinand, an seinem grauen Kinnbart rupfend:
der Priester möchte das nicht sagen, man möchte nicht Wallenstein schlimme
Neigungen zuschreiben, er glaube das nicht, der Verlauf werde ihm
vorgezeichnet. -- Sein Beichtkind, das flattrig leidend im Stuhl sich
bewegte, umfaßte Lamormain mit einem langen herzlichen Blick; er sah auch
auf die Kaiserin, die das Kinn auf der Hand, den Arm auf die Sessellehne
aufgestützt hatte, leicht vorgebeugt, beide beobachtend: so hätte die
römische Majestät es vielleicht richtig genannt; wenigstens zu einem Teil
werde dem Herzog ein gefährlicher Weg von außen vorgezeichnet; seit
Regensburg könne man das mit Recht sagen. Und als die Kaiserin den
aufmerksamen Kopf hob, ihn fragend anblitzte, den Arm sinken ließ: ja, seit
Regensburg, seit seiner Entlassung; seit da sei dem Friedland nicht mehr zu
trauen; er verirre sich immer mehr. »Seit seiner Entlassung«, hauchte die
Mantuanerin errötend, legte sich im Sessel zurück; »man durfte ihn doch
wohl entlassen.« Ernst Lamormain: gewiß, er sei vom Kaiser angestellt und
nicht auf Lebenszeit, aber die Menschen seien nun einmal im Grunde ihres
Herzens eigentümlich, ein Gefühl für die Rechtsverhältnisse sei nicht da;
da kümmere sich einer nicht darum, ob jener Kaiser sei und er Kämmerer; er
will seine Begehrlichkeit befriedigen, er läßt sich nicht fortschicken.
»Was ist das?« Ferdinand fest angelehnt, die linke Hand vor dem Mund:
»fortgeschickt. In Regensburg. Der Herzog zu Friedland ist mein Freund
gewesen. Sein Grimm, wenn er da ist, hat mit Regensburg nichts zu tun.« --
Lamormain: man erzähle sich, er datiere seit Regensburg. -- Ferdinand: in
Regensburg sei das Reich geordnet worden; der Streit der Kurfürsten sei
beendet worden; das Reich habe sich gefestigt wie niemals. Friedland hat
auf Festigung und Sicherung des Reichs gedrungen; was komme man mit
Regensburg; wie solle Regensburg ihn, gerade ihn schlimm beeinflußt haben.
Mit demselben tiefen herzlichen Blick nahm Lamormain, gebückt über sich
sitzend, seine Worte an, traurig die Stirn runzelnd; leise vorsichtig: »Er
ist in Regensburg entlassen worden.« »Von wem redet Ihr, Ehrwürden.« »Vom
Herzog zu Friedland.« »Eben. Es ist doch kein Lakai oder Barbier entlassen
worden. Es ist der Herzog zu Friedland.« »Was macht es.« »Nun sprecht doch,
Ehrwürden, um Jesu willen.« »Er ist von der Römischen Majestät mit Glimpf
entlassen worden. Er war Generalfeldhauptmann der kaiserlichen Armada,
hatte den dänischen König geschlagen, den niedersächsischen Kreis
beruhigt.« »Ich habe ihn mit mehr als Glimpf entlassen. Ich habe ihm
Geschenke geschickt, es ist keine Woche vergangen, daß ich ihm nicht ein
freundliches Wort gab, er war mir immer mein oberster Feldhauptmann, ich
war ihm stündlich gnädig und huldvoll.« »Ihr wohl, Kaiserliche Majestät.
Ihr wart ihm huldvoll und gnädig. Aber er nicht der Kaiserlichen Majestät.
Denn er war der Friedländer, der Herzog zu Friedland, Wallenstein; oh, wer
das ist, Wallenstein. Und er ist beleidigt worden, er hat gehen müssen, hat
der kurfürstlichen Durchlaucht in Bayern weichen müssen.« »Wir reden im
Kreis. Das Reich hat es erfordert. Der Herzog weiß es. Ich habe ihm nicht
übel gewollt.« Immer still der Priester; er hätte, sagt man, dem Kurfürsten
in Bayern weichen müssen.
Flammend blickte, beide Arme schräg über die Lehne legend, Eleonore den
Kaiser an, dessen Gesicht klein in seiner Gequältheit erschien; etwas
Drohendes in ihrer Stimme: man erzähle sich überall; es sei nicht der
Kaiser, sondern der Bayer gewesen, der den Herzog abgesetzt habe.
Durchbohrend Ferdinand vorgebeugt: »Denkst du das auch?« Sie legte sich
angstvoll zurück: »Ich fragte doch.« Heiser Ferdinand: »Frage nicht,
Eleonore. Du denkst zuviel an Mantua.« Sein Ausdruck wechselte, wie er sie
fixierte; dann sanfter: »Du weißt nicht, wie es zugegangen ist. Ich habe
Italien nie übel gewollt. Friedland auch nicht. Ich hätte dir gern Freude
gemacht, Eleonore.« Sie hauchte, fast zärtlich, sich über ihren Schoß
errötend breitend: »Ich weiß, Ferdinand. Verzeih mir.«
Sie schwiegen. Die Schloßwache marschierte mit langsamem Gesang über den
Hof, das helle Winterlicht erfüllte bis in die Winkel den warmen weiten
Raum. Eleonore anscheinend zuhörend: »Welche schönen weltlichen Lieder es
gibt.« Der Kaiser, der gebrütet hatte, auffahrend, als wenn er etwas
abwürfe: »Also es sieht aus, als wenn ich schuld an der Lage bin. An den
Verwicklungen. Vielleicht, nein, ich bin schuld an dem sogenannten Verrat
Wallensteins. Das alles leuchtet mir nicht ein. Ich sage es zehnmal. Und
wenn man mir zehnmal und zwanzigmal widerspricht.« Nach einer Pause hitzig
mit Gesten gegen Lamormain, der sich hochgesetzt hatte: »Und wenn ich
Schuld habe. Wir reden jetzt nicht davon. Wie lange ist Regensburg her. Ich
kann es schon gar nicht mehr denken. Regensburg ist schon fast nur eine
Einbildung. Was kommt man mit Regensburg. Wenn ich den Herzog entlassen
habe, dann ist alles wieder gutgemacht. Wenn er beleidigt war: er ist
Feldhauptmann geworden; er hat, was er will. Was will er?« Die Mantuanerin
drückte ihren langen Fächer auf seinen fuchtelnden Arm; er solle sich nicht
erregen, die Dinge würden bald wieder ausgeglichen sein. -- »Ausgeglichen.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was das Ganze soll. Was dahinter
steckt.« Eleonore behutsam: »Wohinter.« »Nun versteh doch, Eleonore. Ihr
versteht mich gewiß, Ehrwürden. Höre doch einmal. Es ist ja gar kein Grund
für den Herzog vorhanden gegen mich zu sein. Ich habe ihm keinen Anlaß
geboten. Er ist Haupt des Heeres mit der ungeheuersten Vollmacht. Wir
bestreiten sie ihm nicht.« Seufzend Eleonore: »Er will nicht.« Bittend
Ferdinand mit gespanntem Gesicht: »Was ist, Pater. Was wißt Ihr.« Nichts,
als daß dem Herzog nicht genug sei an den Vollmachten und an dem Heer; daß
er nicht zufriedenzustellen sei. -- Was er denn wolle. -- Er vergißt nicht,
daß man ihn bei Regensburg weggeschickt hat. Er läßt das nicht liegen, es
ist ihm wichtig für sein Handeln wie irgend etwas. Und nun gibt es keine
Ruhe. -- »Wir haben ihn nicht besänftigt mit dem neuen Kommando?« -- »Den
Herzog?« »Nun?« Lamormain lachte freundlich, tauschte Blicke mit der
Kaiserin, die lächelte: »Kaiserliche Majestät. Ich will kein Beispiel
geben. Es sollte mir auch schwer sein für den Herzog ein Beispiel zu
finden. Im Grunde braucht man nur zu sehen, -- wenn ein Stein auf einen
Marmorboden geworfen wird -- eine Kante von dem Stein bricht ab: diese
Kante ist nun in alle Ewigkeit ab, sie kann nur durch einen Entschluß
Gottes wieder am Stein befestigt werden.« -- »Nun?« »Der Herzog weiß, wer
er ist. Er hat es in Regensburg gemerkt. Es paßt ihm nicht. Er verzeiht es
nicht, daß er so ist, unser, der Kaiserlichen Majestät Feldhauptmann, und
weiter nichts.« Ferdinand biß mit gerunzelter Stirn an seinem Handknöchel,
er arbeitete mit dem Zeigefinger an seiner Unterlippe, brachte hervor:
»Seht einmal, Lamormain. Ist es Euer Eindruck -- hat man dem Herzog irgend
etwas in den Weg gelegt.« »Nicht doch«, lachte behaglich Lamormain. »O
warum lacht Ihr denn,« Ferdinand seufzend, flehend, »sagt mir doch, was
ist.« Mit großer Weiche der Jesuit: »Majestät wollen wissen, was man dem
Herzog in den Weg gelegt hat. Nichts. Es hätte keiner wagen können. Er hat
ja die ganze Macht allein.« Erleichtert Ferdinand: »Nun also.« Lamormain
mußte ein anspielendes Lächeln unterdrücken: »Es genügt ihm nicht.«
Unsicher Ferdinand, an seinem Gesicht, an seinen Händen hängend, die ganze
schwarze starke Gestalt des Jesuiten mit den Augen verschlingend: »Es ist
ihm nicht genug.«
Und im Hintergrund fühlte er sich etwas regen, ganz unerwartet sich aus dem
Grauen Tiefen schieben, etwas mit tausend Füßen, das lief, lief, das ihm
entgegenlief, dem er entgegendrängte, gegen das er sich stemmte. »Puh,
puh«, spie er. Das wieder. Dahin, dahin wieder.
Er stand aus dem Sessel auf; das Kleid Eleonores rauschte neben ihm, es
duftete stark neben ihm; sie war, wie der Ekel sein Gesicht entstellte, zu
ihm gedrängt. Sie gingen nebeneinander Arm in Arm über die Teppiche der
Galerie. Lamormain stellte sich an die Brüstung der Galerie. »Es ist ihm
nicht genug«, flüsterte Ferdinand, als sie an Lamormain vorbeizogen, hielt
etwas an. Sein ausgerenktes Gesicht. Er hielt Eleonore an beiden Armen vor
sich fest. Die Mantuanerin halb weinend: »Er ist ein Teufel.« Von der Seite
Lamormain schwer traurig: »Kein Teufel. Ein armer Mensch.«
Er hielt noch die Mantuanerin umfaßt, stierte ihre Augen an wie
Fremdkörper, ihre verkräuselten Haare, ihren auseinandergezogenen Mund,
ihre abwärts gesenkten Mundwinkel, einen Finger hob er: »Dies ist es. So
sind die Menschen. Der Pater hat es gesagt.«
Und wieder wimmelten über ihn die tausend kleinen krebsartigen Füßchen, der
schuppentragende langgestreckte Leib; der Leib war so dicht über ihm, er
hatte Neigung sich zu bücken.
»Was sagst du dazu?« Sie mit tränenerfüllten Augen, gebrochener Stimme, ihn
im Gehen fortziehend; sie suchte ihrer Stimme einen leichten Ton zu geben:
»Es wird nicht schwer sein etwas gegen ihn zu tun. Wir brauchen darum nicht
zu sorgen. Wir werden morgen den Fürsten Eggenberg und unseren lieben
Schlick bitten. Sie werden uns erzählen, was zu tun ist.«
Der Kaiser ließ sich, ihren Arm ablösend, in seinen breiten Armstuhl
nieder; die geschnitzten Menschen empfingen ihn, über die Lehne fließend,
Männer Kinder Frauen, abgleitend, sich hebend, er fragte Lamormain:
»Ehrwürden?« Der trat seitlich, mit dem Stock stampfend, plump hervor,
pflanzte sich hinter seinem Stuhl auf, die Lehne angeklammert: »Dies alles
ist uns nichts Neues. Die Kirche kennt seit lange die Menschen. Wir rechnen
mit diesen Menschen. Wir müssen sie brechen auf irgendeine Weise.« Ein
Zittern hatte den Kaiser befallen: »So sind die Menschen. Ihr habt recht.
So bin ich wohl auch. Wir können es nur ändern, wenn wir uns der heiligen
Kirche unterwerfen.« Der Priester redete leise: »Die Menschen sind böse.
Sie haben teil an der Erbsünde.« An Eleonore wandte sich, zu ihr aus der
Tiefe des Sessels die Arme ausstreckend, der Kaiser hauchend: »Siehst du.
Wir sind davon befallen.« »Ich weiß es, Ferdinand.«
Das schuppentragende lange Reptil schurrte, rauschte klapperte über ihn;
Entsetzen lag auf Ferdinands Gesicht.
»Der Friedländer zahlt mir's heim. Was bin ich anders. -- Wir werden morgen
den Fürsten Eggenberg zu uns bitten.« Lamormain lächelnd, die schwere Faust
hebend: »Wir brauchen keine Sorge haben. Er wird bewältigt werden, der
verräterische Mann.« »Seht Ihr, seht Ihr, wie gut«, hauchte zitternd,
zaghaft zu ihm aufstehend der Kaiser, der ihn und Eleonore mit weißlichen
Blicken übergoß. Dabei kaute er an seinem Schnurrbart. Durch ihn fuhr, er
erlitt es, es machte seine Schultern schwach, füllte seinen Mund mit lauem
Speichel: daß er die Worte eines andern sprach, daß ihn dies alles gar
nichts anging. Er war durchkreuzt; der Friedländer war ein starker
Feldherr; was tun solche Feldherrn: er konnte seine Gedanken nicht daran
annageln. Halbe Minuten dachte er: die Kurfürsten werden sich zufrieden
geben, ich werde den Friedland entlassen. Er war ja in Wien, in Wien. Er
kaute wieder an seinem Schnurrbart.
Vor seinem Bett stand er nachts in seinem Schlafmantel, hob die Arme vor
die Stirn, stieß mit den Ellbogen beiseite, schnob, daß der
Leibkammerdiener aufhorchte: »Gebt Raum, gebt Raum.« Er durchmaß den fast
finsteren Raum, rieb das Gesicht am metallenen Leib Christi, keuchte,
drohte. Er schlug mit beiden Fäusten gegen die nackte Brust, als wenn er
seine Besinnung herrufen wollte.
Wie er am nächsten Tage in Wolkersdorf war, zog er seine schmutzige
Handwerkertracht an, gab seinem Kämmerer Bescheid; sie spazierten ziellos
durch den Wald. Aber es war ersichtlich, daß der Kaiser einen Weg suchte.
Sie kamen zu einer Kohlenbrennerei, und als sie ein Stück weiter gegangen
waren, begegneten ihnen drei Männer, zwei dicke Bauern, die Ferkel im Sack
auf dem Buckel trugen, und ein lustiger Dominikaner. Die beiden Männer
schlossen sich ihnen an. Der Mönch erzählte lange muntere Geschichten, bis
bei einer Gelegenheit herauskam, daß seine beiden bäurischen Begleiter
Neugläubige waren. Da wand er sich, bekreuzigte sich, schlug die Hände
zusammen. Sie gaben trotzig lustige Antwort, setzten ihm auf jede Schulter
ein weißes quiekendes Ferkelchen, daß die Tierchen sein Lamento
überschrien. Der Kämmerer redete ihnen gütlich zu; der Dominikaner, ihm
dankend, wandte sich eifrig, hochrot an die Bauern, ob sie denn nicht
geneigt wären in dieser schönen freien Gottesnatur wenigstens ihn
anzuhören, ihn sprechen zu lassen. Es gab eine Debatte über das Recht der
Ferkelchen, sich auch vernehmen zu lassen. Sie versenkten dann die Tierchen
wieder in den Sack. Der Dominikaner sprach auf sie ein. Er sprudelte.
Was sie denn nur wollten. Warum passe ihnen der alte Glaube nicht. Hätten
sie sich ihn ausgewachsen, den alten Wams. Ei, und er paßte doch so gut.
Warum denn nur die albernen neuen Moden. Wüßten denn auch die Bauern, wie
die frommen Bürger und Edlen in der Stadt französisch aufgeputzt daher
marschierten. Welche Äfferei. Sie, wackere Bauern, Ferkelchen im Sack, und
Neugläubige! Wenn sie es nicht sagten, würde man nicht glauben. Sie möchten
doch einmal die Ferkelchen fragen, ob sie einen anderen Glauben hätten als
ihre Eltern und Ureltern und weitere Voreltern und Ahnen bis in die Arche
Noahs hin. Bei Jesus, solch Tierchen ist den weisen, weisen Menschen über.
Man wirft nicht Dinge holterdiepolter in die Asche. Immer sachte, immer
vorsichtig, taugt noch alles was. Wer wird so lumpen, einen neuen Glauben,
wenn der alte noch ganz gut ist. Hä, und ist er nicht gut?
Da gaben die beiden nur zum Bescheid, er rede so flink und glatt daher.
Solle er nur weiter reden, sie hörten gern zu. Der Kammerdiener nickte.
Ja, es gäbe nichts, was nachsichtiger wäre als der wohltemperierte, allen
angemessene alte katholische Glauben. Sie könnten schon immerhin, wenn sie
sonst etwas glaubten, es glauben. Störe sie niemand darin; wer wird gleich
schimpfen, wer wird einem Menschen nicht erlauben ein bißchen zu glauben,
was ihm beliebe. Der katholische Glaube sei wie ein Lämmlein oder wie ein
Geblendeter, den man am Bändchen führt; er folge völlig den Menschen. Seht
hin, ich zeig' euch, wie das Lämmlein lagert und fromm spielt. Das
katholische Christentum wollte nichts vom Menschen, keinen Zwang, kein
bißchen Gewalt. Aber die lutherischen Prädikanten schwatzen großwichtig
daher von »Überzeugung« und dem »inneren Glauben« und was noch, das das
Christentum verlange. Verlangen könne man schon, aber wer soll das leisten.
Wer hätte denn Zeit für all das Zeug? Wieviel Menschen hätten denn Lust,
sich soweit mit diesen hohen und gar schweren Sachen abzugeben; müßten sich
ja fürchten, sich daran zu vergreifen in ihrer Einfalt. Da wollte das gute
fromme katholische Christentum von seinen Gläubigen nichts als ein bißchen
Händefalten, einen sonntäglichen Spaziergang, Geflüster, einen Kniefall.
»Und ist das schwer. Es ist fürwahr nicht so schwer wie diese Säcke zu
tragen und daheim sich mit seinem Hauskreuz herumzuplacken. Ein kleiner
Spaziergang, o jeh, wieviel mehr verlangen die Herren Richter, die Lehrer
in der Schule von einem Kind; solch Kind wird gequält. Ja freilich, man muß
manchmal fasten. Das laß ich gelten, es ist nicht jedermanns Sache; aber
zehn Heller, zwanzig Heller: ein anderer fastet für dich, oder der Priester
erläßt es dir. Das katholische Christentum erlaubt jedem, der ihm anhängt,
sich in der erhabensten Gesellschaft der Märtyrer und Heiligen einheimisch
zu fühlen. Kein Betrüger kann ein einfacheres und wirksameres Mittel
erfinden, um hoch und höher zu kommen; und keiner kann sich ein Ziel
stecken, das höher ist. Welche großmächtige Gewalt besitzt die katholische
Heilige Kirche. Und gibt es eine Gewalt, die ihre Macht sanfter gebraucht;
sie kann im Diesseits und Jenseits die meisten Menschen spießen, sieden,
brennen, schmoren lassen. Statt dessen stellt sie ihnen schöne Bilder hin
in hohen Gotteshäusern und man braucht sie nur anzugucken. Sie tut Orgeln
und die geübtesten feinsten Sänger auf die Chöre, und man braucht sich nur
hinsetzen und zuhören; währenddessen hat man nichts nötig als sich das
Fluchen und Gotteslästern zu verkneifen, das auch sonst nicht schön klingt.
Alles liefert die Kirche den Menschen, sie setzt ihnen reiche, ja
königliche Häuser hin. Wenn man es recht betrachtet, was ist denn die
Kirche anders als ein Fürstenhof, an dem alle, Bauern Bettler Edle Ritter
und Grafen Barone bis zum römischen Kaiser hinauf gleichmäßig geladen sind,
um sich zu ergötzen. Jeder kann an ihren Vergnügen teilnehmen, jeder kann
sich als Fürst vorkommen, er ist in seinem Haus. Ihr Törichten, was wollt
ihr. Ihr braucht nicht beten, braucht euch nicht bemühen. Alles wird euch
abgenommen. Wir sind die Schlosser, und die Haustür: Ihr braucht uns nur
bitten, wir machen auf. Das Himmelreich kann euch nicht entgehen. Wir haben
soviel Gnade geerbt, die Märtyrer haben uns davon hinterlassen, daß wir und
unsere Gläubigen bequem Jahrtausende davon in dulci jubilo leben können.
Und haben dabei gar nicht nötig, arg Haus zu halten. Wohin sollen wir nur
hin mit den ganzen Scheuern der Gnade. Wir werden ja manchmal Lust
bekommen, so einem armseligen Protestantlein, das unter dem Tisch hockt,
ein Knöchelchen hinzuwerfen. Und Ihr -- Ihr könnt nur immer tun, was Ihr
wollt. Wer katholisch ist, kann ruhig inzwischen auf Erden seines Weges
ziehen. Für ihn ist gesorgt. Es ist alles vorbereitet; er braucht sich
nicht drum zu bemühen. Geht hin, wohin Ihr wollt, es nimmt Euch keiner was
weg. Ihr habt zu pflügen, zu düngen, das Vieh zu füttern, die Pferde zu
striegeln, von den Kindern ist eins bockig, Euer Nachbar zankt mit Euch. Es
gibt für Euch soviel schöne und wichtige Sachen, Wein Musik Tanz kleine
gelustige Fräuleins Kartenspiele Hahnenschlagen Kirmes. Und die Raufereien
und dem Nachbarn die Zähne zeigen. Wir werden Euch nicht stören dabei. Wir
hüten schon Euren himmlischen Besitz.«
Der Dominikaner wackelte vergnügt mit dem Finger: »Gell, eine feine
Religion? Was sagt ihr zu meiner Religion?« »Läßt sich hören«, sagten die
beiden Bauern. Sie setzten sich zu fünf in eine Mulde des Waldbodens; die
Bauern zogen Schinken und Brot hervor. Während die Bauern schmatzend den
Dominikaner hießen, noch mehr Späße oder Frommes zu erzählen, schlichen die
beiden Männer davon.
Sie kamen in eine öde Gegend.
Einen singenden Bettler fragte der Kaiser, während der andere zurückblieb
nach allerhand. Der Bettler führte den Kaiser, nahm, als sie einen kleinen
Bergpfad erreicht hatten, Abschied, trabte singend weiter. Den Kopf gesenkt
zog Ferdinand des Wegs. Bäume traten auf, ratlos sah der Kaiser zwischen
die Stämme. Er erwartete den anderen; wo die Höhle des Einsiedlers, des
frommen Jeremias sei, wußte er nicht. Sie setzten sich auf den Boden. Ein
kleines Mädchen mit einem Körbchen kam an. Sie gingen ihr nach, eine
Waldschneise hinauf. Sie lief über einen Steinhaufen. Als sie zurückkam,
gab ihr der Kaiser eine Handvoll Heller; sie möchte dem frommen Jeremias
sagen, ein armer Mann begehre zu ihm. Sie lief, und als sie wiederkam
meinte sie, der fromme Einsiedler hätte gesagt, er sei selbst ein armer
Mann und brauche kein Geld. Ihren kleinen Kopf streichelte Ferdinand; sie
möchte die Heller behalten; möchte sie doch noch einmal zu dem Einsiedler
gehen; er begehre nach seinem Wort.
Darauf erschien drüben hinter dem Steinhaufen barhäuptig ein schlanker
jüngerer braunbärtiger Mann, der lange schweigend ihnen gegenüberstand. Er
blinzelte eine geraume Zeit gegen das Licht, hatte eine schrecklich tiefe
Blässe des mageren Gesichts. Die Steine rollten; leise fragte er, als sie
herangekommen waren, unsicher zwischen beiden hin und her blickend, was sie
wollten. Ferdinand stammelte etwas. Der Kammerdiener ging zurück.
Und wie Ferdinand seinen versunkenen Blick zu dem Mann hob, war dessen
rechtes Ohr und halbe Wange abgefressen; Stumpfen und Löcher, Geschwüre und
Hautfetzen, tiefdunkelrot mit schmierigen Belägen; die Nase des Mannes
fein, an einer Nüster angefressen. »Laßt nur,« winkte Ferdinand, als ihn
der Einsiedler vor die stallartige Höhle geführt hatte, »ich will hier
sitzen und Euch zusehen.« Der Einsiedler, nach einigen unschlüssigen
Bewegungen, gab ihm einen Rosenkranz in die schlaffe Hand; Ferdinand setzte
sich auf die bloße Erde, während ihm die Perlen entrollten. Mit trüben
Augen, müdem Ausdruck stand der junge Einsiedler vor ihm, verschwand
wortlos in dem Dunkel, aus dem bald ein leises, heftiger werdendes, wieder
abschwellendes Gemurmel und Ächzen kam.
Nach zwei Stunden trat der Diener an Ferdinand heran. Der Mönch schoß aus
der Höhle hervor. Sie verabschiedeten sich. Voll Wehs suchte der Mönch die
Augen des anderen, dessen Mienen sich nicht entspannt hatten. Er gab ihm
den Rosenkranz mit, bekreuzigte sich hinter ihm, kniete betend an die
Stelle hin, wo jener gesessen hatte.
Der Kaiser kehrte langsam durch die Schneise zurück in den Wald.
Plötzlich war mitten auf breitem Waldpfad ein starkes Flügelschlagen hinter
ihm. Er schloß die Augen, blieb stehen, hielt den Kopf steif nach vorn.
Flügelschläge, mächtige Flügel, Flügelpaare, die den Sand peitschten,
wehenden Wind vor sich warfen. Er wurde fast nach vorn gehoben.
Er erduldete es einige Sekunden. Zögernd schritt er weiter. Noch einmal gab
es ein Wehen, Flügelschlagen von riesigen niedersausenden, sich steil
aufstellenden Adlern hinter ihm. Ihm stand das Herz still.
Wie er zehn Schritt weiter gegangen war, sah sich sein völlig versteintes
Gesicht nach dem Diener um. Der pendelte ruhig einige Meter über den Weg.
Arm in Arm ging er mit dem bestürzten Mann. »Das ist mehr als ein Mensch
ertragen kann.«
* * * * *
Die schwedischen Heere über das Reich verstreut. Oxenstirn hielt sie im
Zaum. In Thüringen Wilhelm von Weimar, in Bremen Verden Lesley, in
Magdeburg Lohausen, in Schlesien Oberst Düwall. Oberrheinischer
kurrheinischer Kreis Georg von Lüneburg, Feldmarschall Horn Elsaß und
schwäbischer Kreis. Geschleudert war in die Flanke Wallensteins, als er
sich regte, der junge Fürst, der einmal Oberst von Gustafs Leibregiment zu
Pferde war, Bernhard von Weimar, als Friedland ihnen den Rücken kehrte und
glaubte, sie seien in Vergessenheit versunken. Wie die Kaiserlichen hinter
den böhmischen Gebirgsmauern verschwanden, fingen die schwedischen
Obersten, Offiziere und Gemeine an deutsches Land zu schlucken. Von Bayern,
der herrenlosen Kur, Würzburg, Bamberg wurden Stücke abgetrennt, ihnen als
Rekompens zugeteilt; Schweden behielt sich die Oberherrlichkeit vor. Dem
hochfahrenden Bernhard fiel aus Bamberg und Würzburg ein Herzogtum Franken
zu als rechtes Mannlehen der Krone Schweden; er schwur eine ewige und
unwiderrufliche Konföderation mit Schweden.
Friedland lag stumm in Böhmen. Da zwang sich, ungewandelt, Oxenstirn die
vier oberländischen Kreise unter. Der Sachse, bitter der fremden Herrschaft
im protestantischen Direktorium widerstrebend, suchte die oberdeutschen
Reichskreise zu sich herüberzureißen, aber Oxenstirn behielt die Oberhand.
Zu Heilbronn mußten die Deutschen geloben, die notwendigen Armeen für den
Schweden zu unterhalten; Oxenstirn, ein Schwede, setzte sich hin als
Direktor des Bundes und oberste Entscheidung in allen Kriegssachen.
Geführt von dem französischen Gesandten, von englischen Herren begleitet,
erschien auf diesem winterlichen Kongreß zu Heilbronn eine schwarz
verschleierte Frau, glühende Augen, lässige Fülle; sie setzte sich mit
Feuquieres auf eine besondere Bank, hörte den Beratungen zu. Dann sprach in
langer entschlossener Rede ein kleiner Mensch für sie, Rusdorf. Er
schilderte das Schicksal des Pfälzer Kurfürsten, erwählten Böhmenkönigs
Friedrich, der wie das Gewissen dieses Krieges gelebt habe. Sein Unglück
habe mit dem Prager Treffen begonnen, sei geendet bald nach dem Tod des
gottseligen Schwedenkönigs. Er habe gelebt und sei gestorben als guter
Deutscher und protestantischer Kurfürst. Seine Sache dürfe und werde nicht
mit ihm welken. Dieser Konvent werde nicht umhin können, eine Entscheidung
über seine Sache herbeizuführen. Es dürfe nicht scheinen, als hätte man
sich des Kurfürsten Friedrich bedient zu eigenen Zwecken, wie die
Widersacher verleumderisch in die Welt setzen. In allen, die protestantisch
im Römischen Reiche seien, lebe auch fort die hoheitsvolle Gestalt seines
Herrn, der am ersten die Schlange beim Kopf gepackt hätte und von ihrem Biß
nicht gesundet wäre.
Er blickte, als er sich setzte, die Dame neben sich an. Sie stand
kopfsenkend auf, schob den Schleier beiseite. Die evangelische Elisabeth
lächelte freundlich und schelmisch verlegen; sie hatte rote runde Wangen
wie immer. Sie sagte, ein Kichern kaum unterdrückend, der gelehrte Herr
Rusdorf habe wohl und genugsam gesprochen; sie freue sich, die Herren
wiederzusehen, die ihrem seligen Gemahl nahegestanden hätten und oft ihre
Gäste gewesen wären. Darauf, schweigend und von unten blickend stärker in
den Saal lächelnd, weil sie einzelne Edle erkannte, drückte sie plötzlich
seitlich gewandt, die Rechte ausstreckend, dem Feuquieres die Hand, der
verständnisinnig nickte, nach ihr sich erhob und eine feine prahlende
sentimentale Rede losließ, die den tapferen Friedrich feierte und als ein
Hauptziel des Krieges bezeichnete sein Haus wieder einzusetzen und sein
Schicksal zu rächen.
Trotz schwedischen Widerstrebens kam nach tagelangem Diskutieren ein
Beschluß zustande, besonders auf Drängen des Franzosen, der den Schweden
nicht das Zuviel an Macht gönnte. Die deutschen Stände verlangten, von
Rusdorf gejagt, diesen Beschluß; sie wollten auch irgend etwas erreichen.
Dem Gefolge Oxenstirns war bekannt, daß hinter diesem ganzen Überfall mit
dem Erscheinen der Kurfürstin und dem Eingreifen des Franzosen nur Rusdorf
steckte; Rusdorf wußte, daß sein Leben bedroht war, aber tapfer agitierte
das ergraute Männchen hinter den Deutschen, trug den vornehmen Franzosen
jeden neuen Winkelzug zu. Es wurde den Schweden abgerungen die eroberte
Rheinpfalz; sie war sofort dem Hause Friedrichs zu übergeben. Nicht
entringen ließen sich die Schweden die Kontrolle über die Festungen und
über das Kirchenwesen. Laut sagte Rusdorf bei der Verkündung des
Beschlusses, daß er ihn als Vertreter des pfälzischen Hauses annehme. Für
den Augenblick gebe man sich damit zufrieden. Er werde aber nicht ruhen,
bis auch die letzten Einschränkungen gefallen seien. Als er im Begriff war
zu erklären, daß der Beschluß bei dem Widersacher ein hämisches Lachen über
die Uneigennützigkeit der Fremden auslösen werde, drückte ihn begütigend
Feuquieres auf die Bank; die Schweden hatten ihn schon verstanden.
Trauerreich und glückvoll war die Einreise der Kurfürstin und des Bruders
Friedrichs, eines phlegmatischen Philipp Ludwig von Simmern, in die schöne
sanfte Pfalz. Und als sie zum erstenmal den Neckar mit seinem blanken
flachen Spiegel wiedersah, an die prunkvolle Fahrt mit Friedrich in dem
Brautschiff dachte, und an das jäh sich erhebende niederknatternde Unglück,
Prag, Dänen, Schweden, Krieg, endloser Krieg, sie alle gepreßt, jahrelang
gewalzt, verblichen der feine von ihr fast übersehene Friedrich, da weinte
sie hysterisch, wollte stundenlang nicht weiter fahren, verlangte nach
England, zu ihrem Bruder, dem König Karl. Sie wollte nichts wissen von
diesem Deutschland. Auch Rusdorfs Herz war erbebt beim Anblick der dunklen
Platte des sich hinschlängelnden stillen Neckars. Er besänftigte sie;
erzählte sich bezwingend von den schönen Gemächern, die sie erwarteten. Mit
Mühe konnte er sie später abbringen vom Jammern um die zerschossenen
eingeäscherten Flügel des Schlosses. Er selbst in Freude erweichend, lief
über die Dörfer, setzte die Amtsleute ein, knüpfte alle Fäden. Schrieb an
seinen alten leidenden Freund Pavel, der in den Niederlanden saß, lud ihn
zu kommen, des Grams ein Ende zu machen; bald werde die Kurpfalz von allen
Fremden befreit sein. Er lobte neckisch seine eigene Zähigkeit, die er mit
der Art einer Bremse verglich.
Genau einen Monat nach seiner Rückkehr auf Heidelberg wurde er an der Tür
seines Quartiers angenagelt gefunden. Er lebte noch, als man ihm unter
furchtbaren Schmerzen die Nägel aus den Handtellern gezogen hatte; die aus
den Füßen konnte man nicht herausreißen, sie waren durch die Knochen
getrieben. Es war schwedische Arbeit, wie er sterbend angab; er bat, die
Sache nicht zu verfolgen, sie sei aussichtslos. Pavel fand ihn nicht mehr
lebend vor. Die Beisetzung seines Freundes übernahm er. Viele hohe Herren
der rheinischen Kreise, auch fremde, waren zugegen; sie lobten den kleinen
entschlossenen Mann, beklagten seinen überraschenden Tod. Die Gerüchte über
die Todesart wurden unterdrückt.
Pavel bat sich die Tür aus, an der sein Freund gehangen hatte. Er überlegte
lange, ob er der Kurfürstin und dem Administrator nachgeben sollte und
Nachfolger Rusdorfs werden. In den Papieren Rusdorfs fand er dann
Aufzeichnungen, aus denen hervorging, daß Rusdorf selbst es war, der ihn
damals in Wien fast ermordet hatte, aus Scham und in Sorge um ihre Aufgabe.
Aus Briefen mit einem Prädikanten, den der Tote eingeweiht hatte, ging
hervor, daß er lange verfolgt war von dem wahnhaften Gedanken, Pavel
wirklich ermordet zu haben, und dagegen Hilfe suchte.
Den Kopf senkend erklärte sich Pavel bereit, an die Stelle des Toten zu
treten.
* * * * *
Die Gerüchte, daß der Herzog zu Friedland an der Spitze einer großen Armada
plane vom Kaiser abzufallen, überall verbreitet, erregten die böhmischen
landflüchtigen Exulanten und die Unruhigen in Prag und auf dem Lande.
Niemand verstand diesen Mann, der offenbar die Sachsen ins Land gelockt
hatte, sie dann heraustrieb, mit Graf Thurn konspirierte, ihn gefangennahm,
freiließ. Von dem Dresdener Komitee wurde Sesyma Raschin, der
schwarzhaarige Fanatiker, zum Herzog beordert. Er traf in Prag die
wohlbekannte Situation an: das Heer ringsherum in Winterquartieren, im
Hauptquartier scharfe Tätigkeit für neue Werbungen, Finanzpläne. Eine
Anzahl neuer Gesichter in der Umgebung Friedlands; Schweden Franzosen
Sachsen im Palast aus- und einkehrend.
Raschin wurde vorgelassen; mißtrauisch horchte ihn der Herzog aus. Er hatte
geglaubt, der Kundschafter käme vom sächsischen Hofe; als er von Böhmen
hörte, schimpfte er; ob wohl der alte Narr Thurn, das Großmaul, dahinter
stecke. Wieder und wieder versicherte Sesyma, daß im Lande alles
vorbereitet sei, gespannt auf ihn warte, daß die Schweden ihm behilflich
sein würden; man hätte gute Kunde von Bernhard von Weimar, daß er dem
Herzog zu Friedland wohl vergönne, sich in den Besitz Böhmens zu setzen.
»Ihr Schelme allesamt,« keifte Wallenstein, der nur aus einem Auge blickte;
das andere, gichtisch entzündet, war mit schwarzem Tuch dick verbunden,
»ihr haltet mich für eine Leiche, daß ich euch für alle Gaunereien gut
genug dünke. Macht eure üblen gefährlichen Geschäfte allein; seid wohl
schon tief im Morast, daß ich euch herausziehen soll.«
Sesymas Audienz war kurz; als er sogleich, schwer gekränkt und enttäuscht
abziehen wollte, wurde er vom Grafen Trzka und einem Grafen Kinsky am Arm
gefaßt und im Schloß festgehalten. Sie erwiesen sich als orientiert über
das Vorhaben Raschins, schienen auch genaue Kenntnis über die
friedländischen Pläne zu haben, baten ihn, zu verweilen, sei alles im Fluß,
es dränge dem Frieden zu, er möchte nicht Mißstimmung unter die Böhmen und
nach Sachsen tragen. Graf Kinsky erzählte heimlich dem jungen aufhorchenden
Böhmen, er möchte nicht darüber sprechen. Auch von französischer Seite habe
man dem Herzog das Königreich Böhmen angetragen, Sesyma möchte sich im
Hintergrund halten, der Herzog schwanke, man wisse nicht genau, womit er
umgehe. Daß er dem Kaiser böse wolle wegen seiner Absetzung sei sicher; es
drehe sich nur darum, ihn, den Herzog in die Zange zu bekommen, daß er sich
nicht rühren könne, ihn aus seinen Zweifeln zu lösen. Die Stunde der
Schilderhebung rücke näher. Sesyma war über diese Neuigkeiten sehr
beglückt, fragte, wie man denn den Herzog in die Zange kriegen werde. Das
sei nicht einfach, meinte Kinsky, der ein schlauer eitler älterer Kavalier
mit blassem bartlosen faltigen Gesicht war, es gehe darum -- nun, dem
Herzog zu helfen; Friedland schwanke, das müsse man ausnutzen, man muß es
dahin bringen, daß die kaiserliche Sache für ihn ganz unannehmbar werde,
dann gäbe es kein Besinnen mehr. Raschin merkte auf; staunend äußerte er,
das sei aber ein hohes Spiel. Selbstgefällig Kinsky kichernd: was hohes
Spiel; er sei in Paris zu Hause, in Fontainebleau ginge er aus und ein;
beim Pater Joseph und dem großen Kardinal würde ganz anders gespielt,
schlau, mutig und -- gottlos. Darüber freute er sich sehr: gottlos, ja so
seien die französischen Diplomaten, aber das sei die wahre, rechte, die
einzige Schule. Und er gab dem Böhmen den Rat, sich nicht zu oft vor
Wallenstein blicken zu lassen, am Hof zu bleiben, in Böhmen und Sachsen
ruhig alles weiter betreiben, als werde der Herzog ihnen zufallen. Beim
Abschied flüsterte Kinsky, die Augen aufreißend und drehend, er könne ihm
noch nicht alles verraten, aber der Herzog sei ihnen sicher; »sucht Euch
schon jetzt ein Stück aus Niederösterreich oder Steiermark aus; was haltet
Ihr von Graz? Appetitlich, appetitlich, gelt?«
Kinsky, der ein Schloß in Teplitz besaß, verbannt war, zwischen Pirna und
Paris vagierte, die französischen Verhandlungen Wallensteins führte, machte
es sich zum Ehrgeiz vor den Herren in Fontainebleau seine Sache zu einem
glänzenden Abschluß zu bringen. Reich wie er war, steckte er sich die
französischen Dukaten ohne Dank in die Tasche; seine Arbeit war mit nichts
zu hoch bezahlt. Den Herzog vom Kaiser abbringen: eine famose Aufgabe, und
dabei gar nicht schwer; er war nur ein Glückspilz, daß ihm das zugefallen
war. In den Konventikeln der konspirierenden Edlen ließ er sich feiern; hin
und her geschleudert war man von den Ereignissen; man rüstete, opferte für
Waffen und heimliche Anwerbung große Summen; der Augenblick des großen
Schlages rückte näher, der Bezwinger der Dänen und Schweden, Friedland,
hatte ihre Sache zu seiner gemacht.
Als der Herzog Kinsky den sonderbaren Brief Slawatas gab, wonach dem Herzog
von Wien Gefahr drohte -- Wallenstein nickte finster: »vielleicht hat mein
Vetter selbst etwas gegen mich vor« -- erwog Kinsky für sich: es wird schon
etwas dran sein an dem, was ihr alter Freund Slawata schrieb. Er kam,
liebäugelnd mit seinen Gedanken, auf den genialen Einfall, mit dem Grafen
Slawata, kaiserlichen Geheimen Rat, eine private Korrespondenz zu beginnen,
ihre alte Bekanntschaft zu erneuern. »Ich treibe meine eigene Politik«,
sagte er entzückt zu sich, als er den ersten schwadronierenden Brief nach
Wien losließ, erklärte sich für einen besonderen Intimus des
Generalissimus. Er gedachte Tropfen um Tropfen Gift in Slawatas Ohr zu
träufeln, bis er den Herzog unmerklich soweit hatte wie er wollte und der
Herzog gebunden wäre. »Wir werden sie kriegen,« seufzte er glückstrahlend
sich in seinem Klingenbeschlag spiegelnd, »wir werden sie kriegen. Die
Herren an der Seine werfen sich zu sehr in die Brust. Es ist nicht nötig.
Es ist überflüssig, meine Herren; habt nur etwas Geduld.« Lautsprechend
erhob er sich von seinem Schreibkabinett, schneidender Ton in der Stimme:
»Der Kardinal von Richelieu, Armand de Plessis, der Pater Joseph! Sieh da,
wohlan, sieh da.«
In dem Augenblick, wo der Herzog seine Neigung offenbart hatte, mit den
Widersachern in eine nicht genauer bestimmte Verbindung zu kommen, hatte es
in seiner Umgebung zu wallen begonnen. Aus bloßen Dienern und
Schleppenträgern wurden Akteure, die sich mit Röllchen und Röllchen nicht
begnügten, Lust bekamen, sich zu emanzipieren und um sich Zirkel zu bilden.
Man trat von außen an sie heran, lockte sie, das Geld lockte, die Eitelkeit
lockte, der Wunsch einander den Rang abzulaufen. Immer stieß der
Friedländer mit gewaltiger Faust dazwischen; rasch wie nach einem
Platzregen ebnete sich wieder die Erde, der Schwarm schloß sich, wogte um
ihn. Er brauchte sie, keine geschriebene Zeile gab er von sich, die
Menschen schwatzten.
Der blonde naive Graf Trzka hatte sich erhoben; er riß in diesem schweren
schwingenden Winter an Arnim, dem sächsischen Feldmarschall. Erst saß er in
Arnims Quartier, suchte ihn zu verlocken, zum Herzog überzugehen, ohne den
Kursachsen zu befragen, da Wallenstein vorhatte vom Kaiser abzuziehen.
Davon wollte Arnim gar nichts wissen; er ruhe im Vertrauen seines
kurfürstlichen Herrn und werde es nicht täuschen; und dann fand er, daß
Friedlands Verhalten im vergangenen Sommer und Herbst nah an Betrug
gegrenzt habe; es sei alles schon leidlich im Wege gewesen, als Friedland
Zwang üben wollte. Sachsen habe er verwüstet; die kursächsische Durchlaucht
habe einen Eid von einigen tausend Sakramenten geschworen nach den
geschehenen Untaten, sie wolle nichts mehr von solchen betrügerischen
Traktaten wissen. Als Trzka überlegen lächelte, den Kopf schüttelte,
geschickt die letzten Daten zusammenstellte, wonach Wallenstein fast nichts
übrig bliebe als vom Kaiser abzufallen, nichts übrig, ja, daß Wallenstein
entschlossen, vielleicht gezwungen sei in Kürze mit offenen Karten zu
spielen, erklärte sich Arnim, immer dem Herzog im Innern anhängend und ihn
verehrend, bereit, Trzka weiter zuzuhören und faßte ihn fast ängstlich bei
der Hand.
Er möchte, bat der Böhme, doch dem Herzog als erster nachgeben. Man stehe
sich zweifelnd gegenüber, könne nicht von der Stelle; peinvoll sei die
Situation des Herzogs, wenn er den ersten Schritt tun solle, der doch für
ihn der einzige wäre: zum Sachsen gehen, die Heere zusammenwerfen. Hinter
Wallenstein stünde nichts, kein ererbtes anhängendes Land; er sei im Moment
vogelfrei; man müsse sich in ihn versetzen, und wer kenne nicht seine Wut
auf Wien.
Leidenden Herzens folgte Arnim dem geschickten Unterhändler, suchte seinen
Kurfürsten auf. Vor dem jovialen dicken Herrn und seinem spitznäsigen
Kammerdiener keine Andeutung von den friedländischen Machenschaften. Arnim
hätte alles riskiert; ein Untergebener, der mit seinem Gehorsam spielt, war
Johann Georg ein abscheuliches verächtliches aberwitziges Vieh.
Unaufrichtig brachte Arnim vor, was er wollte: er fühlte sich gezwungen und
verstrickt in das friedländische Netz. Nach Ringen und Würgen gewährte
mißlaunig Johann Georg ein neues Verhandlungsrecht; aber daß Arnim das Heer
nicht in mißliche Position brächte. Ihn hatte das brutale Vorgehen der
Schweden in Heilbronn, die Übervorteilung der wehrlosen Pfälzerfamilie
heftig gekränkt; er wollte ab von Schweden. Wieder hoffte er, mit seinem
gnädigen Herrn, der erwählten Römischen Majestät, in fürstlich treue
Verbindung zu kommen.
»Her, her!« schrie Wallenstein, der völlig blind auf einer Bank inmitten
der Ritterstube saß, die verdunkelt war; beide Augen lagen unter heißen
Tüchern, die der stille Doktor Ströpenius sehr oft am Ofen wechselte; »seid
Ihr allein, Arnim, wer ist mit Euch?« Da war noch der rotbäckige muntere
Oberst Burgsdorff, ein Brandenburger. Das erfreute den Herzog; er nannte
sich ein geblendetes Huhn, das auf einmal zwei Körner gefunden habe. »Aber
will Eure fürstliche Gnaden uns picken?« -- Nein, er vermöchte zur Zeit
nicht gut den Schnabel zu führen, die Schelmereien säßen ihm in den Augen
und Füßen; ob sie nicht wüßten, daß der Kaiser vorhabe, ihm einen Strick um
das Bein zu legen, damit er nicht zu ihnen schwenke. -- Sie kamen auf die
Friedensbedingungen, die Wallenstein entworfen hatte. Rittmeister Neumann
las vor: die böhmischen Aufständischen sollten amnestiert und entschädigt
werden, die Jesuiten heraus aus dem Reich, Religionsfreiheit, Rekompens an
die schwedische Krone.
Burgsdorff, Arnim anstoßend: das sei recht schmackhaft, aber man sei nicht
sicher, daß so aufgetafelt werde. -- Warum nicht. -- Wegen des katholischen
Satzes: dem Ketzer sei keine Treue zu halten. »Gottes Schand'. Wie bin ich
den Hundsfotten, den Jesuiten gram, die das Wort aufgebracht haben. Ich
wollte, der Teufel hätte sie geholt, wollte sie ihm nicht aus dem Rachen
ziehen. Gott soll kein Teil an meiner Seele haben, Ihr Herren, wenn ich
anders meine. Und will der Kaiser nicht Frieden, so will ich ihn dazu
zwingen. Und der Bayerfürst hat das Spiel angefangen. Ihm soll das Land
ruiniert werden, daß weder Hahn noch Henne noch Mensch drin zu finden ist.
Denn ich will einen ehrlichen beständigen aufrichtigen Frieden im Reich
stiften.«
Das befriedigte sie beide sehr. Sie fixierten gemeinsam mit Neumann,
rittlings auf ihren Schemeln sitzend, die Punkte auf ihren Schreibtafeln.
Friedland bot indessen, den Ströpenius am Hals umschlingend, mit ihm durch
den Saal tappend, ein sonderbares Bild. Er schien, den grauen
unordentlichen Kopf vorgebeugt, durch die Tücher gierig sehen zu wollen. Es
machte auf die beiden fremden Herren einen schrecklichen angsterregenden
Eindruck, wie er an den Wänden entlanggeführt, den Unterkiefer
herabgefallen, sich nach dem Schall orientierte, den vorgestreckten Kopf
hindrehte. Man sah ihm in den roten Mund, fast in den Rachen; die
geschwollene Zunge lag und wälzte sich im nassen Speichel. Er sprach mit
schwerer schnarchender Stimme; sein Gesicht lang, Mulden an den Schläfen
Wangen. An den Tisch geführt, stehend an der Kante sich haltend, fragte er
stolz und hämisch knurrend, was die Herren von seinen Vorschlägen hielten.
Sie gaben schreibend zurück, es sei gutes Fahrwasser. -- Das solle es wohl
sein. »Machen wir uns keine Sorge, was die andern denken. Wer viel fragt,
kriegt viel Antwort.« So blieb er stehen, horchte wie sie schrieben. »Was
haltet ihr von den Türken,« fing er plötzlich an; »man soll sie nicht aus
den Augen lassen. Wir zanken uns hier alle auf dem Ätna. Dem Schweden ist
der Türke nicht grün gewesen, wie er einen Gesandten hingeschickt hat. Die
Römische Majestät fand ihren Gesandten auch nicht besser empfangen. Der
Großherr ist uns allesamt nicht grün. Der hat seine Lust an unseren
Kriegen.« Und dann marschierte er wieder herum mit Ströpenius,
schwadronierte von der gemeinsamen Christenfront gegen den Sultan; das
würde ein Spaß werden; die Kreuzzüge seien der europäischen Christenheit
noch immer im Leibe; er warf mit Angriffsplänen um sich. Wie sie sich
verabschiedeten, forderte er Trzka vor sich.
»Bist du da, Trzka?« tastete er sein Gesicht. »Die Bürschchen, die
Bürschchen. Dem Ketzer ist keine Treue zu halten. Dazu ist es Not Ketzer zu
sein. Es geht sogar gänzlich ohne Taufe, hoho. Das sind Helden. Wir führen
Krieg, ich stell' ihm ein Bein, und das ehrbare Fräulein seufzt: >das
schickt sich nicht; ich hab's nicht so gelernt; bei der Muhme Ulricke
ging's anders zu<.« Trzka wollte Neumann entfernen; Wallenstein, der es
merkte, donnerte: »Das ist mein Blut, laß ihn, befiehl ihm nichts. Setz'
mich, Ströpenius. Was willst du sagen, Trzka.« Er donnerte in falscher
Richtung.
* * * * *
Das Lager bei Pilsen. Um die Mauern Holzhütten Zelte Höhlen Gehöfte, in die
Nachbardörfer übergehend, meilenweit ausgedehnt, Stoppelfelder Gehölze
zwischen sich fassend. Nahe der Stadt von Sümpfen umgeben, durch Gräben
Wolfsfallen abgegrenzt, nur auf Brücken zugänglich die Artillerie, lärmende
qualmende Schmieden, wandernde Posten, Kanonenrohre auf Wagen, auf Heu, von
Segeln überspannt, einsam schwarze Kugelhaufen. Vor den Hütten kriechende
schleppende reitende Söldner, über die Ziehbrunnen schwärmend, schimpfend,
Ochsen und Schweine treibend. Übende Fähnlein von Musketieren; Weiber vor
Hütten und Erdlöchern an Feuern, kochend, lachend, im Geschrei mit Kindern.
Hohe breite Reisewagen, leinenüberzogen, von Reitern eskortiert, über die
Äcker in der Anfahrt auf Pilsen, mit Offizieren.
In der kalten Morgensonne trugen schläfrige Stückknechte auf den Schultern
Bandhacken, langstielige Ladeschaufeln, Hebebäume nach dem Artilleriepark
herüber. In kleinen Verschlägen klöppelten Tischler an Spannbänken für die
Sehnen der Armbrüste. Von Zeit zu Zeit wütendes Gekläff, gelle
Menschenrufe.
Musik; Kompagniefeldspiel im langsamen Schritt von der Stadtmauer herüber;
baßtiefe Soldatenstimmen: »Wir zogen in das Feld, wir zogen in das Feld, da
hatten wir weder Säckel noch Geld. Wir kamen vor Siebentor, wir kamen vor
Siebentor, da hatten wir weder Wein noch Brot. Wir kamen vor Friaul, wir
kamen vor Friaul, da hatten wir allesamt leeres Maul. Strampe de mi,
strampe de mi, alla mi presente, al vostro signori.« Der Fähnrich spazierte
neben dem federwallenden Hauptmann, die Rennfahnen am Gürtel vor dem Bauch
aufgestemmt, lange Stange mit steifem Blatt, darauf das bunte Wappen des
Hauptmanns, junge Vögelchen aus einem Neste die Hälse reckend. Der
Hauptmann ging in ein kleines Haus am Weg, die Kompagnie löste sich.
Drei Musikanten spielten vor dem Häuschen weiter, Schellenspieler Trommler
Pfeifer, zierlich die Beine lüpfend, bekleidet mit bauschigen Hosen bis zu
dem Knie, mit langen seitlich fallenden Schleifen bebändert; an den Füßen
spitze Schuhe mit Band und Schnalle. Sie trugen auf den Köpfen große
breitrandige Hüte mit Puscheln. Kinder und Hunde liefen um sie.
Dem Trommler hing über der rechten Schulter der knopfbeschlagene Ledergurt,
daran die Trommel vor dem linken Bein. Während die eine Hand lässig auf dem
blitzenden Trommelrand lag und fein, wie unwillkürlich, Wirbel rollte,
lauter leiser wie eine gurrende Nachtigall, hob sich die andere rechte
elastisch mit wippenden Bewegungen, warf knappe Schläge hin. Unentwegt die
linke; die rechte schloß ihren langziehenden Wirbel manchmal an, wie
mitgerissen, dann prasselte rasselte sie über das Fell, daß der Trommelsarg
über dem angehobenen folgsamen Knie schütterte und ihm bis in die Zehen der
Wirbel drang. Er lächelte, seine Augen zuckten. Der Schellenspieler war ein
blitzjunger Mensch. Er hielt die linke Hand sanft in die Hüfte gestemmt.
Die fliegende Seidenschärpe wehte nach rückwärts um ihn. In der rechten
Hand trug er den meterhohen Stock, an der Spitze ein blinkender Stern mit
Glöckchenbehang. Er sah, als wenn er vor niemandem spielte, schweifend über
die Kinder, schien von nichts gefesselt zu werden. In einer Pose, in die er
sofort mit Anmut versank, stand er fest, nichts bewegte sich an ihm, nicht
Kopf, Fuß, Rumpf, nur zwei Augen, ihre Lider und der rechte Arm. Und auch
der war meist an den Rumpf gedrückt, der Unterarm angehoben; spielendes
Handgelenk. Mit den kleinsten Rucken Drehungen wußte er den Schellenbehang
zum Zwitschern Klingen Klappern, stolzen lockenden Schmettern wie aus
tausenden Vogelschnäbeln zu bringen; und wenn er seinen Stock wie eine
Fahnenstange hochschwang, die Beine wechselte, senkte er den Kopf, blickte
trotzig auf seine Schuhspitzen. Der Pfeifer führte sie. Am Bandelier zur
Rechten hing ihm die Gabel herab. Er ruhte nicht, folgte selbst seiner
Melodie. Sein Mund, seine laufenden Finger ergingen sich, spreizten sich,
drückten sich an das runde Rohr. Sie erregten, besänftigten es liebevoll
wie ein Tier. Schmachtend blickte er aus schwarzen Augen.
Unter trübem Regen- und Schneewetter kamen nach Pilsen gefahren Graf
Schlick und Questenberg. Sie hatten am ersten Tage einen Besuch des
liebenswürdigen Grafen Trzka und Rittmeisters Neumann zu überstehen, die
sich im Auftrage des Generalhauptmanns nach Quartier und Befinden,
ersichtlich auch nach ihrem Vorhaben erkundigen sollten. Vor den
Generalhauptmann von Trzka geführt hatten Schlick und Questenberg die
gleiche schreckliche Empfindung wie einmal Kaiser Ferdinand: daß dieser
Mann gegen den Tod rang, der ihm schwere Gewalt antat. Jede Bewegung stieß
eine Hemmung nieder; wund die Gelenke, trocken der Körper; Wein und Wasser
schüttete der Herzog in sich hinein; es verdampfte wie auf einer heißen
Pfanne. Aber keine Spur von Hilflosigkeit, Verbitterung; nur häufiger als
sonst Wut und knirschende Ausfälle. Questenberg sah erschüttert, wie er
seinem alten Gönner die knochige schwache Hand drückte und streichelte, daß
Wallenstein blind war für das, was ihm geschah.
Der trübe bigotte Schlick gesackt in lauernder Stumpfheit auf dem
eigentümlich hohen Schemel, den man ihm zugeschoben hatte. Ein holländisch
gebautes Gemach in dem Pilsener Wohnhaus; mattes Tageslicht aus vielen
niedrigen Fenstern, weißrote Steinfliesen am Boden, Schiffsbilder über der
dunkelbraunen Wandtäfelung, auf dem viereckigen grünverdeckten Tisch Äpfel
und Weintrauben in Glasschalen. Im Hintergrund in die Wand verschoben
niedrig riesig ein Bett, darüber ein grünseidener flacher Himmel. Vor dem
Bett der Herzog, verwittert, zittrig, Wein im Becher neben sich, allein auf
der Bank. Er vor dem Bett erkundigte sich, seine Lippen auffallend schlaff
und lang, die Augen rot und vorgetrieben, mit alter geräuschvoller
Heftigkeit nach dem Befinden der Herren, ihrer Reise, der Römischen
Majestät, der er bald wieder eine Aufwartung zu machen gedächte. Und ob es
wahr sei, daß die Majestät sich von den politischen Geschäften
zurückzuziehen gedächte. Schlick sprach von einfältigen Geschichtenträgern.
-- Der Herzog sich anlehnend: so, der Kaiser betriebe also die Geschäfte
wie zuvor, bekümmere sich, nähme an den Beratungen teil. -- Schlick sehr
ruhig: wie sonst. -- Das sei herrlich. Denn er hätte sich Gedanken gemacht,
wie sie einem kommen könnten, der weit vom Schuß sei. Es sei auch Art der
Römischen Majestät gewesen, an ihn persönlich ein Brieflein mitzugeben,
wenigstens sonst -- oder trügen sie es vielleicht noch bei sich und hätten
es vergessen. -- Nein, sie hätten vom Kaiser keinen Brief; es sei alles
mündlich beredet. -- Darauf langes Schweigen, Graf Trzka trat neben die
Bank des Herzogs. Der blitzte den Grafen Schlick an. Nach Austausch eines
Blickes mit Schlick erörterte Questenberg die schwierige finanzielle Lage
des Erzhauses; fast demütig schließlich die Frage: ob sich das Heer nicht
besser etwa in Thüringen finden würde, damit die Erblande sich etwas
erholen könnten. -- Ob dies vom Kaiser stamme. -- Es sei in mehreren
Beratungen des Hofkriegsrats und des Geheimen Rates besprochen worden. --
Der Herzog ohne die Augen zu erheben: also welche Quartiere sie für ihn
vorhätten. -- Wie gemeldet, Thüringen. -- Sie wüßten, es stünde ihm frei
nach seinem Vertrage sich die Erblande zum Rückzug zu nehmen. -- Es sei ein
Wunsch, sie wüßten es. -- Man habe nicht vor an dem Vertrag zu rütteln? Er
fixierte beide scharf. -- Keineswegs; ein Wunsch. -- »Man wird mich nicht
mit einem Vertrag aufs Glatteis locken und im entscheidenden Augenblick mir
ein Bein stellen.« Darum: er werde es sich überlegen. -- Schlick immer
gleichtönig: es käme nicht auf vierundzwanzig Stunden an; sie könnten
einige Tage in dem artigen Städtchen verweilen. -- Wallenstein: er werde
ihnen im Lager Unterhaltungen verschaffen, italienische Sänger,
Schlittenfahrten, wenn das Wetter es gäbe. -- Schlick kalt: er sei ein
alter Mann; führe nur Befehle aus. Und es sei ihnen schließlich nicht
unangenehm, einige Tage im Lager zu verweilen. Sie hätten Lust die neuen
Offiziere kennen zu lernen, welcher Geist in den jüngeren Generationen
stecke; man belebe sich gern an ihnen. -- Questenberg spie plötzlich,
aufstehend; er hasse den Schreibbetrieb aufs Blut; wolle nicht gar so tief
in das Lager blicken; bekäme vielleicht Lust, wieder die Pike auf die
Schulter zu nehmen. -- Der Herzog knurrte ihn freundlich, leicht höhnisch
an: wem ginge es nicht so; aber schließlich seien schon bald dreizehn Jahre
um, daß man sich herumbalge. Werde er nun sehen und sich angelegen sein
lassen, den Krieg zu beenden. -- Questenberg freudig: dazu möchte Gott
seinen Segen geben.
Runzelte Schlick seine niedrige Stirn, schob den Kopf in die Höhe, den Hals
reckend, wie ein Laternenträger, der das Licht an der Stange anhebt: so
reiche sein Verstand nicht soweit, er sähe noch kein Ende des Krieges;
würden alle Schlachten geschlagen sein, damit am Schluß die Feinde
triumphierten und sich freuten, so gut davongekommen zu sein. -- O, o,
lächelte der Herzog, der Herr Graf sei schon lange nicht an der Spitze
einer Armee gestanden. -- Er denke schon, saß Schlick da, daß seine
Erfahrungen ausreichten. Der Krieg gestern sei nicht anders als der
vorgestern. -- Nein -- der Herzog -- nur die Bleiplatten an den Sohlen, mit
denen man zur Schlacht gehe, seien schwerer geworden. -- Mit Bleiplatten,
Schlick stärker grollend, könne man auch am Fleck stehen bleiben. Mit
Bleiplatten könne man ein Heer zu Hause behalten. Mit Bleiplatten brauche
man kein Heer. -- Immer abgekühlter freundlich der Herzog: Es sei auch
unter Umständen das Beste. -- Dann brauche man eben kein Heer. -- Eben. --
Dann, dann -- Schlick mit sich ringend, zum Wutausfalle bereit -- sei ja
alles überflüssig, alles. -- Ihr meint, ich auch. -- Wartend der andere,
dumpf erregt, ihn anglotzend. -- Wallenstein stieß ein Lachen heraus:
»Wovon wir da reden. Was meint ihr, Questenberg, Trzka. Wir sind
Schuhmacher; wir reden von Bleiplatten an den Sohlen.«
Der mit Silber und Samt ausstaffierte sporenrasselnde Trzka warf an den
kleinen Fenstern wandernd erregt seine Locken; lachte mit unnatürlich
starrem Gesicht und feuchten Augen, den Herzog willkürlos nachahmend: die
Bleiplatten; er kenne ein Märchen, ob er es erzählen dürfe.
Mit fast gehässigem Blick auf ihn sank Schlick in sich. Wallenstein
schluckte Wein, krächzte: nur reden sollte er; die Herren würden es gern
verstatten. Müßte aber spaßig sein.
»Es gibt einen Schwarzspecht, man findet schwer den Baum, wo er nistet. Hat
man den Ort gefunden, so muß man ihn sich merken und warten, bis das
Vöglein brütet. Und wenn die Brutzeit vorbei ist, soll man hinauf, wenn der
Vogel aus ist, die Öffnung verspunden. Der Specht kommt wieder, und sobald
er merkt, die Öffnung ist verspundet, fliegt er fort, halbe Tage lang und
sucht und findet einen Ort, da wächst ein Kraut, das heißt Springwurzel,
und bringt es. Rasch soll man auf eine Leiter vor das Nest, ein rotes Tuch
vors Gesicht gebunden, einen kleinen grünen Wedel in die Faust, und immer
nicken, nicken damit und mit dem Fuß klappen, als täte er's selbst am Baum.
Dann erschrickt der Specht, weil er glaubt, es seien seine Jungen ein so
närrisches entartetes Volk, und es gehe ein Zauber um, schreit, läßt die
Springwurzel fallen, schreit nochmal, flattert davon. Das Kraut aber soll
man mit dem roten Tüchel vom Boden aufheben und sorgsam bewahren und
einwickeln, man kann damit verschlossene Türen öffnen, Geleimtes Gelötetes
lösen, Ketten sprengen.«
Trzka lachte heiser, erregt nach vorn gebeugt zum Grafen Schlick herüber:
»Ich bin schon fertig.« Wallenstein: »Habt Ihr solch Kraut, Trzka?« »Nein,
Eure Durchlaucht. Ich nicht. Vermute aber, des Grafen Schlick Liebden sei
in solchem Besitz und Vermögen. Hat er doch etwas mit den Bleiplatten vor,
die Eure Durchlaucht an den Füßen tragen.« Schallender Lachausbruch Trzkas,
zusammentönend mit Friedland und Questenberg. Trzka stammelnd: »Und da ich
soviel von solchem Wunderkraut gehört habe, hätte ich gern gesehen, wie es
sich besieht und befühlt. Muß gar artig und klein sein, da es schon solch
winzig Tier im Schnabel führen kann. Möcht' gar sehr darum bitten, es mir
zu zeigen, wenn Ihr's im Sack tragt.« Stöhnend hielt Wallenstein im Lachen
sich die Rippen; dann mit den Armen abwinkend: »So laßt den Herrn Bruder zu
Wort, so redet nicht. Ich bin gar begierig.«
Das phlegmatisch schwere Wesen schien von der Unterhaltung wenig berührt.
Er wüßte nicht, worauf des Herzogs Durchlaucht so begierig wären; hätte er
und Questenberg schon alles berührt, was sich sagen ließe; vermißten sie
doch nur das Wort Wallensteins. Trzka fast triumphierend: »Ihr habt es
berührt, daß die Armee sich nicht genug schlage.« »Berührt, gesagt, als
Auftrag und als eigene Meinung.« »Das ist es ja. Und so müßt Ihr doch die
Wurzel bei Euch haben, mit der Ihr den Herzog, meinen Schwager, springen
machen wollt.« Schlick stand drohend auf: »So muß ich Herzogliche
Durchlaucht fragen, mit wem ich verhandle, ob mit dem Generalfeldhauptmann
oder mit dem Herrn Grafen, des Herrn Schwager.« Da hatte Wallenstein einen
langen scharfen Blick auf Trzka und den Grafen Schlick gerichtet. Leise bat
er seinen Schwager die Possen zu lassen. »Die Auffassung in Wien ist,«
Schlick, »daß die Kaiserliche Majestät ein großes Unrecht tat, als sie den
bayrischen Kurfürsten hilflos im Stiche ließ gegen den Schweden. Es hat
sich das Gewissen bei uns geregt, stärker und stärker, in Anbetracht der
großen uns von Wittelsbach zuteil gewordenen Wohltaten, die im ganzen Reich
bekannt sind, daß wir nicht zusehen können, wie er die Beute des Feindes
wird. Er hat dem Erzhause in Böhmen und bei tausendfältiger Gelegenheit
anderer Art geholfen aus dringender Lebensgefahr. Das soll von einem edlen
Kaiser unvergessen bleiben. Auch der Geheime Rat hat sich diesen Bedenken
nicht entziehen können. Und so ist nach vieler Überlegung beschlossen
worden, unverzüglich Eurer Herzoglichen Durchlaucht Entscheid auf
Beschleunigung der Kriegshandlungen herbeizuführen.« Leise Wallenstein:
»Genug, Herr Bruder. Was wollt Ihr.« »Die Winterquartiere müssen
abgebrochen werden; Euer Heer ist kaum geschwächt; der Abbruch des Angriffs
auf Regensburg hat die ganze Welt verblüfft, man lacht über die Maßnahmen
der Armee unserer Kaiserlichen Majestät.« -- »Wer wird das wohl sein, der
lacht; wer war verblüfft.« -- »Die Italiener spotten, die Spanier. Herr
Bruder, lassen wir das, was hat er vor, sprech er sich aus, sollen wir den
Bayern vergehen und verderben lassen.« »Die Italiener und Spanier. Was
haben die Väter der Jesugesellschaft gesagt. Sie haben doch nicht
geschwiegen.« -- »Lassen wir das, Herr Bruder. Sprech er sich aus.« -- »Die
Herren von der Jesukompanie haben sich dahinter gesteckt und nachdem sie
die Heilige Kirche regieren, glauben sie auch ein Heer und die Politik
regieren zu können. Wir werden aber selbst wissen, wie wir zu marschieren
haben.« --
Questenberg wollte sprechen; Friedland wischte an seinen roten Augen, aus
denen es troff, senkte seine Stimme, schob ihnen Wort für Wort hin: »Es ist
genug gekriegt im Reich. Verludert und vernichtet ist genug. Es kann sich
jeder damit zufrieden geben, Soldat und Geistlicher. Sei den Herren gewiß:
mir liegt nicht an der ewig fortwährenden Verwüstung. Wär ja ein Instrument
des Satans, wenn ich's täte. Es bleibt dabei: wir steuern auf den Frieden
zu. Wenn man auch und wer auch zetert.«