* * * * *
Vom Main her südwärts schwoll verendend die Armee des unglücklichen Grafen
Tilly.
Mit dem Rest seiner Truppen, zwölftausend Mann, dazu achttausend gepreßten
Bauern, griff er in der Schärfe des Winters den schwedischen General Horn
an, trieb ihn in die Stadt Bamberg hinein. Drin ließ er die Schweden bis
auf den flüchtigen Rest massakrieren.
Da hatte sich der mordgewaffnete König schon aus seinem Mainzer Lager
erhoben, ließ den Rhein los. Hinter ihm blieben ein junger Herzog Bernhard
von Weimar und der Pfalzgraf von Birkenfeld.
Und wie der Schwede anschnob, wich Tilly erzitternd aus Bamberg, wich die
geschwollene Regnitz entlang, durch das Ansbachische, an Nördlingen vorbei
auf Donauwörth. Wollte sich hinter die Donau verstecken.
Der Tritt des Schwedenkönigs tapprig schwer hinter ihm, langsam. Rechts
schlürfte er, links fraß er; er kaute, spie, schnüffelte. Er legte sich
über Nürnberg; der Hohe Rat wischte eingezogenen Schweifs zu ihm heraus vor
das Tor, goldene Trinkgefäße auf den kalten Händen tragend. Sie kreischten
und pfiffen: »Der Makkabäer!« »Gideon!« »Josua.« Er rollte die Augen und
ließ es sich, da es ihn kitzelte, wohlgefallen.
»Es war ein schöner Winter dies Jahr,« gönnte er den Ratsherren, »gebe
Gott, daß auch der Sommer gut wird. Ich predige euch das Evangelium auf
eine Weise, wie ihr nicht wieder hören werdet.« Er setzte die Beine
vorwärts, Staub und Dampf von sich gebend: »Seid fromm, daß Gott weiter
hilft.« Hinter sich ließ er die Besatzung. Hunderttausend Taler stopften
sie ihm bei, wie er wanderte.
In Donauwörth konnte Tilly nicht bleiben; der Kurfürst warf Boten nach
Boten gegen ihn: wie weit er denn fliehen wolle, wie weit noch München
entfernt sei. »Ich will schon nicht mehr fliehen, als ich muß,« knirschte
die Augen verdrehend der kleine General, das Papier in den Händen
zerreibend, »ich will mich schon stellen. Nur Ruhe, Ruhe.«
Aber der Schwede plumpte, murrte, knurrte, trampste näher. »Ich will
stehenbleiben.« Und zitternd in einem unsäglichen Hinschmelzen gab er schon
wieder den Befehl nach rückwärts. Hinter die Donau, über die Lechbrücken.
Schwindlig, den Mund weit offen, stand er da auf den Stoppelfeldern, Bayern
lag in seinem Rücken. Schwindlig mit verwehenden Gedanken sagte er,
lächelte er, die Zähne kaum entblößend, zu seinen Offizieren: »Wir werden
hier nicht weggehen. Der Schwede kommt heran. Wir werden Bayern schützen.«
Es wurde befohlen, auf Ingolstadt Truppen zur Verteidigung zu werfen, die
Zugangsstraßen von Augsburg und Ingolstadt mit vierzehn Kompagnien zu
sperren. Dann lagerte das Heer sich hinter dem Lech in einem dichten Wald.
Und wie Tilly das rückwärtige Terrain besichtigte, stoben Alarmreiter an,
Alarmreiter, Alarmreiter. Flüchtende Bauern. Flüchtende Bauern. Auf
Wagenreihen Dörfer, Dörfer, ganze Dörfer. Als hätte der Schwede sie
entwurzelt, warf sie ein Orkan mit Sack und Pack vor sich. Tag und Nacht,
Tag und Nacht. Es regnete Städte.
Der geborstene Tilly hielt sich steif. Lief, ein schallendes
Knochengestell, flach mit Muskeln Sehnen Nerven gepolstert; der Bauch, die
Brust, der Schädel breit geöffnet. Hervorquoll seine blutbegossene Seele
selbst. Geschrei, Kreischen, Brüllen, Knirschen, Knurren, dünnes Piepsen
umging ihn. Seine Gedanken schlugen wie überlange nasse Haare über sein
Gesicht, über Stirn und Augen, blendeten ihn.
Er lächelte süß, in bewußtloser Hingerissenheit, hin und her dunkel
flutender, sich hebender Verzweiflung. Er betete und erreichte sich nicht.
Er war ein Mensch, den man mit Pech bestreicht und in Federn wälzt; ganz
hinter seinen Taten verschwunden. Keine Gedanken an Wallenstein hatte er
mehr. Er suchte zu umdenken sein Leben, seine Oberkommandantin Maria, mit
der er jeden Tag seines Lebens angefangen hatte; knickte zusammen. »Ich bin
ein frommer Katholik gewesen all meine Zeit«, winselte er vor seinem
Feldkaplan, der verwundert vor ihm stand, ihm tönend zusprach.
Als die ersten Kanonenschüsse fielen, sauste er auf den Feldern herum,
suchte von irgendwoher zu hören, ob er sich nicht noch auf Ingolstadt
zurückziehen sollte. Fürchtete sich, fürchtete sich: begriff mit einmal,
daß er sich fürchtete. »Ich bin ein alter Mann, habe keine Messe versäumt«,
zuckte es staunend in ihm.
Zweiundsiebenzig Geschütze ließ Gustaf auffahren gegen den Wald, in dem die
Kaiserlichen lagen. Unter grausamem Krachen und Prasseln barsten die
Stämme. Als die Feinde eine Insel bei Oberndorf fanden, die schrecklichen
Finnen, schwammen sie Trupp auf Trupp wie Wasserratten an. Man schlug
einige tot, es kamen neue. Schwedische Kanonen fuhren über einer Brücke
auf, die niemand über Nacht hatte entstehen sehen. Ein heulender
zähnefletschender lehmwühlender Kampf halb im Wasser, halb auf der Erde
fing an. Die Schweden Finnen, es waren keine Menschen. Kaum gab es Tiere,
die ihnen glichen, wie sie schlammbedeckt, graubraune Hautfarbe,
tangtriefend, armschwenkend sich aus dem Wasser erhoben, krumm anwateten,
schluckten, kauten, spritzten, pfiffen. Sie waren so schlecht, so ekel, so
totschlagwürdig, daß erst zaghaft die Kaiserlichen, die Bauern auf sie
eindrangen, geführt, gelockt, dann von dem Grimm und der Scham, dem
Entsetzen gerufen geworfen: »Um des Heilands willen.«
Sie schrien zu Hunderten und Tausenden, die Kaiserlichen, auf dem
überhöhten Ufer des Lech, als sie das beispiellose kotige regsame Grauen
aus dem Wasser auf sich zukommen sahen. Es gab wenige unter ihnen, die
nicht in diesen Augenblicken die blinde Entschlossenheit angewandelt hätte,
zu sterben oder diese Unwesen sich aus dem Gedächtnis zu wischen. Sie
drangen herab auf die Fratzen.
Mörderisch tobten die Kanonen in ihrem Rücken; Sprengen Klatschen Reißen
von stöhnender unterirdischer Gewalt. Aber Tilly auf seinem hochbeinig
tanzenden Schimmel irrte zwischen den Fremden und den Kanonen hin und her;
träumte, ohne zu wissen, was, lachte wimmerte. Die Fragen seiner Offiziere
beantwortete er nicht. Seine bis zur Weiße aufgerissenen Augen wurden immer
wieder von den silbernen brandenburgischen Aufschlägen angezogen an seinem
eigenen linken Ärmel. Um diese Aufschläge war ein Geheimnis. Bei jedem
Kanonenschuß zuckte er zusammen, duckte sich, sah um sich. Das Wort »Maria«
mahlte er zwischen den Zähnen, während seine Augen suchten auf dieser
Holzbrücke, in dem plantschenden Wasser. Wie an einem vom Himmel
herabhängenden Faden zog sich seine Sehnsucht und Ratlosigkeit in die dünne
Höhe. Ein Dreipfünder, dessen Abschuß er nicht einmal gehört hatte, warf
seinen Schimmel um, zerschmetterte ihm selbst den rechten Schenkel über dem
Knie. Er dachte und träumte lange nichts.
Aus der bodenlosen Schwärze tauchte er auf; es schneite. Abend, ein
Troßwagen, wühlender Schmerz im Bein. Wagenknarren, Getümmel um ihn. Im
Stroh neben ihm hockend der Feldscher. Tonlos auf durchbluteten Wolldecken
der General: was sei, wo man sei. Bei Ingolstadt; der Widersacher habe
versucht, sie von Bayern abzuschneiden, es sei mißlungen, der König selber
hätte beinah sein Leben dabei gelassen.
»Was, was!« Tilly, der Totenkopf, furchtbar erregt, »abschneiden, was ist!«
Und dann ächzte er, ließ seine Offiziere kommen, die in der Nähe ritten.
Sie krochen einzeln herein, wiederholten ihm, der halb taub schien, dutzend
Male die Ereignisse. Er rieb sich die Nase, die Stirn, fragte ängstlich von
neuem, stöhnte: »Regensburg! Regensburg!« faßte sie bei den Händen,
bittend. Dann erst bemerkte er die lähmungsartige Schwere, diese sonderbare
dumpfe, in allen Gelenken, tief in den Knochen, in die Därme, Lunge, die
Schultern aufsteigend; die Dürre in seinem Mund.
Der Kaplan kauerte neben dem Feldscher. Der Wagen ratterte über die
Chausseelöcher, oft legte er sich schief auf die Seite. Aus der bodenlosen
Schwärze wieder auftauchend, langsam, nicht ganz entlassen: »Der Kaplan!
Ah, Regensburg, das Heer auf Regensburg führen.« Der Kaplan. Dies waren die
Sterbesakramente. Jetzt daran festhalten, fest einbeißen. Maria, der
Himmel, die Heiligen; das waren nur leere Worte, man konnte sie sprechen,
sie ließen sich nicht denken. Das Bohren, Sägen, Drehen im Bein, das
wogende Unbehagen den Leib hinauf, die alles überflutende zurückebbende
wieder anschwemmende Lähmung, diese verdunkelnde knochenfüllende
knochenzerknackende wirbelverschiebende tödliche Lähmung. Jetzt hieß es
sich entscheiden. Aus dem Wege alles. Maria, Jesus. Er spie, rollte die
Augen; hier ist nicht die Rede vom Schweden. Der Kaplan hielt seine Hände;
Tilly bat, ihm Maria zuzurufen, wenn ihm das Bewußtsein schwinden wolle.
Scharf blies der Schneestaub in den Wagen. Er weinte in sich: »Ich habe
mein ganzes Leben Maria gedient, ich will sie jetzt halten, ich darf sie
nicht verlieren. Der Kaplan hat mir Absolution erteilt, es wird alles gut.«
Die Wellen der Lähmung und Verdunklung rollten stürmischer an, mit kaltem
Schmerz gemischt. Alle Glieder fielen von ihm ab. Und er fing an zu ringen.
Zwischen jeder Welle schrie er »Maria!« Der Kaplan im Wechselruf: »Maria!«
Schlagartig rollte es heran. Aus gelben grasgrünen braunen Wolken fuhren
die Stöße gegen Bein und Leib. Sie knatterten zwischen die Schulterblätter
in den Hals. Die Wolken waren widrig, schwammig feucht, wühlten ineinander.
Es waren die Finnen, die anwateten, die aus Blutschande gezeugten. Er spie,
schrie heftiger, kreischte, röchelte vor Entsetzen.
Der Kaplan rief: »Maria!« Tilly sah entsetzt, wie er die Lippen bewegte.
Furchtbare Hammerhiebe aus den Wolken. Mit jedem Hiebe zuckte er zusammen.
Den Atem benehmend; er war der Amboß. Was sagte der Kaplan. Er mußte
wissen, was der Kaplan sagte.
Dumpf wetternd, zermalmend, niederklafternd.
Niederklafternd.
Zusammengezogen lag er, auf die Seite gestoßen.
Verröchelte, die Arme schützend vor der Brust.
Da löste sich das Gespensterheer von dem warmen blutsickernden kleinen
Körper. Zappelnde Rümpfe der gemetzelten Türken Franzosen Pfälzer, die
jaulenden hängenden zertretenen Hunde, kletternden Pferde, die mit den
Hufen sich an ihn hielten. Zwischen ihnen gezogen matt, noch naß, seine
eigene erstickte Seele.
Verknäult flogen sie unaufhörlich rufend durch die verschneite Luft, ihrem
dunklen Ort zu.
* * * * *
Hinter dem toten Tilly zog der Schwedenkönig, Torstenson auf dem linken
Lechufer mit schwerem Geschütz deckend. Er stieß auf Nürnberg. In sein
Lager zu Fürth schleppte man täglich sechsunddreißigtausend Pfund Brot und
hundert Eimer Bier. Er klatschte sich den Leib vor Freude, als er durch das
Laufertor ritt. Die Ratsherren boten ihm eine silberne Erd- und
Himmelskugel, zwei Fuder Wein und zwei Fuder Hafer: »Ich hätte mich eher
des jüngsten Gerichts versehen, als nach Nürnberg zu kommen.« Nichts hielt
mehr vor ihm. Aus seiner herrlichen Residenz scheuchte er den
Bayernfürsten, der hinter sich ließ, woran er sein Leben über gebaut hatte.
Der Schwede wußte, daß bei diesem Gedanken an München sich das Herz des
Bayern in Todesschmerz zusammenziehen würde. Nach Freising waren ihm
entgegengeritten der Münchener Bürgermeister Friedrich von Ligsalz, die
Patrizier Barth und Parstorffer, ihm die Schlüssel ihrer Stadt zu bieten.
Er hob auf der musikschallenden Landstraße den Degen: den Schlüssel habe er
schon; was machten sie für Scherze; er werde sie mit einer halben Million
Talern beschweren. Und so ritt er, eskortiert von drei Infanterie- und
Kavallerieregimentern, an der Spitze von Dutzenden deutscher Fürsten in die
Stadt ein, deren Kirchen er durch seinen Besuch schändete.
Es war warmes sprießendes Frühjahr geworden; die Jesuiten berief der König
in den Garten ihrer Kirche zusammen, verächtlich grob sprach er zu ihnen:
»Es ist Frühjahr geworden, die Macht der katholischen Kirche neigt ihrem
Ende zu. Wie Strohhalme sind ihre Säulen geknickt, der Kaiser und der
bayrische Kurfürst. Seid friedlich und besinnt euch. Ihr seht selbst, Gott
ist nicht wider mich.« Erst dachte das schwedische Heer an Plündern und der
Kriegsrat kam stundenlang nicht zur Entscheidung; denn von hier war
unermeßlicher Haß gegen den evangelischen Glauben in das Reich ausgegangen.
Satt erklärte der König, man solle sich mit dem Betrag von
dreihunderttausend Gulden begnügen. Einen kleinen Teil der Summe verehrte
er den ihn begleitenden Fürsten, besonders dem Pfälzer Friedrich.
Der blonde Friedrich überwand seine Melancholie nicht. Er spazierte in der
Stadt des anderen Wittelsbachers herum, dem er sein Unglück verdankte.
Nicht einmal nach Prag zu gehen in das ihm entrissene Königreich hatte der
Schwede den Pfälzer vermocht. Am Schönen Schrannenplatz residierte Gustaf.
In einer verschwiegenen Resignation folgte der noch immer schöne stark
gedunsene Mann dem König, folgte ihm wie seinem Schicksal, gesenkten Kopfes
und ohne Widerstreben. Die unzerstörte Üppigkeit seiner Frau ging,
erschreckend unberührbar, menschenunähnlich neben ihm, riß ihn manchmal zu
Orgien mit. Rusdorf, der Kleine, lockte ihn, sich zu freuen. Zu freuen! zu
freuen! Wo gab es auf dem Festland soviel Siege wie bei dem Schweden!
Gingen sie nicht hinter dem König wie hinter einer Feuersäule.
Sporenklirrend wanderte, die Hände auf dem Rücken, der Pfälzer mit seinem
Rat den langen runden Gang in der Neuen Feste entlang, dessen Wände mit den
Bildnissen der Wittelsbacher tief behängt waren. Er sah das Gemälde
Esthers, die verzweifelt Ahasver um Gnade für ihr Volk bat. Schweigend
hörte er den Rat schwatzen. »Ihr habt recht, Rusdorf,« brachte er heraus,
sein schlaffes Gesicht mit den Händen bedeckend, »und ich bin verloren. Ich
bin verloren. Ich muß mich gewiß freuen, wie Ihr sagt.« Später: »Ich tadle
Euch gewiß nicht. Ich will Euch in Eurem Eifer nicht lähmen, Rusdorf.
Wahrscheinlich werden meine Nachfahren Euch wie einem Held danken. Ich? Wir
verkommen alle samt und sonders. Ich wie der Kurfürst von Brandenburg und
Sachsen. Wie der Maximilian von Bayern, der meinen Kurhut trägt. Wir werden
zu nichts. Die schwedische Zeit bricht an für das Deutsche Reich. Ich --
ertrag' es nicht. Wie ich Euch sagte: ich bin verloren.« Dann hielt er an
einer Fensternische den kleinen Rat fest: »Eins sage ich, Rusdorf,« dabei
blitzten seine blauen großen Augen heiß, »wer mir das widerraten hat, den
Kaiser in Regensburg um Verzeihung zu bitten, den Kniefall vor ihm zu tun,
der hat nicht gut an mir getan. Wißt Ihr! Ich hätte gebüßt, es wäre mir
manches verlorengegangen. Jetzt sitz' ich in der Falle. Ich bin zum Bettler
und zum Fremdenknecht, zu einem Verräter geworden: ja, so steh' ich vor
mir. Glaubt Ihr, ich könnte vor diesen Wittelsbachern meines Hauses gehen,
ohne mich zu schämen, bis in meine Nächte?« Die Beruhigungen des Rates
nutzten nichts; Friedrich legte den Arm um die Schultern des kleinen
tiefbedrückten Mannes, leise sprechend: »Die Welt ist noch nicht zu Ende.
Glaubt Ihr nicht, daß der Schwede noch eines Tages geschlagen wird? Gott
läßt die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Ich warte, ich weiß, was ich
tue.« »Was?« »Der Kaiser ist ein gütiger Herr. Er wird mein Unglück
mitfühlen. Meine Reue ist tief. Ich bin jung und kenntnislos gewesen. Er
wird mir verzeihen.« Und er wanderte leise weiter mit Rusdorf. Zwischen den
hängenden Bildern der Wittelsbacher auf und ab.
Und Rusdorf erfuhr nicht und konnte nicht verhindern, daß Friedrich im
größten Geheim einen eigenhändigen Brief an den flüchtigen Maximilian
schickte, in dem er um Verzeihung bat, daß er sich ohne seine Einladung zum
Besuch in München aufhielte. Nicht er hasse Maximilian; sie seien
Wittelsbacher, von einem Blut; Max möge gewiß sein, daß nichts an seinen
Bildern und Gebäuden zerstört würde. Nicht er hätte den Schweden in das
Deutsche Reich geführt. Nein, er sei es nicht gewesen. Und fast demütig bat
er ihn, bei Kaiserlicher Majestät zu versichern, daß er sich unverändert
als des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation treu anhänglicher Sohn
fühle.
Dies war ein Brief, nach dem er sich wohler als in vielen Jahren fand; es
klang in seinen Ohren gut: »Als des Heiligen Römischen Reiches deutscher
Nation anhänglicher Sohn.« Rusdorf hatte es nicht leicht in diesen Wochen,
ihn beim schwedischen Herrn zurückzuhalten. Seine Fluchtneigung gelangte
sogar an den König, der gutmütig bei Tisch meinte: »Laßt ihn. Deutschland
ist ein Kranker, der nur durch starke Mittel gesund wird. Ich bin erst im
Beginn der Kur.«
Nach Warschau verkündete Gustaf dem Reichstag durch Boten: er gedenke die
Krone Polens, die ihm zustehe, in nicht zu ferner Zeit mit der Böhmens und
Ungarns zu vereinigen. Venetianer, die mit Briefen und Geschenken vor ihn
traten, führte er an dem stummgrüßenden Pfälzer vorbei durch die Residenz.
Im Vierschimmelsaal setzte er sich zum Verschnaufen. Er danke ihnen; die
Signoria solle gewiß sein, daß das Haus Österreich auch in Italien noch
heute lache und morgen nicht mehr.
So mächtig war, bis über die Donau, bis nach Straßburg vorgedrungen, das
schwedische Heer, daß die Herren in Paris ins Zittern gerieten. Ein
unerträglicher Anblick war dieser Gotenkönig, wie er über das gefürchtete
Riesenreich ähnlich einem mittelalterlichen Belagerungsturm hinschwankte,
Pechströme und Bomben werfend; der alberne schlaue Klotz aus Upsala. Sie
fingen beim Kurfürsten von Sachsen zu stechen an, ob es sein deutsches
Selbstgefühl ertrage, dem Schweden Bütteldienste zu leisten, und ob man in
ihm oder Gustaf Adolf das evangelische Oberhaupt des Reiches zu sehen habe.
Sie irrten unruhig von protestantischem Hof zu Hofe. Die katholischen fast
verzweifelten Herren beschworen sie fest zu bleiben.
Der gereizte König Ludwig konnte seine Nervosität nicht zähmen, weder der
Kardinal noch der Pater Joseph konnten ihn mehr zurückhalten. Seine Furcht,
der Schwede würde ihm im Elsaß und am Rhein zuvorkommen. Man ließ ihn.
Das Heer in der Hand stieg er auf Metz, nahm Moyenvik, Pont à Mousson. Es
befriedigte ihn noch nicht. Da war Nancy. Er mußte rasch, rasch an den
Rhein, ehe Gustaf in Bayern fertig war. Er mußte auf Trier. Es war alles
reif für ihn.
* * * * *
Indessen mit aller Ruhe der Friedländer sein ungeheures Heer in Mähren auf
den Fuß stellte. Die Klagen des Bischofs von Bamberg, der Reichsstadt
Regensburg, des flüchtigen Bayern, die Rufe aus dem Elsaß, den
westfälischen Stiftern fanden ihn taub. Er sammelte, ließ im Reich
geschehen, gab nicht eine Kompagnie ab.
Seine Güter besetzt. Die Geschäftsfreunde zögerten keinen Augenblick mit
ihrem Vertrauen. Die Börse in Hamburg, Bankhäuser in Augsburg gewährten ihm
und dem Herrn de Witte und Bassewi alle geforderten ungeheuren Kredite. Auf
Schleichwegen wurden aus Prag von der verzweifelten Judenschaft mächtige
Barren Gold und Silbergefäße in gewöhnlichen Heuwagen in sein Quartier
gefahren.
Das Reich barst. Er schob sein Heer in die Winterquartiere. Sie sollten ihn
nicht bedrängen, sagte er nach Wien; drei Monate brauche er zum Sammeln des
Heeres.
Der alte Apparat war wieder in Funktion. Seine Werbepatente galten für das
Reich Spanien und die Staaten Italiens. Obrigkeiten wurden im Augenblick
für die Zweige des Heeres geschaffen, Generalkommissare bestimmt für
Böhmen, darunter der Graf Michna von Weizenhofen, der wie vom Blitz
getroffen war, als ihm die Ernennung zuging; für Schlesien Stradeli von
Montain, für Mähren Oberst Miniati, für Niederösterreich Questenberg. Holk
wurde Kapo der Reiterjustiz, Obristschultheiß Ludwig von Sestoch. Das
Generalvikariat füllte aus der Pater Florius von Cremona. Des Herzogs
Generalleutnant nach Kollalto, der bei Mantua hingerafft war, wurde Gallas,
der Welschtiroler, mit Aldringen in spanischen Diensten aufgewachsen.
Die Trümmer, die Tilly hinterlassen hatte, zehntausend Mann, übernahm er,
ein mißmutiges geschlagenes fast waffenloses Heer. Etwas Rasendes,
Zerbrechendes war jetzt in der Art des Böhmen, sich über die Dinge zu
werfen. Er hatte in dem Augenblick, wo er sich den Arbeiten näherte, etwas
von einer Flamme an sich, die aus einem langen Schornstein gequalmt hat und
nun heulend den Schornstein am Boden umbricht, wütend in die entsetzte Luft
hineintobt. Die Vertreter der Banken, die sich in seinen Kammern bewegten,
staunten über die Verwendung des Geldes, das sie heranbrachten. Es lief
scheffelweise von ihm, verdampfte an ihm; er schien es nicht rasch genug
unter die Menschen werfen zu können. Seine Glut, sagten die einen, stamme
daher, daß er sich bei seinem eingetretenen Verfall das letzte Leben
auspresse; die andern spotteten, er sei zu gierig nach seinem verlorenen
Besitz.
Seine nahe Umgebung aber fühlte längst, daß er sich veränderte, wilder und
brutaler als je, daß er etwas Unklares leidenschaftlich betrieb. Er hatte
kein Wort des Interesses oder Trauer über seine Güter verloren. Sie wußten
auch, daß etwas Besonderes mit diesem Verlust an den Hans von Arnim war,
der diese Güter und Schlösser wie seine eigenen schonte. Die Fremden an
Wallensteins Hauptquartier schwankten zwischen Schrecken und Widerwillen;
so arbeitete ein Größenwahnsinniger. Daß Wallenstein in den dänischen
Feldzug mit zahllosen Karossen und Juchtenwagen gezogen war, war
weltbekannt. Jetzt standen die Karossen und der Marstall verwahrlost in
Prag, er kümmerte sich nicht um sie und um keinen anderen Prunk.
Die Sturmtruppen waren mit Piken und Bruststücken auszurüsten; in Pardubitz
wurden ganze Straßen von Holzschuppen gebaut für die Unzahl der
angeforderten Waffen. Es wurde bekannt, daß Wallenstein jede kalkulierte
Zahl eines Bedürfnisses mit zwei und drei multiplizierte und dann noch
unbefriedigt war und hinzuforderte. Abenteuerliche Mengen Pulver lagerten
entlang der böhmischen Grenze; bei Pardubitz waren alle Brotfrüchte Böhmens
aufgespeichert, die mit Steuerabschlag verrechnet wurden. Wallenstein hatte
erklärt, das Heer auf eine begrenzte Zahl bringen zu wollen; er schien aber
keine Grenze zu finden. Oberst auf Oberst wurde ernannt; auf die Frage des
erschöpften Hauptquartiers, wieviel Patente annähernd noch ausgegeben
würden, bekam man den Bescheid, soviel sich bis März vergeben ließen. Die
Träger der Namen Fugger, Kolloredo, Holk, Merode, Chiesa erschienen wieder
an einem Hauptquartier des Herzogs zu Friedland, der zuletzt in Memmingen
furchtdrohend nach Italien und dem Elsaß residiert hatte und von ihnen
gegangen war wie das Licht, das die Erde verläßt. Sie ritten selig zu ihm,
der sie zu Merode, Chiesa, Kolloredo gemacht hatte, zu ihrem wahren Vater.
Sie standen betroffen in seiner Nähe wie die anderen vor dem Prasseln und
geradezu höllischen Verderb und Wachsen. Einige Vertreter der Börsen
reisten Hals über Kopf ab, unfähig, diesen Weltuntergang, der sich um den
Herzog vollzog, mit anzusehen. Michna konnte sie nicht beruhigen, sie
verstanden das Lachen dieses klugen Mannes und gar Bassewis nicht, welche
beteuerten, so sei es immer um den Friedländer. Die Obersten schwammen
flossenschlagend in ihrem Element, schluckten, atmeten die besondere
lichtbrechende Luft, die um den Herzog schwebte, erlebten die blitzartige
Versengung und Verkohlung aller Besorgnis, die Verzauberung. Sie zogen nach
sich Montard von Noyal, Pychowicz, Korpasz, Wiltberg, Lambry, Gissenberg,
Filippi Corrasco.
Im frühen März, als Monate um waren, seit die ligistischen Scharen mit dem
toten Tilly anrollten, hielt Friedland, mürrisch gegen den Wind die Augen
kneifend, seine schärpenprunkenden Herren ignorierend, mit Ordonnanzen
scheltend, bald in der Sänfte, bald zu Fuß, bald auf dem Pferde, Heerschau
zu Rackonitz auf dem Hügel ab. Zweihundertvierzehn Reitergeschwader,
hundertzwanzig Fußkompagnien, vierundvierzig Feldstücke, zweitausend Wagen
mußten vorbei. Er hielt nur einige Stunden aus; nach fünf Tagen war man
fertig.
Dann wollte er sich verabschieden. Und als die kaiserlichen Herren, Ognate
und Eggenberg, ihm den Brief Ferdinands gaben, er möchte bleiben und den
Oberbefehl im Kriege führen, nörgelte er erst, erhob dann das alte heisere
Geschrei: ob sie ihm noch nicht genug getan hätten, von Ungarn ab bis
Regensburg, ob sie ihn für einen Verurteilten oder Verrückten hielten; er
wolle seiner Wege gehen, vor ihnen sicher sein. Er machte, wie er hinkte,
am Stock durch das Zimmer in Rackonitz schlich, einen verbrauchten
Eindruck.
Die Herren hatten nichts anderes erwartet; sie saßen, warteten. Fürst
Eggenberg wußte, daß er als Geschlagener vor dem häßlichen Sieger saß und
im Begriff war, die schrecklichen Bedingungen entgegenzunehmen. Es tat ihm
wohl, an die früheren guten Zeiten erinnert zu werden; er wurde hart dabei,
konnte sich wappnen. Es wurde klar, daß der Herzog vorhatte, an ihnen eine
unerhörte Grausamkeit zu verüben; Eggenberg und Ognate wollten sich nicht
wehren, der Herzog würde an ihnen erlahmen. Das Keifen zu Ende, fragte
Wallenstein, gehässig und listig auf sie blickend, was sie ihm brächten; es
klang: wie sie sich denn freikaufen wollten. Dies war der Augenblick, wo
sich die beiden zum Abschied erheben konnten, um zu sagen, sie sähen in
ihrem Quartier seinen schriftlichen Vorschlägen entgegen; er möge in aller
Muße den Kreis seiner Wünsche aufzeichnen.
Sie nahmen dann ohne weiteres an, was Wallenstein in dem überbrachten
Schreiben forderte, das Ungeheuerlichste, was ein Mensch von einem Kaiser
des Heiligen Reiches verlangen konnte, ohne ihn zu töten: Absolutes
Generalat, Bestallung als Generalissimus des Hauses Österreich und Spanien,
Konfiskationsrecht im Reich ohne Einspruch des Hofrats, der Hofkammer und
des Kammergerichts, Versicherung auf die Erblande als Rekompensation,
Lieferung aller begehrten Unkosten; die Erblande stehen ihm zum Rückzug
beliebig offen, er muß in die Friedensverhandlungen eingeschlossen werden.
Dies unterschrieben schaudernd die beiden Unterhändler, nachdem sie es
gelesen hatten, im Namen des Kaisers, von dem sie Blankovollmacht hatten.
Waren dabei von einer wütenden Lust erfüllt: sie hatten ihn entlarvt, nun
sah man, woran man war. Hier verhandelte kein Feldherr wegen seiner
Anstellung, sondern ein Tyrann, der seine Rachsucht befriedigen wollte.
Auf der Rückfahrt erwogen sie: der Schwede wird in seinem Vormarsch
aufgehalten werden, Böhmen befreit, Bayern befreit werden; dann kann sich
die Liga erholen, ein spanisches Heer kann vom Elsaß erscheinen. »Wenn er
sich nicht mit den Widersachern verbindet, mit Schweden und Sachsen«,
murmelte der Spanier. »Er wagt nicht,« dachte Eggenberg nach, »zunächst
folgt ihm die Armada dazu nicht. Für den nächsten Augenblick haben wir das
nicht zu fürchten.« »Wer weiß«, murmelte Ognate. »Und dennoch! Und
dennoch!« jubelte Trautmannsdorf, als sie in Wien vor Wallensteins
Kapitulation saßen und nichts sprachen. Er streichelte liebevoll tröstend
dem alten Fürsten die Hände unter dem Tisch und drückte ihn an sich.
Sofort brach der Herzog die Verhandlungen mit Gustaf und dem Sachsen ab.
Ohne Zeitversäumnis alarmierte er seine Armada, bat durch Eilboten Arnim zu
sich, den Führer des sächsischen Heeres in Böhmen. Der Herzog war gegen
seinen Freund in Znaim kalt und entschlossen: »Arnim, Ihr müßt aus Böhmen
heraus mit Euren Sachsen. Ihr werdet das einsehen; es bleibt zu fragen, was
soll dann geschehen.« »Ich werde mich in Sachsen verteidigen.« Darauf war
der Herzog erregt; das sei eine trotzige verkehrte und verbohrte Denkweise.
Was wollte er denn in Sachsen verteidigen? Wen? Ob sie Erzlappen seien, daß
sie sich die Köpfe zerschmissen für nichts. Auf Arnims Frage, was denn
weiter geschehen solle und ob Arnim etwa vor dem Herzog auf schimpfliche
Weise samt seiner Armee das Gewehr ins Korn werfen sollte, schnitt
Wallenstein die Unterhaltung ab: Arnim möchte sich überlegen, was er, der
Herzog, eben gesagt habe; es sei ihm lieb, drüben bei den Widersachern ihn
zu haben. Er werde begreifen, daß dieser Krieg nicht so weiter gehen könne,
diese Schmach, diese Gaukelei für Affen. Verteidigung in Sachsen! Nach
weiteren Schimpfworten auf den Schweden und auf die Wiener Politik
verabschiedete der Herzog den andern, der fluchte, sich einen Tölpel
nannte, über das Gespräch nicht ins klare kam.
Wallenstein gab ihm einige Wochen Zeit. Dann warf er das Heer, das sich an
Ort und Stelle nicht mehr ernähren konnte, nach Böhmen, die Sachsen liefen
auseinander. Friedland stürzte vom weißen Berg über Prag her. Die Stadt war
wieder kaiserlich.
Arnim, noch zweifelnd, ob der Herzog wirklich etwas Ernstes vorhatte,
suchte sich in Leitmeritz zu halten. Zu seinem Schrecken, der sich mit
Widerwillen mischte, umzingelte ihn Friedland und schien ihn vom Heer
abschneiden zu wollen. Da raffte er, was er an Truppen hatte, zusammen,
bereitete den Friedländern Schaden rechts und links, schlug sich von Ort zu
Ort. Böhmen mußte er ganz aufgeben.
Die Juden lachten. Die unterdrückten Böhmen höhnten, warteten. Thurn, der
alte Graf, Arnim nachkriechend, flüchtete vergrämt nach Dresden. Und ein
Angstschauer lief über Sachsen, als Friedland in Böhmen nicht haltmachte,
sich dem Erzgebirge mit weit ausgebreiteten Armen näherte, an die
Überwältigung des Erzgebirges ging.
Plötzlich wandte er sich auf Bayern. Keiner wußte, ob er etwas gegen den
Kurfürsten oder den Schweden vorhatte.
Der Schwedenkönig, sich mästend am südlichen und westlichen Deutschland,
hatte nur zwanzigtausend Mann bei sich; am Rhein, Main, nördlich und
südlich standen vier Armeen unter Baner, Tott, dem Weimarer Herzog, dem
hessischen Landgrafen, verwüsteten das Land, trieben ihr Spiel mit der
Bevölkerung.
Erst war der feiste König nur verblüfft, wie Wallenstein als
Generalhauptmann des Kaisers auftrat, wartete ab, wessen er sich von dem
verschlagenen Mann zu versehen haben würde, machte sich Vorwürfe, daß er
ihm bei den Unterhandlungen nicht mehr entgegengekommen war. Er hoffte
noch. Dann erfolgte der Angriff auf den Hradschin, die unglaubliche
treulose Umzingelung Arnims. Ein Sturm von Unruhe ging durch Gustaf. Ehe er
noch mit dem Herzog Fühlung nehmen konnte, hatte der sich erklärt.
Wallenstein hatte kehrt gemacht. Front gegen ihn selbst. Das Spiel war
klar. Wallenstein wollte Gewalt mit ihm reden.
Der König stieß nach Osten, um den Friedländer nicht mit dem Bayern
zusammenströmen zu lassen. Zu spät. Bei Eger nahm Friedland die Trümmer des
ligistischen Heeres auf. Von Weiden und Eger stieg die feindliche
Heeresmacht herunter, schob sich auf Tirschenreuth. Der Friedländer wollte
mit ungeheurer Überlegenheit ihm seinen Willen aufzwingen. Tief
erschrocken, an Haß erkrankend, über Friedland erstaunend, gab der König
nach, und Flüche auf Deutschland werfend, setzte er sich in Nürnberg fest.
Der Herzog hatte ihn bei den Ohren; wenn er wollte, konnte er ihn
zerschmettern, so schwach war er. Von Pegnitz zu Pegnitz zog der Schwede in
gewaltigem Bogen Schanzen. Die Stadt wurde angerufen, den evangelischen
Glauben zu verteidigen; mit leichter Unsicherheit, nur seinen nächsten
auffallend, hielt der König eine seiner schmetternden Ansprachen an den
Rat. Es glückte; der Rat schwur, wie Magdeburg zur evangelischen Fahne zu
stehen bis zum Verderben.
Mit viertausendachthundert Söldnern, dreihundert Reitern stellte sich
Nürnberg in seinen Dienst, dreitausend Bürgersoldaten kamen hinzu, alle
Waffenfähigen vom fünfzehnten bis vierundzwanzigsten Jahr. Sie wollten Gott
und dem wahren Glauben dienen. Vierundzwanzig Abcfähnlein ließen sie
fliegen; der König musterte sie trübe. Auf den Fähnlein stand: »Dies
Fähnlein fliegt zu Gottes Ehr, fürs Gewissen, frei und reine Lehr.« »Saul,
Saul, was verfolgst du mich? Laß ab, laß ab und bessre dich!« Der König
hatte kein Gefühl von Dankbarkeit für sie; mit einer sonderbaren ihm
fremden Rachsucht griff er in diesen Wochen Deutsche an, erging sich
unaufhörlich bei festlichen Tänzen in der Stadt in Schmähungen über die
deutschen Fürsten; sie müßten hart hart kuriert werden. Auch der Pfälzer
war zugegen, als er sich so ausließ bei einem großen Bankett in Ayrmans
Saal beim Laufertor. Friedrich verließ offen den Saal mit dem Markgrafen
Christian, der das Bankett veranstaltet hatte. Der flehte draußen auf der
dunklen Stiege den Pfälzer mit Tränen in den Augen um Verzeihung. Sie
umarmten sich; »keine Rettung«, schluckte der Markgraf. Friedrich:
»Manchmal denke ich, der Friedländer könnte uns helfen.«
Schanzen, Redouten, Palisaden, Gräben, Batterien wurden um die Stadt in den
warmen Junitagen aufgeworfen, die Vorstädte Wöhrd und Gostenhof mit
einbezogen. Das Lager ließ sich der König errichten vor Wöhrd bis auf den
Gleishammer, das Weicherhaus und den Lichtenhof; bei Lichtenhof stellte er
das stärkste Werk hin. Er rückte ein mit vierundneunzig Kornettreitern,
hundert Fahnen Fußvolk, achtunddreißig Geschützen, zweitausend Wagen.
Von Tirschenreuth nahte über Sulzbach der Kaiserliche. In das wandernde
Volk geriet Oberst Taupadel mit Dragonern und vier Kompagnien des
schwedischen Regiments Sperreuter hinein und wurde zermalmt. Sie umgingen
wandernd Nürnberg, schoben sich zu beiden Seiten des blanken glatten
Flüßchens Bibart an Zirndorf heran. Da in der lieblichen von grauen
Schafherden begangenen Landschaft fanden sie eine niedrige Hochfläche, von
Wiesen eingenommen, die rückwärts in einen kühlen dichten Wald führten. Nur
wenige Kilometer von dem Schweden entfernt machten sie halt, setzten sich
hin und verschanzten sich.
Der bayrische Maximilian von Kuttner begleitet ritt täglich durch das
Lagergewühl zum Herzog herüber, nicht vom Hals seines Schimmels aufsehend.
Er war ein Gefangener und ging seine Gefangenschaft beenden. Friedland
wohnte mitten im Lager in einem erbeuteten rosaroten Türkenzelt, das weiß
und blau orientalisch bestickt war. Einen riesigen viereckigen Raum
bedeckte es; darüber erhob sich eine wimpelgeschmückte Leinwandkuppel. Am
Eingang hielten Reihen von Bambusrohren einen goldbefransten Baldachin. In
dem teppichbeladenen Empfangsraum nahm ihn der Herzog inmitten der Obersten
und Generalspersonen an, selten sprachen sie sich allein.
Der Herzog sollte angreifen, war der Tenor der bayrischen Reden; er zeigte
auf die ungeheure Überlegenheit, die man im Augenblick besaß und in zwei
drei Wochen verliere. Erst kam der Herzog, zwischen tausend Geschäften,
trinkend, ihn mißachtend, mit allgemeinen Einwänden; man müsse die Stärke
des Schweden noch besser erkunden; eine Schlacht sei leicht begonnen und
schwer beendet. Der Kurfürst hörte nicht das Gespött des Friedländers
hinter ihm: »Nun habe ich den Maximilian so weit gebracht, daß er mir nicht
allein gehorsamen, sondern mit der Pike auf der Schulter aufwarten muß.«
Wie der Bayer zäh drängte -- mit jedem Tag wurde sein Land verwüstet, er
durfte nicht sagen, daß eine kaiserliche Niederlage ihm Land und Leben
kosten würde -- traten die Obersten des Herzogs mit den Resultaten ihrer
Beratungen hervor. Der Refrain lautete: wir sind zahlenmäßig überlegen,
aber man kann nicht auf den Mut der Söldner bauen; sie müssen sich erst an
Gefechte gewöhnen; es genügt, den Schweden zu stören, ihn zu zwacken und
beuteln. Dabei blieb es. Sie zogen es hin; sein Land verdarb. Aus dem
Kreise dieser Herren, die in alter friedländischer Üppigkeit lebten und
fürstlich satt stolzierten, kam einmal die hochmütige Frage, ob man im
bayrischen Lager vermeine besser Krieg zu führen als der Herzog; man habe
bei Breitenfeld Gelegenheit gehabt sich zu beweisen. Hindurch durch die
fünffachen Spaliere der Leibwache des Herzogs, starre Reihe der
aufgestellten niederländischen Helmbarten, riesig ausgezogene Spießklingen
mit Quasten und Kugeln am Klingenansatz, gräßliche Totenköpfe und hackende
Schnäbel eingeätzt. Durch das Getümmel der ausschwirrenden ungarischen und
polnischen Reiter, auf den Pferden am Sattel die kupfernen Kesselpauken;
sie ritten über den aufgerissenen Wiesengrund, schneller, schneller, die
Münder gespitzt, grell wirbelnd das Schlagfell aus Menschenhaut.
»Was hat der Herzog vor?« fragte der Kurfürst seine Räte, die er aus
Regensburg kommen ließ. »Er säumt.« »Er säumt nicht«, der Kurfürst mit
leeren Augen.
Die Widersacher lagen sich Wochen um Wochen gegenüber. Der Juli zog herauf,
August; brünstige Hitze fiel hernieder. Sumpfig war der Wiesengrund von
Friedlands Lager, das Wasser der Pegnitz nur mit Kampf erreichbar. Sie
fochten täglich um das Wasser, schickten ihre Kranken und Verbrecher immer
zuerst voraus, ließen sie abschießen, später erst stürmten sie vor unter
dem Schutz der abgefeuerten Musketen. Fünfzehntausend Weiber strömten in
das Lager, zu den Menschen kamen dreißigtausend Pferde. Mensch und Getier
hatte nur die Aufgabe: zu liegen, zu liegen, dem Schweden die Fourage
abzujagen, ihn zu ermatten. In des Schweden Lager stürzten die Scharen der
Flüchtlinge ein. Nürnberg lief voll von ihnen. Wie eine Geißel umlauerten
die Kroaten und Ungarn des Böhmen die Stadt, rissen das Lebendige nieder.
Heimlich betrieb Friedland seine Sachen. Gab Arnim keine Ruhe. Aus Böhmen
sei er mit seinen Sachsen verjagt; die Kurfürstliche Durchlaucht von
Sachsen möge gewarnt sein; sie sollten sich verständigen. Aus Sachsen kam
Bescheid: der Kurfürst gedenke in Treue sich nicht von seinem schwedischen
Bundesgenossen zu trennen. Da lösten sich Kavalleriemassen aus dem
Zirndorfer Lager, erst Hunderte, dann Tausende. Holk mit seinen Kroaten
setzte sich in Bewegung auf das offene Vogtland. Sie machten unterwegs
Vaganten Versprengte Gesindel beritten; sollten um sich ein solches noch
nicht gesehenes Verderben anrichten, daß man ihre Kraft erkenne. Unter dem
von Plauen und Zwickau her einsetzenden Lodern der Städte und Dörfer, den
Abschlachtungen und Schändungen der Menschen flüchteten selbst Arnim und
der Kurfürst. Die bodenzerstörenden Unholde verkündeten hinter ihnen, sie
seien nicht lange allein; Graf Gallas käme mit einer Schar doppelt so groß
wie sie.
Bei Nürnberg lagen sich die Widersacher gegenüber.
Im Schwedenlager mußten die Pferde trockenes Gras rupfen. Eine Pest schlich
unter den Menschen. Der Schwede auf Verstärkung wartend predigte Mut
Manneszucht. Blaß und zornig ritt er täglich die Palisaden entlang, blickte
herüber. Dies war kein Feldherr, kein Krieger, der zehnfach überlegen sich
nicht zur Schlacht zu stellen wagte. Der hatte etwas Unmenschliches vor:
Ermattung. Wenn erst Baner da wäre, sollte es ihm bezahlt werden. Und
täglich fraß der dicke Gustaf an seinem Widerwillen. Die deutschen Fürsten
wichen vor ihm, der Pfälzer betrieb offen seine Abreise.
Da hatte der Schwede an sich gezogen, was er suchte. Regimenter des
Oxenstirn vom Rhein, Baner und Herzog Bernhard mit Truppen aus
Oberschwaben, viertausend Hessen, der Herzog Wilhelm mit sechstausend Mann.
Sie trafen bei Windheim zusammen. Der vergrauste Sachse, seine ganze
Hoffnung auf den Schweden setzend, warf sieben Regimenter zu Fuß, zwei zu
Pferd herüber. Sie drangen gemeinsam in die Stadt Nürnberg ein, die von
Leichen stank, in der man sie mit Weinen und Schreckensgeschrei empfing,
daß man nun vor Hunger ganz zugrunde gehen müsse. Und so bitter war die
Not, so grausig schmolzen unter der Pest die Menschen zusammen, so
wutgespannt war der König, daß auch nicht ein Tag mit der Entscheidung
gewartet wurde.
Sein Heer hob sich gegen die Nordseite des kaiserlichen Lagers. Die Sachsen
überschwemmten die Schanzen. Eine so furchtbare Artillerie arbeitete gegen
sie mit brüllenden Salven, daß die Baumwipfel des Waldes in Dampf
verschwanden, die Hochfläche des Lagers in Feuer und Rauch begraben wurde.
Zwölf Stunden rannten die Schweden an. Als sie den östlichen starken
Ausläufer des Höhenzugs, den Burgstall, hatten, regnete es; sie konnten die
Geschütze nicht hinaufziehen. Bis in die Nacht wühlten die Massen
ineinander, zweitausend Schweden blieben liegen. Finsternis und strömender
Regen. Der Schwede ließ los.
Lag wieder in Nürnberg.
Tastete nach Verhandlungen, dachte, der andere habe auch genug. Keine
Antwort. Ließ nach drüben gelangen: man solle ihm Mecklenburg lassen; der
andere möge sich Franken nehmen. Verbissen und finster gab Gustaf das
Signal zum Aufbruch. Von sechzehntausend Mann war die schwedische
Kavallerie auf viertausend gesunken; die Fußkompagnie hatte statt
hundertfünfzig Mann nicht sechzig. Die meisten deutschen Fürsten, auch der
Pfälzer, hatten ihn in den letzten Tagen verlassen. An der Nordseite des
Lagers marschierte er vorbei; noch einmal forderte er durch Kanonenschüsse
den Feind zur Schlacht heraus. Drin rührte sich nichts. Eine Handvoll
Weiber lief vergnügt an das unverteidigte Wasser. Johlten durch die hohlen
Hände: »Wir haben dem Kaiser eine Schanze gebaut und haben dem Schweden den
Paß verbaut.« Sogar das Gepäck ließ der Friedländer unbehelligt passieren.
Eine kleine Besatzung war in der Stadt geblieben; der Friedländer nahm von
ihr keine Kenntnis. Wie der Schwede westwärts zog, langsam, unter großer
Sicherung, dachte er, der Herzog werde folgen. Der blieb bei Zirndorf
liegen. Brach erst nach fünf Tagen sein Lager ab; seine Vorhut fühlte
nordwärts auf Forchheim vor.
Noch einmal wurde der träg hinziehende geschlagene Schwedenkönig von einem
wilden Angriffsdrang befallen, als er sah, daß Friedland sich nicht um ihn
kümmerte. Er verteilte seine Streitkräfte, machte plötzlich mit elftausend
Mann kehrt, wandte sich auf den alten sieggezeichneten Weg südwärts nach
Donauwörth, über die Donau. Nur den Bayern zog er vom Herzog ab, der sein
Land schützen wollte, eine armselige Schar mit sich führte. Der Herzog
blieb starr. Maximilian hatte es nicht erreichen können, daß Friedland sich
Bayerns annahm. In den bayrischen Regimentern wußte man, daß der Kurfürst
bei seiner letzten Bitte an den Herzog um Truppen von ihm angeschrien
wurde. Maximilian suchte seine Räte über die Situation mit schmerzlichem
Lächeln wegzutäuschen: »Nun sind wir alle froh, daß er uns entlassen hat.
Er hätte uns noch alle umgebracht.«
Sie brauchten dem Schweden nicht lange folgen. Es war nichts als eine
qualgeborene Selbsttäuschung Gustafs gewesen, daß er noch Entschlußfreiheit
habe. Inzwischen meldeten alle Kundschafter, daß der ungeheure Wallenstein
weiter nach Norden marschiere. Es war klar, er ging nach Sachsen, wollte
nach den Untaten Holks den Kurfürsten knebeln, wollte ans Meer, die
Schweden von ihrer Basis abschneiden.
Bei Donauwörth stand Gustaf, krampfhaft erregt auf eine Tat aus, die ihn
aus der Verstrickung löse, als ihn diese erschütternde Nachricht traf. Zwei
arme sanfte Tage ruhte sein Heer in der bergigen Sommerlandschaft. Hier war
Friede, kein Feind in der Nähe. In ein Wäldchen zog sich der König zurück,
lag wie ein Kranker vor einem geöffneten Zelt. Lautlos gingen in weitem
Bogen um sein Zelt die Wachen; sie trugen die einheimischen braunen langen
Röcke; sicher saßen auf ihren runden blonden Köpfen die hohen blauen
rotgeränderten Mützen. Von Zeit zu Zeit schlichen Weiber flüsternd über das
weiche Gras an sie heran; die schönen blonden Haare, Zöpfe bis zur Brust,
märchenrote grelle Mützen aufgesetzt; kaum bewegten sie ihre faltigen
blauen Röcke. Das war Schweden.
Der König wollte mit jemand sprechen. Der blanke kolossale Schädel
Oxenstirns; Grubbe, sein Sekretär, mit stiller diskreter Miene. Gustaf
hatte sich aufgesetzt. Es sei kein Grund zu verzagen; was sie meinten. Als
sie sich geäußert hatten, schwieg der große schwere Mann, dessen Gesicht
bleigrau und schweißbedeckt war; er sagte in Scham, während der Kopf
zwischen die Schultern einsank: »Die Sachsen sind ja nicht mehr mein. Was
werden unsere Frauen sagen?« Auf ihre Berechnungen: »Ich bin zu groß daher
gefahren. Es hat dem Herrn nicht gefallen. Ich war eitel. Ich habe seine
Sache nicht rein erhalten. Wenn das Licht im Innern Finsternis ist -- welch
eine Finsternis! Niemand kann zwei Herren dienen. Schweden war mir alles.
Jetzt kommen die Deutschen daher. Darum wollen sie mich vertreiben. Darum
wird der Sachse und Pommer und Brandenburger nicht mehr bei mir halten.
Hätt' ich nicht dem Götzen gedient, wären sie bei mir geblieben. Wäre der
Herr über mir geblieben. Mein Auge taugt nichts mehr. Darum ist der Pfälzer
davongegangen.«
Sie blieben, während er grübelnd den Tag und die Nacht über mit sich rang,
in seiner Nähe. Am nächsten Morgen war es heller, er zog sich sein
Kettenhemd an, gab Befehl zum Aufbruch, predigte selbst seinem Leibregiment
über das Matthäuswort: »Häuft auch keine Schätze an auf Erden, wo Motten
und Rost zerstören, wo Diebe einbrechen und stehlen; sammelt euch aber
Schätze im Himmel.«
Die Herren erfuhren von ihm, der straff zwischen ihnen ritt: »Hochmut taugt
nicht. Man muß sich nicht vermessen, alle Dinge meistern zu wollen. Wir
werden eine klare Linie ziehen müssen zwischen dem, was erforderlich, und
dem, was überflüssig und schädlich ist. Der Friedländer wird in Kürze von
uns eine Bataille zu bestehen haben, die ihm zeigen wird, auf welcher Seite
Gott steht. Noch müssen wir Gott erringen und auf unsere Seite zwingen.
Gedenkt auch ihr daran, wie ich daran denke. Wenn wir Gott zu uns gezogen
haben, sind wir unbesiegbar.«
Auf diesem Rückmarsch nach Norden, den die Truppen mit Drohen und Murren
antraten, gab es kein Ausreiten, wildes Fouragieren, Plündern. Der König
war selbst Tag und Nacht unterwegs.
* * * * *
Nach Wolkersdorf war der Kaiser aufgebrochen zur Jagd, die Mantuanerin
hatte er in der Burg zurückgelassen.
Das Sausen und Schütteln des mächtigen Herbstwindes gegen seine schmale
holzgebaute Schlafkammer. Er stand, während die Kerze von dem einströmenden
Luftzug flackerte und erlöschen wollte, mit nackten Füßen auf dem Teppich,
an dem losen Schlafmantel zerrte er, die Mütze lag am Boden. Arbeitete mit
den Armen: »Gebt Raum!«
Schnaufend, schnaufend. Glänzend vor Lachen sein Gesicht, inbrünstig
stampfend seine Beine, vorwärts drängend. Mit den Ellbogen seitwärts
ausschlagend, als arbeite er durch Gestrüpp. »Gebt Raum!« Lange Zeit.
Erschöpft in den Sessel sinkend, lachend.
Bei Tag kamen Eggenberg und Trautmannsdorf herüber. Sie lobten den Herzog
Friedland und daß alles ein besseres Aussehen gewinne. Bei Nürnberg habe
sich der Schwedenkönig gewaltig die Hörner eingerannt, laufe jetzt hinter
dem Friedland her, der ihm bald den Rest geben werde.
Der Kaiser dachte: der Schwede und der Friedland, diese werfen sich jetzt
übereinander; sie zerfleischen sich, dann werden sie voneinander lassen.
Ruhig und freudig besprachen die beiden vor ihm, daß man hoffe, auch den
Friedland in der Gewalt zu behalten.
Was war das? Bald den besiegen, bald den besiegen. Jetzt wieder den
Friedland. Jeder will die Macht haben.
Der Kaiser fragte nach dem Friedland und was sie da Sonderbares besorgten.
Er hätte zuviel Gewalt an sich genommen; man müsse bei seiner Leidenschaft
auf der Hut vor ihm sein.
Auch das. Auf der Hut vor dem Friedland. Wie sich die Welt rasch verändert,
wenn man sie nicht dauernd im Auge behält.
Die Herren fragten sonderbar, ob die Majestät lange in Wolkersdorf zu
bleiben gedenke, und ob die Majestät ihnen für dringliche Fälle Vollmacht
gebe.
Sie sahen ihm etwas an? Wollten die Hunde den Erzherzog Leopold wieder
hervorziehen? Wie in den wonnesamen Tagen. »Ich weiß noch nicht«, brachte
Ferdinand heraus, seine Augen bedeckend. Er grollte; es war nicht
entschieden in ihm. Er zitterte, wie er sich den beiden, die ihn
beobachteten, gegenüber sah; sie kamen ihm wie Inquisitoren vor. Er entließ
sie leise drohend und abweisend. Sah, wie sie gegangen waren, den Saal noch
im Nebel. Entwich auf die Jagd.
Sie fanden auf der Rückfahrt, man müsse Lamormain gegen den Kaiser
vorschicken. Der Kaiser versinke in unheimlicher Weise in sich; beide
dachten, ohne es auszusprechen, an den geisteskranken Kaiser Matthias.
Wie es Abend wurde und der Mond aus dem Birkengehölz trat, stand der Kaiser
mit nackten Füßen auf seinem Teppich, schnaufend, arbeitend: »Gebt Raum,
gebt Raum!« Inbrünstig lachend, stampfend; ein lakenweißes mondgetauchtes
kleines Menschenwesen. Alles war wieder klar vor ihm. Er erschöpfte sich
nicht. Pelzschuhe zog er sich an, einen wattierten grünen Mantel warf er um
die Schultern. Träumend, gierig, fast lüstern legte er sich in das offene
schmale Fenster, sah in die scharf gezackte raschelnde Blättermasse.
An ihm sauste es vorbei. Aus dem Zimmer heraus. In das Zimmer hinein. Über
den Schultern, neben den Ohren. Ungeniert ging es hin und her. Sauste mit
Schwung, klirrend in den strahlenden Kiesboden. Schlich warm dicht neben
seinem Hals, neben seinen Armen hinaus, eine große Katze, ein langes
behaartes geschwänztes Tier. Wesen, die ihn kannten. Vielerlei Wesen, die
hier ihren Aufenthalt hatten, keine Notiz von seiner Anwesenheit nahmen. Er
war gerade zwischen sie geraten. Schwindlig und müde machte es ihn in der
ziehenden Aufgeregtheit, daß er den Kopf fallen ließ und die Augen schloß.
Die Kammer war zu ebener Erde. Er fühlte sich gedrängt, einen Sessel zu
nehmen und über das Fensterbrett ins Freie zu steigen. Sie halfen ihm
rechts und links steigen. Faßten ihn bei den Händen, wie er herunterstieg.
Er ging ein paarmal zwischen den schwarzen Bäumen. Lief plötzlich, um es zu
machen wie sie, rasch laufen, weich andrängen, sich anheben, fliegen. Sie
schwirrten in Äste und Gipfel, stürzten ab, blieben klatschend liegen. Man
konnte sie zertreten, sie zerflossen wie Schatten in die Erde. Dieses
Anrufen, Lärmen, plötzliches Verstummen.
Ein Teufel, dessen Größe er im Dunkel nicht erkennen konnte, legte ihm die
Hand auf die Schultern, fragte ihn, wo er entlang gehen wolle, sagte mit
sonderbar schluchzender Stimme immer wieder: »Lieber Ferdinand, lieber
Ferdinand.« Der führte ihn riesengroß wie er war an sein Fenster zurück,
hob ihn auf das Fensterbrett, so daß er herunterglitt. So groß war der
Rücken des Teufels, daß das ganze Fenster schwarz war.
»Gebt Raum«, lispelte Ferdinand angezogen auf dem Bett, schlief.
»Ich muß zu einem Priester gehen«, sagte er sich, als die Hähne krähten.
Und wunderte sich, daß er gar keine Angst vor Lamormain hatte. »Wenn ich
einen Priester sprechen könnte. Ich muß wissen, wie es bei Gott ist.«
Tiefsinnig dachte er es, ohne sich über seine Gedanken Rechenschaft
abzulegen.
Man ließ ihn an den jagdfreien Tagen ungestört sich in den Waldungen
ergehen. Er ging im weißen und grünen Rock hinaus. Langsam spazierte er,
versuchte an Wallenstein zu denken. Daß man die Macht über so ungeheure
Tiere hatte; er wollte sie gar nicht. Er wollte nur tiefer in den Wald
gehen.
Während er tiefsinnig dachte, führte man ihn rechts und links. Nicht
schneller gingen sie als er, breite behagliche Tiere, eins an der rechten
Hand, eins an der linken. Er ging mit.
Als er wieder zu Hause war, meldete ihm ein Bericht Questenbergs den
näheren Verlauf des Nürnberger Treffens und wie der Herzog zu Friedland
jetzt vorhabe, dem König den Weg zum Meere abzuschneiden, nachdem er ihm
schon den Weg nach Süden abgeschnitten hatte.
»Kostbar«, sagte in sich der Kaiser.
Und plötzlich schüttelte er sich; erinnerte sich des dicken Tausendfußes,
des Drachens Wallenstein; umpackten sich diese zwei da, an den weißen
Hälsen, an den Knien, den glatten widrigen Bäuchen. Ihn ekelte so, daß das
Wasser ihm im Schwall aus dem Mund hervorquoll.
Zaghaft schlich er vor das hohe silberne stehende Kruzifix, legte sich
still und sehr langsam davor hin. Wartete, hob den Kopf, sah es an.
Seufzte.
* * * * *
Der Kurfürst Maximilian war ohne Lärmen in das leere München eingezogen.
Über die Höhe der gezahlten Kontributionen wurde ihm Bericht erstattet.
Gebeugt saß er in seiner Neuen Feste. Die reichen Bauten Münchens waren ihm
ein zu weites Kleid; der Herzog zu Friedland ging das Reich erobern. Ihn
hatte er kujoniert. Keine Hilfe bei den geistlichen Kurfürsten; die lagen
in französischen Armen. Vom Kaiser hieß es, er werde abdanken, hätte keinen
Sinn mehr für das Reich. Doktor Leuker meldete vertraulich aus Wien, der
König in Spanien habe ein starkes Heer für Deutschland ausgerüstet, es
werde für spanisch-niederländische Zwecke dienen, aber eine Reserve bilden,
die das Kaiserhaus gegen jede, jegliche Gefahr, auch vor Friedland schützen
sollte. Man könnte mit Spanien zusammen gehen, von Richelieu war nichts zu
erwarten. Es tröstete den hilflosen Kurfürsten, daß er sich an Richelieu
rächen könnte, indem er die spanische Partei nahm.
Aber alles lag noch in weitem Felde. Man hörte, der Herzog rücke weiter
nach Norden; noch ein Schlag für den Schweden wie Nürnberg, und niemand
konnte an Friedland heran. Er würde die Despotie über Deutschland
errichten. Maximilian fühlte, er konnte sich nicht rühren. So verlassen wie
jetzt war er noch nie. Eine so schaurige Gefahr drohte ihm.
* * * * *
Hinter Holk kam Gallas, über Wunsiedel Hof.
Hinter Gallas der Herzog. Durch Forchheim, Bamberg, die Grafschaft Reuß,
ins Land Meißen, das gebrandschatzt wurde. Auf die Saale zu. Die
Flußübergänge sollten gesperrt werden.
Dem Heere liefen voraus die Boten auf dampfenden Pferden an Arnim, der in
Schlesien stand, durch Sesyma Raschin an den Grafen Thurn: der Kursachse
solle, solle sich von dem Schweden trennen. Es solle müsse und werde Friede
gemacht werden, ob er sich sperre oder nicht. Und Johann Georg, schwer
verzagt über den Landesverwüster Holk, beim Aufbruch des entsetzlichen
Schwarms von Nürnberg, schlug sich die Brust, er werde Frieden machen,
sonst werde es ihm gehen wie dem Pfälzer. Er werde wandern müssen mit
leerem Säckel hinter dem Schweden her, der Deutsche, das Haupt der
Evangelischen. Und schon hatte sein Rat ein Angebot an den Friedländer und
den Römischen Kaiser ausgefertigt, als eigene Kuriere Gustafs den
Kurfürsten hießen, Ruhe zu bewahren. Gustaf renne hinter dem Herzog her, er
werde helfen, es geschehe nichts, er werde ihn nicht weit kommen lassen.
Arnim selbst meldete Eilmärsche aus Schlesien. Wütend, alles Widerspruchs
überdrüssig, erklärte Johann Georg im Kabinett: »Friede muß sein.
Irgendwie. Befehlen soll mir keiner etwas. Bringt der Schwede keinen,
bringt ihn der Kaiser. Wir sind alle Christenmenschen, kein Vieh, das so
unsäglich leiden muß. Dies Mal noch. Ich hab's satt.«
Quer über Sachsen warf sich krachend der Herzog, in Leipzig nahm er
Quartier, auf Torgau stieß er. Bald war der Schwede da. Die Pässe bei
Hildburghausen und Schleusingen hatte ihm in rasenden Kavallerievorstößen
der Herzog Bernhard von Weimar offengehalten, den Thüringer Wald
durchbrauste der König; er mußte zurück in die Nähe seines ersten
entscheidenden Sieges über den toten von der Erde weggewälzten Tilly. Durch
Arnstadt Kösen Naumburg. Verzweifeltes hilfeflehendes Volk lag geworfen auf
den Straßen, an den Wegen. »Was wollen sie von mir,« zuckte zähneknirschend
der König die Achseln, »ich tue meine Pflicht, Gott muß sie erretten.« Er
gedachte wie bei Nürnberg sich erst zu verstärken, bis er angriff.
Als aber Friedland seinen General Pappenheim ausschickte, um Hans von
Arnim, der sich ausgeschwiegen hatte, schon auf dem Marsche
zurückzuschlagen, hielt der Schwede, von feierlicher Sicherheit
durchströmt, seinen Augenblick für gekommen. Er wollte nicht warten, bis
der Winter hereinbrach, er hatte keine Zeit bis zum Frühling: »Der
Friedländer ist in meine Hand gegeben«, fühlte er, als er von dem Abritt
Pappenheims auf Halle hörte.
Um ihn wimmelte es von Menschen, den Männern aus Smaland, Ost- und
Westgotland, den Leuten Horns, Baners, Totts, Stallhanskes, Klitzings,
Lösers, Bernhards; sie werden zermalmt sein wie ein Ameisenhaufen von einem
Fußtritt, sah er, wenn sie nicht siegen. Sie haben den rechten Glauben;
Schweden, ganz Schweden hat seine Habe hierhergegeben, sie werden nicht
unterliegen. Während er besessen die Augen schloß, dachte ihm dies.
»Wir werden siegen,« beschloß er. Er ritt befehlend in den nebligen
Herbstabend. »Sie werden keinen besseren Markt haben als der Tilly bei
Breitenfeld.« Inbrünstig ging er das Werk schmieden.
Widerwillig kam der Friedländer. In seinem Hauptquartier war, wie sie den
rachedürstigen Schweden nahen sahen, die Parole ausgegeben: nicht siegen,
den Widersacher schwächen, schrecken, gedeckter Abmarsch, sobald die
eigenen Verluste stark werden. Nach Pappenheim rief man: der Herr solle
alles stehen und liegen lassen und herwärts jagen. Um die Steigbügel des
Pferdes Wallensteins, der reiten wollte, wurden Seidenbäusche gewickelt.
Regimenter der Schweden: Karberg, Herzog Bernhard, Wrangel, Dieshauen,
Kourville, Stechnitz, Stenbach, Brandenstein, Anhalt, Löwenstein, Hofkirch.
Dann Ußlar, der hessische Landgraf, Burlacher, Goldstein, Wolf von Weimar,
das gelbe Leibregiment, das blaue Regiment unter Wrangel, Generalmajor Graf
Brahe.
Regimenter der Deutschen: Savelli, Gallas, Holk, achtundzwanzig Schwadronen
Ungarn und Kroaten mit Isolani, vierundzwanzig Schwadronen Kürassiere mit
Oktavio Pikkolomini, Strozzi, Gonzaga, Koronino.
Vom nebligen Herbstmorgen bis zum Abend acht Stunden zerhieben sich die
Heere zwischen dem dünnen Mühlgraben und Floßgraben bei Markranstädt und
Lützen; der Galgenberg buckelte dazwischen mit vierzehn Riesenhaubitzen
Wallensteins. Am Abend und in der Nacht standen die beiden Heere noch auf
dem Feld und rissen aneinander.
Tot war Gustaf Adolf und Tausende aus allen Regimentern der Schweden und
der Kaiserlichen.
Den Grafen Pappenheim donnerte eine Drahtkugel in den Tod.
Unbekümmert um die Nachrede schnurrte der Herzog davon, nach Leipzig
zurück, aus Sachsen heraus.
* * * * *
Die Schweden tasteten ihm auf dem Schlachtfeld nach. Vor Schwäche konnten
sie sich nicht rühren. Tage vergingen. Sie lagen in Angst. Kroaten, die
Kanonen rauben wollten, verscheuchten sie. Was um Gustaf gewesen war,
schwur sich nicht zerreißen zu lassen. Oxenstirn nahm die Zügel in die
Hand. Die Armee sollte Bernhard von Weimar führen. Der Winter sollte sie
nicht verderben, sie wollten sich keine Furcht anmerken lassen.
In das winterliche Prag zog Wallenstein ein, hielt Gericht. Geschenke bis
fünfundachtzigtausend Gulden fielen über den Grafen Merode, den Marquis de
Grana, das Komargische Regiment, Brenners.
Vor dem Rathaus in Prag, auf der mit schwarzem Tuch behangenen Bühne,
wurden hingerichtet elf Offiziere aus den vornehmsten Familien, die meisten
vom Regiment Sparr. Eine Anzahl wurde an einen neuen Galgen gehängt,
einigen der Degen unter dem Galgen zerbrochen, sie selbst für Schelme
erklärt, die Namen von vierzig flüchtigen Offizieren an den Galgen
geschlagen.
Die Finnen, das braune Rattengewimmel Tillys, Reiter des Stalhanske, fanden
den schwerleibigen Gustaf Adolf, das abgelebte breitgequetschte Gesicht an
die Erde angedrückt. Vierhundert smalandische Reiter, den Palasch gezogen,
der Rest des Regimentes, an dessen Spitze er gefallen war, eskortierten ihn
über Weißenfels nach Wittenberg, nach Wolgast, wo die Totenfeierlichkeiten
erfolgten an dem Meere, über das er gefahren war mit Koggen Gallionen
Korvetten, das Admiralsschiff Merkur mit zweiunddreißig Kanonen, dahinter
Westerwick, Pelikan, Apoll, Andromeda, Regenbogen, Storch, Delphin,
Papagei, Schwarzer Hund.
Hier am salzigen ruhelosen Meer, unter dem Tosen der Winterstürme, hatte
sich eine stumme Gesellschaft aus Metall Holz Tuchen versammelt, um den
verwesenden ausgeweideten Leib zu erwarten: hohe silberne Gueridans,
florumwickelte Wachskerzen, ein Trauergerüst in der Kirche, der Katafalk,
das Schmerzenspult. Lebende Menschen und Tiere wogten um die bewußtlosen
Gegenstände, den bei Lützen vor Monaten zuletzt fühlenden Leib, der jetzt
nicht mehr war als die Gegenstände, die für ihn geschnitzt, genäht,
geschmiedet wurden. In einen Zypressensarg war die verhüllte triefende
Zentnermasse von Fleisch und Knochen geschoben, auf einen samtbeschlagenen
Leichenwagen gestellt. Den bloßen Degen unter dem Arm gingen die
Leibgardisten voran, das Bataillenpferd folgte, die Blutfahne, Hoffouriere,
Marschälle, Trabanten mit verkehrten Gewehren, Herolde, Pauker, das Wappen.
Die Zipfel der Sargdecke trugen Offiziere Kavaliere in stumpfen Tüchern,
ohne Handschuh neben dem schleppenden Wagen, Trabanten mit umgekehrten
umflorten Partisanen. Hinter dem Wagen Marschälle mit Stäben, Minister,
Hofkavaliere, Beamte, geführte schleierübergossene Frauen, deren Schleppen
man trug. Die Königin, grau und weiß gekleidet.
Ihr war noch kein Sarg gezimmert wie dem toten Gemahl. Mit Entsetzen ging
sie in dem Zug. In einem Zypressensarg vorn unter einer schwarzen
Samtdecke, an der Offiziere zerrten, lag eine gedunsene dicke Masse,
zerfließend, die ein blauschwarzes Gesicht hatte, an der Arme und Beine
hingen, etwas das an Fleisch erinnerte und das Gustaf Adolf, der starke
singende jähzornige Mann, der Vater ihrer springenden kleinen Tochter, sein
sollte. Es ekelte, graute sie; sie konnte nicht entrinnen, man führte sie;
eine Brechneigung stieg in ihr auf; sie wurde hier vergewaltigt; blind
taumelte sie am Arme ihrer Hofdamen, Zittern in den Beinmuskeln.
In das dunkle hochgeweitete Kirchenschiff hinein. Trompeter bliesen vorn:
»Mit Fried' und Freud' ich fahr' dahin.«
Hinter dem kostbaren Trauergerüst riesengroß in sich bäumender Bewegung ein
metallener Schmerzensmann am Kreuz; angenagelte Hände und Füße, Stöhnen aus
dem offenen Mund, Blutrinnsale vor den Ohren, keuchend zusammengepreßte
Rippen, muldenhaft eingezogener Leib.
Gebrüll der Kanonen.
Sechstes Buch
Ferdinand
Wallenstein ging nicht aus Böhmen. Die Bitten, die der Wiener Geheime Rat
aussprach, schon als er auf dem Marsch über Leipzig war, nicht nach Böhmen
zu kommen, die Lande des Kaisers zu schonen, waren erfolglos geblieben. Es
erfolgte keine Antwort, bis das ganze Heer sich über Böhmen ausgebreitet
hatte, und dann eine ungenügende: es sei hier am sichersten, man könne am
besten den Feind beobachten, sich selbst am raschesten wiederherstellen.
Das Reich bot bessere Kreise zu Quartieren als das Erbland Böhmen; aber der
Herzog lehnte Verhandlungen ab. Er dehnte sogar die Quartiere über Mähren
aus. Niemand in Wien hatte etwas anderes erwartet; man erschrak doch, als
es eintrat. Der Herzog war so logisch wie ein Verhängnis geworden. Er
wollte auf die rascheste Weise den Kaiser unter die Sohlen nehmen. Die
Einnahmen des Kaisers, seine einzigen aus den Erblanden wollte er zum
Schrumpfen bringen, aus der schweren Verschuldung eine förmliche Armut
machen. Der grausame Wucherer und Geldeintreiber stand über ihnen.
Bittreisen nach Prag und Gitschin traten der Abt von Kremsmünster, Breuner
und dann persönlich Trautmannsdorf im Winter an. Trautmannsdorf war der
Gast des Feldhauptmanns in der heiligen Zeit der zwölf Nächte; sie hatten
gemeinsam Spaß an den ländlichen Gewohnheiten. Die Kinder liefen mit
geschwärzten Gesichtern vor die Häuser, holten sich Gebratenes. Ernsthaft
stiegen Männer von Baum zu Baum auf den Chausseen, umwickelten sie mit
Stroh, um sie vor dem Bösen zu bewahren. Trautmannsdorf horchte an dem
Herzog wie an einem interessanten Naturgegenstand herum, unternahm es dann,
ihn zu verlocken, ihm gütlich zuzusprechen, damit doch diese sonderbare
große Erscheinung Wien nicht verloren ginge. Es sei unendlich schade, sagte
er offen, daß sie nicht Freunde sein könnten; es seien Fehler vorgekommen,
Mißverständnisse; man könnte erwägen, die Dinge zurückzubiegen und auf ein
vernünftiges Geleis zu kommen. Er redete sich, klug phantastisch wie er
war, in eine Wärme hinein, die beinah herzlich war, aber leicht in eine
respektvoll beobachtende Entfernung zurückging. Er sah darauf nichts am
Herzog; es schien ihm nur, als ob er den Friedland reize; sie sahen sich
tagelang nicht; bei neuen Begegnungen war der Herzog wie er immer war --
höflich, falsch, zu Drohungen geneigt, undurchdringlich. An der Maßnahme
der Belegung Böhmens und Mährens wurde nichts geändert. Der Böhme hielt
fest, es sei nach den Abmachungen sein Recht, sich in die Erblande
zurückzuziehen. Trautmannsdorf erkannte, daß also Wallenstein schon früher
diesen Plan gehabt hatte, staunte den Böhmen an.
Da er angeblich für neue Rüstungen nicht flüssig sei, verlangte der
Friedländer die rasche Eintreibung bestimmter Beträge durch den
Reichshofrat. Bevor sich Abt Anton zu dieser schlimmen Maßregel entschloß,
wandte er sich an den spanischen Botschafter, was man antworten solle nach
Prag. Der erklärte sehr geheim, man sei in Madrid gewiß geneigt und habe es
den drängenden Herren Eggenberg und Trautmannsdorf versprochen, den Kaiser
gegen etwaige friedländische Übergriffe zu schützen, aber bisher sei doch
die Lage nicht dringend; unbotmäßig sei der Herzog nicht; man wolle einmal
sehen, wie er sich gegen das spanische Heer für die Niederlande verhalten
werde, das bald aus Mailand heranrücken werde.
Seufzend sah der kleine Abt, daß Spanien wieder nur seine Interessen
vertrat; die Beträge mußten eingetrieben werden. Schatz- und Säckelmeister
bekamen Befehl, die Auflagen an den Friedländer zu zahlen. Nieder- und
Oberösterreich mußten steuern in einer nicht gekannten Weise: Karossen- und
Kutschensteuern wurden eingeführt, Schlittensteuern; jeder Eimer Ungarwein
schlug für den Kaiser mit fünfzehn Kreuzer auf, Bankiers und Juden
entrichteten eine zweiprozentige Vermögensabgabe, fünf Gulden hatten in
allen Erblanden zu zahlen Baumeister, Organisten, Schulmeister, Musikanten,
Spielleute, Meßner, Rauchfangkehrer; zweiundfünfzigtausend Gulden
monatliche Kontribution die Bauernschaft in Oberösterreich. Und wie man
nicht wußte, woher noch mehr nehmen, als die Beträge für den kaiserlichen
Hofstaat und die herzoglichen Ansprüche nicht reichten, kam aus Gitschin
die höhnische Anregung: Vermögenskonfiskationen aus religiösen Gründen
vorzunehmen. Anton und andere Herren rebellierten; nur die Jesuiten bissen,
wie sie es hörten, scharf an. »Wie hat sich der Herzog geändert,« lachten
sie heftig, »wie hat er sich gesträubt bei der Restitution der kirchlichen
Güter.« Die Kalamität in einigen Hofämtern wurde unmittelbar dringend; man
ließ sich stoßen.
Ein kaiserliches Patent im Beginn des neuen Jahres bestimmte für das
Herzogtum Österreich unter der Enns, daß jede adlige Person, die nicht der
heiligen römischkatholischen alleinseligmachenden Religion zugetan sei,
binnen vierzehn Tagen bei Verlust ihrer adligen Freiheiten, bei Vermeidung
kaiserlicher höchster Ungnade, Leib- und Geldstrafe sich in Person durch
den Hofkammer-Türhüter anmelden lassen solle. Wer sich nicht bequemte,
wurde verwiesen, oder hatte einen Revers zu unterschreiben, in Kürze das
Land zu verlassen; von seinem Vermögen fiel ein Teil an den Kaiser.
Nichtkatholische fremde Kaufleute wurden ohne weiteres Landes verwiesen
unter Konfiskation ihrer Handelsware und eines beliebigen Teils ihres
Geldbesitzes.
Den meisten Räten wurde flau bei der Maßnahme; vor den Berechnungen der
Finanzleute wichen sie zurück. Nur einige am Hofe wußten, daß man schon in
Verhandlungen stand mit reichen Männern, getrieben von Wallenstein, um
Städte zu verkaufen, in Ungarn und anderswo, die sich unter kaiserlichen
Schutz gestellt hatten, kaiserliche Schutzstädte, ein tiefbeschämendes
Vorhaben, vor dem man immer wieder zurückzuckte.
Aus Nürnberg war von dem Schweden der Mann abgewichen, den er »Majestät«
»Königliche Würde von Böhmen« nannte, der Pfälzer Friedrich. War gegangen,
weil es ihn nicht reizte, noch mehr von der schwedischen Herrschaft zu
sehen. Mit der englischen Elisabeth reiste er gemächlich auf Frankfurt.
Seltener wurden die schwedischen Streifkorps; er wurde ruhiger, gewann es
manchmal über sich, seine Frau anzublicken. Die klagte viel, daß man den
Schweden verlassen habe und welche Irrwege Friedrich jetzt gehen wolle, wo
er nicht mehr jung war. Sie fuhren durch die traurige Herbstlandschaft in
den offenen Karossen; Friedrich lag nach rückwärts über die Ohren in Pelze
gehüllt; sie blickte aufrecht sitzend rechts und links, machte ein
schnippisches enttäuschtes Gesicht, gähnte viel, klopfte mit den Füßen. »In
Frankfurt wird es besser sein«, lächelte Friedrich.
Und sie war auch beruhigt, als in dem schönen Quartier, das die reiche
freie Stadt ihnen zur Verfügung stellte, ihr alter Freund, der galante
graubärtige Ludwig Kamerarius, der lange in Hamburg und Stockholm gewohnt
hatte, vorsprach. Er hatte wohl einen dringenden Auftrag schwedischerseits,
sich des Pfälzers zu versichern und dafür Sorge zu tragen, daß er der
schwedischen Sache nicht abtrünnig werde. Ein lächelnder spöttischer Herr,
klug und überall interessiert, liebevoll, bewegte er sich um seine
pfälzische Herrschaft, zeigte ihnen frankfurtische Kuriosa, kaufte Pferde
für die Dame, trieb von unbekannter Seite für sie Gelder auf, sorgte für
Pracht im Quartier, arrangierte Unterhaltungen für die Damen des Gefolges.
Inzwischen bewachte er mit dem kleinen entschlossenen Rusdorf die
Korrespondenz des Pfälzer Kurfürsten, besonders als es schien, daß
Friedrich, ohne ein Wort davon zu verlautbaren, an mehrere Verwandte
schrieb, denen er lange nicht geschrieben hatte, Männer, die mit dem
Kaiserhof in einiger Verbindung standen.
Rusdorf war außer sich: »Die schwedische Majestät ist daran schuld. Der
Kurfürst war dem König in allen Dingen freundwillig. Da hat der König den
Bogen überspannt. Der Kurfürst verdenkt dem Schweden nicht, daß er sich
einige Genugtuung für seine Auslagen und Opfer im Reiche verschafft, aber
es scheint um mehr als bloße Genugtuung und Kostenersatz zu gehen.« »Wie
könnt Ihr das sagen«, Kamerarius lächelte zurückhaltend. »Zunächst wird ja
gefochten und der Friedenskongreß ist noch in weitem Felde.« »Und er wird
uns niemals beschert sein, wenn der Eigennutz und die Selbstsucht in so
gräßlicher Weise triumphiert. Die sächsische Durchlaucht hat längst
gerochen, worauf der Schwede hinauswill: uns deutsche Protestanten unter
seinen Hut zu bringen. Und das will unser gnädiger Herr nicht. Und sagt
selbst, Kamerarius, hat er nicht recht.« »Der Krieg ist noch lange nicht zu
Ende. Es kommt alles in ein Gleichgewicht. Man soll nicht das Gute aufgeben
um das Bessere zu suchen.«
Rusdorf trat dicht an Kamerarius, der an seinem Stuhl stand und sich den
grauen Bart strich, flüsterte erregt: »Ich habe nicht weniger Geld von
Schweden bekommen als Ihr. Gewiß. Ihr braucht nicht staunen. Ich weiß, daß
er Euch zahlt. Mich zahlt er längst. Viel behalte ich nicht. Ich wäre ein
reicher Mann, wenn ich alles hätte, was unser gnädiger Herr mir schuldig
ist. Ich nehme es für nichts weiter an. Ich weiß ja auch, daß Ihr daran
denkt, wenn Ihr schwedisches Geld empfangt; es ist unser Herr und wir sind
nicht so unglücklich wie er. Aber Ihr übertreibt: Ihr habt darum nicht
nötig, so dem Schweden zu dienen. Was wir nicht verhindern können, können
wir nicht verhindern. Sucht der Kurfürst Anschluß an den Kaiser und ist der
Kaiser gnädig: mit Gott! Wir haben genug geduldet; Ihr seid grau wie ich
geworden.« Kopfschüttelnd schritt der andere durch das Zimmer, untersuchte,
ob die Türe fest geschlossen war: »Schon gut. Wir sind einer Meinung. Er
wird den Anschluß nicht finden.« Die Fäuste ballend Rusdorf: »Und ist dies
richtig, was der Schwede in Nürnberg erklärte als sein erstes und letztes
Wort?« »Was ist das?« »Wieviel er vom kurpfälzischen Besitz am Rhein
erhalten wird?« »Nun?« Er bedrängte den anderen, bis der den Mund auftat:
»Wir werden nicht mehr hergeben als wir müssen. -- Vielleicht ist es nicht
so töricht, wenn wir unserem Herrn eine kleine Korrespondenz mit dem Kaiser
gestatten. Und davon etwas verlauten lassen.« Sprühend Rusdorf: »Wir sind
in Wucherhänden beim Schweden.« »Seid nicht so laut.« »Es ist Zeit laut zu
werden. Er ist nicht besser als die britischen Herren, die uns kujoniert
haben, mich und Pavel.« Kamerarius drückte ihm die Hand: »Einigkeit,
Rusdorf.«
Aber kaum schrieb der Kurfürst, kaum öffnete er einen Brief. Er freute sich
der Stadt, trank viel, war herzlich mit seiner Frau Elisabeth. Dann erlag
das pfälzische Quartier der Nachricht vom Tode Gustafs in Sachsen. Im
Augenblick fiel alles in Zuckungen: ratlos schweifte man umeinander. Die
Kurfürstin drängte, weiter zu reisen, nach dem Haag, verlangte fort nach
England, schmähte das Reich.
Da begann Friedrich lebhafter die Wiener Korrespondenz aufzunehmen.
Ungestört festierte er in seinem Quartier, die Engländerin betäubte ihre
Erregtheit in heftigen Vergnügungen, pompösen Reitereien, Schlittenfahrten
und Späßen, die sie zum Getuschel der Stadt machten.
Gegen Weihnachten wollte eines Abends Friedrich seinen Trinkkumpanen in
einem sonderbar heftigen Drange seine Ansicht über den toten Gustaf, über
die Kriegsdinge und allerlei sonst sagen. Es kam aber niemand, sie waren zu
Festlichkeiten in der Stadt verstreut. Er saß allein mit seinem Narren, der
auf dem Stühlchen bald einschlief. »Ich habe so heftig und herzlich ihnen
allerlei zu sagen«, dachte Friedrich; er wußte nicht, was; alles nahm
solchen guten Verlauf, er kam zum Reich zurück; er hatte ein großes
Ungestüm in sich.
Wie dann der nächste Morgen graute, setzte er sich in den ungeheuren Saal,
in dem Becher Hüte Degen herumlagen, zog eine Kanne an sich, fing zu
trinken an. Die anderen würden schon kommen, er würde auf sie warten. Er
trank. Auf einem Thronsessel saß er, den er sich in einen Winkel geschoben
hatte. In die Ecke geduckt saß er.
Die Sonne schien hell, als Elisabeth hinten die Tür öffnete. Die kurze Nase
von Kälte gerötet, die schwarze hohe Pelzmütze über die Ohren gezogen,
blonde Stirnlöckchen zwischen die Augen fliegend. Sie stolperte über einen
schlafenden Lakaien; drei Tabourets standen auf dem Kopf; die Matten auf
dem Parkett waren zu Türmen verschoben. Das perlenbezogene silbergraue
Seidenkleid mit beiden Händen anhebend strich sie zu dem Thronsessel
herüber, an dessen Außenseite eine Hand baumelte. Sein Gesicht -- sie hatte
ihn seit Tagen nicht gesehen -- blickte sie ernst und klar an, so daß ihr
Herz freudenvoll erbebte. Sie zog ihre weißen Handschuhe aus, wischte ihm
das weinbespritzte Haar ab, wischte ihm den fetten schweißbestandenen Hals
unter der zerknickten spanischen Krause, und faßte ihn, wie er sie nur
stumm ernst anblickte, am Kinn, um ihn auf den Mund zu küssen. Sein Nacken
war weich und schwer, der Kopf wich an der Rückwand des Sessels leicht
links ab. Vornübergebeugt zu ihm, die pelzbezogene Wange an seinem Gesicht,
rief sie nach rückwärts: »Tischwart, Schenk, Wein.« Da wehrte es ab:
»Nicht, nicht«, aus dem Munde vor ihr, aus dem Körper vor ihr. Der Körper
hob sich wenig, sie abdrängend, auf die Füße. Er strahlte sie innig,
armhebend an, blieb starr mit dem Blick auf sie. Sein Mund ging auf, er
schien lachen zu wollen oder zu weinen oder trübselig zu klagen. Die Nase,
die Oberlippe hob sich in einem Weh. Er plumpte schwer zurück. Sein Hals,
sein Kopf lief rotblau an, schwoll unter leisen, dann heftigen Zuckungen
der Wangenmuskeln, rollte, während sich die blauen Augen trübten, von der
rechten Schulter auf die Brust. Die Beine standen eingeknickt unter dem
Sessel, der Körper schien herabrutschen zu wollen. Lautes Schnarchen, der
linke Arm griff abwärts in die Luft neben einem Sesselbein. Die Fürstin
schrie angstvoll mit zusammengebissenen Zähnen auf. Dann torkelte der Kopf
mit einem brüsken Stoß wieder auf die Schulter, die Wange zuckte noch, die
weißlichen Augen stellten sich blicklos in eine Ecke, der ganze Körper
wiegte sich leicht in einigen Wellen.
Sie stand da, ging nicht weg, biß sich auf die Finger, watete langsam durch
den Saal zurück, immer mit gedankenlos bebenden Bewegungen der Arme, erst
an der Türe sich umdrehend, als es hinten dröhnte und polterte und der Mann
in der Ecke kopfaufschlagend auf das Parkett rutschte. Sie ging ohne zu
sehen über den Hof, indem sie sich den Nasenrücken rieb, den Schnee von
ihrer Schleppe schüttelte. Bei jedem vierten fünften Schritt blickte sie
rückwärts, an sich herunter, schüttelte die Schleppe.
Ein Roßbube sah sie vom Stall aus gehen, pfiff zwei aus dem Fenster
schauenden Damen, wie stirnrunzelnd auf die langsam wandernde Frau. Die
zitternden weißen Damen legten die Hände an ihre fortzuckenden Arme. Sie
schrie auf, knirschte mit den Zähnen, stürzte wälzte sich nach einigem
Stöhnen in sie hinein.
* * * * *
In Wien wuchs nach dem Tode Gustafs und des Pfälzers die kriegerische
Stimmung. Nicht einmal die Wissenden an der Spitze taten ihr Einhalt. Die
Waffenerfolge der kaiserlichen Armada schollen durch Europa.
Der Heilige Vater in Rom, der eben Wien kalt abgewiesen hatte, hatte es
fast zu einem Bruch auch mit Spanien kommen lassen, als ihn der brutale
spanische Gesandte Borgia, der Kardinal, unverblümt im Konsistorium der
Herzlosigkeit und Saumseligkeit gegen katholische Interessen zieh. Urban,
der große buschbärtige Kriegsmann, wußte, daß das Schlachtenglück wechseln
könne. Hielt, den Kardinal aus Rom verjagend, mit einem letzten Entschluß
an. Nun kirrte den Goten dieser andere Barbar, der Friedländer, der Mantua
hatte verwüsten lassen; es schien fast, als ob er der Lage in Deutschland
Herr werden würde. Ein Breve Urbans traf in Wien ein, der Nuntius las in
der Burg dem Kaiser Ferdinand und seinem stolzen feierlichen Hofe vor, was
der Papst unter dem Fischerringe im zehnten Jahre seines Pontifikats
verkündete; welche Wohltat allen verliehen sei durch den Tod Gustafs. Dem
Sitz Seiner Heiligkeit hätten sich die Klagen und der Jammer seiner Söhne
genähert und wären seinem Gemüt zu beständiger Trauer vorgeschwebt. Der
ganze christliche Erdkreis empfände Genugtuung, der mit Schrecken vernommen
habe, daß ein König als Feind des katholischen Namens, trotzend auf seine
Waffenmacht und seine Siege, von den Ufern des baltischen Meeres bis zum
Fuß der Alpen alles mit Feuer und Schwert verwüstend sich rühmen durfte,
den ganzen Landstrich mit höchster Schnelligkeit unterworfen zu haben.
»Darum haben wir in der Kirche der allerseligsten Jungfrau Maria dell'
Anima der deutschen Nation mit hoher Freude das heilige Meßopfer
dargebracht und zugleich mit unseren geliebten Söhnen, den Kardinälen der
heiligen Kirche, und dem stark zugeströmten römischen Volke für die große
Wohltat Gott unseren Dank dargebracht.«
Ferdinand, freundlich still auf seiner purpurbezogenen Bank dem kloßigen
Redner zuhörend, küßte ihm aufstehend die behaarte Hand. Schweigend, als
wenn er sich besinne, sanft stand er eine kleine Weile vor dem verbindlich
wartenden Mann, um langsam von sich zu geben: »Lasset uns in Demut
voranschreiten und in Ergebung Gott die Sachen befehlen.«
Hinter ihm Siegeslärm. Mit Unruhe bemerkte der Nuntius, der eine klägliche
Rolle spielte, welche Wellen die Erregung schlug; er sah sich genötigt,
abzureisen. Die Väter vom Orden Jesu verlangten, wo sie sich am Hofe sehen
ließen, Krieg bis zur Vernichtung des schwedischen Heeres. Die traurigen
Meldungen aus Bayern hatten sie in äußersten Zorn gebracht; sie ließen an
allen Stellen, die ihnen zugänglich waren, beim Beichtvater des Kaisers,
der Kaiserin, des ungarischen Königspaares, bei den anwesenden Herren des
Zivilstaates, besonders beim Grafen Schlick, dem Präsidenten des
Hofkriegsrats, erklären, daß in allen eroberten Gebieten als Schadenersatz
die höchsten erträglichen Kontributionen eingetrieben werden müßten; jeder
protestantische Besitz dort müsse der Konfiskation verfallen. Des Herzogs
von Friedland, der die religiösen Vermögenskonfiskationen angeraten hatte,
fühlten sie sich gar nicht sicher. Sie gedachten jetzt ihn mit Gewalt zu
sich zu zwingen und ihre Position auszunützen. Bei Regensburg hatte er ihre
Macht gefühlt; er sollte nicht glauben, jetzt seiner unberechenbaren Laune
und bloß militärischen Politik folgen zu dürfen. Die Herren am Kolleg
formierten eine Spezialdeputation aus sich, bestehend aus dem Provinzial,
einigen Rektoren und Präfekten, die in einer Schrift niederlegten, wie der
Krieg zum Ruhme der katholischen heiligen Kirche zu einer Entscheidung
geführt werden müsse, wobei weder Gut noch Blut eine Rolle spielen dürfe.
Wie ihre Beteiligung und Eingreifen nicht in solchem Augenblick als
anmaßlich gelten könne, besonders wenn man mit Azorius, Kornelius a Lapide,
Santarelli der Auffassung sei, daß die Menschheit ein übernatürliches Ziel
habe und die Geistlichen Vertreter des höchsten Erdenkönigs, des Papstes,
seien. Sie sprächen aus dem Sinne ihres Generals. Und wenn dies, was sie
erwähnt hätten über die Beendigung des Krieges, schon sicher sei, so noch
mehr, was die sächsischen Punkte anlange. Und nun folgte ein zornsprühender
Erguß über den Herzog von Friedlands Liebden Verhandlungen mit dem
Kursachsen, einem Häuptling und der Stütze der Ketzer im Reich neben dem
von Gott und der Jungfrau weggerafften und in das Höllenpech verstoßenen
schwedischen König.
Aus Residenzhäusern Bursen Kollegien quollen die gelehrten Streiter,
scharfe Gesichter, breite langsame Menschen, heiße Augen, strenger Blick,
entschlossene Münder. Lange schwarze Kleider, offenes Obergewand, sehr
weite Ärmel, Unterkleider talarartig mit offenen Überröcken, flachrandige
Krempenhüte, Krempen mit Schnüren rechts und links hochgebogen, schwarze
viereckige Mützen. In die große Aula des Profoßhauses flossen sie ein; von
weißem Stuck war sie ausgekleidet, phantastische Heiligensonnen waren in
üppigen Farben auf den meterbreiten Wandbildern gemalt, Maria stand
überlebensgroß mit goldenem Gesicht, weißen Seidenkleidern,
schmucküberladen, unter einer rubinbesetzten Krone auf einer getigerten
Marmorsäule hinter dem Katheder an der Wand. Sie sangen ein Lied zum Preis
Marias, als sie sich nebeneinander barhäuptig auf die knarrenden Bänke
gesetzt hatten.
Der schwammige Beichtvater der Königin von Ungarn sprach: Wohin Jesuiten
kämen im Reich, sollten sie auf die Gefahren hinweisen, vor Fürsten und
Untertanen, in denen das Reich schwebe. Die höchste Gewalt, hatte der große
Mariane erklärt, liege beim Volk, das einen rechten Gebrauch von seiner
Einsicht machen müsse. Führer und Herrscher könnten so irren wie jeder
Mensch und ebenso in Sünde verfallen. Die Armeen sind nicht zum Dienst der
Herrscher und Heerführer, sondern des ganzen Volkes. Nur dann darf sich der
Heerführer ihrer ungestört bedienen, wenn er des Vertrauens des Volkes
sicher sein kann. Wenn er aber gegen den Willen und das Glück des Volkes
handelt, muß sich das Volk und ebenso das Heer von ihm abwenden und ein
Fluch über ihn ausgesprochen werden. Ein doppeltes Gesicht, wie der
heidnische Götze Janus, habe der kaiserliche Oberste Generalfeldhauptmann
von Wallenstein, der Herzog zu Friedland; eins blicke liebreich der
Heiligen Kirche und ihren geweihten Söhnen in die Augen, die Hände
verschwenden Gaben an sie wie wenige Fürsten. Das andere Gesicht aber ließe
Hauer aus dem Maul herabstoßen, blicke und grinse gierig und gehässig; die
Hände dieser Seite ringen mit denen der anderen, und wem hier ein Scheffel
Korn geschenkt sei, rauben diese wütigen eisernen Arme zwei drei. Dieser
liebreiche Mund spricht das Ave und den Rosenkranz, dieser Kopf senkt sich
fromm bei der beseligenden Darbringung des Opfers -- jenes grimmige Maul
hat nur Freude an dem Trübsinn der Ketzer, lobt ihre bösen Begierden und
Ansprüche, und der Kopf ist von Anschlägen auf die Freiheit und Macht der
süßen katholischen Kirche voll. Solch Mensch sei er, entstanden auf
böhmischem Boden, mit Sorgen hätte man ihn dem falschen Glauben entrissen,
aber nicht entschlossen genug das widrige Unkraut mit der Harke gejätet.
Der zum Schmerz aller Frommen mit dem sächsischen Kurhut bedeckte trunkene
Ketzer, Johann Georg benannt, glaubt Anspruch auf Güter und Gebiete zu
haben, die er und seine Vorfahren der katholischen Kirche in ihrer
einstigen Schwäche gestohlen haben. »O, grenzenlos war der Schmerz, als uns
diese Stifter, Klöster und Güter geraubt wurden, viele verzagten an dem
Glück unseres Schiffleins. Grenzenlos ist unser Frohlocken, wo uns unsere
Habe wieder zufallen soll auf den Spruch eines weisen gerechten frommen
herrlichen Kaisers. Aber der doppelgesichtige Mann hat unser Verderben vor.
Er will sich mit dem Ketzer in Dresden über den Raub verständigen und sich
mit seinem eigenen Gewinn rechtzeitig aus dem Krieg schleichen. Ihm liegt
nicht an Sieg und Niederlage. Wir hören es von allen Seiten. Ja er will
Frieden, und wenn der Friede auch die Ohnmacht und Schmach unserer heiligen
Kirche besiegeln soll.«
Darauf sangen sie ein lateinisches Lied, indem sie aufstanden. Sie sprachen
in Gruppen. Der große hinkende Luxemburger, Beichtvater der Römischen
Majestät, trat während der Rede in den Saal, blieb an der Tür stehen,
mischte sich horchend in die Gruppe. Er hatte ein unentschlossenes müdes
Gesicht und sprach kein Wort.
Als sie sich niedergesetzt hatten, sank ihr Tuscheln vor der scharfen
aufreizenden Stimme eines jungen Rektors. Wie Fanfaren fing er an:
»Ecclesia militans! Ecclesia militans. Das sind die Diener der
Jesusgesellschaft. Wir, wir. Ein Fähnlein hat uns unser geheiligter Stifter
genannt, die Sturmkompagnie des Papstes sollen wir bilden zum Kampf gegen
Heiden im Ausland und in der Christenheit. Kein Frieden! Kampf unser Ruf,
bis zum Sieg des Papstes. Wir stehen dem ungeheuersten Geschick gegenüber:
der gewaltige Krieger des Kaisers will uns zum Frieden zwingen. Wir sollen
aufhören zu sein. Die Kirche soll verkrüppeln. Wir werden nicht aufhören zu
leben, sein Reichtum soll uns nicht töten, Armut wird das Bollwerk unserer
Kompagnie sein. Es sind Boten aus Sachsen zu uns gekommen, Boten aus
Böhmen, die erkennen lassen, daß der Kampf auf Bestehen und Vergehen jetzt
entbrennen soll; der Krieger des Kaisers hat ihn uns angesagt. Er will das
Reich einigen. Wir sind katholisch und bleiben katholisch. Daran scheitert
alle Einigkeit. Die Lauheit seines Religionsfriedens entlarven wir: sie
deckt die Niederlage des allein seligmachenden Glaubens. Ecclesia militans!
Provinzial, Professoren, Magister, Adjutoren: die Armeen des böhmischen
Wallenstein marschieren gegen uns. Ich rufe auf: wollt ihr weniger sein als
seine Feldzeugmeister, Wachmeister, Obersten, Hauptleute, Leutnants und
Kornetts. Der Geist gegen Waffen! Die Seligkeit gegen Politik! Im Zeichen
des heiligen Ignaz: wir werden des Friedländers Herr werden.«
Sie murmelten freudig, bildeten gestikulierend Gruppen, von den Bänken
aufstehend. Der bayrische Doktor Leuker war in Wien, von dem jungen Kuttner
begleitet. Maximilian hatte seinen jungen Gehilfen ungern gehen lassen. Der
vermochte das hilflose Herumsitzen in den kaiserlichen Räumen des Münchener
Palastes nicht zu ertragen, konnte die schreckliche Vereinsamung, in der
sich sein Herr befand, nicht ansehen, und ohne zu bedenken, daß er seinem
Herrn die einzige Fröhlichkeit der langen langen Wochen war, riß er sich
los, reiste nach Wien, zu Leuker, um auf eigne Faust etwas zu unternehmen.
Der Jesuitenspektakel gefiel ihm, die Väter begriffen den Augenblick, waren
nicht mächtig genug. Er suchte aufzustöbern, wer Bayern helfen wollte. Wie
Doktor Leuker, ratlos wie er, herumwanderte bei den Herren des engeren
Konferenzrates, des Hofkriegsrates und der Kammer, fand der scharf
beobachtende Resident, daß man ihn zu Klagen über den Generalissimus
förmlich anregte. Als wenn man eine Genugtuung darin fand, solche Klagen zu
hören. Man wollte etwas auch von ihm, als geheimen Verbündeten gegen irgend
jemand. Er sah rechts und links: es ging etwas am Hof gegen den Herzog vor.
Man wurde nicht deutlich.
In diesen Tagen begegneten sich in den Burgkorridoren der bayrische
Resident und der böhmische Oberstlandmeister Wilhelm Slawata. Langsam
schritten sie durch die Höfe in die Stadt. Der Graf zog den Bayern mit
sich. Er sprach Gleichgültiges, suchte die Gesinnung des anderen zu
erforschen. Sie trieben im Gedränge der inneren Stadt hin und her, umgingen
mehrmals die Pestsäule am Graben, in schwere Pelze gemummt; wichen vor den
Gesellen des Rumormeisters, die auf sie aufmerksam wurden, nach dem Hohen
Markt, zwischen dessen Krämergeschrei sie verschwanden.
Wie die Kurfürstliche Durchlaucht zu Bayern ihre schweren Verluste
verwunden habe, fragte der schöne Slawata, und was sie weiter zu tun
vorhabe. Der Bayer klagte heimlich: das sei ja das Unglück; Bayern sei
verbündet mit Habsburg und so sei alles glatt; aber wer könne denn
verschweigen, daß dieses Bündnis zum Lachen wäre. Im Ernst: niemals sei es
dem Kurfürsten Maximilian so schlimm gegangen wie in dem Feldzug des
verflossenen Jahres; alle die ihn vor Nürnberg begleitet hätten, hätten
darüber lamentiert. Er begann die Zahl der Kränkungen weitläufig
aufzuzählen, die der Friedländer dem Kurbayern bei Zirndorf und schon
vorher, von Eger her, angeboten hätte; halbtot, hätte Maximilian seinem
Vater gesagt, sei er von dem rachsüchtigen Mann gequält worden. Ja, es sei
ein Unglück, meinte verstohlen lächelnd der andere, in die Hände seines
Feindes zu fallen, denn man könne es ja dem Friedländer nicht verdenken,
wenn er den Regensburger Konvent nicht so leicht vergesse.
Indem sie über den Lobkowitzer Markt zwischen den Hühnerkörben streiften,
begegnete ihnen der lustig durch den Schnee schlürfende Kuttner, der in
einfacher federloser Kappe und ohne Degen ging und lachend gestand, er sei
auf Diebeswegen und wolle in die Rotenturmstraße, wo es den schönsten
Honigtrank in einem Methkeller gebe. Der dunkel blickende Slawata wurde zum
ersten Male des rotwangigen Menschen ansichtig. Sie reichten sich die
Fingerspitzen. Nach kurzem Plaudern wollte Kuttner weiter. Da schlug
Slawata einen gemeinsamen Weg nach der Rotenturmstraße vor; Leuker nahm
nach einigem Wandern Urlaub, da der böhmische Herr wesentlich mit dem
jungen unbedeutenden Fant sprach. Der Böhme hatte sich an Kuttner verhakt.
Etwas lockte ihn an dem Knaben.
Vor der Wirtshaustonne mit Meth gab der gesprächige Kuttner Schnurren von
sich; wie er zuerst von dem sonderbaren Zwergenprofessor, dem Genueser
Licetius, hierher geführt sei, der ihm allerlei Taschenkunststücke
vorgemacht habe und so weiter. Nach Maximilian gefragt, wurde er stiller,
äußerte sich dann in heftigem Schmerz; wie er den Kurfürsten verlassen
habe, daß solch Unglück über den frommen klugen tiefen Mann habe
hereinbrechen können. Nun säße er wieder in München; wie lange, und die
Schweden seien von irgendeiner Seite wieder da; wer könne dies mit ansehen,
er sei fast davongelaufen. Das nahm im dunkeln Winkel sitzend, den Pelz
über den Knien, Slawata mit niedergeschlagenen Augen entgegen; mit seinen
stumpfen samtnen Blicken betrachtete er gelegentlich rasch den erhitzten
Jüngling. Er drängte den anderen auf den Weg, den er wollte, und als der
nicht weiterfand, meinte er zweideutig vor sich lächelnd, an einem
Lebküchel spielend, man sei eben so weit wie vor Jahren in Regensburg;
Karthago müsse zerstört werden. Kuttner fand das fast naiv, von der Art der
Jesuitenväter; unwillig fragte er, ob man nichts Konkretes zur Abhilfe
wisse. Noch einmal, Karthago müsse zerstört werden. Gutmütig gab der Bayer
zu, es könne auch das Haus Habsburg abgesetzt werden; was solle zunächst
geschehen. -- Soll also Karthago zerstört werden oder nicht? Nun ja; der
Bayer lachte und trank; aber zur Sache. Darauf wollte aber der zähe sehr
langsame Vornehme nicht eingehen; sie müßten sich erst über das Prinzip
einig sein. Und da erst, auf diese unbeirrbare Dringlichkeit und Gewißheit,
wurde Kuttner unsicher, hörte auf an seinem Becher zu ziehen, betrachtete
den feinen kopfsenkenden Mann vor sich genau. Was also.
Slawata merkte den Umschwung in dem andern, blickte ihn von unten fest an;
wie es nunmehr mit Karthago stände. Man kann es vielleicht zerstören; es
scheint, als ob auch der bayrische Herr das wünscht. »Man kann« und
»vielleicht« und »es scheint«, die bayrische Durchlaucht hat nichts
Sehnlicheres als dies; man kann nicht, man wird, und wird müssen. Oder?
»Ihr denkt, Ihr kluger junger Herr, sogar ein Oder. Dieses Oder, das etwas
von einer Sintflut an sich hat. Wißt, ich denke nicht im Schlaf an dieses
Oder. Mir ist es nicht von Gott verliehen, so weit zu denken.« »So, meint
Ihr, steht es.« »Es wird ja schon von vielen begriffen; sie warten aber so
lange und freuen sich so lange am Begreifen, bis es nichts mehr zum
Begreifen gibt.«
Kuttner über die Tonne gebückt, tippte mit dem Zeigefinger der linken Hand
eine Weile rhythmisch auf das Holz. »Weiter«, brachte er heraus. Slawata
erhob sich, warf ein Silberstück auf den Schanktisch; sie trabten durch die
schnell sich verdichtende Dunkelheit.
Als der Böhme allein auf sein Quartier zog, wunderte er sich über dieses
plötzliche Winterabenteuer, das Sitzen in einer Methstube, den kecken
eigentümlich herzlichen und kindlichen Kuttner. Wie war er plötzlich in
dieses Gespräch mit dem Knaben hineingezogen worden. Er hatte etwas Schönes
Süßes Lyrisches an sich; es zwang ihn hinein und jetzt schwang noch das
Freudige rätselhaft Belebende davon in ihm. Als wenn er selbst junge
glückliche Wege schwebte. So dachte er im dunklen Erker sitzend. Es hat
beinah nichts mit dem Friedländer zu tun, dachte er in sich, sich zärtlich
betrachtend; es ist für sich genug. Während sein Gesicht im Dunkeln ein
Lächeln war, dachte und träumte er: ich werde den Friedländer mit dem
jungen Knaben umwinden; er ist meine Waffe. Was habe ich denn für Waffen
gegen den Friedländer. Ich bin auch nur eine Nachtigall, die um den Löwen
fliegt. Was wird das für ein sonderbarer Tod des Löwen werden, wenn ich ihn
töte. Und er freute sich an dem schönen weichen Vorgang. Und was will ich
auch von dem gelben starken Löwen; was tut er mir. Wieviel fehlt dazu, daß
ich ihn anbete. Aber ich bin dabei und bin im Begriff, ihn zu töten. Es ist
sonderbar, die Dinge sind in dem Laufe, gerade in diesem Laufe.
* * * * *
Zur Fastnacht wurde im friedländischen Palast eine Maskerade abgehalten.
Türken Ungarn wilde Männer Kobolde drängten sich, der Satan schlich in
rotem Kostüm mit entsetzlich schlagendem Schwanz dazwischen. Bei dem
Narrengericht auf einer Bühne im geheizten Treppenflur wurde gegen einen
grünhaarigen Wassermann verhandelt, der sich weigerte, die Ehe unter
Menschen anzuerkennen und schließlich unter Toben und Gewieher verurteilt
wurde, sich mit einem schmierigen dicken Wiesel zu verheiraten. Darauf
führte der ungarisch verkleidete Graf Trzka den schweren Grafen Schlick,
den Präsidenten des Hofkriegsrats, der aus Wien sich eingestellt hatte,
Friedland zu. Der Herzog schrecklich anzusehen, ein Produkt seiner
furchtbaren Leiden und der Rastlosigkeit, bewegte sich hinter einer
Palmengruppe, ausgemergelt lang und gebeugt, auf zwei Stöcken, die kurzen
Haarstoppeln schneeweiß, der spitze Kinnbart grau und weiß gemischt, über
blauroten Augensäcken die kleinen spielenden Augen mit peitschenden
Blicken, die Nase herabgezogen auf die dicken Lippen. Die Herzogin und
einige Vornehme saßen auf Polsterstühlen um einen Tisch. Der Herzog zog den
Fremden neben sich.
Während sie lebhaft sprachen, trat ein wüster Mensch aus dem Saal an ihre
Gruppe heran, mit langem blonden Bart, den wilden Haarwuchs bis über die
Schultern. In steifen braungelben Schäften bis an die Hüften stieg er, die
Muskete trug er in der Rechten, stellte sie aufstoßend vor sich wie einen
Totschläger. Er hatte sich mit dem mächtigsten weißen Kragen geputzt und
einen ungeheuren Federhelm aufgesetzt, eine braune Dogge zog er mit der
linken Hand beim Nacken. Er griff nach einem Becher, trank ihn aus. Dann
legte er unmittelbar vor dem Tisch seine Muskete in die Gabel und schickte
sich trunken lachend an, einen Schuß auf den Herzog oder den Grafen zu
lösen. Mit einem Fußtritt warf im Augenblick Trzka die Gabel um.
Mit dem Menschen, der grunzte lachte gluckste, tschechisch stammelte,
balgte er sich eine Minute, dann krachte ausrutschend der Strolch zwischen
die Palmen hin, die sich auf dem Parkett in ihren Riesenbehältern rückwärts
auseinanderschoben und raschelten. Die Herzogin in ihrem weiten roten Rock,
dem weißen Mühlradkragen war aufgesprungen, hatte geschrien. Masken
schwankten an. In ungestümen Sprüngen riß sich mit den Partisanen schlagend
die Saalwache Raum, brach durch, räumte sich immer verstärkend einen Kreis
um die herzogliche Gruppe. Zwei Pikeniere schleppten den juchzenden
Betrunkenen, der nach seinem Köter greifen wollte und rückwärts die Masken
anlachte.
Der Herzog stand mit den Stöcken da, brüllend mit glitzernden Augen:
»Vorbeigeraten! Graf Schlick, ha! Seht Ihr, vorbeigeraten.« Der murmelte
etwas. »Seht. Wer steckt dahinter. Man wollte kommen. Sie haben es nicht
gekonnt. Haha.« Friedlands wildes verzerrtes Gesicht; er schnaubte schwer,
tastete sich zu einem Satz, blickte alle an. Der halbe Saal war vor ihnen
gesperrt.
Schlick, der ungeheuer schwere Mann, der Kopf war ihm abwärts zwischen die
Schultern gerutscht, saß da, betrübt, mit langem weißen Bart, buschigen
schwarzen Augenbrauen, die sich hoch sträubten: die Arme lagen ergeben auf
dem Schoß; stumpf verwittert grau saß er wie aus porösem Stein. Er brummte
beruhigend, wie stark die herzogliche Leibgarde sei. Wallenstein, beide
Hände auf die stehenden schweren Stöcke, noch atemknapp, bissig; man müsse
sich gründlich vorsehen, im Haus nicht weniger wie im Feld; man könne nicht
wissen, von welcher Seite man angegriffen würde. Ob übrigens Graf Schlick
glaube, daß der schwedische König, was man sich erzähle, von seinen eigenen
bestochenen Leuten erschossen sei. Der Gast nickte; vielleicht haben die
Schweden oder ein Deutscher ihn beseitigt; es sei keine schlechte
Kriegsmethode, den Führer zu erschlagen; das spart Kanonen. Er, knurrte
Wallenstein, möge die Methode nicht; es sei doch etwas Verruchtes darin. Er
schickte Trzka fort, beim Obersten der Leibgarde nachzuforschen, was man
von dem Betrunkenen ermittelt habe. Noch höher hob Schlick die Schultern:
ruchlos oder nicht, wer will die Mittel wählen; überall entstehe die
weltliche Gewalt niedrig, durch Mord und Waffen; man wisse ja, daß die
Fürsten erst mittelbar von Gottes Gnaden seien. -- Was? der Herr billige
solchen Mord am eigenen Herrn und Fürsten. -- »Nicht doch; ich sage, solch
Mord ist unvermeidlich. Bisweilen. Wenn der heilige Glaube es verlangt.« --
Wallenstein kniff aufmerksam die Augen, fixierte den versunkenen
Fleischblock lange: so, so; der Herr Bruder sei Anhänger der frommen
Jesuväter; das freue ihn zu hören, denn auch er hielte zu ihrer heilsamen
Lehre. -- Ja, kam aus dem schweren Block, die Gewalt entstehe überall
niedrig; man müsse sich an das Bessere anlehnen überall, um sich zu
rechtfertigen. -- Abbrechend begann der trinkende Herzog, der sich ganz
beruhigt hatte, auch die verlegene Isabella zum Tanzen hinausschickte, von
Bernhard von Weimar zu sprechen, der nach dem dänischen Krieg beim Kaiser
wieder anklopfte, ein tapferer junger Fürst, und jetzt hinge er am
Oxenstirn. Es sei leicht von Verrat zu sprechen. Schlick möchte am Hof
dafür sorgen, daß man Leute nicht zur Verzweiflung treibe durch
starrsinniges Behaupten von Gehässigkeiten. -- Was der Herr Bruder meine.
-- Das Aufflackern der religiösen Politik. Man müsse die Protestierenden
anerkennen im Reich. Er hätte davon gehört. Man müsse nicht alte Dinge
aufrühren. -- Verbrechen verjähren nicht. -- Damit komme man nicht
vorwärts. Sie hätten einen kaiserlichen und keinen katholischen Krieg zu
führen. Sollen die Jesuiten den Sack selber tragen, statt einen Esel
treiben zu wollen. Und als Schlick nicht antwortete, rückte Wallenstein
lippenbeißend von ihm ab: die Lügen der Federfuchser; ob Schweden nicht
mehr vorhanden sei, Frankreich nicht abseits warte. -- Schlick lächelte zum
erstenmal: der Herr Bruder möge die Jesuiten wohl nicht recht. -- Friedland
kaute an seinem Schnurrbart. -- Stumpf blickte der graue Mensch vor sich:
jedenfalls werde, den Bernhard anlangend, ein Reichsfürst wissen, was
Verrat sei.